Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott

Chapter 11

Chapter 113,902 wordsPublic domain

»Wie soll ich es dir beschreiben, mächtige Königin,« sagte er mit zitternder Stimme, »seit ich die Augen der beiden Menschen gesehen hatte, die sich im Glück ihrer Liebe umschlungen hielten, war mir ums Herz, als sei die ganze Erde hell. Ich habe geglaubt, das Licht käme aus ihren Herzen geströmt, wirklich ... und als ich dann aufschaute und die Morgensonne erblickte, war mir in meiner Verwirrung zumut, als käme alles Glück von ihrem Licht, und ich konnte nicht wie früher glauben, daß sie gefährlich und schrecklich sei. Ich vernahm um mich her die Stimmen der erwachenden Blumen und Tiere, und aus aller Mund klang der gleiche frohe Glaube.«

Da sprang die Königin auf und schlug vor ihrer Stirn die Hände zusammen vor Zorn und Trauer.

»Armes, verführtes Kind!« rief sie, »was hast du gegen das unvergängliche Dasein der Elfen eingetauscht! Weißt du denn nicht, daß alle Wesen, die der Sonne vertrauen, sterben müssen?«

Erschrocken über den Zorn der Königin trat der Elf ein wenig zurück.

»Das macht ja nichts ...« antwortete er schüchtern.

Es war wirklich so, als sollte in dieser Nacht im Reich der Elfen ein Wunder nach dem anderen geschehen. Die Königin stand plötzlich merkwürdig still, sie schien ihre ganze Sorge vergessen zu haben, und indem sie sich langsam mit großen Augen vorbeugte, sagte sie in höchstem Erstaunen:

»Wie, ist es wahr, du weinst? Seit wann kann ein Elf weinen?«

»Ich weiß nicht,« antwortete der Elf leise, »ich kann es ...«

Da raffte die Königin sich erschrocken auf, und indem sie ihre ganze Kraft zusammennahm, sagte sie:

»Wie frei und herrlich war dein Leben vor deiner unseligen Schuld! Dir war Schönheit und Macht verliehen, und du hast im hellen Flügelkleid die Irdischen beglücken können, nach deiner Wahl. Schmerzen und alles Ungemach der sterblichen Wesen sind dir fremd und fern geblieben, und dein Tod war nur ein liebreicher Traum des Vergessens, durch den du in unser Reich zurückkehrtest, um einst aufs neue als Blumenelf aus einem reinen Kelch zu steigen, so hell und einsam wie das Licht aus den Sternen bricht, oder wie ein Quell aus den Felswänden. Dein Wort tat Wunder, alle Wesen der Schöpfung dienten dir und segneten dich. Die Erde nahm dich auf, um dich aufs neue zu erlösen; weißt du das alles nicht mehr?«

Da rief der Elf laut:

»Die Erde kann nicht erlösen, nie die Erde!«

»Was soll dich denn erlösen, du Törichter«, entgegnete bestürzt die Königin. »So alt das Geschlecht der Menschen ist, solange sind Herzeleid und Klage von ihnen aufgestiegen, solange haben Erniedrigung und Schmach ihre Liebe begleitet, solange sind sie den bitteren Tod gestorben, der ins ewige Dunkel führt. In der Sonne vergessen sie ihr Geschick, in derselben Sonne, die nun auch dein Gemüt und deine Sinne verführt hat. Und ergeht es den übrigen Geschöpfen im Licht anders? Ihr Seufzen steigt wie Nebel vom Erdgrund, sobald die Sonne am Horizont gesunken ist, ach, und wieviel Tränen hat auch die Sonne selbst gesehen, die sie nicht hat stillen können! Dies alles weißt du, und was du erfahren hast, wird dir nur die Wahrheit meiner Worte bestätigen, und so frage ich dich nun, willst du zu uns zurückkehren und in deine alte Freiheit?«

Da antwortete ihr der Elf:

