Part 4
Einem Englaender waere es in der Tat unerfindlich, wie man einen Menschen in seiner Freiheit, in der Pflege seines Glaubens, seiner Sprache oder Tradition behindern koennte. Und so begibt es sich, dass ein Volk, welches das Glueck hat, von England unterjocht zu werden, eine Freiheit geniessen lernt, von der es vorher keine Ahnung hatte.
(_Feuill._)
_POLITIK UND REGIERUNGEN_
Wie eben Geschichte wird, ziellos und wahllos. Dabei muss der geschichtliche Sinn denen anfliegen, die sich ein wenig Rechenschaft geben oder auch nur manchmal aus ihrem Daemmern auffahren. Freilich kommen sogar mehrere zur Regierung und verlassen sie, ohne nachgedacht zu haben. Die werden auf die Ministerbank geschwemmt, wie Austern auf eine Bank, und verharren da mit dem Geistesleben einer Auster, bis man sie abkratzt.
(_P. B._)
Ein Regierungsmensch muss von dem Grundsatze ausgehen: das Widrige, das ich nicht ganz verhindern kann, lasse ich unbehelligt laufen; dann wird es sich verlaufen . . . Aber diese halb gefesselten Gedanken sind gefaehrlich. Denn sie zeigen die oeffentliche Gewalt von zwei bedenklichen Seiten: in ihrer Grausamkeit, in ihrer Ohnmacht.
(_P. B._)
Die Regierungen lernen nie aus den Fehlern ihrer Vorgaenger. Sie wissen noch immer nicht, dass ein Verbot der Eingang zum Ruhme ist.
(_P. B._)
Der Schacher mit dem Einfluss ist durchaus nichts Neues oder Republikanisches oder Parlamentarisches, Was waren denn die Salons des ancien regime, was war der Hof? Winkelboersen und Clearing-House fuer den Machthandel.
(_P. B._)
Was waere das Volk fuer ein mangelhafter Souveraen -- wenn es naemlich ueberhaupt einer waere. Es raubt denen das Ansehen, die es hinaufhebt.
(_P. B._)
Ich weiss so gut, wie ein anderer, dass der hohe Zweck der _Demokratie_ ist, das Ueberragen Einzelner zum Wohle der Gesamtheit zu zerstoeren.
(_P. B._)
Mit ihrem Neid und ihrer Undankbarkeit leidet die Demokratie keine Groessen.
(_P. B._)
Die Konsequenz ist nun in der Politik ein aehnlich hergerichteter Begriff wie "Treu und Glauben" im Handelsrecht; es steckt auch ebensoviel dahinter.
(_P. B._)
In allen Parlamenten der Welt ist ja keiner, der auf dem Wege von der Opposition zur Regierung nicht ein wenig mit seiner Vergangenheit gebrochen haette.
(_P. B._)
_NATIONALSOZIALES_
Ich denke mir eine weisse _Fahne_ mit sieben goldenen Sternen. Das weisse Feld bedeutet das neue, reine Leben; die Sterne sind die sieben goldenen Stunden unseres Arbeitstages. Denn im Zeichen der Arbeit gehen die Juden in das neue Land.
(_Der Judenstaat._)
Der Reichtum eines Landes sind seine arbeitenden Menschen.
(_Altneuland._)
Der _Normalarbeitstag_ ist der Siebenstundentag!
(_Der Judenstaat._)
Einzelne vorgeschrittene Sozialpolitiker behaupten sogar, dass der Fuenfstundentag vollkommen ausreichen wuerde. Die Society of Jews und die Jewish Company werden ja darin reiche neue Erfahrungen sammeln -- die den uebrigen Voelkern der Erde auch zugute kommen werden -- und wenn sich zeigt, dass der Siebenstundentag praktisch moeglich ist, so wird ihn unser kuenftiger Staat als gesetzlichen Normaltag einfuehren.
(_Der Judenstaat._)
Die Hereinziehung nichtjuedischer _Arbeitssklaven_ ins Land wird die Society zu vereiteln wissen durch eine gewisse Boykottierung widerspenstiger Industrieller, durch Verkehrserschwerungen und dergleichen. Man wird also die Siebenstundentaegler nehmen muessen. So naehern wir uns beinahe zwanglos dem Normaltage von sieben Stunden.
