Herr, mach' uns frei!

Part 3

Chapter 33,719 wordsPublic domain

Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit statt. Die Wunde, die der Tod des Freiherrn geschlagen, war noch zu frisch, daß man laut gejubelt hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die Gäste und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten. Und als der festliche Spruch verklungen war, den Herr Egbert auf eine fröhliche und glückliche Zukunft des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich der Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen sprach er mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme seines Herzens hätte folgen müssen und er fortan nicht bloß unter den Bauern sein Leben zubringen wolle, sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter Bauer genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen, hätte eine tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem Schlosse aufgetan. In seiner Brust aber wohne kein Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung von der Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes und das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten würden ihn reich entschädigen. --

Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner Ehe das was er erhofft hatte in reichem Maße, denn mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem Freihof eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine zartsinnige Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen Jahren schien es, als wenn Oskar von Tiefenbach nie anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt habe; er war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt hatte und reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers sicheres und treffendes Urteil, seine vielseitige Bildung und nicht zuletzt sein biederer, freimütiger Charakter zog alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn die Dorfbewohner als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn sprach er nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder erfüllte seine Seele.

Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung den Freihof verlassen und war zum Hof des Kurfürsten nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn als Junker auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder und die Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter des Generals von Zeschau beizuwohnen.

Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe begrüßt, und Herr Oskar und Frau Martha trafen ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich sie begleiten sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden, und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis in mein hohes Alter getreulich gefolgt.

Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem Ferdinand die Hand fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden Jahre bescherte mir Gott ein wonniges Glück: ich genas eines Knaben, während mein Mann unter Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht. Wenige Wochen später drang die Kunde der Niederlage der Sachsen bei Kesselsdorf durch das Land. Alles war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind fest umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren und war eine Witwe von einundzwanzig Jahren.

Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin war eben vom Wochenbett aufgestanden. Kurz darauf warf eine hitzige Krankheit sie hart darnieder. Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich dem Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust. Da die Krankheit nur langsam wich, stillte ich ihr Mädchen auch weiterhin.

Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen wuchs heran, und heute ist Konstanze von Tiefenbach Freihoferin. Sie war schon über die Vierzig hinaus, als sie sich vermählte.

Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die traurige Botschaft zu bringen, daß er kurz nacheinander Vater und Mutter hätte begraben müssen. Das Leben auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu seiner Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein Knabe und ein Mädchen entsprossen ihrer Ehe. Nun ist auch die Freihoferin alt geworden und hat ihrem Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen.

Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus. Als junger Bursche schnürte er das Ränzel und zog viele Jahre in der Welt umher. Endlich war er müde geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden Italiens, mit großen, schwarzen Augen und einem Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte viel Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein.

Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst unter dem Rasen. Aber zurückgelassen haben sie mir doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte die Greisin, sich zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters!

Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler Jahre gedient und gute und böse Zeiten mit ihnen durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das Gnadenbrot, das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine Kräfte taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann den Tiefenbachs nicht mehr nützlich sein. Dafür ist Hermann aber an meine Stelle getreten. Er waltet auf dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.«

Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun schwieg sie erschöpft.

Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben einander. So ausführlich wie heute, hatte die Mutter lange nicht erzählt.

In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber zu dem Schlosse, in dessen Fenstern sich das letzte Abendrot spiegelte.

»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner schönen Frau geworden?« fragte er.

»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Auch die Geburt eines Sohnes konnte keine Besserung herbeiführen. Die Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb erfüllte sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr Udo mit seiner Gemahlin während des größten Teils des Jahres auf Reisen.

Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte, die Baronin sei mit einem österreichischen Edelmann auf und davon gegangen. Verbittert und weltscheu ist er im hohen Alter gestorben.«

»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien nunmehr geschwunden?«

Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie:

»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria sind tief betrübt über die zerrissenen Bande der Tiefenbachs; in den Leuten auf dem Freihofe aber lodert noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!«

Schweigend sah der Fremde wieder nach dem Schloß hinüber, auf das nunmehr die Dämmerung leichte Schatten warf. Niemand sprach ein Wort. Die gelbe Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig. Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen Buckel und sprang auf die Erde. Die nassen Stellen auf den Steinen sorgfältig vermeidend, lief es nach der Tür und verschwand dann im Hause.

