Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
Chapter 8
Der Elf mußte wieder lachen. Was gibt es für Gesellen, dachte er, und sein Herz war froh. Er war freundlich gegen den Käfer und hörte ihn an. Vielleicht kann ich etwas für ihn tun, dachte er, das wäre mir heute morgen besonders recht, wo doch alles umher in fröhlicher Fülle steht.
»Ja, der Mensch«, seufzte der Maikäfer, »fängt einen aus der Luft, mit der Hand, glauben Sie das?«
Der Elf nickte und verbarg sein Lachen.
»Man kann nachher sehen, wie man seine Flügel wieder in Ordnung bekommt, die vier. Ich habe nämlich vier Flügel, Sie wissen doch, nicht wahr? Sie haben, scheint mir, nur zwei, dafür sind sie aber weiß. Schöne Flügel übrigens, und sehr apart im Format. Nun, ich sprach vom Menschen. Er ist im Grunde gutmütig, ich werde nicht dulden, daß falsche Gerüchte über ihn verbreitet werden, es fehlt ihm nur an jeglichem Zartgefühl; merkwürdig ist bei ihm seine Vorliebe für unser Volk. Kommt der Mai, so verläßt er seine Behausungen, um uns zu finden, er schüttelt die Bäume und schaut nachher am Boden nach, ob wir heruntergefallen sind. Rührend ist sein Bemühen, später etwas mit uns anzufangen, es ist ihm aber noch nie gelungen. Er läßt uns in seiner Behausung fliegen und fängt uns wieder ein. Wozu wohl, glauben Sie, fängt er uns wieder ein? Bei Gott, nur um uns wieder auffliegen zu lassen! Er hört zu, wie wir summen, lacht und fängt uns wieder. Zuweilen läßt er uns auf einen anderen Menschen los, seltsam. Dieser andere Mensch weiß es nicht, er steht und spricht arglos von irgendeiner Sache, weiß Gott wovon, die Menschen haben ja ungemein viele Interessen. Wir laufen an dem Menschen in die Höhe, was bleibt uns übrig? Es wird Ihnen bekannt sein, daß man von erhöhten Punkten am besten abfliegen kann, und das will man doch, wozu sollte man auf einem fremden Menschen sitzenbleiben? Nun kommt eine Stelle am Menschen, weiß der Kuckuck, was mit dieser Stelle los ist, aber kaum hat man sie im Klettern berührt, da brüllt der Mensch auch schon auf und schlägt um sich. Einige springen sogar. Wenn unsereins diese Stelle wüßte, mein Lieber, er würde sie natürlich vermeiden, aber woher soll man wissen, wo diese Stelle ist?«
Der Elf lachte hell auf, es ging ein solcher Frohsinn von seinem Lachen aus, solch freie Heiterkeit, daß der Maikäfer mit einstimmen mußte.
»Nun ja,« sagte er endlich, »jetzt lacht man darüber, aber in solchen Lagen, wie ich sie eben geschildert habe, ist einem anders zumute. Man kann erschlagen werden, mein Lieber.«
»Was du da vom Menschen erzählst,« sagte der Elf nach einer Weile, »bezeichnet ihn nicht. Ich glaube, wenn die Menschen fröhlich und sorglos sind, so brechen heimlich die Glücksquellen ihrer Jugend in ihrer Brust auf, und sie werden wie Kinder. Die Erfahrungen, die du oder deine Gefährten gemacht haben, sind nur ein argloses Spiel der Menschen.«
»Ich danke,« sagte der Maikäfer, »ein argloses Spiel, bei dem ich unter Umständen einen Flügel einbüßen kann, bei dem es möglich ist, daß ich platt geschlagen werde wie eine Wanze, oder das mich im schlimmsten Fall mein Leben kostet, sehe ich anders an als Sie.«
»Wenn du sonst am Menschen nichts siehst, sonst nichts von ihm weißt, so wirst du ihm dies freilich schwer verzeihen«, meinte der Elf.
»Der Mensch soll aus der Luft greifen, was er will,« entgegnete der Maikäfer, »aber nicht mich.«
Der Elf lachte. »Du mußt nicht glauben, mein Lieber, daß ich den Menschen ohne Grund in Schutz nehme, ich kenne ihn gut und liebe ihn sehr.«
»Nun ja, Sie als Engel ...«
»Ich bin kein Engel, mein Lieber.«
»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Fragen Sie übrigens, wohin Sie kommen und wen Sie wollen, überall werden Sie Klagen über den Menschen hören. Gehen Sie zu den Vögeln, den Fischen, den Waldtieren oder den Ameisen, nirgends werden Sie das Lob der Menschen vernehmen. Oft ist mir, als ginge es wie ein Seufzen durch die ganze Kreatur, aber das werden Sie wahrscheinlich nicht verstehen. Ich bin viel nachdenklicher, als Sie glauben.«
»Doch,« sagte der Elf, »ich verstehe dich, und du hast ganz recht, aber nicht der Mensch ist schuld daran. In jenes Seufzen, das du zu hören glaubst, in die Angst und in den Schmerz aller Kreaturen dringt auch seine Klage, denn er ist, wie ihr alle, den irdischen Geschicken unterstellt und hat gegen Bedrängnisse, Elend und Tod nicht mehr Mittel als ihr. Er erwacht zum zeitlichen Leben, freut sich der himmlischen Sonne, Lachen und Weinen wiegen seine Seele, wie Tag und Nacht seinen Leib, und einst kehrt er zurück ins Dunkel der Erde, der Mutter, wie ihr alle.«
»Aber etwas muß den Menschen doch von allen anderen Geschöpfen unterscheiden, mein Lieber, wenn denn schon einmal wahr sein soll, daß er nicht schuld an unserem Unglück ist. Ich will es Ihnen glauben. Daß er sterben muß, weiß man ja, das ist bekannt, und wenn die Hauptsache stimmt, dann wird wohl auch das andere richtig sein. Sehen Sie, deshalb hätte ich so gern den Elfen getroffen, der vieles wissen soll, ich würde ihn gefragt haben: Was unterscheidet den Menschen von allen anderen Geschöpfen?«
»Ich will es dir sagen«, antwortete der Elf. Er sah bewegt in die Weite, denn er hörte ein leises Rauschen in der Linde und dachte an Traule.
»Sie? Nein, nein, mein Lieber«, entgegnete der Käfer. »Sie als Engel sind parteiisch. Es ist doch bekannt, daß sich die Engel der Menschen annehmen, daß sie gut von ihnen denken und das Beste mit ihnen im Sinn haben.«
»Glaubst du nicht, daß solche Leute, die das Beste im Sinn haben, die Wahrheit eher wissen als andere?«
»Also sind Sie doch ein Engel!« rief der Maikäfer triumphierend, und der Elf lachte.
»Ich bin es nicht,« sagte er, »aber ich will dir nun verraten, wer ich bin; ich hätte es schon getan, wenn du mir Gelegenheit dazu gelassen hättest. Ich bin der Elf, den du suchst.«
»Nein, so was!« rief der Käfer. Er schaute den Elfen an, und seine Augen glänzten. »Ach nein,« sagte er ganz still, »so ist es mir doch passiert, was ich wollte, wie schön ist das.« Er besann sich und atmete auf: »Hoffentlich nehmen Sie mir die Verwechslung nicht übel«, sagte er schüchtern. Und nach einer Weile des Schauens fuhr er fort: »Nun liegt es ja auch anders mit meiner Frage. Wenn Sie also so freundlich sein wollen und mir antworten?«
»Ich will es tun, so gut ich kann,« sagte der Elf, »aber du kannst ruhig du zu mir sagen.«
»Ich werde es versuchen«, antwortete der Käfer.
Ein paar Bienen kamen in ihre Nähe und grüßten.