(_Der Judenstaat._)
_Schwangere_ Frauen sind von jeder Arbeit befreit und werden vom Truck reichlicher genaehrt. Denn wir brauchen in der Zukunft starke Geschlechter.
(_Der Judenstaat._)
Die Beamten werden _Ehe-_ und _Kinder_zulagen haben. Wir brauchen Leute, alle, die da sind und alle, die nachkommen.
(_Der Judenstaat._)
In neuen Kulturen _heiratet_ man _frueh_. Das kann der allgemeinen Sittlichkeit nur zustatten kommen, und wir erhalten kraeftigen Nachwuchs, nicht jene schwachen Kinder spaetverheirateter Vaeter, die zuerst ihre Energie im Lebenskampf abgenuetzt haben.
(_Der Judenstaat._)
Niemand braucht mehr aus Not zum Verbrechen zu schreiten, wenn er _arbeiten_ will. Aus Hunger duerfen keine Selbstmorde mehr begangen werden. Diese sind ja ohnehin eines der aergsten Schandmale einer Kultur, wo vom Tische der Reichen den Hunden Leckerbissen hingeworfen werden.
(_Der Judenstaat._)
Wir haben unsere Gesellschaft gleichsam ohne erbliche Belastung eingerichtet.
(_Altneuland._)
Bei uns im Zukunftsstaat Altneuland aber werden die Kinder fuer die Geschaefte der Vaeter nicht belohnt und nicht bestraft. Fuer jede neue Generation stellen wir wieder den Anfang der Dinge her. Darum sind saemtliche Schulen von der Elementarschule bis zur Zions-Universitaet unentgeltlich, und die Schueler muessen bis zur Reifepruefung in der Mittelschule die gleiche einfache Kleidung tragen. Wir glauben naemlich nicht, dass es moralisch gut ist, wenn Rang oder Reichtum der Eltern die Kinder in der Schule unterscheidet. Das verdirbt alle. Die Kinder der Vornehmen werden hochmuetig und faul, die Kinder der anderen werden frueh verbittert.
(_Altneuland._)
Aus der tiefen Not entstehen Krankheiten und sittliche Verwahrlosung, und die verduesterten Gemueter werden ein Naehrboden fuer alle aeussersten Umsturzgedanken. In der gesunden Arbeit auf einer geliebten Erde, glauben wir, ist das Heil zu finden. Die Arbeit soll unserem Volke das morgige Brot verschaffen und auch die Ehre von morgen, die Freiheit von morgen.
(_III. Kongressrede._)
_DIE SOZIALE FRAGE_
Die soziale Frage ist ein Ergebnis von Maschinen, die frueher nicht da waren. Vor der Dampfzeit waren Eigentum und Arbeit vereinigt. Jetzt sind sie geschieden. Auf der einen Seite Eigentum ohne Arbeit, auf der andern Arbeit ohne Eigentum an den Arbeitsmitteln. Die Maschine bekommt Sklaven. Das Weib wird dem haeuslichen Herde, die Mutter den Kindern entrissen. Dann macht man die Kinder zu Konkurrenten der Eltern. Dabei wird das Menschenmaterial verschwendet und verdorben.
(_P. B._)
Der Dampf hat die Menschen um die Maschinen herum in den Fabriken versammelt, wo sie aneinander gedrueckt sind und durcheinander ungluecklich werden. Die _Produktion_ ist eine ungeheure, wahllose, planlose, fuehrt jeden Augenblick zu schweren Krisen, durch die mit den Unternehmern auch die Arbeiter zugrunde gehen. Der Dampf hat die Menschen aneinandergepresst, die Anwendung der Elektrizitaet wird sie vermutlich wieder auseinander streuen und vielleicht in gluecklichere Arbeitszustaende bringen.
(_Der Judenstaat._)
Aus unserer Natur entsteht ja alles Uebel. Nachdem wir eine neue Einrichtung gefunden haben, verderben wir sie zunaechst. Dann entdecken wir, dass wir damit unsere Entwickelung gefaehrden und schwingen uns zu einer hoeheren Einrichtung auf, die allmaehlich auch verdorben wird. Und so, so geht es langsam aufwaerts.
(_P. B._)
Es braucht oft tausend Jahre, bis die Menschheit mit all ihren Weisen und Starken das begreift, was man einem kleinen Kinde in zwei Minuten erklaeren kann.
