Im Banne der freien Reichsstadt

Part 9

Chapter 93,773 wordsPublic domain

Damit warf er sich auf den überraschten Reiter und riß ihn vom Pferde; Janko und Miklot waren wie der Blitz an seiner Seite, und ehe der Mann sich von seinem Schrecken erholt hatte, war er schon innerhalb des Thores. Ratlos sahen die beiden Begleiter sich an; sollten sie sich gleicher Gefahr aussetzen? ihre Pflicht war es vielmehr, dem Rat diesen neuen Frevel zu melden. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und jagten davon; rasselnd fuhr hinter ihnen die Zugbrücke in die Höhe.

Der Gefangene ward gebunden und in einen dunklen, gewölbten Kellerraum geschleppt, der sich unter den Trümmern der alten Burg weit hinzog. „Welche Absicht hast du mit ihm?“ fragte Walburg unzufrieden. „Mich dünkt, er ist nur ein unnützer Esser mehr, der uns gar keinen Nutzen schaffen, sondern die Städter nur noch mehr gegen dich aufbringen kann.“

„Wenn du nichts für ihn zu essen hast, so laß ihn hungern,“ gab Veit gleichmütig zur Antwort; „der feiste Bursche hat so lange an den fetten Fleischtöpfen der Nürnberger gesessen, daß er ohne Schaden eine Weile fasten kann. Übrigens weiß ein kluger Kopf jeden Umstand auszunutzen -- wer weiß, ob mir die Stadt nicht ein erkleckliches Lösegeld für ihren Kriegsknecht bietet.“

„Schwerlich!“ versetzte Walburg. „Doch ist er ein ansehnlicher Geselle, und mir ist, als müßte ich ihn von früher her kennen.“

Sie grübelte darüber nach, wo sie ihn schon gesehen haben könnte; die dunkle Erinnerung vermischte sich mit Bildern aus ihrer Jugend -- jetzt hatte sie’s: es war Klaus Zworrer, der Ehemann jener Frau Barbara, welche schon im Dienst ihrer Stiefmutter gestanden, als sie selbst noch als Mädchen auf Maltheim lebte. Walburg hatte sich bei ihrem langen Besuch im Vaterhause genau nach allen Umständen erkundigt, welche sich an die wunderbare Genesung der kleinen Irmgard knüpften; sie hatte erfahren, daß Barbaras Gatte gerade damals für kurze Zeit ein Gast auf der Burg gewesen war. Vielleicht ließ sich von dem Manne etwas herausbringen, was darauf Bezug hatte, und seine Gefangennahme erwies sich wirklich als eine nutzbare That ihres Ehegemahls, vor dessen schlauen Anschlägen sie eine große Ehrfurcht empfand.

Nachdem der Gefangene zwei Tage lang ohne Speise und Trank in seinem dunklen Gewahrsam gelegen hatte, stieg Frau Walburg selbst zu ihm hinab, in einer Hand eine Laterne, in der andern einen Krug Bier und ein Brot im Arm. Sie stellte alles in einiger Entfernung vor dem Manne nieder, so daß er es, vermöge seiner Bande, nicht erreichen konnte und betrachtete ihn aufmerksam. „Gebt mir zu essen,“ stöhnte er mit trockner Kehle, „ich verschmachte vor Hunger und Durst.“

„Ihr sollt alles erhalten,“ versetzte sie, „doch müßt Ihr Euch dafür erkenntlich zeigen.“

„Was kann ich thun?“ röchelte er „elend gefesselt und halb tot?“

„Ihr seid der Ehemann jener Frau Bärbel, die früher im Dienst der Herrin auf Maltheim stand?“

„Ja, der bin ich.“

„Wollt Ihr mir aufrichtig und ohne Rückhalt einige Fragen beantworten?“

„Alles, was ihr wollt -- nur gebt mir zu essen und zu trinken.“

Sie schnitt ein Stück Brot ab, füllte einen kleinen Becher mit Bier und reichte ihm beides; er ergriff es mit Gier und verschlang es mit tierischem Heißhunger. „Mehr, mehr!“ stöhnte er.

