Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
Chapter 10
Dieser Augenblick der scheinbaren Ruhe war von höchster Spannung, es tat einem fast weh, in diesem Zustand der Erwartung verharren zu müssen, und man fühlte sein Blut in tausend kleinen Hämmern überall arbeiten.
Da, wie ein Pfeil, der aus dem Hinterhalt abgeschnellt wird, fuhr plötzlich von unten her der Marder aufs neue zu, und diesem tückischen Angriff gegenüber erkannte der Elf zum erstenmal die Erfahrenheit und Klugheit des Fuchses in ihrem ganzen Umfang. Statt auf die jähe angreifende Bewegung des Marders einzugehen, verharrte er bewegungslos, sich dessen bewußt, daß er seinen Gegner Rachen an Rachen nicht zu fürchten hatte, und daß der Marder nur auf eine ungeschickte Wendung gehofft hatte, um die Kehle seines Feindes durchbeißen zu können.
Aber ehe der Elf einem neuen Vorgang mit den Augen folgen konnte, sah er die beiden Raubtiere sich in einem wildbewegten Knäuel am Boden wälzen. Es war nichts mehr deutlich zu unterscheiden, bald leuchtete das Rot des Fuchsfelles auf, bald sah er den hellen Brustflecken am dunklen Fell des Marders aufblinken, und schon glaubte er, der Fuchs habe die Oberhand gewonnen, als ein gräßliches, wildes Geschrei die Waldstille weithin zerriß. Schrie der Marder? Schrien beide Tiere? Diese Laute waren furchtbar anzuhören, Schmerzen, Wut und Todesangst gellten heraus und eine Lebensgier, die alles um sich her vergaß, den Wald, die Tiere, den Himmel und die Erde.
Da nahm der Elf zu seinem Schrecken wahr, daß es der Fuchs war, der schrie, und zugleich erkannte er, daß im Laub und im Moos rote und dunkle Flecken dort zurückblieben, wo das Knäuel der ringenden Körper sich vorübergewälzt hatte. War es möglich, daß der um so vieles kleinere Marder als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen sollte? Nun erkannte er auch, daß sich der Marder im Hinterfuß des Fuchses verbissen hatte, und daß kein Zerren, kein Schütteln und Schleifen ihn zu lösen vermochten. Keine noch so rasche Wendung half dem schwer behinderten Fuchs, immer war der Marder rascher im Entweichen, und sein Gebiß war wie eine Zange in das Fleisch des Fuchses geschlagen.
Und nun ließ der Fuchs langsam in seinem Bemühen nach, er ermattete mehr und mehr, sein zorniges Schreien verstummte, und nach einer kleinen Weile sank er halb zu Boden. Der Elf hätte ihn verloren gegeben, wenn er nicht einen Blick aus den Augen des scheinbar durch seine Blutverluste so arg geschwächten Tiers aufgefangen hätte, einen raschen Blick, der aber auch nicht eine Spur von Ermattung oder Sterbensnot verriet, sondern eine Wachheit und Klarheit aller Sinne, als sei ihm nicht das kleinste Unheil widerfahren.
Aber der Marder ließ sich täuschen. Ihm schien der Augenblick gekommen, seinem verwundeten Feind die Kehle zu durchbeißen, er ließ das Bein des Fuchses fahren und fuhr zu, der weit vorgestreckte Kopf mit dem offenen Rachen sah wie das Gifthaupt einer großen Schlange aus, so schlank und geschmeidig erschien es in dieser bösen, gierigen Hast. Aber da, es sah aus wie ein roter Blitz, schnellte der Fuchs herum, nun erkannte auch sein Gegner, daß er getäuscht worden war, und daß der Fuchs alle Kräfte beisammen hatte; doch ehe er zu neuer Besinnung kam, hatten die furchtbaren Zähne des Fuchses sich tief in seinen Hals gegraben. Man vernahm nur einen kurzen schrecklichen Laut von röchelnder Todeswut, dann wurde es still, und langsam hörten die Zuckungen des Körpers auf, den der Fuchs unter sich am Boden festhielt.
