Herzl-Worte

Part 3

Chapter 33,247 wordsPublic domain

_Wohltaetigkeit_ an einem ganzen Volke ausgeuebt, heisst Politik, und die Wohltaetigkeit, die ein Volk zu seinem eigenen Gedeihen auszuueben versucht, ist die Politik dieses Volkes. Es gibt keine Politik, die nicht von Absichten der Wohlfahrt durchdrungen ist.

(_Rede in Berlin._)

Einem Volke kann man nicht _philanthropisch_ helfen, sondern einzig und allein politisch.

(_Rede im Makkabaeerklub._)

Argentinien ist eine Art Koenigsgrab fuer Hirsch.

(_Rede in Berlin._)

_DAS LEBEN IM GOLUS_

Heute ist das juedische Proletariat nicht nur das aermste und ungluecklichste, sondern auch das unruhigste und das am meisten beunruhigende.

(_V. Kongressrede._)

Die causa remota ist der im Mittelalter eingetretene Verlust unserer _Assimilierbarkeit_, die causa proxima unserer Ueberproduktion an mittleren Intelligenzen, die keinen Abfluss nach unten haben und keinen Aufstieg nach oben -- naemlich keinen gesunden Abfluss und keinen gesunden Aufstieg. Wir werden nach unten hin zu Umstuerzlern proletarisiert, bilden die Unteroffiziere aller revolutionaeren Parteien und gleichzeitig waechst auch nach oben unsere furchtbare Geldmacht.

(_Der Judenstaat._)

Das ist wohl der ergreifendste Zug in unserer Volkstragik, dass das hochkonservative Volk der Juden immer den _revolutionaeren_ Bewegungen zugejagt wird.

(_Der Basler Kongress._)

Sind wir aber in der Boerse, so wird das wieder zur neuen Quelle unserer Veraechtlichkeit. Dabei produzieren wir rastlos mittlere Intelligenzen, die keinen Abfluss haben und dadurch eine ebensolche Gesellschaftsgefahr sind, wie die wachsenden Vermoegen. Die gebildeten und besitzlosen Juden fallen jetzt alle dem Sozialismus zu. Die soziale Schlacht muesste also jedenfalls auf unserem Ruecken geschlagen werden, weil wir im kapitalistischen wie im sozialistischen Lager auf den exponiertesten Punkten stehen.

(_Der Judenstaat._)

Diese Unruhen richten einen schweren Schaden an in der misshandelten Seele unseres Volkes. Sie untergraben immer wieder das Rechts- und Ehrgefuehl, sie machen die Betroffenen zu Feinden einer stiefmuetterlichen Gesellschaft, in der solches geschehen kann. Wundern wir uns nicht, wenn die Proletarier unter den Proletariern, von allen Menschen die Verzweifeltesten, bei allen aeussersten Umsturzparteien zu finden sind.

(_II. Kongressrede._)

Ueber kein Volk sind so viele Irrtuemer verbreitet, wie ueber die Juden. Und wir sind durch unsere geschichtlichen Leiden so gedrueckt und mutlos geworden, dass wir diese Irrtuemer selbst nachsprechen und nachglauben. Eine der falschen Behauptungen ist die unmaessige Handelslust der Juden. Nun ist es bekannt, dass wir dort, wo wir aufsteigende Klassenbewegung mitmachen koennen, uns eilig vom Handel entfernen. Weitaus die meisten juedischen Kaufleute lassen ihre Soehne studieren. Daher kommt ja die sogenannte Verjudung aller gebildeten Berufe. Aber auch in den wirtschaftlich schwaecheren Schichten ist unsere Handelslust keineswegs so gross, wie angenommen wird. In den oestlichen Laendern Europas gibt es grosse Massen von Juden, die keine Handeltreibende sind und vor schweren Arbeiten nicht zurueckschrecken.

(_Der Judenstaat._)

Die Juden haben infolge der langen buergerlichen Ehrlosigkeit eine oft krankhafte Sucht nach Ehre, und ein juedischer Offizier ist in dieser Beziehung ein potenzierter Jude.