»Ein Elf, ein Blumenelf!« riefen sie. Unten schaukelten sich Schmetterlinge über dem Korn, und hoch im Blauen zog ein großer Raubvogel seine stillen Kreise. Nirgends war ein Wölkchen zu sehen, es war ein unbeschreiblich schöner Tag. Klingen und Jubeln füllte die Luft, die von goldener Wärme flimmerte. »Schöner wird es nicht mehr im Jahr«, sagte der Elf. Es war, als schmiegte er sein helles Angesicht in das Glänzen, das ihn einhüllte, und er faltete die Hände, derweil der Wipfel des alten Baums, sein zartestes Reis im Blauen, ihn wiegte.
»Sicher weißt du alles Schöne,« meinte der Maikäfer, der ganz entzückt war, je länger er den Elfen betrachtete, »so sprich mit mir vom Menschen. Es ist wahr, ich habe nicht eben Gutes von ihm gesagt, aber du wirst zugeben, er hat auch seine schlimmen Seiten, dieser Große mit den aufrechten Schultern und dem weißen Angesicht. Wir fürchten ihn, verstehst du das nicht? Nicht alle nehmen ihr Geschick mit so viel Humor wie ich.«
Der Elf schien nicht recht zugehört zu haben; mitten aus seinem Sinnen heraus unterbrach er seinen braunen Nachbarn:
»Was den Menschen unterscheidet von allen anderen Wesen der Erde, hast du mich gefragt; darüber, Lieber, ist viel nachgesonnen worden, manche haben es bestritten und geglaubt, er sei im Grunde wie jedes lebendige Geschöpf, nur vollkommener. Aber das ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, in alle Ewigkeit nicht! Was ihn hoch über alle Kreaturen stellt, ist seine Vernunft.«
»Was ist das?« fragte der Käfer.
»Es ist sein freier Wille, groß und gut zu sein nach seinem Maß.«
»Aber glaubst du denn wirklich, Elf, daß alle Menschen ihn haben?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete nach einer Weile der Elf sinnend, »so genau kenne ich sie noch nicht, aber ich glaube, daß, wenn nur einmal ein Mensch es von ganzem Herzen und in Wahrheit gewesen ist, daß das ganze Geschlecht der Menschen damit entschuldigt wäre.«
»Ach, da sieh einer, wie du denkst!« rief der Maikäfer, »so könnte ja nach deiner Meinung ein Mensch dadurch, daß er aus freiem Willen groß und gut handelt, wie du sagst, gleich eine ganze Reihe anderer Menschen von ihren Schandtaten freisprechen.«
»Ja,« sagte der Elf einfach, »so ist es. Du kannst ja nicht ahnen, du kleines Tier, welch eine unfaßbare Fülle von Glanz und Lebenswärme schon aus einem guten Herzen erstrahlen kann. Seine Wirkung ist nicht immer erkennbar, wie die Erscheinungen, welche unsere Augen treffen, oder wie die Gegenstände, die unsere Hände berühren, aber sie ist wahr. Sieh, Lieber, das macht die Hoheit des Menschen aus, seine Würde, und das unterscheidet ihn von allen Lebendigen der großen Schöpfung, daß er den freien Willen hat, das Gute zu tun. Das macht ihn Gott ähnlich.«
»Ach,« sagte der Maikäfer, »nun sprichst du von Gott, ich weiß nichts von Gott.«
»Das ist auch nicht nötig,« antwortete der Elf und lächelte, »wenn Gott nur etwas von dir weiß.«
»Tut er das?« fragte das kleine Tier erstaunt.
Der Elf sah ihn ernst und liebreich an: »Bist du nicht einst glücklich und wohlbestellt zum Leben erwacht?« fragte er, »fandest du nicht Tag für Tag alles, was du zu deiner Erhaltung brauchtest; schien nicht die warme Sonne in deine frohen Stunden, und heilte die kühle Nacht im Schlaf nicht auch deine Sorgen? Schau' den Schimmer deiner schönen, starken Flügel an, das Geschick deiner Glieder und den gesunden Wohlstand deiner Sinne. Ist nicht für alles liebevoll gesorgt, dessen du bedarfst, und du fragst mich, ob Gott deiner gedacht hat?«
Es war eine Weile still; der Käfer schaute sinnend in die Weite der hellen Welt, dann sagte er:
»Du machst mein Herz so froh.«
Aus den Büschen unten am Bach klang der Gesang eines Waldvogels, von den Föhren wehte im linden Windhauch ein harziger Duft herüber, es war den Bäumen wohl in der warmen Sonne. Unermüdlich summten die Bienen in den Lindenblüten.
»Sieh nun,« sagte der Elf, »so gedenkt Gott all seiner Geschöpfe, auch der verborgensten und kleinsten, es ist keines, dem er sich nicht zuneigt, aber dadurch unterscheidet sich der Mensch von ihnen allen: er kann sein Haupt auch zu Gott emporheben.«
»Ich bin doch wirklich ein glücklicher Kerl,« antwortete der Maikäfer, »habe ich mir nicht gleich gesagt: du mußt mit dem Elfen sprechen, davon werdet ihr beide etwas haben! Es ist auch ungemein angenehm für mich, daß ich in der Lage bin, dir Glauben schenken zu können. Ich glaube nämlich alles sofort, was mir gefällt.«
Die Augen des Elfen verirrten sich in heimatloser Seligkeit im Himmelsblau, und mit einem Lächeln, das ihn weit mit sich fortzutragen schien, sagte er:
»Du seltsamer Geselle. Aber du und alle, die deiner Art sind, seid ohne Sorge ...«
Es war, als habe er niemanden angeredet, seine Worte klangen voll Hoffnung, und es lag eine Verheißung in ihnen, als gäbe es in hellen Fernen ein Reich, freier und herrlicher als selbst die Vernunft.
Vierzehntes Kapitel
Das sterbende Kind
Zwischen hohen Ahornbäumen, nicht allzu weit von der Waldwiese entfernt, lag ein altes Bauernhaus mit niedrigem großen Dach und kleinen Fenstern. Dort schimmerte um Mitternacht ein roter Lampenschein aus einem der Fenster, und Uku, die Eule, die das winzige rote Lichtlein in der Ferne sah, machte sich auf und flog über die Felder dorthin.
Das Licht zog sie an und erfüllte sie zugleich mit Ingrimm. Es war nun einmal ihre Meinung, daß es in der Nacht dunkel zu sein hätte, nur der Schein des Mondes oder der Sterne war ihr lieb. Daß aber in den Behausungen der Menschen bisweilen diese stillen roten Feuer aufglommen, die ihr Licht auf die Blätter der Bäume warfen oder weit in das Land hinein, wie rötliche Wege, die durch die Luft führten, machte Ukus Blut vor Erbitterung pochen. Aber doch vermochte sie sich nicht abzuwenden, und besonders, wenn die Nacht weiter und weiter dahinzog, und solch ein Lichtschein wollte nicht erlöschen, nahm ihre Unruhe und Begierde überhand, und sie mußte herzufliegen, fast gegen ihren Willen, um das Licht zu sehen.
So langte sie auch in dieser Nacht in den Ahornbäumen dicht vor dem erleuchteten Fenster an und schrie laut und klagend auf, und noch einmal und wieder, so daß alle Tiere, die des Nachts leben, erschrocken aufhorchten und mit dunklen Augen in die Nacht lauschten. Denn der Schrei der Eule in der Finsternis der schlafenden Bäume hat etwas unbeschreiblich Trauriges und zugleich klingt er grimmig und erbost. Er scheucht die Gedanken der Wesen auf und jagt sie durch die Nacht, die traurigen zuerst, und läßt ein verzagtes Sinnen in den Gemütern zurück.
Aber Uku wußte hiervon nichts, sie erzürnte sich im Grunde nur über das Licht und versuchte wieder und wieder durch ihre kurzen klagenden Rufe kundzutun, daß der Frieden der Nacht und ihre eigene Ruhe durch den roten Schimmer gestört wurden; sie sah auch nicht in die Stube des Hauses hinein und wußte nicht, was drinnen vor sich ging, und weshalb immer noch die Kerze brannte, obgleich Mitternacht schon vorüber war.
Im Zimmer lag auf seinem Bett ein Kind und starb. Es war ein kleiner Knabe mit dunklem Haar und einem nicht eben schönen Gesicht, seine Haare waren rauh und vom Fieber feucht, und die Züge seines Gesichtes bleich, wie auch seine Hände, die merkwürdig ruhlos über die Decke tasteten, als ob sie mit einem unsichtbaren Spielzeug umgingen. Der Knabe erfreute sich bei seinen Spielkameraden keiner Beliebtheit, weil er sich ihnen nicht anpassen konnte und verschlossen und schweigsam war.
Seine Mutter saß am Bett und schaute ihn unverwandt an. Eine Mutter will nicht wissen, ob ihr Kind schön oder unschön ist, sie liebt es so, wie es ihr gegeben worden ist, und fragt nur danach, ob es froh oder traurig ist, ob es ihm wohl ergeht oder ob es leidet, nicht aber nach seinem Wert; denn alles, was eine Mutter liebt, ist in ihren Augen so viel wert wie ihre Liebe, und es gibt nichts in der Welt, was wertvoller wäre als die Liebe einer Mutter. Und so bewegte das Gemüt der Frau, die am Bett ihres Sohnes saß, in dieser Nacht allein die Sorge, ob ihr Kind genesen würde oder ob es sterben müßte.
Da hörte sie die Eule in den Bäumen vor ihrem Fenster rufen, und ein furchtbarer Schreck durchfuhr sie, so daß sie, am ganzen Körper zitternd, aufsprang und ihre Hände auf ihr gequältes Herz preßte, das ohnehin vor Angst nicht mehr ein noch aus wußte. Die arme Frau ahnte nicht, daß draußen Uku nur das Kerzenlicht anschrie, sondern sie glaubte, was die Leute ihr erzählt hatten, daß ein kranker Mensch sterben müßte, wenn die Eule nachts vor seinem Fenster riefe. Das ist eine alte Sage, an die viele Menschen glauben. Sie ist dadurch entstanden, daß bei Kranken des Nachts Licht zu brennen pflegt, das die Nachtvögel anlockt. Aber die Eulen haben nichts mit der Verkündigung des Todes zu tun. Wenn die bedrängte Mutter in ihrer Not gewußt hätte, weshalb Uku in den Ahornbäumen schrie, so würde ihre Angst geringer gewesen sein; nun aber zitterte sie vor Schmerz und Entsetzen, denn sie glaubte, die Eule kündete ihr den Tod ihres Kindes an.
Nach einer Weile hatte sich Uku mehr und mehr an den Lichtschein gewöhnt, er blendete sie nicht mehr, und sie beruhigte sich etwas. Da die Fenster geöffnet waren, erkannte sie nun die Mutter am Bett ihres sterbenden Kindes, allein in der Nacht und in dem großen, dunklen Haus. Uku wurde deutlich, daß der Tod dort Einzug hielt, sie schwieg betroffen und schaute angstvoll hinab. Sie sah, daß das Kind sich im Fieber hin und her warf, und als es ärger und ärger wurde, klagte die hilflose Mutter laut auf und schrie zu Gott empor um Barmherzigkeit; denn sie hatte nur diesen einen Sohn und sonst auf der Welt nichts.
Da warf sich Uku in ihre lautlosen Flügel und flog auf die Waldwiese und weckte den Elfen.
»Elf,« sagte sie, »es stirbt ein kleiner Mensch, kannst du nicht der Mutter helfen?«
Der Elf sah betrübt auf und schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Macht über den Tod und darf nicht zu den Menschen sprechen«, sagte er. »Wenn das Kind sterben soll, so ist es in Gottes Rat beschlossen.«
Uku schwieg. Es war ihr wirklich nahegegangen, die Mutter vor Schmerzen in laute Klagen ausbrechen zu sehen. Sie dachte an die Zeit, in der sie selber noch um ihre Jungen in Angst und Liebesnot gewesen war, und verstand das Herzeleid der Mutter. Deshalb fragte sie jetzt noch einmal:
»Kannst du keine Hilfe bringen, Elf? Du hast schon so viel getan, daß es uns oft erschienen ist, als vollbrächtest du Wunder der Liebe. Hilf dem kleinen Menschen! Er wirft sich auf seinem Lager hin und her, und der Tod wird ihm schwer, aber mir war so, als stürbe seine Mutter den Tod hundertmal für ihn.«
»Wenn ich dem Kinde mein Leben geben könnte, so würde ich es tun, aber ich kann es nicht«, beteuerte der Elf.
»So tröste die Mutter!« rief Uku, »du bist gütig, und deine Worte sinken oft ins Herz wie ein Lied.«
Der Elf sah lange stumm vor sich hin, und seine Trauer nahm zu. Endlich sagte er ernst:
»Eine Mutter kann niemand über den Verlust ihres Sohnes trösten, Uku. Eher ist es möglich, eine Welt aus ihren Sünden zu erlösen als eine Mutter aus dem Schmerz um ihren Sohn. Ein Jüngling kann ein Mädchen vergessen, das er liebgehabt hat, eine Schwester kann die Liebe zu ihrem Bruder verraten, und selbst ein Freund soll den Verlust seines Freundes verwinden können, aber den Schmerz einer Mutter um ihren Sohn heilt niemand. So ist es bei den Menschen bestellt.«
»So fliege mir zulieb hinüber, Elf, und versuche es, ich bitte dich. Gehst du nicht in der Gestalt eines Engels einher, begleitet von Licht? Warum sollte es das Herz einer Mutter nicht erleichtern, dich zu sehen, da du doch uns alle gesegnet hast? Erlöse sie von ihrem Gram, bedenke, auch dich verlangt danach, einmal erlöst zu werden.«
Da breitete der Elf seine Flügel aus und flog davon, und Uku atmete tief auf und dachte: Nun wird alles besser werden.
Als der Elf auf dem verlassenen Hof im nächtlichen Land ankam, war das Kind gestorben. Er flog ins Zimmer hinein und ließ sich zu Häupten des Bettes nieder, über das die Mutter sich in ihrem Schmerz geworfen hatte. Sie bedeckte den erkaltenden Körper ihres Kindes mit dem ihren und preßte ihr Angesicht auf das erloschene Augenpaar des toten Knaben. Die stille Nacht nahm ihre Klage auf; in dem kleinen armen Raum, in dem sie wohnte, flackerte das Licht der erlöschenden Kerze an den weißen Wänden. Zuweilen hob sie ihr verhärmtes Gesicht, das von Leid entstellt war, und sah mit leeren Augen, die von keinen Tränen gekühlt wurden, in die Nacht hinaus. Nie hatte der Elf so viel Hoffnungslosigkeit und Anklage in den Augen eines irdischen Wesens gesehen, ihn kam ein Zittern an, und er brach in Schluchzen aus.
Da war es, als sein Schluchzen erklang, als lauschte die Mutter auf. Ein krampfhaftes Beben durchschüttelte ihren ganzen Körper, und während sie mit starren Augen auf dies leise Schluchzen lauschte, das von weit her zu kommen schien, brach es wie mit einer alten Erinnerung aus ihren heißen Augen hervor, glitzerte auf wie Nachttau und tropfte nieder, und eine unfaßbar wohltuende Erleichterung löste den brennenden Druck in ihrer Brust. Ihre Klage und ihr Geschrei verstummten, sie sank still in sich zusammen und weinte. Es war, als hätte eine alte Erdengnade Einzug in ihr Gemüt gehalten.
Der Elf wunderte sich und sann und sann. So hatte Uku recht behalten, aber er ahnte nicht, welche Wohltat er gebracht hatte; ihm war nur, als sei durch ein Wunder den Schmerzen der Mutter ein Ausweg geschaffen worden, die Bahn zum Himmel zu finden.
»Ich kann nicht helfen«, dachte er traurig, denn weil er ein Blumenelf war und kein sterblicher Mensch, so wußte er nicht, daß er den einzigen Trost gebracht hatte, den die Menschen in ihren größten Schmerzen annehmen können.