Erst als sich keine Regung des entfliehenden Lebens mehr wahrnehmen ließ, löste er seine Zähne aus dem Hals des Feindes und sprang in einem weiten Satz von ihm zurück, immer noch wie in Sorge, dies zähe, eigensinnige Räuberleben möchte sich trotz seiner Todeswunde zu einem letzten Biß aufraffen. Aber es geschah nichts dergleichen. Der Wald war wieder ruhig geworden, und kein Laut erinnerte mehr an das Kampfgeschrei, das ihn noch eben weithin durchklungen hatte. Nur ein paar Krähen kreisten hoch über den Wipfeln der alten Bäume, unter denen der Marder starb.
Ein kleines rotes Bächlein rieselte aus seinem durchbissenen Hals ins Moos. Der Fuchs sah ruhig mit seinen klaren Augen hinüber und leckte sich die Lippen, sein breiter roter Schweif peitschte das Laub, er sah zufrieden und stolz aus, auch nicht ein Schatten von Reue oder Mitleid trübte ihm den bösen Genuß seiner Kraft und seines Sieges. Seine Wunde beachtete er in diesen Augenblicken nicht.
Du mächtiger Herr im Wald, dachte der Elf, und sein Herz zitterte. Du kannst hassen und töten, genießen und sterben, alles ist dein unvermindertes Recht.
Da erinnerte sich auch der Fuchs des Elfen, er sah hinüber und lachte.
»Nun,« rief er, »was sagst du dazu? Ich habe gewußt, daß hier etwas nicht geheuer war, und ich suchte den Marder schon seit langem. Du hältst mich wohl für sehr böse?«
Der Elf strich sein Haar zurück und atmete tief auf.
»Ich halte dich für stark und klug«, sagte er und preßte die bebenden Hände zusammen. »Denk an mich und vergiß mich in deiner Freiheit nicht.« Und er flog nach diesem Gruß auf und davon, das Herz von Erhobenheit und Bangen zerteilt.
Der Fuchs sah ihm so lange nach, als er ihn zwischen den Stämmen im Licht der Abendsonne erkennen konnte, und dachte: Er läßt mir, was ich bin und was ich habe, so möge auch er einmal empfangen, was sein Teil ist zu seiner Freiheit, das wünsche ich ihm.
Sechzehntes Kapitel
Die Elfennacht
Eines Tages, als die große Sonne schon rot und feierlich am Abendhimmel stand und die Schleier der Heide mit ihrem goldenen Glanz entzündete, kam aus dem Walddunkel ein seltsames Tier dahergeflogen, machte halt auf der Wiese und fragte nach dem Elfen.
Das war zum mindesten ein Ereignis, denn die Tiere der Waldwiese mußten sich nach dieser Frage sagen, daß es ferne und fremde Gegenden gab, in welchen man vom Elfen etwas wußte, wahrscheinlich, ohne daß er sie jemals aufgesucht hatte. Es kam hinzu, daß der geflügelte Bote Bewunderung erregte, es war niemals zuvor ein ähnliches Tier auf der Wiese gesehen worden. Auf den ersten Blick hätte man glauben können, es sei eine Libelle, denn die Fremde hatte wie diese schönen glitzernden Tiere durchsichtige Flügel und einen langen schmalen Leib, auch waren es vier Flügel an der Zahl und ähnlich geformt, wie die der Libellen, aber auf jedem von ihnen befand sich ein großer dunkler Fleck von tiefem Blau. Vom gleichen schimmernden Blau war der schmale Körper, und die klugen großen Augen schauten ernst, beinahe schwermütig aus dem Gesicht. Es war, als käme dieses seltsame Geschöpf nicht aus Bereichen der Tagesklarheit, sondern als sei es ein wunderbarer Nachtvogel der kühlen Stunden, in denen am Himmel der Mond herrscht.
Zwei Schmetterlinge, ein Pfauenauge und ein Schwalbenschwanz, entdeckten den fremden Boten zuerst, und rasch verbreitete sich die Nachricht unter den Tieren der Waldwiese, daß die Botschaft des Ankömmlings den Elfen anging. Die Bienen machten sich auf den Weg, ihn zu suchen, denn in der Nähe war er nirgends zu sehen.
»Wie ist es denn?« fragte das Pfauenauge, »können Sie uns nicht erzählen, was Sie dem Elfen zu sagen haben? Wir werden es schon ausrichten.«
Die Fremde schüttelte den Kopf. »Das geht nicht,« sagte sie, »ich muß ihn selber sprechen, ich komme von der Elfenkönigin.«
Das Pfauenauge erschrak. Es hatte sich inzwischen eine ganze Reihe der Waldwiesenleute angesammelt, und nun wichen sie alle scheu ein wenig zurück, man sah deutlich, wie diese Nachricht alle überraschte, denn wer kannte die Macht der Elfenkönigin nicht. Es war eine Weile totenstill, man hörte den Bach plätschern, und das Lindenrauschen füllte die abendlich durchleuchtete Luft unter den großen dunklen Zweigen. Die Blumen in der Nähe, die schon an ihren Schlummer dachten, horchten auf und hoben ihre Köpfchen in die Abendstille. Wer hatte nicht von der Elfenkönigin gehört! Wollte sie nun den Elfen, der ihnen allen lieb geworden war, fortrufen und aufs neue in ihr Reich bannen, daß er ihrer Gemeinschaft entzogen werden sollte?
»Sagen Sie uns, was geschehen wird«, bat ein Grashüpfer, aber die Fremde schüttelte den Kopf, besorgt sah sie sich um. »Werden die Bienen den Elfen finden?« fragte sie.
Der Schmetterling nickte. »Die Bienen finden alles, was sie wollen; wissen Sie nicht, daß die Bienen darin groß sind?«
»Doch, doch,« lautete die Antwort, »aber es eilt, der Abend wird bald hereinbrechen, und es ist weit bis zu den Moorseen.«
»Es ist mitten im Juli,« sagte eine Ameise geheimnisvoll, »von den Glühwürmchen weiß ich, daß einmal im Jahr zur Sommerzeit bei Vollmond die Elfenkönigin in der Waldtiefe Hof hält. Es wird schon etwas Wahres an dieser Botschaft sein.«
Eine Grasmücke kam herzugeflattert, und die geflügelten Tiere stoben auseinander, aber die Fremde blieb ruhig sitzen. »Ich reise im Elfenfrieden«, sagte sie ruhig, und die Grasmücke ließ sich neben ihr nieder, ohne ihr ein Leid zu tun, ja ohne ihr zu nahe zu kommen. Die Waldelfen sind ein mächtiges Volk, selbst die größten Tiere gehorchen ihrem Willen, denn es gibt vielerlei geheimnisvolle Künste und manchen Zauberbann, den die Elfenkönigin verhängen kann. Ach, viele Wunder walten im tiefen Wald, aber eines der größten werde ich nun erzählen.
Als nach einer Weile der Elf kam, von zwei Bienen geführt, die ihm voranflogen, grüßte die Fremde ihn tief und ehrfürchtig, und sie sprachen eine ganze Weile allein miteinander, während die anderen Tiere neugierig und erwartungsvoll im Umkreis verharrten.
Der Ausdruck des Elfengesichts wurde nachdenklich und immer trauriger, er sah vor sich nieder und sann, es schien als ob die Botschaft des blaugeflügelten Waldboten ihm tief ins Herz sank. Zum Schluß nickte er langsam, grüßte die Fremde freundlich zum Abschied und sah ihr nach, als sie schnurgerade und windesschnell mit leisem Schwirren davonflog, um bald zwischen den Stämmen der Kiefern in der Dämmerung zu verschwinden.
Li, das Eichhorn, das seine Erwartung nicht mehr zurückhalten konnte, trat nun zuerst an den Elfen heran.
»Willst du uns verlassen, Lieber?« fragte es rasch und ängstlich.
Da kam auch Uku auf einen niedrigen Ast herabgeflogen, und der Elf wandte sich an sie:
»Uku, ich muß in dieser Nacht zur Elfenkönigin.«
Die Eule machte ein betroffenes Gesicht und sah schräg vor sich nieder, man erkannte deutlich, daß diese Nachricht sie nicht erfreute, und es schien, als wüßte sie, was sich mit dieser nächtlichen Begegnung verbinden könnte. Endlich sah sie auf und dem Elfen gerade ins Gesicht, der sich neben sie auf den Lindenast gesetzt hatte:
»Die Elfenkönigin ist großmächtig, eine Herrscherin im Wald und über die Heide,« sagte sie, »sie wird dir die Freiheit zurückgeben, nach der du Verlangen trägst.«
»Ja, sie wird mir helfen wollen«, antwortete der Elf. Seine Gedanken schienen nicht bei seinen Worten zu sein, er legte seine Hand auf die Brust und sah mit großen Augen in die Sonne, die jetzt dicht am Rand der Erde stand und wie eine feurige Kugel glühte.
»Willst du uns verlassen?« fragte nun auch Uku. Ihr war wie allen Tieren umher plötzlich bang ums Herz, alle erinnerten sich dessen, daß der Elf aus fernen Regionen einer geheimnisvollen Welt zu ihnen gekommen, und daß er im Grunde nicht ihresgleichen war. Sie hatten es längst vergessen, so lieb war er ihnen geworden, und hatte er nicht immer alles mit ihnen geteilt, was sie beschäftigte, freute oder bekümmerte? Nun erschreckte sie der Gedanke, daß er fortfliegen möchte, zurück in sein Elfenreich und sie zurücklassen.
Da sagte Uku plötzlich:
»So sollen wir denn allein den Herbst erwarten, die Trauer des Welkens und einst unseren Tod; ach Elfenkind, vergiß uns nicht in deiner hellen Heimat.«
Da kam eine seltsame Ruhlosigkeit über den Elfen, seine Augen schimmerten in einem kühlen, fremden Licht, er verließ seinen Platz neben Uku und flog zum Bach nieder. Dort nahm er das glitzernde Wasser in seine Hand, hob es auf und sagte:
»Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein, Silber im Wasser, werde mein!«
Und während das Wasser aus seinen zarten Fingern niederrann, geschah das Wunder, daß ein klarer Silberschimmer in seiner Hand zurückblieb, und er legte ihn über seine hellen Flügel. In diesem Glänzen trat er nun zu den winzigen Wasserperlen, die von einer Bachwelle an einem Schilfhalm zurückgeblieben waren, hob seine Hand und sagte zu ihnen:
»Ein Elf befiehlt euch gehorsam zu sein, reiht euch zur glitzernden Kette ein!«
Und wieder geschah, was er befahl, und als er diesen reinen Schmuck um seinen Hals legte, war seine Pracht überirdisch zu schauen, die Verwunderung der Waldwiesenleute nahm kein Ende, aber sie fürchteten sich, denn er wurde ihnen immer fremder. Sie erlebten, daß er Wunder über Wunder tat und sich für den Gang zu seiner Königin immer herrlicher schmückte, aber zugleich sahen sie, daß sein Angesicht immer trauriger wurde.