(_Feuill._)
-- -- -- Das Recht ist wie ein graues Eisen, Und das Erbarmen soll darauf die Farben Hinspielen als der Sonnenstrahl.
(_Die Glosse._)
_ELEND UND SOZIALE TEILNAHME_
Man wird von der Arbeit muede wie vom Muessiggang, wenn auch viel spaeter.
(_Buch d. N._)
Das Erwerben muss auch einmal ein Ende nehmen, damit man sich des Erworbenen freue.
(_Buch d. N._)
Den Hungrigen gehoert die Welt.
(_Altneuland._)
Vielleicht sind die Hungrigen geistreicher als die Satten.
(_P. B._)
Es gibt Gegenden auf dem allgemeinen Schlachtfelde, wo nicht nur die Schwachen, sondern auch die uebrigen zugrunde gehen. Alle! Es gibt Grade des Elendes, die nicht mehr produktiv sind.
(_Feuill._)
Manche wurden aus Not Journalisten und handelten mit oeffentlicher Meinung. Noch andere tummelten sich in Volksversammlungen herum, hausierten mit wertlosen Schlagworten.
(_Altneuland._)
Aus dem, was man nicht hat, erwaechst die Ueberzeugung.
(_Feuill._)
Es gibt so viele Existenzen, die nur durch Schmerzen bunt werden.
(_Feuill._)
Wer um Gnade flehen will, muss sich dazu eines Nebelhornes bedienen, und um das Herz der Menschen zu erweichen, braucht man wohl einen grossen Hammer, tausend Zentner schwer, und der muss unaufhoerlich niederfallen.
(_Feuill._)
Aber es ist doch wunderbar, wie objektiv man die Ueberschwemmungen betrachtet, wenn man ueber dem hoechsten Wasserstande wohnt. Die Psychologie des Geborgenen waere ein huebsches Kapital zur Menschenkunde. Weit vom Ziel ist gut vorm Schuss, sagt unser vortrefflicher Freund, das Sprichwort. Und wenn man nun nach Mitteln suchte, um in den Geborgenen hoehere Grade der Teilnahme hervorzurufen, man faende wohl nur dieses: ihnen die Fuesse ins Wasser einzutauchen. Sie wuerden alles gleich viel besser verstehen.
(_Feuill._)
Einen Menschen, dem es schlecht geht, erkennen die wenigsten . . . auf einmal sind alle kurzsichtig.
(_Das neue Ghetto._)
Wer in einem warmen Zimmer sitzt, muss ein Dichter sein, wenn er sich Frostbeulen vorstellen soll.
(_Rede in Wien._)
_DIE UTOPIE_
Es waere ja keine Schande, eine menschenfreundliche Utopie geschrieben zu haben.
(_Der Judenstaat._)
Als die Eisenbahnzeit ueber Europa kam, gab es Praktiker, welche den Bau gewisser Linien fuer toericht erklaerten, "weil dort nicht einmal die Postkutsche genug Passagiere habe". Man wusste damals die Wahrheit noch nicht, die uns heute als eine kindlich einfache vorkommt: dass nicht die Reisenden die Bahn hervorrufen, sondern umgekehrt die Bahn die Reisenden hervorruft, wobei freilich das schlummernde Beduerfnis vorausgesetzt werden muss.
(_Der Judenstaat._)
Das liegt freilich in der Zukunft, wie die Entwicklung des Bahnverkehrs fuer die Menschen der dreissiger Jahre in der Zukunft lag. Die Eisenbahnen wurden dennoch gebaut. Man ist gluecklicherweise ueber die Bedenken von Praktikern der Postkutsche hinweggegangen.
(_Der Judenstaat._)
Schon scheint das Wort "_unmoeglich_" aus der Sprache der Technik verschwunden zu sein. Kaeme ein Mann des vorigen Jahrhunderts wieder, er faende unser ganzes Leben voll unbegreiflicher Zaubereien.
(_Der Judenstaat._)
Was im Kleinen unzweckmaessig oder undurchfuehrbar ist, muss es noch nicht im ganzen sein. Ein kleines _Unternehmen_ kann unter denselben Bedingungen Verlust bringen, unter denen sich ein grosses rentiert. Ein Bach ist nicht einmal mit Kaehnen schiffbar; der Fluss, in den er sich ergiesst, traegt stattliche eiserne Fahrzeuge.