»Ich kann es nicht mehr.« Und als die Königin sich erhob und sagte: »So werde ich dir helfen,« legte der Elf die Hand auf seine Brust und sagte deutlich: »Ich will es nicht mehr.« Und als hätte sein Entschluß ihm Kraft verliehen, fuhr er mit leiser Stimme, aber ruhig und gefaßt fort:

»Was du über die Erde, die Sonne und ihre Geschöpfe gesagt hast, Königin, das ist wahr, aber du und alle aus deinem Reich, ihr kennt nur das Ungemach der Irdischen, aber ihr kennt ihr Glück nicht. Ich kann es dir mit Worten nicht sagen, dies Glück, das jetzt auch mein Teil geworden ist, und von dem ich mich nicht mehr trennen will. Wohl ist der Tod das dunkle Geschick der Irdischen, aber im Licht der Sonne, die alles blühen macht, blüht auch aus den Herzen der Sterblichen eine helle Blume der Freude. Ihr Name ist Liebe, der Grund, auf dem sie allein gedeihen kann, ist das Herz in seiner Freiheit.«

»Das Herz?« sagte die Königin mit blassen Lippen. Es war so still umher, daß ihre Frage wie ein Traumruf in ruhiger Nacht erklang, es war, als wagte niemand zu atmen. Da fuhr der Elf mit leiser Stimme fort, die vor Ergriffenheit zitterte:

»Ich kann das Herz nicht schildern, aber sein Reich ist unendlich, weit und klar. Seine Allmacht ist stärker als die Gedanken, seine Wärme gnädiger als das Sonnenlicht, und tausend und tausend Jahre haben seine Fülle nicht ändern noch trüben können. Alle Schwachheit des vergänglichen Geschlechts der Irdischen ist nur eine arme, zeitliche Befangenheit gegen seine helle und unzerstörbare Freiheit, und immer und immer wieder blüht aus seinem Grund die Liebe empor. Nur das Herz kann erlösen, Königin. Draußen, in der goldenen Gemeinschaft der Sonne, blüht es auf, was gilt den Gesegneten, die es in ihrer Brust bergen, noch das zeitliche Elend oder der Tod? Wie immer wieder die Sonne mächtig wird und die Erneuerungen des Frühlings erschafft, so wird in den Herzen immer wieder die Liebe aufbrechen, das macht die Fremdesten zu Brüdern, die Einsamen zu fröhlichen Gefährten und schließt die Verlassenen in eine unaussprechliche Gemeinschaft der Hoffnung ein. Das ist es, was ich erfahren habe, seit ich die Sonne und ihr Bereich kenne, aber ich weiß wohl, daß ich es nicht erklären und benennen kann. Es ist eine himmlische Ungeduld in mir voll Seligkeit, das Herz pocht und pocht, erst seit ich weinen kann, höre ich seinen Schlag. Es klingt warm, voll Angst, bald ist mir, als versänke es in Dunkelheit, dann wieder vermag ich sein Strahlen nicht zu fassen, und ich weiß, es wird blühen! Ich weiß es, wenn ich die Knospen auf den Wiesen sehe, oder den Vogelgesang höre, das Lachen der Menschen oder ihre Klage. 'Es wird alles, alles gut,' pocht das Herz, 'du sollst noch viel Größeres erfahren!'«

Der Elf schwieg, und wie beschämt von seiner eigenen Kühnheit senkte er sein Haupt, und ein schüchternes Lächeln kam in seinen Zügen auf, ein wehmütiges Lächeln der Zuversicht. Ach dies Lächeln! Könnte ich es mit meinem Geist erfassen und über eure Herzen ausschütten, wie Gott seinen Sonnenschein über die blühende Frühlingserde strömen läßt, für den Preis meines Lebens, ich täte es!

Kaum hatte der Elf seine Worte beendet, noch ging wie eine Woge das Erstaunen aller durch den Saal, da geschah das Wunder, daß sich in seinem Haar und um seine Stirn ein sanftes Glühen erhob, das, obgleich es milde und freundlich war, doch stärker erstrahlte als alles Licht des funkelnden Saals.

»Die Sonne!« schrie die Königin laut und sprang in hellem Entsetzen empor, »die Sonne!« Sie erhob ihre Hände und rief ein gewaltiges Zauberwort, unter dessen Klang der Saal erbebte, und das magische Licht ihrer alten Welt und mit ihr der unterirdische Raum und das Heer der erschrockenen Elfen versanken in grausige Erdtiefe, abgelegener und ferner, als die Sinne ermessen können. Es wehte kühl und traurig aus der Finsternis über den Elfen hin, und er vernahm aus der Nacht, die ihn umgab, eine dumpfe Klage, wie sie zuweilen vor dem hereinbrechenden Föhn schaurig über die Eisdecke der Gebirgsseen hinhallt. --

Am hereinbrechenden Morgen weckte das Tageslicht der Erde den Elfen. Er fand sich unter Farren im Moos liegen, zwischen den großen Wurzeln des Baums, der den Eingang zum Elfenreich hütete. Er richtete sich mit Taumeln auf und sah voll tiefen Erstaunens in das Morgenrot, das zwischen den Stämmen leuchtete. So war er nun dem alten Heimatreich für immer entrückt, sein Zauber hatte die Gewalt über ihn verloren, und es war ihm nach seinem Willen geschehen, nun unter den Sterblichen der Erdoberfläche ein Vergänglicher zu sein, wie die anderen alle.

Als die Sonne ihr funkelndes Strahlengold über die heitere Landschaft ergoß, als die fernen Seen aufblitzten wie silberne Himmelreiche, im Morgenrauschen der Wälder verloren, als die ersten Stimmen der erwachenden Tiere ihn begrüßten und der Tau seine Stirn kühlte, zog ein froher Mut in sein Herz ein. Mit Singen erhob er seine Flügel und flog durch den Morgenglanz der erfrischten Welt auf die Waldwiese zurück, zu den Pflanzen und Tieren, den Freunden seines Lebens.

Siebzehntes Kapitel

Das Reich

Langsam wurden nun die Tage kürzer, und die ersten Silberfäden der Wanderspinnen hingen in den Büschen oder sie zogen so lautlos durch die klare Luft, als ruhten sie auf unsichtbaren Schwingen, wie überall umher das sommerliche Waldglück in freier Gestilltheit träumte. Aber seit diese glitzernden Fäden zu sehen waren, kam mit ihnen eine heimliche Wehmut auf, als sänge eine Frauenstimme in einem verlassenen Haus, oder als wendete ein Scheidender sich nach einer liebgewonnenen Stätte um, die er nicht wiedersehen sollte.

Die Berberitzensträucher am Rand der Waldwiese sahen unter der roten Last ihrer kleinen Früchte aus, als wären sie über und über mit Korallen behängt, die vereinzelten Vogelrufe zogen durch das Wunder ihrer zarten Gestalt, wie auch die Luft und die kühlere Sonne. Die Nächte waren von niegesehener Klarheit, die Gestirne funkelten so deutlich und nah, als wünschten sie ihr strahlendes Bild in alle Seelen einzuprägen, und die Gedanken der lebendigen Wesen, die über dem scheidenden Sommer in Schwermut sanken, mußten zu ihnen emporziehen, ob sie wollten oder nicht.

Zu dieser Zeit begann die Linde an einem hellen Abend eine andere Geschichte von den Menschen und erzählte:

»Im Laufe meines langen Lebens, dessen Dauer ihr Lieben, meine Blumen, Pflanzen und Tiere in eurem Sinn nicht ermessen könnt, habe ich viele Menschen unter meinem Schatten beherbergt, ich habe sie von sich und anderen sprechen hören, ich kenne viel von ihrem Verlangen, ihren Schmerzen, ihrer Freude. Frühling für Frühling, im beständigen Wechsel der Jahreszeiten, hat sich meine Erfahrung auf seltsame Art erneut. Ich habe das Große des Irdischen um so besser behalten, und das Geringe hat sich verloren, als sei es kein Teil meiner Erinnerung. So ist es mir ähnlich ergangen, wie es einem alten Geschlecht unter den Menschen ergehen kann, zuletzt erben die jüngsten Sprossen zuweilen die Herzenserfahrung ihrer Väter als ihr Gut, sie werden mit weisen Augen geboren, zugleich mit unvergänglicher Jugend und bergen den Seelenreichtum ihrer Ahnen im großen Gemüt.

