Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten
Part 5
Der Schwiegervater kam mit einem grossen Reisewagen, um seine Tochter und seine Enkelin abzuholen. Dem Eidam verbot er, sich zu zeigen, bevor er Brot habe und seine Schulden bezahlen könne. Zu seiner Tochter sagte er nichts; als er sie aber nach Haus brachte, war es ihm, als bringe er eine Verführte zurück. Er hatte sein unschuldiges Kind einem jungen Herrn auf ein Jahr ausgeliehen, und nun erhielt er es „entehrt“ zurück. Sie wäre wohl gern bei ihrem Mann geblieben, aber sie konnte mit ihrem Kinde doch nicht auf der Strasse wohnen!
So musste Herr Ludwig allein zurückbleiben, um zu sehen, wie seine Häuslichkeit geplündert wurde. Aber es war ja nicht seine, da er sie nicht bezahlt hatte. Huh! Die beiden Herren mit Gläsern nahmen die Betten und das Bettzeug; sie nahmen die kupfernen Kasserollen und die blechernen Gefässe; Tischservice und Kronen und Leuchter: alles, alles!
Und als er dann allein in den beiden Zimmern stand, o wie leer, wie jammervoll! Wenn er nur sie noch gehabt hätte! Was aber sollte sie hier in den leeren Zimmern machen! Nein, dann war es noch besser, wie es war. Ihr selber ging es ja gut!
Nun begann der bittere Ernst des Lebens! Er fand eine Stelle bei einer Morgenzeitung als Korrektor. Um Mitternacht musste er auf der Redaktion sein, um drei Uhr konnte er wieder gehen. Auf seinem Amt konnte er bleiben, da es nicht zum Konkurs gekommen war, aber mit der Beförderung war es vorbei!
Schliesslich wurde ihm erlaubt, ein Mal in der Woche Weib und Kind zu besuchen, aber immer unter Bewachung. Und er musste in der Nacht zum Sonntag in einer Kammer schlafen, die neben der Schlafstube des Schwiegervaters lag. Am Sonntagabend musste er wieder in die Stadt, denn die Zeitung erschien auch am Montag.
Wenn er dann Abschied von Weib und Kind nimmt, die ihn bis an die Gartentür begleiten dürfen, denen er vom letzten Hügel noch ein Mal zuwinkt, dann fühlt er sich so elendiglich, so unglücklich, so gedemütigt. Und sie erst!
Er hat ausgerechnet, dass er zwanzig Jahre braucht um seine Schulden zu bezahlen! Und dann? Dann kann er doch nicht Weib und Kind versorgen. Aber seine Hoffnung? Nichts! Wenn der Schwiegervater stirbt, stehen seine Frau und sein Kind auf der Strasse; er wagt also nicht, ihrer einzigen Stütze den Tod zu wünschen.
O wie grausam ist das Leben, das den Menschenkindern kein Essen schaffen kann, während es doch allen anderen Geschöpfen Nahrung umsonst gibt.
O wie grausam, wie grausam! Dass das Leben nicht allen Menschen Erdbeeren und Schneehühner geben kann! Wie grausam, wie grausam!
Musste
Punkt halb neun Uhr abends im Winter steht er in der Tür zur Glasveranda des Restaurants. Während er mit mathematischer Genauigkeit die Kastorhandschuhe auszieht, guckt er über die angelaufenen Gläser erst nach rechts, dann nach links, ob Bekannte da sind. Dann hängt er den Überrock an seinen Haken, den rechts vom Kamin. Der Kellner Gustav, der ein Schüler des Lehrers gewesen ist, hat, ohne eine Ordre abzuwarten, die Brotkrumen von _dessen_ Tisch gefegt, die Senfdose umgerührt, das Salzfass geharkt und die Serviette umgedreht. Darauf holt er, ohne dass es ihm erst gesagt zu werden braucht, eine Flasche Medhamra, macht eine halbe Flasche Vereinsbier auf, überreicht dem Lehrer, nur des Scheins wegen, die Speisekarte und fragt, mehr der Form wegen als um zu fragen:
– Krebse?
