Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Part 15

Chapter 153,862 wordsPublic domain

Es war ein schöner Oktobermorgen mit Rauhreif. Er ging sehr schnell, als fürchte er, zurückgerufen zu werden, oder als fliehe er vor etwas. Die frische Waldluft wirkte wie ein Bad. Er fühlte sich frei, und es war das erste Mal, dass er seine Freiheit benutzte, um mit der Flinte auszugehen. Aber diese körperliche Freiheit war nur vorübergehend. Bisher hatte er wenigstens sein Schlafzimmer für sich gehabt. Über seine Gedanken am Tage und seine Träume bei Nacht hatte er geherrscht. Das war aus. Besonders quälte ihn der Gedanke, das gemeinsame Schlafzimmer sei etwas Garstiges. Jede Scham wurde wie eine Maske abgeworfen, jedes Feingefühl abgelegt, jede Illusion von dem „hohen Ursprung“ des Menschen zerstört; nur das Tier vor sich zu haben, war zu viel für ihn, da er ja von Idealisten erzogen war. Nie hätte er geglaubt, dass die Heuchelei des Zusammenlebens so gross sein könne, und dass nur die Furcht vor den Folgen der Kern des unsagbar Weiblichen sei. Wenn es aber die Tochter des Arztes oder des Gärtners gewesen wäre? Dann wäre die Einsamkeit mit ihr eine Seligkeit gewesen, während sie jetzt bedrückte und unschön war; dann hätte die rohe Begierde, eine Neugier und ein Bedürfnis zu befriedigen, die Form eines Rausches angenommen, der wie der Rausch mehr seelisch als körperlich war.

Er streifte durch den Wald, ohne ein Ziel zu haben, ohne zu wissen, was er schiessen solle; er empfand nur eine dunkle Lust, die Flinte knallen zu hören und ein Tier fallen zu sehen; aber er erblickte nichts. Die Vögel waren schon fortgezogen. Nur ein Eichhörnchen hüpfte auf einem Kiefernstamm herum und guckte ihn mit seinen Glotzaugen an. Er warf die Flinte an die Backe und drückte ab; aber das schnelle Tier war schon auf der andern Seite des Stammes, als die Hagelkörner einschlugen. Doch machte der Knall einen angenehmen Eindruck auf seine Nerven.

Er verliess den Fusssteig und ging in den Niederwald. Wo er einen Pilz aufragen sah, trat er ihn entzwei. Er war in einer rechten Zerstörungslaune. Er sehnte sich danach, eine Schlange zu sehen, um sie zu zertreten oder einen Schuss auf sie abzugeben.

Dann aber überkam ihn der Gedanke, dass er heim müsse, und dass es sein Hochzeitsmorgen sei. Die Vorstellung, welche zudringlichen Blicke er auszuhalten haben werde, wirkte so stark auf ihn, als solle er für ein Verbrechen entlarvt werden, ein Verbrechen gegen die Sitte und, was mehr war, gegen die Natur. Er wäre am liebsten aus der Welt geflohen, aber wie sollte er das anfangen?

Schliesslich wurden die Gedanken müde, immer dieselben Kreise zu ziehen, und er hatte zuletzt nur noch die eine Empfindung, dass er hungrig sei. Er ging daher nach Haus, um Frühstück zu essen.

Als er auf den Hof kam, standen alle Hochzeitsgäste, die übernachtet hatten, auf der Treppe des Vorbaus und begrüssten ihn mit scherzhaften Hurrarufen. Mit unsicheren Schritten ging er über den Hof und hörte mit schlecht verborgenen Gefühlen die scherzhaften Fragen der Gäste nach seinem Befinden an. Er riss sich von ihnen los und eilte ins Haus, ohne zu bemerken, dass seine Frau in der Gruppe stand und darauf wartete, dass er sie begrüsse.

Am Frühstückstisch machte er eine Folter durch, die er glaubte nie wieder vergessen zu können: die Stichelreden der Gäste stachen ihn und die Liebkosungen seiner Frau brannten ihn. Sein Freudentag war der widrigste, den er erlebt hatte.