„Erst müßt Ihr mir Bescheid geben. Ihr wart auf Maltheim bei Eurer Frau -- es mögen jetzt etwa drei Jahre her sein?“

„Ja, ich war dort, ich erinnere mich genau, denn bald darauf zog ich mit meinem Weibe nach Nürnberg.“

„Es war zu der Zeit, als das kleine Töchterchen des Ritters auf dem Tode lag und wunderbar genas, besinnt Ihr Euch?“

„Nein, davon weiß ich nichts.“

„Nicht? so bin ich fertig und kann wieder gehen.“ Sie griff nach der Laterne und den Lebensmitteln; aus der Brust des Gefangenen drang ein Jammerlaut, der schauerlich von dem weiten Gewölbe widerhallte.

„O bleibt, erbarmt Euch -- geht nicht fort -- gebt mir mehr zu essen --; was ich irgend weiß, will ich Euch sagen.“

Sie reichte ihm wieder einen Bissen und einen kargen Trunk. „Redet,“ sagte sie herrisch „verhehlt mir nicht den kleinsten Umstand aus jener Zeit.“

„Ich war lange in der Fremde gewesen, in burgundischen Diensten,“ erzählte er in abgebrochenen Sätzen, „aber ich hatte die reiche Beute nicht gefunden, die ich erhofft -- ein Teil freilich war mir beim Würfelspiel wieder durch die Finger gegangen. Müde und krank kehrte ich zurück, -- in der Nähe der Burg Maltheim fand ich ein Bündel auf der Straße liegen und hob es auf, denn ich meinte, es möchte vielleicht ein gutes Geschenk für mein Weib darin sein. Als ich es vor mir am Sattelknopf befestigte, fing es innen an, sich zu rühren und zu quäken; ich erschrak und untersuchte es -- es war ein kleines Kind darin. Schon wollte ich es ärgerlich herabwerfen, aber das Würmchen dauerte mich, es sah so weiß und fein aus; so nahm ich es mit und brachte es meinem Weibe, das mich arg dafür auszankte. Sie behielt mich zwei Tage bei sich; dann sagte sie, ich müsse fort, denn die Gebieterin wolle mich unter ihrem Dach nicht leiden und dürfe mich nicht sehen. Das Kind wolle sie behalten, aber ich müsse schwören, niemand ein Wort davon zu sagen. Darauf zog ich nach Nürnberg und nahm Dienste bei der Stadt als reisiger Knecht; meine Bärbel hat dort eine Schenke, und wir leben in leidlicher Eintracht bei einander. Das ist alles, was ich Euch sagen kann -- und nun gebt mir zu essen und zu trinken, denn ich bin schwach zum Sterben.“

Mit einem Hochgefühl des Triumphes kehrte Walburg in ihr Gemach zurück; endlich glaubte sie den Schlüssel zu einem Geheimnis gefunden zu haben, an dessen Lösung sie sich bisher vergeblich versucht hatte. Es schien ihr kein Zweifel mehr übrig, daß Irmgard jener Findling sei, den der Kriegsknecht nach Maltheim gebracht hatte. Sie beschloß, über ihre Entdeckung vorerst zu schweigen, um sie bei gelegener Zeit zu verwerten, dagegen jetzt etwas für Klaus zu thun, um ihn desto sicherer in ihrer Hand zu behalten.

„Ich sprach heute mit dem Gefangenen,“ sagte sie zu ihrem Gatten; „der Hunger hat ihn mürbe gemacht, er ist bereit, aus der Hand zu fressen, wie ein Hund, den man mit der Peitsche gezähmt hat. Übrigens scheint er kein verächtlicher Geselle zu sein; vielleicht könntest du in ihm einen tüchtigen Knecht gewinnen, denn Miklot wird gebrechlich, und es ist nicht mehr auf ihn zu zählen.“

