Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten
Part 8
Die Baronin hatte Zeit genug gehabt, um über ihre Stellung nachzudenken. Eines Tages sagte sie dem Mann, da es zwischen ihnen aus sei, so sei es das Beste, sich zu trennen. Das wollte er denn doch nicht, und Verzweiflung ergriff ihn. Die Kusine sollte nach Haus reisen und seine Frau sollte sehen, dass er ein Mann von Ehre sei.
Die Kusine reiste ab. Aber der Briefwechsel begann. Die Baronin musste alle Briefe lesen. Sie wollte es nicht, aber der Baron verlangte es. Bald aber gab er nach und las seine Briefe allein.
Schliesslich kam die Kusine zurück! Da brach es los! Der Baron hatte entdeckt, dass er nicht mehr ohne sie leben könne! Was war zu tun? Trennung? Das wäre der Tod! Fortsetzen? Unmöglich! Die Ehe auflösen, die der Baron jetzt nur noch für eine Prostitution hielt, und sich mit einander verheiraten? Ja, das war das einzig Ehrliche, wenn es auch schmerzhaft war.
Das aber wollte die Kusine nicht! Es sollte nicht heissen, sie habe einen Mann von seiner Frau gelockt; und der Skandal, der Skandal!
– Aber es sei unehrlich, wenn er seiner Frau nicht alles sage; es sei unehrlich, weiter zu gehen; man wisse nicht, wie weit es gehen könne.
– Was? Was meine er? Wie weit könne es gehen?
– Das könne man nicht wissen!
– Oh, wie schändlich! Was er von ihr denke?
– Dass sie ein Weib sei!
Und er fiel auf die Knie und betete sie an und erklärte, der Teufel möge ihr Gefängniswesen und ihre Schulen für Lumpen holen, er wisse nicht, ob sie die oder die sei, aber er wisse, dass er sie liebe.
Da verachtete sie ihn und reiste Hals über Kopf nach Paris.
Er reiste ihr augenblicklich nach. Von Hamburg schrieb er einen Brief an seine Frau. Erklärte, sie hätten einen Irrtum begangen, und es sei unmoralisch, den nicht zu berichtigen. Bat um Scheidung.
Sie liessen sich scheiden.
* * * * *
Ein Jahr später war der Baron mit der Kusine verheiratet. Sie bekamen ein Kind. Aber das störte ihr Glück nicht, im Gegenteil. Wieviel neue Ideen hier draussen keimten, wieviel starke Winde hier draussen wehten!
Er veranlasste sie, ein Buch über „Junge Verbrecher“ zu schreiben. Das wurde von der Kritik heruntergemacht. Da ward sie wütend, und schwur, nie wieder zu schreiben. Er nahm sich die Freiheit, sie zu fragen, ob sie schreibe, um gelobt zu werden; ob sie ehrgeizig sei. – Sie antwortete mit der Frage, weshalb er denn schreibe! – So entstand ein kleiner Wortwechsel. – Es sei ja nur erfrischend, einmal eine andere Ansicht zu hören als immer die eigene. – Immer die eigene? Was solle das heissen? Habe sie nicht _ihre_ Ansichten? – Sie setzte jetzt ihren Stolz darin, zu zeigen, dass sie eigene Ansichten besitze, und die mussten darum immer von denen des Mannes verschieden sein, damit kein Irrtum vorkam. – Da erklärte er, sie könne Ansichten haben, welche sie wolle, wenn sie ihn nur liebe. – Liebe? Was sei denn das! Er sei ja ein Tier wie alle andern Männer, und er sei falsch gegen sie gewesen. Nicht ihre Seele liebe er, sondern ihren Körper. – Nein, beide, sie ganz und gar! – O, wie falsch er gewesen! – Nein, nicht falsch, sondern der Raub eines Selbstbetrugs sei er gewesen, als er glaubte, nur ihre Seele zu lieben.
Sie hatten sich müde gegangen auf dem Boulevard und mussten sich vor einem Café niedersetzen. Sie steckte sich eine Zigarette an. Da trat der Kellner heran und sagte recht unhöflich, man dürfe hier nicht rauchen. Der Baron verlangte eine Erklärung. Der Kellner antwortete, es sei ein besseres Café, das seine Gäste nicht verscheuchen wolle, indem es „solche Damen“ hereinlasse.
Sie standen auf, bezahlten und gingen. Der Baron war zornig, der jungen Baronin kamen die Tränen. – Da habe man die Macht des Vorurteils! Rauchen sei für den Mann eine Dummheit, denn es sei dumm zu rauchen, aber für die Frau sei es ein Verbrechen! Wer es könnte, möge dieses Vorurteil aufheben! Und wer es wolle! Der Baron wollte nicht, dass seine Frau das erste Opfer werde, mit der dürftigen Ehre, mit dem Vorurteil gebrochen zu haben. Denn etwas anderes sei es ja nicht. In Russland rauchten ja die Damen der Gesellschaft zwischen den Gerichten der grossen Diners. Die Sitten änderten sich mit den Breitengraden. Und doch seien diese Kleinigkeiten nicht bedeutungslos im Leben, denn das Leben bestehe aus Kleinigkeiten. Hätten Männer und Frauen dieselben schlechten Gewohnheiten, könnten sie leichter mit einander verkehren, einander kennen lernen und eher gleichen Schritt mit einander halten als jetzt! Hätten sie dieselbe Erziehung, so würden sie dieselben Interessen haben und während des ganzen Lebens nicht aus einander kommen.
Der Baron hielt inne, als habe er etwas Dummes gesagt. Aber sie hörte nicht zu, denn ihre Gedanken waren nicht bei der Beschimpfung stehen geblieben.
– Sie sei von einem Kellner beschimpft, aus der besseren Gesellschaft gewiesen worden. Dahinter liege etwas! Bestimmt! Man habe sie erkannt! Sicher, denn sie habe es schon früher bemerkt!
– Was habe sie bemerkt?
– Dass man sie in Restaurants mit Geringschätzung behandle. Die Menschen hielten sie nicht für Eheleute, weil sie Arm in Arm gingen und höflich gegen einander seien. Lange habe sie das mit sich herumgetragen, nun aber vermöchte sie es nicht mehr. Aber das sei nichts gegen das, was sie von Hause hören müsse!
– Was habe sie denn von Hause gehört, das sie ihm nicht mitgeteilt?
– Oh, was für Dinge! Was für Briefe! Und die anonymen erst!
– Nun, und er? Man behandle ihn wie einen Verbrecher! Und er habe doch kein Verbrechen begangen! Er habe alle gesetzlichen Forderungen beobachtet und nicht die Ehe gebrochen. Er habe das Land verlassen, wie das Gesetz vorschreibt; das königliche Konsistorium habe sein Scheidungsgesuch bewilligt; die Geistlichkeit, die heilige Kirche habe ihn auf gestempeltem Papier von seinem ersten Eheversprechen entbunden; er habe es also nicht gebrochen! Man könne ja ein ganzes Volk von dem Treueid lösen, den es seinem Monarchen gegeben, wenn ein Land erobert wird: warum anerkenne die Gesellschaft denn nicht die Entbindung von einem Versprechen? Habe die Gesellschaft nicht selber dem Konsistorium das Recht gegeben, die Ehe aufzulösen? Wie könne sich denn die Gesellschaft als Richter über ihr eigenes Gesetz stellen? Die Gesellschaft liege also im Streit mit sich selber! Er werde wie ein Verbrecher behandelt! Habe nicht der Sekretär der Gesandtschaft, sein alter Freund, als er ihm seine Karte und die seiner Frau gesandt, ihm bloss eine Karte zurückgeschickt! Werde er nicht bei allen öffentlichen Austeilungen von Karten übergangen!
– Oh, sie habe noch Schlimmeres ertragen müssen. Eine von ihren Freundinnen in Paris habe ihr die Tür geschlossen, und mehrere hätten sich auf der Strasse abgewandt, als sie ihnen begegnet sei.
Nur der weiss, wo der Schuh drückt, der ihn anhat! Sie hatten jetzt die Schuhe an, richtige spanische Stiefel, und sie fühlten sich in Fehde mit der Gesellschaft. Die Vornehmen hatten sie desavouiert! Die Vornehmen! Diese Gemeinde von Halbkretins, die insgeheim wie Hunde leben, einander aber ehren, solange es nicht zum Skandal kommt; das heisst so lange man so ehrlich ist, den Vertrag zu kündigen, die Verfallzeit abzuwarten und die vom Gesetz gewährte Freiheit wiederzugewinnen. Und diese vornehme Gesellschaft sass da in ihrer Lasterhaftigkeit und teilte soziales Ansehen aus, nach einer Skala, auf der die Ehrlichkeit tief unter Null steht. Die Gesellschaft war also ein Gewebe von Lüge! Dass man das nicht längst gesehen! Jetzt aber musste man das schöne Gebäude untersuchen, um nachzusehen, wie es mit dessen Fundament bestellt sei.
Sie waren lange nicht so einig gewesen, wie jetzt, als sie nach Haus kamen. Die Baronin blieb nun zu Hause bei ihrem Kind, und sie erwartete bald ihr zweites. Dieser Kampf war für sie zu schwer, und sie war schon müde geworden! Sie hatte alles satt! In einem elegant möblierten und warmen Zimmer über freigelassene Gefangene schreiben und ihnen aus gehöriger Entfernung eine gut behandschuhte Hand reichen, das billigte die Gesellschaft; aber einer Frau, die sich mit einem freigelassenen Ehemann verheiratet, die Hand reichen, das wollte die Gesellschaft nicht. Warum nicht? Die Antwort lag nicht nahe.
Der Baron stand mitten im Leben. Besuchte die Kammern, war auf Versammlungen und überall hörte er wilde Ausbrüche gegen die Gesellschaft. Er las Zeitungen und Zeitschriften, verfolgte die Literatur, machte Studien. Seiner Frau drohte dasselbe Schicksal wie der ersten: zurückzubleiben! Seltsam aber war es! Sie konnte nicht allen Einzelheiten seiner Untersuchungen folgen, sie missbilligte vieles in den neuen Lehren, aber sie fühlte, dass er recht habe und für eine gute Sache wirke. Er wusste immer, dass er zu Hause eine Zustimmung fand, die nicht müde wurde; eine Freundin, die ihm wohl wollte. Ihr gemeinsames Schicksal trieb sie zusammen wie erschrockene Tauben, wenn das Gewitter heraufzieht. Das Weibliche bei ihr, das jetzt so wenig geachtet wird, und das doch nur eine Erinnerung an die Mutter ist, an die Naturkraft, die das Weib mitbekommen hat, brach nun hervor. Es fiel wie die Wärme eines abendlichen Feuers über die Kinder, wie Sonnenschein über den Mann, wie Friede über die Häuslichkeit. Er wunderte sich oft, dass er diesen Kameraden nicht vermisste, mit dem er früher über alles hatte sprechen können; er entdeckte, dass seine Gedanken an Stärke gewannen, seit er sie nicht mehr sofort ausplauderte; und er glaubte mehr an dem stillen Beifall, dem freundlichen Nicken, der teilnehmenden Hilfe gewonnen zu haben. Er fühlte sich stärker als früher, seine Ansichten wurden weniger kontrolliert; er war jetzt einsam, aber nicht so einsam wie früher, denn damals stiess er oft auf Widersprüche, die nur Zweifel erregten.
* * * * *
Es war Weihnachtsabend in Paris. In ihrem kleinen Châlet am Cours la Reine war die Aufräumung beendet und ein grosser Tannenbaum war aus dem Wald von Saint-Germain geholt. Der Baron und die Baronin wollten nach dem Frühstück zusammen ausgehen, um Weihnachtsgeschenke für die Kinder einzukaufen. Der Baron war etwas gedankenvoll, denn er hatte eben eine kleine Schrift „Ist die Oberklasse die Gesellschaft“ erscheinen lassen. Sie sassen am Kaffeetisch in dem schönen Speisesaal, und die Türen bis zur Kinderstube standen offen. Sie hörten, wie die Amme mit den Kleinen spielte, und die Baronin lächelte vor Glück und Zufriedenheit. Sie war so mild geworden, und ihre Freude war ruhig. Da schrie eins von den Kindern, und sie stand vom Tisch auf, um nachzusehen, warum es schreie. Im selben Augenblick kam der Diener in den Speisesaal und brachte die Post. Der Baron öffnete zwei Drucksachen. Die erste war eine „grosse, angesehene“ Zeitung. Er schlug sie auf und sah sofort eine Überschrift in fetten Buchstaben: „Ein Frevler!“ Und dann las er einige Zeilen: „Die Weihnacht ist gekommen! Dieses Fest, das allen reinen Herzen lieb ist. Dieses Fest, das von allen christlichen Völkern heilig gehalten wird, an dem Friede und Versöhnung über die ganze Menschheit herrschen, an dem sogar der Mörder sein Messer in die Tasche steckt und der Dieb das heilige Besitzrecht achtet; dieses Fest, das besonders in den nordischen Ländern sowohl die historischen Voraussetzungen besitzt wie von uraltem Herkommen ist usw. Und da kommt, wie der Gestank aus einer Kloake, ein Individuum, das sich nicht gescheut hat, die heiligsten Bande zu brechen, und speit seine Bosheit gegen die geachteten Mitglieder der Gesellschaft aus; eine Bosheit, die von der kleinlichsten Rache diktiert wird ...“ Er legte die Zeitung zusammen und steckte sie in die Tasche seines Schlafrocks. Dann riss er die zweite Drucksache auf. Das war eine Karikatur über ihn und seine Frau. Er liess die Zeitung den gleichen Weg gehen wie die erste, musste sich aber beeilen, denn seine Frau trat ein. Er beendete das Frühstück und eilte in sein Zimmer, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Dann gingen sie.
Die Sonne schien auf die bereiften Platanen der Champs Elysées, und der Concordiaplatz öffnete sich wie eine grosse Oase von Sonnenlicht mitten in der Steinwüste. Er hatte ihren Arm unter seinem, es war ihm aber, als stütze sie ihn. Sie sprach davon, was sie den Kindern kaufen sollten, und er antwortete, so gut er konnte. Schliesslich unterbrach er auf ein Mal das Gespräch und fragte, ohne eine Veranlassung dazu zu haben:
– Weisst du, was für ein Unterschied zwischen Strafe und Rache ist?
– Nein, darüber habe ich nicht nachgedacht.
– Ich möchte wissen, ob es nicht dieser ist: wenn sich ein anonymer Zeitungsschreiber rächt, dann ist es Strafe; wenn aber ein namhafter Nichtzeitungsschreiber straft, dann ist es Rache! Tragen wir uns ein unter die neuen Propheten!
Sie bat ihn, doch das Weihnachtsfest nicht zu stören, indem er von Zeitungen spreche.
– Dieses Fest, wiederholte er für sich, an dem Friede und Versöhnung ...
Sie gingen durch die Arkaden der Rivolistrasse, bogen in die Boulevards ab und kauften ein. Im Grand-Hôtel essen sie. Sie war in sonniger Laune und suchte ihn zu erheitern. Er aber blieb gedankenvoll. Schliesslich warf er die Frage auf:
– Wie kann man ein böses Gewissen haben, wenn man recht gehandelt hat?
Das wusste sie nicht.
– Kommt es daher, dass die Oberklasse uns dazu erzogen hat, ein böses Gewissen zu haben, jedes Mal wenn wir uns gegen sie erheben? Wahrscheinlich! Warum hat der nicht das Recht, die Ungerechtigkeit anzugreifen, der von der Ungerechtigkeit gekränkt worden ist? Weil nur der, der gekränkt worden ist, angreifen wird, und die Oberklasse nicht angegriffen werden will. Warum habe ich die Oberklasse früher, als ich zu ihr gehörte, nicht angegriffen? Weil ich damals natürlich nicht wusste, was sie ist! Man muss sich von einem Bild entfernen, um den richtigen Gesichtspunkt zu finden!
– Am Weihnachtsabend spricht man nicht von solchen Dingen.
– Es ist wahr, es ist Weihnachten, „dieses Fest ...“
Und sie fuhren nach Haus. Der Tannenbaum wurde angesteckt, und Friede und Glück strahlten von ihm aus; aber die dunklen Tannenzweige rochen nach Begräbnis und sahen düster aus, düster wie das Gesicht des Barons. Dann aber kam die Amme mit den Kleinen. Da klärte er sich auf, denn, dachte er, wenn sie herangewachsen sind, dann werden sie in Freude ernten, was wir in Tränen gesäet haben; dann werden sie nur ein böses Gewissen haben, wenn sie sich gegen die Gesetze der Natur vergehen; werden nicht wie wir jetzt von Grillen geritten werden, die mit dem Rohrstock eingebläut, mit Pfaffengeschichten eingetrichtert, von der Oberklasse zum Nutzen der Oberklasse verfasst sind.
Die Baronin setzte sich an den Flügel, als die Mädchen von der Küche und der Diener hereinkamen. Und sie spielte alte wehmütige Tänze, über die sich der Nordländer freut, und die Leute tanzten mit den Kindern, sahen aber nicht fröhlich aus. Es war wie der schuldige Teil eines öffentlichen Gottesdienstes.
Dann erhielten die Kinder und die Leute ihre Weihnachtsgeschenke. Und dann mussten die Kinder schlafen gehen.
Die Baronin ging in den Salon und setzte sich in einen Sessel. Der Baron setzte sich auf einen Schemel ihr zu Füssen. Darauf liess er seinen Kopf auf ihre Knie sinken. O, der war so schwer, so schwer! Und sie streichelte ihm die Stirn, sagte aber nichts.
– Was! Er weine?
– Ja, das tue er!
Sie hatte noch nie einen Mann weinen sehen. Das war furchtbar! Die ganze kräftige Gestalt schlotterte, aber er schluchzte nicht, und kein Laut war von ihm zu hören.
– Warum er weine?
– Er sei so unglücklich!
– Unglücklich mit ihr?
– Nein, nein, nicht mit ihr, aber doch unglücklich!
– Sei man garstig gegen ihn gewesen?
– O, ja!
– Könne er davon sprechen?
– Nein! Er wolle nur bei ihr sitzen! Wie er ein Mal, vor langer Zeit, bei seiner Mutter gesessen!
Sie plauderte mit ihm, wie mit einem Kind! Sie küsste seine Augenlider und trocknete ihm das Gesicht mit ihrem Taschentuch. Sie fühlte sich so stolz, so seltsam stark, und sie weinte nicht. Als er sie so sah, fasste er wieder Mut.
– Dass er so schwach sein könne! Es sei doch furchtbar, dass es in der Tat so schwer sei, diese fabrizierten Ansichten der Gegner zu ertragen. Glaubten denn seine Feinde selber, was sie sagten?
– Schrecklicher Gedanke, aber das täten sie wohl. Man sehe ja Steine in Kiefern festwachsen, warum nicht Ansichten in Gehirnen. Aber sie glaube doch, dass er recht habe, dass er das Gute wolle?
– Ja, das glaube sie! Aber er dürfe nicht böse werden: vermisse er nicht sein Kind, das erste?
– Doch gewiss, aber dem sei ja nicht zu helfen. Wenigstens jetzt noch nicht! Aber er und die andern, die für die Zukunft arbeiteten, müssten auch dafür eine Hilfe finden! Noch wisse er nicht wie, aber stärkere Köpfe als seiner, und viele zusammen, würden wohl einmal diese Frage, die jetzt unlösbar erscheine, lösen.
– Ja, das müssten sie!
– Aber ihre Ehe? Sei das noch eine rechte Ehe, da er ihr seinen Kummer nicht sagen wolle? Sei das nicht auch Pro ...?
– Nein, das sei eine rechte Ehe, denn sie liebten einander; das hätten er und seine erste Frau nicht getan! Sie liebten doch einander? Könne sie das leugnen?
– Nein, lieber Geliebter, das könne sie nicht!
– Nun, dann sei es eine rechte Ehe, von Gott, von der Natur!
Unnatürliche Auslese oder Die Entstehung der Rasse
Der Baron hatte mit grossem und edlem Verdruss im „Lebenssklaven“ gelesen, dass die Kinder der Oberklasse untergehen würden, wenn sie nicht die Muttermilch von den Kindern der Unterklasse nähmen. Er hatte Darwin gelesen und zu verstehen geglaubt, durch die Auslese seien adelige Kinder eine höhere Entwicklungsstufe der Gattung Mensch. Durch die Lehre von der Erblichkeit aber hatte er einen Widerwillen gegen den Gebrauch von Ammen gefasst: indem Blut der Unterklasse in adelige Adern fliesst, könnten ja gewisse Begriffe, Vorstellungen, Intentionen eingepflanzt werden. Er hatte also den Grundsatz angenommen, seine Frau solle selber säugen; wenn ihre Milch nicht reiche, solle das Kind mit der Flasche genährt werden. Die Milch von den Kühen zu nehmen, war wohl sein Recht, wenn die Kühe sein eigenes Heu frassen, ohne das sie verhungern würden oder gar nicht geboren wären.
Das Kind kam zur Welt. Es war ein Sohn! Der Vater war etwas unruhig gewesen, bis die Schwangerschaft festgestellt wurde, denn er selber war ein armer Teufel, aber seine Frau war sehr reich, und er konnte nur in Genuss ihres Reichtums kommen, wenn die Ehe mit einem gesetzlichen Erben gesegnet wurde, nach dem Erbgesetz Kap. 00, § 00. Die Freude war daher gross und ungeheuchelt. Der Sohn war ein kleines durchsichtiges Vollblutwesen mit blauen Adern auf der Hautfläche. Aber das Blut war trotzdem dünn. Die Mutter hatte die Figur eines Engels, war mit ausgewählter Nahrung aufgezogen, durch Pelzwerk gegen die ungünstigen Einflüsse des Klimas geschützt worden, und von dieser vornehmen Blässe, die das Weib von Rasse andeutet.
Sie gab ihrem Kinde selber die Brust. Man brauchte also nicht Bäuerinnen zu melken, um die Ehre des Lebens zu geniessen. Das waren alles Fabeln. Das Kind sog und schrie vierzehn Tage. Da alle Kinder schreien, hatte das nichts zu bedeuten. Aber das Kind magerte ab. Es magerte ganz schrecklich ab. Der Arzt wurde gerufen. In geheimer Konsultation mit dem Mann erklärte er offen, das Kind werde sterben, wenn die Mutter es weiter säuge, denn teils sei sie zu nervös, teils habe sie nichts zu geben. Ja, er machte eine quantitative Analyse der Milch und zeigte mit Gleichungen, das Kind werde verhungern, wenn man auf diese Weise fortfahre.
Was sei zu tun, denn sterben dürfe das Kind nicht? Amme oder Flasche. Die Amme kam nicht in Frage, unter keiner Bedingung. Wir wollen es mit der Flasche versuchen! Der Arzt verordnete jedoch eine Amme.
Die beste holländische Kuh, welche die goldene Medaille des Kreises erhalten hatte, wurde isoliert und mit Heu gefüttert; mit trocknem Heu von der Hochwiese. Der Arzt analysierte die Milch, und alles war gut. Es war so einfach mit der Flasche! Dass man nicht schon längst daran gedacht hatte! Und man brauchte keine Amme, diese Haustyrannin, der man schmeicheln, dieses Faultier, das man mästen musste; und obendrein konnte sie noch eine ansteckende Krankheit haben!
Aber das Kind magerte trotzdem ab und schrie immer noch. Schrie Nacht und Tag! Es hatte ganz deutlich Magenschmerzen. Eine neue Kuh und eine neue Analyse. Die Milch wurde mit Karlsbader Wasser (echtem Sprudel) verdünnt, aber das Kind schrie doch noch.
– Hier ist weiter nichts zu machen, als eine Amme zu nehmen, erklärte der Arzt.
– Nein, das wolle man nicht. Man wolle andern Kindern nicht die Milch fortnehmen, das sei unnatürlich, und man sei nicht sicher vor der „Erblichkeit“.
Als der Baron von Natur und Unnatur sprechen wollte, konnte der Arzt den Baron darüber aufklären, wenn man die Natur wirken lasse, so würden alle adeligen Familien aussterben und ihr Grundbesitz an die Krone fallen. So weise habe die Natur es eingerichtet, und die Kultur des Menschen sei nur ein törichter Kampf gegen die Natur, in dem der Mensch schliesslich untergehen müsse. Die Rasse des Herrn Baron sei zum Untergang verurteilt; das zeige sich darin, dass seine Frau nicht genügend Nahrung für die Frucht ihres Leibes habe; um leben zu können, müsse man also die Milch von andern Weibchen rauben oder kaufen. Die Rasse lebe also bis in die geringste Einzelheit von Raub.
– Sei das auch Raub, wenn man die Milch kaufe? Sie kaufe!
– Ja, denn das Geld, mit dem man die Muttermilch des Volkes kaufe, sei ja das Produkt einer Arbeit. Und wessen Arbeit? Des Volkes! Denn der Adel arbeite ja nicht.
– Aber der Doktor sei ja Sozialist!
– Nein, er sei Darwinist. Übrigens könne man ihn seinetwegen ruhig Sozialist nennen, das sei ihm ganz einerlei!
– Ja, aber raube man, wenn man kaufe? Das sei doch zu streng!
– Ja, wenn man mit Geld kaufe, das man nicht erarbeitet.
– Mit dem Körper also erarbeitet?
– Ja!
– Dann sei ja der Doktor auch ein Räuber!
– Gewiss! Das könne ihn aber nicht davon abhalten, die Wahrheit zu sagen! Ob der Baron sich nicht an den reuigen Räuber erinnere, der so wahr gesprochen?
Das Gespräch wurde abgekürzt, und der Baron liess den Professor kommen.
Der nannte den Baron einen Mörder, weil er nicht längst für eine Amme gesorgt habe!
Der Baron musste seine Frau überreden. Er musste seine ganze frühere Beweisführung aufheben und die einfache Tatsache betonen: die Liebe zu seinem Kind (verglichen mit dem Erbgesetz).
Aber wo sollte man eine Amme hernehmen? An die Stadt brauchte man erst garnicht zu denken, denn da waren alle Menschen verdorben! Nein, ein Mädchen vom Lande musste es sein. Aber die Baronin wollte kein Mädchen haben, denn ein Mädchen, das ein Kind habe, sei ja ein unsittliches Geschöpf: da könne ja der Sohn eine erbliche Anlage bekommen.
Der Arzt sagte, alle Ammen seien Mädchen, und wenn der junge Baron die Anlage, zu Mädchen zu gehen, erben werde, so sei er ein tüchtigen Kerl, und solche Anlagen müsse man pflegen. Eine Bauernfrau bekomme man bestimmt nicht, denn wer Grund und Boden habe, wolle auch seine Kinder selber besitzen.
– Aber wenn man ein Mädchen mit einem Knecht verheirate.
– Dann müsse man neun Monate warten.
– Aber wenn man ein Mädchen verheirate, das schon ein Kind habe?
– Das sei eine Idee!
Der Baron wusste wohl von einem Mädchen, das ein Kind von drei Monaten hatte. Er wusste es nur allzu gut, denn seine Verlobungszeit hatte drei Jahre gedauert und der Arzt hatte ihm schliesslich „verordnen“ müssen, untreu zu sein.
Er ging selber zu ihr und fragte sie. Sie solle einen eigenen Hof bekommen, wenn sie sich mit dem Knecht Anders verheirate und Amme im Herrnhaus werde. Nun, es war klar, dass sie das lieber wollte, als allein die Schande tragen.
Am nächsten Sonntag sollten sie zum ersten, zweiten und dritten Mal aufgeboten werden, und Anders sollte auf zwei Monate nach Haus reisen.