* * * * *

Als einige Monate vergangen waren, hatte sich die junge Frau als Herrin im Hause eingerichtet, unter dem Beistand von Tanten und Schwestern. Frithiof blieb immer der Jüngste und Unverständigste. Man fragte ihn um Rat, befolgte seine Ratschläge aber nicht; man sorgte immer noch für ihn, als sei er noch ein Kind. Dass er mit seiner Frau allein ass, erwies sich bald als unmöglich, denn er schwieg eigensinnig; Luise hielt es nicht aus, sondern musste einen Blitzableiter haben: eine Schwester zog in den Flügel.

Mehrere Male machte Frithiof den Versuch, sich zu emanzipieren, wurde aber immer von der Übermacht zurückgeschlagen; ihrer waren zu viele, und sie redeten so lange auf ihn ein, bis er in den Wald floh.

Die Abende wurden jetzt ein Schrecken für ihn. Er hasste die Schlafstube, ging dahin wie zum Richtplatz. Er wurde scheu und blieb für sich allein.

Sie waren ein Jahr verheiratet gewesen, ohne ein Kind zu bekommen, als die Mutter ihn eines Tages beiseite nahm, um mit ihm zu sprechen.

– Würdest du nicht erfreut sein, wenn du einen Sohn bekämst, fragte sie.

– Gewiss, antwortete er.

– Du bist nicht nett gegen deine Frau, sagte die Mutter so milde wie möglich.

Da brauste er auf.

– Was? Was? Habt ihr etwas auszusetzen? Verlangt man, dass ich tagewerken soll? Hm! Luise ist ganz anders, als ihr glaubt! Aber wen geht das etwas an? Formuliere die Anklage so, dass ich darauf antworten kann.

Nein, dazu hatte die Mutter keine Lust!

Er entdeckte jetzt in seiner Einsamkeit, dass der Inspektor ein junger Mann sei, der gern Karten spielte und gern trank. Er suchte dessen Gesellschaft und vertrieb sich die Abende auf dessen Zimmer; kam spät in die Schlafstube, so spät wie möglich.

Eines Abends lag seine Frau noch wach und wartete auf ihn.

– Wo bist du gewesen? fragte sie scharf und bestimmt.

– Das geht dich nichts an, antwortete er.

– Es ist nicht angenehm, auf die Weise verheiratet zu sein. Wenn wir wenigstens ein Kind hätten.

– Das ist nicht meine Schuld!

– Meine auch nicht.

Und nun entspann sich ein Streit darüber, wessen Schuld es sei, und der dauerte zwei Jahre.

Da keiner den einfachen Ausweg einschlagen wollte, den sachverständigen Arzt zu fragen, kam es zu dem gewöhnlichen Ergebnis: der Mann wurde lächerlich und die Frau tragisch. Eine kinderlose Frau sei heilig, denn „Gottes“ Fluch ruhe aus unbekannten Gründen auf ihr. Dass „Gott“ sich so weit herablassen werde, einen Mann in den Bann zu tun, das konnten sich die Frauen nicht vorstellen.

Aber Herr Frithiof fühlte deutlich, dass ein Fluch auf seinem Dasein lag, denn es war düster und ungesund. Die Natur hatte zwei Geschlechter geschaffen, die einander unter gewissen Verhältnissen als Freunde suchen, aber unter andern Verhältnissen als Feinde auftreten. Er hatte das andere Geschlecht als Feind getroffen, und zwar als übermächtigen Feind.

Eines Tages fragte eine der Schwestern, während sie mit einer Näharbeit beschäftigt war, wie zufällig Frithiof, was das Wort Kapaun bedeute.

Er antwortete nicht, sah sie scharf an, fand aber, dass sie nicht Bescheid wusste, sondern wahrscheinlich gelauscht hatte und ihre Neugier nicht unterdrücken konnte.

Jetzt war sein Leben vergiftet. Er war lächerlich. Und er wurde misstrauisch. Alles, was er hörte und sah, brachte er in Zusammenhang mit dieser Beschuldigung. Schliesslich geriet er ausser sich und verführte ein Dienstmädchen.

Mit dem erwünschten Erfolg! Er wurde Vater!

Jetzt aber war Luise eine Märtyrerin und Frithiof ein Elender. An das letzte kehrte er sich nicht, denn seine Ehre war gerettet; es galt nämlich für eine Ehre, ohne Gebrechen zu sein, nicht für ein Glück.

Aber durch dieses Ereignis war Luises Eifersucht geweckt, und, seltsam, eine Art Liebe zu ihrem Mann begann zu erwachen. Eine Liebe, die ihm recht lästig wurde, denn sie äusserte sich in einem unermüdlichen Bewachen und einer nervösen Zudringlichkeit; zuweilen mit einem mütterlichen Wohlwollen, das keine Grenzen kannte. Sie wollte nachsehen, ob die Flinte geladen sei; sie bat ihn auf Knien, sich beim Ausgehen warm anzuziehen ... Im Hause war sie pedantisch, räumte und staubte den ganzen Tag; liess jeden Sonnabend scheuern, klopfte Teppiche und lüftete Kleider. Er hatte keine Ruhe mehr und konnte nie sicher sein, dass man ihn nicht aus seinem Zimmer jagte, um es reinzumachen.

Seine Arbeit füllte seine Zeit nicht aus, denn der Hof wurde von den Frauen verwaltet. Er begann Landwirtschaft zu studieren und wollte Verbesserungen einführen, wurde aber daran gehindert. Als er allein zu herrschen versuchte, machte man ihm jede Tätigkeit unmöglich.

Schliesslich wurde er müde. Er hatte längst zu sprechen aufgehört, weil er immer sicher war, dass man ihm widersprach. Durch Mangel an gleichdenkenden Kameraden und Unglücksgenossen wurde sein Verstand allmählich stumpf; sein Nervensystem war ruiniert; er vernachlässigte sein Aussehen und begann zu trinken.

Bald war er kaum noch zu Haus. Oft lag er betrunken im Gasthaus oder bei Bauern. Er trank mit jedem und ohne aufzuhören. Es war ihm eine Linderung, sein Gehirn durch Alkohol in Arbeit zu setzen, und dann konnte er sprechen. Es war schwer zu entscheiden, ob er trank, um mit jemand sprechen zu können, der nicht widersprach; oder ob er trank, um zu trinken.

Um sich Geld zu schaffen, verkaufte er an die Bauern heimlich Vorrechte oder Getreide, denn die Kassen wurden von den Frauen verwaltet. Schliesslich brach er in seine eigene Kasse ein und stahl.

Man hatte jetzt immer einen kirchlich gesinnten Inspektor, denn der letzte war wegen Trunksucht verabschiedet. Als man endlich, mit Hilfe des Pastors, so weit gekommen war, dass dem Gastwirt der Verkauf von Alkohol verboten wurde, begann Herr Frithiof mit den Knechten zu trinken. Skandal folgte auf Skandal.

Herr Frithiof wurde schliesslich ein ausgebildeter Trinker, der die Fallsucht bekam, wenn man ihm nicht etwas Starkes zu trinken gab.

Schliesslich musste er in eine Anstalt gebracht werden, um dort als unheilbar zu bleiben.

In hellen Zwischenstunden, wenn er sein Leben überschauen konnte, empfand er ein tiefes Mitleid mit allen jungen Mädchen, die an ungeliebte Männer verheiratet werden; er fühlte es um so tiefer, als er den ganzen Fluch, den die Vergewaltigung der Natur zur Folge hat, am eigenen Leibe erfahren hatte; und er war doch nur ein Mann.

Er suchte die Ursache zu seinem Unglück in der Familie als wirtschaftlicher Einrichtung; die verhindert ja, dass das Kind zur rechten Zeit für ein selbständiges Leben als Individuum frei wird.

Seine Frau klagte er niemals an, denn sie war wohl ebenso unglücklich wie er, ein Opfer derselben Missverhältnisse, die man mit dem Namen Gesetz ehrt.

Die verbrecherische Natur

Der Kutter ging vor halbem Wind durch die letzten Schären des Stockholmer Inselmeeres, und das Meer öffnete sich in Nachmittagsbeleuchtung.

Der Doktor suchte nach Worten, um sein Entzücken darüber auszudrücken, denn er war im Innern des Landes geboren und hatte das Meer nur einige Male von dem Deck eines Dampfers gesehen.

Nachdem der Leutnant das Steuerruder umgelegt und Kurs auf den Leuchtturm von Landsort genommen, befahl er Punsch und Zigarren.

Die Einsamkeit, die Stille, der Mangel an Gegenständen, auf denen das Auge haften konnte, stimmte den Sinn mitteilsam, und trotzdem die beiden Jugendfreunde bereits drei Stunden von alten und neuen Dingen gesprochen, fand sich immer wieder neuer Stoff zu neuen Gesprächen.

– Es muss doch herrlich sein, auf dem Meer leben zu können, sagte der Doktor und liess das Auge rings um den Horizont schweifen.

– Ja, in guter Gesellschaft, wenn man sein eigener Herr ist, sagte der Leutnant. Aber im Dienst an Bord, das ist etwas anderes! Erstens ist man eingeschlossen; das Schiff ist ein Käfig, merk dir das, und der Horizont wird eng, wenn du dich an ihn gewöhnt hast; der blaue Rand, hinter dem man etwas träumt, wenn man jung ist, wird eine graue Steinmauer. Denke dir, du seist in einem Käfig auf dem eingeschlossenen Hof eines Gefängnisses. Und noch eins: hast du einen Unfreund an Bord, so merkst du, dass du lebst.

– Es ist doch jedenfalls ein gesundes Leben.

– Gesund? Das sieht so aus, aber die Gedanken werden nicht gesund, wenn das Gehirn keine Eindrücke von aussen empfängt; und immer auf das blosse Nichts sehen, macht auf die Dauer stumpfsinnig. Aber es gibt noch andere Schattenseiten im Leben des Seemannes, die durchaus nicht gesund sind.

Das Gesicht des Leutnants wurde finster, und er sah erst nach, ob die Leute auch so weit entfernt waren, dass sie nicht lauschen konnten.

– Bedenke doch, es ist das vom andern Geschlecht abgesonderte Leben des Mönches und des Gefangenen.

– Ihr lebt schön abgesondert, wenn ihr an Land kommt, fiel der Doktor ein.

– Aber ehe man an Land kommt! Einen Monat, zwei Monate auf See! In halber Untätigkeit. Die Gedanken suchen ihre eigenen Wege, der Wille herrscht auf eigene Faust, kriecht über Rechtsgefühl, springt über Begriffe von Moral, Ehre und dergleichen. Man hat schon recht seltsame Dinge auf See gesehen.

– Ich habe allerdings gehört, dass die Mannschaft es toll treiben kann, sagte der Doktor.

– Es ist schade um die Verheirateten! Dieses Gedicht von der Gattin des Seemanns, die trauernd am Fenster sitzt, ist nur ein Gedicht. Aber der Mann, der verheiratete Mann, der beschmutzt sich nicht gern, wenn er an Land geht; ein Vergnügen hat er nicht für sein Geld! Gewöhnlich ist die Frau längst getröstet, wenn der Mann heimkehrt! Aber es gibt andere Seiten, Nachtseiten, wie man sie nennt, diese Ausbrüche der sich rächenden Natur, die uns unheimlich vorkommen, weil wir sie zuerst nicht erklären können; für die der Mensch bestraft wird, trotzdem er nur das Opfer ist.

– So, ihr habt das auch an Bord? Man erfährt so wenig davon, trotzdem es eine der merkwürdigsten Erscheinungen ist, die es zu allen Zeiten gegeben hat.

– Du hältst es also nicht für ein Verbrechen, fragte der Leutnant mit einem gewissen Eifer und zog an seiner Zigarre.

– Ein Verbrechen? Was ist ein Verbrechen? Was vor Staatsanwalt und Gericht kommt. Von der _Natur_ kann es ein Verbrechen sein, wie in den Fällen, in denen das Geschlecht bis lange nach der Geburt unentschieden bleibt; das kann man aus den Anzeigen über Namensänderungen sehen, die zuweilen in den Zeitungen stehen. Die Natur hat Launen und die Kultur hilft dabei, aber die Menschen sollten heute so aufgeklärt sein, dass sie Gebrechen nicht bestrafen.

– So, das sagst du? Es freut mich, einmal ein wahres Wort in dem allgemeinen Geheul zu hören.

– In Frankreich hat man schon in der Kammer beantragt, den Paragraph, der das vermeintliche Verbrechen bestraft, zu streichen.

– Wirklich? Und hier laufen sie wie Aussätzige herum, werden von einer ewigen Unruhe verzehrt, dass sie verdächtigt oder entdeckt werden. Ich will einen Fall erzählen, den ich mit eigenen Augen gesehen habe. Dann magst du urteilen, ob es ein Laster, eine Entartung oder ganz einfach eine Erscheinung ist, deren Gründe wir nicht kennen.

– Es ist mir gleichgültig, wie man es nennt; eine Berufskrankheit bei Mönchen und Seeleuten; die Erscheinung ist ebenso interessant wie eine menschliche Frucht, welche die Natur mit einem Kalbskopf oder drei Armen ausgestattet hat.

– Etwas merkwürdiger ist es doch wohl, besonders wenn sie in seelischer Form auftritt und alle Symptome zeigt, die bei einer unschuldigen Schwärmerei zwischen Mann und Weib vorkommen.

– Bei einer unschuldigen? Hm!

– Ja, du, unschuldig, betonte der Leutnant. Ich weiss, dass ein solches Verhältnis unschuldig sein kann.

– Ja, eine Zeit lang! Du darfst nicht, und sie wagt nicht! Das kennen wir! Aber erzähle deine Geschichte.

Sie nippten am Punsch und steckten neue Zigarren an.

– Weisst du, was der Chef einer Fregatte ist? begann der Leutnant und legte die Ruderpinne ins Hackbrett. Das ist ein Porzellangott. Er ist da, aber er zeigt sich nicht. Er hat nicht den höchsten Befehl, denn den hat der Sekond, aber er steht über dem höchsten Befehl. Seeleute pflegen den Schiffer den „Alten“ zu nennen, ganz wie die Bauern vom Donner sprechen und „Gevatter“ sagen. Der Sekond ist der „Alte“ auf einem Kriegsschiff; für den Chef hat man keinen Namen. Er sitzt eingeschlossen in seiner Kajüte, spricht nur mit dem Sekond; isst allein, bis auf einen Tag in der Woche, an dem er die Offiziere an seinen Tisch ladet, und einen zweiten Tag, an dem er sich von den Offizieren einladen lässt. Er tadelt nie, belohnt nie, kommandiert nie. Was er tut, weiss nur der Sekond. Kommt er auf Deck, so geht er nie über den Besan hinaus.

Das Schiff ist die vollkommenste aller Gemeinden, die in der Organisation tausend Jahre hinter der Zeit zurückbleibt! Sie würde unvollkommen sein, wenn Frauen dabei wären.

Meine erste Fahrt machte ich als Kadett auf der Fregatte Thor.

Das Leben war nicht so, wie es sich der Schüler geträumt, als er voll Neid auf die kokette Jacke und das hübsche Seitengewehr der Seekadetten sah. Es war etwas ganz anderes; etwas sehr Rohes und sehr Hässliches; vor allem sehr Unpoetisches.

Eines Tages hatte ich die Wache und stand am Steuerrad, also auf einem sehr verantwortungsvollen Posten; ich sah starr voraus durch Taue und Takelung über die Mannschaft auf Deck hinweg; versuchte die Gedanken zusammen zu halten, indem ich sie nur auf den Kurs richtete. Aber teils unruhig über die wichtige Aufgabe, da ich die ganze Bevölkerung des Schiffes in meiner Hand hatte, teils nervös infolge eines unbestimmten Gefühls, dass jemand seine Augen auf mich richte, vergass ich mich. Die Talje knirschte, das Bugspriet gierte und es begann im Jager lebendig zu werden. Da rief der Flaggschiffer, der an meiner Seite stand:

– Festhalten!

Ich fühlte, wie das Rad meinen Händen entrissen wurde, während ich zugleich einen Stoss bekam, dass ich aufs Deck flog.

Ich taumelte zur Seite wie ein hingeworfener Handschuh und stand zu meiner grossen Bestürzung unmittelbar vor den Zehen keines Geringeren als meines Chefs. Ich sah in ein gelbgraues Gesicht, das dem eines reichen Grosshändlers glich. Der Mund war scharf geschnitten und von zwei schrägen Zügen eingefasst, die ihm einen boshaften Ausdruck gaben, der jedoch von einem hellen Backenbart gemildert wurde. Er sah aus, als wolle er mich in die See werfen, aber er schwieg. Er schien sich zu fragen, ob er sich so weit herablassen könne, dass er mich Würmchen ansprach.

Schliesslich erweichten sich die strengen Züge, und er sah mich an, als sei ich ein kleines Kind.

– Wie heissest du, Kadett? fragte er.

Ich nannte meinen Namen.

– Und dein Vater ist?

– Tot, antwortete ich. Aber er war Oberstleutnant bei den Pionieren.

– Ich habe deinen Vater gekannt; wir waren Jugendfreunde, und ich schätzte ihn sehr. Geh auf deinen Posten zurück und halt die Gedanken beisammen.

Ich trat wieder ans Rad und tat mein Äusserstes, um aufmerksam zu sein. Aber der Chef ging auf und ab, und ich fühlte, wie er mich ansah.

Als die Wache zu Ende war und ich in die Kadettenmesse hinunter kam, wurde ich von den Kameraden umringt und gefragt, was der Chef gesagt habe.

Als sie hörten, dass er meinen Vater gekannt habe, sahen die Jüngeren mit einer gewissen Achtung zu mir auf; aber die Älteren sahen arglistig aus, ich konnte nicht verstehen, warum.

Einige Tage später sassen wir, einige Kameraden und ich, auf Halbdeck und splissten Taue. Wir schwatzten über alles Mögliche. Ich aber, der ich immer ein sehr nervöses Temperament gehabt habe, so empfindlich wie eine Kompassnadel, empfand eine gewisse Unruhe, als ob jemand mich fixiere. Ich drehte mich mehrere Male um, um nachzusehen, wessen Augen mich so eigensinnig und energisch verfolgen könnten. Schliesslich blieben meine Blicke auf einem kleinen runden Fenster haften, das zu der äusseren Kajüte des Chefs gehörte, und da sah ich die beiden schrägen Falten um seinen Mund, nicht mehr, die Augen hatte er hinter der Gardine verborgen. Das beunruhigte mich, ohne dass ich hätte sagen können, warum.

Zwei Tage später erhielt ich abends den Befehl, mich in der Kajüte des Chefs einzufinden. Es war ein elegant möblierter Raum mit Büchergestellen, Gemälden, Photographien und einem Orgelharmonium. Drinnen beim Chef sass der Sekond. Er hielt seine Mütze in der Hand und sah verlegen aus.

– Herr Korvettenkapitän, begann der Chef mit einem unnatürlich geläufigen Ton; dieser junge Mann ist der Sohn meines verstorbenen Jugendfreundes, der mir einmal einen unschätzbaren Dienst geleistet hat. Ich fühle mich dem edlen Mann verpflichtet und will deshalb seinen Jungen etwas in die Hand nehmen. Ich werde seine Erziehung leiten, solange er mit mir an Bord ist.

– Willst du mein Schüler werden? wendete er sich zu mir.

Ich war von dieser grossen Gunst, die mir der Freund meines verstorbenen Vaters anbot, so verwirrt, dass ich nur einige unverständliche Worte der Dankbarkeit stammeln konnte.

Er lud mich zum Sitzen ein, und der Sekond bekam einen Wink, dass die Audienz aus sei.

Wir waren allein. Ich weiss nicht, was in seiner Art war, das mich bange machte. Es war nicht der Chef, das Götzenbild, sondern es war ein anderer. Sein Benehmen war verlegen und seine Sprache gezwungen. Auch begegnete er meinen Blicken anfangs nicht.

– Bist du für Mathematik begabt, mein Junge? begann er.

– Nicht besonders, antwortete ich.

– Aber du kannst Gleichungen zweiten Grades lösen?

– Ja, das kann ich ganz gut.

– Dann wollen wir zu den Logarithmen übergehen. Siehst du, ein Seemann ohne Logarithmen, das ist ein Fahrzeug ohne Kompass.

Er stand auf und holte die Logarithmentafel. Schob einen Stuhl an den Tisch heran und griff zu Papier und Feder.

Nachdem er eine Weile über Charakteristik und Mantisse, die er, wie ich später sah, verwechselte, gesprochen hatte, legte er die Feder fort.

– Nun, wie gefällt es dir an Bord?

– Gut, Herr Admiral, antwortete ich.

– Und die Kameraden?

– Von denen spricht man nicht, entschlüpfte es mir, ehe ich hatte einsehen können, welche Zurechtweisung die Antwort enthielt.

– Das ist gut geantwortet, mein Junge, sagte er und sah mich an mit einer Miene, die ältere Leute jüngeren zeigen, wenn die sich eine Freiheit herausnehmen.

– Willst du ein Glas Punsch haben? fragte er; es ist hier etwas feucht.

Nein zu antworten, war nicht möglich, da ich nicht Temperenzler bin. Aber im selben Augenblick überfiel mich ein Gefühl der Furcht: Wenn nun jemand hereinkommt und den Chef mit dem Kadetten trinken sieht! Die Situation war peinlich. Hast du schon empfunden, wie man sich für einen andern schämt? Um ihn war mir bange!

Er öffnete eine Klappe und holte Gläser und eine Karaffe hervor, die er in seine Kabine trug.

– Tritt näher, sagte er.

Meine Unruhe stieg noch mehr; die ganze Situation war so falsch, und der Abgott fiel, fiel unrettbar.

In der Kabine setzte er sich mir gegenüber und sah mich an, wie der Riese, ehe er den Däumling fressen wollte.

– Du bist ein guter Junge, sagte er, indem er (jedoch ohne anzustossen) sein Glas austrank, und dein Aussehen wird dir in deiner Laufbahn weiterhelfen. Weisst du, dass du gut aussiehst?

Ich errötete, das fühlte ich, und wusste nicht, wo er hinaus wollte. Ich sah nur in seinem Gesicht einen neuen seltsamen Ausdruck, und seine Augen flackerten wie Gasflammen.

– Hast du schon Liebesabenteuer gehabt? fragte er von neuem, und seine Augen begannen zu glühen.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, denn ich hatte Respekt vor dem Freund meines Vaters.

Er stand auf und begann auf und ab zu gehen.

– Du hättest mein Sohn sein sollen, sagte er schliesslich; das hättest du!

Er war nicht verheiratet, das wusste ich, und ich verstand, dass das ganze Einsamkeitsgefühl des alten Junggesellen in diesem Ausruf lag.

Jetzt wurde zum Essen geblasen, und ich musste gehen.

– Morgen Abend um dieselbe Zeit, sagte er!

Ich machte Honneur und ging.

Meine Abendstunden wurden eine Zeit lang fortgesetzt. Seine Art wurde immer intimer. Zuweilen belästigte sie mich unbeschreiblich. Kam ich absichtlich zu spät, sah er betrübt aus.

– Du wirst meiner überdrüssig, sagte er. Ich bin alt und langweilig.

Dann wurde ich von Mitleid ergriffen mit dem armen Einsamen, dessen hohe Stellung ihm verbot, sich Verkehr zu suchen.

Wir liefen schliesslich Havana an; ich erhielt Erlaubnis, an Land zu gehen, musste dem Chef aber versprechen, nicht mit den Kameraden schlechte Häuser zu besuchen. Er nahm mir förmlich ein Gelübde ab.

Als ich wieder an Bord kam, fragte er mich, ob ich bei einem Mädchen gewesen sei. Ich antwortete nein, der Wahrheit gemäss.

– Das ist recht, mein Junge, sagte er. Nimm dich vor den Weibern in Acht! Hörst du!

Und dann segelten wir wieder.