Der Gedanke leuchtete Junker Veit ein, und er bot dem unglücklichen Mann die Freiheit an, falls er sich verpflichte, in seinen Dienst zu treten, und ihm geloben wolle, ihm in allen Stücken treu und gewärtig zu sein. Klaus weigerte sich anfangs lebhaft; er stand im Dienst der Stadt, hatte ihrem obersten Kriegshauptmann das Jurament geleistet, und es erschien ihm schimpflich, diesen ehrlichen Dienst mit dem bei einem Stegreifritter und gemeinen Räuber zu vertauschen. Aber einige Tage Hunger, Finsternis und Einsamkeit brachten ihn auf andre Gedanken; er sah ein, daß er ohne Hilfe nicht aus dem Raubnest entfliehen könne, und daß man ihn bei fortgesetzter Weigerung ohne Bedenken würde verhungern lassen; die Zeit der Einkerkerung kam ihm wie eine Ewigkeit vor, denn Tage und Nächte schlichen in endlosem Gleichmaß an seiner geängsteten Seele vorüber. Da er daran verzweifelte, daß die Stadt etwas für ihren gefangenen Boten thun würde, so sagte er endlich „ja“ zu Junker Veits Vorschlägen und taumelte mühsam zum Licht der Sonne empor, das seinen geblendeten Augen wehthat, während alle seine Glieder steif und schmerzhaft waren und seine Kniee vor Schwäche zitterten. Es genügten freilich wenige Tage, um ihn körperlich wiederherzustellen, aber sein Sinn blieb düster und sein Mund verschlossen; hätte nicht Junker Veit ihn mit einem furchtbaren Eide an sich gebunden und seinen Abfall mit entsetzlichen Strafen bedroht, so hätte er vom ersten Tage an nur auf Flucht gesonnen.

Die Nachricht, welche die beiden Boten nach Nürnberg brachten, hatte Rat und Bürgerschaft in unbeschreibliche Entrüstung versetzt; laute, aufgeregte Stimmen schrieen nach Rache für solche unerhörte Frechheit, galten doch in der ganzen Christenheit Boten für geheiligte Persönlichkeiten, an denen sich niemand vergreifen durfte. Man forderte blutige Sühne für diesen Frevel, und hätte die allgemeine Stimmung sich sofort in die That umgesetzt, wäre am nächsten Tage eine bewaffnete Schar ausgezogen, um die Burg zu überfallen, so wäre es Junker Veit übel ergangen. Aber so schnell ging es nicht; man war bei jeder Unternehmung an weitläufige Formalitäten gebunden, an einberufene Versammlungen, Vorschläge, Abstimmungen, Einspruchsfristen, und in dieser Zeit verrauchte viel von dem anfänglichen Feuer. Endlich, nach Ablauf einer Woche, marschierte ein Fähnlein Fußvolk unter einem berittenen Anführer nach Hohenheiligen ab.

Inzwischen hatte Veit Muße gehabt, sich auf alle kommenden Ereignisse vorzubereiten. Eines Tages kam Janko, der zum Spionieren ausgeschickt war, auf schweißbedecktem Gaule angesprengt: „Sie kommen, Herr,“ rief er keuchend, „in drei Stunden stehen sie vor unserm Thor.“

„Gut,“ sagte der Junker ruhig, „da haben wir noch reichlich Zeit, uns zu ihrem Empfange zu rüsten.“ Er gab sofort seine Befehle, setzte Walburg und die Knaben zu Pferde und gab ihnen Klaus und Miklot zur Begleitung; sie sollten auf wohlbekannten Waldpfaden nach einer benachbarten Burg reiten, wo ein gleichgesinnter Freund wohnte, und dort das weitere abwarten. Walburg hatte sich zuerst geweigert, ihn in dieser Gefahr zu verlassen, aber er lachte nur über den Gedanken an Gefahr und verhieß ihr, sie in kurzem wieder heimzuholen.