Der bisher leichte Wind hatte sich verstärkt. Seine Kühle war während des Erzählens unbemerkt geblieben, jetzt aber begann den Fremden zu frösteln.

Langsam stand er auf, und mit ihm erhob sich der kleine Kreis. Er zog seine Börse, ein Gespinst von feinen Silberfäden, und entnahm ihr ein Geldstück.

»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »ich bin Euch vielen Dank dafür schuldig, daß Ihr meinen Wissensdrang nach der Geschichte des Schlosses und der Familie Tiefenbach so erschöpfend befriedigt habt. Nehmt diese Gabe und herzlichen Dank obendrein.«

Die Greisin wollte ihm wehren, aber er drückte ihr das Geld in die Hand.

Betroffen sah es die Alte an:

»Herr,« sagte sie, »Ihr habt Euch vergriffen, -- einen Silbertaler ...!«

»Nehmt ihn nur,« entgegnete der Fremde, »und betrachtet ihn aufmerksam, denn er trägt das Bildnis unseres allergnädigsten Königs Friedrich August.«

Die Greisin verneigte sich tief vor dem Fremden und würde ihm die Hand geküßt haben, wenn er sich nicht so schnell zur Tür gewandt hätte.

»Lebt wohl, Mutter Lehnhardt,« sagte er, »wir sehen uns heute nicht zum letzten Mal.«

»Ach,« fragte diese erstaunt, »dann führt den Herrn wohl der Weg hinauf auf das Schloß?«

Der Fremde war mittlerweile, zum Abschied grüßend, auf die Straße getreten und hatte sich zum Weiterschreiten gewandt, als er die Frage der Greisin vernahm.

Lächelnd wandte er sich noch einmal um und rief zurück:

»Auf das Schloß nicht, -- auf den Freihof!«

2. Kapitel.

Max von Tiefenbach war von einem scharfen Ausritt heimgekehrt, den er in der Richtung auf Zehmen zur Besichtigung des Saatenstandes unternommen hatte.

Nun stand er auf dem Hofe neben dem warm gewordenen Pferde und strich ihm über die Fesseln der Vorderfüße, nachdem er die braunen Wickelbänder von ihnen gelöst hatte.

Das Tier schlug mit dem langen Schweife kräftig seine Weichen, um sich der Mücken zu erwehren, die es umschwärmten. Sein Herr verfolgte aufmerksam diese Anstrengungen und kam ihnen dadurch zu Hilfe, daß er selbst hier und da einen dieser Blutsauger abschlug.

Drüben am Stalle stand ein Knecht, der einen Strohwisch drehte, um den Braunen damit abzureiben.

Herr von Tiefenbach versetzte dem Pferde einen leichten Schlag auf den Schenkel, worauf das Tier hinüber nach dem Stall trabte. Hell klang der Hufschlag von dem Pflaster des weiten Hofes wider, dessen Einzelheiten in der hereinbrechenden Dunkelheit dem Auge bald verschwanden. Hierauf ging der Herr des Freihofs noch einmal durch die Rinderställe und trat dann wieder auf den Hof, um sich nach dem Familienhaus zu begeben, als er vom Tore her Schritte vernahm, die sich rasch näherten.

Er wandte sich um. Wer konnte das sein? Von den Leuten war vielleicht noch ein Verspäteter mit einer letzten Verrichtung des Tages beschäftigt, die meisten von ihnen aber saßen schon geraume Zeit drinnen in der Stube beim Abendessen. Das Abendläuten hatte eben begonnen. Es war neun Uhr.

Der Unbekannte hatte den Mann auf dem Hofe entdeckt und ging auf ihn zu. Als er näher an ihn herankam, verlangsamte er die Schritte, bis er dicht vor ihm stehen blieb.

»Grüß Dich Gott, Max!« sagte er, indem er dem Angesprochenen die Hand darbot.

