Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott

Chapter 12

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Das Reich, von dem er sprach, wohnte und regierte im Tempel der Seele. Der Name Gottes und der Name der Liebe verwoben sich unter seinen Worten zu einer Einheit in unvergänglicher Freiheit. In seinem Herzen glühte der Wunsch, daß die Menschen sich von den vergänglichen Gütern der Erde abkehren möchten und sich unvergänglichen zuwenden. Mit heiligem Zorn und brennender Hoheit der Verachtung wandte er sich an die Schar der Landespriester, die unter dem Volke standen und ihm zuhörten, und er strafte sie um ihrer toten Gesetze und um ihrer Halbheit willen.

Die Ergriffenheit und das Entsetzen der Menge nahmen überhand, er erschien den Menschen bald als ein himmlischer Gesandter eines ganz neuen Friedens, bald war ihnen, als müßte ein Gericht des Himmels diesen glühenden Geist der Verheißung und der Prophezeiung davonreißen. Aber nun wandte er sein Angesicht zum Himmel empor und sprach mit Gott, als sähe er ihn von Angesicht. Die erschütterten Menschen warfen sich zu Boden, ihnen war, als beschwöre die Inbrunst dieser Stimme Gott von seinem Thron nieder, mitten unter sie. Sie glaubten, er würde Gott zum Zeugen seines Rechts anrufen und Macht und Gewalt über die Erde für sich erflehen, aber er bat nur um Brot, darum, daß ihre Schuld vergeben sein möchte, und daß sie vor Unrecht bewahrt blieben. Wie in einem unendlichen Jubel des Glücks rief er mit zitternden Lippen zu Gott empor. 'Dein ist das Reich!'

Der Abhang des Berges erschien wie ein Saatfeld nach dem Werk des Schnitters. Der Sonnenschein flimmerte in warmen Lichtschwingungen, und fern über den Gärten sangen die Lerchen im Himmelsblau.

Niemand könnte die Wirkung seiner Rede schildern. In Glück, Andacht und Entsetzen verließen die Menschen ihn, als er sie schloß, und der Ruhm seines Namens verbreitete sich im Land und weit über die Grenzen hinaus.

* * * * *

Dieser unbekannte Gesandte einer neuen Botschaft, die die Liebe zum Wert der Welt erhob, zog weiter durch das Land und sprach auf den Märkten und Straßen zu den Menschen. Er fragte nicht danach, ob ein Mensch gute oder schlechte Eigenschaften hatte, sondern nach dem Verlangen seines Herzens. Das Heimweh der Menschen war ihm wertvoller als ihre Tugenden, denn er hatte kein Gefallen an Opfern, sondern nur an Barmherzigkeit. So nahm er eine Verworfene an sein Herz, als er die Trauer ihrer Demut sah, aber er verwarf die Opfer eines reichen Mannes, dessen Herz sich nicht von allem trennen konnte, was er hatte. Aber wo er Glauben an sein Reich der Liebe fand, entschuldigte er alles, und wenn er jemandem half, so bekümmerte es ihn nicht, welchem Land oder welcher Kirche er angehörte. Das Leid der Menschen zog ihn an, er folgte ihren Schmerzen, als wäre er um ihretwillen gekommen, er konnte sich keinem Elend verschließen. Einmal kam ein fremder Kriegsherr zu ihm, der ihn kaum kannte, und nur von ihm gehört hatte, und bat ihn, er möchte seinen kranken Knecht gesund machen. Da antwortete er ihm:

'Ich werde kommen und es tun.'

Aber der Fremde lächelte abwehrend und rief:

'Ich bin nicht wert, daß du in mein Haus kommst, sag' nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund werden!'

Mit einem heißen Erschrecken der Freude über das Vertrauen, das in diesen Worten lag, wandte der Angeredete sich seinen Freunden zu. Er verbarg die Tränen, die sich in seine Augen drängten und sagte:

'Unter euch habe ich solchen Glauben nicht gefunden.'