Als die Nürnberger Soldaten vor der Burg anlangten, sahen sie mit Erstaunen, daß die Zugbrücke herabgelassen war und das Thor weit offen stand. Vorsichtig verbot der Anführer das Betreten der Brücke und des Burghofes, weil er irgend eine teuflische List vermutete; als aber eine Stunde verging und nichts sich regte, schickte er ein Häuflein ab, um die Sache zu untersuchen. Totenstille herrschte in dem engen Hof, die Thüren der niedrigen Ställe standen offen, nirgend war ein lebendes Wesen zu sehen. Der Turm schien keinen Eingang darzubieten, denn die schmale Öffnung, welche aus der Küche ins Freie führte, war so kunstreich geschlossen, daß man nicht einmal eine Spur davon gewahrte; die Treppe zum Oberstock war abgenommen, man sah nichts, als kahle, nackte Mauern. Der Junker, der das Fähnlein führte, schüttelte verwundert und unschlüssig den Kopf: wen sollte man denn bekriegen, wenn gar kein Feind da war? Er hieß seine Leute, die ganze Burg umzingeln und bewachen und ritt mit geringer Begleitung ins Dorf, um Kundschaft einzuziehen. Bald sammelte sich die ganze Bevölkerung um die tapferen Krieger und schrie auf sie ein; die alten Klagen gegen Junker Veit und seine Knechte erschollen wieder, flehentliche Bitten, sie von ihren Peinigern zu befreien, wurden laut.

„Schweigt, Ihr Gesindel!“ herrschte der Anführer die Bauern an, „ich bin nicht gekommen, um Euer Gewäsch anzuhören. Sagt mir kurz und bündig, was Ihr von den Insassen der Burg wißt; mir scheint, die Galgenvögel sind allesamt ausgeflogen.“

„Ich sah die ganze Gesellschaft heute früh in gestrecktem Lauf davonreiten,“ rief einer, „sie werden wohl Wind bekommen haben und entflohen sein.“

„Meine Tochter, die auf der Burg gedient hat, ist heute zurückgekehrt,“ sagte eine Frau, „Junker Veit hat sie vom Hofe gejagt.“

„Bringt mir die Dirne her,“ gebot der Anführer. Ein bleiches, verschüchtertes Mädchen trat zitternd hervor, sie sah unendlich verkommen und zerlumpt aus. „Rede!“ rief der Reiter gebieterisch, „was weißt du von dem, was auf der Burg vorgegangen?“

„Ich weiß nicht viel,“ stammelte die Dirne ängstlich; „vorige Woche haben sie einen Gefangenen in den Keller geschleppt, aber niemand durfte zu ihm, als der Herr und die Frau. Nach ein paar Tagen kam er heraus und schwur dem Junker Treue, von da an ging er frei aus und ein. Heute früh trieb mich der Herr mit der Peitsche aus der Küche, ich solle mich hüten, wiederzukommen, er ritte mit all den Seinen davon. Da bin ich gelaufen, was meine Füße mich tragen wollten, und habe mich nicht mehr umgesehen, denn dort ist’s schlimmer, als in der Hölle.“

Zwei Tage und zwei Nächte blieben die Soldaten beobachtend vor der Burg liegen: als aber alles still und ausgestorben blieb, fingen sie an zu murren und verlangten, entweder in einen ehrlichen Kampf, oder nach Hause geführt zu werden. Es gab nicht einmal etwas zu plündern auf dem elenden Burghof, wo ohnehin alles in Trümmern lag; die alten Mauern des Turmes hätten doch aller Bemühungen gespottet, ihnen einen Schaden anzuthun. So begnügte sich der Anführer damit, das Urteil des Rates, wonach Junker Veit von Rotenhahn als ein Ehrloser gebrandmarkt und auf seinen Kopf ein Preis gesetzt wurde, ans Thor zu nageln. Dann zog er mit seinem Fähnlein unrühmlich von dannen, um den Vätern der Stadt mit prunkenden Worten zu berichten, daß schon die Annäherung eines bewaffneten Trupps genügt habe, um den Frevler mit all den Seinen in wilder Flucht von Haus und Hof zu jagen. Übrigens sei der Kriegsknecht, Klaus Zworrer, ein Elender und Eidbrüchiger, zu dessen Befreiung weitere Anstalten nicht zu treffen seien. --

Eine Weile, nachdem die tapferen Stadtsoldaten abgezogen waren, blieb es still wie vorher auf dem Burghof von Hohenheiligen, dann öffnete sich die Thür im Oberstock, die Treppe ward herabgelassen, Junker Veit und Janko stiegen hinunter. Im Nu war die Zugbrücke aufgezogen, das Thor geschlossen, die Pferde aus dem Kellergewölbe hervorgezogen. Die beiden wackeren Kumpane waren unmäßig vergnügt, und dem Anführer des Fähnleins hätten billig die Ohren klingen müssen von all den Ehrentiteln, mit denen die beiden ihn belegten. Zuletzt holten sie einen dickbäuchigen Krug spanischen Weines herauf, der beim letzten Überfall in ihre Hände geraten war, und fingen an zu zechen. Erst jubelten und sangen sie, daß die alten Mauern widerklangen, dann lallten sie unverständliche Worte, und schließlich lagen Herr und Knecht in tiefem Rausch mitsammen unter dem Tisch.