(_Der Zionismus._)

Das roemische _Ghetto_! Mit welchem haemischen und niedrigen Hass man sie verfolgte, die armen Leute, deren grosses Verbrechen die Glaubenstreue gewesen. Wir haben es jetzt viel weiter gebracht: man macht dem Juden nur mehr die krumme Nase zum Vorwurf, sowie das Geld, auch wenn sie keines haben.

(_Buch der Narrheit_)

Nur die sichtbaren Ghettomauern sind gefallen.

(_Das neue Ghetto._)

Das _Ghetto_ existiert noch ueberall, wie unsichtbar auch seine Mauern seien. Das Ghetto besteht im Misstrauen der Gentiles, im Zusammenhocken der Juden und in der Scheu, die Zusammengehoerigkeit einzugestehen. Einer der vielen wunderlichen Widersprueche unseres Volkslebens ist: dass wir weit auseinandergestreut und doch auf allen einzelnen Punkten unbehaglich zusammengepresst sind.

(_Der ewige Jude._)

_JUDENNOT_

Auf die treibende Kraft kommt es an. Und was ist diese Kraft? Die _Judennot_.

Wir haben ohne Gewinsel die _Judennot_ vor aller Welt ausgebreitet und zugleich den Vorschlag gemacht, im allgemeinen Interesse eine Abhilfe aus unserer eigenen Kraft heraus zu schaffen. Sind wir in unserer Narretei sehr verbohrt, wenn wir annehmen, dass eine Sprache von solcher Offenheit die Teilnahme aller anstaendigen Menschen erregen muss?

(_Ergebnisse des Kongresses._)

Leben wollen diese Aermsten, und sie wollen ihre verhaermten Weiber, ihre kranken, schwachen Kinder nicht Hungers verenden lassen. Wer wagt es, einen Stein auf sie zu werfen, wenn sie im Hausier- und Wirtshandel nicht die moralischen Eleganzen eines tadellosen Gentleman haben? Wenn sie sich gegen das Gesetz vergehen, nimmt es sie schon gehoerig beim Kragen. Und die moralischen Eleganzen, wer hat sie denn? Etwa die hochmuetigen Emporkoemmlinge, die von diesen galizischen Ungluecksfaellen als von etwas Fernem, ausserhalb ihrer Sphaere Spielendem kuehl reden und die sich zu einer grossen solidarischen Hilfsaktion fuer die leiblich und sittlich Verkommenen ihres Stammes nicht verpflichtet halten?

(_Feuer in Galizien._)

Das Judentum ist eine Massenherberge des Elends mit Filialen in der ganzen Welt.

(_III. Kongressrede._)

Es gibt heutzutage vielleicht in der ganzen weiten Welt keine verzweifelteren Menschen als die armen galizischen Juden.

(_Feuer in Galizien._)

Sie alle kennen den schauerlichen Anlass, diese rumaenische Judenwanderung, die wie eine Blutspur durch Europa gezogen ist. Wo war da das bisherige offizielle Judentum, wo waren die protokollierten Grossen Israels, die Stuetzen der Gemeinschaft? An ihren Fruechten sollt ihr sie erkennen. Ein paar tausend Fluechtlinge wurden mit Ach und Weh weitergeschoben -- und dann erklaert man sich unfaehig, noch etwas zu tun. Die Nachfolgenden wurden zu Hunderten unter Anwendung von Waffengewalt zusammengestossen und in Extrazuegen wieder an die Grenze zurueckgeworfen, der sie unter Weherufen entkommen waren. Diese Extrazuege waren die letzte Anstrengung der Barmherzigkeit.

(_IV. Kongressrede._)

Seit den Zeiten des Altertums gibt es kein Beispiel von Heloten, aber die Juden in Russland sind tatsaechlich Heloten oder Parias.

(_Herzl vor der Londoner Fremdenkommission._)

Ist es zu verwundern, wenn das namenlose Elend sie auf Abwege bringt? Manche Erscheinung in diesen gequaelten Massen spricht erschuetternd zu uns. Man hat unter anderem beobachtet, dass galizische Juedinnen in den letzten Jahren auffallend zahlreich der Prostitution zufallen. Sie kommen als Ware nach allen Weltgegenden in den schrecklichsten Handel. Bedenkt man die alte Reinheit des juedischen Familienlebens, so schnuert einem eine solche Tatsache das Herz zu.

