Im Banne der freien Reichsstadt

Part 7

Chapter 73,628 wordsPublic domain

Zwei Tage vergingen in gewohnter Weise, und schon fing Crescenz an, freier aufzuatmen, da kam Berthold müde und matt von draußen herein und klagte, daß der Kopf ihm schwer sei, und alle Glieder ihn schmerzten. Frau Ursula ermahnte ihn, sich ein wenig auszuruhen, er sei wohl zu toll umhergelaufen; wenn der Herr Vater käme, müsse er frisch sein, denn der sollte alle die Seinen kerngesund finden. Aber als Herr Wilibald ankam, trat ihm seine Gattin mit sorgenvoller Miene entgegen; „erschreckt nicht, mein teurer Herr,“ sagte sie mit mühsam bezwungenen Thränen, „Berthold ist unpäßlich, aber ich hoffe, es hat nichts zu sagen.“ Bestürzt eilte der Ratsherr an das Lager des Sohnes, der ihn kaum noch erkannte; seine Stirn und Hände brannten, die Augen blickten starr und trübe. Ach, Ebner kannte diese Anzeichen nur zu gut, er sah mit einem Blick, daß alle Fürsorge vergebens gewesen, daß die verderbliche Seuche auch hieher ihren Weg gefunden und sich seinen einzigen Sohn zum Opfer auserkoren habe. Er wußte auch, daß ärztliche Kunst hier ohnmächtig sei, daß unter hundert Kranken kaum einer genese! Für einen Augenblick drohte den ruhigen Mann die Fassung zu verlassen, doch bezwang er sich schnell, faßte Ursulas Hand mit festem Druck und führte sie vor die Thür hinaus.

„Es ist die Pest,“ sagte er mit dumpfer, tonloser Stimme. Sie sah ihn an, als könne sie seine Worte nicht fassen, -- dann sank sie ohnmächtig in seine Arme. Er legte sie auf Afras Bett nieder und traf mit der Ruhe der Verzweiflung die nötigen Anordnungen. Berthold wurde samt seinem Lager in die große luftige Bodenkammer getragen, in der sonst niemand schlief; auf einem Kohlenfeuer wurden Myrrhen und Wacholder angezündet, deren würzigem Duft man eine heilende Kraft zuschrieb. Nur eine Wärterin durfte den Kranken versorgen, außer ihr sollte niemand den Oberstock betreten. Crescenz rang die Hände; wem sollte sie die Pflege, die so leicht verderblich werden konnte, übertragen? sie selbst konnte sie nicht übernehmen, denn sie durfte die Wirtschaft nicht verlassen. Da stand plötzlich Afra neben ihrer Mutter und gab ihr durch ein Zeichen kund, daß sie dazu bereit sei. „Du, Afra?“ rief die Alte, halb erschrocken und halb erfreut, „die heilige Anna lohne dir deinen Heldenmut und segne deine Hand, daß sie unserm lieben Junker Heilung bringe.“

Mit Innigkeit zog die stille Frau ihren Sohn, wie zum Abschied, an ihre Brust, dann stieg sie die Treppe hinauf und verschwand in der Thür, hinter der der Pestkranke lag. Mit unermüdlicher Sorgfalt versah sie bei Tag und Nacht ihr schweres Amt, kühlte die fieberglühende Stirn, netzte die brennenden Lippen und schien für sich selbst weder Speise noch Schlaf zu bedürfen.

