Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Part 17

Chapter 173,718 wordsPublic domain

Doch trat mit dem Tod des Vaters eine völlige Veränderung in ihrem Leben ein. Alle Ehrenbezeigungen hörten von selber auf; die Offiziere des Regiments begannen ihr onkelhaft zuzunicken, und die Leutnants wagten sie auf den Bällen zum Tanz aufzufordern. Jetzt merkte sie selbst, dass ihre Hoheit nicht in ihrem persönlichen Wert gelegen, sondern geliehen war. Sie fühlte sich degradiert und empfand eine lebhafte Sympathie für alle Subalternen; ja sie fühlte, wie eine Art Hass in ihr wuchs gegen alle, welche die Vorrechte des Ranges genossen, den sie früher bekleidet. Damit wuchs auch das Bedürfnis, persönliche Anerkennung zu erringen, einen Rang zu erreichen, der jeden andern übertraf, wenn er auch nicht in der Rangliste stand.

Sie wollte sich auszeichnen, durchdringen, und, warum nicht, herrschen. Sie besass ein Talent, das sie auszuüben gewagt, obwohl sie es noch nicht über den Durchschnitt erhoben hatte: sie spielte Klavier. Jetzt begann sie Harmonie zu studieren und sprach von der G-mollsonate und der Fis-dursymphonie, als habe sie sie selber geschrieben. Und damit begann sie Tonkünstler zu fördern.

Ein halbes Jahr nach dem Tode des Vaters wurde ihr eine Stellung als Hoffräulein angeboten. Sie nahm an. Damit stellten sich wieder Trommelwirbel und Gewehrrufe ein, und Helene begann ihre Sympathien für Subalterne zu verlieren. Aber der Sinn ist unbeständig wie das Glück, und Helene bekam mit neuen Erfahrungen neue Ansichten.

Sie entdeckte nämlich eines Tages, und zwar recht bald, dass sie Dienerin war. Die Herzogin und sie sassen im Schlossgarten. Die Herzogin häkelte.

– Ich finde, diese Blaustrümpfe sind dumm, sagte die Herzogin.

Helene wurde aschgrau im Gesicht und fixierte ihre Herrin. Darauf antwortete sie:

– Das finde ich nicht.

– Ich habe nicht zu wissen verlangt, was Sie finden, antwortete die Herzogin und liess ihr Knäuel auf den Weg rollen.

Helene zitterten die Beine, sie sah Zukunft und Stellung in einem Zuge an sich vorbei sausen. Dann ging sie, um das Knäuel zu holen. Es krachte in der Taille, als sie sich niederbeugte, und sie war flammend rot, als sie das Knäuel zurückgab, ohne einen Dank zu erhalten.

– Sind Sie böse? fragte die Herzogin und sah das Opfer mit einer impertinenten Miene an.

– Nein, Königliche Hoheit, log Helene.

– Man hat gesagt, Sie seien ein Blaustrumpf, fuhr die Herzogin fort. Ist das wahr?

Helene fühlte sich entkleidet und antwortete nichts.

Das Knäuel fiel wieder. Helene stellte sich, als sehe sie nichts, und biss sich in die Lippe, um die Tränen des Ärgers zurückzuhalten.

– Bitte, reichen Sie mir mein Knäuel, sagte die Herzogin.

Helene richtete sich auf, sah der Despotin ins Auge und sagte:

– Nein, das will ich nicht.

Und damit ging sie. Der Sand knirschte unter ihren Stiefeln, und die Schleppe wirbelte Staubwölkchen auf. Sie lief beinahe die Treppe hinunter und verschwand.

Damit war ihre Laufbahn am Hof zu Ende. Aber ein Stachel blieb sitzen. Helene musste jetzt fühlen, was es heisst, in Ungnade gefallen zu sein; und noch deutlicher wurde ihr, was es heisst, seine Stellung aufzugeben. Die Gesellschaft liebt es nicht, dass man seine Stellung wechselt, und niemand konnte verstehen, wie sie aus freiem Willen den Sonnenschein des Hofes hatte verlassen können. Sie war natürlich „fortgejagt“. Das war der Ausdruck: Fortgejagt! Das war die grösste Demütigung, die sie erlitten; das war eine Beschimpfung. Sie kam sich wie eine Deklassierte vor; sie sah, wie sich Verwandte von ihr zurückzogen, als fürchteten sie, die Ungnade werde sie anstecken. Sie sah, wie Freundinnen bei der Begegnung kühl wurden und die Begrüssung auf ein Minimum beschränkten.

Andererseits aber wurde sie mit einer rührenden Vertraulichkeit von der Mittelklasse aufgenommen, der sie sich von ihrer früheren Höhe näherte. Doch verletzte sie deren Freundlichkeit zuerst mehr als die Kälte der andern; schliesslich aber fand sie es besser, dort unten die Erste als dort oben die Letzte zu sein: Sie ging also zu einer Gruppe von Zivilbeamten und Universitätslehrern über, von der sie mit offenen Armen empfangen wurde. Bei der abergläubischen Ehrfurcht, welche die Mittelklasse vor dem Schloss hat, wurde sie sofort Gegenstand von Huldigungen. Sie ward selber General und beeilte sich, eine Truppe zu bilden. Eine Reihe junger Gelehrter nahm sofort Sold, und sie begann Vorlesungen für Frauen zu veranstalten. Alter akademischer Plunder wurde zusammengelesen, abgestaubt und als neue Ware verhökert. In einem ausgeräumten Speisesaal wurde über Plato und Aristoteles gelesen vor einem Publikum, das natürlich nicht die Schlüssel zu diesem Heiligenschrein von Weisheit besass.

Helene fühlte sich der unwissenden Aristokratie überlegen, als sie diese Freimaurergeheimnisse eroberte. Diese angebliche Überlegenheit gab ihrem Auftreten eine Sicherheit, die imponierte. Die Männer verehrten sie wegen ihrer Schönheit und Unnahbarkeit; sie aber empfand nie etwas Beunruhigendes in der Gegenwart von Männern. Deren Huldigung nahm sie als Tribut hin, den sie der Frau schuldig waren, und eine Achtung vor diesen Bedienten, die von ihrem Sitz aufsprangen und sich in Positur stellten, wenn sie vorbeikam, konnte sie nicht empfinden.

Aber ihre Stellung als Unverheiratete war auf die Dauer nicht befriedigend, und sie sah mit Neid, welche Freiheit die verheirateten Frauen genossen. Sie konnten sich frei auf der Strasse bewegen, mit jedem Herrn sprechen, abends ausbleiben, solange sie wollten, und immer hatten sie den Gatten als Bedienten, der sie abholte. Auch hatte eine Frau mehr Rang, mehr Macht. Wie herablassend behandelten doch die Matronen alle diese jungen Mädchen. Wenn sie aber ans Heiraten dachte, tauchte das Abenteuer mit der Stute wieder auf, und ein Entsetzen überkam sie, das sie krank machte.

Als das zweite Arbeitsjahr begann, erschien in Helenes Kreis eine Professorenfrau aus Uppsala, die mit ihrer Stellung körperlichen Reiz vereinigte. Helenes Stern erbleichte, und alle ihre Anbeter fielen ab, um die neue Sonne zu verehren. Da Helene nicht mehr ihren früheren gesellschaftlichen Rang besass und der Duft vom Hofe verdunstet war wie das Parfüm von einem Taschentuch, wurde sie geschlagen. Der Einzige, der ihr treu blieb, war ein Dozent der Ethik, der sich bisher nicht vorzudrängen gewagt hatte. Jetzt war seine Zeit gekommen. Seine Aufmerksamkeit wurde gut aufgenommen, und seine strenge Ethik flösste ihr ein unbegrenztes Vertrauen ein. Da er ihr fleissig den Hof machte, fingen die Leute an zu klatschen; daran kehrte sich Helene aber nicht; darüber war sie erhaben.

Eines Abends sassen sie in dem ausgeräumten Speisesaal auf ihren Rohrstühlen, nachdem der Dozent gegen freie Reise und einen Händedruck diesen Vortrag gehalten hatte:

Das ethische Moment in der ehelichen Liebe oder Die Ehe als Manifestation der absoluten Identität.

– Sie meinen also, fuhr Helene fort, dass die Ehe ein Koexistenzverhältnis zwischen zwei identischen Ichs ist?

– Ich meine, wie ich schon die Ehre gehabt habe, in meinem Vortrag auszusprechen, dass das Sein nur unter dem Relationsverhältnis zweier kongruenter Identitäten in ein Werden von höherer Potenz konfluieren kann.

– Was ist ein Werden? fragte Helene und errötete.

– Das ist die Postexistenz zweier Vitalitäten in einem neuen Ich.

– Was? Sie meinen, dass die Kontinuität des Ich, die durch die Kohabitation zweier analoger Sein sich notwendig in einem Werden inkorporieren wird ...

– Nein, mein Fräulein, ich wollte nur sagen, dass die Ehe, um die profane Sprache zu benutzen, nur unter der Kompatibilität der Seelen ein neues geistiges Ich durch Reciprocität erzeugen wird, das nicht als Sexus differentiiert werden kann. Ich will sagen, dass das neue Wesen, das in der Ehe geboren wird, ein Konglomerat von Mann und Frau sein wird; ein neues Wesen, in dem beide ihre Persönlichkeit aufgegeben haben, eine Einheit in der Vielheit, ein, um einen bekannten Ausdruck zu gebrauchen, ein homme-femme. Der Mann wird aufhören Mann zu sein und das Weib Weib zu sein.

– Das ist die Verbindung der Seelen! rief Helene aus, froh an den schweren Klippen vorbei gekreuzt zu haben.

– Das ist die Harmonie der Seelen, von der Plato spricht. Das ist die wahre Ehe, so wie ich sie geträumt habe, die ich aber leider, hm, unter dieser Form kaum verwirklicht sehen werde. Hm!

Helene sah nach der Decke hinauf und sagte flüsternd:

– Warum sollten Sie nicht, als ein Elitegeist, diesen Traum verwirklicht sehen?

– Weil die, welche meine Seele anzieht, nicht an die, hm, Liebe glaubt.

– Das ist ja noch nicht entschieden.

– Wenn sie es täte, würde sie immer von dem Verdacht gequält werden, das Gefühl sei nicht aufrichtig. Übrigens, es gibt keine Frau, die mich lieben würde. Keine!

– Doch, sagte Helene und sah ihm in sein Emailauge. (Er hatte nämlich ein Emailauge, das sehr gut gemacht war.)

– Sind Sie davon überzeugt?

– Ja, sagte Helene. Denn Sie sind nicht wie andere Männer! Sie verstehen, was die Liebe der Seelen ist! Der Seelen!

– Wenn es die Frau gäbe, würde ich doch keine Ehe mit ihr schliessen.

– Warum nicht?

– Im selben Zimmer hausen!

– Das ist nicht notwendig! Frau von Staël wohnte nur in derselben Wohnung wie ihr Mann.

– Wirklich?

– Was ist das für ein interessantes Gespräch, in das sich die Herrschaften vertiefen? fragte die Professorin, die in diesem Augenblick aus dem Salon trat.

– Wir sprachen von Laokoon, antwortete Helene und stand auf, verletzt von dem überlegenen Ton, den die Professorin anschlug. Und damit war ihr Entschluss gefasst.

Acht Tage später wurde die Verlobung zwischen dem Dozenten und Helene verkündigt. Sie wollten im Herbst heiraten und sich in Uppsala niederlassen.

* * * * *

Man hatte dem Dozenten der Ethik ein glänzendes Bankett gegeben, um seinen Abschied vom Junggesellenleben zu feiern. Es war unerhört getrunken werden, und der einzige Künstler der Stadt, der Zeichenlehrer an der Domschule, hatte in gewaltigen Kartons das bisherige Geschlechtsleben des Opfers historisch geschildert. Das war der Glanzpunkt des Festes. Die Ethik war ein Lehrstoff und eine Milchkuh wie viele andere, aber für das bürgerliche und private Leben hatte sie keine Bedeutung. Der Dozent war kein Heiliger gewesen, sondern hatte wie alle andern seine Abenteuer hinter sich; die waren allgemein bekannt, weil er keine Veranlassung gehabt, sie geheim zu halten. Mit ungezwungenem Lächeln sah er daher zu, wie sie, in Kohle und Farbe dargestellt, sich abrollten, von lustigen Versen begleitet. Als jedoch zuletzt seine nahende Seligkeit in einfachen aber kräftigen Zügen geschildert wurde, fühlte er sich tief verlegen, und wie ein Blitz durchfuhr es sein Gehirn: Wenn Helene das sähe!

Nach dem Bankett, auf dem er nach alter ehrlicher Sitte acht Glas Branntwein getrunken hatte, war er so berauscht, dass sich seine Befürchtungen in vertraulichen Mitteilungen äusserten. Unter den Gastgebern war auch ein verheirateter Mann, und an den wendete sich der Verbrecher, um Rat und Auskunft einzuholen. Da sie alle beide betrunken waren, wählten sie als geheimen Ort der Beratung zwei Stühle, die mitten im Saal unter dem Kronleuchter standen. Sie waren denn auch bald von einer lauschenden Menge umringt.

– Hör mal! Du bist ein verheirateter Mann, begann der Dozent und schrie möglichst laut, um, wie er glaubte, von den Umstehenden nicht gehört zu werden. Du musst mir ein Wort sagen, aber nur eins, denn ich bin heute abend ausserordentlich empfindlich, besonders in dieser Frage.

– Ich will dir, Bruder, nur ein Wort sagen, nur eins, schrie der Freund und legte seinen Arm um den Hals des andern, um zu flüstern; dann fuhr er laut schreiend fort: Jede Handlung, hoc est jeder Actus, zerfällt in drei Momente, mein Bruder, Progressus, Culmen, Regressus. Über den Progressus will ich sprechen, vom Culmen spricht man nicht. Ja, siehst du, die Initiative, um sie so zu nennen, die kommt dem Mann zu, die ist dein Teil! Du musst also die Initiative ergreifen, du musst einschreiten, verstehst du!

– Wenn aber die andere Partei die Initiative nicht billigt?

Der Freund sah den Novizen verdutzt an; stand auf und kehrte ihm mit einem verächtlichen Blick den Rücken.

– Narr! sagte er.

– Danke! war alles, was der dankbare Schüler antworten konnte.

Jetzt war ihm die Sache klar.

Am nächsten Tage hatte er Feuer im Leib von all den starken Getränken, die er vertilgt; er ging hin und nahm ein warmes Bad, denn er sollte sich am dritten Tag verheiraten.

* * * * *

Die Hochzeitsgäste waren gegangen, die Dienstboten hatten im Esssaal abgedeckt, sie waren allein.

Helene war verhältnismässig ruhig, er aber war recht nervös. Ihre Verlobungszeit war in ernsten Gesprächen hingegangen; nie waren sie wie andere Verlobte gewesen, hatten einander nicht umarmt, einander nicht geküsst. Jedes Mal, wenn er sich ihr hatte nähern wollen, hatten Helenes kalte Blicke ihn entwaffnet. Aber er liebte sie, wie ein Mann eine Frau liebt: sowohl körperlich wie seelisch.

Sie gingen auf dem Teppich des Salons auf und ab und suchten nach einem Gesprächsstoff. Aber ein eigensinniges Schweigen herrschte. Die Lichter der Krone waren niedergebrannt, und das Stearin tropfte in langen Tropfen über die Manschetten. Das Zimmer war von dem Geruch der Speisen und den Dünsten der Weine erfüllt, und auf dem Spiegeltisch lag das Bukett Helenes und sandte betäubende Düfte von Nelke und Heliotrop aus.

Schliesslich blieb er vor ihr stehen, streckte die Arme aus und sagte in gekünsteltem Ton, der ungezwungen klingen sollte:

– Und jetzt bist du mein Weib!

– Was willst du damit sagen? war Helenes schroffe Antwort.

Er wurde ganz entwaffnet und liess die Arme sinken. Dann aber ermannte er sich und sagte mit verlegenem Lächeln:

– Ich will damit sagen, dass wir Mann und Weib sind.

Helene sah ihn an, als sei er berauscht, und antwortete:

– Erkläre dich!

Das konnte er eben nicht. Alle Hilfsmittel der Philosophie und der Ethik versagten; er stand einer kalten und höchst unangenehmen Wirklichkeit gegenüber.

Sie ist schamhaft, dachte er; das ist ihr Recht, aber ich muss einschreiten und meine Pflicht tun.

– Hast du mich missverstanden? fragte Helene und die Stimme zitterte ihr.

– Nein, gewiss nicht, aber, liebes Kind, hm, wir, hm ...

– Was ist das für eine Sprache? „Liebes Kind?“ Für was hältst du mich? Und was sind deine Absichten? Albert, Albert! fuhr sie fort, ohne eine Antwort abzuwarten, die sie nicht haben wollte. Sei gross, sei edel, und lerne im Weibe etwas Höheres sehen als nur ein Weib! Tue das und du wirst glücklich und gross werden!

Albert war besiegt! Von Scham vernichtet und zornig auf den falschen Freund, der ihm einen schlechten Rat gegeben, fiel er auf seine Kniee und stammelte:

– Verzeih, Helene! Du bist edler als ich, reiner, besser, du bist eine bessere Natur, und du wirst mich erheben, wenn ich in die Materie versinken will!

– Steh auf und sei stark, Albert, sagte Helene mit dem Tonfall einer Prophetin; geh in Frieden und zeig der Welt, dass die Liebe etwas anderes ist, als die niedrige tierische Begierde. Gute Nacht!

Albert stand auf und sah unschlüssig seiner Frau nach, wie sie in ihr Zimmer ging und die Tür hinter sich schloss.

Von den reinsten Gefühlen und edelsten Absichten erfüllt, ging Albert ebenfalls in sein Zimmer. Er warf den Frack ab und steckte eine Zigarre an. Es war ein Junggesellenzimmer, das er sich eingerichtet hatte. Ein Bettsofa, ein Schreibtisch, einige Büchergestelle, eine Waschtoilette.

Als er sich ausgekleidet hatte, rieb er sich mit dem nassen Handtuch kalt ab. Dann legte er sich auf sein Sofa und schlug die Abendzeitung auf. Während er seine Zigarre rauchte, wollte er lesen. Er las einen Artikel über Schutzzoll. Nachdem er durch diese Lektüre seine Gedanken in ihren normalen Lauf zurückgeführt hatte, begann er über seine Stellung nachzudenken.

War er verheiratet oder war er ein Junggeselle? Er war Junggeselle wie vorher, nur mit dem Unterschied, dass er einen weiblichen Pensionär hatte, der aber nicht für sich bezahlte. Der Gedanke war unangenehm, aber er sagte die Wahrheit. Die Köchin besorgte den Haushalt und das Hausmädchen räumte die Zimmer auf. Was sollte Helene denn tun? Sich entwickeln! Ach, das ist ja Unsinn, dachte er, und er fand sich lächerlich. Aber, dachte er, wenn der Freund recht hätte, wenn es nur die gewöhnliche alberne Art der Frauen war? Sie konnte nicht gut zu ihm kommen, also musste er wohl zu ihr gehen. Ging er nicht, so würde sie ihn morgen vielleicht auslachen, ja, was schlimmer war, sich verletzt fühlen. Ja, ja, die Frauen sind unbegreiflich, und der Versuch muss gemacht werden.

Er sprang auf, warf den Schlafrock über und ging in den Salon. Mit zitternden Knieen lauschte er, ob ein Laut aus Helenes Zimmer zu hören sei.

Nichts! Da fasste er sich ein Herz und trat an die Tür. Blaue Blitze funkelten ihm vor den Augen, als er klopfte.

Keine Antwort. Er zitterte am ganzen Körper und der Schweiss rann ihm über die Stirn.

Darauf klopfte er noch ein Mal, und mit einer Fistelstimme, wie sein trockener Mund sie nur hervorbringen konnte, sagte er:

– Ich bin es nur!

Keine Antwort! Da überkam ihn die Scham, und er kehrte wieder in sein Zimmer zurück, verdutzt und abgekühlt.

Es war also Ernst!

Er kroch ins Bett und griff wieder zu der Zeitung.

Lange hatte er noch nicht gelesen, als er unten auf der Strasse Schritte hörte, die allmählich langsamer wurden und schliesslich verstummten. Dann erklangen leise musikalische Laute, und ein Doppelquartett begann:

– Integer vitae scelerisque purus ...

Er fühlte sich gerührt! Das war schön! Purus! Er fühlte sich über die Materie erhoben. Im Zeitgeist also lag diese Mahnung, höhere Forderungen an die Ehe zu stellen; die Jugend war von dem ethischen Strom, der die Epoche durchdrang, ergriffen worden ...

– Nec venenatis ...

Wenn Helene geöffnet hätte!

Er nickte leise den Takt und fühlte sich so gross, so edel, wie Helene ihn hatte haben wollen.

– Fusce pharetra!

Sollte er das Fenster öffnen und der studierenden Jugend im Namen seiner Gattin danken.

Er stand auf!

Ein vierfaches schallendes Hohngelächter schmetterte gegen die Fensterscheiben, gerade als er die Schnur der Rollgardine ziehen wollte.

Ja, wirklich, man lachte!

Ausser sich taumelte er ins Zimmer zurück und stiess gegen den Schreibtisch. Er war lächerlich. Ein leiser Hass gegen die Frau, die diese demütigende Szene verschuldet, begann in ihm zu keimen, aber seine Liebe sprach sie wieder frei. Dann warf er sich über die schelmischen Spassvögel, die er vor den Senat bringen wollte. Doch immer kam er auf sich selber zurück, und er war wütend, dass er sich hatte nasführen lassen.

Bis gegen Morgen ging er im Zimmer auf und ab, dann fiel er auf sein Bett und schlief ein, in bitterer Trauer über ein solches Ende seines Hochzeitstages, des schönsten Tages seines Lebens, der auch der seligste hätte werden sollen.

* * * * *

Am nächsten Tage traf er Helene am Kaffeetisch. Sie war kalt und vornehm wie gewöhnlich. Albert wollte sich natürlich von der Serenade nichts merken lassen. Helene sprach von grossen Plänen für die Zukunft, besonders über die Aufhebung der Prostitution. Albert war entgegenkommend und versprach, zu tun, was in seiner Macht stehe. Die Menschen müssten keusch werden, denn nur die Tiere seien unkeusch.

Dann ging er in seine Vorlesung. Da er durch die Serenade misstrauisch geworden war, glaubte er beim Auditorium allerlei Mienenspiel zu bemerken, und die Kollegen schienen ihm auf eine Art zu gratulieren, die ihn kränkte.

Ein grosser, fetter, lebensfreudiger Kollege stellte sich ihm im Flur der Bibliothek in den Weg, packte ihn beim Kragen und fragte mit kolossalem Grinsen:

– Nun?

– Schäme dich! war das einzige, was er antworten konnte, indem er sich losriss und auf der Treppe verschwand.

Als er nach Haus kam, war das Heim voll von Freundinnen. Frauenröcke schlugen Albert um die Beine, und als er sich in einen Sessel setzte, verschwand er hinter Frauenkleidern.

– Sie hatten ja ein Ständchen gestern abend, sagte die Professorin.

Albert erblasste, aber Helene nahm das Wort:

– Das war ja nicht zu viel, aber sie hätten wenigstens nüchtern sein können. Diese Trunksucht unter der studierenden Jugend ist doch ganz fürchterlich.

– Was haben sie denn gesungen? fuhr die Professorin fort.

– Es waren die gewöhnlichen Lieder: „Mein Leben ein Meer“ und andere, sagte Helene.

Albert sah sie erstaunt an, musste sie aber bewundern.

Der Tag verging unter Geschwätz und Erörterungen. Albert empfand ein gewisses Gefühl von Müdigkeit. Nach der Arbeit des Tages einige Abendstunden mit Frauen plaudern, war ja ganz angenehm; dies war aber zu viel. Und dann musste er zu allem ja sagen. Machte er einen Versuch, zu widersprechen, wurde er sofort zurechtgewiesen.

Es wurde Abend, und man musste schlafen gehen. Die Gatten sagten sich gute Nacht, und jeder ging in sein Zimmer.

Wieder begannen Zweifel und Unruhe ihn anzufechten. Er glaubte einen zärtlichen Blick bei Helene bemerkt zu haben, und er war nicht ganz sicher, ob sie ihm nicht die Hand gedrückt. Dann steckte er eine Zigarre an und nahm die Zeitung. Fing er nur an von der Wirklichkeit zu lesen, so schienen ihm die Augen aufzugehen.

– Verrückt, sagte er halblaut, indem er die Zeitung hinwarf.

Er zog den Schlafrock an und ging in den Salon.

Er hörte, dass sich in Helenes Zimmer etwas rührte.

Er klopfte.

– Sind Sie es, Luise? wurde von innen gerufen.

– Nein, ich bins nur, flüsterte er, halb den Atem im Halse.

– Was ist? Was willst du?

– Ich möchte mit dir sprechen, Helene, antwortete er beinahe bewusstlos.

Der Schlüssel im Schloss wurde umgedreht. Albert traute seinen Ohren nicht. Die Tür wurde geöffnet.

Helene stand da, noch angekleidet.

– Was willst du? fragte sie. Da aber sah sie, dass er nur den Schlafrock anhatte und dass seine Augen seltsam glänzten.

Mit ausgestrecktem Arm schob sie ihn zurück und schlug die Tür zu.

Er hörte einen Körper zu Boden fallen und gleich darauf ein lautes Weinen.

Wütend, aber beschämt, kehrte er in sein Zimmer zurück. Es war also ernst! Aber das war bestimmt nicht normal!

Er durchwachte die Nacht unter Grübeleien, und am Morgen musste er allein Kaffee trinken.

Als er mittags nach Haus kam, empfing Helene ihn mit einer schmerzlichen und ergebenen Miene:

– Warum hast du mir das getan? sagte sie.

Er bat um Verzeihung, aber recht kurz. Dann reute seine Kürze ihn und er gab klein bei.

So war sein eheliches Leben ein halbes Jahr lang. Zwischen Zweifel, Wut, Liebe wurde er hin und her geworfen, blieb aber immer an der Kette.

Sein Gesicht wurde grau, und seine Augen erloschen. Er war oft schlechter Laune, und unter einem kalten Äussern siedete stets eine dumpfe Wut.

Helene fand ihn verändert und despotisch, weil er zu opponieren anfing und oft die Sitzungen verliess, um ausser dem Haus Verkehr zu suchen.

Eines Tages wurde er aufgefordert, sich um eine Professur zu bewerben. Da er seine Mitbewerber für überlegen hielt, machte er keinen Versuch, aber Helene bestürmte ihn so lange, bis er die Bedingungen erfüllte. Er wurde gewählt. Warum, wusste er nicht, aber Helene wusste es.

Um dieselbe Zeit sollte ein Reichstagsabgeordneter gewählt werden. Der neue Professor, der nie davon geträumt hatte, an öffentlichen Angelegenheiten teilzunehmen, war ganz bestürzt, als er sich als Kandidat aufgestellt sah. Noch mehr bestürzt war er, als er gewählt wurde. Er dachte abzulehnen, aber Helenes Vorstellungen, wie schön es sei, die Kleinstadt gegen die Hauptstadt vertauschen zu können, veranlassten ihn, die Wahl anzunehmen.

Sie zogen also nach Stockholm.