– Weibliche Krebse! sagt der Lehrer.
– Grosse weibliche Krebse, sagt Gustav, geht nach der Küchenklappe und ruft: Grosse weibliche Krebse, für den Herrn Lehrer, und viel Dill!
Dann holt er eine Garnitur Butter und Käse, schneidet zwei Scheiben Pumpernickel und stellt alles auf den Tisch des Lehrers. Der hat in der Veranda eine Razzia nach den Abendzeitungen gehalten, aber nur die offizielle „Postzeitung“ gefunden. Zum Ersatz nimmt er das „Tageblatt“, mit dem er mittags nicht fertig geworden ist, und setzt sich hin, um es zu lesen, nachdem er die Postzeitung aufgeschlagen, umgefaltet und links neben sich auf den Brotkorb gelegt hat. Dann streicht er mit dem Messer einige geometrische Butterfiguren auf den Pumpernickel, schneidet aus dem Schweizerkäse ein Rechteck, giesst den Schnaps zu drei Vierteln ein und führt ihn bis zur Höhe des Mundes: dort macht er eine Pause, als zögere er vor einer Medizin, wirft den Kopf zurück und sagt huh!
Das hat er nun zwölf Jahre getan und wird es tun bis zu seinem Sterbetage.
Als die Krebse, sechs Stück, angelangt sind, untersucht er deren Geschlecht, und da nichts einzuwenden ist, geht er an den genussreichen Akt. Die Serviette wird mit der einen Ecke hinter den Kragen gesteckt, zwei Brotscheiben mit Käse werden neben den Teller bereit gestellt, und er giesst sich ein Glas Bier und einen halben Schnaps ein. Darauf nimmt er das kleine Krebsmesser und beginnt die Schlacht. Nur er allein kann in Schweden Krebse essen, und wenn er einen andern Krebse essen sieht, sagt er: Du kannst nicht Krebse essen. Zuerst macht er einen Schnitt um den Kopf des Krebses, und nachdem er das Loch für den Mund bekommen hat, saugt er.
– Das ist das Feinste, sagt er.
Dann löst er den Thorax vom Untergestell, ritzt Blutadler, wie er es nennt, setzt die Zähne an den Rumpf und saugt mit tiefen Zügen; darauf schlürft er die kleinen Beine wie Spargel. Dann isst er eine Prise Dill, trinkt einen Schluck Bier, beisst in den Pumpernickel. Nachdem er die Klauen genau geschält und die feinsten Kalkröhren ausgesogen hat, verzehrt er das Fleisch, um dann zum Schwanz überzugehen. Als er drei Krebse gegessen hat, nimmt er einen halben Schnaps und liest die Ernennungen in der Postzeitung. So hat er es zwölf Jahre gemacht und so wird er es immer machen.
Er war zwanzig Jahre alt, als er in diesem Lokal zu essen anfing, jetzt ist er zweiunddreissig, und Gustav ist zehn Jahre Kellner hier! Der Lehrer ist der Älteste hier, er ist älter als der Wirt, denn der hat den Betrieb erst seit acht Jahren! Er hat viele Reihen von Mittagsgästen gesehen; einige hielten ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre aus; dann verschwanden sie, gingen nach einem andern Lokal, zogen nach einem andern Ort, oder verheirateten sich. Er fühlte sich sehr alt, und doch zählte er nur zweiunddreissig Jahre! Dies ist sein Heim, denn in seinem möblierten Zimmer schläft er nur.
Die Uhr wird zehn. Da erhebt er sich und geht in den kleinen Saal, wo sein Grog auf ihn wartet. Jetzt kommt der Buchhändler. Sie spielen Schach oder sprechen über Bücher. Um halb elf kommt die zweite Geige vom Dramatischen Theater. Es ist ein alter Pole, der nach 64 nach Schweden floh und sich nun sein Leben damit verdienen muss, was ihm früher ein Vergnügen gewesen. Der Pole und der Buchhändler haben die fünfzig erreicht, aber sie gedeihen mit dem Lehrer, als sei er vom gleichen Alter.