Jeder Finanzminister rechnet in seinem Staatsvorschlage mit zukuenftigen Ziffern und nicht nur mit solchen, die er aus dem Durchschnitt frueherer Jahre oder aus anderen vergangenen und in anderen Staaten vorkommenden Ertraegen konstruiert, sondern auch mit praezedenzlosen Ziffern, beispielsweise bei Einfuehrung einer neuen Steuer. Man muss nie ein Budget angesehen haben, um das nicht zu wissen. Wird man darum einen Finanzgesetzentwurf fuer eine Utopie halten, selbst wenn man weiss, dass der Voranschlag nie ganz genau eingehalten werden kann?
(_Der Judenstaat._)
Von unseren Gegnern wird behauptet, es gaebe unuebersteigbare politische Hindernisse, aber das laesst sich auch vom kleinsten Hindernis sagen, wenn man keine Lust hat, es zu uebersteigen.
(_V. Kongressrede._)
Traum ist von Tat nicht so verschieden, wie mancher glaubt. Alles Tun der Menschen war vorher Traum und wird spaeter zum Traume.
(_Altneuland._)
Wenn ihr aber nicht wollt, so ist und bleibt es ein Maerchen.
(_Altneuland._)
Nicht jeder, der gegen Windmuehlen kaempft, ist ein Don Quixote.
(_Buch d. N._)
_ZUKUNFT_
Hat nicht er selbst, der grosse Pessimist, Schopenhauer, sich immer an seine kommende Gemeinde gewendet? Auch er glaubte also ueber die Verneinung hinweg an das Zukuenftige. Dieses ist das Einzige, wovon man nicht enttaeuscht wird.
(_Phil. Erz._)
Der Weg in die Zukunft muss durch das Elend fuehren.
(_Feuill._)
Wer die _Zukunft_ vorbereitet, muss ueber die Gegenwart hinwegblicken koennen.
(_Phil. Erz._)
Wenn ich an die Stelle eines alten Baues einen neuen setzen will, muss ich zuerst demolieren und dann konstruieren.
(_Der Judenstaat._)
Es weht ein Fruehling aus den alten Werken, Die unsern Geist und unsern Willen staerken. Die alte Zeit ersteht in neuen Bauten.
(_Die Glosse._)
Es gibt eine Pflicht der Intellektuellen, wie es in alten Zeiten ein Noblesse oblige! gab. Es ist die Pflicht, an der Erhoehung des Menschengeschlechtes mitzuwirken, jeder nach seiner Kraft und Einsicht.
(_Altneuland._)
. . . Sie vergessen, dass wir in kuenftigen Zustaenden leben, denn das Heute ist die Zukunft von Gestern.
(_Altneuland._)
Neue Formeln koennen nicht oft genug ausgesprochen werden.
(_Die Aufgaben der Bank._)
Wer begehrt, ist jung.
(_P. B._)
Die Armut erhaelt lange jung. Was ist Jugend anderes, als ein Lechzen, eine immerwaehrende Begierde? Beim Haben beginnt die Verdrossenheit, das Alter.
(_Feuill._)
_WEISHEIT_
Ein Philosoph muss schweigen, ein _Politiker_ reden koennen.
(_Leroy-Beaulieu ueber den Antisemitismus._)
Jede Zeit hat ihre Weisheit, ihre Weisen.
(_M. C. Montefiores Ansichten._)
Wer hat nicht, selbst im guten Glauben, die gleichen Dinge einmal weiss und einmal schwarz geschildert? Jeder Tag hat seine Beleuchtung.
(_P. B._)
Ohne Trost und haltlos und feige sind nur diejenigen, die noch nicht weise und nicht mehr glaeubig sind.
(_Feuill._)
Jedes Tagebuch enthaelt eine Pose.
(_Feuill._)
Denn in dieser niederen Welt (und besonders in Vocance, wo kein Wirtshaus ist) haengen unsere besten Entschluesse von den Umstaenden ab.
(_P. B._)
Das Sprichwort ist das anonyme Bekenntnis der Menschen.
(_Feuill._)
Ankuendigung ist alles. Man muss das Publikum so lange mit der Anpreisung einer Sache belaestigen, bis es an sie glaubt.
