Part 4
»Ich bin nämlich die Elisabeth.«
Und als Friesen mit ihrem zunehmenden Ernst noch ausgelassener wurde, wiederholte sie beinahe feierlich:
»Ja gewiß, Herr von Friesen, ich bin Elisabeth von Tiefenbach!«
Der aber, dem diese Beteuerung galt, verlor auch noch den letzten Rest von Beherrschung. Er lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob er es verhindern wolle, daß das Mädchen weiter spreche. Schließlich stimmte auch Elisabeth wieder in die Fröhlichkeit ein, als sich plötzlich die Tür öffnete und Max ins Zimmer trat.
Als er die ausgelassene Heiterkeit der beiden sah, blieb er einen Augenblick verdutzt stehen.
»Hallo!« rief er »Ihr habt ja recht schnell Freundschaft geschlossen. Das gefällt mir!«
Dann schritt er zu dem Freunde.
»Guten Morgen Bernhard. Nun, wie war die erste Nacht auf dem Freihof?«
Aber noch bevor der Angesprochene antworten konnte, rief Elisabeth dem Bruder zu:
»Wenn Du es durchaus willst, daß Herr von Friesen seinen Kaffee früh allein trinken soll, so gewöhne ihn doch wenigstens nur nach und nach daran. Das muß ich gestehen, Max, Du verwöhnst Deinen Freund gleich vom ersten Tage ab nicht.«
Max trat zu seiner Schwester, hob sie samt ihrem Stuhle zu sich empor und drückte ihr trotz Sträubens einen Kuß auf den Mund. Dann setzte er behutsam das Mädchen wieder nieder.
Friesen war Maxens Bewegungen mit den Augen gefolgt und er hatte die Gruppe sehr hübsch gefunden: der blonde Riese, dessen Arme dazu geschaffen schienen, einen rasenden Stier vor sich niederzuzwingen, im Kampf mit dem zierlichen, sich heftig wehrenden Mädchen, dessen Gesichtsausdruck trotz ihres Sträubens nur allzudeutlich verriet, wie gerne sie die Zärtlichkeit des Bruders ertrug.
»So, Du hast deinen Lohn für die Schelte am frühen Morgen,« sagte Max. »Wenn Du aufmerksam gewesen wärst, hätte Bernhard gleich Gesellschaft gehabt.«
Die letzten Worte mußte er ihr nachrufen, da das Mädchen schmollend aus dem Zimmer schlüpfte.
Max wandte sich an Friesen und fuhr fort:
»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können, wenn der Braune nicht etwas lahmte. Deshalb mußte ich langsam reiten.«
Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang ein, um ihn mit der Umgebung vertraut zu machen. Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in allen Einzelheiten kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte.
Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde dem Ufer des Baches entlang, bis sie sich endlich unter einem großen Apfelbaum in das weiche Gras streckten.
»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie erzählt,« begann Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben ist. Aber ich muß Dir beichten,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von den Tiefenbachs weiß als bisher.«
Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung mit Mutter Lehnhardt.
»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede gegangen,« scherzte Max, »sie ist allerdings der beste Kenner unserer Familiengeschichte.
Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich der Erzählung der Alten noch ein paar Worte hinzufügen, Du dürftest ohne sie sonst manches unverständlich finden.
Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen Frauennaturen, denen man im Leben nicht allzuoft begegnet. Die Jahre sind ohne große Ereignisse an ihr vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die höchste ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder gegolten. Sie besitzt einen ungemein scharfen Verstand und viel praktischen Sinn. Sentimentale Lebensanschauung ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus voller Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der Freude und dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu geben, die die gütige Natur dem Menschen verliehen hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder dem ernsten Ausdruck Raum zu geben, der immer auf ihrem Gesichte lagert. Tränen sind ihr versagt. Möge sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.«
Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt. Nun fand er auch die Erklärung für Maxens ernsten Charakter, denn der mütterliche Einfluß war unverkennbar.
»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter mehr Gemüt als der Fremde bei ihr vermutet. In ihrem tiefsten Herzen liegen Saiten, die zuweilen mit Macht tönen und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres Klanges an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für sie qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen bleibt sie treu, und was meine Mutter einmal beschlossen hat, führt sie mit einem Willen durch, der vielleicht an Starrsinn grenzt.
Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei Eurer heutigen Begegnung sofort empfunden haben, was für ein Kind dieses achtzehnjährige Mädchen noch ist. Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet. Die Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine heitere Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht alles in rosigem Licht. Sie weiß von der Welt so wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt. Eine glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur die lichte Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und der Sonnenschein unseres Hauses.
Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth schon in frühester Jugend eine unerklärliche Anziehung aus. Sie wendete alles auf, der Überwachung zu entwischen, um hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um wenige Jahre älteren Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr es zuweilen auch kämpfte, gegen den unwiderstehlichen Drang nicht auflehnen. Die Mutter ließ nichts unversucht, um dieser Neigung des Kindes zu begegnen. Zuletzt war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und eines Tages war sie so zornig, daß sie die zehnjährige Elisabeth hart schlug.
Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an dem Kinde zu beobachten. Während es bisher schon bei einem zurechtweisenden Blicke der Mutter Tränen hatte, ließ sie die Züchtigung lautlos über sich ergehen. Und, welch Wunder, -- sie lief nicht mehr hinauf, sprach auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche Veränderung war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres Plaudern, ihr heiteres Lachen waren verstummt. Ohne daß man eine Absicht merkte, unterblieben die stürmischen Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich vermißte. Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden im Grase sitzen und mit seinen großen, matten Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr ohnehin sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab, und ihr bleiches Gesicht ward immer schmaler.
Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete sie Elisabeth, und ich konnte in ihren Augen die tiefe Rührung lesen, die sie beherrschte.
So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth wurde von Tag zu Tag bleicher, und ihre Augen wurden glanzvoller. Ihre Bewegungen waren müde, ihre Sprache leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur Mutter, die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die durch ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt war. Aber man sah, wie der Gram das Kind zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte im Innern einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag ...
Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten hinter dem Hause. Es war ein prächtiger Frühlingstag. Aber das Kind hatte keinen Blick für den goldenen Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es sein unschuldiges Herz zog.
Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten und sah hinter der Gardine verstohlen hinaus. Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke auf Elisabeth. Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles in der Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich zu frischem, blühendem Leben entwickele, während ihr heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten dem Grabe zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck nach der Tür, -- fast schien ihr Fuß sie nicht dahin tragen zu wollen, -- und stockend überschritt sie die Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde, das, aus seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie schweigend durch den Garten, öffnete das Türchen, das den Austritt nach den Feldern gestattet und stellte das erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die über den Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem Schlosse läuft.
Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für das Gebaren der Mutter. Und während diese sich wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die Füße sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie fürchtete, wieder zurückgerufen zu werden.
Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder das Zimmer und sank in den Stuhl.
Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine Mutter zum ersten Male in tiefer Bewegung erzittern, als sich die dünnen Arme des jubelnden Kindes ihr liebkosend um den Hals legten ...
Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten da droben bis auf den heutigen Tag geblieben. Sie würde das Verbot nicht verstehen, sondern es als eine grausame Härte empfinden.
Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der beiden Familien Tiefenbach entzweit haben, nachdem der ältere Bruder die Braut des Jüngeren beschimpft hatte. Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs auf dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem Namen, nichts mit einander gemein. Die tiefe Kluft kann niemals überbrückt werden! Neben der Liebe zu ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der meine Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben. Der Vater hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt, und seine letzten Worte auf dem Sterbebette waren eine Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem Geiste einzuwirken.
Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung noch heute in der Seele nach, und ihr Einfluß auf meine Anschauungen hat das seinige getan. Die jetzt auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine Abneigung gegen sie nicht unterdrücken. Sie sind die Nachkommen des Mannes, der meine Großeltern tödlich beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden Schatten auf ihren Lebensweg geworfen haben.
Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein, Kinder sind nicht dazu berufen, die Sorgen der Erwachsenen zu teilen. Sie selbst empfindet schon längst, daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie über ihre Besuche auf dem Schlosse schweigen.«
Eine Pause entstand. Dann sagte Max:
»Bernhard, nun erzähle _Du_ mir etwas, ich bin begierig, mehr davon zu hören, wie es Dir in den letztverflossenen Jahren gegangen ist.«
»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir auseinandergegangen sind, recht wechselvoll gewesen.
Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer Kamerad so unliebenswürdig war, mir seinen Degen in den Leib zu rennen, was dem Feldscher Anlaß gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von dem irdischen Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund, denn so, wie ich in diesem Augenblick neben dir liege, bin ich doch ein nicht zu bestreitender Beweis für die Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht. Ich war entschieden noch nicht reif genug für den Eintritt in eine bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen. Freilich verurteilte mich die Blessur zu einer unfreiwilligen Ruhezeit von mehreren Monaten.
Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich öde erschien, da sie nur durch den Garnisondienst ausgefüllt wurde. Selbst der Geduldigste von uns fand diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung herbei. Da schaffte Napoleon Rat.
Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und alles deutete auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg. Diesmal sollten wir unter Bernadotte gegen die Österreicher kämpfen. Bei Linz schwankte das Zünglein der Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied. Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das Bataillon Metzsch, bei dem ich damals stand, kämpfte im ersten Treffen. Wie verzweifelt schlugen wir uns den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir ruhig hinter unserer Artillerie. Wahrscheinlich um unser Interesse an der Schlacht rege zu halten, schlugen die österreichischen Geschosse unaufhörlich in die dichten Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man sah auf unserm Flügel nur noch zurückflutende Truppen. Da erschien der Kaiser bei uns, und bald darauf entschied sich das Schicksal des Tages: der Österreicher wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner Scharmützel, die sich immer niedlicher gestalteten, so daß die letzten von ihnen gegen die vorangegangenen großen Tage sich nur noch wie Friedensübungen ausnahmen.«
Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen ein Lächeln nicht unterdrücken können. Er war noch immer der alte: keck bis zur Kühnheit, lustig bis zum Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich, denn alle die unter dem Kaiser kämpften waren ja so.
»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so langweilig geworden, daß Du ihm selbst das Landleben vorziehst?« scherzte Max.
Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen Augenblick schien er verlegen, dann sagte er:
»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin erzählte, sprach ich das aus, was mich noch bis vor zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich nicht genug des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung vollzogen. So wie bisher, kann es mit den endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich tue meine Pflicht als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert mich aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht aufhören, unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören. Und ich denke, daß ein gedeihlicher Frieden auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes ehrlichen Mannes sein muß.«
»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief Max lebhaft und reichte ihm die Hand hin, in die Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das sind auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal Ruhe halten, und jeder sollte sich mit dem bescheiden, was er besitzt. Freilich taugt die ganze Franzosenwirtschaft nichts, aber so schnell, wie sie über uns gekommen ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt hat jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben dem Kaiser für so manches zu danken.
Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen Weile fort, »wenn es der gleichförmige Dienst nicht war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb, dann kann es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch, Dein altes Versprechen nun endlich einzulösen. Ist es so?«
Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens Gesicht.
»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider gestehen, daß mich die Gefühle, die Du voraussetzest, allerdings nicht bewogen haben, die Residenz zu verlassen, da ich meinen Besuch eigentlich bis zum kommenden Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen.
Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen und Strapazen, und obgleich man nie wußte, ob der nächste Tag einen noch gesund sah, wegen seiner vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte, gefallen. Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als aber die Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes begann, blieben die Zerstreuungen aus. Deshalb waren wir im vergangenen Winter darauf bedacht, uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten haben die Unternehmungslust der Dresdener Bürger aber erklärlicherweise stark herabgedrückt, so daß der Mangel an Einladungen zu den üblichen Bällen und sonstigen Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten jeder in seinem Bekanntenkreise, Stimmung zu machen. Hier und da machte man wohl Anstrengungen, um wieder in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu gleiten; aber die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn wollte nicht aufkommen.
Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe Sichart, der trotz seiner dreiundzwanzig Jahre, und zwar mit einer reizenden, jungen Frau, schon verheiratet war, schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine ganze Anzahl von uns, meistens Leutnants, traten dem Finkenkasten, wie wir unsern Bund tauften, bei. Hauptmann von Einsiedel war der Vorstand. Wir Bündler hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit nahm die Mitgliederzahl des Finkenkastens zu; auch einige Bürgerfamilien traten bei. Jeder war willkommen. Der Grad der Freude unter den Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich nach der Anzahl der Angehörigen, die der Hinzutretende anmeldete. Geheimrat Vogel brachte es auf fünf. Darüber besondere Freude! Und als Oberstleutnant von Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach ihrem Alter fragten wir nicht. Der Finkenkasten aber zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und nahezu noch einmal so viel Damen.
Als wir bei der Gründung des Klubs unsere Meinungen zum besten gaben, wieviel Mitglieder er wohl nach einem Monat zählen würde, riet der immer zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten uns auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb lachten wir ihn aus und meinten, er könne nie genug bekommen. Als nun aber fast das Hundert voll geworden war, lachten wir wieder über ihn, weil er so schlecht geraten hatte.
Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen, deshalb wurde ich in das Vergnügungskomitee gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem Maße, und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem Vertrauen der Bündler würdig zu zeigen.
Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen Saal und trafen Vorbereitungen für das erste Fest, das den Reigen beginnen und deshalb besonders glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und geprobt. Als es sich darum handelte, einen von uns als Regisseur zu dingen, kam man allgemein auf mich. Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden der sehr rührseligen Komödie ob.
Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern ihre Rollen einzupauken. Mit der ersten Probe war ich nicht sonderlich zufrieden und glaubte, meinem überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen, daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie auf das Studium der Rollen verwendet hätten. Die Wahrheit war freilich gerade das Gegenteil, denn sie hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen. Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren stolz auf ihre Leistungen, und jeder drückte mir zum Abschied wohlwollend die Hand.
Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast jeder heiser und ich obendrein völlig durchnäßt war, schien das Zusammenspiel endlich erträglich zu sein. Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung und die Bewegungen der Schauspieler zu studieren und empfand plötzlich ein Interesse an mancherlei Dingen, an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber für einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich sind. Nun wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest stattfand, denn mich überfiel eine noch nie gekannte Unruhe. Die Glieder zitterten mir wie einem Hundertjährigen, und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes zogen allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam, offen gesagt, ein gelindes Grausen vor meiner Würde.
Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles ging wie am Schnürchen. Ich teilte noch einige kritische Ratschläge aus, wie den, die Stimme nicht allzu heftig zu erheben, da mancher der Kameraden im Feuereifer seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der junge Sichart, der im gewöhnlichen Leben im Regiment mein elfter Hintermann, auf der Bühne aber mein Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein, die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen, da dies ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde. Und um es nicht bloß bei Ratschlägen zu belassen und den für solche Leistungen weniger gut Begabten ein Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle vor, in der ich der Geliebten meine Erklärung abgeben und, da sie mich nicht erhören durfte, rasen mußte. Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus, als ob es nicht mehr Spiel wäre. Und da ich mich andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte ärgern müssen, freute ich mich darüber.
Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von kaum zwanzig Jahren und die Schwester der Frau von Sichart. Mir erschien es immer, als ob sie ihre Rolle mit hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine Liebesschwüre sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht, und es mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein Gehör schenken durfte.
Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt und -- gefiel. Alle Zuschauer waren entzückt; meine Partnerin und ich sowie Sichart, mein Großvater, waren die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust. Länger hätte ich aber die Aufregung auch nicht mehr ausgehalten. Ich zitterte wie Espenlaub, denn ein Gefühl unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden, das ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und Wagram nicht gekannt hatte.
Aber nun war alles vorbei, und es war über alle Erwartungen gut ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte man mich, um mich zu beglückwünschen, und mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte Sichart und zog ihn in einem anstoßenden Zimmer an einen Tisch nieder, um mit einem labenden Trunk das eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen, weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken mit uns und gingen wieder. Wir blieben sitzen. Vom Tanzen konnte bald füglich keine Rede mehr sein. Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde Braut in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns, und das Plaudern mit ihnen bot viel Stoff zu herzlichem Lachen. Dann waren sie mit einem Male verschwunden. Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von unserer ganzen Unterhaltung wußte ich am andern Morgen kein Sterbenswörtchen mehr.
Während mehrerer Stunden hatten unaufhörlich die Pfropfen geknallt, als ich endlich aufstand und mit Sichart durch die Zimmer wandelte. Dann war ich plötzlich von ihm getrennt und lief, ohne noch zu wissen wohin, hierhin und dahin. Später entsann ich mich dunkel, mit vielen der Festgäste ein paar Worte gewechselt zu haben, auch mit Sicharts Schwägerin. Ich stand dicht vor ihr, hatte wohl auch etwas gesagt, das die Heiterkeit der Anwesenden erregt haben mochte. Mit einem Male aber lachte niemand mehr, und das Mädchen lief rasch fort.
Kurz darauf kam ich wieder zu mir, nachdem ich eine Zeitlang frische Luft geschöpft hatte. Ich traf auch Sichart wieder, der allerdings in einem nicht beneidenswerten Zustande war. Vergebens suchte ich nach seinen Damen, bis ich die mich befremdende Mitteilung vernahm, daß sie bereits nach Hause gefahren seien.
Ich führte den widerstrebenden Freund hinaus und bestieg mit ihm einen Wagen. Für den Armen war es wirklich das beste, daß ich ihn nach seinem Heim beförderte.