(_Feuer in Galizien._)

Ich glaube der Druck des Antisemitismus ist ueberall vorhanden. In den wirtschaftlich obersten Schichten der Juden bewirkt er ein Unbehagen. In den mittleren Schichten ist es eine dumpfe Beklommenheit. In den unteren ist es die nackte Verzweiflung.

(_Der Judenstaat._)

Im mittelalterlichen Deutsch bedeutete das Wort "Elend" sowohl Misere als auch Exil, und seit jeher waren die Ausdruecke fuer die Judenheit gleichbedeutend.

(_Herzl vor der Londoner Fremdenkommission._)

_DER UNTERGANG DER WESTJUDEN_

In der Judengasse waren sie ehrlos, wehrlos, rechtlos, und als sie die Gasse verliessen, hoerten sie auf Juden zu sein. Beides musste da sein: Freiheit und Gemeingefuehl.

(_Altneuland._)

Wer _untergehen_ kann, will und muss, der soll untergehen. Die Volkspersoenlichkeit der Juden kann, will und muss aber nicht untergehen. Sie kann nicht, weil aeussere Feinde sie zusammenhalten. Sie will nicht, das hat sie in zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen.

(_Der Judenstaat._)

Ich sprach schon von unserer _"Assimilierung"_. Ich sage keinen Augenblick, dass ich sie wuensche. Unsere Volkspersoenlichkeit ist geschichtlich zu beruehmt und trotz aller Erniedrigungen zu hoch, als dass ihr Untergang zu wuenschen waere. Aber vielleicht koennten wir ueberall in den uns umgebenden Voelkern spurlos aufgehen, wenn man uns nur zwei Generationen hindurch in Ruhe liesse.

(_Der Judenstaat._)

Die Abtruennigen entkamen dennoch nicht, und es erging ihnen wie den Fluechtigen aus einer verseuchten Gegend. Sie waren verdaechtig und blieben gleichsam in der Quarantaine liegen. Marranen hiessen im Mittelalter die getauften Israeliten in Spanien. Das Marranentum war die Quarantaine der entflohenen Juden.

(_Altneuland._)

Ganze Aeste des Judentums koennen absterben, abfallen; der Baum lebt.

(_Der Judenstaat._)

_JUDENFRAGE_

Die _Judenfrage_ besteht. Es waere toericht sie zu leugnen. Sie ist ein verschlepptes Stueck Mittelalter, mit dem die Kulturvoelker auch heute beim besten Willen noch nicht fertig werden konnten.

Die _Judenfrage_ besteht ueberall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. Wir ziehen natuerlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung.

(_Der Judenstaat._)

Die _Judenfrage_ hat zwei Aspekte, einen geschichtlichen und einen aktuellen. Der historische laesst sich mit kuehler Ruhe betrachten, ja die akademische Gelassenheit ist dabei sehr verdienstlich. Aber die aktuelle Judenfrage vertraegt diese kuehle Art der Behandlung nicht. Hueben und drueben leidet und kaempft man, hueben ist mehr Leiden, drueben mehr Streiten. Kommt aber einer, der dieses Schauspiel mit ungetruebter Seelenruhe betrachten, man koennte sagen: geniessen will, so wird er in beiden Lagern Zorn erregen.

(_Leroy-Beaulieu ueber den Antisemitismus._)

Sich taufen lassen ist die individuelle Loesung der Judenfrage.

(_Das neue Ghetto._)

Das ist die Frage, die vor uns liegt. Die Armen koennen nicht, und die Reichen wissen nicht.

(_Die Frauen und der Zionismus._)

Die Loesung der Judenfrage liegt in der Anerkennung der Juden als ein Volk, und darin, dass sie ein rechtlich anerkanntes Heim finden, wohin Juden aus denjenigen Teilen der Welt, in denen sie bedrueckt sind, naturgemaess wandern.