(_Feuill._)
Esprit de conduit hat eigentlich viel Aehnlichkeit mit dem esprit de l'escalier. Auf der Treppe beim Weggehen sind wir ja alle in der Regel viel gescheiter, als im richtigen Augenblick.
(_Feuill._)
Wer auf den Tag lauert, der verpasst die Zeit.
(_P. B._)
Die _Torheit_ ist die ewige Jugend des menschlichen Geschlechts. Aber wenn dich dein Tatendrang schon nicht ruhen laesst und du um jeden Preis die Tueren einrennen willst, so suche dir zu diesem Zweck wenigstens die offenen aus.
(_Buch d. N._)
Wenn man sich in einen Konflikt einlaesst, huete man sich lediglich davor, der Schwaechere zu sein.
(_Buch d. N._)
Auf nichts blicken wir hochmuetiger herab als auf das, was wir nicht verstehen.
(_Buch d. N._)
_LEBEN_
Von einer Wartestelle der Omnibuswagen laesst sich mehr Philosophie holen, als aus manchem dicken Buch.
(_Feuill._)
Mit jeder unerzwungenen Handlung suchen wir eine persoenliche Befriedigung, wenn wir nicht wahnsinnig oder heilig sind.
(_P. B._)
Die einfoermige Arbeit modelt den Menschen, der sie betreibt.
(_P. B._)
Denn zur _Menschenkunst_ gelangen wir niemals durch die Buecher; wenn wir sie uns aneignen, geschieht es nur im Erleben und auf dem ebensowohl kostspieligeren als auch schmerzlicheren Wege der Erfahrung.
(_Feuill._)
Die tausend Jahre alten Abgedroschenheiten des Lebens sind unendlich interessant, sobald sie uns selber widerfahren.
(_Phil. Erz._)
Fuer jeden Raufbold kommt ein Tag, wo er vom breiten Stein in die Gosse gestossen wird. Seine Methode wird auf ihn selber angewendet. Er kann dagegen nicht viel einwenden. Oder sieht er spaet ein, dass seine Methode nicht die rechte war?
(_P. B._)
Wir vergessen das Leben nicht minder als den Tod. So fremd werden uns die Stufen einer Entwickelung, die wir am eigenen Leibe und Geiste durchgemacht haben.
(_Feuill._)
Denn um das Leben zu ertragen, brauchen die Intelligenten einen Gedanken und die Einfaeltigen ein Gefuehl.
(_Feuill._)
Das Leben ist schoen -- nur muss einem etwas dazu fehlen.
(_Phil. Erz._)
_LIEBE UND HASS_
Die Liebe beruht im wesentlichen auf der mangelhaften Kenntnis der Fehler des angebeteten Gegenstandes, das lehrt die Erfahrung.
(_Feuill._)
Keinen groesseren Gegensatz gibt es im Staate, als den zwischen Landmenschen und Stadtmenschen, und wir hassen gerne dasjenige, was wir nicht verstehen.
(_Feuill._)
In dem Augenblicke, wo die Frauenemanzipation durchgefuehrt ist, wird sich die Liebe auf das Mass des unumgaenglich Notwendigen herabmindern. Die ganze Stellung der Geschlechter zueinander wird verschoben werden.
(_Feuill._)
Die Arbeit wird schlecht erklaert, und der Zwang laesst sie viel haesslicher erscheinen, als sie ist. Arbeit ist der angenehmste Zeitvertreib auf der Welt, und nur die Liebe liesse sich mit ihr vergleichen, wenn die Liebe Dauer haette.
(_Feuill._)
Mein Schwert im Wind. Hinaus in alle Weiten! Die Lieb' am Sattelknopf, so will ich reiten -- So jag' ich querfeldein nach meinem Glueck.
(_Die Glosse._)
_VON UNSERN LIEBEN NAeCHSTEN_
Am leichtesten ertragen wir diejenigen Ungerechtigkeiten des _Lebens_, die anderen widerfahren.
(_Buch d. N._)
Dem, der uns _verdraengt_ hat, vermoegen wir alles zu verzeihen, nur seine Vorzuege nicht.
(_Buch d. N._)
Das ist das wunderbare Raetsel der Achtung: um ihrer teilhaftig zu werden, muss man ein Fremder sein. Durch nichts sinkt man derartig im _Ansehen_ der Leute wie durch den taeglichen Verkehr mit ihnen.
