Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
Chapter 6
Er ahnte nicht, wo er sich befand, noch wußte er, daß er ohne seinen Willen durch seinen voreiligen Sprung zum Erretter eines großen Teils seiner Leidensgefährten geworden war, denn sowohl der Grashüpfer wie ein Teil der übrigen Tiere hatten die allgemeine Aufregung benutzt, um sich davonzumachen. Dies gelang ihnen in der Hauptsache deshalb, weil sich die Erschließung ihres Kerkers gottlob auf der Hausveranda zugetragen hatte, die unmittelbar in den Garten führte.
Die Zeit verging langsam, und es wurde dämmerig, der Abend sank nieder. Der kleine Jen hatte bald herausgebracht, daß er sich nicht in der Freiheit, sondern in einem engen, runden Käfig befand, dessen Wände durchsichtig wie Wasser waren, aber so hart wie Stein. Er hatte seine Bemühungen aufgegeben, dieser Gefangenschaft zu entrinnen, saß still und traurig an der glatten Wand und sah in die Abenddämmerung, in den Garten hinaus. Einmal war der Deckel seines Käfigs geöffnet worden, und jemand hatte einen Grashüpfer zu ihm ins Wasser geworfen, der nun ruhig, alle Beine weit vom Körper abgespreizt, auf der Oberfläche schwamm. Er war tot. Jen glaubte in ihm seinen Gefährten aus dem ersten Gefängnis wiederzuerkennen, aber er war dessen nicht sicher.
Glaubt man etwa, ich fräße den? dachte er. Hungrig genug war er, aber kein gesitteter Frosch frißt einen toten Grashüpfer. Ein Grashüpfer, der verschlungen werden soll, muß springlebendig sein, munter und jung. Man muß ihn noch eine ganze Weile im Magen rumoren fühlen, ganz von dem angenehmen Kribbeln zu schweigen, das er verursacht, wenn er den Hals hinuntergleitet.
Jen war unbeschreiblich traurig. Was sollte werden? Draußen über dem Garten ging der Mond auf und schien in den gläsernen Käfig. Der tote Grashüpfer drehte sich langsam an der Oberfläche des Wassers, und sein Schatten bewegte sich, schaurig anzusehen, grau und groß auf dem Fensterbrett, auf dem der Glaskäfig stand. Dort sah Jen auch seinen eigenen Schatten, rund und plump, wie einen feuchten Fleck zwischen den silbrigen Streifen vom Wasser, vom Glas und vom Mondlicht. Alles war fremdartig und unheimlich, und an Schlaf war unter diesen Umständen kaum zu denken. Einmal kam, gegen Mitternacht, eine Maus auf dem Fensterbrett daher, sie sah durch das Glas, schien aber niemand zu erkennen und entfernte sich dann rasch wieder, weil sie unten, in der Dunkelheit, gerufen wurde.
Kurze Zeit darauf mußte der kleine Jen doch aus Erschöpfung eingenickt sein und lange geschlafen haben, denn als er erwachte, war es heller Tag, und draußen funkelte der Sonnenschein im Grünen. Der Knabe, der ihn gefangen hatte, kam nach einer Weile und schaute neugierig durch das Glas, wobei er seine Nase so dicht an die Wand des Kerkers drückte, daß sie an der Spitze glatt und rund wurde. Er öffnete den Deckel und nahm Jen heraus, legte ihn auf ein weißes Tuch, das er über ihm zusammenschlug, und dann rieb er ihn von allen Seiten, um ihn abzutrocknen. Jen ging der Atem aus, er glaubte jeden Augenblick zu ersticken. Hierauf wurde das Tuch wieder geöffnet, und der Knabe rührte mit der einen Hand Farbe in einem kleinen Topf an, mit der anderen hielt er Jen fest und begann dann ihn grün anzustreichen, denn er wollte einen Laubfrosch aus ihm machen, der das Wetter ansagen sollte.
