Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten
Part 6
Schliesslich ging er an den Hafen hinunter, um nach dem Tiergarten hinüberzufahren. Dort musste er Bekannte treffen, von denen er, so unangenehm es ihm war, Geld leihen konnte, um zu Mittag zu essen. Dann aber auch fein im vornehmsten Restaurant „Haselhöhe“.
* * * * *
Auf dem Dampfer waren so viel Menschen, dass Lehrer Blom neben der Maschine stehen musste; die heizte ihm den Rücken und spritzte geschmolzenen Talg auf seinen Gehrock, während er einer Köchin auf den Zopf gucken und deren ranzige Pomade riechen musste. Aber nicht ein bekanntes Gesicht!
Als er in das Tiergarten-Restaurant trat, machte er sich so gerade wie möglich und versuchte ein distinguiertes und freies Wesen anzunehmen. Der Platz vor dem Gasthaus glich dem Zuschauerraum eines Theaters und schien die gleiche Bestimmung zu haben: nämlich ein Ort zu sein, wo man sich trifft und sich zeigt. Oben sassen die Offiziere, blau im Gesicht von Essen und Trinken; neben ihnen einige Vertreter der fremden Mächte, ergraut und mitgenommen von der anstrengenden Arbeit, für betrunkene Landsmänner, die sich am Hafen geschlagen, einzutreten oder Galaschauspielen, Kindtaufen, Hochzeiten und Begräbnissen beizuwohnen. Aber damit war es auch aus mit dem feinen Publikum. Denn mitten auf dem Platze entdeckt Herr Blom den Schornsteinfeger seines Viertels, den Wirt einer kleinen Winkelkneipe, den Provisor einer Apotheke und andere mehr. Um sie herum geht der grüne Jäger mit silbernen Tressen und einem vergoldeten Stab und wirft verächtliche Blicke auf die Gesellschaft, als frage er, was sie hier zu tun haben. Der Lehrer fühlt sich schrecklich geniert von den vielen Blicken, die zu sagen scheinen: seht, dort geht er und sucht nach seinem Mittagessen. Aber er muss weiter. Und er kommt in die Veranden hinauf, wo man Barsche und Spargel isst, wo man Sauternes und Champagner trinkt. Und eins, zwei, drei fühlt er eine freundliche Hand auf seiner Schulter und als er sich umwendet, sieht er das strahlende Gesicht des Kellners Gustav, der ihm die Hand drückt und unverstellt ausruft:
– Nein, sind Sie hier, Herr Blom! Wie gehts?
Und der Kellner Gustav, der so erfreut ist, sich einen Augenblick auf gleicher Höhe mit seinem Herrn zu fühlen, hält einen steifen Holzkloben in seiner warmen Hand und trifft ein paar Blicke, die aus einem Brief Stecknadeln genommen sind. Und diese harte Hand drückte ihm gestern noch so warm einen Zehnkronenschein in die seine, und dieser Mann dankte ihm für ein halbes Jahr Dienst und Aufmerksamkeit, wie man einem Freund dankt. Und der Kellner Gustav geht zurück und setzt sich unter seine Kameraden, verlegen und traurig. Aber Herr Blom geht mit Bitterkeit im Herzen wieder hinaus, durch die Volksmenge hindurch, als höre er höhnend hinter sich flüstern: Er hat kein Mittagessen gekriegt!
Er kommt hinaus auf die Tiergartenebene. Dort steht der Kaspar und kriegt Schläge von seiner Frau. Dort steht ein Seemann und zeigt im „Glücksstern“ Dienstmädchen, Kanonieren, Gardisten und Gesellen den oder die Zukünftige. Alle haben zu Mittag gegessen und sehen froh aus, und er glaubt einen Augenblick, er sei schlechter als sie; dann aber erinnert er sich, dass sie nicht wissen, wie das egyptische Lager befestigt wurde; da fühlt er sich wieder obenauf, und er kann nicht verstehen, wie die Menschen so tief sinken können, dass sie an einem solchen Tand Vergnügen finden!