Dann wandte er sich dem fremden Kriegsherrn aufs neue zu und sagte ihm, als wäre nichts geschehen, das eines Dankes wert sei, daß er daheim seinen Knecht gesund finden würde. Und wirklich fand der Herr seinen Knecht gesund.

Solche Macht war ihm gegeben. Niemand begriff, woher sie ihm kam, aber er lächelte und sagte: 'Ihr alle könntet Berge versetzen, wenn ihr nur so viel Glauben an die Liebe hättet wie ein Senfkorn.'

Seine Freunde, die ihn begleiteten, verstanden ihn nur selten. Oft fürchteten sie ihn, häufiger waren sie um ihn besorgt. Besonders seit er einmal allein, mit einer Geißel in der Hand, in das Gotteshaus gegangen war und die Händler vertrieben hatte, die dort ihre Tische aufzustellen pflegten, empfanden manche ein heimliches Grauen vor seiner Kühnheit. Denn er hatte den Leuten ihre Geldschalen mitsamt ihren Waren zu Boden geworfen, so daß ihre Habe durcheinander rollte. Ihre Wut beachtete er so wenig, als ob eine mächtige Schar ungezählter Engel ihn unsichtbar begleitete und ihm Macht über alle Macht der Erde verlieh. So fürchteten seine Freunde sich oft vor seiner Strenge und der Unerbittlichkeit seiner Forderungen und seines Willens zum Guten, aber als sie ihn einmal in ihrer Besorgnis fragten, antwortete er ihnen:

'Wer meine Worte hört und glaubt nicht, den werde ich nicht richten, denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Menschen richte, sondern daß ich sie glücklich mache.'

Obgleich er viel und zu allen Leuten sprach, sagte er doch, daß niemandem ein Gut der Seele gegeben werden könnte, der nicht schon reich an Kraft des Gemüts war; so redete er auch von solchen, die für das Reich erwählt seien und von solchen, die es nicht finden sollten. Denn er kannte den alten Irrtum der Welt, daß jemand Liebe empfangen kann, der keine zu geben hat. Er wußte, daß nur diejenigen Liebe empfangen, die Liebe haben. Er wollte nicht, daß die Menschen dem Bösen widerstrebten, und sagte, daß niemand seiner wert sei, der nicht alles aufgäbe, was er hätte.

Aber die hohe Freude seines Gottbewußtseins wechselte oft mit tiefer Niedergeschlagenheit, denn er war ein Mensch, und wie alle Menschen, von denen ich euch erzählt habe, den irdischen Geschicken unterworfen. Sagte ich euch nicht, als ich euch von Traule erzählte, daß Leid und Freude aus der gleichen Quelle entspringen, und daß sie gleicherweise hervorströmen, wenn die geheimnisvollen Gründe der Brust erschlossen sind? So ging dieser einsame Verkünder des Reichs oft allein vor die Stadt auf einen Hügel, der mit Olivenbäumen bestanden war, und wenn er auf die Wohnungen der Menschen niedersah, überwältigte ihn sein Gram über ihre Armut, und er weinte. Er ahnte, daß nur wenige im Lauf aller Zeiten ihn verstehen, und daß sie ihn töten würden. Und er wußte, daß er sterben mußte, um den Menschen zu zeigen, daß er selbst sein Leben gering achtete, gegenüber der unverbrüchlichen Beständigkeit des Reichs.

Als er einmal seine Zweifel, die Angst seiner Seele und das Übermaß seines Liebesverlangens nicht mehr ertragen konnte, trat er vor einen seiner Freunde hin, und mit einem tiefen Seufzer entrang sich seiner Brust die Frage:

'Hast du mich lieb?'

Sein Freund sagte zu ihm: 'Du weißt so viele Dinge, du weißt auch, daß ich dich lieb habe.'