Herr Ebner war am nächsten Morgen nach der Stadt zurückgekehrt, wohin die Pflicht ihn gebieterisch rief; am fünften Tage, der in den meisten Fällen die Entscheidung zu bringen pflegte, wollte er wiederkommen. In trauriger Verfassung blieb Ursula zurück; ohne die Stütze ihres Gatten schwankte sie umher, wie ein irrer Geist, und da sie feierlich gelobt hatte, die Krankenkammer zu meiden, so brachte sie viele Stunden des Tages in der kleinen Annenkapelle zu, welche dicht vor dem Thor lag und dem Hof seinen Namen gegeben hatte. Es war ein uraltes Kirchlein im Schatten mächtiger, alter Bäume, ganz von immergrünem Epheu umsponnen, der das einzige Fenster fast verdunkelte. Die ewige Lampe, die über dem Altar schwebte und von Crescenz stets sorgfältig versehen wurde, goß nur einen Dämmerschein über das bescheidene Heiligtum aus, die Winkel blieben immer in Schatten gehüllt. Zuweilen las Pater Anselmus vom nächsten Dorf, oder Pater Benedikt von der Burg hier eine Messe; für gewöhnlich aber diente das Kapellchen nur als Stätte stiller Andacht für die Insassen des Hofes, welche die heilige Anna als ihre Schutzpatronin verehrten und besondere Berücksichtigung von ihr erwarteten.

Auch am Morgen des entscheidenden Tages war Frau Ursula hierher geeilt; es litt sie in der furchtbaren Spannung nicht im Hause, doch hatte sie Befehl gegeben, ihr bei dem leisesten Zeichen eintretender Besserung sogleich eine Botschaft zu senden. Sie warf sich vor dem mit Lichtern und Kränzen geschmückten Altar auf die Kniee und erleichterte ihr bedrücktes Herz in heißem Flehen; sie gelobte der heiligen Anna eine reich gestickte Decke, einen kostbaren Altar, endlich eine neue Kapelle, wenn sie ihren Sohn vom Tode erretten wolle; sie flehte sie an, ihr ein Zeichen zu geben, daß sie ihre Bitte höre. Aber das Antlitz der Heiligen, auf das sie ihre angstvollen Blicke heftete, blieb unbewegt und lächelte unter seinem Heiligenschein, ruhig wie immer, auf die Beterin herab. Ganz erschöpft hielt Frau Ursula inne und lauschte eine Weile, ob niemand vom Hause herkomme, um ihr eine tröstliche Botschaft zu bringen, aber auch hier blieb alles leer und still. Da warf sie sich noch einmal auf die Stufen nieder, hob die Hände empor und rief mit leidenschaftlicher Inbrunst: „Heilige Anna, schenke mir meinen Sohn, meinen Liebling, und ich will ihn dem Himmel weihen ...“

„Amen!“ sagte eine tiefe Stimme.

Ursula fuhr erschrocken empor; wer hatte es gewagt, ihre Zwiesprache mit dem Himmel zu belauschen? welcher Mund drückte ein Siegel auf das Gelübde, das fast unbewußt über ihre Lippen gekommen war? Sie schaute suchend umher, es war niemand zu sehen, und ehe sie noch Zeit hatte, näher nachzuforschen, ob irgend ein Mensch sich in der Kapelle verborgen habe, tönte draußen ein schneller Schritt, die Thür ward aufgerissen, -- ihr Gatte stand vor ihr. „Er ist gerettet!“ rief er, und mit einem Schrei stürzte sein Weib in seine Arme. Unter strömenden Thränen knieten beide nieder, um Gott und den Heiligen für diese Gnade zu danken, dann eilten sie mit beflügelten Schritten an das Lager des neugeschenkten Sohnes.

Sah der Knabe auch bleich und abgezehrt aus, vermochte er auch vor Schwäche kaum die Hand zu rühren, so war sein Blick doch klar und hell, und mit vollem Bewußtsein lächelte er die beglückten Eltern an. Frau Ursula wußte kaum, wie sie ihre Freude und Wonne ausdrücken sollte; sie fiel Afra um den Hals und küßte sie: „habe Dank, du Treue,“ rief sie schluchzend, „und sage mir, wie ich dir deine Aufopferung vergelten kann.“ Auch der Ratsherr dankte ihr mit warmen Worten. „Durch Eure Hand,“ sagte er, „hat mir der Himmel meinen einzigen Sohn erhalten; zum Dank laßt mich für Euren Sohn sorgen. Gebt ihn uns mit nach Nürnberg, er soll in unserm Hause leben und alles mit Berthold teilen.“