Er hatte indessen die Lust verloren, andere Lokale zu untersuchen und ging an Tivoli vorbei weiter in den Tiergarten hinein. Dort im grünen Gras tanzte die Jugend zu einer Geige; ein Stückchen davon hatte sich eine Familie unter einer Eiche niedergelassen; der Familienvater stand auf seinen Knien, in Hemdsärmeln, mit blossem Kopf, ein Bierglas in der einen und ein Butterbrot mit Mettwurst in der andern Hand; sein feistes, fröhliches Gesicht, um den Mund gut rasiert, glänzte von Freude und Wohlwollen, als er seine Gäste, die deutlich aus Frau, Schwiegereltern, Schwägern, Ladendienern und Dienstmädchen bestanden, aufforderte, zu essen und zu trinken und fröhlich zu sein, denn heute sei Mittsommer, den ganzen Tag. Und der frohe Mann machte Witze, dass sich die ganze Gesellschaft unter den aufrichtigsten Lachsalven im Grase wand. Und als der Pfannkuchen aufgetischt und mit den Fingern gegessen wurde und die Portweinflasche herumging, hielt der älteste Ladendiener eine Rede, bald so herzlich, dass die Frauen die Taschentücher hervorholten und der Familienvater den einen Zipfel seines Backenbarts in den Mundwinkel steckte; bald so lustig, dass Bravorufe und Gelächter den Redner unterbrachen.
Da wurde der Lehrer finster; aber er ging nicht seiner Wege, sondern setzte sich hinter einer Kiefer auf einen Stein, um sich „die Tiere“ anzusehen.
Als die Rede aus war und man Hausvater und Hausmutter hatte leben lassen, und zwar mit Hurrarufen und Fanfaren auf einer Handharmonika und allen Tellern und Tassen, die frei waren, stand die Gesellschaft auf, um das Bewegungsspiel „den Dritten abschlagen“ zu spielen. Und Schwiegermutter geht hinter einen Haselbusch, um das Kleinste abzuhalten, und Mutter selbst knöpft dem Halbgrossen die Hosen auf.
– Welche Tiere, dachte der Lehrer und wandte sich ab, denn das Natürliche war für ihn unschön, da das Schöne das Unnatürliche war; die Gemälde „anerkannter“ Meister im Nationalmuseum ausgenommen.
Und nun sah er, wie die jungen Männer die Röcke auszogen und die Mädchen ihre Manschetten auf die Hagedornbüsche hingen, und dann stellten sie sich auf und nun liefen sie.
Und die Mädchen hoben die Röcke so hoch, dass die Strumpfbänder zu sehen waren, rote und blaue Topfbänder, die man im Spezereiladen kauft; und wenn der Kavalier seine Dame gefangen hatte, nahm er sie in die Arme und drehte sich so mit ihr im Kreis herum, dass sie bis zu den Kniekehlen zu sehen war; und dann lachten Alte und Junge, dass es im Walde widerhallte.
– Ist das Unschuld oder Korruption? fragte sich der Lehrer.
Aber sicher wusste die Gesellschaft nicht, was das gelehrte Wort Korruption bedeutet, und darum waren sie fröhlich.
Als sie des Bewegungsspiels müde wurden, war der Kaffee fertig. Und der Lehrer konnte nicht verstehen, wo die Kavaliere es gelernt hatten, so artig gegen die Damen zu sein, denn sie krochen auf allen Vieren, um den Mädchen Zuckerdose und Brotkorb zu reichen; dabei sahen die Schnallenbänder an den mit Schweiss getränkten Westen wie Anfasser aus.
– Das sind die Männchen, die sich vor den Weibchen brüsten, dachte der Lehrer. Aber wartet nur!
Dann aber sah er, wie der Vater, die fröhliche Seele, dem Schwiegervater und der Schwiegermutter höflich servierte, ja sogar seiner Frau und allen Ladendienern und Dienstmädchen; und wenn einer sein Anerbieten mit den Worten „Der Herr nehme sich doch selber“ ablehnen wollte, antwortete der, dazu komme er auch noch.
Und dann sah er, wie der Schwiegervater dem kleinen Jungen Weidenpfeifen abzog; wie die Schwiegermutter gleich einer Magd daran ging, alles aufzuwaschen! Da fand der Magister, die Selbstsucht sei ein sonderbares Ding, da sie so menschliche Formen annehmen, so verteilt werden konnte, dass es aussah, als gäben und nähmen alle gleich viel; denn es war Selbstsucht, das war klar!
Und sie spielten Pfänderspiele, und sie lösten jedes einzige Pfand mit Küssen ein, regelrechten Küssen auf den Mund, dass es nur so schmatzte; und wenn der fröhliche Buchhalter „im Brunnen stand“ und die grosse Eiche küssen musste, tat er das auf ganz verrückte Art, umfasste mit den Armen den dicken Stamm, ganz wie man ein Mädchen liebkost, wenn niemand es sieht; da wurde laut gelacht, denn alle wussten wohl, wie man es tut, ob auch niemand es tun will, wenn es gesehen wird.
Der Lehrer, der anfangs das Schauspiel von seinem hohen Standpunkte kritisch betrachtet hatte, wurde schliesslich so in ihre Freude hineingezogen, dass er beinahe glaubte, zur Gesellschaft zu gehören. Er konnte bei den Witzen der Ladendiener sogar den Mund verziehen, und der Familienvater hatte in einer Stunde seine Sympathie gewonnen. Und der war auch ein Spassmacher ersten Ranges. Er konnte „Katze schinden“, „Krebsgang gehen“, auf Baumstämmen „liegen“, Münzen verschlingen, Feuer essen und alle möglichen Vogellaute nachahmen. Und als er ein Safranbrötchen aus dem Mieder eines jungen Mädchens nahm und es dann im rechten Ohr verschwinden liess, da lachte der Lehrer so, dass sein leerer Magen hüpfte.
Dann begann der Tanz. Der Lehrer hatte in Rabes Grammatik die Weisheit gelesen: „Nemo saltat sobrius, nisi forte insanit“ und hatte immer gedacht, Tanz sei ein Ausbruch von Wahnsinn. Er hatte allerdings junge Hunde und Kälber tanzen sehen, wenn sie fröhlich waren, aber er glaubte nicht, dass Cicero seine Maxime bis auf die Tiere hätte ausdehnen können, und zwischen Tier und Mensch hatte der Lehrer einen dicken Strich ziehen gelernt. Als er aber nun diese jungen Menschen, die nüchtern, aber satt und ohne Durst waren, sich nach den schleppenden, aber taktmässigen Klängen der Harmonika herum schwenken sah, war es, als sei seine Seele in eine Schaukel gekommen, die von seinen Augen und Ohren in Schwung gesetzt wurde, und er konnte sich nicht erwehren, dass sein rechter Fuss gegen das Moos leise den Takt trat.
Als drei Stunden vergangen waren, stand er auf. Aber es fiel ihm beinahe schwer, fortzugehen; es war, als breche er von einem fröhlichen Gelage auf, denn er glaubte mit ihnen zusammen gewesen zu sein; aber er war milder geworden und empfand einen Frieden und eine angenehme Müdigkeit, als habe er sich vergnügt.
Der Abend war gekommen. Einige lackierte Wagen schleppten Damen, die in ihren weissen Theatermänteln wie eingehüllte Leichen auf den Rücksitzen lagen, denn es war damals Mode, so auszusehen, als sei man ausgegraben. Der Lehrer, dessen Gedanken eine neue Richtung eingeschlagen hatten, dachte, diese Damen müssten sich langweilen, und er empfand nicht eine Spur von Neid. Aber unterhalb der grossen Landstrasse, draussen auf dem Meer kamen jetzt die Dampfer mit Flaggen und Musik von ihren Vergnügungsfahrten zurück; man hurrate und spielte und sang auf ihnen, dass es noch in den Bergen des Tiergartens zu hören war.
Niemals in seinem Leben hatte sich der Lehrer so allein gefühlt wie in diesem Volksgewimmel; er glaubte, die Menschen blickten ihn mit Teilnahme an, wie er da allein gleich einem Einsiedler ging, und er selber fand, es sei schade um ihn. Er wäre gern auf den ersten Besten zugegangen, nur um zu sprechen und seine Stimme wieder zu hören, denn er fand in seiner Einsamkeit, er habe einen Fremden neben sich. Und jetzt erwachte sein böses Gewissen. Er erinnerte sich an den Kellner Gustav, der seine Freude, ihn wiederzusehen, nicht hatte zügeln können. Jetzt war er soweit gekommen, dass er wünschte, irgend jemand komme ihm entgegen und zeige seine Freude, ihn zu sehen! Aber es kam niemand.
Doch, als er auf der Dampfschaluppe sass, kam ein Hühnerhund, der seinen Herrn verloren, und legte den Kopf auf seine Knie. Der Lehrer mochte Hunde sonst nicht leiden, aber er jagte ihn jetzt nicht fort; es war ein so weiches und warmes Gefühl am Knie, und das verlassene Tier sah ihm in die Augen, als bitte es ihn, seinen Herrn ausfindig zu machen.
Als sie aber ans Land stiegen, lief der Hund seiner Wege.
– Er brauchte mich nicht länger, dachte der Lehrer, und dann ging er nach Hause und legte sich nieder.
* * * * *
Diese unbedeutenden Ereignisse des Mittsommertages hatten dem Lehrer seine Sicherheit genommen. Er sah nämlich ein, dass alle Vorsorge, alle Voraussicht, alle kluge Berechnung dem Menschen nicht genug sei. Er fühlte eine gewisse Unsicherheit um sich herum. Sogar die Kneipe, sein Heim, war so wenig zuverlässig, dass es jeden Augenblick geschlossen werden konnte. Eine gewisse Kühle von Gustavs Seite begann auch störend auf ihn einzuwirken. Der Kellner war ebenso höflich wie früher, aufmerksamer als sonst, aber die Freundschaft war fort, das Vertrauen war gebrochen. Das machte den Lehrer bedenklich, und jedes Mal, wenn er ein trockenes Stück Fleisch oder zu wenig Kartoffel bekam, dachte er immer:
– Haha! Er rächt sich an mir!
Der Sommer war schlimm für den Lehrer: die zweite Geige verreiste und der Buchhändler hielt sich meistens auf der „Moseshöhe“ auf, dem hochgelegenen Gartenrestaurant seines Viertels.
An einem Herbstabend sassen der Buchhändler und die zweite Geige in der Stammkneipe und tranken ihren Grog, als der Lehrer eintrat, unterm Arm ein Paket tragend, das er sorgfältig in einem leeren Flaschenkorb verbarg, in der Kammer, in die man Gerümpel fortstellte. Der Lehrer war mürrisch und ungewöhnlich nervös.
– Nun, alter Junge, begann der Buchhändler wohl zum hundertsten Mal, wirst du dich nicht doch noch verheiraten?
– Der Teufel mag sich verheiraten! Man hat doch genug Sorgen! Und warum verheiratest du dich nicht? wies ihn der Lehrer ab.
– Oh, ich habe ja meine alte Stafva, antwortete der Buchhändler, der eine Menge Antworten auf eine Menge Fragen stereotypiert hatte.
– Ich bin glücklich verheiratet gewesen, sagte der Pole. Aber meine Frau ist jetzt tot, huh!
– Ist sie das, ahmte der Lehrer ihm nach; und der Herr ist Witwer, wie reimt sich das?
Der Pole verstand die Wendung nicht, nickte aber beifällig. Der Lehrer fand, dass die beiden anfingen, ihn zu ermüden. Das Gespräch drehte sich immer in derselben Richtung, um dieselben Dinge; und er konnte ihre Antworten auswendig.
Als er aufstand, um sich eine Zigarre aus seinem Überrock, der draussen im Flur hing, zu holen, eilte der Buchhändler nach der Rumpelkammer und holte das Paket des Lehrers. Da es nicht versiegelt war, hatte er es bald aufgemacht, und rollte nun ein prächtiges amerikanisches Nachthemd auf; das hängte er sorgfältig über den Stuhl des Lehrers.
Huh! sagte der Pole und grinste, als habe er etwas Garstiges gesehen.
Der Wirt, der einen guten Scherz liebte, legte sich auf den Ladentisch und lachte laut; der Kellner blieb im Saal stehen, und bald steckte eine Köchin den Kopf durch die Klappe.
Als der Lehrer wieder hereinkam und den Scherz sah, wurde er blass vor Wut; er hatte sofort den Buchhändler in Verdacht; als er aber Gustav in einer Ecke stehen und lachen sah, kam ihm wieder eine fixe Idee: Er rächt sich! Und ohne ein Wort zu sagen, riss er das Hemd an sich, warf Geld auf den Ladentisch und ging!
Von diesem Tage an liess sich der Lehrer nicht mehr bei Rejners sehen. Der Buchhändler wollte wissen, dass er in einem Restaurant seines Viertels ass. Das tat er auch! Aber er war tief missvergnügt! Das Essen war ja nicht schlecht, aber es war nicht so zubereitet, wie er es gewohnt war. Die Kellner waren nicht aufmerksam. Oft dachte er nach Rejners zurückzukehren, aber sein Stolz verbot es ihm. So war er aus seinem Heim hinausgeworfen; so war eine vieljährige Bekanntschaft in fünf Minuten gebrochen worden.
Im Herbst kam ein neuer Schlag. Mamsell Auguste hatte in der Provinz eine kleine Erbschaft gemacht und wollte Stockholm am ersten Oktober verlassen. Der Lehrer musste ziehen.
Da ihm aber nichts mehr recht gemacht werden konnte, zog er jeden Monat um. Das eine Zimmer war nicht schlechter als das andere, aber es war nicht dasselbe! Er war so gewohnt, seine alten Strassen zu gehen, dass er sich oft vor der Tür seiner früheren Wohnung befand, ehe er seinen Irrtum entdeckte. Mit einem Wort, er war ganz verloren.
Schliesslich ging er in ein Pensionat, obwohl er das immer gehasst und einen Schrecken davor gehabt hatte. Und da verloren die Bekannten seine Spur.
Eines Abends sitzt der Pole in der Stammkneipe, allein, rauchend, trinkend, nickend, mit des Orientalen Fähigkeit, in Gedankenlosigkeit zu versinken. Da kommt der Buchhändler wie ein Gewitter angestürmt und schlägt den halb zerquetschten Hut gegen die Tischscheibe, indem er ausruft:
– Himmelkreuzdonnerwetter! Hat man so etwas gehört?
Der Pole erwacht aus seinem Kognak- und Tabaknirwana und rollt die Augen.
– Himmelkreuzdonnerwetter! Hat man so etwas gehört? Er hat sich verlobt!
– Wer hat sich verlobt? fragt der Pole, ganz erschrocken von dem Hinwerfen des Hutes und dem üppigen Fluchen.
– Lehrer Blom!
Und der Buchhändler verlangt einen Grog, als Ersatz für die Bewirtung, die er gegeben. Und der Kellermeister muss vom Ladentisch aufstehen und zuhören.
– Hat sie Geld? fragt er gerieben.
– Nein, das glaube ich nicht, sagt der Buchhändler, der jetzt ein Held ist und seine Gaben stückweise verkauft.
– Ist sie schön? fragt der Pole. Meine Frau war so schön, huh!
– Nein, sie ist auch nicht schön, sagt der Buchhändler. Aber sie sieht nett aus!
– Haben Sie sie denn gesehen? fragt der Wirt. Ist sie alt?
Und er blickt nach der Küchenklappe.
– Nein, sie ist jung!
– Und ihre Eltern? fährt der Wirt fort.
– Der Vater soll Gelbgiesser in Örebro sein!
– Nein, solch ein Schelm! meint der Wirt.
– Ich habs ja immer gesagt, der Mann war geboren zum heiraten, sagt der Buchhändler.
– Das sind wir wohl alle, sagt der Wirt; und glauben Sie mir, glauben Sie mir, niemand entgeht seinem Schicksal!
Mit dieser Weisheitsregel schliesst er das Gespräch und geht wieder an den Ladentisch.
Nachdem man sich damit beruhigt hat, dass es keine Geldheirat ist, stellt man Betrachtungen darüber an, „wovon sie leben werden“. Und der Buchhändler schätzt den Gehalt des Lehrers ab, und „was er an Stunden verdienen kann“.
Nachdem diese Frage entschieden ist, will der Wirt Einzelheiten wissen.
– Wo hat er sie getroffen? Ist sie blond oder dunkel? Liebt sie ihn?
Die letzte Frage liegt durchaus nicht aus dem Wege, und der Buchhändler „glaubt es“, denn er hat gesehen, wie sie vor einem Schaufenster an seinem Arm hing.
– Ja, aber dass er, der so hölzern war, sich verlieben konnte! Das ist doch ganz unglaublich!
– Aber was für ein Ehemann er werden wird!
Der Wirt weiss, dass ers mit dem Essen „verflucht“ genau nimmt, und das dürfe man nicht, wenn man sich verheiratet (ein Blick nach der Küchenklappe)!
– Und dann will er gern einen Grog abends trinken; aber man kann doch nicht jeden Abend einen Grog trinken, wenn man verheiratet ist? Und dann mag er Kinder nicht leiden! Das geht nicht gut, flüstert er. Glauben Sie mir, das geht nicht gut. Und dann noch eine Sache, meine Herren (hier stand er auf, sah sich um und fuhr flüsternd fort), ich glaube, hol mich der Teufel, er hat ein kleines Verhältnis gehabt, der alte Heuchler. Erinnern Sie sich nicht jenes Abends, meine Herren, mit dem – hihihihi! – Nachthemd? Den finden Sie nicht wieder, wo Sie ihn gelassen haben! Passen Sie auf, Frau Blom, nehmen Sie sich in acht! Aber ich will nichts gesagt haben!
Die Tatsache stand jedenfalls fest, dass der Lehrer verlobt war und dass er in zwei Monaten heiraten wollte.
Wie es weiter ging, das gehört nicht zur Geschichte, und schwer ist es ausserdem, wirklich zu wissen, was hinter den Klostermauern der Häuslichkeit geschieht, wenn das Gelübde des Schweigens gehalten wird.
Sicher ist so viel, dass der Lehrer seitdem nie mehr in einer Kneipe zu sehen war.
Der Buchhändler, der ihn eines Abends allein auf der Strasse traf, musste eine lange Vorlesung anhören, dass er sich verheiraten solle. Ja, der Lehrer war gegen Junggesellen losgezogen und hatte gesagt, sie seien Egoisten, die sich nicht fortpflanzen wollten; man müsse eine hohe Steuer auf diese Kuckucke legen, denn alle indirekten Steuern träfen am meisten den Familienvater; ja, er ging so weit, dass der Junggesellenstand durch das Gesetz „als ein Verbrechen gegen die Natur“ bestraft werden müsse.
Der Buchhändler, der ein gutes Gedächtnis hatte, sprach seine Bedenken aus, ob man sein Schicksal mit einer „Gans“ vereinigen solle. Da antwortete der Lehrer, _seine_ Frau sei die intelligenteste Dame, die er kenne.
Zwei Jahre später hatte der Pole den Lehrer mit seiner Frau im Theater gesehen und gefunden, „dass sie glücklich aussahen, huh!“
Drei Jahre später war der Wirt an einem Mittsommertag auf einer Vergnügungstour durch den Mälarsee nach Mariefred gefahren. Dort draussen auf dem grünen Rasen, vor dem Schloss Gripsholm, schob der Lehrer Blom einen Kinderwagen und trug einen Korb mit Speisen, während ihm eine ganze Karawane Herren und Damen folgten, die „vom Land zu sein schienen“. Der Lehrer sang nach dem Mittagessen Lieder und sprang Bock mit den jungen Herren. Er sah zehn Jahre jünger aus und war wie ein richtiger Kavalier gegen die Damen.
Der Wirt, der sich der Gesellschaft ganz nahe befand, hatte während des Mittagessens einen kleinen Dialog zwischen Herrn Blom und seiner Frau angehört. Als die Frau eine Schüssel Krebse aus dem Speisekorb nahm, bat sie Albert, nicht verdriesslich zu werden, aber es sei ihr ganz unmöglich gewesen, weibliche Krebse zu bekommen, obwohl sie den ganzen Markt abgesucht habe. Da fasste der Lehrer sie um die Taille, küsste sie und sagte, er esse ebenso gern männliche Krebse und er sei ganz zufrieden. Als dann das Kind im Wagen zu schreien anfing, hob der Lehrer es auf seine Arme und trug es, bis es still wurde.
– Nun, das sind ja alles Kleinigkeiten, aber wie die Menschen als Verheiratete leben können, während sie kaum als Junggesellen zu leben haben, das ist ein Rätsel. Aber es sieht aus, als bringen die Kinder Essen mit, wenn sie zur Welt kommen, so sieht es aus!
Ersatz
Er war zu seiner Zeit ein Genie auf der Universität gewesen, und es war kein Zweifel, dass etwas Grosses aus ihm werden würde. Als cand. jur. musste er indessen nach Stockholm gehen, um sich eine Stellung zu suchen. Die Doktorarbeit wurde aufgeschoben. Er war recht ehrgeizig, besass aber kein Vermögen. Darum hatte er beschlossen, sich reich und vornehm zu verheiraten. Man sah ihn daher auf der Universität Uppsala und später in der Hauptstadt Stockholm nur in den feinsten Gesellschaften. In Uppsala trank er als älterer Student immer Brüderschaft mit den neu ankommenden Adeligen, die sich von der Bekanntschaft des älteren Landsmannes geehrt fühlten. So schloss er „essbare“ Freundschaften mit ihnen, und während des Sommers wurde er dann immer auf das Schloss der Eltern eingeladen.
Dort war sein Jagdgebiet. Er hatte gesellige Talente, spielte und sang und konnte die Damen unterhalten; darum war er gern gesehen. Seine Kleidung deutete auf grössere Eleganz, als seine Mittel erlaubten; aber er lieh niemals Geld von Adeligen oder Freunden. Er hatte sogar zwei wertlose Aktien gekauft, und er vergass nicht zu erzählen, dass er die Generalversammlung besuchen müsse.
Zwei Sommer hatte er einem adeligen Fräulein, das etwas Grundbesitz besass, den Hof gemacht, und man sprach schon von seinen Aussichten, als er plötzlich aus dem vornehmen Horizont verschwand und sich mit einem armen Mädchen verlobte, deren Vater Böttcher ohne Grundbesitz war.
Seine Freunde konnten nicht verstehen, wie er sich selber so ins Licht treten konnte. Er hatte ja so gut vorgespannt, dass er sofort fahren konnte; er hatte ja den Bissen schon auf der Gabel, dass er nur den Mund zu öffnen brauchte. Ja, er verstand es selbst nicht, wie seine vieljährigen Pläne so schnell von einem kleinen Mädchengesicht gekreuzt werden konnten, das er ein einziges Mal auf einem Dampfer gesehen. Er war behext, er war besessen.
Er fragte seine Freunde, ob sie sie nicht schön fänden.
Nein, das könnten sie nicht finden, wenn sie aufrichtig sein sollten.
– Aber sie ist intelligent. Seht ihr nur in die Augen! Wie sprechend sind die!
Die Freunde konnten nichts sehen und noch weniger hören, denn das Mädchen sprach nie.
Aber er war jeden einzigen Abend im Haus des Böttchers; oh das war ein intelligenter Mann. Er lag auf den Knien, das war eine Erinnerung an die Sommerschlösser, und hielt ihr das Garn; er sang ihr vor, spielte, sprach über Theater und Religion; und er las immer eine bejahende Antwort in ihren tiefen Augen. Er schrieb Verse an sie und legte ihr seinen Lorbeerkranz, seine ehrgeizigen Träume, ja seine Doktorarbeit zu Füssen.
Und dann verheiratete er sich.