Dieser trat erstaunt an den Sprecher heran. Die Stimme klang ihm bekannt, ohne daß er es vermocht hätte, ihren Besitzer zu erkennen. Obwohl die Körpergröße des Fremden noch über das Mittelmaß hinausragte, erschien er doch klein neben dem mächtigen Wuchs des Herrn von Tiefenbach, der sich deshalb auch herabbeugen mußte, um dem Fremden scharf ins Gesicht zu schauen.

»Bernhard! Ist es möglich, Du hier!« rief er erfreut aus, den Angekommenen herzlich umarmend. »Willkommen, willkommen auf dem Freihofe! Jahrelang habe ich vergebens auf Deinen Besuch gewartet, und nun kommst Du so überraschend. Das hast Du recht gemacht, alter Junge!«

»Du hättest eigentlich Ursache, mir zu zürnen, Max,« antwortete der Fremde, »nachdem ich Dir für vorigen Sommer meinen Besuch bestimmt versprochen hatte. Aber Du weißt, der Soldat ist eben selten in der Lage, über seine Zeit zu verfügen; er harrt immer der Oberen Befehle.«

Herr von Tiefenbach hatte seinen Arm schon unter den des Freundes geschoben und führte diesen nach der offenen Tür des Hauses. Bevor sie eintraten, blieb Max plötzlich stehen und fragte:

»Wirst Du uns aber auch nicht gleich wieder verlassen? Wie lange hast Du denn Urlaub?«

»Beruhige Dich, mein Lieber,« antwortete der Angekommene. »Da ich nun einmal hier bin, wirst Du mich nicht so bald wieder los.«

Sie waren bei diesen Worten in den dunkeln Hausflur getreten. Max ging schnell voraus und öffnete eine Tür, durch die heller Lampenschein herausdrang.

»Mutter,« rief er, »einen Gast bringe ich Dir. -- Rate einmal wer es ist!«

Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein geräumiges Gemach mit schweren, altväterischen Möbeln, das von einer Hängelampe erleuchtet wurde. In der Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war.

In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle saß eine Frau, die in einem Buche las, von der Form der auf dem Lande damals im Gebrauche befindlichen Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten ihres Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die Brille mit den runden Gläsern von der Nase, klappte das Buch zu, erhob sich vom Stuhle und schaute auf die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern zu nähern. Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem, glattgestrichenem Haar bedeckten Kopfes deutete auf starkes Selbstbewußtsein. Aus dem hagern Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die leichtgeschlossenen Lippen umspielte ein Zug, der eisernen Willen gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde der Ausdruck dieses Gesichts aber durch die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen, grauen Augen, die sie auf jeden, mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte.

Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen hatte, war Frau von Tiefenbach nicht entgangen. Sie sah voll Erwartung auf den Fremden, dessen Fuß bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann trat der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer tiefen Verbeugung die zum Gruße dargebotene Hand.

»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter Freund, von dem ich Dir so manches liebe Mal erzählt habe.«

Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den jungen Mann gleiten, der noch immer in achtungsvoller Haltung vor ihr stand.

»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte sie. »Sie haben recht getan, Ihre Schritte nach Rehefeld zu lenken. Freilich werden Sie manches von dem entbehren müssen, was die königliche Residenzstadt Ihnen bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen geben. Ich bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen zu lernen!«

Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen noch nicht gelungen, sich von dem Bann zu befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn ausübte. Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart erschienenen Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit heraus und er bekam seine verlorene Sicherheit schnell wieder.

Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung, dankte er der Hausherrin für den herzlichen Willkomm und sprach die Bitte aus, ihm wegen seines Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne vorausgegangene Anmeldung seines Erscheinens nicht zu zürnen.

Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen Tisch, das in angeregter Unterhaltung verlief.

Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen an die Jahre aus, die sie zusammen auf der Fürstenschule des nahegelegenen Grimma in treuer Freundschaft verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder gesehen und nur wenige Briefe gewechselt.