Afras Seele erbebte bei diesen gütigen Worten; sollte sie ihr Letztes hingeben, den Knaben, der seines Vaters Ebenbild zu werden versprach, und ganz allein zurückbleiben? Und doch -- wie durfte sie dies Anerbieten ablehnen, das ihrem Hans eine tüchtige Erziehung sicherte; was konnte sie in ihrer Armut und Hilflosigkeit thun, um ihm einen ehrenvollen Weg durch das Leben zu bahnen? Es mußte sein, auch dieses Opfer mußte gebracht werden; tief neigte sie ihr Haupt hinab und küßte in schweigender Zustimmung die Hände, die ihrem Kinde so Großes darboten.

Wenige Wochen später nahm die Ebnersche Familie Abschied vom Annenhofe und kehrte nach der Stadt zurück, wo die Seuche völlig erloschen war und ein schönerer Sommer, als der vorige, die Gräber mit Grün und Blumen verhüllte. Hans begleitete sie und ging, nach Kinderart, den neuen Verhältnissen mit freudiger Erwartung entgegen. Die alte Crescenz aber blieb in tiefem Kummer zurück; das Haus kam ihr leer und öde vor, als das fröhliche Völkchen daraus verschwunden war, und täglich weinte sie heiße Thränen um ihren lieben Hans, den ihr großmütterliches Herz so fest und zärtlich umschlossen hielt. Afra weinte nicht, aber ihr Antlitz wurde noch starrer, als zuvor; -- sie fühlte sich grenzenlos elend und verlassen.

Sechstes Kapitel.

Die Kapelle der heiligen Anna.

Unverletzliche Treue! Dir naht sich die seligste Stunde, Da, was das Herz sich ersehnt, endlich das Auge erschaut!

Muhme Lene wanderte mit den beiden Knaben durch die Straßen, um Hans alle Merkwürdigkeiten seiner neuen Heimat zu zeigen, und Berthold brannte, mit dem ganzen Stolze eines echten Nürnberger Kindes, darauf, das überwältigte Erstaunen seines Gefährten zu sehen, der eben frisch vom Lande kam und seine schöne Vaterstadt noch gar nicht kannte. Doch fand er sich einigermaßen enttäuscht, denn in Hans erwachte das schlummernde Andenken an das reiche Lüttich; er verglich beständig, was er hier sah, mit den Bildern seiner Erinnerung und befand sich oft im Streit mit Berthold, welche Stadt die schönere sei. Sie hatten jetzt den Markt erreicht, „solch einen Brunnen hast du sicher in Lüttich nicht gesehen,“ rief Berthold triumphierend, „denn selbst der Kaiser hat gesagt, daß er ein unerreichtes Meisterwerk sei.“ Und halblaut sang er dazu:

„Am Markt zu Nürnberg steht ein Bronn’; So weit, als leuchten mag die Sonn’, Find’t man desgleichen nicht.“

Ein zierliches Türmchen von ansehnlicher Höhe, mit Bögen und Giebeln von kunstreich durchbrochener Arbeit, von vielen Bildsäulen umgeben, die lauter Heldengestalten darstellen, ragt über dem Becken empor. Magdalene machte Hans mit liebevollem Eifer auf alle Einzelheiten aufmerksam, und der Knabe erfaßte alles mit bewunderndem Blick. Da hob die Uhr auf der nahen Frauenkirche zum Schlagen aus, und Berthold drängte dorthin, um das „Männleinlaufen“ nicht zu versäumen. Das war ein kunstvolles Uhrwerk über der Eingangsthür, welches zu jeder Stunde eine Menge bunter Figuren in Bewegung setzte. Auf einem Thron sitzt der Kaiser in vollem Ornat; ein Herold erscheint, gefolgt von vier Posaunenbläsern, denen sich die sieben Kurfürsten mit den Reichskleinodien anschließen. Alle bewegen sich langsam vorwärts; vor dem Throne angekommen, setzen die Bläser ihre Instrumente an den Mund, die Fürsten nehmen die Hermelinmützen ab, hinter dem Kaiser aber steht der Knochenmann und schlägt mit der Sense die Stunden an die Glocke. Als das Kunstwerk mit der Vollendung des Glockenschlages wieder zur Ruhe gekommen war und Hans seine Bewunderung gebührend ausgesprochen hatte, gingen die drei weiter, überschritten die Königsbrücke, welche über die gelblichen Fluten der Pegnitz führt und standen nun vor dem höchsten Stolz aller Nürnberger, dem herrlichen Lorenzmünster, der mit seinen beiden goldgedeckten Türmen bis in den Himmel zu ragen scheint. Reiches steinernes Bildwerk umrahmt den Eingang; innen vereinigen sich die Bogen der himmelanstrebenden Pfeilerreihen wie zu einem Laubengange, dessen Ende der staunende Blick kaum ermißt. Durch die schön gemalten Fenster warf die Sonne schimmernde, wie Rubinen und Saphire glänzende Lichter in die heiligen Räume und beleuchtete das neue Schnitzbild von Veit Stoß, der englische Gruß genannt. Auf einem Throne sitzt Gott Vater mit Krone und Scepter in göttlicher Majestät, und seine Strahlen senken sich nieder auf die betende Jungfrau, welche die Botschaft des Engels mit Freude und Schrecken vernimmt. Ein Kranz von Blumen und Blättern in unendlich zierlicher Arbeit schlingt sich um die Figuren und schließt das Ganze wie ein Rahmen ab.

Wie geblendet wandelte Hans umher; „wer auch so Schönes erdenken, so Erhabenes schaffen könnte,“ sagte er aus tiefster Seele; „ich wollte, ich könnte ein Künstler werden!“ Hatte das Staunen seines Gefährten Berthold zuerst nicht befriedigt, so wurde er jetzt ungeduldig, als jener mit Schauen und Bewundern kein Ende finden konnte; fehlte ihm selbst doch jener künstlerische Blick, jenes tiefere Gefühl für das Schöne, die Hans als ein altes Erbteil seiner Familie überkommen hatte, und die jetzt zuerst zu vollem Bewußtsein erwachten.

„Ich meine, Sankt Sebald lassen wir für ein andermal,“ schlug Berthold vor, „und gehen nun zu Meister Andreas. Ich bin gar zu neugierig, was der Alte sagen wird, wenn wir ihm einen Fiedler ins Haus bringen.“ Die andern waren damit zufrieden, und so schlugen sie den Weg nach dem Hundsgäßlein ein. Unterwegs machte Magdalene Hans auf vieles aufmerksam, hier auf ein mächtiges Warenhaus, dort auf ein buntes Kirchenfenster, auf das Steinpflaster in einigen Straßen und die Laternen, welche an den Ecken quer über den Weg hingen -- zwei Einrichtungen, welche Nürnberg vor andern Städten damaliger Zeit voraus hatte --; mit allem war der Name Tucher eng verbunden. „Die Tuchers,“ sagte sie, „sind seit alten Zeiten treue Söhne ihrer Vaterstadt gewesen und haben ihr ihre besten Kräfte gewidmet. Zwar haben sie viel Handel nach Welschland und den Niederlanden getrieben und dort auch Niederlassungen gegründet, aber im Herzen blieben sie stets echte Nürnberger. Meine Mutter war auch eine Tucherin,“ setzte sie mit bescheidenem Stolze hinzu.

„Wie kommt es nur, Muhme Lene,“ fragte Berthold; „daß so viel von den Tuchers, und so wenig von den Ebners die Rede ist? Haben die Vorfahren meines Vaters sich denn gar nicht ausgezeichnet?“

„Der Herr Vater ist kein Nürnberger Kind; er ist aus Ulm zugewandert,“ war die Antwort. „Da aber dein Großvater keinen Sohn hatte und Herr Wilibald in allen Stücken seine rechte Hand war, so wurde, er, mit Zustimmung des weisen Rates der Stadt, in alle Rechte eines Sohnes eingesetzt. Daher ist er auch Ratsherr geworden, was sonst einem Zugewanderten nicht gewährt wird.“

Sie pochten jetzt an die Thür des Fiedlerhauses, und Frau Eva öffnete. „Es ist Junker Berthold!“ rief sie freudig, „Gott willkommen, liebes Junkerlein, und dem Herrn sei Dank, der Euch vom Tode errettet hat!“ Auch Meister Andreas empfing den Knaben mit herzlicher Freude und drückte Magdalenen wie einer vertrauten Freundin die Hand. „Und wen haben wir hier?“ fragte er, auf Hans deutend.