Das war das Ende des Strafgerichts, welches die freie Reichsstadt Nürnberg gegen den Raubritter Veit von Rotenhahn verhängte.

Achtes Kapitel.

Des Studenten Auszug.

Eng wird dem Jüngling das Haus, es treibt ihn hinaus in die Ferne, Wo sich der strömende Quell ewiger Weisheit ergießt.

Mehrere Jahre waren verflossen; sie hatten auf Maltheim nur solche Veränderungen hervorgebracht, wie sie naturgemäß im Laufe der Zeit lagen. Aus dem Knaben Ulrich war ein schöner, schlanker Jüngling geworden, in jeder Rittertugend wohl erfahren und dabei von einer Geistesbildung, welche die seiner Standesgenossen weit überragte. Immer noch war Pater Benedikt sein Lehrer, aber fast hatte der Schüler ihn überholt, wenn auch nicht an eigentlicher Gelehrsamkeit, so doch an Freiheit und Tiefe der Gedanken und mit dem Fluge einer kühnen Phantasie. Er war der Stolz und die höchste Freude seiner Mutter und zugleich ihr vertrauter Freund und Berater, denn ihr Eheherr war inzwischen zu einem hilflosen Greise geworden, der sich mühsam von seinem Lager bis zu seinem Lehnstuhl schleppte und wochenlang sein Zimmer nicht verlassen konnte. Auch sein Geist war sehr gealtert; es fehlte Herrn Werner alles Verständnis für die Gegenwart, der er keine Teilnahme schenkte, dagegen lebte und webte er mit all seinen Gedanken in einer glänzenden Vergangenheit und wurde niemals müde, von den Thaten und Erlebnissen seiner jüngeren Jahre zu erzählen. Er fand eine stets aufmerksame Zuhörerin an Irmgard, die mittlerweile zu einem frühreifen Mädchen herangewachsen war. Die kleinen, zarten Formen ihres Körpers ließen kaum auf zehn Jahre schließen, aber der Glanz der dunklen Augen zeigte von einem ungewöhnlich regen Geistesleben, und das von langen, aschblonden Locken umrahmte Antlitz trug den Ausdruck eines viel reiferen Alters.

Frau Kunigunde saß in der tiefen Fensternische ihres Gemaches und schaute aufmerksam auf den Hof hinaus, wo Ulrich die Schwester im Reiten und Springen übte. Die zierliche Gestalt saß unerschütterlich fest im Sattel und führte jedes Gebot ihres Lehrmeisters mit voller Sicherheit aus. Es war ein hübsches Bild, und die Blicke der Mutter hingen mit stolzer Freude an den beiden Geschwistern, deren Liebe im Lauf der Jahre immer dieselbe geblieben war, wie verschieden sich auch ihr Sinn und ihre Neigungen entwickelt hatten.

Der Eintritt des Hauskaplans unterbrach die stillen Betrachtungen der Edelfrau; sie begrüßte ihn ehrerbietig und bot ihm einen Sitz in ihrer Nähe an. „Ich komme, edle Frau,“ begann er mit bewegter Stimme, „um Euch für viele friedliche Jahre zu danken, die ich in Eurem Hause verlebt habe, -- jetzt muß ich von Euch scheiden.“

„Ihr wollt uns verlassen, Pater Benedikt?“ fragte Frau Kunigunde überrascht. „Wir werden eine hirtenlose Schar sein, ohne Eure treue, väterliche Leitung, und was wird Ulrich beginnen, wenn er Eurer Unterweisung entbehren muß?“

„Das Gebot meiner Oberen ruft mich von hinnen, ich muß gehorchen, denn der Diener des Herrn darf, wie sein Meister, auf Erden keine bleibende Stätte haben. Aber ehe ich diesem Hause Valet sage, an dem mein Herz vielleicht fester hängt, als es einem Sohn der Kirche geziemt, möchte ich als treuer Freund und Beichtiger mit Euch über Ulrich sprechen. Sein grübelnder Geist braucht kräftige Nahrung, um sich nicht auf gefährliche Abwege zu verirren: schickt ihn nach Paris oder Bologna, damit er fleißig studiere.“

„Ich soll mich von ihm trennen?“ rief Frau Kunigunde erschrocken; „nein, Vater, verlangt nur das nicht von mir! sagt mir nicht, daß es meine Pflicht sei, meinen einzigen Sohn in die Fremde hinaus zu schicken und ohne ihn zu leben!“

„Und dennoch ist es Eure Pflicht, edle Frau, und ich weiß, Ihr werdet Euch derselben nicht entziehen. Eine Mutter darf nicht selbstsüchtig ihren Sohn der Welt vorenthalten, die an seine Kraft und seinen Verstand ein Anrecht hat. Laßt ihn auf vier, fünf Jahre hinausziehen, damit er fähig werde, die Stelle einzunehmen, für die ihm seine reichen Gaben verliehen sind. Dann wird Ulrich einst ein Mann werden, auf den Ihr mit Recht stolz sein dürft.“ --

Der Pater ging und ließ die Edelfrau in tiefer Bewegung zurück. Was blieb ihr denn noch, wenn Ulrich von ihr ging? Ihr Gatte war alt und hilflos, fast kindisch, und bei Irmgards Anblick wollte zuweilen ein quälender Zweifel ihre Seele beschleichen. Es war nun schon mehrere Jahre her, seit Walburg mit Klaus’ Erzählung hervorgetreten war und behauptet hatte, jener Findling sei heimlich in die Wiege des verstorbenen Kindes gelegt worden. Herr Werner hatte damals der Tochter in heftigem Zorn verboten, je wieder ein ähnliches Wort zu äußern, er hatte ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie solche schändlichen Lügen verbreite. Sollte er sein eigen Fleisch und Blut nicht kennen? konnte nicht ein Blinder merken, daß seine weiße Rose aus seinem alten Stammbaum erblüht sei? Aber in Frau Kunigundens Seele war seit jener Zeit ein Stachel zurückgeblieben; zuweilen starrte sie in Irmgards Antlitz, um darin die Spur verwandter Züge zu entdecken -- vergebens! Darin hatte Walburg sicher recht gehabt, daß das Mädchen weder Vater noch Mutter glich, und je mehr sie heranwuchs, um so mehr zeigte sich in ihr eine völlig eigenartige Schönheit. Bis jetzt hatte Frau von Maltheim noch nicht gewagt, gegen irgend jemand ein Wort von ihren Zweifeln zu äußern, doch stieg in ihrer Seele der Wunsch nach Gewißheit immer höher; sie beschloß, bei nächster Gelegenheit Frau Barbara aufzusuchen und sie vorsichtig auszuforschen.

Der Kaplan war abgereist, der Wille seiner Oberen berief ihn an die Frauenkirche zu Nürnberg, wo er dem alternden Propst, besonders als Kanzelredner, ein Beistand sein sollte. Niemand empfand die Lücke mehr, als Ulrich, der den trefflichen Lehrer täglich vermißte. Eines Tages kam er zu seiner Mutter und umfaßte sie liebevoll. „Lieb Mütterlein,“ flüsterte er in zärtlichem Ton, „hast du mich lieb? und bist du fest überzeugt, daß ich dich lieber habe, als alles andre auf der Welt?“

„Ja, mein Ulrich,“ erwiderte sie innig, „ich weiß es, und es ist mein bestes Glück.“

„Darf ich dir eine Bitte aussprechen?“

„Gewiß, mein Sohn; so viel in meinen Kräften steht, will ich dir von Herzen gern gewähren.“

„So gieb mich für ein paar Jahre frei und laß mich auf die Universität ziehen.“

„Ulrich!“ rief sie erschrocken, „bist du deiner Mutter und der Heimat müde geworden?“