(_Herzl vor der Londoner Fremdenkommission._)

Die territoriale Loesung der _Judenfrage_ bedeutet eine Erleichterung fuer Europa und die Erloesung fuer uns.

(_Der ewige Jude._)

Und unser Raisonnement ist das einfachste in der Welt: Wenn das Angebot an Juden sinkt, wird die Nachfrage nach Juden steigen. Man wird uns fuer mehr wert halten.

(_Rede in London._)

Ich halte die _Judenfrage_ weder fuer eine soziale, noch fuer eine religioese, wenn sie sich auch noch so und anders faerbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu loesen, muessen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvoelker zu regeln sein wird.

(_Der Judenstaat._)

_DER JUDENHASS_

Zwei Erscheinungen fesseln unsere Aufmerksamkeit durch die Folgen, von denen sie begleitet sind: die hohe Kultur und die tiefe Barbarei unserer Zeit. Ich habe diesem Satze absichtlich eine paradox zugespitzte Form gegeben. Unter hoher Kultur verstehe ich die wunderbaren Errungenschaften der Technik, mittel deren wir die Natur unseren Zwecken dienstbar machen; unter der tiefen Barbarei verstehe ich Antisemitismus.

(_A Solution of the Jewish Question._)

Die Voelker, bei denen Juden wohnen, sind alle samt und sonders verschaemt oder unverschaemt Antisemiten.

(_Der Judenstaat._)

Die _Verfolgungen_ sind nicht mehr so boesartig wie im Mittelalter? Ja, aber unsere Empfindlichkeit ist gewachsen, so dass wir keine Verminderung der Leiden spueren. Die lange Verfolgung hat unsere Nerven ueberreizt.

(_Der Judenstaat._)

Das gewoehnliche Volk hat kein historisches Verstaendnis und kann keines haben. Es weiss nicht, dass die Suenden des Mittelalters jetzt an den europaeischen Voelkern heimkommen.

(_Der Judenstaat._)

Wir hoeren Tag fuer Tag die, wie es scheint, schwierige Frage eroertern, ob wir denn auch Menschen seien wie andere. Es gibt Leute, welche mit Entschiedenheit diese Frage verneinen, dann solche, die mit Einschraenkungen bejahen; wenige sind ohne Vorbehalt fuer uns, und das ist menschlich erklaerbar. Das "Liebe deinen Naechsten" ist nichts Alltaegliches -- haette es sonst ein derartiges Aufsehen in der Weltgeschichte erregt?

(_Leroy-Beaulieu ueber den Antisemitismus._)

Kischenew ist ueberall, wo Juden an Leib oder Seele gequaelt, an der Ehre gekraenkt, am Vermoegen geschaedigt werden, weil sie Juden sind.

(_VI. Kongressrede._)

Wie kann man sich vorstellen, dass die Leute, die uns als Nachbarn nicht dulden wollen, sich mit uns als Familienmitglieder verbinden wuerden?

(_Herzl vor der Londoner Fremdenkommission._)

Die Juden wollen erloest werden von der Angst vor immer wiederkehrenden Verfolgungen. Denn selbst in den Laendern, wo unsere Brueder augenblicklich nicht zu leiden haben, ist ihre Freude eine zitternde. Ich habe dafuer viele Beweise. Jeder Protest, der von solchen Gutsituierten gegen meinen Plan erhoben wird, ist ein Beweis. Sie meinen, mit Unrecht, dass ich die Duldung gefaehrde, die sie geniessen, wenn ich vom Judenstaat spreche. Und beim ersten judenfeindlichen Ruf, den irgend ein Individuum ausstoesst, fahren sie aus ihrer armseligen Ruhe auf und blicken scheu um sich: Faengt es schon an?

(_Rede im Makkabaeerklub._)

Als ob die _judenfeindliche_ Bewegung dadurch irgendwie alteriert wuerde, dass ihr Schlagwort wissenschaftlich bemaengelt werden kann. Das ist Gelehrtennaivitaet.

(_Leroy-Beaulieu ueber den Antisemitismus._)

Diese Kraft, die wir brauchen, wird uns vom Antisemitismus geliefert.