„Das sollt Ihr einmal raten, Meister,“ rief Berthold fröhlich, „wir sagen’s Euch nicht. Es ist mein Kamerad, der mit mir bei Latein und Mathematik leiden soll, -- aber Euch geht er noch näher an.“

„Uns?“ fragten die beiden Alten erstaunt, „redet deutlicher, lieber Junker.“

„So seht ihn doch nur an, Mutter Eva; findet Ihr nicht eine wunderbare Ähnlichkeit mit Eurem Meister an ihm?“

Frau Eva betrachtete ihn aufmerksam. „Wahrhaftig, Alter, er hat deine Augen, die guten, ehrlichen Fiedleraugen, und es liegt etwas in seinem Gesicht ....“

„Ich bin auch ein Fiedler,“ sagte Hans, „der Sohn von Meister Matthias, dem Goldschmied.“

Der Alte breitete seine Arme aus. „Komm an mein Herz, mein Junge,“ sagte er mit warmer Freundlichkeit, „und sei mir tausendmal willkommen! Dein Vater war mein Brudersohn und ein lieber, braver Geselle. Sieh, Eva, da führt uns der Herr noch am Abend meines Lebens einen Menschen von meinem Fleisch und Blut zu, dem ich die alten Fiedlerschätze hinterlassen kann. Es hat mich immer schon gewurmt, daß sie in fremde Hände fallen sollten!“ --

In kurzer Zeit war Hans völlig in sein neues Leben eingeführt; sein heitres Wesen, sein dankbares Bestreben, sich für die ihm erwiesene Güte erkenntlich zu zeigen, gewann ihm schnell alle Herzen. Die Töchter des Hauses konnten sich keinen besseren Gespielen wünschen, denn er war stets bereit, ihre kleinen Wünsche zu erfüllen, ihren Puppen mit geschickten Händen neue Köpfe und Füße anzusetzen, oder ihnen Blumen zu holen, die weit vor dem Thor wuchsen. Der Ratsherr hatte einen älteren Bacchanten ins Haus genommen, welcher die Knaben in Latein und allem Wissenswerten unterrichten sollte; derselbe fand es schwer, Berthold zu fesseln, dem die Grammatik bald ein Greuel wurde, und der sich nur für Kriegs- und Heldenthaten begeisterte, während Hans treu und fleißig lernte und seinem Lehrmeister wenig Schwierigkeiten bereitete. Seine schönsten Stunden aber waren die, welche er bei Meister Andreas verlebte; so oft er konnte, eilte er dorthin, wo er stets wie ein lieber Enkel empfangen wurde und die Herzen der beiden Alten durch seine kindliche Anhänglichkeit labte. Nie wurde er müde, die vielen Bilder zu betrachten und nachzuzeichnen, und keine größere Freude konnte ihm der Oheim machen, als wenn er ihm sagte, daß er gute Anlagen besäße und auch einmal ein Meister werden könne. Oft versenkten sich beide in Betrachtung der alten Fiedlerschätze, die Andreas wie wahre Heiligtümer bewahrte. Da war zuerst eine uralte Fiedel von einfachster Form, auf welcher die Jahreszahl 1220 eingeritzt war, die stammte von jenem berühmten Spielmann, von dem noch manches Lied im Munde des Volkes lebte, von jenem Friedel, den sie einst den Sänger Barbarossas genannt hatten; dann war da ein goldnes Gnadenkettlein, das hatte weiland Kaiser Friedrich der Zweite jenem nämlichen Sängerfriedel als Zeichen seiner Gunst geschenkt. Auch manch kunstreiches Schnitzwerk war vorhanden, das aus alter Zeit stammte und von irgend einem Fiedler gefertigt war, -- denn die ganze Familie hatte sich durch eine geschickte Hand ausgezeichnet, daneben aber auch eine besondere Freude an Musik und Gesang bewahrt, weshalb sie auch den Namen Fiedler angenommen hatte. --

Während zu dieser Zeit das Leben im Ebnerhause so ruhig verlief, daß auch nicht ein Wellchen die glatte Oberfläche zu kräuseln schien, gab es doch ein Wesen darin, welches sich bei Tag und Nacht in geheimer Unruhe verzehrte, -- und das war Frau Ursula. In der ersten Zeit nach Bertholds Genesung hatte sie nichts empfunden, als Wonne und Glückseligkeit; ihr ganzes Sein erhob sich in einem steten Dankgebet zu Gott und der heiligen Anna, welche so Großes an ihr und ihrem Hause gethan. Mit wahrer Herzensfreude hatte sie die kleine Kapelle ausgeschmückt; verbot deren ehrwürdiges Alter auch durchgreifende Veränderungen, so legten doch die prachtvolle Altardecke und die silbernen Leuchter zu beiden Seiten des Bildes ein beredtes Zeugnis von der Dankbarkeit der Geberin ab. Als Pater Anselmus eine feierliche Messe darin abhielt, und danach die gesamten Bewohner des Annenhofes, samt einer großen Anzahl von Armen der Umgegend, gespeist und reich beschenkt wurden, da hatte Frau Ursula das Gefühl, daß sie alles gethan habe, was die Heilige von ihr erwarten könne. Aber nun regte sich eine Stimme in ihrem Innern, welche ihr, erst leise und undeutlich, dann aber immer lauter und dringender zurief, daß sie die Hauptsache noch unausgeführt gelassen habe, daß sie den Himmel um eine ihm angelobte Seele betrügen wolle. Oft fuhr sie in der Stille der Nacht von ihrem Lager empor, weil mit entsetzlicher Deutlichkeit ihre eignen Worte: ich will ihn dem Himmel weihen! an ihr Ohr schlugen. Sie mußte es wohl, daß dieselben nur eine Auslegung zuließen; der Himmel hieß -- das Kloster, und bei diesem Gedanken überlief ein kalter Schauder ihre Glieder, sie streckte abwehrend die Hände aus, als müsse sie ein Schreckliches von sich und ihrem Erstgebornen fernhalten.

Nein, es konnte nicht sein! so Unmögliches konnten die Heiligen nicht verlangen. Sie wußte ja selbst nicht recht, welch ein Leben sie für Berthold erwarte; sein Sehnen und Streben stimmte mit dem Willen seines Vaters gar nicht zusammen, und sie hatte bisher nicht einmal den Mut gehabt, ihn ernstlich auf seine Bestimmung zum Kaufmann hinzuweisen. Doch hätte dieser Beruf ihn wenigstens in die Welt hinausgeführt, in die stete Gesellschaft der Menschen; er schloß Lebensfreude und Genuß nicht aus, wenn er auch strenge Arbeit und Hingabe verlangte. Sie wollte sich von nun an bemühen, ihn mit den Wünschen seines Vaters auszusöhnen, ihm die ritterlichen Träume auszureden; in einem Augenblick kam ihr dies schon wie ein verdienstliches Werk vor, -- aber im nächsten tönte plötzlich jenes dumpfe „Amen“ in ihrer Seele wieder und flößte ihr neue Angst ein. War irgend ein Mensch Zeuge ihres übereilten Gelübdes gewesen, oder hatte der Himmel selbst sein „Ja“ dazu gesprochen?