Hinter dem Ladentisch sitzt der Wirt. Er ist ein alter Schiffskapitän, der sich in die Restauratrice verliebte und beschloss, sein Schicksal mit dem ihren zu vereinen. Sie herrscht jetzt in der Küche und hält immer die Klappe offen, um ein Auge auf den Alten zu haben, damit er sich nicht etwa ein Räuschchen antrinkt, ehe die Gäste gehen. Wenn aber das Gas gelöscht und das Bett gemacht ist, kriegt der Alte einen Napf mit Grog von Rum als Schlaftrunk.
Um elf Uhr beginnen die jungen Herren zu kommen, die vorsichtig an den Ladentisch herantreten und den Wirt flüsternd fragen, ob eine Treppe hoch ein „Privatzimmer“ frei sei; und dann hört man das Rauschen von Röcken, die durch den Flur schlüpfen, um ungesehen die Treppe hinaufzukommen.
– Nun, sagt der Buchhändler, der ein Gesprächsthema gratis bekommen hat, wirst du nicht daran denken, dich fortzupflanzen, alter Blom?
– Ich habe nicht die Mittel dazu, sagt der Lehrer. Warum verheiratest du dich nicht selber?
– Jetzt nimmt mich keine mehr, sagt der Buchhändler, nachdem mein Kopf einem alten Seehundskoffer gleich geworden ist. Übrigens habe ich ja meine alte Stafva.
Stafva war eine mystische Person, an die niemand glaubte. Sie war die Verkörperung der nicht erfüllten Träume des Buchhändlers.
– Aber Herr Potocki? wandte der Lehrer ein.
– Er ist ja verheiratet gewesen; das ist doch genug, sagt der Buchhändler.
Der Pole nickt wie ein Taktmesser und sagt:
– Ja, ich bin glücklich verheiratet gewesen. Huh!
Und damit trinkt er seinen Grog aus.
– Ja, sagt der Lehrer, wenn sie nicht solche Gänse wären, diese Frauen, dann könnte man an die Sache denken; aber es sind verdammte Gänse.
Der Pole nickt wieder und lächelt, denn als Pole versteht er das Wort „Gänse“ nicht.
– Ich bin sehr glücklich verheiratet gewesen – huh!
– Und dann hat man Kindergeschrei und saure Kleider am Ofen, fuhr der Lehrer fort, und dann Mägde und Küchengeruch. Nein, danke! Und dann kann man vielleicht nachts nicht schlafen.
– Huh! vollendete der Pole.
– Herr Potocki sagt huh, fiel der Buchhändler ein, mit der gewöhnlichen Schadenfreude des Junggesellen, der einen Verheirateten sich unvorteilhaft über die Ehe äussern hört.
– Was sagte ich? fragte der Witwer erstaunt.
– Huh, ahmte der Buchhändler ihm nach, und das Gespräch löste sich in ein gemeinsames Grinsen und eine Tabakswolke auf.
So wird es zwölf. Das Klavier, das eine Treppe hoch einen gemischten Chor männlicher und weiblicher Stimmen begleitet hat, schweigt. Der Kellner hört auf, von der Küchenklappe nach der Veranda zu laufen; der Wirt trägt in die Kladde die letzten Champagnerflaschen ein, die eine Treppe hoch bestellt sind; die drei Freunde erheben sich und gehen, jeder heim zu seinem „keuschen Junggesellenbett“, aber der Buchhändler heim zu seiner Stafva.
* * * * *
Lehrer Blom hatte im Alter von zwanzig Jahren seine Studien auf der Universität Uppsala unterbrochen und war nach der Hauptstadt Stockholm gekommen, um als Hilfslehrer sein Brot zu verdienen. Da er ausserdem noch Privatstunden gab, kam er ganz gut aus. Er verlangte nicht viel vom Leben. Ordnung und Ruhe war alles. In seinem möblierten Zimmer, das er von einer alten Mamsell gemietet hatte, fand er mehr, als ein Junggeselle zu verlangen pflegt; er fand Pflege und Freundlichkeit; all die Zärtlichkeit, welche die Natur bei dieser Frau für ein neues Geschlecht aus ihrem Blut bestimmt hatte, fiel ihm gratis zu. Sie besserte seine Kleider aus und sorgte für ihn. Er hatte aber früh seine Mutter verloren und war daher nicht gewohnt, dergleichen umsonst zu bekommen; deshalb nahm er das Geschenk als einen Eingriff in seine Freiheit hin, nahm es aber an! Die Kneipe war jedoch sein Heim. Dort bezahlte er für alles und blieb nichts schuldig.
In einer Provinzstadt des mittleren Schweden geboren, war er ein Fremdling in Stockholm. Besuchte niemand! Verkehrte nicht in Familien und traf nur seine Bekannten in der Kneipe, plauderte mit ihnen, schenkte ihnen aber nicht sein Vertrauen und hatte auch keins zu verschenken. Da er in der Schule nur in der dritten Klasse unterrichtete, hatte er ein Gefühl, als sei er im Wachstum zurückgeblieben. Er hatte ja einmal die dritte Klasse bis zur siebenten durchgemacht und war Student geworden; nun sass er doch wieder in der dritten, hatte zwölf Jahre dort gesessen und kam nicht weiter. Er lehrte das zweite und dritte Buch des Euclid, das war der Kursus der Klasse. Das ganze Leben zeigte sich also für ihn nur als ein Fragment; als ein Fragment ohne Anfang oder Ende: das zweite und dritte Buch. In freien Stunden las er Altertumskunde und Zeitungen. Altertumskunde ist eine moderne Wissenschaft, eine Krankheit der Zeit, kann man sagen. Und sie ist gefährlich, denn sie zeigt in den meisten Fällen, dass die menschliche Albernheit ziemlich konstant gewesen ist.
In den Zeitungen sah er nur eine Partie Schach; die Politik war für ihn ein interessantes Spiel – um den König, nichts weiter, denn er war erzogen wie alle andern: es war für ihn ein Glaube, was in der Welt geschieht, gehe uns nichts an, dafür sorgten die, denen Gott die Macht gegeben habe. Diese Art, die Dinge zu sehen, gab seiner Seele eine grosse und stille Ruhe; er beunruhigte niemanden und wurde von nichts beunruhigt. Wenn er zuweilen fand, etwas sei besonders töricht, tröstete er sich damit, dass es eben nicht zu ändern sei! Die Erziehung hatte ihn zum Egoisten machen müssen, und der Katechismus hatte ihn gelehrt: wenn jeder seine Pflicht tut, so geht alles gut, was uns auch zustösst. Er tat seine Pflicht auch musterhaft in der Schule; kam nie zu spät; war niemals krank. Auch in seinem Privatleben war er ohne Tadel; bezahlte seine Miete auf den Tag, ass nie auf Kredit und ging zu „Frauen“ ein Mal in der Woche (er sagte nie, dass er zu „Mädchen“ gehe). Sein Leben zog dahin wie ein Zug auf blanken Schienen, nach dem Sekundenzeiger, durch die bestimmten Stationen, und als kluger Mann vermied er jeden Zusammenstoss. Die Zukunft, an die dachte er nicht, denn ein wahrer Egoist denkt nicht so weit, aus dem einfachen Grund, weil die Zukunft sein nicht mehr ist als höchstens zwanzig, dreissig Jahre.
So verging sein Leben!
* * * * *
Es war Mittsommermorgen, strahlend, sonnig, wie er sein soll. Der Lehrer lag in seinem Bett und las über die Kriegskunst der Egypter, als Mamsell Auguste mit dem Kaffee herein kam. Sie hatte dem Tage zu Ehren Safranbrot geschnitten und Fliederblüten auf die Serviette gelegt. Schon am Abend vorher hatte sie einige Birkenzweige hinter den Ofen gesteckt, reinen Sand mit einigen Schlüsselblumen in den Spucknapf getan und ein Glas mit Maiblumen auf den Spiegeltisch gestellt.
– Nun, werden Sie nicht auch heute eine Vergnügungstour unternehmen, Herr Blom? fragte die Alte und liess die Augen über die Ausschmückung schweifen, die sie für die kleine Kammer angewandt hatte, um ein Wort der Anerkennung oder des Dankes zu erhalten.
Aber Herr Blom hat die Ausschmückung gar nicht bemerkt, sondern antwortete ganz trocken:
– Nein, das wissen Sie doch, Mamsell Auguste, dass ich nie Vergnügungstouren mache, weil ich von der Menge nicht gestossen noch von Kindern totgeschrien werden will.
– Aber an solch einem schönen Mittsommertag kann man doch nicht in der Stadt bleiben. Wenigstens in den Tiergarten werden Sie doch gehen?
– Das wäre wohl das letzte für mich, besonders heute, wo alle möglichen Leute dort sind. Nein, ich habe es hier in der Stadt so gut, und diese Faxen mit den Feiertagen werden doch einmal ein Ende nehmen.
– Lieber Herr Blom, wandte die Alte ein, viele Menschen finden, es sind noch viel zu wenig Feiertage in dem schweren Arbeitsjahr. Wollen Sie mir aber bitte sagen, ob Sie noch etwas wünschen; meine Schwester und ich wollen eine Dampferfahrt machen, von der wir nicht vor zehn Uhr abends zurückkommen?
– Viel Vergnügen, Mamsell Auguste, ich brauche nichts und sorge schon selber für mich! Die Portierfrau kann das Zimmer in Ordnung bringen, wenn ich gegen Mittag ausgehe.
Und er blieb allein mit seinem Kaffee. Als er getrunken hatte, steckte er sich eine Zigarre an und blieb im Bett liegen mit seiner ägyptischen Kriegskunst. Das Fenster, das offen stand, riss an seinem Haken bei einem schwachen Südwind. Um acht Uhr läutete die nächste Kirche mit allen ihren Glocken, grossen und kleinen, und die anderen Kirchen von Stockholm, Katharina, Maria und Jakob, fielen ein; es bimmelte und bammelte, dass es einen Heiden zur Verzweiflung bringen konnte. Als das Läuten schwieg, begann ein Kanoniersextett auf der Kommandobrücke eines Dampfers eine Française aus dem Theaterstück „Die schwache Seite“. Der Lehrer wand sich auf dem Laken seines Bettsofas und hätte sich gern die Mühe gemacht, aufzustehen und das Fenster zu schliessen, wenn es nicht zu warm gewesen wäre. Und dann waren Trommelwirbel zu hören, die aber unterbrochen wurden von einem neuen Messingquintett, das auf einem anderen Dampfer den Jägerchor aus dem „Freischütz“ spielte. Aber die unglückverheissenden Trommelschläge näherten sich. Das waren die Scharfschützen, die aufs freie Feld hinauszogen und die Strasse passieren mussten. Jetzt hörte er den Scharfschützenmarsch sechs Male, dazwischen die Pfiffe, die Glocken, die Messingmusik der Dampfer, bis diese Töne schliesslich mit den Schraubenschlägen verklangen.
Er stand um zehn Uhr auf und setzte das Rasierwasser auf seinen Spirituskocher. Das gestärkte Hemd lag auf der Kommode so weiss und so steif wie ein Brett. Er brauchte eine Viertelstunde, um die Knöpfe in die Knopflöcher zu stecken. Dann rasierte er sich eine halbe Stunde. Kämmte sich sorgfältig, als führe er eine äusserst wichtige Verrichtung aus. Als er die Hosen anzog, hielt er das untere Ende hoch, damit es auf dem Boden nicht staubig werde.
Sein Zimmer war einfach, äusserst einfach und ordentlich. Es war unpersönlich, abstrakt wie ein Hotelzimmer. Und doch hatte er dort zwölf Jahre gewohnt. Bei den meisten Menschen pflegen sich während eines solchen Zeitraums eine Menge Kleinigkeiten anzusammeln: Geschenke, kleine Überflüssigkeiten, Zierat, Luxusgegenstände. Nicht eine Gravüre hing hier an der Wand, die als Beilage einer illustrierten Zeitung eine Gefühlssaite angeschlagen; keine Decke, von freundlichen Schwestern gehäkelt, lag auf den Stühlen; keine Photographie eines lieben Gesichts stand, kein gestickter Federwischer lag auf dem Schreibtisch. Alles war zum besten Preis gekauft, um unnötige Ausgaben zu ersparen, welche die Unabhängigkeit des Besitzers beeinträchtigt hätten.
Er legte sich ins Fenster, um auf die Strasse und über den Artillerieplatz hinweg bis zum Hafen zu sehen. In dem Haus, das schräg gegenüber lag, sah er eine Frau im Korsett ihre Toilette machen. Er wandte sich fort, wie von etwas Hässlichem, oder von etwas, das seine Ruhe stören konnte. Unten im Hafen flaggten alle Segelschiffe und Dampfer, und das Wasser glitzerte im Sonnenschein. Zur Kirche hinauf wanderten einige alte Frauen mit Gesangbüchern in den Händen. Vor dem Hof der Artillerie ging der Posten mit seinem Säbel und sah missvergnügt aus, dann und wann nach der Turmuhr blickend, um nachzusehen, wie weit es noch zur Ablösung sei. Sonst lagen die Strassen leer, grau, heiss da. Er sah wieder zu der Frau hinüber, die sich ankleidete. Sie hatte eine Puderquaste genommen und puderte sich die Nasenwinkel vor dem Spiegel mit einer Miene, die sie einem Affen ähnlich machte. Er stand vom Fenster auf und setzte sich in den Schaukelstuhl.
Er machte sein Programm für den Tag, denn er hatte nun einmal eine dunkle Furcht vor der Einsamkeit. Am Alltag hatte er die Schuljugend um sich, und obwohl er diese wilden Tiere nicht liebte, die er zähmen, das heisst die schwere Kunst der Verstellung lehren sollte, fühlte er doch eine gewisse Leere, wenn er nicht bei ihnen war. Jetzt während der Sommerferien hatte er eine Ferienschule eingerichtet, aber auch deren Besucher hatten kurze Mittsommerferien, und er war nun mehrere Tage allein gewesen, die Stunden der Mahlzeiten ausgenommen, in denen er immer auf den Buchhändler und die zweite Geige rechnen konnte.
– Um zwei Uhr, dachte er, wenn die Parade vorbei ist und der Volksstrom sich aufgelöst hat, gehe ich in meine Kneipe und esse zu Mittag; dann nehme ich den Buchhändler mit mir nach Strömsborg; dort ist es heute still und leer, und dort trinken wir Kaffee und Punsch, bis es Abend wird, dann kehren wir nach Rejners (so hiess seine Kneipe am Berzeliuspark) zurück.
Punkt zwei nahm er seinen Hut, bürstete sich sorgfältig und ging.
– Ich möchte wissen, ob es heute gedämpfte Barsche gibt, dachte er. Und soll man sich heute Spargel leisten, da es Mittsommer ist!
So spazierte er seinen Weg, längs der hohen Mauer der Staatsbäckerei. Im Berzeliuspark sassen Arbeiterfamilien mit Kinderwagen auf denselben Bänken, auf denen an Alltagen die Bonnen der Vornehmen zu sitzen pflegten. Er sah, wie eine Mutter ihrem Kind die Brust gab. Eine grosse volle Brust, in die das Kind mit seinem fleischigen Händchen so tief hineingriff, dass das Händchen zur Hälfte verschwand. Der Lehrer wandte sich mit Ekel ab. Es störte ihn, diese Fremden in _seinem_ Park zu sehen. Das war für ihn Dienerschaft im Salon, wenn die Herrschaft fort ist, und er konnte ihnen nicht verzeihen, dass sie hässlich waren.
Er kam an die Glasveranda und wollte die Hand auf die Türklinke legen, noch ein Mal an die schönen Barsche denkend, „mit viel Petersilie“, als er an der Glasscheibe ein weisses Papier sieht, auf dem etwas geschrieben steht. Er braucht es nicht zu lesen, denn er weiss, was es enthält: dass die Kneipe über Mittsommer geschlossen ist; aber er hat es vergessen! Es war, als sei er mit dem Kopf an einen Laternenpfahl gestossen! Er war wütend. Zuerst auf den Wirt, dass er geschlossen hatte; dann auf sich selbst, dass er vergessen, dass heute geschlossen werden sollte! Er fand es so ungeheuerlich, dass er etwas so Wichtiges hatte vergessen können, dass er es nicht glauben wollte, sondern nach einem andern suchen musste, der schuld war, dass er es hatte vergessen können. Das war natürlich der Wirt. Er war entgleist, zusammengestossen, vernichtet. Er setzte sich auf eine Bank und hätte vor Wut beinahe geweint.
Pardauz! Da kam ein Ball und traf ihn direkt auf das gestärkte Vorhemd. Wie eine gereizte Wespe flog er auf und wollte den Schuldigen ausbringen, als ein hässliches Mädchengesichtchen ihm in die Augen lachte und hinter ihr ein Arbeiter in Festtagsanzug und Panamahut auftauchte, der das Kind lächelnd bei der Hand nahm und fragte, ob es weh getan habe; und dann erblickte er eine ganze Menge Dienstboten und Soldaten, die lachten. Er sah sich nach einem Schutzmann um, denn er fühlte sich in seinen Rechten als Mensch verletzt. Als er den Schutzmann aber im vertraulichen Gespräch mit der Mutter des Kindes sah, verlor er die Lust, Lärm zu schlagen, sondern ging direkt zum nächsten Droschkenhalteplatz, um einen Wagen zu nehmen und zum Buchhändler zu fahren, denn jetzt konnte er nicht länger allein sein.
Als er in der Droschke sass, fühlte er sich einigermassen geschützt, und nun wischte er mit dem Taschentuch sein Vorhemd ab, das vom Ball staubig geworden.
Als er in die Gotenstrasse des Südens kam, verabschiedete er den Kutscher, da er sicher war, den Buchhändler zu Hause anzutreffen. Wie er aber die Treppen hinaufstieg, wurde er ängstlich! Wenn er nicht zu Hause wäre!
Er war nicht zu Hause! Niemand von den Bewohnern des Hauses war daheim. Es klang so leer, als er an die Türe klopfte, und er hörte das Echo seiner Schritte.
Als er schliesslich einsam auf der Strasse stand, wusste er nicht, wohin er sich wenden solle. Potockis Adresse kannte er nicht, und heute, wo alle Läden geschlossen waren, ein Adressbuch aufzutreiben, hielt er für unmöglich!
Er ging, ohne zu wissen, wohin, die Strasse hinunter, am Hafen entlang, über die Brücke. Nicht ein bekanntes Gesicht traf er, und er fühlte sich verletzt von dieser Volksmenge, welche die Stadt während der Abwesenheit der Herren eingenommen hatte, denn er war, wie wir alle, in den Schulen des Staates zum Aristokraten erzogen.
Der Hunger, der sich bei der ersten Aufwallung gelegt hatte, begann wieder zu erwachen. Da kam ein neuer furchtbarer Gedanke über ihn, den er aus Feigheit nicht auszudenken gewagt: wo soll ich zu Mittag essen? Er war mit seinen Essmarken ausgegangen, und seine ganze Kasse bestand nur aus einer Krone fünfzig Öre. Die Marken galten ja nur bei Rejners, und eine Krone hatte er verfahren.
Er kam wieder in den Berzeliuspark. Dort sassen die Arbeiterfamilien und assen aus ihren Esskörben: gekochte Eier, Krebse, Pfannkuchen! Und die Polizei sagte nichts! Dort stand sogar ein Schutzmann, der ein Butterbrot in der einen und ein Glas Bier in der andern Hand hatte. Was ihn am meisten reizte, war, dass diese Menschen, die er verachtete, ihm augenblicklich überlegen waren! Aber warum konnte er nicht in eine Milchhandlung gehen und seinen Hunger stillen? Warum nicht? Ja! Die Antwort darauf liess er von sich gehen wie ein Aufstossen.