(_A Solution of the Jewish Question._)

Dass du ein anstaendiger Mensch bist, wird dir niemand glauben, weil du ein Jud' bist.

(_Altneuland._)

VON MENSCHEN UND MENSCHLICHEM__

_DIE MENSCHHEIT_

Es ist vielleicht nicht die eleganteste Gesellschaft, wenn man mit Bettlern und Hungerleidern zusammen nach dem Ziele strebt. Aber ich spreche ja nicht von der Kanzel einer Synagoge, und so mag es mir gestattet sein, zu sagen, dass wir Zionisten nicht davor zurueckschrecken, mit Bettlern und Hungerleidern zu gehen, wenn das Ziel die Gerechtigkeit ist. Vielleicht werden wir bei dieser Gelegenheit die Moeglichkeit sozialer Verbesserungen entdecken und verwirklichen, die auch den Muehseligen und Beladenen anderer Voelker zunutze kommen. Dann erst werden wir wahre Israeliten sein.

(_Rede in London._)

Ich glaube an das Aufsteigen der Menschen zu immer hoeheren Graden der Gesittung; nur halte ich es fuer ein verzweifelt langsames. Wollten wir warten, bis sich der Sinn auch der mittleren Menschen zur Milde abklaert, die Lessing hatte, als er Nathan den Weisen schrieb, so koennte darueber unser Leben und das unserer Soehne, Enkel und Urenkel vergehen.

Erfindungen und Entdeckungen haben die Menschen nicht duemmer gemacht und auch nicht schlechter. Man vervollkommnet die Schiessgewehre, aber als man noch mit Streitaxt und Morgenstern zu Felde zog, hatte man ebensowenig die Absicht, dem Feinde das Leben zu verlaengern oder es ihm suess zu machen.

(_Buch der Narrheit_)

Auch um das Eisen aus dem Schosse der Erde zu holen, ist Gold erfordert worden. Schien es nicht, als waere das ein theoretischer Tausch? Eisen, etwas Wertloses, gewiss kein edles Metall! Aber der Mensch hat seine Arbeit und Gedanken dazu gegeben, und siehe, das schlechte Metall verwandelt seine Gestalt: es wird Schiene und schlingt sich als Band von Land zu Land, es wird Werkzeug und Maschine, Saeule und Traverse, es schwingt sich als Bruecke ueber den Strom und gleitet trotz seiner Schwere als Schiff ueber das duftende Meer nach neuen und alten Gestaden.

(_Rede im Makkabaeerklub._)

Es waere unsittlich, wenn wir einem Menschen, woher er auch komme, welchen Stammes oder Glaubens er auch sei, die Teilnahme an unseren Errungenschaften verwehren wollten. Denn wir stehen auf den Schultern anderer Kulturvoelker.

(_Altneuland._)

-- Uns ist nichts Menschliches fremd. Auch wir wollen an der _Besserung_ der allgemeinen Zustaende mitarbeiten, aber als Juden, nicht als unbestimmte Menschen, und was wir dann als Juden tun, das wird uns auch zur Ehre gereichen.

(_Rede in der Oesterr. Union._)

Eine grosse Helligkeit stroemte von der Menorah aus. Die Augen der Kinder glaenzten. Unserem Manne aber wurde das Ganze zu einem Gleichnis fuer die Entflammung der _Nation_. Erst eine Kerze, da ist es noch dunkel, und das einsame Licht sieht noch traurig aus. Dann findet es einen Gefaehrten, noch einen, noch mehr. Die Finsternis muss weichen. Bei den Jungen und Armen leuchtet es zuerst auf, dann schliessen sich die andern an, die das Recht, die Wahrheit, die Freiheit, den Fortschritt, die Menschlichkeit, die Schoenheit lieben. Wenn alle Kerzen brennen, dann muss man staunen und sich freuen ueber das getane Werk. Und kein Amt ist beglueckender als das eines Dieners am Licht.

(_Die Menorah._)

_DIE MENSCHEN_

Ein Zustand, wo jeder tun koennte, was er will, ist schwerlich zu ersehnen. Wenn das voruebergehende Ich voellig sich ausleben duerfte, ginge das ewige Ich darueber zugrunde. Der Einzelne muss darum gebaendigt werden. Die Freiheit als etwas Absolutes wuenschen kann nur ein Schwaermer oder ein Tor. Der Einzelne, der sich inmitten der Gesellschaft schrankenlos ausleben will, ist immer ein Verbrecher. Die verschlafenen Juristen von der Universitaet sondern das gemeine Verbrechen vom politischen. Die Ketzerrichter urteilen klarer, wenn sie auch das politische ein gemeines nennen. Vom Staate aus gesehen verschwindet naemlich der Unterschied. Und wer den Einzelnen wie die Gesamtheit mit demselben gelassenen Blick anschaut, der findet, dass alle Verbrechen politische sind. Die Gesetze sind ja bloss die Form -- die zeitweilige, besserungsfaehige, aber deutliche --, in welcher die grosse Persoenlichkeit eines Volkes die Beduerfnisse und Bedingungen ihres Daseins ausspricht.

(_Palais Bourbon._)

Die Menge ist bekanntlich grossmuetig und boshaft, intelligent und albern, tollkuehn und feig -- alles in demselben Augenblick -- sie weicht einem Milchkarren vorsichtig aus und geht in die Bajonette hinein, sie lacht ueber einen Witz und versteht keinen Spass, wird durch eine sentimental aufgedonnerte Phrase geruehrt und jubelt einer Grausamkeit zu.

(_Philosophische Erzaehlungen._)

Die Menschen naehern sich einander nicht, wenn es keinen Notstand gibt, und vielleicht haben darin alle recht. Das Gemeingefuehl, die Gemeinbuergschaft erwachen nur in den Katastrophen.

(_Feuilletons_)

Die Rechtlosigkeit des Einzelnen ist dem Kollektivismus und der unbeschraenkten Monarchie gemeinsam. Nur laesst der Kollektivismus etwas Unkoerperliches, Ungreifbares ueber dem Staate schweben, und darum wird er als etwas Dauerndes spaet oder nie in Erfuellung gehen. Die Massen denken niemals in Ideen und immer in Personen. Es ist aber eine der reizendsten Antinomien, dass gerade die gestaltlosen Tyrannen verhasst sind. Kommt einmal der unbestimmte Despot, so ist das Volk froh, ihn durch einen bestimmten zu ersetzen. Er muesste sonst sich selbst zuernen, sich selbst hassen, sich selbst den Untergang wuenschen wegen der Haerten, die vom Herrschen untrennbar sind. Die richtige naive Republik will einen Grossherzog an der Spitze haben.

(_Feuill._)

Versammlungen werden wie andere nervoese Wesen durch die Farbe einer Stimme gereizt und beschwichtigt, aufgeruehrt und bezaubert.

(_P. B._)

Das Moralische faengt erst spaeter an: naemlich beim Bewusstsein! Beim Ueberwinden des Instinktiven.

(_Das neue Ghetto._)

_ALLGEMEIN VOeLKERPSYCHOLOGISCHES_

Wissen Sie, woraus das _Deutsche Reich_ entstanden ist? Aus Traeumereien, Liedern, Phantasien und schwarz-rot-goldenen Baendern. Und in kurzer Zeit! Bismarck hat nur den Baum geschuettelt, den die Phantasten pflanzten.

(_Theodor Herzl und Baron Hirsch._)

Die _Schweiz_ kann einen nervoes machen! Dieses gepriesene Land, in welchem nur auf dem Fruehstueckstische Milch und Honig fliesst, besteht aus Bergen, Taelern, Fremdenfuehrern, Wasserfaellen, Hotelrechnungen, die aber hoch ueber der Meeresflaeche sind, Tell-Statuen, Gletschern, geschichtlichen Erinnerungen, umherziehenden englischen Maedchenpensionaten und anderen Reichen. Sehenswuerdigkeiten, nichts als Sehenswuerdigkeiten! Doch ist die Bevoelkerung nicht hierher zu rechnen, denn dieselbe stammt zum groessten Teil aus Amerika. Die Nichtamerikaner sind Mitglieder des Deutschen Theaters in Berlin. Lediglich zur Erzielung eines gewissen Lokalkolorits sind in passenden Zwischenraeumen auch Eingeborene aufgestellt. Diese sind mit Leichtigkeit daran zu erkennen, dass sie entweder von einem Bundesschiessen kommen oder zu einem Saengerfest mit trikoloren Stand- und Redensarten eilen.

(_Buch d. N._)

Der deutsche Schriftsteller hat mit ausserordentlichen Schwierigkeiten zu kaempfen, sobald er _Italien_ gruendlich beschreiben will; dieses Land ist schon viel zu sehr entdeckt.

(_Buch d. N._)

_Asien_ ist das diplomatische Problem des naechsten Jahrzehnts.

(_II. Kongressrede._)

Mein Gott, wer luegt im _Sueden_ nicht? Dort klingen Luegen nur wie Maerchen.

(_P. B._)

Aber mit demselben Aufwande von Lungenkraft und Grobheit, den ein Packtraeger in Aegypten macht, um einen Piaster mehr zu bekommen, koennte er in einem zivilisierten Lande mit Leichtigkeit Abgeordneter werden. Der Wert der Grobheit steigt naemlich mit der Kultur eines Volkes.

(_Feuill._)

Die Teilung der _Tuerkei_ wuenscht jetzt niemand, denn das wuerde den _Weltkrieg_ bedeuten.

(_Der Kongress._)

_DIE FRANZOSEN_

Die Franzosen boxen mit Faeusten und Fuessen, und so gebraucht Pelletan in der Debatte nebst der Logik auch die Sophistik.

(_P. B._)

Die Deputierten haben natuerlich, wie alle Franzosen, eine Lust am Reden. Nirgends steht das gesprochene Wort in solchem Ansehen, wie in diesem Lande. Darum gibt es nirgends so viele und so gute Plauderer, Deklamatoren, Vorleser, Zahnbrecher und Volksredner, wie hier.

(_P. B._)

Seit Freycinet ist kein so grosser mittelmaessiger Mensch aufgetaucht, wie Herr Raimond Poincare. Sein Name wird noch auf vielen Ministerlisten stehen, und zwar an der Spitze.

(_P. B._)

In London bleiben die Leute stehen, wenn sie Ball spielen sehen; in Paris, wenn sie reden hoeren.

(_P. B._)

In _Frankreich_ ist entweder die Bronze billig oder die grossen Maenner sind es.

(_Buch d. N._)

_DIE ENGLAeNDER_

Das macht ja die Groesse _Englands_ aus, dass es diese beiden Kraefte gluecklich benuetzt: im Innern den starren, konservativen Juristengeist und nach aussen die bewegliche Abenteuerlust des kaufmaennischen Geistes.

(_P. B._)

Wer es nicht schon wuesste, dass die Englaender das herrschende Kulturvolk unseres Zeitalters sind, der wuerde es auf einem Rennfelde erfahren.

(_Feuill._)

Wenn man die Wahl haette, in welcher Sprache man schreiben moechte, um den treuesten und groessten Leserkreis zu haben, um Macht auf die Gemueter auszuueben und eine Spur zu hinterlassen, muesste man sich fuer das Englische entscheiden. Franzoesisch klingt ja auch weit, aber die Franzosen haben kein Gedaechtnis fuer den gestrigen Tag ihrer Literatur.

(_Feuill._)

Die Englaender haben recht das Stachelige und Gemuetliche des Mark Twain. Sein Humor ist etwas Ungeheures, Gewaltsames, Umwerfendes. Wahre Bloecke der Lustigkeit, fuer ein Volk berechnet, das nicht laechelt. Wenn sich der Mann englischer Zunge zum Lachen entschliesst, will er gleich ausgiebig lachen, auf einmal, ordentlich und dass es kracht.

(_Feuill._)

Englisch ist namentlich der Ausbau der koerperlichen Uebung nach der Seite des Geldgewinnes hin. Auf das Spiel ist noch die Wette gepfropft.

(_Feuill._)