Fünfzehntes Kapitel
Der Fuchs
Eines Tages kamen zwei Wildenten den Bach heruntergeschwommen, ein vergnügtes Paar. Sie ließen sich treiben und machten sich hier und da am Schilf zu schaffen, wobei sie solange gegen den Strom rudern mußten, um nicht fortgetrieben zu werden. Ihr Schnattern füllte die warme Luft, zu allem, was sie erlebten oder fanden, mußte eine Bemerkung gemacht werden. Das Schilf stand damals schon ziemlich hoch, es war recht heimlich an den Ufern, das treibende Wasser schimmerte grün, und vom Sonnenschein zitterten überall goldene Tellerchen und Lichtstreifen. Im Lindenschatten der Waldwiese war es über dem Wasser am schönsten, das Licht war dort geheimnisvoll gedämpft, und die Blätter des Baums spiegelten sich in der Flut, sie zitterten und flatterten im Wasser, als ob der Wind sie bewegte.
Die Ente machte halt, suchte Grund für ihre breiten Schwimmfüße und blieb dicht am Ufer stehen.
»Ich werde hier einen Augenblick verweilen«, sagte sie zu ihrem Gatten und schüttelte sich. Ihr Mann sah hinüber, nickte ihr zu, kam dann auch und stellte sich neben sie.
»Darüber fällt es einem mal wieder ein,« sagte er in bester Laune, »was wir Enten alles können. Es gibt kein Tier, das so viel kann, man darf sie alle nacheinander durchdenken, es findet sich keines, das zugleich schwimmen und fliegen, auf dem Trocknen gehen und im Wasser sitzen kann. Denke an die Fische, meine Liebe,« fuhr er fort, »sie können schwimmen, das ist wahr, aber nur unten. Hast du einmal einen Fisch gesehen, der schwamm, während er den Kopf aus dem Wasser streckte?«
»Wenn du von Fischen sprichst,« antwortete die Ente, »so muß ich immer an die kleinen denken, die man essen kann, wenn es einem gelingt, sie zu fangen.«
Aber ihr Mann ließ sich nicht stören.
»Du bist so sprunghaft in deinen Gedanken,« sagte er, »niemals kannst du bei einer Sache bleiben. Höre jetzt genau zu.«
»Du sprichst ja auch von verschiedenen Sachen,« antwortete seine Frau, »hast du nicht vom Schwimmen, Fliegen und vom Gehen zugleich gesprochen?«
»Ich habe von den Eigenschaften der Enten gesprochen, meine Liebe, und nicht vom Essen. Für dich haben, scheint es mir, nur Dinge Bedeutung, die man hinunterschlingen kann.«
»Ißt denn etwa du selber nichts?« fragte seine Frau und schüttelte ihren Schnabel, als wenn sie den ganzen Kopf fortschleudern wollte. »Du hast einen Appetit, von dem man überall spricht, wo du bekannt geworden bist.«
»Aber natürlich, Liebe ...«
»Nun, siehst du? Was ist also?«
»Ach Gott ...« sagte der Enterich.
Sie waren schon lange zusammen, die beiden, und lebten eigentlich recht glücklich miteinander, das hätte niemand anders sagen können, aber ohne Zweifel war der Enterich eine Natur, die die Dinge gern beschaulich betrachtete. Er machte sich seine Gedanken über dies und das und sprach sie nachher auch aus, damit sie nicht umsonst gedacht worden waren. So kam es, daß er sich oft mit allerlei beschäftigte, was nicht unbedingt zu den praktischen Lebensfragen gehörte. Seine Frau dagegen hielt sich mehr an das, was man wirklich unter die Flügel oder in den Schnabel nehmen konnte. Das war ihm oft schmerzlich, gewiß, aber er hatte doch ein verständiges Einsehen dafür, daß man mit Gedanken allein keine Würmer aus dem Ufersumpf ziehen konnte, und daß einem kein junger Frosch in den Schnabel schwamm, weil über diesem Schnabel ein gediegener Gedanke über das Leben entstanden war. Aber kleine Reibereien gab es natürlich doch; denn Leute, die oft und gern über das Leben nachdenken, halten meistens viel von ihren Gedanken und haben gern, wenn man sie anhört und auch etwas davon hält.