Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Part 19

Chapter 193,854 wordsPublic domain

Marie-Luise war erstaunt und begann aufzuräumen und abzustauben, und ihr Mann musste ihr endlich ein neues Kleid kaufen. Und dann wartete sie acht Tage lang. Die Gardinen wurden gewaschen, die Messingtüren an den Kachelöfen geputzt, die Möbel wurden gerieben. Die Schwester sollte sehen, dass ihr Bruder an eine ordentliche Person geraten sei.

Und dann wurde Kaffee gekocht, um elf Uhr vormittags, zu welcher Zeit die Schwester kommen sollte.

Sie kam, gerade wie ein Stock, und reichte der Schwägerin eine Hand, die so steif war wie ein Waschbleuel. Sie besichtigte die Einrichtung der Schlafstube, lehnte es aber ab, Kaffee zu trinken und sah der Schwägerin nicht ins Gesicht. Doch für den Neugeborenen interessierte sie sich etwas. Dann ging sie wieder.

Aber Marie-Luise hatte ihrem Mantel Mass genommen, den Stoff ihres Kleides abgeschätzt, eine neue Idee von ihrer Haarfrisur bekommen. Auf grosse Herzlichkeit hatte sie nicht gerechnet. Für den Anfang war ihr der Besuch genug, und das Haus wusste bald, dass die Schwägerin dagewesen.

Der Junge wuchs und bald folgte ihm ein Mädchen.

Jetzt zeigte sich Marie-Luise zärtlich besorgt um die Zukunft der Kinder, und der Vater wurde täglich zu überzeugen gesucht, nur eine Trauung könne die Kinder retten.

Dazu kam die Andeutung der Schwester, eine Versöhnung mit seinen Eltern sei möglich, wenn er sich regelrecht verheirate.

Nachdem er zwei Jahre, Tag und Nacht, dagegen gekämpft hatte, beschloss er endlich, um die Zukunft seiner Kinder sicher zu stellen, die mythologische Zeremonie über sich ergehen zu lassen.

Wen aber sollte er zur Hochzeit einladen? Marie-Luise wollte die Trauung in der Kirche haben. Dann aber konnte Sophie nicht dabei sein. Das ging bestimmt nicht. Ein Mädchen wie sie! Marie-Luise konnte bereits das Wort „Mädchen“ mit einem moralischen Accent aussprechen. Ihr Mann aber erinnerte sie, dass Sophie eine gute Freundin gewesen sei und man nicht undankbar sein dürfe. Marie-Luise dagegen betonte, man müsse seiner Kinder wegen private Sympathien aufgeben; und sie drang mit ihrer Ansicht durch.

Die Hochzeit fand statt.

Die Hochzeit war vorüber. Keine Einladung von seinen Eltern. Von Sophie ein zorniger Brief, und dann vollständiger Bruch.

So war also Marie-Luise Frau. Aber einsamer als vorher war sie. Über die Enttäuschung erbittert, ihres jetzt gebundenen Mannes sicher, begann sie sich alle Freiheiten herauszunehmen, die einer Ehefrau zukommen. Was früher aus gutem Willen gegeben wurde, nahm sie jetzt als schuldigen Tribut hin. Sie verschanzte sich hinter dem Ehrentitel der Mutter seiner Kinder und machte von dort ihre Ausfälle.

Einfältig wie alle angeführten Männer, konnte er nie begreifen, was für eine Helligkeit darin lag, dass sie die Mutter _seiner_ Kinder war. Warum seine Kinder merkwürdiger sein sollten als andere Kinder und als er selber, das begriff er nicht.

Doch beruhigt, dass seine Kinder eine gesetzliche Mutter bekommen hatten, fing er an, sich wieder in der Welt umzusehen, die er während des ersten Liebesrausches etwas vergessen und später nicht aufgesucht hatte, weil er Weib und Kind nicht allein lassen wollte.

Diese Freiheiten missfielen seiner Frau, und da sie sich jetzt nicht mehr zu genieren brauchte, auch eine aufrichtige Natur war, so sagte sie, was sie dachte.

Da er alle Schleichwege der Juristik studiert hatte, war er um die Antwort nicht verlegen.

– Findest du es anständig, fragte sie, die Mutter deines Kindes allein sitzen zu lassen, um in die Kneipe zu gehen?

– Ich glaube nicht, dass du mich vermisst hast, antwortete er vorbereitend.

– Vermisst? Wenn der Mann das Wirtschaftsgeld vertrinkt, so vermisst man manches im Hause.

– Erstens trinke ich nicht, denn ich esse nur einen Bissen und trinke nur eine Tasse Kaffee; zweitens vertrinke ich nicht das Wirtschaftsgeld, denn das hast du eingeschlossen; ich habe nämlich eine andere Art Geld, das ich „vertrinke“.

Unglücklicher Weise lieben die Frauen Ironie nicht, und die aus Scherz gemachte Schlinge wurde sofort um seinen Hals geworfen.

– Du gestehst also ein, dass du trinkst?

– Nein, ich habe nur deinen Ausdruck scherzhaft benutzt.

– Scherzhaft? So, man scherzt mit seiner Frau! Das hast du früher nicht getan!

– Du hast ja die Zeremonie selber gewünscht. Warum ist es jetzt nicht mehr so wie früher?

– Weil man verheiratet ist natürlich.

– Teils deshalb, und teils weil der Rausch die Eigenschaft hat, zu verdunsten.

– Es war also nur ein Rausch bei dir.

– Nicht nur bei mir; bei dir auch, und bei allen andern auch. Er dauert nur mehr oder weniger lang, siehst du!

– Also die Liebe ist nur ein Rausch bei den Männern.

– Nein, auch bei den Frauen!

– Sie ist jedenfalls ein Rausch!

– Ja, ja, ja! Aber man kann darum doch Freundschaft halten.

– Aber dann braucht man sich ja nicht erst zu verheiraten.

– Nein, das meinte ich ja auch.

– Du? Warst du es nicht, der wollte, dass wir uns trauen lassen sollten?

– Ja, weil du es Tag und Nacht wolltest, drei Jahre lang.

– Ja, aber du hast es doch gewollt!

– Ja, weil du es wolltest. Danke mir dafür.

– Soll ich dir dafür danken, dass du die Mutter deiner Kinder mit deinen Kindern allein lässt, während du in die Kneipe gehst?

– Nein, nicht dafür, sondern dass ich mich mit dir habe trauen lassen.

– Aber dankbar soll ich jedenfalls sein?

– Ja, das sollst du, wie jeder anständige Mensch, der seinen Willen bekommen hat.

– Nun, schön ist es nicht, so verheiratet zu sein! Wie irgend ein Mädchen, das von den Verwandten des Mannes nicht geachtet wird.

– Was hast du mit meinen Verwandten zu tun? Ich habe mich nicht mit deinen verheiratet.

– Weil sie nicht fein genug waren!

– Aber meine waren zu fein für dich. Wenn sie Schuhmacher gewesen wären, so hätte dir nicht so viel an ihnen gelegen.

– Schuhmacher? Taugen die vielleicht nichts? Sind das nicht auch Menschen?

– Doch gewiss, aber ich glaube nicht, dass du ihnen nachlaufen würdest.

– Nun, dann ist es gut!

Aber es war nicht gut, und es wurde nicht wieder gut. Ob es nun an der Trauung lag oder an etwas anderm, jedenfalls fand Marie-Luise, es sei früher besser gewesen; es sei „fideler“ gewesen, wie sie sich ausdrückte.

Er glaubte nicht, dass gerade die Trauung schuld sei, denn er hatte auch bürgerliche Ehen gesehen, die nicht glücklich waren. Und das Schlimmste von allem war: als er eines Tages wieder, wie er insgeheim zu tun pflegte, seinen alten Kameraden und Sophie besuchen wollte, erfuhr er, dass sie „ein Ende gemacht“ hatten. Und sie waren nicht getraut. Die Trauung hatte also nicht die Schuld!

Zweikampf

Sie war hässlich und darum wurde sie von den rohen jungen Männern, die eine schöne Seele unter einem hässlichen Äussern nicht zu schätzen wissen, übersehen. Aber sie war reich, und sie wusste, dass die Männer dem Geld der Frauen nachjagen; ob deshalb, weil alles Geld von den Männern erworben ist und diese daher das Kapital für ihr Geschlecht beanspruchen, oder aus anderen Gründen, das machte sie sich nicht klar. Da sie reich war, lernte sie allerhand, und da sie den Männern grosses Misstrauen und tiefe Verachtung zeigte, galt sie für eine begabte Dame.

Sie war zwanzig Jahre alt geworden. Die Mutter lebte noch, und sie wollte nicht fünf Jahre warten, bis sie über ihr Vermögen verfügen konnte. So wurden ihre Freundinnen eines Tages mit ihrer Verlobungskarte überrascht.

– Sie verheiratet sich, um einen Mann zu bekommen, sagten die einen.

– Sie verheiratet sich, um einen Bedienten zu haben und die Freiheit zu geniessen, sagten die andern.

– Wie dumm von ihr, sich zu verheiraten, sagten die dritten; sie weiss nicht, dass sie dann erst unmündig wird.

– Seid nicht bange, sagten wieder andere: sie wird mündig, obwohl sie sich verheiratet.

Wie sah er aus? Wer war er? Wo hatte sie ihn gefunden?

Er war ein junger Advokat, von weiblichem Aussehen, mit hohen Hüften, von schüchternem Wesen. Er war der einzige Sohn und von einer Mutter und einer Tante erzogen. Er hatte immer eine grosse Furcht vor jungen Mädchen gehabt und hasste die Leutnants, weil sie männlich auftraten und auf Bällen und Gesellschaften immer bevorzugt wurden. So war er.

Sie trafen sich auf einem Ball im Kurhaus. Er war spät gekommen und es waren keine Damen mehr für ihn übrig. Die jungen Mädchen antworteten ihr fröhliches, triumphierendes nein, wenn er kam, um sie aufzufordern; sie winkten ihm mit ihren Tanzkarten ab, als wollten sie eine zudringliche Fliege verscheuchen.

Verletzt, gedemütigt ging er hinaus und setzte sich auf die Veranda, um zu rauchen. Der Mond stand über den Linden des Parkes, und der Reseda duftete auf den Beeten. Durch die Fenster sah er, wie Paar nach Paar im Tanzsaal vorbeirauschte, während die wollüstigen Rhythmen des Walzers ihn beben liessen: das war das ohnmächtige Verlangen des Krüppels.

– Sitzen Sie hier allein, um zu schwärmen? hörte er eine Stimme ihn ansprechen. Und tanzen nicht?

– Warum tanzen Sie denn nicht, mein Fräulein, sagte er und sah auf.

– Weil ich hässlich bin und niemand mich haben will, antwortete sie.

Er betrachtete sie. Sie waren alte Bekannte, aber er hatte sich ihre Züge noch nie genauer angesehen. Sie war ausgesucht gekleidet, und ihre Augen drückten in diesem Augenblick einen solchen Schmerz aus, den Schmerz der Verzweiflung und der fruchtlosen Empörung gegen eine ungerechte Natur, dass er eine lebhafte Sympathie für sie empfand.

– Auch mich will niemand haben, sagte er. Aber die Leutnants haben ja Recht. In der natürlichen Auslese haben ja die Stärkeren und die Schöneren Recht. Sehen Sie nur ihre Schultern und Epauletts ...

– Pfui, wie Sie sprechen!

– Verzeihen Sie! Aber man wird bitter, wenn man einen ungleichen Kampf zu kämpfen hat! Wollen Sie vielleicht mit mir tanzen?

– Aus Barmherzigkeit?

– Ja, gegen mich!

Er warf seine Zigarre fort.

– Haben Sie empfunden, was es heisst, vom Schicksal gezeichnet, verworfen zu sein? Haben Sie empfunden, was es heisst, immer der Letzte zu sein? fing er wieder mit Wärme an.

– Ob ich das empfunden habe? Aber die Letzten bleiben nicht immer die Letzten, fügte sie mit Nachdruck hinzu. Andere Eigenschaften als nur Schönheit haben im Leben Wert.

– Welche Eigenschaften schätzen Sie denn bei einem Mann am höchsten?

– Güte, antwortete sie bestimmt. Denn diese Eigenschaft ist so selten bei einem Mann.

– Güte und Schwäche pflegen ja zusammen zu gehen, und die Frau liebt doch die Stärke beim Mann.

– Welche Frauen? Die rohe Kraft hat ihre Zeit gehabt, und da wir in der Zivilisation weiter gekommen sind, müssten wir doch so viel Verstand besitzen, dass wir die Muskelkraft und die Roheit nicht höher als das gute Herz stellen.

– Wir müssten! Ja, und doch! Sehen Sie nur den Tanz an!

– Die wahre Männlichkeit liegt für mich im Adel des Gefühls und in der Intelligenz des Herzens.

– Sie würden also einen Mann, den die ganze Welt schwach, feige nennt ...

– Was kümmere ich mich um die Welt! Und um das, was die Welt sagt!

– Wissen Sie, Sie sind ein ungewöhnliches Mädchen, sagte der Advokat, immer mehr interessiert.

– Durchaus nicht ungewöhnlich! Aber Ihr Männer seid so gewohnt, die Frauen für eine Art von Spielpuppen zu halten ...

– Welche Männer? Ich, mein Fräulein, habe seit der Kindheit zu der Frau aufgesehen als einer höheren Offenbarung der Gattung Mensch, und von dem Tage, an dem eine Frau mich liebte und ich sie wieder liebte, würde ich ihr Sklave sein.

Adele sah ihn lange und tief an. Dann sagte sie:

– Sie sind ein ungewöhnlicher Mann.

Nachdem die Beiden einander für ungewöhnliche Spezies der schlechten Gattung Mensch erklärt und sich über die Eitelkeit des Tanzvergnügens ausgelassen hatten, stellten sie Betrachtungen über die Melancholie des Mondes an. Dann gingen sie in den Tanzsaal, um an der Française teilzunehmen.

Adele tanzte ausgezeichnet, und der Advokat gewann sich ihr Herz vollständig, weil er wie ein „unschuldiges Mädchen“ tanze.

Nach der Française setzten sie sich wieder auf die Veranda.

– Was ist die Liebe? fragte Adele und sah den Mond an, als wolle sie eine Antwort vom Himmel haben.

– Die Sympathie der Seelen, flüsterte er mit einer Stimme, als komme sie vom Wind.

– Aber die Sympathie kann leicht in Antipathie umschlagen, wie es schon vorgekommen ist, fuhr Adele fort.

– Dann war es nicht die rechte Sympathie! Es gibt Materialisten, die sagen, die Liebe würde nicht vorhanden sein, wenn es nicht zwei Geschlechter gebe; und sie wagen zu behaupten, dass die sinnliche Liebe länger dauert als die andere. Ist es nicht niedrig, tierisch, in der Geliebten nur das Geschlecht zu sehen.

– Sprechen Sie nicht von den Materialisten.

– Doch, ich muss von ihnen sprechen, damit Sie verstehen, wie hoch ich meine Liebe zu einer Frau stelle, wenn ich eine lieben würde. Sie brauchte nicht schön zu sein; Schönheit vergeht. Ich würde einen guten Kameraden in ihr sehen, einen Freund. Ich würde mich nie schüchtern vor ihr fühlen wie vor einem Mädchen. Ich würde direkt auf sie losgehen, wie ich auf Sie losgehe und sagen: Wollen Sie meine Freundin fürs Leben werden? Und das würde ich sagen, ohne die Verlegenheit zu empfinden, die ein Freier fühlen muss, wenn er sich der, die er liebt, erklärt, weil seine Gedanken nicht rein sind.

Adele sah mit Entzücken auf den jungen Mann, der ihre Hand ergriffen hatte.

– Sie sind eine ideale Natur, sagte sie, und Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen. Sie bitten um meine Freundschaft, wenn ich Sie recht verstehe. Sie sollen sie haben, erst aber eine Prüfung. Wollen Sie zeigen, dass Sie eine Demütigung erleiden können, für die, welche Sie gern haben.

– Ob ich will? Sprechen Sie, und ich gehorche!

Adele nahm ihr Halsband aus getriebenem Gold ab, an dem ein Medaillon hing.

– Tragen Sie dies als ein Wahrzeichen unserer Freundschaft.

– Ich werde es tragen, sagte er etwas unsicher; aber man wird vielleicht sagen, dass wir verlobt sind.

– Und das fürchten Sie?

– Nein, wenn du es willst! Willst du?

– Ja, Axel! ich will es; denn die Welt erlaubt keine Freundschaft zwischen Mann und Weib; die Welt ist so erbärmlich, dass sie nicht an ein reines Verhältnis zwischen Personen verschiedenen Geschlechts glaubt.

Und er trug seine Kette.

Die Welt, die unter vier Augen sehr materialistisch ist, sagte wie die Freundinnen:

– Sie verheiratet sich, um sich zu verheiraten; er, um sie zu besitzen.

Die Welt machte auch hässliche Anspielungen, er nehme sie ums Geld, da er selber erklärte, etwas so Niedriges wie Liebe existiere nicht zwischen ihnen; Freundschaft zwinge ja niemand, dieselbe Schlafstube zu benutzen, wie Verheiratete zu tun pflegen.

Sie verheirateten sich. Die Welt hatte einen Wink bekommen, sie würden wie Geschwister leben, und die Welt wartete mit einem boshaften Grinsen ab, wie die grosse Reform, welche die Ehe umschaffen sollte, ablaufen würde.

Die Neuvermählten reisten ins Ausland.

Als die Neuvermählten zurückkehrten, war die Frau blass und schlechter Laune. Sie begann sofort Reitstunden zu nehmen. Die Welt witterte Unrat und wartete. Der Mann sah aus, als habe er etwas Hässliches begangen und schäme sich. Es wurde schliesslich festgestellt.

– Sie haben im „Geschwisterbett“ geschlafen, sagte die Welt.

– Es wird wohl ein Geschwisterkind sein, sagten die Freundinnen.

– Und ohne Liebe? Aber das ist ja – Ja, was ist es?

– Verbotene Verwandtschaft! sagten die Materialisten.

– Es ist eine geistige Ehe.

– Oder Blutschande, sagte ein Anarchist.

An der Tatsache war nichts zu ändern, aber die Sympathie der Seelen begann abzunehmen. Die verhasste Wirklichkeit brach ein, um sich zu rächen.

Der Advokat übte seinen Beruf aus, und die Frau liess ihren Beruf von einer Amme und einer Magd ausüben. Daher hatte sie keine Beschäftigung. Die Beschäftigungslosigkeit gab ihren Gedanken Gelegenheit, sich zu entwickeln, und sie begann über ihre Stellung nachzudenken. Sie fand sie nicht befriedigend. War es eine Tätigkeit für eine begabte Frau, nichts zu tun?

Der Mann wagte ein Mal eine Bemerkung, sie sei doch nicht gezwungen, nichts zu tun! Aber er wiederholte sie nie mehr.

– Sie habe keine Tätigkeit.

– Nein, beschäftigungslos sein sei keine Tätigkeit. Warum gebe sie dem Kind nicht die Brust.

– Die Brust geben? Sie wolle etwas haben, an dem sie verdiene.

– Sei sie denn geizig? Sie habe ja mehr, als sie verbrauche; warum sollte sie denn Geld verdienen?

– Um es ihm gleich zu tun.

– Gleich könnten sie nie werden, denn sie werde immer eine Stellung einnehmen, die er nie erreichen könne. Die Natur habe es so eingerichtet, das die Frau Mutter werde, der Mann aber nicht.

– Das sei dumm!

– Es hätte ja auch umgekehrt sein können, aber das wäre ebenso schlimm gewesen.

– Ja, aber dieses Leben werde unerträglich. Sie könne nicht nur für die Familie leben, sie wolle auch für andere leben.

– Sie solle nur erst mit der Familie anfangen; später könne man immer noch an die andern denken.

Das Gespräch hätte Ewigkeiten dauern können, aber eine gute Stunde dauerte es doch.

Der Advokat war natürlich fast den ganzen Tag fort, und wenn er nach Haus kam, hatte er Sprechstunde. Dann wollte Adele verzweifeln. Er schloss sich mit andern Frauen ein, und die machten ihm vertrauliche Mitteilungen, die er ihr nicht weiter erzählen durfte. Immer standen Geheimnisse zwischen ihnen, und sie fühlte, dass er ihr überlegen war.

Ein dumpfer Hass begann bei ihr zu wachsen, ein Hass gegen das Ungerechte in diesem Verhältnis; sie suchte nach einem Mittel, um ihn hinunter zu ziehen. Hinunter musste er, damit sie beide auf gleiche Höhe kamen.

Eines Tages machte sie den Vorschlag, eine Heilanstalt zu gründen. Er riet ab, weil er mit seiner Praxis genug zu tun habe. Dann aber dachte er, es wäre gut, wenn sie eine Beschäftigung bekomme; dann würde sie ruhiger werden.

Sie bekam ihre Anstalt, und er trat mit ihr in die Direktion ein.

Sie sass nun in der Direktion und herrschte. Als sie ein halbes Jahr regiert hatte, fühlte sie sich so bewandert in der ärztlichen Kunst, dass sie auf eigene Hand Ratschläge gab und Auskünfte erteilte.

– Das sei keine Kunst, meinte sie!

Einmal hatte der Arzt der Anstalt einen Irrtum begangen, und seitdem besass sie kein Vertrauen mehr zu ihm. Die Folge war, dass sie eines Tages im Gefühl ihrer natürlichen Oberhoheit, als er abwesend war, selber ein Rezept schrieb. Das Rezept wurde ausgefertigt, auch vom Patienten eingenommen, jedoch mit tödlichem Ausgang.

Man musste sofort nach einer andern Stadt ziehen. Damit aber war das Gleichgewicht gestört. Noch mehr wurde es gestört durch einen neuen Erben, der zur Welt kam. Auch hatte sich das Gerücht von dem fatalen Ereignis verbreitet.

Traurig und unschön war das Verhältnis zwischen den Gatten geworden, denn die Liebe war ja nicht vorhanden gewesen. Der gesunde starke Naturtrieb, der nicht überlegt, fehlte; so blieb nur ein unangenehmes Konkubinat übrig, das auf den unsicheren Berechnungen der selbstsüchtigen Freundschaft beruhte.

Was jetzt in ihrem brennenden Kopf vorging, nachdem sie entdeckt hatte, welchen Irrtum sie begangen, als sie etwas angeblich Höheres suchte, davon sprach sie nicht, aber der Mann musste es fühlen.

Ihre Gesundheit begann schwächer zu werden, sie verlor den Appetit und wollte nicht ausgehen. Sie magerte ab und fing an zu husten. Der Mann liess sie mehrere Male untersuchen, aber der Arzt konnte die Ursache der Krankheit nicht finden. Schliesslich gewöhnte er sich so an das ständige Klagen, dass er nicht mehr darauf achtete.

– Es ist unangenehm, eine kranke Frau zu haben, sagte sie.

Er gab es innerlich zu, dass es kein Vergnügen sei; wenn er sie aber geliebt hätte, würde er das nie empfunden noch zugegeben haben.

Sie nahm so ab, dass es zu merken war, und er musste schliesslich ihren Entschluss, zu dem berühmten Professor zu reisen, gutheissen.

Adele reiste zu dem Professor.

– Wie lange sind Sie krank gewesen? fragte er.

– Ich bin nie recht gesund gewesen, seit ich das Land verlassen habe, denn auf dem Lande bin ich aufgewachsen.

– Sie fühlen sich also in der Stadt nicht wohl?

– Wohl? Wer kümmert sich darum, ob ich mich wohl fühle oder nicht, antwortete sie und machte ein Märtyrergesicht.

– Glauben Sie, dass die Landluft Ihnen gut bekommen würde? fragte der Professor.

– Ich glaube, es ist das einzige, was mich retten könnte, wenn ich aufrichtig sein soll.

– Dann ziehen Sie doch aufs Land!

– Aber mein Mann kann doch nicht meinetwegen seinen Beruf aufgeben.

– Er ist ja reich verheiratet, und Advokaten haben wir genug.

– Sie meinen also, Herr Professor, dass wir aufs Land ziehen müssen?

– Ja, wenn Sie glauben, dass es Ihnen nützen wird. Ich sehe keine andere Krankheit als sogenannte Nervosität und glaube, die Landluft würde Ihnen gut bekommen.

Adele kam niedergeschlagen nach Haus.

– Nun?

– Der Professor habe sie zum Tode verurteilt, wenn sie in der Stadt bleibe.

Der Advokat geriet ausser sich. Da er aber nicht verbergen konnte, dass er hauptsächlich deshalb ausser sich war, weil er seine Praxis aufgeben musste, erhielt sie einen sicheren Beweis, dass er sich nicht im geringsten um das Leben seiner Frau kümmere.

– Er glaube nicht, dass ihr Leben auf dem Spiel stehe? Verstehe der Professor das nicht besser als er? Wolle er sie sterben lassen?

Das wollte er wirklich nicht, und darum wurde ein Landgut gekauft. Ein Inspektor sollte es verwalten.

Da ein Landrat und ein Amtsvorsteher vorhanden waren, hatte der Advokat keine Beschäftigung. Die Tage wurden ihm endlos lang, und er führte kein angenehmes Dasein. Da seine Einkünfte mit seiner Praxis aufgehört hatten, musste er von den Zinsen seiner Frau leben. Das erste halbe Jahr las er und spielte Fortuna. Im zweiten Halbjahr hörte er mit dem Lesen auf, da er keinen Zweck darin sah. Im dritten fing er an zu sticken.

Aber seine Frau warf sich sofort auf die Landwirtschaft, ging selber mit bis zu den Knien gerafften Röcken in den Stall, kam schmutzig ins Haus, roch nach der Kuh. Sie fühlte sich wohl und kommandierte die Leute herum, das es eine Lust war, denn sie war auf dem Lande aufgewachsen und verstand sich darauf.

Als sich ihr Mann über Beschäftigungslosigkeit beklagte, antwortete sie:

– Such dir doch etwas. In einem Hause braucht man nicht beschäftigungslos zu sein.

Er wollte mit der Tätigkeit ausser dem Hause kommen, aber er hütete sich.

Er ass, schlief, ging spazieren. Kam er in die Scheune oder in den Stall, war er immer im Wege und bekam Schelte von seiner Frau.

Als er eines Tages mehr als gewöhnlich geklagt und gleichzeitig die Kinder von den Mädchen ohne Aufsicht gelassen waren, sagte seine Frau:

– Sieh nach den Kindern, da hast du etwas zu tun.

Er sah zu ihr auf, ob es ihr Ernst sei.

Ja, warum sollte er nicht nach seinen eigenen Kindern sehen können? Sei das so merkwürdig?

Er dachte genau nach und fand wirklich nichts Merkwürdiges dabei.

So ging er täglich mit den Kindern spazieren.

Eines Morgens, als sie ausgehen wollten, waren die Kinder nicht angezogen. Der Advokat wurde böse und ging zu seiner Frau, da er sich vor den Mägden fürchtete.

– Warum sind die Kinder nicht angezogen? fragte er.

– Weil Marie etwas anderes zu tun hat! Zieh du sie doch an, du hast ja nichts zu tun. Es ist doch keine Schande, seine eigenen Kinder anzuziehen?

Er überlegte eine Weile, konnte aber nicht sehen, dass es eine Schande sei. Er zog sie also an.

Eines Morgens machte es ihm Spass, allein auszugehen und die Flinte mitzunehmen, obwohl er niemals schoss.

Als er nach Haus kam, empfing seine Frau ihn.

– Warum bist du heute nicht mit den Kindern spazieren gegangen? sagte sie mit scharfer vorwurfsvoller Stimme.

– Weil es mir heute keinen Spass machte!

– Spass machte? Macht es mir Spass, den ganzen Tag in Stall und Scheune zu arbeiten? _Etwas_ Nützliches kann man wohl für sich tun, ohne dass es einem Spass macht.

– Für sich? Für sein Essen, meinst du vielleicht.

– Für was es auch sei, meine ich. Und ich finde wirklich, ein alter Mann wie du sollte sich schämen, auf einem Sofa zu liegen und nichts zu tun.