Aber er fragte noch einmal und ein drittes Mal. Es kamen ihm in heißer Sorge die Menschen in den Sinn, die wie er um ihrer Liebe willen auf der Erde Schande, Erniedrigung und Not erleiden mußten, und die Angst zerdrückte sein Herz. Er bat seinen Freund, er möge ihn nicht vergessen und nicht die Hoffnung, nicht das Licht, die sein Herz bewegt hatten. Es war, als ahnte er, wie arg die Menschen einst seine Worte entstellen, und daß sie aufs neue die Freiheit zum Gesetz erniedrigen würden. Ein anderer seiner Freunde hat nie aufgehört, seinen Herrn zu lieben, er ist an seiner Liebe gestorben, wie eine Blume, im Glanz der strahlenden Sonne, an ihrer Seligkeit. Sein Geist sank in Nacht, weil seine Seele sich so schrankenlos dem Licht zukehrte, daß ihr das Irdische fremd wurde, wie die Dunkelheit. Aber bis in seinen letzten glühenden Traum sah er die Schönheit seines Herrn.

Wie sollte ein irdischer Mund diese Schönheit schildern? Um das Licht seiner Worte sind seither auf der Erde mehr Kämpfe gefochten worden, als um jeden anderen Namen, Kriege sind um ihn geführt, wie niemals vorher. Nie hat die Erde mehr Blut als um seinetwillen getrunken. Die Schar der Märtyrer ist ohne Zahl, ja es ist, als habe seit jenen Tagen die Welt ihr Angesicht verändert und sich der Hoffnung auf ein ganz neues Ziel zugekehrt, denn glaubt mir, dem Reich, das dieser Mensch im Geist sah und im großen Herzen trug, dem Reich der Liebe, ist jede Lauheit und jede Halbheit fremd, seine Welten glühen wie von heiligen Feuern, und sein Friede ist Kraft. In ihm ist der Schrecken der Welt, das Böse, überwunden und mit ihm der Tod, den der große Prophet dieses Reichs gering achtete, wie ein Kind die Nacht, der der Morgen folgt. Und da sollte der Tod nicht furchtbarer als je sein vergängliches irdisches Recht geübt haben?

Der Verkünder des Lebens aber ging in seiner Zeit einher wie ein Kind im Gemüt, wenn auch an Geist ein Mann und von mächtigem Willen. Immer ist mir zumut, als sähe ich ein einziges Glühen von Freude und Trauer und unaussprechlicher Hoheit eines edlen Menschentums, wenn ich seiner gedenke. Nie werde ich vergessen, was eines Tages geschah, als ihm der Tod begegnete.

Einer seiner Freunde, den er geliebt und in dessen Haus er oft geweilt hatte, war gestorben, und als er kam, um ihn zu sehen, ruhte der Tote schon seit Tagen in seinem Grabe.

Seine Freunde sahen, wie er sein Gesicht vor Schmerz verbarg, aber wie erschraken sie, als er plötzlich sein Haupt erhob, und sie einen so gewaltigen Zorn in seinen Zügen erblickten, daß sie entsetzt vor ihm zurückwichen. Er stand totenbleich vor dem Grabe seines Freundes, seine Fäuste waren geballt, und unter seiner bleichen Stirn brannten seine Augen, zum Himmel emporgerichtet, als sähe er Gott von Angesicht. Es brach eine furchtbare Drohung aus seinem Mund, er schüttelte die Fäuste gegen die finstere Erde, die der Gewalt des Todes gehorchend, seinen Freund verschlungen hatte. Es war, als beschwöre er die Allmacht der Liebe, und sein Liebeswille wuchs an in ihm, wie ein strahlendes Ungewitter. Es herrschte Totenstille um ihn her, nie hat der Glaube an die Ewigkeit des Lebens irdisch ein gewaltigeres Feuer in der Seele eines Menschen entfacht. Mit zitternden Händen und von Furcht wie geblendet, gehorchten seine Freunde, als er ihnen befahl, die Steinplatte zu heben, unter der der Tote lag, und das Grab zu öffnen.

Da trat er dicht vor die Gruft, erhob seine Stimme und rief laut den Namen des Toten.

Die Menschen schrien auf vor Entsetzen und warfen sich zur Erde, unten aber, im Schattengrund der Gruft, begannen die weißen Tücher sich zu regen, in die der Verstorbene eingehüllt war. Er befreite sich langsam, der Stimme gehorchend, die ihn rief, und stieg aus seinem Grabe hervor, die geblendeten Augen, die das irdische Licht wiedersahen, mit der bleichen Hand schützend und mit einem stillen erstaunten Lächeln in seinen elenden Zügen, von denen die Schatten des Todes langsam wichen, als er die Augen seines Befreiers sah und ihn erkannte.

Dies wird das größte Wunder genannt, das die Erde gesehen hat, und wenn der Mann, der es vollbrachte, es vor den Menschen tat, so geschah es aus Zorn gegen den Tod, den sie fürchteten, und in der glühenden Allmacht seiner Gewißheit, daß die Liebe mächtiger als er ist. In ihrem Reich ist diese Tat kein Wunder, unsere Augen sehen es täglich, und glaubt mir, ihr Lieben, meine Blumen, die Stunde, in der eure Kelche sich der Sonne geöffnet haben, ist an wunderbarem Reichtum nicht geringer als die, in welcher einst jener Tote aus seinem Grabe stieg. Noch heute erweckt die Kraft des Reichs Tote auf, und sie wird es immer tun.

Niemals hat ein Mensch in heißerer Zuversicht an die Kraft des Reichs geglaubt. Es ist dasselbe Reich, in dessen Abglanz wir Bäume unsere Blätterkronen entfalten, ein Tier die Luft zu seinem Leben einatmet, die Sternbilder im All erstrahlen, und in dem ein Jüngling das Mädchen in seine Arme schließt, das er liebgewonnen hat. Das Reich ist nicht fern in fremden Himmeln, sondern mitten unter uns, daß es zu uns kommen möchte, ist nun unser aller Gebet geworden, und mit dieser Bitte erflehen wir den warmen blühenden Frühling herbei, den Frieden unserer Stätte, den Weg unserer Seele zum Licht und die stete Wiederkehr der Freude. Wir sind alle auf dem gleichen Weg. Immer ist es reine Freude, in welcher das Reich zu uns kommt.

Einst fand ein Kind in meinem Schatten am Ufer des Bachs einen bunten Stein, es hob ihn auf und lachte; ich fing einen Schein aus seinen Augen auf, da verstand ich das Reich. Da verstand ich, daß jener Mann, von dem ich euch erzähle, einst gesagt hat: Ihr könnt das Reich nicht finden, wenn ihr nicht wie Kinder werdet.

Mir ist, als habe für die Menschen nichts anderes Wert auf der Erde, als daß sie das Reich in ihren Herzen finden. Ihr Leib wird älter, aber ihre Seele jünger, wenn sie den Weg der Liebe gefunden hat. Für den Körper naht langsam der unvermeidliche Tod, aber für die Seele der Frühling. Für den Leib wird einst das Leben, aber für die Seele der Tod aufhören, es ist ein seltsames Wunder um das Geschick und die Bestimmung der Menschen auf unserer Erde.

* * * * *

Aber den Freunden dieses großen und guten Menschen erschien es nun mehr und mehr, als habe er nicht getan und nicht erreicht, was er versprochen hatte und wozu er bestimmt war. Sie hofften, er würde nun endlich das Reich aufrichten, von welchem er so oft sprach, und bisweilen sahen sie ihn in ihrer Vorstellung als König über die Welt herrschen in niegesehenem irdischen Glanz. Dann wieder wuchs ihre Furcht vor seiner Wirkung, und sie begriffen nicht, daß er keinen Nutzen aus ihr zog. Es befiel sie Angst um ihr Leben, als sie sahen, wie der Haß der Landespriester gegen ihn mehr und mehr anwuchs. Sie verstanden nicht, daß er keinen Wunsch hatte, als den, daß die Menschen sich von den vergänglichen Gütern den unvergänglichen zuwenden möchten, und daß es keinen anderen Weg dazu gibt, als den der Liebe, und daß allein der Wille zum Guten das Herz frei macht.