Friesen war nach dem Verlassen der Schule nach Dresden gegangen und Offizier geworden. Er hatte bei Jena mitgefochten und dann an allen kriegerischen Ereignissen teilgenommen, zu denen Napoleon den ihm ergebenen Sachsenkönig drängte.

Er sprach von den Feldzügen, und Frau von Tiefenbach zeigte großes Interesse an seiner Erzählung. Sie fragte nach der Stimmung in der Hauptstadt und wollte wissen, welche Meinung die Offiziere von der politischen Lage hätten, und welcher Geist unter den Truppen herrsche. Denn die Unzufriedenheit mit Napoleons Regiment wuchs und breitete sich allmählich über das ganze Land aus.

Zuletzt schilderte Friesen die Stimmung, die ihn heute überkommen, als er von der Anhöhe herab den segensreichen Frieden betrachtet hatte.

Da unterbrach Max mit einem Male die Unterhaltung, indem er sich mit der Frage an seine Mutter wandte:

»Ist Elisabeth denn noch nicht zurück?«

Die Blicke der Freihoferin streiften die Uhr. Dann fuhr sie, ohne auf Maxens Frage geantwortet zu haben, in der Unterhaltung fort. Max schien dem Schweigen der Mutter eine Antwort entnommen zu haben, denn er wiederholte seine Frage nicht und beteiligte sich von neuem lebhaft am Gespräch.

Da verkündete die Uhr mit langsamen Schlägen die zehnte Stunde. Die Freihoferin brach die Unterhaltung kurz ab und beauftragte Max, den Gast in sein Zimmer zu begleiten.

Die Anstrengung, die Friesen während der beiden letzten Tage überwunden hatte, machten sich nunmehr geltend. Eine große Müdigkeit hatte sich bei ihm eingestellt, die er nur mit Mühe bekämpfte.

Beim Scheine der Kerze führte Max den Freund nach dem für ihn im Oberstock hergerichteten Zimmer und ließ ihn alsbald nach Gutenachtgruß und dem Wunsche allein, daß der erste Schlaf unter dem Dache des Freihofes für ihn recht erquickend sein möge.

Gähnend und mit schon halbgeschlossenen Augen sah sich Friesen in dem Raume um. Aber seine Betrachtungen währten nicht lange. Er entkleidete sich und streckte den müden Körper auf das breite, behagliche Bett. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Da trat noch einmal rasch die Geschichte des Weißen Schlosses an seine Seele heran. Bald aber drängte sich in die Wirklichkeit die Phantasie. Die Urahnen des Tiefenbachschen Geschlechts standen in Reih und Glied salutierend im Schloßhofe, während die Mutter Lehnhardt in Holzpantoffeln und mit einer kürbisähnlichen Kartoffel unter dem Arm auf einer ungeheuern Katze an den alten Haudegen freundlich grüßend vorbeiritt. Dann aber verblich auch dieses letzte freundliche Bild, und der traumlose Schlaf der Jugend senkte sich auf den Müden herab.

* * * * *

Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Schnell beendete er seine Morgentoilette und schaute zum Fenster hinaus. Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses. Edle Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar mächtige Birnenbäume verwehrten den Sonnenstrahlen den ungehinderten Zutritt. In kurzer Entfernung vom Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche standen, die, vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser neigten, als ob die langen Ruten darnach trachteten, ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah das Auge weit hinein in die tiefe Ebene.

Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer, wo er aber niemand vorfand. Eine Magd, die ihn bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch und trug das Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen Einladung zum zulangen wieder die Stube.

Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und das frische Brot lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte genug Appetit, um sich nicht vergeblich einladen zu lassen.

Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann nach Max zu sehen, der gewiß schon längst bei der Arbeit war und über den Langschläfer lächeln würde.

Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen mit einem Male ein leises Geräusch vernahm, und als er sich rasch umschaute, sah er auf der Schwelle der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen, das ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen hatte.

Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche Bezeichnung er der plötzlichen Erscheinung geben sollte. War es eine Jungfrau, die da vor ihm stand, oder ein hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich diese Frage nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt auf dem etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen, das sich in tiefe Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich alle erdenkliche Mühe gab, seinen bekümmerten Ausdruck festzuhalten.

»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der Tür her, die im nächsten Augenblick zuflog. »Nein, nein, bitte setzen Sie sich wieder und lassen Sie sich’s weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen, Herr von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren Grund aber nur darin, daß man auf dem Freihof nicht gewöhnt ist, Gäste zu empfangen. Nun ich denke, wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens allmählich so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere Gäste nicht mehr allein sitzen lassen.«

Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt hatte, langsam näher getreten, während Friesen auf wiederholtes Drängen hin das unterbrochene Frühstück fortsetzte.

Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die beiden Hände aufgestützt und den Oberkörper leicht vornübergeneigt, schaute sie ihm mit unverhohlener Neugierde in das Gesicht.

Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens Mutter gegenüber, seine kühle Besonnenheit eine kleine Weile im Stich gelassen hatte; unter den Augen dieses Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit wiederholen zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen Augen des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen, daß sie die Schwester des Freundes war, von der ja auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So viel frischer Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal ihn das Mädchen noch immer unverwandt musterte. Ihre Augen leuchteten wie die eines Kindes, dem eine große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des in komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes lauerte der Schalk. Jetzt endlich verschwand der gutgespielte Ernst von dem Gesichtchen, und das Mädchen brach in ein fröhliches Lachen aus.

Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag der Situation immerhin ein wenig unvermittelt, und seine Ratlosigkeit wurde infolgedessen nicht geringer. Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter und zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit einem Schlage wich, und er von der Fröhlichkeit angesteckt und mit fortgerissen wurde. Und damit war er wieder Herr seiner selbst.

Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das Mädchen zog sich einen Stuhl heran, um ebenfalls zu frühstücken. Aber obgleich die kleinen, weißen Zähne tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen. Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge, die sämtlich verrieten, daß das Kind von alledem, was sich jenseits eines Umkreises von drei Meilen von Rehefeld auf der Erde abspielte, herzlich wenig kannte. Ihr Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu verschaffen, daß mit ihm nicht ein loses Spiel getrieben wurde. Die Augen voll Erwartung auf ihn gerichtet, lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen mit verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln des Kopfes begleitend, das so arg werden konnte, daß der blonde Zopf, der bis zum Schürzenband hinabreichte, hin- und herflog.

Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein in seiner rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes vergleichen, die in kunstvoller Perrücke und mit gemalten Gesichtern alle pikanten und skandalösen Ereignisse der Residenz vor dem allzu schnellen Hinabtauchen in die Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde wurden, solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit in die kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen wäre kein Boden für solch ein Pflänzlein, dachte er, es würde bald traurig das Köpfchen hängen, und der Seelenfrieden eines so lieblichen Menschenkindes würde in kurzer Zeit gestört sein.

Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen, denn die Kleine war unermüdlich im Fragen.

Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen. Dann sagte sie sehr ernst:

»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich wer ich bin?«

Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte Friesen so komisch, daß er nur mit Mühe ein Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich dazu, ebenfalls ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in der Stimme, vorwurfsvoll:

»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind, wenn Sie mir es nicht sagen!«

Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber noch eine kleine Weile in die Augen, dann erfolgte ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle vorangegangenen übertraf, und in den Friesen wieder mit einstimmte.

Das Mädchen lachte so herzlich, daß ihm Tränen in die Augen traten.

»Nein,« rief sie jubelnd, »so ein Stadtherr. Ist mit mir eine halbe Stunde zusammen, spricht fortwährend zu mir und weiß nicht einmal wie ich heiße!«

Da überflog ihr Gesichtchen mit einem Male wieder der altkluge, ernste Zug, als sie vorwurfsvoll fragte:

»Ja, Herr von Friesen, warum fragen Sie mich denn eigentlich garnicht wie ich heiße?«

Jetzt kam ihr Friesen mit der Heiterkeit aber zuvor. Aber diesmal lachte nur er. Seine Nachbarin schien nicht zu verstehen, was seine Fröhlichkeit herausforderte.

Sie wurde noch um einen Grad ernster und sagte: