Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten
Part 16
Eines Abends, ich vergesse ihn nie, es war auf der Höhe von Madeira, die Luft war heiss wie in einem Gewächshaus, wir trugen nur Hemd und Hosen, und die Windstille hatte vier Tage gedauert.
Um acht Uhr betrat ich die Kajüte des Chefs, vollständig bekleidet. Er war sehr erregt. Konnte kaum sprechen.
– Das ist eine furchtbare Hitze, seufzte er; zieh den Spenzer aus.
Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, obwohl es im höchsten Grad gegen Reglement und gute Sitte verstiess.
Er setzte sich neben mich, halb hinter mich. Ich fühlte seinen heissen Atem in meinem Nacken und empfand eine Bangigkeit und Beklommenheit, wie ich sie nicht beschreiben kann.
Wir waren mit Trigonometrie beschäftigt und ich beugte mich über das Papier. Mein Kopf wurde schwer, und um mich zu wecken, machte ich den Rumpf gerade und warf den Kopf zurück. In diesem Augenblick fielen meine Blicke auf den Spiegel mir gegenüber. Was ich da sah, flösste mir ein solches Entsetzen ein, als habe ich plötzlich gesehen, wie die Natur sich umkehrt und ihre Kehrseite zeigt. Als ob die Sonne blau und der Himmel gelb und die Bäume rot geworden seien, oder als ob der Mond Blitze schiesse. Sein Gesicht lag über meiner Schulter und seine Augen suchten unter den Aufschlägen meines Hemdes. Ich schrie, glaube ich, und wollte aufspringen, wurde aber von zwei Armen festgehalten und fühlte einen Kuss auf meinen Lippen, einen Kuss wie von der scharfen Zunge eines Stiers, und es schnaubte über mein Gesicht, als hätte ein Seehund mich geleckt.
Als ich aufs Deck hinauskam, musste ich mich an der Verschanzung halten, um nicht zu fallen, denn meine Beine zitterten. Es war für mich eine Offenbarung des Widrigen, ein Erscheinen des Bösen.
– Und damit war die Bekanntschaft zu Ende! sagte der Doktor kalt und trank sein Glas aus.
– Nicht ganz! Weisst du, was er jetzt tat? Er schrieb Briefe an mich. Ich las nur einen! Es war ein Liebesbrief. Er liebte mich!
– Wie Sokrates Alcibiades liebte! Glaubst du, du hast eine Entdeckung gemacht? Und glaubst du, dass nur Absonderung oder Überkultur diese Erscheinung hervorrufen. Sie kommen auch bei wilden Volksstämmen vor, ja bei Tieren. Ich meine, man müsse bei solchen Launen der Natur ein Auge zudrücken, wenigstens den Unschuldigen nicht bestrafen, wie ich schon sagte. Willst du eine Geschichte im selben Genre hören?
– Ja, aber lass uns erst etwas essen; ich sehe, drinnen ist gedeckt.
Er rief einem der Gäste zu, das Ruder zu übernehmen, und sie gingen in die Kajüte.
Sie versuchten von etwas anderem zu sprechen, immer aber kamen sie auf das erste Thema zurück.
– Erinnerst du dich, fing der Doktor an, wie du als Schüler mit Kameraden gleichen Alters befreundet warst? Ihr kamet immer zusammen aus der Schule, suchtet einander in freien Stunden auf, teiltet Ansichten und Kasse. Ja, du konntest sogar eifersüchtig auf deinen Freund sein, wenn er andere dir vorzog. Nicht wahr?
– Ja, aber das war Freundschaft!
– Ja, das war es! Aber so beginnt ja auch die Liebe zwischen den verschiedenen Geschlechtern. Es muss weit kommen, ehe einer von Beiden sich eine körperliche Berührung in einem Kuss oder einer Liebkosung erlaubt oder überhaupt ein Bedürfnis danach empfindet. Bei Mädchen dagegen äussert sich diese Freundschaft in Umarmungen und Küssen. Das ist ganz unschuldig natürlich, aber die Symptome gleichen sehr dem, was man Liebe nennt. Es ist ebenso unschuldig wie das Gefühl, das Eltern dazu treibt, ihre Kinder in die Arme zu nehmen und zu küssen. Kannst du sagen, was rein und unrein ist, körperlich oder geistig? Das ist schwer, denn die Liebe der Eltern zu den Kindern hat ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich in körperlicher Berührung zu äussern und steht doch über jeden Verdacht, sinnlich zu sein. Haust aber eine arme Familie zusammen in einem Zimmer, schlafen Vater und Töchter zusammen, während die Mädchen heranwachsen, dann _kann_ es geschehen, dass die Gefühle ihre Natur ändern. Die äusseren Umstände sind es, die da wirken, wie man auch nur bei Hirten und Reitern Fälle von Bestialität trifft. Sag nicht, das ist ein neues, unnatürliches Element, sondern das ist dieselbe Natur, die aber aus Mangel an Gelegenheit sich andere Auswege sucht, wie sich die Gewebe des Körpers einem Fistelgang öffnen, wenn die natürlichen Kanäle von einer Krankheit geschlossen werden.
Jetzt sollst du meine Geschichte hören.
Er war klein und unbedeutend und wurde von den Mädchen übersehen, denn sie fanden, er sei weder als Liebhaber noch als Beschützer vielversprechend. Das flösste ihm Misstrauen zu sich selber und Abneigung gegen das andere Geschlecht ein. Als er älter wurde und Dirnen besuchte, fiel es ihm auf, was wir andern ganz natürlich fanden, dass sie sich bezahlen liessen. Das chokierte ihn. Warum sollte nur der eine Teil bezahlt nehmen und nicht der andere, wenn alle beide das Vergnügen genossen.
Dann ging er ein Verhältnis mit einer Näherin ein. Sie hatte ihn lieb und sie nahm nicht bezahlt. Aber sie wurde von seltsamen Träumen beunruhigt, die auch ihn zu beunruhigen anfingen. Das eine Mal träumte sie, er lade sie ins Theater ein; das zweite Mal, er schenke ihr Handschuhe; das dritte Mal, er bezahle ihre Miete. Mein Freund war nicht stark darin, Träume zu deuten, weil er arm war, und dem Mädchen wurden ihre Träume nicht erfüllt. Der Freund dachte, ich habe alle Soupers bezahlt und sie keins; aber das sagte er nicht. Doch sie ward es müde, ein Traumleben zu leben, und schenkte ihre Liebe bald einem Buchhalter, der die Mittel hatte, ihre Träume zu erfüllen. Mein Freund wurde sehr bitter gegen die Frauen: das seien Materialisten, da sie nicht aus reiner Liebe lieben könnten.
Später verliebte er sich wieder. Als er ans Heiraten denken konnte, ging er zum Vater; der fragte ihn natürlich, ob er Geld habe.
– So, man muss auch das Heiraten bezahlen, dachte er. Nur bezahlen, immer und überall!
Aber er war verliebt, und er entschloss sich zu dem Handel. Er war Turn- und Schwimmlehrer. Jetzt fängst du an zu verstehen. Er verheiratete sich. Entdeckte nach dem ersten Kind, dass seine Frau Anlage für „höhere Aufgaben“ besitze und nicht mehr Kinder haben wolle. Sturm und Gewitter! Und dann halbe Ruhe. Oft fand er es hart, für nichts bezahlen zu müssen; aber es war nicht mehr zu ändern.
Fünfzehn Jahre dauerte das Zölibat und seine Frau wusste ihre Stellung gut zu verteidigen.
– Ich bin die Mutter deines Kindes, und in dieser Eigenschaft bin ich im Haus.
Aber sie war nicht die Mutter seines Kindes, denn sie besuchte fromme Sitzungen und hatte andere höhere Zwecke, die nicht gerade der Aufklärung dienten, aber sie vergass, dass sie seine Gattin war.
Nach fünfzehn Jahren gab es einen Skandal in der Schwimmschule. Mein Freund hatte sich dem ausgesetzt, was Darwin einen Generationswechsel genannt hätte. Aus der Analyse der fünfzehn Jahre Zölibatleben kannst du einen russischen Roman machen; ich vermag es nicht! Das Resultat war eine geheime Untersuchung. Er wurde freigesprochen und – zeugte ein neues Kind in der Ehe. Damit war der Sache abgeholfen.
Da hast du zwei Faktoren, die zusammen wirkten: Berufskrankheit oder günstige Gelegenheit und auf der anderen Seite fehlende Versorgung.
– Noch ein dritter Faktor war vorhanden, fiel der Leutnant ein.
– Welcher denn?
– Dass er schon als junger Mann darben musste.
– Dann kannst du auch einen vierten nehmen!
– Welchen?
– Den hohen Arbeitslohn.
– Nein jetzt gehen wir auf Deck, sagte der Leutnant; das fängt an unheimlich zu werden, wenn man sich darin vertieft.
– Ja, das wird es, aber Alles zu seiner Zeit. Weisst du, dass die Akademie von Dijon im vorigen Jahr einen Preis von zehntausend Franken ausgesetzt hat für den, der befriedigend die Frage beantwortet: Warum darf man nicht schreiben, wie man spricht?
– Nun, wer hat den Preis gewonnen?
– Der Beschäler von Växjö. Er fand, die Ursache liege darin: wenn er schreiben würde, wie er spreche, dann käme er ins Gefängnis.
– Du bist verrückt!
– Nein, sieh, der Mond ist aufgegangen, rief der Doktor aus, als sie auf Deck kamen.
– Bei uns ist der Mond ein Maskulinum, aber in Griechenland ist er ein Femininum!
– Die Griechen haben ja nie die Geschlechter auseinander gehalten. Weisst du, warum nicht?
– Nein!
– Es lag wohl in ihrer religiösen Überzeugung. Zeus liebte ja Ganymedes! Und es war ein grosses und gebildetes Volk, das die religiöse Überzeugung achtete!
Corinna
Ihr Vater war General, und die Mutter starb ihr früh. Seitdem wurde das Haus meist von Herren besucht. Und der Vater erzog sie selber.
Sie ritt mit ihm aus, sah sich die Manöver an, wohnte Schauturnen bei, machte Kontrollversammlungen mit.
Da der Vater unter allen, die in seinen Verkehrskreis kamen, den höchsten Rang einnahm, bezeigten ihm alle eine Ehrerbietung, wie sie Ebenbürtige einander niemals bezeigen. Und da sie die Tochter des Generals war, erwies man ihr die gleiche Ehre wie dem Vater. Sie hatte den Rang eines Generals und sie fühlte es.
Im Flur sass immer eine Ordonnanz, die sich mit furchtbarem Gerassel erhob, wenn sie kam und wenn sie ging. Auf den Bällen wurde sie immer von Majoren zum Tanz aufgefordert; einen Hauptmann hielt sie für eine niedrige Menschenklasse, und die Leutnants waren für sie unartige Jungen.
So gewöhnte sie sich daran, die Menschen nach der Rangliste zu beurteilen; Zivilpersonen waren für sie „Fische“, dürftig gekleidete Menschen Lumpen, arme Leute Pack.
Aber über dieser Rangskala standen die Damen. Der Vater, der alle Männer unter sich hatte und mit Ehrenbezeigungen begrüsst wurde, sobald er sich sehen liess, stand doch immer vor einer Dame auf, sie mochte jung oder alt sein, küsste bekannten Damen die Hand, bediente jede Schönheit. Dadurch bekam sie früh hohe Gedanken von der Überlegenheit des weiblichen Geschlechts und gewöhnte sich daran, Männer für niedrigere Wesen zu halten.
Wenn sie ausritt, hatte sie immer einen Reitknecht hinter sich. Wenn es ihr gefiel, Halt zu machen, um sich die Landschaft anzusehen, machte er Halt. Er war ihr Schatten. Aber wie er aussah, ob er jung oder alt war, das wusste sie nicht. Wenn man sie gefragt, was für ein Geschlecht er habe, hätte sie es nicht sagen können; sie hatte nie daran gedacht, dass der Schatten auch ein Geschlecht haben könne; wenn sie in den Sattel stieg und dabei mit ihrem kleinen Stiefel auf seine Hand trat, so war die für sie ein gleichgültiges Ding; und sie konnte dann ihr Kleid etwas anheben, als sei niemand zugegen.
Diese eingeborenen Rangvorstellungen durchdrangen ihr ganzes Leben. Sie konnte mit den Töchtern des Majors oder des Hauptmanns nie vertraut werden, denn deren Väter standen unter ihrem Vater. Auf einem Ball hatte ein Leutnant einmal gewagt, sie aufzufordern. Um seine Vermessenheit zu bestrafen, antwortete sie nicht, als er zwischen den Tänzen sich unterhalten wollte. Nachher aber erfuhr sie, es sei einer der Prinzen gewesen: da war sie untröstlich. Sie, die den Rangunterschied der Offiziere wusste, die alle Orden und Titel kannte, sie hatte einen Prinzen nicht erkannt. Das war zuviel.
Sie war schön, aber der Stolz gab ihren Zügen eine Starrheit, die jeden Anbeter abschreckte. Sich zu verheiraten, daran hatte sie nie gedacht. Die jungen Leute waren dazu nicht qualifiziert, und die Alten, die den Rang hatten, waren zu alt. Wenn sie sich mit einem Hauptmann verheiratet hätte, würde sie ja bei Tisch hinter allen Majorsfrauen gesessen haben, sie, die Tochter des Generals. Das wäre ja eine Degradierung gewesen. Übrigens wollte sie durchaus kein Anhang oder eine Salonzierde für einen Mann sein. Sie war gewohnt zu befehlen, gewohnt, dass man ihr gehorchte; sie konnte keinem gehorchen. Das freie männliche Leben unter Männern hatte ihr ausserdem einen entschiedenen Widerwillen gegen weibliche Beschäftigung eingeflösst.
Spät erwachte ihr geschlechtliches Leben. Da sie zu einer alten Familie gehörte, die väterlicherseits durch seelenloses Soldatentum, durch Zechen und durch Schlemmen mit ihrer Kraft schlecht hausgehalten, mütterlicherseits die Fruchtbarkeit unterdrückt hatte, um das Vermögen nicht teilen zu müssen, schien die Natur bei Bestimmung ihres Geschlechts in letzter Stunde gezögert zu haben; oder hatte vielleicht nicht Kraft genug besessen, um sich für Fortsetzung der Rasse zu entschliessen. Ihrer Gestalt fehlte das bestimmte weibliche Gepräge, wie eine gesunde Natur es für ihre Zwecke erzeugt, und sie tat auch nichts, um den Mängeln durch Kunst abzuhelfen.
Ihre wenigen weiblichen Kameraden fanden sie kalt, gleichgültig gegen alles, was das Verhältnis der Geschlechter betraf. Sie selber sprach sich geringschätzig darüber aus, hielt es für unsauber, konnte nicht begreifen, wie sich ein Weib einem Manne hingeben könne. Die Natur war unrein für sie und Tugend bestand für sie in reiner Wäsche, gestärkten Röcken und heilen Strümpfen. Arm sein bedeutete für sie schmutzig und lasterhaft sein.
Im Sommer wohnte sie mit ihrem Vater auf dem Landgut.
Das Land liebte sie nicht. Draussen in der Natur wurde sie klein; der Wald war ihr unheimlich, der See machte sie schauern, das hohe Gras der Wiese barg Gefahren. Die Bauern waren eine Art arglistige Tiere, und unsauber dazu. Auch hatten sie so viele Kinder, und Burschen wie Mädchen waren für sie lasterhaft.
Bei grossen Festen wie Mittsommer und Geburtstag des Generals wurden sie jedoch auf den Herrenhof geladen, um wie der Chor in der Oper zu fungieren, Hurra zu schreien, und zu tanzen, wie die Figuren auf einem Gemälde.
* * * * *
Es war wieder Frühling. Helene war allein auf ihrer Rassestute ausgeritten und weit hinaus ins Land gekommen. Sie wurde müde und sass ab; band die Stute an eine Birke, die an einer umzäunten Waldweide stand. Dann trat sie an den Rand des Grabens, um einige Orchideen zu pflücken. Die Luft war warm, und Birken und Rasen dampften. Im Wasser des Grabens plumpsten die Frösche.
Plötzlich wieherte die Stute, und Helene sah das schlanke Tier seinen Hals über den Zaun strecken und mit aufgerissenen Nüstern die Luft einsaugen.
– Alice, rief sie, still mein Mädchen!
Und dann fuhr sie fort, einen Strauss aus diesen schüchternen Blumen zusammenzusetzen, die so sorgfältig ihre Geheimnisse hinter den hübschsten und nettsten Gardinen verstecken, die gedrucktem Kattun gleichen.
Aber die Stute wieherte wieder. Aus den Haselbüschen der Waldweide antwortete ein anderes Wiehern, das aber stärker und tiefer war. Der sumpfige Boden der Waldweide dröhnte, die Sterne rasselten unter gewaltigen Hufschlägen, und heran trabte ein schwarzer Hengst. Der Kopf war stark, der Hals gespannt, und die Muskeln lagen in Wulsten unter der glänzenden Haut. Die Augen leuchteten, als sie die Stute erblickten. Zuerst machte er Halt und streckte den Hals, als ob er gähnte; zog die Oberlippe in die Höhe und zeigte die Zähne. Dann galoppierte er über das Gras und näherte sich dem Zaun.
Helene raffte ihr Kleid und lief hin, um die Kandare zu fassen, aber die Stute hatte sich losgerissen und setzte jetzt über den Zaun. Dann begann das Freien.
Helene stand draussen und lockte, aber das wilde Tier hörte nicht mehr. Drinnen jagten sich die Pferde und die Situation begann heikel zu werden. Der Hengst schnob weissen Schaum, der wie Rauch aus den Nüstern kam.
Helene wollte fliehen, denn die Szene flösste ihr Entsetzen ein. Sie hatte noch nie gesehen, wie die Naturmacht in lebendigen Körpern rast. Bis zum äussersten war sie erregt über diesen unverhüllten Ausbruch.
Sie dachte hinzulaufen und ihre Stute zu holen, aber sie fürchtete den wilden Hengst. Sie wollte forteilen und um Hilfe rufen, aber dann hätte sie ja Zeugen erhalten. Sie kehrte dem Auftritt den Rücken und beschloss zu warten.
Da war Pferdegetrappel auf der Landstrasse zu hören. Ein Wagen rollte heran.
Helene konnte nicht fliehen, und sie schämte sich zu bleiben. Aber es war zu spät, denn die Kalesche fuhr langsamer und stand unmittelbar vor ihr still.
– Aber das ist schön, sagte die eine Dame, die im Wagen sass, und nahm ihre goldene Lorgnette, um sich das Naturschauspiel, das jetzt in vollem Gang war, anzusehen.
– Aber warum halten wir denn, schrie die andere Dame. Fahren Sie doch weiter!
– Ist das nicht schön? antwortete die ältere Dame.
Der Kutscher lächelte in seinen grossen Bart und trieb die Pferde an.
– Du bist so prüde, meine liebe Amalie, sagte die erste Stimme. Für mich ist es wie ein Gewitter oder eine Sturzsee ...
Mehr konnte Helene nicht hören. Sie war ganz vernichtet von Ärger, Scham, Entsetzen.
Da kam ein Bauernknecht des Weges. Helene eilte ihm entgegen, um ihn nicht das Schauspiel sehen zu lassen und zugleich um seine Hilfe zu bitten. Aber er war bereits zu weit heran gekommen.
– Ich glaube, das ist der Schwarze des Müllers, sagte er mit ernster Miene. Dann ist das Beste, zu warten, bis es vorbei ist, denn mit dem ist nicht zu spassen. Wenn Fräulein nach Haus gehen wollen, werde ich den Gaul nachbringen.
Froh, aus der Sache herauszukommen, eilte Helene davon.
Als sie nach Haus kam, war sie krank.
Die Stute wollte sie nicht wieder sehen. Die war unrein.
* * * * *
Dieses unbedeutende Ereignis hatte einen grösseren Einfluss auf Helenes seelische Entwicklung, als zu erwarten war. Der brutale Ausbruch eines Naturtriebes, dessen unverhüllte Darstellung einem Menschen Gefängnis einbringt, verfolgte sie, als habe sie einer Hinrichtung beigewohnt. Er störte ihre Gedanken am Tage und ihre Träume bei Nacht. Er steigerte ihre Furcht vor der Natur, und sie brach mit ihrem früheren Amazonenleben. Schloss sich ein und begann zu lesen.
Es war eine Bibliothek auf dem Gut vorhanden. Aber das Unglück wollte, dass sie seit dem Tode des Grossvaters nicht vermehrt worden war. Alle Bücher waren also ein Menschenalter zu alt, und Helene fand veraltete Ideale. Zuerst fiel ihr „Corinna“ von Frau von Staël in die Hände. Der Band war so in ein Fach hineingestellt, als sei er zu besonderer Benutzung bestimmt, und das war er auch. In Grün und Gold gebunden, mit abgegriffenem Schnitt, mit Bemerkungen und Unterstreichungen versehen, die von der verstorbenen Mutter herrührten, wurde das Buch für die Tochter ein geistiger Verkehr mit der Toten, deren Bekanntschaft das erwachsene Mädchen damit erneuerte. Es war eine ganze Seelengeschichte, diese Aufzeichnungen mit Bleistift. Das Missvergnügen mit der Prosa des Lebens und der Roheit der Natur feuerte die Phantasie an, sich eine Traumwelt zu bauen, in der die Seelen ohne Körper lebten. Diese Welt war aristokratisch, denn sie verlangte wirtschaftliche Unabhängigkeit, nur um der Seele Gedanken schenken zu können. Es war das Evangelium der Reichen, diese Gehirnentzündung, die Romantik genannt wird und die lächerlich wurde in ihrer Kläglichkeit, als sie zur Unterklasse hinunter drang.
Aus Corinna machte Helene nun ein Ideal: die Dichterin, die Eingebungen von oben erhielt, die gleich der Nonne des Mittelalters das Gelübde der Keuschheit ablegte, um ein reines Leben zu führen, die natürlich von einer glänzenden Menge bewundert wurde, erhob sich über die kleinen Sterblichen des Alltags. Es war nichts anderes als das Generalideal, nur übertragen: Ehrenbezeigen, Gewehrrufe, erster Platz. Dass Frau von Staël selber das Corinnaideal überlebte und erst von Bedeutung wurde, als sie sich mit der Wirklichkeit befasste, wusste Helene nicht.
Sie gab jede Beschäftigung mit der äusseren Welt auf, zog sich in sich selber zurück und grübelte über ihr Ich. Das Erbe, das die Mutter ihr in den posthumen Anmerkungen hinterlassen, begann zu keimen. Sie identifizierte sich mit Corinna und mit der Mutter und verwendete viel Zeit darauf, über ihren Beruf nachzudenken. Dass sie von der Natur für das Geschlecht bestimmt sei, dass sie die Pflicht habe, für das Keimen und Wachsen des Eies zu sorgen, das die Natur in ihren Körper niedergelegt, das wies sie weit von sich. Die Menschheit darüber aufzuklären, was Frau von Staëls Corinna vor fünfzig Jahren gedacht hatte, das war ihr Beruf; aber sie bildete sich ein, es seien ihre eigenen Gedanken, die nach Ausdruck rangen.
Sie begann zu schreiben. Eines Tages versuchte sie es mit Versen. Es gelang. Die Zeilen wurden gleich lang und die letzten Worte reimten sich. Da ging ihr ein Licht auf: sie war zur Dichterin geboren. Blieben nur noch die Gedanken, und die konnte sie aus „Corinna“ nehmen.
So entstanden eine Menge Gedichte.
Nun sollte aber auch die Welt damit beglückt werden, und das konnte nur durch den Druck geschehen. Eines Tages sandte sie ein Gedicht mit dem Titel „Sappho“ an die Illustrierte Zeitung und zeichnete Corinna. Mit klopfendem Herzen trug sie den Brief zur Post, und als sie ihn in den Kasten legte, betete sie leise zu „Gott“.
Die vierzehn Tage, die folgten, waren furchtbar. Sie ass nicht, schlief kaum und suchte die Einsamkeit.
Am ersten Sonnabend, als die Zeitung kam, zitterte sie wie bei einem Fieber; und als sie ihr Poem weder gedruckt sah, noch ein Wort im „Briefkasten“ fand, fiel sie zusammen.
Am nächsten Sonnabend, als sie wenigstens eine Antwort bestimmt erwarten konnte, nahm sie die Zeitung, ohne sie aufzumachen, mit in den Wald. Dort, tief in einem Dickicht, zog sie das Blatt heraus, nachdem sie sich nach allen Seiten umgesehen, ob auch niemand auf der Lauer stehe; dann schlug sie die Zeitung auf und liess das Auge über die Spalten gleiten. Da stand ein einziges Gedicht, das hiess „Bellmanstag“. Dann aber glitt das Auge zum Briefkasten hinunter. Beim ersten Blick, den sie auf die Zeilen in kleinem Druck warf, fuhr sie zusammen, ihre Finger packten die Zeitung, rollten sie zu einem Ball und warfen den ins Gebüsch. Dann starrte sie unablässig auf den weissen Fleck, den das Papier im Gebüsch bildete. Diese Beschimpfung war die erste, die sie in ihrem Leben empfangen hatte. Sie war auch ganz aus dem Sattel geworfen. Dieser unbekannte Zeitungsschreiber hatte gewagt, was noch niemand gewagt: er hatte ihr eine Unhöflichkeit gesagt. Sie hatte ihre Verschanzungen verlassen und sich auf ein Feld begeben, auf dem die Rangliste wenig bedeutete, auf dem die Naturmacht siegte, die Talent genannt wird. Vor diesem Talent beugte sich selbst die Macht, wenn sie es nicht länger leugnen konnte. Aber der Unbekannte hatte sie auch als Weib verletzt. So hatte er sich zu schreiben erlaubt:
– Corinna von 1807 hätte Essen gekocht und Kinder gewiegt, wenn sie nach 1870 gelebt hätte. Aber Sie sind keine Corinna!
Da hörte sie zum ersten Mal _den_ Feind, den Erzfeind, den Mann. Kochen und wiegen! Der sollte mal sehen!
Helene ging nach Haus. Sie fühlte sich so vernichtet, dass die Muskeln kaum den schlaffen Nerven gehorchten.
Als sie aber ein Stück gegangen war, kehrte sie ganz plötzlich um. Wenn einer die Zeitung fände! Dann wäre sie verraten. Sie ging zurück, nahm eine Gerte, zog das Blatt aus den Büschen hervor und glättete es. Dann hob sie eine Moosscholle auf, versteckte das Blatt darunter und rollte einen Stein darauf. Es war eine Hoffnung, die da begraben wurde, aber auch ein Beweis. Dass sie schuldig war? Ja, so fühlte sies! Als habe sie ein Unrecht getan. Als habe sie sich vor dem andern Geschlecht entblösst!
Nach diesem Tage begann sie einen neuen Kampf mit sich selber. Der Ehrgeiz und die Furcht vor der Öffentlichkeit kämpften miteinander, ohne dass es zu einer Entscheidung kam.
* * * * *
Im Herbst starb der Vater. Da er nachts Karten gespielt hatte, ohne Glück zu haben, hinterliess er Schulden. Da er aber General war, so machte das nichts aus. Helene brauchte sich nicht in einen Zigarrenladen zu stellen, sondern wurde von einer bisher unsichtbaren Tante aufgenommen.