Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten
Part 18
Während dieses halben Jahres hatte der neue Professor und Reichstagsabgeordnete in der Welt der Junggesellen die neuen Ideen kennen gelernt, die von England kamen und die alte Gesellschafts- und Moral-Lehre umschaffen wollten. Dabei fühlte er, dass der Augenblick kommen werde, in dem er mit seiner „Pensionärin“ brechen müsse. In Stockholm, wo neue Geister ihm Mut machten, diese Lehren, die er innerlich schon anerkannt, auch zu bekennen, lebte er auf.
Helene dagegen witterte Konjunktur im Gegenstrom und warf sich auf die kirchliche Seite. Da aber wurde es Albert zu viel, und er bäumte sich auf. Seine Liebe war erkaltet, und er hielt sich „ausser dem Hause“ schadlos. Seiner Frau glaubte er dadurch nicht untreu zu werden, denn sie hatte in einem Verhältnis, das gar nicht existierte, niemals Treue verlangt.
Durch den Verkehr mit dem andern Geschlecht erwachte das Gefühl seiner Männlichkeit, und bald sah er den Zustand der Erniedrigung, in dem er lebte, ein.
Helene merkte, wie er sich von ihr löste. Ihr Zusammenleben wurde ungemütlich, und jeden Augenblick war eine Katastrophe zu erwarten.
Es war nicht mehr lange bis zur Eröffnung des Reichstages. Helene sah unruhig aus und schien ihren Sinn geändert zu haben. Ihr Tonfall war weicher als früher, und ihr schien daran zu liegen, ihm alles recht zu machen. Sie sorgte dafür, dass die Dienstmädchen das Haus in Ordnung hielten und dass das Essen pünktlich auf den Tisch kam.
Er wurde misstrauisch und wunderte sich, beobachtete sie und hielt sich bereit auf das, was kommen sollte.
Eines Morgens beim Kaffee sah Helene verlegener als gewöhnlich aus. Sie zupfte an der Serviette und hustete einige Male leise und trocken. Schliesslich fasste sie sich ein Herz und rückte mit ihrem Anliegen heraus.
– Albert, begann sie, du wirst doch mir und der Sache, der ich diene, einen Dienst tun?
– Was ist das für eine Sache? fragte er kurz und trocken, denn jetzt hatte er die Oberhand.
– Du wirst doch etwas für das unterdrückte Weib tun? Nicht wahr?
– Wo ist das unterdrückte Weib?
– Was, du hast unsere grosse Sache verlassen? Du lässt uns im Stich?
– Was ist das für eine Sache?
– Die Frauenfrage!
– Die kenne ich nicht.
– Die kennst du nicht? O! Du! Ist nicht die Frau aus dem Volke in einer ganz bedrückten Lage?
– Nein, ich kann nicht sehen, dass sie sich in einer schlimmeren Lage befindet als der Mann aus dem Volke. Befreie ihn von seinen Ausbeutern, und sein Weib wird auch befreit sein.
– Aber die Unglücklichen, die sich verkaufen müssen ... und die elenden Männer ...
– Die so elend sind, dass sie bezahlen! Hat sich je ein Mann für ein Vergnügen, das beide geniessen, bezahlen lassen?
– Darum handelt es sich nicht! Es handelt sich vielmehr darum, ob das Gesetz nicht ungerecht ist, da es die eine aber nicht den andern bestraft.
– Das ist keine Ungerechtigkeit. Die eine hat sich zu einer Quelle der Ansteckung erniedrigt, deshalb behandelt der Staat sie wie einen tollen Hund. Wenn du einen Mann triffst, der sich so tief erniedrigt, gut, dann stelle ihn auch unter polizeiliche Aufsicht. Ach, ihr reinen Engel, die ihr den Mann als ein unreineres Tier verachtet! Was willst du von mir? Was soll ich tun?
Er sah, dass sie ein Schriftstück in der Hand hatte, das sie vom Büfett genommen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er es ihr fort und las.
– Einen Antrag für den Reichstag! Ich soll der Strohmann sein und diesen Antrag einbringen! Ist das moralisch? Hältst du das, streng genommen, für ehrlich?
Helene erhob sich, brach in Tränen aus und warf sich auf das Sofa.
Er stand auf und näherte sich ihr. Er nahm ihre Hand, um den Puls zu untersuchen und nachzusehen, ob ihr Anfall irgendwie gefährlich sei. Sie ergriff konvulsivisch seine Hand und drückte sie gegen ihre Brust.
– Geh nicht von mir, schluchzte sie; verlass mich nicht, sondern bleib und lass mich an dich glauben.
Zum ersten Mal sah er einen Ausbruch ihrer Gefühle. Dieser feine Körper, den er bewundert und geliebt hatte, konnte also Leben bekommen. Es rollte also warmes Blut in diesen Adern! Blut, das Tränen destillieren konnte. Er streichelte ihre Stirn.
– O, sagte sie, es ist schön, wenn du mich so streichelst. O, Albert, so müsste es immer sein!
– Ja, antwortete er, warum ist es nicht so gewesen? Warum nicht?
Helene schlug die Augen nieder und wiederholte nur:
– Warum nicht?
Ihre Hand blieb in seiner, und er fühlte, wie eine schöne Wärme von dem sammetweichen Glied ausging; alle seine alten Gefühle für sie flammten wieder auf, jetzt aber nicht mehr ohne Hoffnung.
Schliesslich erhob sie sich.
– Verachte mich nicht, sagte sie; hörst du, verachte mich nicht.
Und sie ging in ihr Zimmer.
Was ist das? fragte Albert sich, als er in die Stadt ging. Macht sie eine Krisis durch? Beginnt ihr Leben als Frau jetzt erst?
Er blieb den ganzen Tag in der Stadt. Ging abends ins Theater. Man gab „Die Welt, in der man sich langweilt“. Wurde er böse, als er die platonische Liebe, die Verbindung der Seelen, entlarvt und belächelt sah? Nein, er wurde durchaus nicht böse. Es war ihm, als werde ein Schleier aus feingewebten Lügen von seinem guten Verstand fort gezogen; er lächelte über das liebenswürdige Tier, das seinen Kopf unter den Kartonflügeln der Theaterengel hervorsteckte; er lächelte beinahe Tränen über seinen langen, langen Selbstbetrug; er lachte über seine Torheit. Welche Fäulnis lag doch hinter dieser lügnerischen Moral, dieser wahnsinnigen Sucht, sich von der gesunden Natur emanzipieren zu wollen; die asketischen Lehren des Idealismus und des Christentums hatten diesen Keim dem neunzehnten Jahrhundert eingepflanzt.
Wie er sich schämte! Dass er sich so lange hatte dupieren lassen!
Als er nach Haus kam, sah er noch Licht in Helenes Zimmer. Er ging so leise, wie er konnte, an ihrer Tür vorbei. Drinnen wurde gehustet.
Er ging in sein Zimmer und legte sich zu Bett. Las seine Zeitung und rauchte seine Zigarre. Er hatte sich gerade in einen Artikel über die Wehrpflicht vertieft, als plötzlich die Tür von Helenes Kammer aufgeht und Schritte und Geschrei im Salon zu hören sind. Er springt auf, um nachzusehen, was es gibt, im Glauben, Feuer sei ausgebrochen.
Im Salon steht Helene, im Nachtkleid. Als sie ihren Mann erblickt, schreit sie auf und eilt bis an ihr Zimmer zurück; dort bleibt sie stehen, den Kopf vorgestreckt.
– Verzeih, Albert! Du bist es, ich wusste nicht, dass du noch auf warst, und glaubte, es seien Diebe! Verzeih!
Und die Tür schliesst sich.
Was bedeutete das? Liebte sie ihn?
Er ging in sein Zimmer und trat vor den Spiegel. Konnte eine Frau ihn lieben? Er war ja hässlich! Aber die Seelen lieben einander, und so mancher hässliche Mann hatte eine schöne Frau bekommen. Dann aber war der Mann fast immer reich und mächtig gewesen!
Sollte Helene ihre falsche Stellung eingesehen haben? Oder hatte sie gemerkt, dass er sie verlassen wollte, und hatte sie die Absicht, ihn wieder zu erobern?
Am nächsten Morgen, als sie sich beim Kaffeetisch trafen, war Helene überaus sanft. Der Professor bemerkte, dass sie einen neuen Morgenrock trug, der mit Spitzen besetzt war und ihre Schönheit bedeutend hob.
Als er sich Zucker nehmen wollte, trafen sich ihre Hände zufällig.
– Verzeih, lieber Mann, sagte sie mit einer Miene, die er noch nie gesehen hatte und die an ein junges Mädchen erinnerte.
Sie sprachen über gleichgültige Dinge.
Am Vormittag wurde der Reichstag eröffnet.
Helene blieb bei ihrer nachgiebigen Art und wurde von Tag zu Tag gefühlvoller.
Die Frist, in der Anträge eingebracht werden mussten, ging zu Ende.
Der Professor kam eines Abends, nachdem er im Klub gewesen, ungewöhnlich aufgeräumt nach Haus. Er ging in sein Zimmer und legte sich wie gewöhnlich mit seiner Zigarre und seiner Zeitung zu Bett. Nach einer Weile hörte er, wie Helenes Tür geöffnet wurde. Dann blieb es einige Minuten still. Schliesslich klopfte es an seine Tür.
– Wer ist da? rief er.
– Ich bin es, Albert! Zieh dich an und komm heraus, ich muss mit dir sprechen.
Er zog sich an und kam in den Salon. Helene hatte einen Kronleuchter angesteckt und sass auf dem Sofa, in ihren Spitzenmorgenrock gekleidet.
– Verzeih mir, sagte sie, aber ich konnte nicht schlafen. Mein Kopf ist so sonderbar. Setz dich her und sprich mit mir.
– Du bist nervös, mein Kind, sagte Albert und nahm ihre Hand. Du musst ein Glas Wein trinken.
Er ging in den Esssaal und holte eine Karaffe voll Wein und zwei Gläser.
– Auf dein Wohl, Geliebte, sagte er.
Helene trank, und ihre Wangen fingen Feuer.
– Was ist dir? fragte er und legte seinen Arm um ihren Leib. Du fühlst dich unharmonisch?
– Ja, ich bin nicht glücklich!
Er hörte wohl, dass die Worte trocken und gesucht kamen, aber seine Leidenschaft war geweckt, und ihm war alles recht.
– Weisst du, warum du unglücklich bist? fragte er.
– Nein, das ist mir selber nicht klar. Aber eins weiss ich: dass ich dich liebe.
Albert nahm sie in seine Arme, drückte sie an sich und küsste ihr Gesicht.
– Bist du mein Weib oder bist du es nicht? flüsterte er.
– Ich bin dein Weib, hauchte Helene, und ihr Körper fiel zusammen, als seien alle Nerven zersprungen.
– Ganz und gar? flüsterte er, während er sie mit seinen Küssen paralysierte.
– Ganz und gar, ächzte sie, während sich ihr Körper in unbewussten Konvulsionen wand, als wolle sie sich im Traum gegen eine Gefahr wehren.
* * * * *
Als Albert am nächsten Morgen erwachte, erwachte er klar, ausgeschlafen, bei vollem Bewusstsein. Seine Gedanken waren stark und bestimmt wie nach einem guten tiefen Schlaf. Das Ereignis des gestrigen Tages stand ihm lebendig vor Augen. Der wahre Sachverhalt trat vor, unbestechlich, nüchtern, bestimmt.
Sie hatte sich verkauft!
Gegen drei Uhr hatte er, berauscht, blind, wahnsinnig, wie er war, versprochen, ihren Antrag im Reichstag einzubringen.
Und der Preis! Ruhig, kalt, unbeweglich hatte sie ihn empfangen.
Wer war die erste Frau, die erfand, das sie ihre Gunst verkaufen kann? Und welche Frau entdeckte, dass der Mann kaufen will? Diese Frau hat die Ehe und die Prostitution gestiftet. Und man behauptete, Gott habe die Ehe gestiftet!
Er sah seine Erniedrigung und ihre! Sie wollte über ihre Freundinnen triumphieren, dass sie die erste Frau sei, die in die Gesetzgebung eingegriffen; um diesen Triumph zu erreichen, hatte sie sich verkauft.
Aber er wollte sie entlarven. Er wollte ihr zeigen, wer sie war. Er wollte ihr sagen, die Prostitution könne nicht abgeschafft werden, solange die Frau ihren Vorteil dabei finde, sich zu verkaufen.
Und mit dem Entschluss kleidete er sich an.
Als er in den Esssaal kam, musste er eine Weile warten. Er dachte sich aus, was folgen würde, und ermannte sich, ihr zu begegnen.
Dann kam sie! Ruhig, lächelnd, triumphierend; aber schöner, als er sie je gesehen. Ein dunkles Feuer brannte in ihrem Auge, und er, der erwartet, sie werde wie eine Neuvermählte die Blicke niederschlagen und erröten, war vernichtet. Sie, sie spielte die siegreiche Verführerin und er war der schüchterne Verführte.
Die Worte, die er hatte sagen wollen, kamen nicht über seine Lippen; er stand auf, besiegt, ging ihr demütig entgegen und küsste ihr die Hand.
Sie konversierte wie gewöhnlich, ohne anzudeuten, dass ein neues Moment in ihr Leben eingetreten war.
Als er dann ihr Schriftstück in den Reichstag trug, raste er innerlich, aber der Gedanke an die künftige Seligkeit beruhigte ihn wieder.
Als er dann abends ganz kühn an Helenes Tür klopfte, war sie verschlossen.
Sie blieb drei Wochen geschlossen. Wie ein Hund kroch er vor ihr, gehorchte jedem Wink von ihr, tat alles, was sie wünschte, vergebens.
Da brach seine Empörung los, und er sagte ihr alles. Sie antwortete scharf. Als sie aber sah, dass sie zu weit gegangen war, dass er seine Kette abfeilte, ergab sie sich ihm.
Und er trug seine Kette. Er biss in sie, er riss an ihr, aber sie hielt.
Bald lernte sie, wie weit sie gehen durfte, und wenn es ihm zuviel zu werden schien, gab sie nach.
Er bekam eine fanatische Sehnsucht, sie als Mutter zu sehen. Das wird sie vielleicht zum Weib machen, dachte er; das wird die gesunde Natur hervorlocken.
Aber sie wurde nicht Mutter.
Hatte der Ehrgeiz, der selbstsüchtige Brand des Individuums, die Quelle des Lebens verzehrt? Das konnte er nicht wissen.
Eines Tages teilte sie ihm mit, sie müsse auf einige Tage zu Verwandten reisen.
Als Albert abends nach ihrer Abreise heimkehrte und das Haus leer sah, überfiel ihn ein grausames Gefühl der Leere, der Sehnsucht. Jetzt wurde ihm klar, wie sein ganzes Wesen von Liebe zu ihr durchwebt war. Die Zimmer waren öde; es war wie nach einem Begräbnis.
Ihr Platz am Tisch war leer, und er ass beinahe nichts.
Nach dem Abendbrot steckte er die Krone im Salon an. Er setzte sich auf ihren gewöhnlichen Platz ins Sofa; er nahm ihre zurückgelassene Handarbeit – eine Kinderjacke, für ein unbekanntes Kind in einer neugegründeten Kinderkrippe bestimmt. Da sass noch die Nadel. Er stach sich damit in den Finger, als wolle er fühlen, wie süss der Schmerz sei.
Darauf steckte er ein Licht an und ging in ihr Schlafzimmer. Er hielt die Hand vors Licht, als er eintrat, wie wenn er ein Verbrechen begehe. Aber der Raum glich nicht dem Schlafzimmer einer Frau. Ein schmales Bett ohne Umhang. Ein Sekretär, ein Büchergestell, ein Nachttisch, ein Sofa. Ganz wie in seinem Zimmer. Kein Toilettentisch, nur ein kleiner Wandspiegel.
Dort hing ihr Kleid. Er sah, wie die dicke durchwirkte Serge die Formen ihres Körpers abgedrückt hatte. Er fuhr mit der Hand über den Stoff und legte sein Gesicht an die Halskrause; dann schlang er den Arm um die Taille, aber das Kleid fiel wie ein Schemen zusammen.
– Und man sagt, die Seele sei ein Geist, dachte er. Aber dann muss sie wenigstens ein körperlicher Geist sein.
Er näherte sich dem Bett, als erwarte er, eine Erscheinung zu sehen. Er berührte alles, nahm alles in die Hand.
Schliesslich, als habe er etwas gesucht, etwas, das ihm ein Rätsel lösen sollte, begann er an den Handgriffen der Sekretärschubladen zu ziehen; sie waren alle verschlossen. Dann zog er wie zufällig die Schublade des Nachttisches auf. Stiess sie aber schnell wieder zu. Hatte jedoch schon den Titel einer Broschüre lesen und den Zweck einiger ungewöhnlicher Gegenstände ahnen können.
Das war es also! „Fakultative Sterilität!“ Was für die Unterklasse, der man die Existenzmittel genommen, eine Rettung von der Armut sein sollte, war das Werkzeug des Egoismus, der letzten Konsequenz des Idealismus, geworden. War die Oberklasse degeneriert, da sie sich nicht mehr vermehren wollte, oder war sie moralisch verfault? Wohl beides, da sie es für unmoralisch hielt, uneheliche Kinder zu gebären, und für niedrig, eheliche zu gebären.
Aber er wollte Kinder haben! Er hatte die Existenzmittel dazu, und er hielt es sowohl für eine Pflicht wie für einen berechtigten Genuss, sein Wesen in ein neues Dasein übergehen zu lassen. Das war des wahren, des gesunden Egoismus natürlicher Weg zum Altruismus. Sie aber ging einen anderen Weg und arbeitete Jacken für fremde Kinder. War das schöner? Es sollte nach etwas aussehen! Aber es war nur die Furcht vor der Last der Mutterschaft, und es war billiger und weniger mühsam, auf dem Sofa eines Salons eine Jacke zu arbeiten, als das arbeitsreiche Leben einer Kinderstube durchzumachen.
Es war eine Schande geworden, Weib zu sein, Geschlecht zu haben, Mutter zu werden.
Darin lag es. Arbeiten für den Himmel, für höhere Interessen, für die Menschheit, so hiess es; aber für die Eitelkeit, für die Selbstsucht, für die Öffentlichkeit, das war es.
Und er hatte sie noch beklagt, er hatte bedauert, dass er über ihre Unfruchtbarkeit unwillig gewesen. Er hatte sich einmal die Verachtung „guter und rechtschaffener“ Menschen zugezogen, weil er nicht mit der Achtung, die man dem Unglück schuldet, von den unfruchtbaren Frauen gesprochen: die seien heilig, weil sie von dem grössten Unglück getroffen seien, das ein Weib treffen könne.
Und für was arbeitete diese Frau? Für den Fortschritt? Für die Rettung der Menschheit?
Nein, gegen den Fortschritt, gegen Freiheit und Aufklärung. Hatte sie nicht kürzlich einen neuen Antrag, die Religionsfreiheit zu beschränken, niedergeschrieben? Hatte sie nicht eine Broschüre über die Zuchtlosigkeit der Dienstboten verfasst? Arbeitete sie nicht für die Verschärfung der Militärgesetze? Unterstützte sie nicht die Agitation, welche die Mädchen durch dieselbe elende Erziehung, welche die Knaben erhalten, verderben will.
Er hasste ihre Seele, denn er hasste ihre Gedanken! Und doch liebte er sie? Was liebte er denn bei ihr?
– Wahrscheinlich, antwortete er sich, indem er es nicht unterlassen konnte, auf die Philosophie zu kommen, wahrscheinlich, den Keim zu einem neuen Wesen, den sie trägt, den sie aber ersticken will!
Was konnte es sonst sein?
Was aber liebte sie an ihm? Seinen Titel, seine Stellung, seine Macht!
Und mit diesen alten Menschen sollte man an dem Aufbau der neuen Gesellschaft arbeiten!
Er wollte ihr all das sagen, wenn sie nach Haus kam; aber er wusste, dass er es nicht tun werde. Er wusste, dass er vor ihr kriechen und um ihre Gunst betteln werde; dass er ihr Sklave bleiben und immer wieder seine Seele verkaufen werde, wie sie ihren Körper verkaufte. Er wusste, dass er das tun werde, denn er liebte sie.
Ungetraut und getraut
Der Referendar ging an einem schönen Frühlingstage im alten Stockholmer Hopfengarten spazieren. Er hörte aus der Rotunde Gesang und Musik klingen und sah aus den grossen Fenstern Licht strömen, das seinen Schein bis unter die Schatten der eben ausgeschlagenen Linden warf.
Er ging hinein, setzte sich an einen freien Tisch nahe der Estrade und verlangte einen Grog.
Zuerst sang ein Komiker ein trauriges Lied von der „Toten Ratte“. Dann kam ein junges Mädchen in rosenrotem Kleid und trug das dänische Lied vor: „Und nichts ist so lieblich wie eine Mondscheinfahrt“. Sie sah verhältnismässig unschuldig aus und richtete das Lied an unsern unschuldigen Referendar. Von einer solchen Auszeichnung geschmeichelt, leitete der Unterhandlungen ein, die mit einer Flasche Wein begannen und mit zwei möblierten Zimmern nebst Küche und den nötigen Bequemlichkeiten endeten.
Die Gefühle des jungen Mannes zu analysieren, gehört nicht in den Plan dieser Arbeit, ebensowenig wie eine Beschreibung des Meublements und der nötigen Bequemlichkeiten zu geben. Genug, sie waren gute Freunde.
Aber von den sozialistischen Tendenzen der Zeit angesteckt und immer sein Glück vor Augen haben wollend, beschloss der junge Mann, selber in die Wohnung zu ziehen und die Freundin als Haushälterin anzustellen. Darauf ging sie gern ein.
Aber der junge Mann hatte Familie, das heisst seine Familie zählte ihn zu ihrem Mitglied, und da er nach deren Meinung die allgemeine Moral verletzt und einen Schatten auf das Ansehen der Familie geworfen hatte, wurde er vor Eltern und Geschwister zitiert, um zurechtgewiesen zu werden. Er aber glaubte für solche Zurechtweisungen zu alt zu sein und brach Unterhandlungen und Verkehr ab.
Das machte ihm sein eigenes Heim nur noch lieber, und er wurde ein recht häuslicher Ehemann, Verzeihung, „unehelicher“ Mann. Sie waren selig, denn sie liebten einander, und keine Fessel drückte sie. Sie lebten in einer fröhlichen Unruhe, dass sie einander verlieren könnten, und taten daher alles, um einander zu behalten. Die Beiden waren eins.
Etwas aber fehlte ihnen in ihrem Leben; das war der Verkehr. Die Gesellschaft wollte nichts von ihnen, und der junge Mann wurde von der „grossen Welt“ nicht eingeladen.
Es war der Tag vor der Weihnacht, ein trauriger Tag für die, welche Familie gehabt haben. Als er morgens beim Kaffee sass, empfing er einen Brief. Der war von einer Schwester, die ihn inständig bat, am Weihnachtsabend nach Haus zu kommen. Die Saiten seiner alten Gefühle waren angeschlagen, und er wurde verstimmt. Sollte er seine Freundin an einem solchen Abend allein zu Hause sitzen lassen? Nein! Sollte sein Platz im Elternhaus zum ersten Mal am Weihnachtsabend leer bleiben? Hm! So standen die Dinge, als er aufs Gericht ging.
In der Frühstückspause trat ein Kamerad an ihn heran und fragte so vorsichtig wie möglich:
– Wirst du den Weihnachtsabend bei deiner Familie verleben?
Er flammte auf. Sollte der eingeweiht sein? Oder was meinte er?
Der andere sah, dass er auf ein Hühnerauge getreten hatte, und fuhr fort, ohne die Antwort abzuwarten.
– Ja, siehst du, wenn du allein bist, habe ich gedacht, du könntest mit mir, hm, mit uns zusammen sein. Du weisst vielleicht, hm, ich habe ein kleines Verhältnis, hm, ein nettes, prächtiges Mädchen, siehst du.
Das klang gut, und er sagte, er wolle den Vorschlag gern annehmen, wenn sie beide kommen könnten. Natürlich dürften sie das, und damit war die Weihnachtsfrage und die Verkehrsfrage gelöst.
Sie trafen sich um sechs Uhr bei dem Freunde, und die beiden „Alten“ setzten sich hin, um Portwein zu trinken, während die Frauen in die Küche gingen.
Dann halfen sie alle vier beim Decken: die beiden Alten knieten auf den Boden nieder und machten mit Keilen und Querhölzern den Tisch breiter. Die Frauen waren schon die besten Freundinnen geworden, denn sie wurden von dem recht sichtbaren Band zusammengehalten, das den grossen Namen „Urteil der Welt“ trägt. Sie achteten einander, sie waren feinfühlig gegen einander. Sie vermieden diese zweideutige Sprache, an der sich Eheleute ergötzen, wenn die Kinder sie nicht hören, als wollten sie sagen: jetzt haben wir das Recht dazu.
Bei der Torte brachte der Jurist einen Toast auf die eigene Häuslichkeit aus, in die wir vor der Welt und den Menschen fliehen, in der wir unsere besten Stunden mit unsern wirklichen Freunden verleben.
Da fing Marie-Luise an zu weinen, und als er sie fragte, warum sie betrübt sei, warum sie nicht glücklich sei, schluchzte sie, sie sehe wohl, dass er seine Schwestern und seine Mutter vermisse.
Er antwortete, er vermisse sie durchaus nicht, und sie selber würde sie sicher weit fort wünschen, wenn sie in ihre Nähe käme.
– Ja, aber warum könnten sie sich nicht verheiraten?
– Seien sie denn nicht verheiratet?
– Ja, aber nicht richtig!
– Vorm Pastor? Er glaube nicht, dass Pastoren etwas anderes seien als examinierte Studenten, und ihre Beschwörungsworte seien nur Mythologie.
– Das verstehe sie nicht, aber gut sei es nicht, das wisse sie, und die Leute im Hause zeigten mit Fingern nach ihr.
– Mögen sie doch zeigen!
Sophie fiel ein, sie wisse wohl, sie seien nicht fein genug für die Verwandten; aber daran kehre sie sich nicht. Jeder bleibe da, wo er hingehöre, und solle damit zufrieden sein.
Jedenfalls hatte man einen Verkehr, und man lebte in Eintracht, wie Familien selten tun. Das Band, das sie zusammenhielt, war immer vorhanden; dafür aber waren sie frei von andern Fesseln. Und die Gatten waren immer wie Verliebte, ohne schlechte eheliche Gewohnheiten anzunehmen, wie zum Beispiel unhöflich gegen einander zu sein.
* * * * *
Nach einigen Jahren wurde die Verbindung durch einen Sohn gesegnet. Damit war die Geliebte zu dem Rang einer Mutter gestiegen, und alles andere wurde jetzt vergessen. Das Leiden bei der Geburt und die Fürsorge für den Neugeborenen nahmen ihr die alten selbstsüchtigen Züge, immer angenehm sein zu wollen und allein die Liebe des Mannes zu beanspruchen.
Als Mutter zeigte sie sich der Freundin gegenüber etwas überlegen, und dem Mann gegenüber trat sie mit grösserer Sicherheit auf.
Eines Tages kam dieser nach Haus und verkündigte eine grosse Neuigkeit. Er habe seine älteste Schwester auf der Strasse getroffen, und sie wisse natürlich genau Bescheid. Sie sei sehr neugierig auf ihren Neffen und wolle endlich einen Besuch bei ihnen machen.