„Nein, Mutter, das nicht, aber meine Seele dürstet nach den Tiefen der Erkenntnis, und ich möchte aus der Quelle der Weisheit selbst schöpfen. Jetzt hast du noch den Vater an deiner Seite; stehst du einmal allein da, so komme ich zurück, um deine Stütze zu sein.“ --

Es kostete Frau Kunigunde einen harten Kampf, ehe sie einwilligen konnte; war es ihr doch, als ginge in ihrem Leben die Sonne unter, wenn ihr der Sohn fehlte, der ihres Herzens Freude und Wonne war. Aber auch in seiner Abwesenheit übte Pater Benedikt noch einen bestimmenden Einfluß auf sie aus; sie gedachte an die Gefahr für Ulrichs Seele, vor der jener gewarnt, wenn er seinen eignen Grübeleien überlassen bleibe, und mehr, als jeder andre Gedanke, bewog dieser sie, endlich mit schwerem Herzen ihre Zustimmung zu geben. Ihr Gatte war mit allem zufrieden; ihn kümmerte es wenig, ob Ulrich ging, wenn er nur seine kleine Irmgard um sich behielt.

Alle Vorbereitungen waren getroffen; in Begleitung eines treuen, lang erprobten Knechtes sollte Ulrich in die fremde Welt hinausziehen, seine Mutter und Schwester aber gedachten ihm zu Pferde das Geleit zu geben bis Nürnberg, wo sich der Jüngling von einigen alten Freunden verabschieden wollte.

Der kleine Reitertrupp hielt vor dem Ebnerhause still und pochte um Einlaß; alsbald öffnete Just das Thor und lud die Herrschaften ein, in den Hof zu reiten. Aus einer der Schreibstuben kam Berthold hervorgestürzt, gerade noch zur Zeit, um Irmgard vom Pferde zu heben und mit kräftigem Schwunge auf den Boden zu setzen. Frau Ursula erschien alsbald mit den Töchtern auf der Treppe, um die Gäste willkommen zu heißen, und es herrschte große Freude beim Anblick der Maltheimer, hatten sich doch die Frauen, trotz seltnen Verkehrs, immer eine herzliche Teilnahme bewahrt, während die Jünglinge die alte Kinderfreundschaft durch häufige Besuche in Maltheim oder Nürnberg warm erhalten hatten. Doch hatte es sich zufällig so getroffen, daß Frau Kunigunde und Irmgard die Ebnersche Familie nie auf dem Annenhof besucht hatten.

Es war ein köstlicher Spätsommertag, und nach eingenommenem Frühstück begab sich die junge Gesellschaft auf den Hof, wo man im Schatten des alten Nußbaums die milde Witterung besser genießen konnte, als in den Zimmern, in denen immer ein gedämpftes Licht und eine dumpfe Luft vorherrschten. Unwillkürlich gesellten sich Berthold und Irmgard, Ulrich und Margarete in vertraulichem Gespräch zu einander, und Elsbeth fühlte sich so überflüssig, daß sie sich gekränkt zurückzog. Sie fühlte sich stets gekränkt, wenn sie hinter der Schwester zurückstehen mußte, die mit ihrem ernsten, verständigen Wesen viel mehr Beachtung fand, als die kindische Elsbeth.

„Weißt du noch, Irmgard,“ sagte Berthold, „wie wir hier spielten, als du zum erstenmal nach der Stadt gekommen warst? Wir hatten eine Burg von Kisten und Fässern erbaut; du warst die gefangne Prinzessin und Hans der böse Riese, der dich bewachte, ich aber war der Recke, der alle Gefahren überwand und die Königstochter heimführte. Es war ein schönes Spiel, und ich habe noch oft daran gedacht.“

„Armer Berthold!“ sagte sie mitleidig, „damals meintest du, das Spiel sollte einmal Wirklichkeit werden, und jetzt sitzest du in der Schreibstube und fichtst mit dem Federkiel gegen lange Reihen von Zahlen -- ich ertrüge es nicht!“

„Ich würde es auch nicht ertragen, wenn ich es nicht meiner Mutter zuliebe thäte, sie wünscht es so sehr. -- Du wirst Ulrich sehr vermissen, Irmgard.“