Als er sich umwandte, um ihnen einen letzten Gruß zuzuwinken, war die Sonne herabgesunken, nur ein schmales goldenes Halbrund ihrer Scheibe war noch zu sehen. Da hob der Elf zum letztenmal seine Hand, wie gebannt durch das feurige Himmelsgold, wandte sich an die Sonne im Abend und rief:
»Ein Elf befiehlt dir gehorsam zu sein, gib mir Gold aus deinem Schein!«
Aber es blieb nach seinen Worten totenstill umher, und nichts geschah. Lautlos sank fern die Sonne völlig unter den Horizont, und nun vernahm man umher das leise Seufzen, in welchem alle Geschöpfe sich der hereinbrechenden Nacht ergaben. Ein sanftes Rauschen erhob sich und pflanzte sich fort, und in diesem Wehen stand bestürzt das Elfenkind in seinem Silberglanz, und eine Träne nach der anderen rann über sein blasses Gesicht und tropfte ins Moos. »O, die Sonne,« schluchzte es, »sie ist meinem Ruf nicht gefolgt, ihr Gold ist nicht für mich!«
Keines der Tiere umher wagte sich zu rühren. Nach den Beweisen seiner Macht, nach allen Wundern, die eben noch der Elf getan hatte, erschütterte alle seine Ohnmacht und sein Schmerz darüber, daß die Sonne ihn nicht hörte, aber wie erschraken sie, als er nun plötzlich den herrlichen Perlenschmuck von seinem Halse nahm und rasch und mit Eifer das schimmernde Bachsilber von den Flügeln streifte. Allen Schmuck, den durch wunderbaren Zauber die Natur ihm gehorsam verliehen, und den er sich angetan hatte, streifte er ab; und nun, als er ihnen wie einst, nur in seinem schlichten Kleid, mit den hellen Flügeln und dem Goldhaar erschien, sahen sie, daß er sich auf seine Knie sinken ließ, und indem er flehentlich seine Hände zum Abendhimmel hob, rief er:
»Goldene Sonne, ein Elfenkind möchte nicht mehr sein, als alle sind. Sieh, ich gab meine irdische Zier, gib mir dein himmlisches Gold dafür.«
Kaum waren die Worte im Abendwind verklungen, als hoch aus dem Gipfel der Linde ein feines Klingen erscholl, das von einem Glänzen begleitet wurde, und von Zweig zu Zweig rieselte es golden durch die Blätter nieder und legte sich dem knienden Elfenkind um Stirn und Schläfen und über sein helles Haar. Alle erkannten, daß es das letzte Gold der Abendsonne aus dem Wipfel der Linde war, und das Glück und das Entzücken der Waldwiesenleute kannte keine Grenzen. Es brach ein Jubel aus, der nicht enden wollte, alle Angst und Sorge wich aus den Herzen, und aus den Zügen des Elfen war alle Traurigkeit verschwunden. Nie war er den Tieren der Waldwiese schöner erschienen, das Fremdartige und Seltsame, das noch eben alle an dem Elfenkind in heimliche Scheu versetzt hatte, hielt sie nun nicht mehr gebannt, und alle glaubten es, als Uku rief:
»Leb' wohl auf deinem Weg ins Nachtland der Elfenkönigin, du wirst nun sicher zu uns zurückkehren!«
* * * * *
Als der Elf dahinflog, leuchtete eine Weile noch der festliche Abendhimmel durch die Stämme, erst in den Tannen wurde es dunkel, und bald darauf, wenn eine Lichtung kam, schimmerten die ersten Sterne im kühlen Blau der Höhe. Es dauerte nicht lange, und der Mond ging auf, man sah es am blassen Schimmer hoch in den Kronen der Bäume. Die Fledermäuse jagten in den Waldlichtungen, und hin und wieder erscholl der Ruf der Eulen.
Es war ein weiter Weg für den Elfen, feierlich rauschte der Wald durch sein Herz, das bang und zuversichtlich zugleich pochte, von Furcht und Hoffnung gewiegt. Es war in der Natur umher ganz mondhell geworden, als er am Ort seiner Bestimmung angelangt war. Am Stamm einer uralten Eiche, dicht über dem Boden im Buschwerk kreisten eine Schar von Glühkäfern in seltsamen Ornamenten durch die Luft, als zögen sie geheimnisvolle Linien oder Kreise, die ganze Umgebung wurde auf diese Art in eine schimmernde Dämmerung getaucht, in welcher die Blätter seltsam glommen, als brennte irgendwo ein verborgenes grünliches Licht. Der Elf erkannte diese Wahrzeichen, er ließ sich bis dicht vor die großen Wurzeln der Eiche ins Moos nieder und rief die Glühkäfer an. Sofort löschten alle bis auf einen ihr Licht, nun sah man die Silberstreifen vom Mond durch die Zweige fallen, erwartungsvoll schien alles auf ein Ereignis zu harren. Der Glühkäfer kam nahe an den Elfen heran, aber als er sich vor ihm auf der Baumwurzel niederließ, erschrak er heftig.