Er begriff, traurigen Herzens, ihre Hoffnungen und ihre Zweifel, und einmal sagte er zu ihnen, und seine Augen leuchteten vor Zorn:

'Das Reich ist in seiner Wirkung einem Stein vergleichbar, den die Bauleute fortgeworfen haben, und der am Wege liegengeblieben ist. Hütet euch! Er wird alle zerschmettern, auf die er stürzt, und wer über ihn fällt, wird zerschellt werden!'

Da nahm ihre Verwirrung überhand. Er aber, um dessentwillen sie sich sorgten, ging nun oft allein vor die Stadt in einen Garten, der an einem Bach lag. Er sah blaß und elend aus, und von seiner Stirn leuchtete der Abglanz einer Einsamkeit, wie sie noch keines Menschen Seele geschmeckt hat. Er sah kein Ende in dem Kleinmut und in der Torheit, die ihn umgaben, aber sein Herz drängte ihn unaufhörlich zu immer höheren Opfern und zur Vollendung seines zeitlichen Lebens, das er nicht liebte. Die Finsternis seiner Seele nahm überhand, ihn verlangte inbrünstig nach der Gemeinschaft derer, die ihn liebten, und so bat er seine Freunde einst, sie möchten ihn nicht allein lassen und ihn in den Garten begleiten. So gingen sie mit ihm, aber die himmlische Ungeduld seiner Seele nahm überhand, er fühlte, daß der Tod seines Leibes das letzte Pfand war, das er geben mußte, aber er fürchtete sich vor der Finsternis des Sterbens, wie alle Lebendigen. 'Ach, seid mir nicht gram,' bat er seine Freunde, 'in dieser Nacht werde ich euch alle bitter enttäuschen. Bleibt hier, wacht, schlaft nun nicht ein.'

Er ging ein paar Schritte fort von ihnen, in die Dunkelheit hinein, nur die Sterne sahen durch das Laub der Oliven, und der kühle Nachtwind flüsterte in den Zweigen; es war, als könnten sie nicht schlafen über seinem Leid. Kaum war er von den Freunden getrennt, da fiel er auf sein Angesicht nieder und flehte zu Gott empor, er möge ihm dies Letzte, Schwerste ersparen, den Tod in Verachtung und Schmach und unter dem Spott der Menschen. 'Muß es sein, mein Vater, daß ich sterbe, damit die Kraft des Reichs offenbar werde?' rief er laut zu Gott empor. Er rang seine Hände, und auf seine Stirn traten Blutstropfen. O, es ist oft so, als wollte Gott wissen, wie weit ein Mensch ihm gleicht, er sendet den besten Menschen die schwersten Prüfungen. Glaubt mir, ihr Blumen, meine Lieben, Pflanzen und Tiere, daß niemals ein Wesen der Erde einen schwereren Kampf gekämpft hat. O bedenkt, welche Macht ihm gegeben war und den Wert seines großen Herzens, das bis zuletzt verkannt sein mußte, um einst zu der Klarheit erhoben zu werden, in der wir es heute als unsere strahlende Gewißheit der Freude loben.

Er fand seine Freunde schlafend, als er seinen schwersten Kampf durchlitt, der Schmerz seiner Einsamkeit überwältigte ihn aufs neue, und er lag lange im Dunkeln, unter den Bäumen auf der Erde, allein.

Da wurde die irdische Finsternis plötzlich vom Himmel her erhellt. War es ein Sternbild, das langsam, funkelnd gegen ihn niederbrach? Der ganze Hain erstrahlte, ein Engel stieg aus der Höhe nieder! Der himmlische Gesandte hob das Haupt des verzweifelten Menschen barmherzig empor, strich die feuchten Haare aus der Stirn und setzte einen Kelch mit Wein an seine Lippen. Da lösten sich die Tränen in den Augen, die niemals ein böser Wille getrübt hatte, und eine jubelnde Gewißheit erhob seine Seele zu ihrem letzten, großen Entschluß. Dies ist die Stunde gewesen, in der das Reich in seiner freiesten Herrlichkeit in der Brust eines Menschen erstrahlte, es gibt nun kein Herz mehr, zu dem sich nicht auch heute dieser Engel findet, wenn sein Ringen um Licht in Zweifeln überhand nimmt.

Kurze Zeit darauf kamen Krieger und Knechte durch die Nacht, die von den Landespriestern geschickt worden waren, um ihn zu ergreifen und in Gefangenschaft zu setzen. Als seine Freunde sein Angesicht im Schein der Fackeln sahen, leuchtete ihnen ein unnennbarer Frieden entgegen, und sie erkannten, daß es sein Wille war, dies Schicksal zu erleiden. Sie flohen alle, und derjenige unter ihnen, der ihm noch in dieser Nacht versprochen hatte, ihn niemals zu verlassen, antwortete, als man ihn am Morgen fragte:

'Ich kenne diesen Menschen nicht.'

Der Gefangene soll später seinen Richtern wenig geantwortet haben. Er wußte, daß sie ihn nicht verstehen würden, und er verteidigte sich nicht. Er gab zu, gesagt zu haben, was man ihm vorwarf, als aber seine Richter wollten, daß er ihnen seine Wahrheit erklären sollte, antwortete er ihnen, daß ihre Welt nichts mit seinem Reich zu schaffen habe, und daß niemand die Wahrheit verstünde, der nicht aus ihr geboren sei.

So verurteilten sie ihn zu einem qualvollen Tod, denn sie haßten ihn, weil seine Lehre das Licht der Liebe für das dunkle Wort und für den Zwang ihrer Kirche eingesetzt hatte. Sie sagten, er habe Gott gelästert, weil er Gott nicht in toten Gesetzen und Formeln suchte, sondern allein in der unvergänglichen Freiheit eines reichen Gemüts.

Man erzählt, daß er den Tod erlitten hat, wie alle Lebendigen ihn erleiden, und mit Angst vor seiner Finsternis und mit Qualen seines Leibes. Er schrie laut zu Gott empor, er möge ihn nicht verlassen, und bat seine Peiniger um Wasser. So ist er allen Dahinsinkenden nah geblieben bis an ihre letzte Stunde.

Vor seinem Tode sah er einen anderen Menschen neben sich sterben, der auch gerichtet wurde, und in den verlöschenden Geist dieses Armen sank ein Lichtstrahl von der Stirn des Leidenden, den er auf dem Markt und vor dem Volke hatte sprechen hören, und auf dessen Befehl Tote sich aus ihrem Grabe erhoben hatten, und der nun unter den Augen seiner Feinde die Bitterkeit des Todes schmeckte. Da traf ein Schein der Wahrheit sein brechendes Herz, daß dieser Mann freiwillig litt und starb und nicht aus Schuld gegen die Menschen, wie er selbst, und er bat ihn: 'Gedenke meiner in deinem Reich.' Der Angeredete wandte sich ihm zu, als sei diese Bitte des Verdammten Gottes Antwort auf die Qualen seines eigenen Leibes und seiner Seele, und er antwortete ihm: 'Du sollst noch heute mit mir die Herrlichkeit des Reichs sehen.' Und über dieser letzten Verheißung seiner Liebe wurde ihre Kraft aufs neue zu einer lichten Gewißheit seiner Brust, und sein Herz, das unendliche, weite, klare, brach mit dem Seufzer: 'Es ist vollbracht.'«

* * * * *

Als die Linde ihre Geschichte beendet hatte, dämmerte schon in der Himmelsweite des Ostens der Morgen herauf. Es war still auf der Waldwiese, man glaubte die Atemzüge der Lauschenden zu vernehmen, viele von ihnen waren in der kühlen Mondnacht eingeschlafen, aber es war, als wachten alle Herzen. Der Inhalt der Geschichte breitete sich über den Lebendigen wie eine schimmernde Segnung aus, die der vollen Erkenntnis nicht zu bedürfen schien, sondern die wie das Bewußtsein einer geschehenen Wohltat ein Gefühl des Glücks zurückließ.

Die Stille machte alle Dinge merkwürdiger. Der grauen Uku am Stamm in ihrer Höhlung war zumute, als müßte ein Wunder geschehen, sie dachte an ihr Alter, und das Baumrauschen war ihr nie so heimatlich zu Herzen gedrungen, nie so beständig in seinem milden Wohllaut, und das Leben erschien ihr gut und freundlich. Welch ein Wunder ist es um die Menschen, dachte sie. Sie sah hinab auf den Pflanzenteppich am Boden, auf die reglosen Formen der Zweige in der Dämmerung. »Ich lebe nun wohl nicht mehr lange,« sagte sie, »aber wie schön und groß ist es mir im irdischen Licht erschienen, die Zeit wird weitergehen, auch ohne mich, das Reich wird kommen, und sein Ende wird unvergängliche Freude sein.«

Da klang es jählings jubelnd draußen über den Feldern auf, ein silbernes Läuten und zugleich ein jauchzendes Schlagen, lieblich trillernd und so zart und voll klaren Wohllauts, daß man seine Augen schließen mußte, um die Seligkeit an diesem Lied im Herzen zu bewältigen.

Unten rief eine Stimme in höchstem Erstaunen:

»Die Lerche singt!«

Wie, dachte Uku, es ist spät im Sommer und die Lerche singt? Betört von der Freude an dem hellen Gesang in der Morgendämmerung, aber tief erstaunt, sah sie sich verwirrt um. Es begann sich rings zu regen, die Bewegung war groß umher, und in ratlosem Glück sahen die Geschöpfe einander an. Aber da plötzlich überwältigte die alte Uku eine Erinnerung, sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor, sondern lehnte sich wie in einem Taumel von Liebesangst und Freude an den Stamm, und aus ihren Augen brachen Tränen, eine nach der anderen, und tropften nieder. Endlich rief sie mit einem Schluchzen in der Stimme:

»Elf! Elfenkind!«

Keine Antwort scholl, es war nach ihrem Ruf so still, daß das Lerchenlied die Welt klar und einsam füllte, wie über ihm der Morgenstern am Firmament, der in verklärtem Blau schwebte. Da stieg in alle Herzen eine holde, erschrockene Ahnung, kaum sah sich einer von allen nach dem Platz des Elfen um, sie wußten, er war fort und frei, und sie lauschten mit zitterndem Gemüt dem lichten Wunder des späten Liedes, in dem die Lerche dem Elfen das Versprechen ihres Danks und ihrer Liebe hielt: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.«

Achtzehntes Kapitel

Der Abschied

Eine Schwalbe hielt auf ihrer Reise zum Süden noch einmal kurze Rast auf der Linde, und ihre helle Stimme voll Wanderlust erweckte in den Herzen der Waldwiesenleute zitternde Ahnungen von fernem Glück und nahem Abschied.

»Viele von euch Vögeln bleiben zurück und ihr übrigen Geschöpfe alle, lebt wohl!« rief die Schwalbe. »Ich eile nun mit dem unsichtbaren Wind zugleich über tiefe Abgründe dahin, über glühende Berge und über das schimmernde Meer. Ich liebe den Wind, der mich trägt, von ihm weiß ich, daß die Freiheit den höchsten Wipfel der Erde zuerst berührt, wie er. Komme mit, wer kann und will! Wer bleiben muß, leide nicht, oder schlafe wohl in der kühlen Ruhe, ich will euch mein Heimweh nach der Ferne in euren Träumen zurücklassen.