So habe ich in meinen tausend Jahren oft von der Geschichte eines Mannes vernommen, immer wieder erklang sein Name, und was ich durch den Wandel der Jahrhunderte von seinem Wesen behalten habe, was Frühlinge und Herbste, der Schlaf des Winters und das Ungestüm der Stürme in mir nicht haben auslöschen können, das will ich euch heute erzählen, da nun der Sommer zur Neige geht, und mit ihm manches Leben unter mir entschläft, um in dunkler Ruhe seiner Vollendung zu warten.«

Es waren an jenem Abend, an dem die Linde ihre Geschichte begann, fast alle Geschöpfe der Waldwiese versammelt, die euch bekannt geworden sind, und noch viele mehr. Auch der Elf saß mit gestütztem Kinn auf einem Moospolster unter einem hohen Farrenblatt und lauschte. Seine Augen waren groß und still und suchten die schimmernde Weite des späten Sommertages. Wer ihn näher kannte und liebte, hatte in der letzten Zeit eine zunehmende Traurigkeit bei ihm wahrgenommen und stärker als jemals jene himmlische Ungeduld seines Wesens, die sich wie ein Licht auf alle übertragen hatte, mit denen er in Berührung gekommen war. Er mußte nun oft an seine Begegnung mit der Lerche denken, und an ihre Worte, als sie ihm gesagt hatte: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.« Sie sang nun schon lange nicht mehr, und einen Sommer hindurch harrte der Elf auf seine Erlösung. Wann sollte ihm jene Liebe endlich begegnen, die größer als alle Liebe war, die er empfunden oder gegeben hatte, und die ihn zu seiner Heimkehr erlöste, nach der er sich sehnte? Wohl hatte er seine Hoffnung nicht verloren, aber sie war traurig geworden, und oft, wenn nun in kühleren Nächten die Sterne auf sein Lager schienen, hatte er leise gesungen, im Dunkeln:

Trauer du, mein irdisch Los, über deinen bittern Gaben, will ich meine Seele groß, will sie stark und glänzend haben.

Ihm war, als brächte ihm sein Lied aufs neue die Gewißheit seiner Bestimmung, als riefe er sie singend herbei, aber doch mußte er zuweilen daran denken, daß vielleicht seine Erlösung noch in weiter Ferne lag, und daß die strahlende Erde, auf die er gebannt war, doch in all ihrer Schönheit keine Liebe kannte, so groß, wie er ihrer zu seiner Heimfahrt bedurfte.

Dies kam ihm auch heute in den Sinn, als die Linde ihre Geschichte begann, denn sie begann feierlich und sehr ernst, aber er konnte seinen Gedanken nicht nachhängen, denn es erhob sich ein sanfter Wind, und der alte Baum fuhr fort zu erzählen:

»Es ist länger her, als auch die ältesten Bäume ermessen können, da war einst in einer prächtigen Königsstadt des fernen Ostens ein großes Fest, zu welchem die Menschen aus allen Gegenden des Landes herbeigeströmt waren, um daran teilnehmen zu können. Durch das Gewühl der fröhlichen Menschen ging ein Knabe, der niemandem auffiel, der ihn nicht näher betrachtete, denn er war einfach bekleidet und schmal von Wuchs; was ihn vor anderen auszeichnete, war der Glanz seiner Augen, deren Blick, eigenartig und schüchtern in sich versunken, doch zugleich in weite Ferne zu schweifen schien, wie ein ruhiges Wasser in seiner eigenen Tiefe ruht und doch zugleich den Himmel spiegelt.

Er schritt langsam dahin, durch die heiße Sonne des schönen Tags, nachdenklich und froh, nach Knabenart, und es mag gegen seinen Willen geschehen sein, daß er sich nach einer Weile vor dem Eingang des mächtigen Tempels befand, der ruhig dalag, da kein Gottesdienst abgehalten wurde. Der Knabe schritt die breite Treppe empor und öffnete mit Mühe die schweren Vorhänge, die in das dämmerige Licht der feierlichen Halle führten. Gelassen betrat er das Heiligtum, heimlich beglückt und ohne Neugier, aber mit dem zitternden Herzen seiner Erwartung.

Es war fast leer unter den zwei erzenen Säulen der Vorhalle und kühler als draußen in der Sonne. Aus den Nischen blinkte goldener Schmuck aus Wandgemälden und gewirkten Teppichen. Der innere Raum war unermeßlich hoch und groß, zwischen den Knäufen der Säulen hing ein funkelndes Gitterwerk, sieben geflochtene Reife, wie Ketten. Die Wipfel der Säulen öffneten sich wie Lilien. Aus einer der Nischen im Hintergrund erklang eifriges Reden, der Knabe vernahm dunkle gewichtige Männerstimmen und erregte Einwürfe, die seltsam widerhallten und durch den Schall im Raum eine geheimnisvolle Wichtigkeit bekamen.

Als er hinzutrat, erkannte er am ehernen Gestühl dicht neben dem vergoldeten Altar mit den heiligen Broten eine Gruppe von Priestern und Gelehrten, die über wichtige Fragen, welche Gott und sein Reich angingen, in heftigen Streit geraten waren. Da schritt er hinzu und lauschte, bis eine der Aussagen der Streitenden ihm ins Herz sank, und er trat in ihren Kreis und fragte nach dem Sinn der vernommenen Worte. Die Angeredeten waren sehr erstaunt, als unerwartet ein fremder Knabe in ihre Mitte trat und sich in ihre Anliegen mischte. Ein alter Mann unter ihnen, an den der Knabe mit klarer Stimme und ernstem Angesicht seine Frage gerichtet hatte, erhob zornig sein ehrwürdiges weißes Haupt und wies den Eindringling mit ausgereckter Hand aus ihrer Mitte, aber noch ehe ein mißbilligendes Wort über seine Lippen kam, begegneten seine Augen denen des Kindes, und er schwieg betroffen, denn ihm war, als ob ein Leuchten von der Stirn dieses Knaben sank, und der Glanz seiner Augen erschien ihm so liebevoll in seiner Klarheit, daß er sich besann und gütig antwortete. Aber wie groß war sein Erstaunen, als der Knabe seine Hand ein wenig hob, und indem er sinnend in die Dämmerung des Tempels schaute, sein kindliches Haupt schüttelte.

'Glaubst du mir nicht?' fragte der Alte betroffen.

Die Anderen hatten sich schweigend und neugierig um die beiden versammelt, und es ist ein seltsames Bild gewesen, als das Kind in der Gruppe der weißhaarigen Alten stand, die einander über die Schultern sahen, mit erstaunten, spöttischen und mitleidigen Angesichtern. 'Laß ihn doch gehen', erhob sich eine Stimme, und ein anderer meinte, es sei nicht Sitte, daß Kinder im Tempel das Wort ergriffen. Aber da wandte sich der Knabe ihm zu, sah ihn an und sagte mit freiem Lächeln:

'Dies ist das Haus meines Vaters.'

Seinen Worten folgte ein befangenes Schweigen, denn sie waren mit großer Zuversicht und so einfach gesagt, als handelte es sich um den irdischen Vater, von welchem der Knabe sprach und nicht um den himmlischen; aber der ehrwürdige Greis, der sich des Kindes zuerst angenommen hatte, hob die Hand gegen die anderen, die sich zu Fragen und zum Widerspruch anschickten, winkte ihnen begütigend zu und sagte:

'Hat er nicht recht mit seinem Glauben? Gott ist unser aller Vater, so ist er auch der seine. Aber nun sage mir, Kind, weshalb hast du den Kopf geschüttelt, als ich deine Frage beantwortete, mit welcher du zwischen uns getreten bist?'

Und da geschah das Wunder, von welchem lange die Priesterschaft des Landes bewegt wurde und das bis weit in alle Schichten des Volkes drang. Der Knabe legte seine Hand auf die Blätter des heiligen Buchs, das den Altar schmückte, und seine Fragen über den Sinn der ältesten Hoffnung des Volks und der seligen Verkündigungen der Väter entzündeten die Herzen der gelehrten Männer zu unbeschreiblicher Wehmut. Es war, als sänke unter der Begierde und unter dem Anspruch dieses Kindes ein jahrtausend alter Staub von den vergilbten Blättern, und der Sinn ihres Inhalts schien zu leuchten, wie die Augen des Knaben, der sprach. Da wich alle Besorgnis und jeder Hochmut der Priester ihrem Verlangen, den Glanz dieses Geheimnisses zu ergründen, das unter ihnen waltete. Sie fragten dieses und jenes, was sie in Zweifeln und in Not bedrängt hatte, aber nicht wie Lehrer und Gelehrte fragen, sondern mit bebendem Herzen und tief betroffen über die Antworten des fremden Knaben.

Aber noch ehe sie recht ermessen hatten, was ihnen begegnete, hörten sie die Stimme einer Frau, die herzueilte und laut und glücklich einen Namen durch das Gotteshaus rief. Sie stürzte auf den Knaben zu, schloß ihn in ihre Arme und weinte vor Sorge und Glück.

'Wir haben dich drei Tage in der ganzen Stadt gesucht, mein Kind', rief sie mit zitternder Stimme. Aber ihre Freude war viel größer als ihr Zorn, und auch der Vater, der herzueilte, ergriff die Hand seines Sohnes, schweigend vor Erstaunen und Ehrfurcht, ihn vor dem Heiligsten des Tempels im Kreise der mächtigen Gelehrten zu finden.

Das Kind folgte seinen Eltern ohne Widerspruch und begleitete sie, ihrem Willen gehorsam. Die Priester sahen einander betroffen an, diese lächelten befangen, ohne ihrer Verwunderung über das Geschehene Herr werden zu können, jene sahen dem Knaben nach, und andere senkten ihre Stirnen in Nachdenklichkeit, aber allen war, als wäre ein Schein unter ihnen zurückgeblieben, wie kein Wissen und keine Priesterwürde ihn auszubreiten vermögen, sondern nur das Herz, das unendliche, weite, klare.

Da sagte einer von ihnen und hob sein Haupt:

'Welch eine Zeit bricht an, daß uns Weise ein unmündiges Kind durch sein Verlangen beschämt?'«

* * * * *

»Ich habe kein Wissen und bin nicht gelehrt,« fuhr die Linde nach einer Weile fort, »ich habe nur die Einwirkungen der Natur erkennen gelernt, ich sah in mir und um mich her Erblühen und Vergehen, Lust und Schmerz und eine stete Wiederkehr der Freude. Dies ist meine ganze Weisheit bis auf den heutigen Tag geblieben, und ich will keine andere, denn in ihr war ich glücklich. In ihr sehe ich das Bild des Mannes, von welchem ich euch erzähle, und allein in ihr vermag ich es euch darzustellen, Gott gebe meinen Sinnen Unschuld. Wir sind alle aus der Freude geboren und kehren zu ihr zurück.

Aus jenem Knaben, der im Hause Gottes die Priester in Erstaunen setzte, wurde der Mann, dessen Geschick ich euch erzählen will. Erst nach vielen Jahren tauchte er wieder unter den Menschen auf, und ich hörte, daß niemand in Erfahrung gebracht hat, wo er bis an die Grenze seines Mannesalters geweilt habe. Er soll einfach gekleidet gewesen sein und nicht nach Sitte der Gelehrten seiner Zeit, er trug einen Mantel wie ein Kleid, sein rauhes Haar fiel auf seine Schultern nieder, und als er damals unter das Volk trat, hatte er weder ein Haus, noch irgendwelches Eigentum, noch auch nur einen Ort, wo er hätte ruhen können. Er arbeitete nicht und ließ keine Sorge um sein irdisches Ergehen in sein Herz finden, denn sein Glaube war, daß der Vater im Himmel sich aller annähme, die ihn von Herzen suchen. Obgleich er allein war und niemanden um Liebe bat, auch um keines Menschen Freundschaft warb, fanden sich Männer, die sich ihm anschlossen und die keine Macht der Welt mehr aus seiner Nähe und aus seiner Gefolgschaft verbannen konnte. Man erzählt, daß sie ihn erblickt und die Worte vernommen hätten, die er zu den Leuten auf der Gasse sprach, und daß sie ihn darauf liebgewannen und sein armes Dasein mit ihm teilten. Sie ließen ihre Arbeit, ihr Haus und ihre Angehörigen ohne Bedenken zurück, um immer bei ihm zu sein.

Man sprach bald im Land von diesem seltsamen Mann, aber man verstand ihn nur selten, denn was er den Menschen über die Liebe sagte, war so neu, so sonderbar und zugleich so strahlend in seiner Einfalt, daß die meisten erstaunt, erzürnt oder geblendet aus seiner Nähe wichen und ihn zu hassen begannen, denn er störte sie in der falschen Ruhe ihrer Herzensarmut. Er sprach nicht über alle jene Dinge, die sie Tag für Tag beschäftigten, nicht über ihre kleinen oder großen Sorgen, nicht über die Landesverwaltung, noch über die Sitten und Gebräuche, sondern er sprach über das Reich der Seele und über das Wesen der Liebe.

Eines Tages erstieg er einen Berg, nahe bei einer großen Stadt und begann, den Vielen, die ihn begleitet hatten, zu sagen, was sein Herz bewegte.

Er stand hoch und allein im Sonnenschein, in seinem schlichten Kleid, achtete nicht darauf, wie viele es waren, die ihm zuhörten, noch ob sie ihn wohlgesinnt oder feindlich betrachteten, er vergaß das Ungemach, das ihm von Menschen geschehen war, und sprach, als durchschiene ihn das Licht, in dem er stand, und seine Worte erklangen und leuchteten von Gedanken, als ob auch sie aus diesem Licht geboren wären.

Unter seinen Worten sanken alle vergänglichen Werte der Erde dahin, als seien sie nichts, Reichtum, Macht, Ansehen vor den Menschen und alle zeitlichen Güter, und an ihre Stelle setzte er zum Wert der Welt die Liebe. Ihren Glanz nannte er das Reich, und er verhieß es nicht den Mächtigen und Starken, sondern denen, die reinen Herzens sind, denen, die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ersehnen; sie nannte er das Licht der Welt.

Als bei seinen Worten in den Herzen der Menschen, die ihm mit Zittern und Andacht lauschten, die Angst um den Bestand ihres irdischen Daseins sank, lenkte er ihre Blicke aus dem Wirrsal ihrer täglichen Lebenssorgen hinüber in die Ruhe der Felder, in den Frieden der Natur, und sprach von den Blumen und Vögeln, die nicht säen und nicht ernten, und die doch empfangen, was sie brauchen. 'Sorgt nicht für euer Leben,' rief er laut, 'ihr seid viel mehr als sie! Trachtet zuerst nach dem Reich, so wird euch alles andere zufallen.'

Das Bild und der Glanz des Reiches wurde unter seinen glühenden Worten zu einer neuen Heimat im Gemüt. Sorge, Haß, Feindschaft und selbst der Tod erloschen in diesem blühenden Lichte, wie vor der aufgehenden Sonne im Tal die Nebel der Nacht versinken. 'Ich bin zu euch gekommen, um alles zu erfüllen, was die Sehnsucht unserer Väter erfleht hat, ihr sollt mit mir vollkommen sein, wie Gott im Himmel vollkommen ist.'