(_Buch d. N._)
Einzelne schlecht gelaunte Moralisten behaupten, dass es keine hilfsbereiten _Freunde_ gaebe. O doch! Es gibt viele Leute, die einem helfen, wenn man sie nicht mehr braucht.
(_Buch d. N._)
Dieser Mann war zu aufrichtig, um _Freunde_, zu anstaendig, um Feinde zu haben. Man schwieg ihn also tot.
(_Buch d. N._)
Der _Goenner_ betrachtet deine Misserfolge als die deinigen, deine Erfolge als die seinigen.
(_Buch d. N._)
Wir haben miteinander unsere besten Studien gemacht. Das knuepft Menschen aneinander.
(_Buch d. N._)
Freunde schaden nicht immer.
(_Buch d. N._)
Ueber Verlobungen lacht man im Theater immer herzlich, weil die _Schadenfreude_ uns allen angeboren ist.
(_Buch d. N._)
Von einem Scheidenden: -- Durch die Tuer, die sich hinter ihm schliesst, wird die Erinnerung eintreten.
(_Die Causa Hirschkorn._)
_FRAUEN UND KINDER_
Fuer den Ton in einer Gesellschaft sind immer die _Frauen_ verantwortlich.
(_Phil. Erz._)
Nichts ist den Frauen lieber, als wenn ihre Ueberlegenheit recht deutlich hervortritt.
(_Feuill._)
So wahr ist es, dass eine Mutter, auch wenn sie schon ganz schwach und hilflos ist, noch immer die Kraft hat, ihres Kindes Glueck zu schaffen.
(_Altneuland._)
Die Kindheit unserer _Kinder_ ist wie Musik, die verschwebt und vorbei ist, ehe wir uns darauf besonnen haben, dass es etwas unendliches Suesses war.
(_Feuill._)
Die _Kinder_ sind unsere groessten Lehrmeister.
(_Phil. Erz._)
Was einer mit seinen _Kindern_ durchmacht, Schweres und Geringes, das machen alle durch. Er braucht es nur einfach, wie es gekommen, zu sagen, und er spricht allen Menschen aus der tiefsten Seele, als ob er ein Dichter waere. So wird unser Dasein durch sie inniger. Was sind das fuer arme Leute, die keine Kinder haben!
(_Feuill._)
Schonungslos sind wir nur gegen die Nahestehenden.
(_Der Fluechtling._)
Die Kinder werden manchmal von ihren Eltern erzogen, die Eltern immer von ihren Kindern. Die junge Frau wird durch ihr Kind zur Mutter.
(_Buch d. N._)
_POESIE UND KUNST_
Das ist ja die Poesie: was darein gelegt wird. Fuer den Montblanc genuegt ein Farbendruck, und seit gar bunt photographiert wird, hat das eigene Auge nichts mehr zu suchen beim Allzugrossen. Aber Corot malt zwischen zwei Baeumen am Weiher die ganze Welt.
(_P. B._)
Ein _Kuenstler_ ist immer ein Egoist. Sich will er hervortun, sich will er hervordichten, sich hervormalen, sich hervorsingen.
(_Feuill._)
Ein Arzt koennte sagen: die Dichtung ist das psychische Aequivalent der Liebe.
(_Feuill._)
Los von der alten Kunst! hiess es, und das leuchtete sofort vielen ein, insbesondere denjenigen, welche die alte Kunst ueberhaupt nicht gekannt hatten. Worin die neue besteht, habe ich nicht herausgefunden. Nur wenn ich die Zuschauer von irgendeinem haesslichen, verzerrten und sinnlosen Werk in Verzueckung stehen sah, dachte ich mir im stillen: Das ist wahrscheinlich Sezession. Denn dass ein Kuenstler nur seinen eigenen Traum bilden solle und nicht den seiner Vorgaenger, das ist so selbstverstaendlich, dass man dafuer keine Kampfrufe und Parteinamen braucht.
(_Feuill._)
Poesie und Weisheit beginnen, glaube ich, dort, wo man darauf verzichtet, sie schriftlich festzuhalten.