In dieser Gewissensqual, die sie weder ihrem Gatten, noch ihrem Beichtvater anzuvertrauen wagte, fiel ihr Meister Andreas Fiedler ein, von dessen reiner Frömmigkeit Magdalene so viel zu rühmen wußte, dessen Wesen auch auf sie selbst einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Ihm wollte sie den Fall vorsichtig vortragen und seine Meinung hören; vielleicht würde er ihn vorurteilsfreier ansehen, als mancher andre.

An einem Sonntag-Vormittag, als die Ihrigen in der Kirche waren, eilte sie dem kleinen Hause zu. Der alte Meister saß, wie sie erwartet, allein in seinem Lehnstuhl, das offne Evangelienbuch vor sich; er sah so fromm und friedlich aus, daß sie sich innerlich gelobte, seine Ansicht für Wahrheit anzunehmen. „Gott grüß’ Euch, Meister,“ sagte sie herzlich, „mich hat es recht verlangt, ein Wort mit Euch zu reden.“

„Geruht Euch zu mir zu setzen, ehrsame Frau,“ versetzte er mit liebreicher Höflichkeit; „ich freue mich, Euer gütiges Antlitz wiederzusehen.“

Sie redeten eine Weile über dies und das, bis Frau Ursula plötzlich anfing: „Was haltet Ihr vom Klosterleben, lieber Meister? ist es wirklich der sichre Friedenshafen, als den es uns die frommen Väter so gern schildern, oder findet man dort auch nicht den Himmel auf Erden?“

„Ich habe Klosterleute beiderlei Geschlechts gesehen,“ versetzte der Alte, „welche vom Himmel sicher viel weiter entfernt waren, als manche fromme Laien; andre dienten ihrem Gott in unverfälschtem Glauben und reiner Heiligkeit. Das Kloster ist so wenig der Himmel, wie die Welt die Hölle: erst der Mensch macht beides dazu, je nachdem er gut oder böse ist.“

„So meint Ihr, man könne ein Kind dem Himmel weihen, ohne es ins Kloster zu bringen?“

„Sicher, werte Frau; lehrt es nur Gott vor Augen und im Herzen haben, weis’t es hin auf das selige Paradies, das unser Heiland uns erworben, und lehrt es jede Sünde fliehen, die es dafür untüchtig macht, -- und seid gewiß, Ihr werdet seine Seele sicherer dem Himmel weihen, als wenn Ihr es wider seine Neigung zum Mönch oder zur Nonne machen wolltet. Seht, ich hatte selbst ein teures, einziges Kind, meine Hedwig -- die glaubte, als ihr die liebste Hoffnung scheiterte, sie könne das Leben in der Welt nicht mehr ertragen und müsse ins Kloster fliehen, um dort den Frieden zu finden. Sie fand ihn auch, -- aber er lag nicht fertig auf der Schwelle, wie sie gewähnt hatte, sondern sie mußte ihn mühsam erringen in Kampf und Gebet. Und als es mit ihr zum Sterben kam, da ließ sie uns rufen und sagte: ‚Vater, Mutter, vergebt mir, daß ich Euch eigenwillig verließ; ich habe zu spät erkannt, daß ich einen Irrtum beging, daß ich den Frieden, der im Glauben und in der Ergebung liegt, auch bei Euch hätte finden können.‘“

Der alte Mann hatte sein Haupt bei der schmerzlichen Erinnerung gesenkt, ein paar Thränen fielen auf die gefalteten Hände herab. Frau Ursala war tief gerührt, aber noch mehr erhoben und getröstet. „Habt Dank!“ sagte sie warm, indem sie ihm beide Hände reichte, „Ihr habt mir unendlich wohlgethan, lieber Meister. Der Himmel segne Euch und erhalte Euch Euren reinen Glauben!“

Sie ging nach Hause, ihre Schritte waren beflügelt, sie trug ihr Haupt höher, eine Centnerlast war von ihrer Seele genommen. Fortan sollte keine Sorge mehr ihren Frieden stören; sie wollte nicht allein Berthold, sondern alle ihre Kinder in der Art dem Himmel weihen, wie es Meister Andreas sie gelehrt hatte, und so ihr Gelübde überschwenglich erfüllen.