Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
Chapter 7
Traule war die Tochter eines Jägers, der sein Haus nicht weit von unserer Wiese entfernt stehen hatte, dort wo jetzt das Erlendickicht und die alten Fichten wachsen. Ihr könnt nicht bis dort hinüberschauen, die ihr Blumen oder Sträucher seid, aber ihr wißt durch die Bienen und Schmetterlinge von dem Ort, oder durch die Vögel. Das Haus ist längst verfallen, und seine Mauerreste sind überwachsen, der Ort ist euch und euren Völkern zurückgegeben, ich glaube auch nicht, daß es noch Menschen im Lande gibt, die von dem Hause wissen. Die Tannen hat der Jäger um die Zeit gepflanzt, in welcher Traule geboren wurde; auch sie kennen die Geschichte des Mädchens, aber nicht so gut wie ich, denn wenn Traule besonders froh oder traurig war, kam sie auf einem Waldpfad, den nur sie kannte, zu mir, um auf dem Moos unter meinen Zweigen am Bach zu weilen. Wir kannten uns gut und liebten uns sehr. Einmal, in der Zeit, nachdem ihre Mutter gestorben war, kam sie zu mir, legte ihre Arme um meinen Stamm und sagte zu mir: 'Bei dir ist mir ums Herz, wie mir bei meiner Mutter war, du nimmst mich an, wie ich bin, du spendest deine Wohltaten, ohne nach meinem Wert zu fragen, und die Ruhe, die dein Wesen atmet, ist, ohne meine Bitte, immer vorhanden.'
Die Menschen fühlen, daß wir geduldiger als sie sind, und darum tröstet unser Wesen sie, das nicht, wie das ihre, leicht in Hoffnung oder Angst in die Irre geht. Traule war wunderschön zu schauen, wie überhaupt die Menschen das Schönste und Erhabenste sind, was die Natur hervorgebracht hat. Ihr Gang ist aufrecht, und ihre Stirn taucht in das himmlische Licht empor, das ihre tiefen Augen widerstrahlen können, als lebte der Glanz der Höhen in ihrer Brust. Ihnen ist Macht über alle Wesen der Erde gegeben, ihr Bild ist in Gestalt und Anmut dem Schöpfer alles Lebendigen ähnlich, und ihre Seele ist unsterblich wie das Licht der Welt. Nichts gibt es, was den Menschen gleichkommt! In den Zügen ihrer Angesichter spiegeln die Lust und der Gram alles Irdischen wider, wie meine Blätter es im Wasser tun, so beweglich und geheimnisvoll, ihnen ist der Hort der unvergänglichen Liebe anvertraut, und Gottes Sohn ist um ihretwillen gestorben. Wohl haben viele Menschen vergessen, wieviel sie wert sind, aber Gott vergißt es nicht.
Kurze Zeit, nachdem Traules Mutter gestorben war, kam eines Tages zu Pferd der junge Herr vom Schloß durch den Wald geritten in einem Reiterkleid aus Samt, einer weißen Feder auf dem breitkrempigen Hut und einem Degen an der Seite. Es war ein herrlicher Anblick, ihn so auf seinem weißen Pferd durch den Frühlingswald reiten zu sehen, im Grünen, unter dem Jubel der Vögel dahin, unter dem schimmernden Himmelsblau. Traule hatte am Bach in meinem Schatten geschlafen, nachdem sie zuvor im klaren Wasser gebadet hatte, und sie erwachte vom Klirren der Zügel, die mit Silber verziert waren, und vom Schnauben des Pferdes.
Aber nicht weniger erstaunt als sie war der Grafensohn, denn er sah Traule vor sich im Moos, das Angesicht mit dem goldenen Haar in heißem Schreck erhoben und eine Flut von Morgenlicht und Vogeltrillern um die Schläfen. Es strahlte ihm aus den blauen Augen des Mädchens entgegen, als hätten aller Frohsinn des Frühlings und alle Schwermut der Waldeinsamkeit sich darin in einem blauen Glühen vereint. Sein Entzücken über Traules Anblick war so groß, daß er die Hände emporhob, als wollte er ihr aus seinen Armen den Jubel seines Herzens darreichen.
Beide waren eine Weile still, und man hörte das Wasser des Bachs, so leise es floß, und die Blumen neigten sich an ihren Stielen im Wind, als ahnten sie, daß ein Menschengeschick auf den Lichtwegen der entzückten Augen seinen Einzug in die warme Brust, tief in die Kammern des Herzens hielt.
Und so ist es gewesen. Ich habe niemals etwas Lieblicheres gesehen, nie etwas Schöneres als Traules Freundschaft mit dem jungen Herrn, der vornehm und mächtig war, und dem alles Land umher einmal gehören sollte. Er kam nun täglich zu Pferd durch den Wald, bald im Morgenwind, bald im Dämmerlicht der blauen Abendstunden, mit Lachen und Rosen und so viel Zärtlichkeit, wie selbst der Sonnenschein oder die Mailuft sie nicht gewähren. Glaubt mir, ihr alle, das ist das lieblichste Wunder der Welt, wenn ein von Glück überwältigtes Menschenkind, von seiner Liebe glühend, nicht weiß, wie es seine Seligkeit bergen oder zeigen soll. In solchen Stunden sehen die Augen der Menschen den Himmel geöffnet bis an den Thron der Herrlichkeit. Wer nur eine solche Stunde in seinem Dasein durchlebt hat, den kann keine Gewalt im Himmel und auf Erden mehr von seiner zukünftigen Heimat trennen.
Der Jüngling lag in Traules Arm und lachte oder schlief, oder sie sahen miteinander dem Spiel des Lichts auf dem dahinziehenden Wasser zu, oder der Wanderschaft der Wolken im Blau. Das Mädchen flocht Kränze aus Anemonen und legte sie bald um sein Haar, bald um das ihre; aber der Ausdruck ihres Gesichts war am geheimnisvollsten, wenn sie die Züge des Mannes, den sie liebte, betrachtete, wenn er schlief. Dann habe ich wahrgenommen, daß das Übermaß der Freude den Angesichtern der Menschen einen Zug von Schmerz aufprägen kann, als bestände ihr ganzes Wesen aus Heimweh.
Die Schwermut und der Frohsinn wechselten einander ab in den freien Stunden der beiden jungen Menschen im Wald. Sie hielten einander oft umschlungen wie Kinder und spiegelten sich lachend im Bach, und ihre mit Blumen geschmückten Stirnen blinkten aus dem Wasser zurück. Aber ihr Glück verwandelte sich oft jählings, und ohne daß ein Anlaß erkenntlich war, in Schwermut. Dann lag Traules Kopf weit zurückgelehnt an der Schulter ihres Freundes, sie faltete die Hände in ihrem Schoß, und die Augen suchten eindringlich und heiß in der Ferne. Es war seltsam genug, ihre Blicke blieben im strahlenden Grün der Waldbüsche hängen, ganz nah, und doch tauchten sie in unabsehbarer Ferne unter. Diese Ferne muß in den Augen der Menschen beschlossen liegen. Menschliche Augen sind ein Wunder der Schöpfung, in einem kleinen, kleinen Kreis leuchtet die Weite der Welt.
Wir alle, die wir Pflanzen sind, ihr Blumen in meinem Schatten, Kräuter und Gras, wir wissen es, und es ist das Gesetz und der Glaube unseres Lebens, daß die Geduld unsere teuerste Pflicht ist. Ihr danken wir Gedeihen und Erblühen, Wachstum und Samen. Wir können den Ort unserer Entstehung unser Leben lang nicht wechseln, uns kommt aller Segen aus unserer Geduld, in welcher wir Sonnenschein und Regen erwarten und auf uns niedersinken lassen, in der wir dem feuchten Erdboden vertrauen und dem unsichtbaren Wind. Auch den Menschen gilt Geduld als Tugend. Aber es gibt etwas in der Welt, das höher als Geduld ist, das ist die himmlische Ungeduld. Uns ist sie fremd, wir ahnen sie in unseren Träumen, aber sie erhebt oder quält uns nicht, wie sie es den Menschen tut. Mit allem Großen, was ihnen widerfährt, kommt diese himmlische Ungeduld über sie, am stärksten mit der Liebe. Alles Große, was in der Welt an Taten vollbracht worden ist, hat seinen Ursprung in jener himmlischen Ungeduld. Der Tag wird kommen, an dem ich euch von ihr noch viel erzählen werde. In solchen Augenblicken, wie ich sie euch von Traules Schwermut genannt habe, brach auch aus ihren Augen die himmlische Ungeduld hervor, und sie weinte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin, und ihr Freund verstand ihre Tränen und wehrte ihnen nicht.
'Höre, Traule,' sagte er liebreich zu ihr und sah das Mädchen nicht an, sondern hinaus in die schimmernde Waldweite, 'die Freude und der Schmerz entspringen in unserer Brust der gleichen Quelle, und wenn die Gründe der Tiefen erschlossen worden sind, so strömen die Bäche des Leids wie die der Freude ohne unseren Willen oft gleicherweise hervor. Aber wie tausendmal schöner ist es so, als wenn das Leben an den Türen des Herzens vorübergeht, ohne sie erschlossen zu haben. Ach, Traule, ich liebe mein Leben sehr, seit ich dich liebhabe, ich habe alles Vergangene vergessen, und mit dir ist jede Zukunft leicht zu ertragen.'
'Ich bleibe immer bei dir,' antwortete Traule, 'bis an mein Todesende.'
Da geschah eines Abends das Schreckliche, das den ganzen Wald mit Entsetzen und Trauer füllte, es trug sich auf unserer Wiese zu, dort wo ihr nun blüht, nah am Ufer. Der junge Herr war früher als gewöhnlich gekommen, sein Pferd graste weiter unten am Bach, hinter Büschen; es wollte ein Ungewitter heraufziehen, am Himmel stand eine Wolkenwand und schob sich langsam über das Land empor, von der Abendsonne beschienen. Die Vögel sangen noch, aber der Sommer war schon nah.
Da Traule noch nicht kam, warf der Grafensohn sich ins Gras nieder, trank aus der hohlen Hand Wasser und blieb endlich still auf dem Boden liegen, die großen Augen weit und glücklich gegen das Himmelslicht geöffnet. Sein helles Lockenhaar ringelte sich wie in kleinen Goldbächen ins Rasengrün, und in einem seligen Traum seiner Erwartung, fern allem Bösen der Welt, lauschte er auf Traules Tritt im Laub.
Aber plötzlich schreckte ein anderes Geräusch ihn empor, ein Rascheln und Zweigeknacken im Gebüsch erscholl und ein zorniges Brummen mischte sich hinein. Es war, als wäre plötzlich ein Sturm des Bösen im friedlichen Gehölz ausgebrochen, und es nahte rasch heran, mit schwerem Tappen. Als der Jüngling erschrocken emporsprang und nach seinem Degen griff, den er neben sich ins Gras geworfen hatte, teilten sich schon vor ihm die Zweige über dem Boden und spien den dunklen Koloß eines gewaltigen Bären aus, der sich auf seine Hinterbeine aufrichtete und mit lautem Gebrüll auf den zu Tode erschrockenen Menschen zustürmte.
Aus dem weitgeöffneten Rachen des Raubtiers blitzten die Zähne, und sein dampfender Odem quoll mit dem Brüllen hervor, wie Rauch eine heulende Flamme begleitet. Er hielt seine Vorderbeine mit den mächtigen Pranken zu einer schrecklichen Umarmung weit geöffnet, es war ein altes, verbittertes Tier, das durch irgendein Ereignis in Zorn geraten sein mußte und nun den unschuldigen Menschen zum Ziel seines Grimms machte.
Was half dem Bedrohten sein zierlicher Degen und sein mutiges Herz. Er war aufgesprungen, hatte seine Waffe ergriffen und erwartete nun, totenbleich, aber gefaßt und standhaft, den Ansturm des wilden Tiers. Er zielte mit der Spitze des Degens mitten in den blutigroten, weitgeöffneten Rachen und stieß, als das Ungeheuer ihn nahezu erreicht hatte, mit edlem Geschick und der ganzen Kraft seines Armes zu, aber ein unvermuteter, rascher und wilder Tatzenhieb traf die Waffe, bevor die feine Spitze einzudringen vermochte, und warf sie so mühelos zur Seite, als wäre sie ein ungefährliches Spielzeug.
Ich will euch den kurzen furchtbaren Kampf nicht schildern, der nun folgte, und in welchem der junge Mann der Kraft des Raubtiers erlag. Wohl eine Stunde später kam Traule singend den gewohnten Waldpfad entlang, ahnungslos; die Vögel sangen auch in der Abendsonne, die ihr rotes Licht so friedlich auf die Stämme der Waldbäume legte, als gäbe es kein Ungemach, kein Todesringen in der Welt.
Traule fand den Freund ihres Lebens tot am Bach. Sein Lockenhaar ringelte sich wie in kleinen Goldbächen in das zerstampfte Rasengrün, er lag mit weit ausgebreiteten Armen, die Augen geöffnet, als lauschte er immer noch, wie zuvor, auf Traules Tritt im Laub. Denn der Bär hatte von ihm abgelassen, nachdem er ihn in seiner mächtigen Umarmung erdrückt hatte, sein Grimm schien verrauscht, als sein Opfer sich nicht mehr zur Wehr setzte und ins Gras sank. Er war brummend und fast wie beschämt ins Dickicht getrottet, vielleicht ahnte er in seinem Sinn die wilde Treibjagd, die bald darauf vom Schlosse aus beginnen sollte, um den Tod des jungen Herrn an ihm zu rächen.
Jedoch in der Brust des Jünglings, nahe dem Herzen, hatte ein Tatzenhieb des Bären das Blut zum Fließen gebracht, und es rann immer noch in einem feinen roten Bächlein aus der zerstörten Brust in die Blumen, als Traule kam. Die Abendsonne war nun im Haiderot versunken, hinter den Kornfeldern, und der Wald wurde dunkel. Traules schwere Nacht begann. Ich habe alle Stunden hindurch gewacht, ich sah den Mond kommen und sinken, und der Gang der Sterne segnete uns, aber ich habe nicht einen Klagelaut unter meinen Zweigen vernommen, kein Geschrei und kein Seufzen. Es war so still über den großen Schmerzen am Grund, daß mich Ehrfurcht befiel vor ihrer Allmacht. Einmal war mir, als sähe ich ein Leuchten, ich weiß es nicht, ich klagte im Nachtwind um Traule, denn ihrem Geliebten war wohl, er schlief den Schlaf der Erlösten, aber sie mußte leben. Die Pflanzen und Tiere klagten um das verlorene Liebesglück der Menschen, und es ging eine Angst durch diese bange Nacht über die dunkle Erde, die ihren Mund aufgetan hatte, um das Blut des Menschen zu trinken.
Traule lag über dem Toten, so erstarrt vom Gram ihrer Seele, als sei auch sie gestorben, sie bedeckte den Körper, den sie liebte, mit dem ihren, und ihre kleinen braunen Waldhände hielten zur Rechten und Linken sein Gesicht.
Mit dem Morgenwind hallte der stürmische Ruf einer Trompete durch die Dämmerung. Eine zweite fiel aus anderer Ferne ein, und ihr wildes, angstvolles Mahnen weckte den Wald. Sie suchten den Grafensohn. Sein Pferd war nachts ohne den Reiter in den Schloßhof getrabt, da erkannten sie, daß ein Unglück geschehen sein mußte. Bald mischte sich das Bellen von Hunden in den Hörnerklang, und da wußte ich, daß sie den Toten finden würden, denn ein Hund ruht nicht, bis er die Spur seines Herrn aufgenommen hat, und findet ihn immer.
Ich rauschte im Frühwind und warf meinen Tau auf Traule, denn mir war, als dürften die rauhen Männer sie nicht in ihrem Schmerz finden. Und das Mädchen, das mich liebhatte, verstand die Warnung meiner Stimme und erhob sich langsam und lauschte in die feuchte Dämmerung hinaus. Wie erschrak ich da über ihr Angesicht! Es war blaß wie das des Toten, und der Geist einer Trauer ohne Ende brannte wie ein heiliges Feuer in ihren großen Augen, die noch keine Tränen gekühlt hatten. Aber sie war eigen gefaßt, beinahe still, drückte die Augen des Toten zu und küßte ihn zum Abschied auf den Mund. Dann lauschte sie noch einmal hinaus, ob die Menschen kamen, und wandte sich ab, um vor ihnen in den Wald zu flüchten. Es war ein seltsames Mädchen, Traule, nach der unser Bach genannt worden ist, sie war anders als alle Mädchen, die ich kennengelernt habe, aber an sie muß ich am meisten denken.
Bald darauf kamen die Reiter und Fußleute mit Hunden und Waffen durch das Dickicht und fanden ihren toten Herrn am Bach. Zuerst vernahm ich die klagende Stimme eines heulenden Hundes, dann mischte sich ein gellender Notschrei des Schreckens hinein, und bald war der morgendlich stille Wald von Jammer- und Zornrufen der Menschen erfüllt.
Als es still geworden war, und die Vögel wieder ihre Lieder anstimmten, machten die Männer aus Ästen, die sie aus meiner Krone brachen, eine Tragbahre, legten den Leichnam auf die Blätter und trugen ihn davon, in einem dunklen Trauerzug, in dem sie gebeugt und weinend dahinschritten. Aus der Ferne hörte ich noch einmal die Stimme der Trompete über die Felder hin durch das Tal erklingen. Ihr Goldklang wiegte sich dahin in unbeschreiblicher Traurigkeit, ich dachte an den Sturm im Herbst und erzitterte. Nun hatten sie auf dem Schloß die Kunde vernommen, daß der junge Herr hatte sterben müssen.
Ich dachte an Traule, das Kind, und wußte, daß sie wieder an die Stätte zurückkehren würde, an welcher ihr Freund den Tod erlitten hatte. Tag für Tag kam sie um die Stunde der Dämmerung zu mir, lehnte sich an meinen Stamm und weinte. Sie sagte mir alles, was ihr Herz wund machte, denn sie verstand meine Antworten nicht, sondern nur meinen Willen, alles zu heilen, den die Natur an uns bewährt, und unter dem ich von Jugend an gewachsen war und geblüht hatte. Meine Blüten waren nun aufgebrochen, und die Völker der Bienen brausten in der warmen Sonne um meine Krone.
Traule lag nachts unter meinen Zweigen auf der kleinen Wiese, am Boden, allein. Was hätte ich nicht getan, um ihr Leid zu lindern, aber ich konnte es nicht, obgleich ich fühlte, daß das Mädchen nur bei mir sein wollte. Ihr Angesicht war schmal geworden, und ihre großen Augen leuchteten zu viel, in unirdischem Schein, mir war angst und weh um Traule. Einmal hörte ich sie leise des Nachts singen, Sterne schienen, und der Bach zog im weißlichen Dämmerlicht dahin, kühl in seiner gelinden Eile. Traule aber sang:
Nimm mir nicht den Schmerz, den laß mich haben. Gib meinem Herzen mehr deiner himmlischen Gaben.
Immer wieder hält es mich davon ab, in der Erzählung von Traules Geschick fortzufahren, weil ich euch vom Menschen selbst so vielerlei sagen möchte, denn ihr kennt ihn noch nicht, ihr Lieben, meine Blumen. Ich fragte mich oft, kann so das Herz des Menschen beschaffen sein, daß es seine Schmerzen haben will und nichts sonst, daß sie ein Eigentum werden können, dem kein Besitz auf Erden an Wert zu vergleichen ist, und daß das Gebet eines Menschen zu Gott so lauten kann wie Traules Lied? Ich weiß es nicht, aber ich habe es erfahren und sage es euch, mögt ihr es lieben und glauben, nach eurem Wert.
Wer lange gelebt hat, lernt auch den Tod besser erkennen als die, welche ihn früh erleiden, und so ahnte ich sein Nahen, wenn ich Traules Züge sah. Ich kann sie euch nicht beschreiben, es lag um ihre Wangen und Stirn der Glanz der himmlischen Ungeduld, von der ich euch erzählt habe, ihr blasses Leuchten ist schöner als alle Tugend, es sinkt aus der Höhe und lockt den Gang nieder in das Tal der Welt.
So kam es, daß eines Nachts, zur Zeit, als schon die letzten Sommerblumen verwelkt waren, ein Engel vom Himmel niederstieg und vor Traule hintrat. Das Mädchen erschrak nicht, sondern lächelte ihm auf ihre Art entgegen, die ich innig liebte und nie vergesse. Der Engel sagte zu ihr:
'Ich bin vom Himmel gekommen, um dir deine Schmerzen zu nehmen, du sollst von ihnen erlöst sein, denn du hast sie ohne Bitterkeit, wie ein heiliges Gut, getragen.'
Da sah Traule den hellen Engel an, schüttelte den blassen Kopf mit den feuchten Haaren, die der Tau der Nacht benetzt hatte, und indem ein Beben durch ihr gebrechliches Körperchen ging, sagte sie zu ihm:
Nimm mir nicht den Schmerz, den laß mich haben. Gib meinem Herzen mehr deiner himmlischen Gaben.
Da erschien es mir, als ob der Engel erschrak, aber seine Verwunderung war von Freude verklärt, als sei ihm ein großes Wunder widerfahren, da er in Traules Herz Gottes unvergängliche Liebe wiederfand, als hätten niemals die Finsternis des Bösen, oder die Armut sie geschmälert, und er verwandelte die Schmerzen Traules in zwei große Flügel, die bis auf den Erdboden niedersanken und ihr Haupt überragten. Von ihrem Glänzen wurde der Wald umher hell, es brach bis hoch empor in die Blätter meiner Krone. Der Engel und Traule flogen miteinander empor in den Morgenwind und verschwanden im Hellen unter den letzten Sternen.
Schlaft ihr schon, ihr Blumen, meine Lieben? Dies ist Traules Geschichte, bewahrt sie eurem Gemüt, und Traules Herzensgut sei auch euer Frieden.«
Dreizehntes Kapitel
Der Maikäfer
Der Elf flog auf den grünen Wipfel der Linde, der sich im warmen Wind des schönen Tages sanft schaukelte, und seine Augen durchschweiften das weite Land bis an die Hügel hinüber, die den Horizont säumten. Unter ihm sangen die Vögel, und die Krone der Linde erbrauste von den Völkern der Bienen, ein erklingender grüner Lebensdom, in warmer Freiheit.
Er schloß seine Augen, von Sommerseligkeit überwunden, und breitete im Wiegen seine Arme aus, als ließe die schimmernde Welt sich umarmen. »Was soll ich tun,« flüsterte er, »was soll ich tun? Ach, ich bin sicher des Glücks nicht wert, das mir geschieht, in meiner Seele ist nicht Raum für die Fülle der Wohltaten, die mir zufallen.«
Ach, das Lächeln des Elfen möchte ich schildern können! Es war kaum zu sehen, ihr Lieben, wie sollen die freie Kinderherrlichkeit der Freude und die heimatlose Wehmut irdischen Geschicks in ein armes Wort gebracht werden? Wenn man sein helles Angesicht in diesem Leuchten sah, so mußte man unbedingt glauben, daß Gott es mit seinen Geschöpfen unendlich gut meint; es ging nicht anders.
Als das himmlische Kind nach einer Weile seine Augen aufs neue aufschlug, da war ihm, als sei die Erde mit ihren fernen Hügeln in der Runde ein grüner Kelch und der strahlende Himmel eine große, blaue Blume. Dieses Bild voll Glanz und Stille verwandelte sein Herz auf wunderbare Art, und ihm war zumut, als wäre er einst in seiner tiefsten Jugend so hell gebettet und so wohl geborgen gewesen wie nun. Es ist das Glück, das Glück, dachte er erzitternd, überall schafft es die Heimat. Und er erhob seine Stimme, in der strahlenden Erdenblume seines Traums, wandte sich an die himmlische Sonne und sang:
Schließ mich wieder ein in deine Freude, deine Anmut, deinen hellen Sinn, daß ich mich in deinem Glück bescheide und empfinde, daß ich glücklich bin;
Daß ich selig deine Kräfte schaue und des Herzens Trauer, wie ein Lied, deiner Stille, deinem Licht vertraue, deinen Glanz im fröhlichen Gemüt.
Keine Liebe hat mich überwunden, so wie deine es am Morgen tut. Sieh mich offen und zu dir gefunden, und mach' meine Seele hell und gut.
Kaum war das Lied im grünen Glänzen verklungen, da rief jemand dicht neben dem Elfen. »Ausgezeichnet, famos! Sie haben eine Stimme, die sich hören lassen kann, mein Lieber! Sind Sie ein Engel?«
Der Elf mußte lachen, er konnte nicht anders. Dicht neben ihm saß auf einem Blatt ein Maikäfer und sah ihn mit großen Augen vergnügt an. Aber als er nun den Elfen lachen hörte, klappte er die Fächer seiner braunen Fühler zusammen und runzelte die Stirn.
»Warum lachen Sie?« fragte er ernst.
Der Elf grüßte ihn freundlich. »Ich war sehr überrascht,« sagte er, »deine Frage klang so ganz anders als mein Lied. Entschuldige nur, ich meinte es nicht böse.«
»Erwarten Sie, daß ich meine Frage singe, statt sie zu sprechen?« fragte der Käfer. »Aber wahrscheinlich haben Sie gelacht, weil ich immer noch da bin.«
»Du bist ja eben erst gekommen.«
»Nein, ich meine überhaupt. Blühen nicht schon die Linden? Um diese Zeit ist ein anständiger Maikäfer längst in der Erde, legt Eier oder ruht sich aus, je nachdem. Aber ich habe meinen guten Grund, noch zu zögern. Wollen Sie wissen, warum ich trotz der Hitze noch da bin?«
»O doch,« sagte der Elf, »das ist sicher interessant zu erfahren.«
»Gewiß, also hören Sie: Man hat mir dort unten auf der Waldwiese gesagt, es hielte sich hier in der Gegend ein Blumenelf auf, und ich möchte ihn kennenlernen. Erstens kommt unsereins nur alle vier Jahre auf die Erdoberfläche, und wie lange ein Elf braucht, ehe er wiederkommt, ist unbekannt. Eine solche Gelegenheit läßt man sich nicht entgehen, verstehen Sie?«
»Doch, doch«, sagte der Elf und lächelte. »Was versprichst du dir denn von dieser Bekanntschaft?«
»Das fragt sich noch,« meinte der Maikäfer, »ich muß erst sehen. Von den Elfen wird so viel erzählt, daß man kaum recht weiß, wo einem der Kopf steht. Ich bin für gesicherte Anschauungen und möchte Klarheit haben. Das wunderbarste an diesen Geschöpfen ist, daß sie sich mit aller Kreatur unterhalten können, mit Blumen, Insekten, vierfüßigen Tieren und sogar mit dem Menschen. Sie wissen doch, daß wir Maikäfer mit dem Menschen viel verkehren?«
»Ich kann es mir denken«, meinte der Elf.
»Nun, Sie als Engel müssen es sich ja denken können.«
»Ich bin kein Engel«, sagte der Elf.
»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Ich war übrigens anfangs sehr erstaunt, als ich Sie sah, und habe mich lange gewundert; Sie sind ja geradezu lieblich! Aber Sie machen sich keine Vorstellung davon, an was alles ein Maikäfer sich gewöhnt. Haben Sie eine Ahnung. Man muß den Menschen kennen, um zu wissen, was möglich ist. Himmel und Wolkenbruch, unsereins hat unter Umständen etwas auszustehen! Es ist in der Hauptsache eine Folge unserer Beliebtheit.«