(_Feuill._)
Immer ist die Sehnsucht in den Werken der Kunst, ja vielleicht ist die Kunst ueberhaupt nichts anderes als Sehnsucht, die gestaltet wird. Sie schafft sich das Unerreichbare, und dieses ist das Einzige, was wert ist, verlangt zu werden.
(_Feuill._)
Es dauert sehr lange, bis eine _Melodie_ die Welt erobert. Hat sie sich aber endlich in alle Herzen hinein gesungen, dann ist es auch um sie geschehen; sie ist alt, sie stirbt.
(_Buch d. N._)
Ein _Schriftsteller_ erhaelt erst dann die meisten Gesuche um Autogramme, wenn er nicht mehr schreiben kann; ich meine: nichts Rechtes.
(_Buch d. N._)
Jedes _Kunstwerk_ ist eine Offenbarung -- des Koennens oder des Nichtkoennens.
(_Buch d. N._)
_VOM THEATER_
Es gibt eine machtvollere, ja eine einzige machtvollste Art der _Antikritik:_ die ist das naechste Stueck.
(_Buch d. N._)
Wenn ein _Stueck_ durchdringt, behauptet sein Verfasser nie, dass diese Tatsache auf die Verstaendnislosigkeit und Urteilsroheit der "Menge" zurueckzufuehren sei. Wie kommt das?
(_Buch d. N._)
Das Stueck hatte es dringend noetig, verboten zu werden. Es waere sonst durchgefallen.
(_P. B._)
Der Realist will das Publikum ohrfeigen, der Idealist will dasselbe berauschen. Manche Leute ziehen einen Rausch einer Ohrfeige vor.
(_Buch d. N._)
Das Publikum laesst sich nur von beruehmten Leuten langweilen.
(_Buch d. N._)
Interessant ist nur das, was hinter den Kulissen _gespielt_ wird.
(_Buch d. N._)
Der kuerzeste Weg zum Direktor fuehrt ueber die Hintertreppe. Wenn jemand das Betreten dieses Pfades missbilligt, so besorgt er sicherlich, dass man ihm einmal da begegnen koennte.
(_Buch d. N._)
Der Direktor einer Schmiere ist immer zu sprechen und zuweilen laesst er sogar mit sich reden.
(_Buch d. N._)
Grabschrift fuer einen Claqueur: Der Vorteil liegt auf der Hand.
(_Buch d. N._)
_Komiker_ verstehen keinen Spass.
(_Buch d. N._)
_GELD_
Am Anfang war nicht das Geld, am Anfang war die Idee.
Zu verkaufen ist ja eigentlich alles in der Welt -- nur der Preis ist nicht immer zu erschwingen.
(_Altneuland._)
Kapital ist angesammelte Energie und folglich wie andere Akkumulatoren fuer nuetzliche Arbeit verwendbar.
(_Feuill._)
Das Geld ist eine gute, schoene Sache. Die Menschen haben es nur verdorben.
(_Altneuland._)
Der Parvenu hat ein Beduerfnis, sich beglaubigen zu lassen, dass er eben angelangt ist, und er meint, er muesse zur Bescheinigung die haben, die schon frueher oben waren. Daran haben alle Satiren der Dichter und alle Revolutionen nichts geaendert.
(_Feuill._)
Spielwut und Sparwut sind nur verschiedene Grade derselben Passion.
_GROeSSE_
Die Einzigen waren vermutlich nicht so selten, wie man nach der Geschichte glauben muesste. Es hat in den Jahrtausenden wohl manchen Caesar gegeben, der nie dazu kam, seinen gallischen Krieg zu fuehren und zu beschreiben. Nur Zeit, Ort, Umstaende lieferten selten das Zusammentreffen von Bedingungen, das fuer die Erscheinung der grossen Person nicht minder wichtig ist, als deren Charakter.
(_Feuill._)
Geistesriesen -- ganz abgesehen von ihrer praktischen Unvernunft -- sind dem Volke so fremd, wie das Volk ihnen.
(_P. B._)
Ueber Lakaien herrschen, welch ein geringer Traum! Nein, maechtig ist, wer den Herren gebietet.
(_P. B._)
Wenn der Starke grossmuetig ist, wo ist das Verdienst? Aber der Schwache! Da wird's ruehmlich.
(_Das neue Ghetto._)
Zur Groesse fehlt dem _Helden_ Ihres Maerchens nur Eins: das Verzeihen.
(_Phil. Erz._)