Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Part 7

Chapter 73,945 wordsPublic domain

Der Böttcher trank zuviel auf der Hochzeit und hielt eine unanständige Rede auf die Mädchen. Der Schwiegersohn fand aber so viel Natur, so viel Liebenswürdigkeit im Auftreten des Alten, dass er ihn noch aufmunterte, statt ihn zum Schweigen zu bringen. Er fühlte sich so wohl unter diesen einfachen Menschen, da konnte er er selber sein.

– Seht, das ist die Liebe, sagten seine Freunde. Es ist doch etwas merkwürdiges mit der Liebe!

Und so waren sie verheiratet. Einen Monat. Zwei Monate. Und er war so glücklich. An den Abenden sassen sie zusammen, und er sang wieder von der „Rose im Walde“; das war ihr Lieblingslied. Und er sprach über Theater und Religion, und sie sass andächtig da und hörte zu. Aber sie sagte nichts, sie war immer seiner Meinung und häkelte Decken.

Im dritten Monat nahm er die alte Gewohnheit des Mittagschlafes wieder auf. Seine Frau wollte neben ihm sitzen, denn sie konnte nicht allein sein. Das genierte ihn, denn er hatte ein grosses Bedürfnis, mit seinen Gedanken allein zu sein.

Zuweilen ging sie ihm mittags entgegen; dann war sie so stolz, wenn er seine Kameraden verliess und zu ihr hinüberkam. Und dann brachte sie ihn im Triumph nach Haus: es war _ihr_ Mann!

Im vierten Monat begann er müde zu werden, ihr Lieblingslied zu singen. Das war so verbraucht! Und er nahm ein Buch, und beide sassen still da.

Eines Abends musste er auf eine Sitzung, der ein Schmaus folgte. Es war der erste Abend, an dem er nicht zu Hause war. Seine Frau musste sich eine Freundin einladen und sollte früh zu Bett gehen, denn er würde erst spät nach Haus kommen.

Die Freundin kam; um neun Uhr ging sie wieder. Die junge Frau setzte sich in den Salon, um zu warten, denn sie wollte sich bestimmt nicht früher niederlegen, bis ihr Mann nach Haus gekommen. Sie hatte keine Ruhe zum Schlafen.

So sass sie allein in der Wohnung. Was sollte sie tun? Das Mädchen war schlafen gegangen, und im Haus wurde es still. Die Wanduhr tickte und tickte. Aber es war erst zehn, als sie müde die Decke, an der sie häkelte, fortlegte. Sie ging umher, räumte etwas auf, war nervös.

– So ist es also, verheiratet sein! Man wird aus seiner Umgebung gerissen und in drei leere Zimmer gesetzt, bis der Mann halbberauscht nach Haus kommt. Aber er liebt mich doch, und er muss ja heute abend in Geschäften von Hause fort sein. Ich bin eine Närrin, dass ich das nicht verstehe. Aber liebt er mich noch? Hat er sich dieser Tage nicht geweigert, mir das Garn zu halten, wie er früher so gern getan – ehe wir verheiratet waren. Sah er gestern mittag nicht etwas missvergnügt aus, als ich kam und ihn holte! Und wenn er heute abend auch eine geschäftliche Sitzung hat, so braucht er doch den Schmaus nicht mitzumachen!

Die Uhr war halb elf, als sie mit diesem Examen zu Ende kam. Sie war erstaunt, dass ihr diese Gedanken nicht früher gekommen waren. Und sie stellte die dunkeln Gedanken noch ein Mal auf, und sie defilierten wieder an ihr vorbei. Jetzt aber war Verstärkung angelangt. Er sprach ja nie mehr mit ihr. Er sang nie, und das Klavier war geschlossen. Er hatte gelogen, als er sagte, er müsse Mittagsschlaf halten, denn er las dabei einen französischen Roman.

Er hatte sie belogen!

Die Uhr war erst halb zwölf. Das Schweigen wurde schauerlich. Sie öffnete das Fenster und sah auf die Strasse hinaus. Dort unten standen zwei Herren und verhandelten mit zwei Frauenzimmern. Ja, so sind die Männer! Wenn er das auch täte! Dann ginge sie ins Wasser!

Sie schloss das Fenster und steckte die Krone in der Schlafstube an. Man muss sehen, was man macht, hatte er bei einer intimen Gelegenheit gesagt. Noch war alles so blank, so fein. Die grüne Bettdecke sah wie eine gemähte Wiese aus, und die kleinen weissen Kissen lagen wie junge Katzen im Grase. Die Politur ihres Toilettentisches leuchtete: das Glas hatte noch nicht diese hässlichen Flecken, die es vom spritzenden Wasser bekommt; das Silber auf der Haarbürste, auf der Puderschachtel, der Zahnbürste, alles war noch blank. Ihre Pantoffeln dort unter dem Bett waren noch so schön und neu, als würden sie niemals niedergetreten werden. Alles war frisch, aber doch schon alt. Sie kannte alle seine Lieder, alle seine Salonstücke, alle seine Worte, alle seine Gedanken. Sie wusste genau, was er sagen würde, wenn er sich mittags zu Tisch setzte; alles was er sagen würde, wenn sie abends allein waren.

Sie war des Allen müde. Hatte sie ihn geliebt? Oh ja! Gewiss, das hatte sie! Aber war das alles, waren das alle Träume ihrer Jugend? Sollte das ganze Leben so werden? Ja! Aber, aber, aber, sie würden doch wohl ein Kind bekommen. Ja, aber noch waren keine Anzeichen da! Dann wäre sie nicht mehr allein! Dann könnte er so oft fortgehen, wie er wollte, denn dann hätte sie ja stets jemand, mit dem sie sprechen, mit dem sie sich beschäftigen konnte. Vielleicht war es ein Kind, das fehlte. Vielleicht war die Ehe wirklich für etwas anderes geschaffen, als dafür, dass sich ein Herr eine Geliebte hält, die das Gesetz ihm schützt. Jawohl! Aber er musste sie doch lieben, und das tat er nicht! Und sie weinte!

Als der Mann um ein Uhr nach Haus kam, war er durchaus nicht berauscht. Aber er wurde beinahe böse, als er seine Frau noch aufsitzen sah.

– Warum hast du dich nicht schlafen gelegt? war sein erster Gruss.

– Wie kann ich Ruhe finden, wenn ich auf dich warte?

– Das kann ja schön werden! Dann darf ich ja nie wieder fortgehen! ich glaube, du hast auch geweint!

– Ja, ich habe geweint, und das muss ich wohl, wenn du – mich – nicht – mehr – liebst!

– Liebe ich dich nicht mehr, weil ich in Geschäften fort sein muss?

– Ein Schmaus ist kein Geschäft.

– Sieh da! Nun kann man nicht einmal mehr ausgehen! Die Frauen sind doch wirklich gar zu aufdringlich!

– Aufdringlich? Ja, ich habe es gestern Mittag gesehen, als ich dir entgegen kam. Aber ich werde dir nie mehr entgegen kommen.

– Aber, Kind, wenn ich mit meinem Chef gehe ...

– Huhuhu!

Sie brach in Tränen aus, und ihr Körper zuckte.

Er musste das Mädchen wecken, um ihr eine Wärmflasche heiss machen zu lassen.

Er weinte, er auch! Heisse Tränen! Über sich selbst, seine Härte, seine Schlechtigkeit, über die Illusionen, über alles!

Aber es war doch mehr als Illusionen! Er liebte sie ja! Tat er das nicht? Und sie sagte ja, sie liebe ihn wieder, als er jetzt beim Sofa auf den Knien lag und ihre Augen küsste. Ja, sie liebten einander! Nur eine Wolke war vorbeigezogen! Garstige Gedanken, die einem in der Einsamkeit kommen. Sie wollte niemals, niemals mehr allein bleiben. Und sie schliefen umarmt ein, und sie lächelte wieder.

Am nächsten Tag aber ging sie ihm nicht entgegen. Er tat keine Frage beim Mittagstisch. Er sprach viel, aber mehr um zu sprechen; und es klang, als spreche er mit sich selber.

Am Abend unterhielt er sie mit langen Schilderungen über das Leben auf dem Schlosse Sjöstaholm: was die jungen Damen zum Baron sagten, und wie die Pferde des Grafen hiessen. Und am nächsten Tag sprach er von seiner Doktorarbeit.

Eines Mittags kam er sehr müde nach Haus. Sie sass im Salon und wartete auf ihn. Ihr Garnknäuel war auf den Boden gefallen. Als er an ihr vorbei geht, wickelt sich das Garn um seinen Fuss, er reisst ihr damit die Decke aus der Hand und schleppt sie mit; wird böse und schleudert das Garn mit einem Fusstritt fort.

Sie sagt etwas Scharfes über seine Unhöflichkeit.

Er antwortet: er habe keine Zeit, an ihren Kram zu denken, und sie könne übrigens etwas Nützlicheres vornehmen. Er müsse an seine Doktorarbeit denken, wenn er sich eine Zukunft schaffen wolle. Darum müssten sie darauf bedacht sein, sich einzuschränken.

So weit war es also gekommen!

Am nächsten Tag sass die junge Frau mit verweinten Augen da und strickte einen Strumpf für ihren Mann. Er sagte ihr, es sei billiger, gewebte Strümpfe zu kaufen. Da brach sie in Tränen aus. Was solle sie tun? Das Mädchen besorge ja das Haus, und in der Küche sei für eine zweite Person nichts mehr zu tun. Die Zimmer räume sie selber auf. Wolle er, dass sie das Mädchen verabschiede?

– Nein, Nein!

– Wie wolle er es denn haben?

– Das könne er nicht sagen, aber es sei bestimmt etwas nicht richtig. Der Haushalt sei zu teuer. Das sei alles. Auf die Dauer ginge es nicht so weiter, und er komme nie dazu, an seiner Abhandlung zu arbeiten.

Tränen und Küsse und grosse Versöhnung!

Er fing nun aber an, einige Abende in der Woche auszugehen. Geschäfte! Ein Mann müsse sich unter den Leuten sehen lassen. Das sei nun ein Mal so; sonst werde er vergessen.

O die langen, langen Abende! Jetzt aber ging die Frau zu Bett und stellte sich schlafend, als ihr Mann nach Hause kam.

* * * * *

Ein Jahr war vergangen, aber von einem Kind war nichts zu merken. Der Mann dachte: das gleicht ja ganz einem kleinen Verhältnis, das ich früher ein Mal gehabt habe; nur ist das jetzige langweiliger und teuerer. Die Gespräche hörten auf, und nur Geschwätz über Angelegenheiten des Haushalts blieb übrig. Sie ist ja dumm, dachte er. Auf mich selber lausche ich ja, wenn ich spreche, und die Tiefe in ihren Blicken kam ja nur daher, dass sie so grosse Pupillen hat, so ungewöhnlich grosse Pupillen.

Er sprach jetzt offen mit ihr von seiner früheren Liebe zu ihr, als von etwas, das vergangen sei. Nein, das gab ihm wieder einen Stich ins Herz, wie etwas Aufreizendes, Unbarmherziges, etwas das niemals sterben konnte.

Dann aber sprach er zuweilen zu sich selber.

– Alles auf Erden ist der Abnutzung unterworfen. Warum soll denn ihr Lieblingslied unvergänglich sein. Wenn man es dreihundertfünfundsechzig Male gehört hat, ist es verbraucht; daran ist nichts zu ändern. Aber hat denn meine Frau recht, wenn sie daraus schliesst, dass es mit der Liebe auch zu Ende ist? Nein, und ein leises ja! Wenn es aber nur ein Konkubinat ist? Das ist es, da wir kein Kind haben!

Eines Tages entschloss er sich, mit einem verheirateten Kameraden zu sprechen; sie waren ja beide Mitglieder des Freimaurerordens der Verheirateten.

– Wie lange bist du verheiratet?

– Sechs Jahre!

– Findest du das Verheiratetsein langweilig?

– Anfangs war es ja etwas fade; als aber die Kinder kamen, konnte man wieder atmen.

– Nein, was du sagst? Es ist merkwürdig, dass ich keine Kinder bekomme.

– Das ist nicht deine Schuld; ist aber leicht zu ändern. Schick deine Frau zum Arzt!

Er sprach vertraulich mit der Frau, und sie ging zum Arzt.

Sechs Wochen später war es so weit.

Jetzt kam ein anderes Leben ins Haus! Oh, wieviel war da zu tun! Auf dem Tisch des Salons lagen Kinderkleider umher, die unter das Photographiealbum geschmuggelt wurden, wenn jemand in die Tür trat. Und sie kamen wieder zum Vorschein, wenn man sah, dass nur er es war, der kam. Und dann musste man einen Namen für ihn finden. Denn ein Junge musste es werden. Und dann musste man die „Frau“ konsultieren, und medizinische Bücher kaufen, und eine Wiege und Bettzeug.

Das Kind kam! Und siehe da, es war ein Junge!

Als er „den kleinen Pavian, der nach Butter roch“ an diesen Brüsten, die bisher nur sein Spielzeug gewesen, liegen sah, da lernte er in seiner kleinen Frau die Mutter kennen; und als er sah, wie die grossen Pupillen das Kind so tief ansehen, als schauten sie in die Zukunft hinein, da verstand er, dass doch etwas Tiefes in den Augen lag; ja das war tiefer, als sein Theater und seine Religion verstehen konnten. Und jetzt flammte all das Alte, das liebe, erste Alte wieder auf, und es kam mit etwas Neuem, das er geahnt, aber niemals verstanden hatte.

Wie schön sie war, als sie wieder aufstand. Und wie intelligent in allem, was das Kind betraf.

Und er fühlte sich als Mann. Statt von den Pferden des Grafen und den Kricketpartien des Barons zu sprechen, sprach er jetzt fast zuviel von seinem Sohn.

Und wenn er jetzt eines Abends fort war, sehnte er sich nach Haus; nicht weil seine Frau wie ein böses Gewissen dort sass und wartete, sondern weil er wusste, dass sie nicht allein war. Und wenn er nach Haus kam, so schliefen sie, sowohl sie wie das Kind. Er wäre beinahe eifersüchtig auf den Kleinen geworden, denn es hatte doch einen gewissen Reiz, wenn man sehnsüchtig erwartet wurde.

Nun durfte er sein Mittagschläfchen halten. Und wenn der Vater fort war, wurde das Klavier wieder aufgemacht und das Lieblingslied von der „Rose im Walde“ gesungen, denn das war ganz neu für Harald, und es wurde auch neu für die arme Laura, die es lange nicht gehört hatte.

Zum Häkeln hatte sie nie mehr Zeit, aber das Haus war auch voll genug von Decken. Aber auch zu seiner Abhandlung fand er nicht die Zeit.

– Die soll Harald schreiben, sagte der Vater, denn er wusste jetzt, dass sein Leben nicht zu Ende war, _wenn_ es einmal zu Ende ging.

Manchen Abend sassen sie wie früher zusammen und plauderten; jetzt aber sprachen sie beide, denn jetzt verstand sie, wovon sie sprachen.

Sie bekannte, sie sei ein einfältiges Ding, das von Theater und Religion nichts verstehe; das habe sie ihm aber gesagt, obwohl er es nicht habe glauben wollen.

Jetzt aber glaubte er es erst recht nicht.

Und sie sangen das Lieblingslied und Harald schrie mit, und sie tanzten nach der Melodie, und sie wiegten das Kind danach, und das Lied wurde doch nicht verbraucht!

Reibungen

Ihm waren die Augen aufgegangen über die Verkehrtheit der Welt, aber er besass nicht die Kraft, das Dunkel zu durchdringen, um zu sehen, worin die Ursache zu dieser Verkehrtheit lag; darum verzweifelte er, wurde, was man „zerrissen“ nennt. Da verliebte er sich in ein Mädchen, das sich mit einem andern verheiratete. Er beklagte sich seinen Freunden und Freundinnen gegenüber, aber die lachten nur über ihn. So ging er allein, „unverstanden“, seinen Weg ein Stück weiter. Er gehörte zur „Gesellschaft“ und nahm an deren Vergnügungen teil, weil die ihn zerstreuten; im Grunde aber verachtete er diese Vergnügungen, und das verbarg er nicht.

Eines Abends war er auf einem Ball. Er tanzte mit einem jungen Mädchen von ungewöhnlicher Schönheit und von lebhaften Zügen. Als der Walzer zu Ende war, stellte er sie an eine Wand. Er musste mit ihr sprechen, wusste aber nicht, was er sagen sollte. Schliesslich brach das Mädchen das Schweigen und sagte mit einem harten Lächeln:

– Sie tanzen wohl sehr gern, Herr Baron?

– Nein, durchaus nicht! antwortete er. Und Sie?

– Ich kenne nichts Alberneres, antwortete sie.

Er hatte seinen Mann, oder richtiger, seine Frau gefunden.

– Warum tanzen Sie denn? fragte er.

– Aus demselben Grunde wie Sie, sagte sie.

– Kennen Sie denn meine Gedanken? fragte er.

– Das ist doch nicht schwer: von Menschen, die dasselbe denken, kennt doch immer der eine die Gedanken des andern.

– Hm! Sie sind ein sonderbares Mädchen; glauben Sie an die Liebe?

– Nein!

– Ich auch nicht! Aber man muss sich jedenfalls verheiraten.

– Ja, ich fange an es zu glauben!

– Würden Sie sich mit mir verheiraten?

– Warum nicht? Wir werden uns wenigstens nicht schlagen!

– Pfui! Aber wie können Sie das wissen?

– Weil wir derselben Meinung sind!

– Ja, aber das kann etwas einförmig werden! Wir haben ja über nichts zu sprechen, denn der eine kennt ja die Gedanken des andern.

– Ja, aber noch einförmiger wäre es, unverheiratet zu bleiben, unverstanden zu sein!

– Das ist wahr! Wollen Sie Bedenkzeit haben?

– Ja, bis zum Kotillon!

– Nicht länger?

– Warum länger?

Er führte sie in den Salon und verliess sie. Darauf trank er einige Glas Champagner. Beim Souper beobachtete er sie. Sie liess sich von zwei jungen Diplomaten servieren, schien sie aber zu verhöhnen und wie Diener zu behandeln.

Als der Kotillon kam, ging er sofort zu ihr und überreichte sein Bukett.

– Angenommen? fragte er.

– Ja, antwortete sie.

Also waren sie verlobt.

Es ist eine rechte Ehe, sagte die Welt. Sie sind wie geschaffen für einander. Dieselbe gesellschaftliche Stellung, das gleiche Vermögen und dieselben „blasierten“ Ansichten über das Leben. Mit blasiert meinte die Welt, dass sie nicht Bälle, Theater, Bazare und andere edle Vergnügungen liebten, die dem Leben erst seinen Wert verliehen.

Sie waren wie zwei frisch gewaschene Schiefertafeln, ganz gleich jetzt, aber ohne eine Ahnung, ob das Leben denselben Text auf beide schreiben werde. Niemals fragten sie einander während der zärtlichen Stunden der Verlobung: liebst du mich, denn sie wussten ja, dass sie einander nicht liebten, da sie an die Liebe nicht glaubten. Sie sprachen wenig, aber sie verstanden einander so gut.

Und so verheirateten sie sich.

Er war immer aufmerksam, immer höflich, und sie waren gute Freunde.

Das Kind wirkte nur insofern auf ihr Verhältnis ein, dass sie nun über etwas zu sprechen hatten.

Beim Mann zeigte sich jetzt eine gewisse Lust zu Tätigkeit. Er fühlte Verantwortung und, was mehr ist, er war der Untätigkeit müde. Er war Rentier, aber er hatte keine Stellung im Dienst des Staates. Er sah sich jetzt nach einer Beschäftigung um, welche die Leere in seinem Leben ausfüllen konnte. Er hörte den ersten Morgenruf der erwachenden Geister, und er fühlte es als eine Pflicht, an der grossen Forschungsarbeit nach den Ursachen des menschlichen Elends teilzunehmen. Er studierte, verfolgte die Politik und schrieb schliesslich in einer Zeitung ein Gutachten über die Schulfrage. Daraufhin wurde er in die Schulkommission gewählt. Jetzt aber musste er eingehende Studien treiben, denn die Fragen sollten gründlich aufgeklärt werden.

Die Baronin lag auf dem Sofa und las Chateaubriand oder Musset. Sie hatte alle Hoffnung auf Besserung der Menschheit aufgegeben, und dieses Herumstöbern in allem Staub und Moder, den Jahrhunderte auf die menschlichen Einrichtungen gelegt hatten, quälte sie. Doch sah sie, dass sie nicht gleichen Schritt mit dem Mann hielt. Sie waren wie zwei Pferde auf einem Wettrennen. Sie wurden gewogen, ehe sie starteten, und hatten das gleiche Gewicht; sie hatten versprochen, auf der Laufbahn gleichen Schritt zu halten; es war so gut berechnet, dass sie den Lauf zur selben Zeit vollenden und auf ein Mal aus dem Wettstreit heraus gehen sollten. Jetzt aber war der Mann ihr schon eine Pferdelänge voraus. Beeilte sie sich nicht, musste sie zurückbleiben.

So geschah es auch! Im nächsten Jahr wurde er Budgetkontrolleur des Reichstages. Er blieb zwei Monate auf Reisen fort. Jetzt fühlte die Baronin, dass sie ihn liebte; sie fühlte es, weil sie fürchtete, den zu verlieren, der sie so für sich eingenommen hatte.

Als er zurückkam, war sie Feuer und Flamme; er aber hatte den Kopf voll von dem, was er während der Reise gesehen und gehört. Er sah wohl ein, dass der Augenblick der Trennung gekommen sei, aber er wollte sie aufschieben, sie verhindern, wenn es möglich war. Er zeigte ihr in grossen lebenden Bildern, wie diese kolossale Riesenmaschine, die Staat heisst, eingerichtet ist; suchte den Gang der Räder zu erklären, die Mannigfaltigkeit der Übertragungen, die Regulatoren und Sperrhaken, schlechte Pendel und unsichere Ventile.

Eine Weile folgte sie ihm, dann aber ermüdete sie. Ihre Inferiorität, ihre Wertlosigkeit fühlend, warf sie sich auf die Erziehung des Kindes; als Muster einer Mutter wollte sie zeigen, dass sie doch einen Wert besass. Aber der Mann wusste diesen Wert nicht zu schätzen. Er hatte sich mit einem guten Kameraden verheiratet, und nun hatte er eine gute Bonne. Wer konnte das ändern? Wer konnte alles voraussehen?

Das Haus war jetzt voller Abgeordneter, und die Herren sprachen über Politik beim Essen. Die Frau beschränkte sich darauf, nachzusehen, dass tadellos serviert wurde. Der Baron dachte allerdings immer daran, neben die Wirtin junge Leute zu setzen, die über Theater und Musik mit ihr sprachen; aber die Baronin antwortete immer mit Kindererziehung. Beim Nachtisch vergass man nie, auf das Wohl der Wirtin zu trinken, floh dann aber Hals über Kopf ins Zimmer des Mannes, um dort zu rauchen und die Politik fortzusetzen. Die Baronin ging dann in die Kinderstube und fühlte mit Bitterkeit, dass er ihr jetzt so weit voraus war, dass sie ihn nie mehr einholen konnte.

Er arbeitete abends viel zu Hause und schrieb bis tief in die Nacht, schloss sich aber immer ein. Wenn er dann seine Frau verweint sah, fühlte er einen Stich im Herzen, aber sie hatten ja einander nichts zu sagen.

Zuweilen aber, wenn die Arbeit ihn ekelte, wenn er fühlte, wie seine eigene Persönlichkeit immer ärmer wurde, empfand er eine Leere, eine Sehnsucht nach etwas Warmem, Intimem, von dem er ein Mal in seiner Jugend geträumt hatte. Aber jedes Gefühl der Art verbot er sich als Untreue, und er hatte eine tiefe Vorstellung von der Pflicht gegen seine Frau.

Um ihr das Leben etwas erträglicher zu machen, schlug er ihr vor, sie möge eine Kusine, von der sie immer gesprochen und die er nie gesehen, einladen, bei ihnen den Winter zu verbringen.

Das war lange der Wunsch der Baronin gewesen, als er jetzt aber erfüllt werden sollte, wollte sie nicht. Sie wollte es bestimmt nicht. Der Mann verlangte Gründe; sie konnte aber keine angeben. Das reizte seine Neugier, und schliesslich gestand sie, ihr sei bange vor der Kusine: die werde ihr ihren Mann nehmen, er werde sich in sie verlieben.

– Das muss ja ein sonderbares Mädchen sein, das müssen wir sehen.

Die Baronin weinte und warnte, aber der Baron lachte, und die Kusine kam.

Es war eines Mittags. Der Baron kam wie gewöhnlich müde nach Haus, hatte die Kusine wie seine Neugier nach ihr vergessen. Sie setzten sich zu Tisch. Der Baron fragte die Kusine, ob sie Theater liebe. Nein, das tue sie nicht. Sie liebe mehr die Wirklichkeit als deren Scheinbild. Sie habe zu Hause eine Schule für Lumpen eingerichtet und einen Verein für freigelassene Gefangene gegründet. Aha! Der Baron studierte gerade das Gefängniswesen. Die Kusine konnte ihm manche Auskunft geben. Und bis das Essen zu Ende war, wurde über Gefängniswesen gesprochen. Schliesslich hatte die Kusine versprochen, die Frage in einer kleinen Schrift zu behandeln, die der Baron durchsehen und ausarbeiten wollte.

Alles was die Baronin vorausgesehen, traf ein. Der Herr Baron schloss eine geistige Ehe mit der Kusine, und die Frau war verlassen. Aber die Kusine war auch schön, und wenn sie sich am Schreibtisch über den Baron beugte, empfand er ein warmes Behagen daran, ihren weichen Arm an seiner Schulter zu fühlen und ihren heissen Atem auf seiner Wange zu spüren. Und sie sprachen nicht immer vom Gefängniswesen. Sie sprachen auch von Liebe. Sie glaubte an die Liebe der Seelen und sie erklärte so deutlich, wie sie konnte, eine Ehe ohne die Liebe der Seelen sei Prostitution. Der Baron hatte die Entwicklung der neuen Ansichten über die Liebe nicht mitgemacht und fand, es sei eine harte Rede, aber doch wohl nicht ganz unbegründet.

Aber die Kusine hatte auch andere Eigenschaften, die unschätzbar waren für eine richtige geistige Ehe. Sie vertrug Tabak und konnte Zigaretten rauchen. Daher konnte sie nach dem Diner mit den Herren ins Rauchzimmer gehen, um über Politik mitzusprechen. Dann war sie entzückend.

Von kleinen Gewissensbissen geplagt, konnte der Baron dann aufstehen, für einen Augenblick zu seiner Frau in die Kinderstube gehen, sie und das Kind küssen und fragen, wie es ihnen gehe. Und die Baronin war dankbar, aber sie war nicht glücklich. Der Baron kehrte dann in brillanter Laune zur Gesellschaft zurück, als habe er eine Pflicht erfüllt. Oft allerdings verstimmte es ihn, dass seine Frau, als _seine_ Frau, nicht dabei sein konnte; und er fühlte sich von dieser Last bedrückt.

Als der Frühling kam, fuhr die Kusine nicht nach Haus, sondern begleitete das Ehepaar in einen Badeort. Dort führte sie für die Armen kleine Schauspiele auf, und sie und der Baron spielten gegen einander, natürlich Liebhaber und Liebhaberin. Das hatte die ganz natürliche Folge, dass die Flamme aufloderte. Aber es war nur geistiges Feuer. Gemeinsame Interessen, dieselben Ansichten, und vielleicht ähnliche Naturen.