Jen kamen Tränen in die Augen, es war ihm unbegreiflich, weshalb dies geschah, und zu seinem Schrecken sah er zuerst seinen schönen hellen Bauch und dann auch den braunen Rücken und sein Gesicht über und über grün werden. Man kann sich nichts Peinlicheres denken. Alle Anzeichen, die Jen gab, um kundzutun, daß er dagegen war, wurden mißverstanden, der Knabe pinselte eifrig weiter und lachte vor Vergnügen, als Jen bald darauf als ein grüner Frosch auf dem Tisch umhersprang und überall Flecken zurückließ, wo er gesessen hatte.
Jen selbst war so verwirrt, daß ihm kein vernünftiger Gedanke mehr kam. Er wurde wieder in seinen Käfig gesetzt, der nur noch wenig Wasser enthielt, oben auf die Spitze einer kleinen Holzleiter, dort sollte er trocknen, auch gehörte es sich sowieso, daß er oben saß, denn das Wetter war schön, und dann muß ein Laubfrosch oben sitzen und nicht unten im Wasser. Jen galt nun als Laubfrosch und sollte die Verpflichtung übernehmen, die man von solchem Tier erwartet.
Trauriger kann das Leben nicht mehr werden, dachte er und wünschte sich, sterben zu dürfen. In diesem Aufzug konnte er sich ohnehin nicht mehr bei seinen Verwandten sehen lassen, und was würde Assap sagen?
Als er sich nach einer Weile allein sah, stieg er gedankenvoll und betrübt die Leiter nieder, um sich im Wasser etwas abzukühlen, denn die Sonnenstrahlen fielen heiß in seinen Kerker, und die Farbe brannte auf der Haut. Aber kaum war er untergetaucht, als er gewahr wurde, daß das Wasser sich langsam grün zu färben begann, während sein Körper wieder die alten Farben annahm. Jen glaubte, alles umher sei verzaubert, und von Angst getrieben, kroch er rasch wieder die Leiter empor und sah erstaunt auf das grüne Wasser nieder. Der alte Burr aus dem heimatlichen Bach mußte doch im Recht gewesen sein, wenn er früher oft gesagt hatte: »Hütet euch vor dem Menschen, er ist ein großer Zauberer.«
Das Schicksal des kleinen Jen geht nun unendlich traurig zu Ende, denn er ist von den Menschen vergessen worden und hat vor Hunger sterben müssen. Es kam daher, daß der Knabe, der ihn gefangen hatte, mit seinem Schwesterchen in die Ferien reiste, und da gab es so vielerlei zu sehen und zu erleben, daß beide nicht mehr an Jen dachten, der in seinem Glaskäfig auf der Fensterbank der Veranda stand. Sie hatten nicht einmal gewußt, wie er hieß.
Jen starb, nachdem er drei Tage und drei Nächte vergeblich auf Hilfe gewartet hatte. Es war eine sehr schwere Zeit für Assaps kleinen Bruder, und es ist nur gut, daß man im Traulenbach nichts von seinem Geschick erfahren hat. Nun ist ein Jahr darüber vergangen. In seinen letzten Lebensstunden mußte Jen oft an das klare Wasser des Bachs seiner Heimat denken und an die wilden Rosen, die über der Flut hingen. Mit solchen Gedanken schlief er eines Abends vor Schwäche ein und erwachte nicht mehr. Es war am vierzehnten August.
Elftes Kapitel
Ukus Nacht mit dem Elfen
In der Nacht, die den letzten Ereignissen auf der Waldwiese folgte, fand der Blumenelf auf seinem Mooslager keinen Schlaf; er sah hinaus in den Mondschein, der dicht vor dem Ausgang seiner kleinen Höhle glitzerte, und ihn verlangte danach, in die Freiheit hinauszukommen und in das Land zu schauen. So flog er empor bis auf einen Ast der Linde, und sein Leuchten begleitete ihn.
Die Welt war verklärt vom Licht des Mondes, der voll und rund hoch am Himmel über dem schlafenden Erdreich stand, inmitten unzähliger Sterne. Da der dürre Ast des Baumes vorragte, saß der Elf in der kühlen, hellen Luft zwischen Himmel und Erde, allein, wie er war, unter den vielen schlafenden Geschöpfen, unter denen er verweilen mußte, bis eine große Liebe ihn zu seiner himmlischen Freiheit erlöste.
Sein Goldhaar blinkte im Mond, wie einst, als er die Lilie verließ, um das Glück eines irdischen Wesens zu werden. Er dachte an die kleine Biene Maja, mit der er zu den Menschen geflogen war, und die nun in hohem Ansehen bei den Ihren daheim in der Bienenstadt des Schloßparks weilte. Und die himmlische Ungeduld, der irdische Teil aller Wesen, die das Gute von ganzem Herzen wollen, strahlte aus seinen Augen in ihrer Traurigkeit.
Gibt es auf der Erde diese große Liebe, die mich erlösen soll? dachte er. Ich will nicht in Bangen leben, die Nacht ist wundervoll. Mir wird geschehen, wie es im ewigen Rat bestimmt ist.
Er erschrak ein wenig, als ihn plötzlich jemand sanft, aber recht vernehmbar, von der Seite anstieß. Es war Uku, die Nachteule, die groß und dunkel dicht neben ihm auf dem Lindenast saß und ihn mit ihrem Flügel angestoßen hatte.
»Gute Mondfahrt«, sagte sie bedächtig, aber herzlich, auf ihre Art, und der Elf grüßte sie auf seine.
»Du schläfst nicht?« fragte Uku, »dir ist wohl in der Kühle und im sanften Licht; ist es nicht so? Ich werde die Leute nie recht begreifen lernen, die das grelle Sonnenlicht diesem milden Himmelssegen vorziehen.«
»Lebst du hier immer in der Linde?« fragte der Elf, der Uku wiedererkannte.
Uku nickte. Ihr großes Gesicht mit den schwarzen runden Augen sah merkwürdig genug aus, der kleine gebogene Schnabel hockte darin wie eine Nase, und sie hatte eine seltsam melancholische Art, ihre Augenlider ganz langsam zu öffnen und zu schließen. Man unterschied in ihrem weichen Gefieder kaum eine Färbung, es schimmerte grau und leblos, wie die Schatten der Blätter am Stamm. Wäre die vertrauensvolle Art des Elfen nicht frei von Furcht gewesen, so hätte ihn sicher ein heimliches Grauen vor seiner lautlosen Nachbarin befallen.
Uku schwieg lange und sah über die Felder auf das beschienene Land. Es lag ein feiner Nebelschleier über dem Korn, und von weit, weit her hörte man das Bellen eines Hundes.
»Ein stilles Land«, sagte sie endlich und seufzte aus tiefster Brust auf.
Der Elf wandte sich ihr zu und sah sie an.
»Quält dich etwas?« fragte er.
»Ich kenne dich schon lange,« entgegnete die Eule, ohne gleich auf seine Frage zu antworten, »ich habe dich unter Pflanzen und Tieren gesehen, mit Faltern, Rehen und dem kleinsten Gewürm, und habe mir viele Gedanken über dich gemacht. Ich bin ein alter Vogel, und du, der so vielerlei weiß, wirst auch wissen, daß ich es ernst nehme mit meinen Gedanken. Manche fragen mich um Rat, und ich gelte als weise. Ich kann, was ich sehe und erfahre, in meine Betrachtung der Welt einreihen, ich verstehe es auf meine Weise, aber dich verstehe ich nicht. Es ist meine Art nicht, viel zu sprechen, und auch du sprichst wenig. Dich liebt man, obgleich du schweigst, und ich schweige, obgleich ich weiß, daß ich deshalb nicht eben geliebt werde. Wenn ich es recht betrachte, so bin ich den Tieren des Waldes, den Geschöpfen des Tages verhaßt, du aber bist geliebt, wohin du kommst, und tust nichts, um es zu erreichen. Willst du nicht mit mir sprechen? Ich möchte verstehen lernen, was dich so lieblich macht, du mußt aus einer hellen Welt unvergänglicher Freude stammen.«
Uku schwieg und sah nun mit weitgeöffneten Augen in die Weite. Es war so totenstill im Baum und umher im Umkreis, als seien die Zweige und Blätter nicht aus zartem, beweglichem Lebensstoff, sondern erstarrt. Nicht die Spitze eines Blättleins rührte sich. Und über der leblosen dunklen Welt mit ihren schlafenden Geschöpfen lag das weiße, tote Himmelslicht und die feuchte Kühle der Sommernacht.
Der Elf hatte den Kopf geneigt. Nun warf er in holder Ruhlosigkeit sein schimmerndes Haar zurück und sah groß und gerade hinauf in den Mond.
»Uku, wie redest du denn?« sagte er leise. »Wäre ich ein Wesen wie ihr, so würde ich leiden und mich freuen wie ihr, aber ich bin nur ein verflogener Elf. Hast du nie von den Elfen gehört, daß du nicht weißt, woher sie stammen und wohin sie gehen?«
»Du liebst und leidest doch wie wir,« sagte Uku, »wenn du auch sagst, daß du es nicht tust. Ist nicht schon vieles in deinem Herzen anders geworden?«
Der Elf sah erstaunt auf, wandte sich der Eule zu, und seine Augen leuchteten, als habe er ein Wort des Danks auf den Lippen, aber er sagte es nicht, sondern barg plötzlich sein helles Angesicht in den Händen und schluchzte.
»Siehst du«, sagte die Eule, aber es klang unbeschreiblich liebevoll. Sie war in der Tat ein weiser und erfahrener Vogel. Und sie schwieg, denn sie wußte, daß Schweigen oft mehr Linderung bringt als die besten Worte.
Nach einer Weile hob der Elf sein Haupt ruhig empor, man sah keine Spuren von Tränen mehr in seinen Augen, und der Klang seiner feinen Stimme war so klar, als würde eine hohe Saite mit einem silbernen Hammer angeschlagen. Doch hatte diese Stimme nichts Fremdes oder Besonderes, sie war den vertrauten Lauten der Natur verwandt, dem Lied des Windes, dem Gesang der Vögel oder dem Fall des Wassers. Uku war ganz betört von dieser Stimme, und ihr schien, als träumte sie, als der Elf sagte:
»Wenn ich eure Freude und euer Leid teilen muß, so liegt es daran, daß ich mich verflogen habe. Meine Bestimmung war, ein irdisches Wesen zu seinem höchsten Glück zu führen und in die Helligkeit meiner Heimat zurückzukehren, nicht aber unter euch zu verweilen. Nun ich aber an die Erde gebunden bin, verwandelt ihr Wesen das meine langsam. So ist meine Seele nun geteilt, Uku; sie war berufen, eure Freude und eure Betrübnis zu verstehen, euer Verlangen und eure Schuld, sowie auch eure Schönheit und eure Armut. Nur für euch erwachte sie für kurze Zeit. Die Aufgabe meiner Seele war, alles zum Besten zu kehren, nach ihrer Kraft, und sie selber bedurfte der Erlösung nicht, denn sie selber war damals noch nicht an Vergängliches gebunden. So zog ich im silbernen Nachtfrieden durch das Tal der Welt, selig, da ich beseligen durfte, wunschlos und unaussprechlich frei. Aber nun ich durch meine Schuld an Vergängliches gebunden bin, Uku, bedarf auch ich der Erlösung, denn ich habe die irdische Sonne gesehen in ihrer Herrlichkeit, und wenn ein Elf sie gesehen hat, so ist er an ihr irdisches Reich gebunden.
Verstehst du nun, warum mein Herz zerteilt sein muß? Bei meinem Wunsch, nichts zu tun, als andere zu beseligen, empfinde ich nun auch das Verlangen nach eigener Seligkeit, ich wollte Leiden lindern und sehe mich nun in eigenes Leid verstrickt, ich wollte durch Freude Erlösung bringen, und nun harre ich selbst der Erlösung vom irdischen Bann. Daraus entsteht meine Traurigkeit.«
Uku hatte sich in die Dunkelheit abgewandt und schwieg. Es bewegte ihr Herz, was der Elf sagte. Nach einer Weile fragte sie:
»So bist du nicht mehr glücklich, Elf?«
»Doch,« antwortete der Elf, »ich bin es.«
»Was macht dich glücklich?«
»Daß ich lieben kann und Hoffnung im Herzen trage. Alles hat sich verändert, seit ich die irdische Sonne an jenem Morgen gesehen habe.«
»Ja, ja,« meinte Uku, »es ist eine ganz neue Liebe in dir entstanden.«
»Sie kann nicht beginnen oder aufhören«, sagte der Elf zuversichtlich. »Sie schlief in mir.«
Wieder war es eine Weile still in der feierlichen Nacht zwischen diesen beiden Geschöpfen, der großen dunklen Eule, die wie eine unförmige Figur auf dem Ast hockte, und dem Elfen, der licht und zart wie ein kleiner Engel neben ihr saß.
Bald darauf sagte Uku bedächtig und schloß für einen Augenblick ihre großen runden Augen, die, gerade wie beim Menschen, beide vorne nebeneinander unter der Stirn saßen:
»Auf unser Volk ist im Lauf der Jahrhunderte viel Wissen überkommen und hat sich getreulich vererbt, und so habe ich wohl immer erfahren, Elf, daß diejenigen Wesen, die Liebe im Herzen tragen, auch am zuversichtlichsten auf eine Erlösung hoffen, aber glaube es mir, Uku, der alten Eule: Nur wer wahrhaft weise ist, kann glücklich sein!«
»Nein,« sagte der Elf mit seiner kindlichen Stimme, »es ist umgekehrt, nur wer wahrhaft glücklich ist, kann weise sein.«
Uku war wirklich außerordentlich erstaunt über diese Antwort des Elfen und mußte sich sehr lange besinnen, bis sie eine Entgegnung darauf machen konnte.
»Daran muß ich nun Nacht für Nacht denken,« sagte sie endlich langsam, »ich bin eine alte Eule geworden und kann meine Ansichten nicht mehr ändern, aber soviel sehe ich aus allem, was du sagst und tust, du bist ein himmlisches Kind. Die Frage, die zwischen uns aufgekommen ist, ist so alt wie die Welt, um sie hat sich viel Streit der Gedanken auf Erden erhoben, und manche Stirn voll Hoheit und Kraft ist darüber ermüdet in die Nacht zurückgesunken. Denn die Wunden, welche die Gedanken schlagen, sind brennender und bitterer als die Verwundungen jedes anderen irdischen Kampfes. Aber davon sollst du nichts wissen, du Gesegneter in deiner Einfalt. Was unser letztes Ziel ist, ist dir von Anfang zugefallen. Dir und deinesgleichen, euch ist von den Heiligen der Welt das Reich versprochen.«
Der Elf saß ruhig mit gefalteten Händen da und schaute ins Land, er wehrte der Eule nicht, noch gab er ihr recht, man hätte wirklich nicht mit Sicherheit sagen können, ob er ihr zugehört hatte. Er erhob plötzlich seine helle Stimme und sang in die Nacht hinaus:
Meine Heimat ist das Licht, heller Himmel meine Freude! Tod und Leben wechseln beide, aber meine Seele nicht.
Trauer du, mein irdisch Los, über deinen bittren Gaben will ich meine Seele groß, will sie stark und glänzend haben.
Ein Wind erhob sich mit leisem Erbrausen der Blätter und mit feuchter Wiesenkühle und trug das Lied über das schlafende Land dem Morgen entgegen. Die Eule aber warf sich plötzlich in ihre weichen, lautlosen Flügel, totenstill, wie ein Schatten, flog sie davon, über die Kornfelder, dem sinkenden Mond entgegen, der sich rötlich färbte. Eine seltsame Traurigkeit begleitete sie und doch zugleich eine tiefe Beseligung. Sie sah das Land, das sie überflog, die Äcker, die Wälder und Wiesen mit ihren Weiden und die Häuser der Menschen, die dunkel und lichtlos zwischen Bäumen lagen, in der verschleierten Ebene. Alles erschien feierlich und zu Großem bestimmt, wie auch uns Menschen bisweilen die Dinge erscheinen können, wenn Musik erklingt.
Zwölftes Kapitel
Traule
Ein warmer Frühlingsabend zog über die Waldwiese und ihre Leute, es war einer von jenen unbeschreiblich klaren Abenden, die die Herzen aller Wesen in einen Frieden versenken, wie niemand ihn nennen kann. Die Sonne ging langsam hinter einer schmalen Wolkenbank unter und umzog ihre Ränder mit einem strahlenden Feuerband, als flösse glühendes Gold in unversiegbaren Strömen um sie her, und in weiter Ferne funkelte ein leuchtendes Wolkengebirge, schneeweiß und blutigrot. Es ging eine solche Klarheit und Ruhe von diesem gewaltigen Bild am Himmel aus, daß niemand an nahe oder kleine Dinge zu denken vermochte, alle Gedanken wurden weit emporgehoben in diese Freiheit der Himmelsform, so daß sie über die ganze Erde Ruhe und Glück verbreitete.
Ein Abglanz dieser Schönheit sank auch bis tief hinab in die heimlichsten Gründe der Waldwiese, er rieselte durch das Laub der alten Linde nieder, als würde das Abendgold von ihren höchsten Wipfeln vom Windhauch niedergeschüttet. Die Blumen konnten nicht schlafen vor Glück, immer noch kamen Käfer und Schmetterlinge zu ihnen, ruhlos vor Seligkeit, doch leise und beinahe geheimnisvoll, weil sie nicht stören wollten in dieser Andacht, in der mit dem kühlen Wind die Träume herangaukelten, um in die Seelen der lebendigen Wesen einzuziehen.
Da breitete sich ein kaum vernehmbares Rauschen über die Wiese und ihre Bewohner aus, es kam von der Linde, durch die der Abendwind zog, und nun wußten alle, daß der alte Baum, noch vor der Ruhe der Nacht, seinen Schützlingen eine seiner Geschichten von den Menschen erzählen wollte, und die leise Bewegung aus den Zweigen der Linde teilte sich den Gräsern und Blumen und allen Tieren mit in einer fröhlichen Erwartung. Was konnte es Schöneres geben, als am Frühlingsabend seine Augen zu schließen und einer so liebevollen Stimme zu lauschen, die noch nicht schlafen wollte und doch die kühle Ruhe der Nacht nicht störte, die verstand, daß das Glück eines genossenen Tages sowohl den Schlaf fernhalten kann, wie auch ein großer Schmerz es vermag. Aber beide, Freude und Schmerz, haben in der Klarheit eines scheidenden Tages ein milderes Wesen, als ahnten sie, daß, wie nun Licht und Finsternis in der Natur, so auch Freude und Schmerz in den Herzen der irdischen Geschöpfe wechseln müssen.
Aber als eben die Linde beginnen wollte, erhob sich im Busch über dem Bach noch einmal die Stimme des Rotkehlchens. Es erklang im goldenen Licht ein so lieblicher Jubel, daß man für einen Augenblick seine Augen schließen mußte, als gelte es, die Lichtquellen zu bewahren, die im Gemüt bei diesen Tönen aufbrachen. In der Dämmerung, unter den geschlossenen Lidern, war es, als hätten das Windesrauschen, der Klang des Bachs und das Lied des Vogels sich zu einer einzigen Harmonie vereint, die das Glück aller Wesen wie einen frohen Dank dem himmlischen Vater emportrug.
Als das Rotkehlchen sein Lied beendet hatte, flog es empor in die Krone der Linde, die es in ihrem goldgrünen Glänzen empfing, und lauschte nun dem Rauschen des mächtigen Baumes, wie alle anderen Geschöpfe es taten. Nun werde ich erzählen, was sie vernommen haben.
»Heute sollt ihr erfahren,« begann die Linde ihre Geschichte, »woher der Traulenbach, an dem wir alle wohnen, seinen Namen erhalten hat. Es sind nun wohl nach der Zeitrechnung der Menschen etwa dreihundert Jahre her, da trug sie sich zu. In diesem Zeitraum sind ungezählte Menschen geboren worden und gestorben, aber wenn sie sich auch oft recht verschiedenartig gebärdeten, anders sprachen oder dachten und ihre Gewohnheiten änderten, so sind sie doch immer dieselben geblieben, und dies ist wahr für die ganze Zeit meines langen Lebens. Im tiefsten Grund bewegen ihr Gemüt doch nur zwei große Fragen, um sie dreht sich ihr irdisches Geschick, wie auch das unsere, es sind die Fragen danach, was das Herz froh macht, oder was es betrübt. Alle anderen Fragen verlieren bald an Wert, alles andere vergeht rasch auf der Erde.
Und so sind sich durch alle Zeiten auch zwei Dinge an den Menschen immer gleich geblieben, das sind die Zeichen für die Freude und für den Schmerz, ihr Lachen und ihr Weinen. Nicht viele von euch sind alt genug geworden, und längst nicht alle werden alt genug werden, um jemals eines von den beiden zu erleben, aber glaubt mir, es gibt nichts, was tiefer erschüttert und inbrünstiger bewegt, als das Lachen oder das Weinen der Menschen. Beide müssen so unvermittelt aus den Gründen ihres Herzens brechen, wie das Licht aus den Feuerschlünden der Sonne, oder wie ein Quell aus den Tiefen eines Felsens. Niemals, solange ich Menschen gesehen habe, sind ihr Weinen oder ihr Lachen anders geworden, und so kann auch ihr Herz sich nicht verändert haben. Immer noch bricht es ihnen aus den Augen, wenn sie Schmerzen erleiden, in den gleichen klaren Tropfen wie am Anfang, sie sind nicht kleiner und nicht größer geworden, sie rinnen über ihre Wangen zur Erde nieder, wie helles Blut, eine nach der andern, unbeschreiblich geheimnisvoll, als ob der Glanz der Augen und das Licht darin nicht mehr zum Himmel emporstrebten, sondern zur dunklen geduldigen Erde heimverlangten. Wer einen Menschen weinen sieht, wird andächtig, alle guten Seiten seines Wesens regen sich und trachten danach, etwas zu tun, damit die Tränen des anderen aufhören zu rinnen.
Aber glaubt nicht, daß das Lachen der Menschen von geringerer Macht sei. Ein heiteres Lachen, das aus tiefster Brust emporquillt, ist dem Sonnenschein über grünendem Land oder einem Springquell zu vergleichen, der aufleuchtend und wie berauscht von seiner Frische, ins strahlende Himmelsblau emporbraust, um beseligt von der reinen Höhe, die seine Kraft erreicht hat, wieder niederzubrechen. Glockenklingen, hell wie ein Meer von Blüten, und das farbige Blitzen der zerbrechenden Sonnenstrahlen läuten und funkeln darin, aber zu tiefst im Lachen der Menschen erschallt es fein und verborgen von einem heimatlichen Bewußtsein des Glücks, als wären sie in solchen Augenblicken am Herzen der Erde geborgen.
Sagte ich euch nicht schon, weil beides sich in aller irdischen Zeit nicht verändert hat, daß auch das menschliche Herz im Grunde keinem Wandel unterstellt sein kann? So treffen alle wahren Geschichten über die Schicksale der längst dahingesunkenen Menschen auch auf die heutigen noch zu und um so eher, je schöner sie sind. Denn alles Schöne ist so eng mit dem Wahren verbunden, wie das Unwahre mit dem Häßlichen, daran kann niemand etwas ändern, denn es ist so in Gottes Rat bestimmt.