»Was hast du für Licht auf den Haaren und auf deiner Stirn,« rief er, »du erschrickst mich. Lösch dein Licht!«
»Ich kann es nicht,« sagte der Elf, »zeig' mir den Weg zur Königin.«
»Du bist der Waldwiesenelf, der von der Herrscherin erwartet wird?«
Der Elf nickte. Auf ein Zeichen des Käfers flammten die Lichter aller anderen wieder auf, und es wurde unter der Wurzel der Eingang zu einer Höhle sichtbar. Die kleinen Wesen dienten scheu und gehorsam jedem Wink der Elfen.
»Der Mondtanz auf der Wiese ist schon beendet,« sagte ein Käfer zum Elfen, als er neben ihm dahinflog, »alle erwarten dich im silbernen Saal. Es darf kein Elf mit dir sprechen, bevor es nicht die Königin getan hat.«
Den Elfen ergriff mit heimlicher Macht der alte Zauber seines Heimatreichs, alles, was er seit der Nacht durchlebt hatte, in der er seiner Blume entstiegen war, erschien ihm plötzlich wie ein glühender Sonnentraum, in Gold und Grün und Wärme verwoben. Seine Hände zitterten, und er rief das Losungswort der Elfen vor dem Tor am Ende des Gangs mit bebender Stimme.
Die nächtlichen Tore taten sich auf, ein Himmel von Licht und Glanz umfing den Elfen, als ob er in ein wogendes Meer von fließendem Silber untertauchte. Geblendet hielt er inne, während sich lautlos das Tor hinter ihm schloß, das die dunkle irdische Nacht vom Elfenreich trennte. Er sah über weite Gärten hin, die von Silber und durchschimmerndem Grün flammten und so hell waren, wie den Augen die Scheibe des Vollmonds erscheint, wenn sie weit aufgeschlagen mitten hineinsehen. Es ergriff ihn eine tiefe Rührung, die er nicht zu überwinden vermochte, es war die Gewalt der Heimat, die Einzug in sein Gemüt hielt. Sie ist die mächtigste aller Erinnerungen, schon viele Wesen sind ihr immer aufs neue erlegen und haben ihr das Opfer dessen gebracht, was die weite Welt sie gelehrt hat.
Ein hoher Gesang schreckte den Elfen aus seiner Traumbefangenheit empor, er hob seine Augen und sah vor sich den Thron der Elfenkönigin. Über ihrem blonden Scheitel, auf dem ein Kronenreif aus Diamanten erglänzte, so rein und durchscheinend wie das Quellwasser der Waldtiefe, wölbte sich ein strahlender Baldachin, und zur Rechten und Linken ihres Throns, der aus Silber war, standen in weißen Reihen ungezählte Scharen von Blumenelfen, und alle hatten ihre Augen auf den Ankömmling gerichtet. Von ihren Lippen erscholl der Gesang, der die grüne Silberluft umher erfüllte, wie buntes Licht eine kristallene Kugel. Unwillkürlich ergriff die selige Schönheit des Gesangs den Elfen, und indem er sich tief verneigte, sang er mit den anderen das alte Elfenlied, den Gruß der Königin:
»Du Lob des Lichts in mir, du Leuchten, das ich bin! In tiefer Demut deine Zier, ewige Königin.«
Als das Lied verklungen war, wurde es umher so still, als wäre der strahlende Lichtraum ein Bild, nur ein ganz leises, kaum vernehmbares Rauschen ging von den vielen Flügeln aus, als zöge ein heimlicher Windzug über eine Winterlandschaft, deren Bäume im Rauhreif glitzern. Da erklang die Stimme der Elfenkönigin, und ihre Lichtaugen ruhten auf den Zügen des Elfen wie zwei Sterne:
»So bist du meinem Rufe gefolgt und zu mir gekommen, du verlorenes Kind? Ich will dich nicht fragen, ob es ein Unglück oder eine Schuld gewesen ist, die dich aus unserem Reich verbannt hat, aber du sollst heute wissen, daß meine Macht groß genug ist, dir deine alte Freiheit wieder zu erwirken, und du darfst in unsere Gemeinschaft und in deine alten Elfenrechte zurückkehren, wenn du allem absagen willst, was dich in der vergänglichen Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen gefesselt hat, und wenn du deine Schuld von Herzen bereuen kannst.«
Es ging eine frohe Bewegung durch die Reihen der Elfen, alle schienen beglückt zu sein, daß einer der Ihren, den der Tag der Erde ihnen geraubt hatte, wieder in ihr Zauberreich zurückkehren sollte. Aber die feine Stirn der Königin umwölkte sich plötzlich unter dem Licht ihrer Krone, und sie sagte:
»Kommst du ungeschmückt zu deiner Königin?«
Da merkte der Elf, daß der Schein auf seiner Stirn erloschen war, seit er das Elfenlied gesungen hatte, und die seltsame Trauer, die sein Gemüt bewegte, nahm zu. Ihn ergriff jählings ein Heimweh nach dem warmen grünen Erdenreich der Sonne, und er begriff zum erstenmal die Bedeutung des alten Gesetzes des Elfenvolks, daß kein Elf die Sonne sehen durfte.
Es schien, als ob die Königin seine Gedanken erriete, sie sagte ernst und mit feierlicher Stimme:
»Dein Geschick hat dich in das Bereich der Sonne verschlagen, und du hast erfahren, wie gefährlich ihre Macht ist. Es ist nur einem Wunder zu danken, daß du nicht gestorben bist, aber fast so schlimm wie der Tod ist die böse Wirkung der Sonne, die die Elfen ihr ewiges Lichtreich vergessen macht und sie zum vergänglichen Geschick der sterblichen Wesen verzaubert. Aber meine Macht ist größer; hast du gehört, daß ich dich erlösen will? Bevor du aber nun aufs neue in unsere Gemeinschaft aufgenommen wirst, sollst du uns erzählen, wie es gekommen ist, daß du in deiner ersten Erdennacht am Morgen den Aufgang der Sonne nicht rechtzeitig gewahr geworden bist.«
Da hob der Elf seinen Kopf, den er in unverstandener Traurigkeit gesenkt gehalten hatte, solange die Königin sprach, und begann seine Geschichte von der Biene zu erzählen, die er in der Sommernacht zu den Menschen geführt hatte. Es war unbeschreiblich still umher, während er sprach, denn die Elfen wissen nur wenig von den Menschen, es kommt nur alle hundert Jahre vor, daß ein Elf mit den Menschen in nähere Berührung tritt, deshalb sind sie sehr begierig, etwas zu erfahren. Vor der Sonne und den Menschen haben alle Elfen eine große Scheu.
Der Elf erzählte zu Beginn nur langsam und schüchtern, aber je länger er sprach, um so fester und klarer wurde seine Stimme, und als er zum Schluß kam, erhob sie sich zu einem Jubeln, so daß alle mit pochenden Herzen lauschten und nicht begriffen, woher die Freude stammte, die aus den Worten des Elfen strahlte.
Es war lange still, nachdem er seine Geschichte beendet hatte, endlich fragte die Königin erstaunt und besorgt:
»Du sagst uns, die beiden Menschen seien glücklich gewesen, ich will es dir gerne glauben, aber wie kommt es, daß du darüber die aufgehende Sonne am Himmel nicht gewahr geworden bist? Das blendende Feuer der gewaltigen Sonne muß doch deine Sinne schon mit Angst erfüllt haben, als es sich am Horizont ankündigte, und da wäre es für dich noch Zeit gewesen.«
Der Elf erhob seine Arme, und seine Augen glänzten: