Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten
Part 14
Plötzlich quellen zwei Schlammströme aus den Röhren hervor, überschwemmen den Rinnstein und begiessen die Füsse der Kinder, die aufschreien, von dem Gestank halb erstickt.
– Zieh die Kinder zum Ausgehen an, aber beeile dich, ruft er, den die herzzerreissende Szene ganz verzagt gemacht hat.
Der Vater schob den Korbwagen, in dem das Kleinste lag, während die Mutter die andern an der Hand führte.
Sie kamen nach dem Klarakirchhof, ihrem gewöhnlichen Zufluchtsort, dessen dunkelstämmige Linden üppig grünten, als sei der Boden von den dort beerdigten Leichen gedüngt.
Es läutete zum Abendgottesdienst. Armenhäuslerinnen gingen in Scharen in die Kirche, um sich auf die Stühle zu setzen, die ihre reichen Eigentümer leer gelassen; die hatten ihre Seele beim Hauptgottesdienst erquickt und schaukelten jetzt auf ihren Equipagen im königlichen Tiergarten. Die Kinder kletterten auf den flachen Gräbern herum, die mit Wappenschilden und Inschriften geschmückt waren.
Die Gatten setzten sich auf eine Bank und stellten den Kinderwagen, in dem das Kleinste lag und an der Flasche sog, neben sich. Halb vom Gras eines nahen Grabes verborgen, gaben sich zwei Hunde beim Klang der heiligen Glocken ihren Frühlingsgefühlen hin.
Ein junges elegantes Ehepaar, das ein kleines in Samt und Seide gekleidetes Mädchen an der Hand führte, kam vorbei. Der arme Reinschreiber hob die Augen zu dem jungen Stutzer und erkannte einen früheren Kameraden aus dem Handelsamt, der ihn aber nicht grüsste. Ein Gefühl bitteren Neides packte ihn so heftig, dass er sich mehr von diesem „unedlen“ Gefühl gedemütigt fühlte als von seiner beklagenswerten Lage. Grollte er dem andern, weil der jetzt eine Stelle bekleidete, nach der er selber gestrebt? Sicher nicht. Aber sein Neid konnte ja die Kehrseite seines Rechtsgefühls sein, und sein Leiden war um so tiefer, weil es von einer ganzen enterbten Klasse geteilt wurde. Er war überzeugt, dass die Armenhäuslerinnen, die das Joch der kommunalen Wohltätigkeit trugen, seine Frau beneideten; und es war ganz sicher, dass viele von diesen Herrschaften, die hier in ihren mit Wappenschilden geschmückten Gräbern ruhten, ihn um seine Kinder beneidet hätten, wenn sie selber gestorben waren, ohne einen Erben für das Majorat zu hinterlassen. Allerdings hat das Leben seine Mängel, aber warum sollen die fetten Bissen denen zufallen, die es schon gut haben? Und wie kommt es, dass der Gewinn immer bei denen bleibt, welche die grosse Lotterie eingerichtet haben? Die Enterbten müssen sich mit der Messe begnügen, nämlich der des Abendgottesdienstes; für sie ist die Moral bestimmt und die Tugenden, die von den andern verachtet werden, denn die Pforten des Himmels springen gegen klingende Bezahlung für sie auf. Aber der gute und gerechte Gott, der die Gaben so schlecht verteilt hat? Besser wäre es in der Tat, ohne einen schlechten Gott zu leben, der obendrein so aufrichtig gewesen war, einzugestehen, „der Wind wehe, wohin er (der Wind) will“; damit habe er ja bekannt, dass er sich nicht mit unseren Angelegenheiten befasse. Aber ohne Kirche kein Trost unter den jetzigen Verhältnissen! Aber warum gerade Trost? Besser, sich so einzurichten, dass man keinen Trost nötig hat. Nicht wahr?
In diesen Gedanken wurde er von seiner ältesten Tochter unterbrochen, die ein Lindenblatt als Sonnenschirm für ihre Puppe haben wollte. Der Vater war kaum auf die Bank gestiegen, um einen Zweig abzubrechen, als ein Schutzmann ihm in barschem Ton zurief, man dürfe die Bäume nicht anrühren. Neue Demütigung! Gleichzeitig ersuchte ihn der Schutzmann, die Kinder nicht auf die Grabsteine steigen zu lassen, denn das sei nach der Kirchhofsordnung verboten.
– Das Beste ist wohl, wir gehen nach Haus, rief der Vater vernichtet aus. Wie viel Mühe man sich um die Toten macht und wie wenig um die Lebenden!
Und sie gingen wieder nach Haus.
Der Mann setzte sich an seine Arbeit. Er hatte das Manuskript einer akademischen Abhandlung über die Überbevölkerung abzuschreiben.
Er konnte nicht anders, als sich für den Inhalt zu interessieren, und las daher das ganze Heft.
Der junge Autor, der zu der sogenannten ethischen oder Damenschule gehörte, predigte gegen das Laster.
– Was für ein Laster? fragte sich der Abschreiber. Durch das wir alle zur Welt kommen? Das bei der Trauung geboten wird durch die Worte: „Vermehret euch und erfüllet die Erde!“
Und der junge Autor schrieb weiter: Ausser der Ehe sei die Vermehrung ein unheilvolles Laster, weil die Kinder, die nicht die nötige Pflege erhalten, ein trauriges Schicksal haben. In der Ehe dagegen sei es eine Pflicht, seinen Neigungen freien Lauf zu lassen. Dafür spreche unter anderm der Umstand, dass das Gesetz sogar das Ei des Weibes schützt, und zwar mit Recht.
– Es gibt also, dachte der Abschreiber, eine Vorsehung für eheliche, aber keine für uneheliche Kinder. Oh dieser junge Philosoph! Und das Gesetz, das das Ei schützt! Mit welchem Recht machen sich denn die kleinen mikroskopischen Dinger bei jedem Mondwechsel los? Man müsste wirklich die Polizei holen, um über die heiligen Eier zu wachen!
Alle diese Albernheiten musste er mit seiner schönsten Handschrift ins Reine schreiben.
Eine solche Menge Moral, aber nicht ein Wort der Aufklärung.
Der moralische oder richtiger der unmoralische Sinn des Gedankengangs war: Es gibt einen Gott, der alle in der Ehe geborenen Kinder nährt und kleidet; einen Gott im Himmel, wahrscheinlich, aber auf der Erde? Allerdings soll er einmal auf die Erde niedergestiegen sein, um sich kreuzigen zu lassen, nachdem er sich vergebens bemüht, Ordnung in die verworrenen Geschäfte der Menschheit zu bringen: er wurde nicht damit fertig.
Zum Schluss schrie sich der Philosoph heiser, der reichliche Vorrat an Weizen sei ein unwiderlegbarer Beweis, dass es keine Überbevölkerung gebe; dass die Lehre des Malthus falsch sei, und dazu verbrecherisch, sowohl vor dem bürgerlichen Gesetz wie vor dem moralischen.
Und der arme Familienvater, der seit Jahren kein Weizenbrötchen gekostet hatte, stand auf, um die Kinder anzutreiben, Roggenmehlgrütze und bläuliche Milch hinunter zu würgen, mit denen sie den Magen füllten, ohne sich satt zu fühlen.
Es war trostlos, nicht weil Wassergrütze das Schlimmste ist, sondern weil der alte prächtige Humor verschwunden war; dieser Zauberer, der den dunkeln Roggen in goldenen Weizen zu verwandeln weiss; die allmächtige Liebe, die ihr Füllhorn ausschüttet, war nicht mehr da. Die Kinder waren Lasten geworden, und die geliebte Frau ein versteckter Feind, der heimlich verachtete und verachtet wurde.
Und die Quelle zu all diesem Unglück? Der Mangel an Brot! Und doch stürzen jetzt die grossen Handelshäuser der neuen Welt unter der Last des allzu reichlichen Vorrats von Getreide zusammen! Eine Welt der Widersprüche! Die Art und Weise, nach der das Brot verteilt ist, muss also mangelhaft sein.
Die Wissenschaft, welche die Stelle der Religion eingenommen hat, vermag keine Antwort darauf zu geben; sie stellt nur die Tatsache fest und lässt die Kinder vor Hunger sterben und die Eltern vor Durst.
Zwangsehe
Sein Vater starb ihm früh, und seitdem war er in den Händen einer Mutter, zweier Schwestern und einiger Tanten. Einen Bruder hatte er nicht. Sie lebten auf einem Besitztum in der schwedischen Provinz Södermanland und hatten keine Nachbarn, mit denen sie verkehren „konnten.“ Im Alter von sieben Jahren erhielt er, zusammen mit den Schwestern, eine Gouvernante, und gleichzeitig wurde eine Cousine ins Haus aufgenommen.
Er schlief im selben Zimmer wie die Schwestern, spielte deren Spiele, badete mit ihnen, und niemand dachte daran, dass er von anderem Geschlecht sei als die Mädchen. Die älteren Schwestern nahmen ihn auch bald in die Hand und wurden seine Schulmeister und Tyrannen.
Er war ein recht kräftiger Junge, aber der Zärtlichkeit so vieler überlassen, wurde er allmählich verzärtelt und hilflos.
Einmal machte er einen Versuch, mit den Jungen der Instleute zu spielen. Sie gingen in den Wald, kletterten auf die Bäume, plünderten die Vogelnester, warfen Steine nach Eichhörnchen. Frithiof war glücklich, als sei er aus einem Gefängnis entlassen, und kam nicht zum Mittagessen zurück. Die Jungen pflückten Blaubeeren und badeten im See. Es war der erste Tag seines Lebens, an dem er lustig gewesen.
Als er gegen Abend zurückkam, war grosse Aufregung im Hause. Die Mutter war unruhig und betrübt, zeigte aber ohne Verstellung ihre Freude, ihn wieder zu Hause zu haben; doch die unverheiratete Tante Agathe, die ältere Schwester der Mutter, die Herrin im Hause war, wütete. Es sei ein Verbrechen, wenn man ihn _nicht_ züchtige. Frithiof begriff nicht, worin das Verbrechen bestand, aber Tante sagte, Ungehorsam sei ein Verbrechen. Frithiof wendete ein, man habe ihm nie verboten, mit den Kindern der Instleute zu spielen. Das habe man allerdings nicht, denn das sei überhaupt nicht in Frage gekommen. Die Tante blieb bei ihrem Vorsatz und vor den Augen der Mutter nahm sie den Jungen auf ihr Zimmer, um ihn durchzuhauen. Er war acht Jahre alt und schon ziemlich gross.
Als die Tante sein Hosenbund anfasste, um ihm die Hosen abzuknöpfen, überlief ihn ein Fieberschauer; der Atem blieb ihm im Hals stecken und das Herz klopfte. Er schrie nicht, aber er starrte entsetzt die alte Frau an, die ihn beinahe liebkosend hat, gehorsam zu sein und keinen Widerstand zu leisten. Als sie aber seinen Körper entblösste, überfiel ihn ein Gefühl von Scham und Wut: er sprang vom Sofa auf und schlug um sich. Etwas Unreines, etwas Dunkles, Widriges schien von dieser Frau auszugehen, und die Scham seines Geschlechts erhob sich wie gegen einen Feind.
Aber die Tante wurde wütend, warf sich über ihn, legte ihn über einen Stuhl, riss sein Hemd auf und schlug ihn. Zuerst schrie er aus Wut, denn den Schmerz fühlte er nicht, strampelte konvulsivisch mit den Füssen, um loszukommen; dann wurde er plötzlich still und schwieg.
Als die Alte aufhörte, blieb er liegen.
– Steh auf, sagte sie mit gebrochener Stimme.
Er stand auf und sah sie an. Sie war blass auf der einen Backe und rot auf der andern. Die Augen leuchteten von einem dunkeln Feuer und sie zitterte am ganzen Körper. Der Junge sah sie an, als sei sie ein böses Tier, und lächelte überlegen, als fühle er sich in der Verachtung, die sie ihm einflösste, hoch über ihr. Dann schleuderte er ihr ein einziges trotziges verächtliches „Teufelin“ ins Gesicht, einen Ausdruck, den er eben von den Kindern der Instleute gelernt hatte. Dann nahm er seine Kleider und lief hinaus; hinunter zur Mutter, die weinend im Esssaal sass.
Er wollte sich bei ihr beklagen, sie wagte ihn aber nicht zu trösten. Da ging er in die Küche hinunter, wo die Mädchen ihm Rosinen zu essen gaben.
Von diesem Tag an durfte er nicht mehr im Zimmer der Schwestern schlafen, sondern wurde von der Mutter mit in ihre Schlafstube genommen. Er fand es dort dumpf und langweilig, und wenn die Mutter in ihrer Zärtlichkeit mehrere Male in der Nacht aufstand, um ihn zuzudecken, wurde er in seinem Schlaf gestört und antwortete zornig auf ihre Fragen, ob es ihm gut gehe.
Er durfte niemals ausgehen, ohne dass ihn jemand anzog, und er hatte so viele wollene Halstücher, dass er nicht wusste, welches er nehmen sollte. Schlich er sich hinaus, so wurde sofort durchs Fenster gerufen, er solle hinaufkommen und etwas überziehen.
Die Spiele der Schwestern fingen an ihn zu quälen. Federballwerfen genügte seinen starken Armen nicht mehr: die wollten Steine werfen. Bei dem kleinlichen Krocketspiel, das weder Muskelanstrengung noch Verstand verlangt, sich herumzuzanken, reizte seine Nerven.
Dann hatte er die Gouvernante auf dem Nacken. Sie sprach ihn französisch an, während er schwedisch antwortete. Ein dumpfer Hass gegen das ganze Dasein und seine Umgebung begann zu keimen.
Er sah auch bald eine Geringschätzung in der ungenierten Art, die man sich in seiner Gegenwart erlaubte, und alle wurden ihm schliesslich zuwider. Die Einzige, die auf seine Gefühle etwas Rücksicht nahm, war die Mutter; so hatte sie einen grossen Schirm um sein Bett stellen lassen.
Seine Zuflucht wurde schliesslich die Küche und die Mädchenstube; dort fand er immer Zustimmung. Zuweilen bekam er dort jedoch Dinge zu hören, welche die Neugier eines Knaben hätten reizen können, aber für ihn gab es keine Geheimnisse. So war er einmal zufällig an die Badestelle der Mädchen gekommen. Die Gouvernante hatte geschrieen, aber er verstand nicht warum und fing mit den Mädchen, die nackt im Wasser standen oder lagen, zu plaudern an. Ihre Nacktheit machte gar keinen Eindruck auf ihn.
Er wuchs auf und wurde ein Jüngling. Nun musste man einen Inspektor halten, der ihn die Landwirtschaft lehrte, denn er war ja dazu bestimmt, einmal das Gut zu übernehmen. Man nahm einen alten Mann, der gläubig gesinnt war. Dessen Gesellschaft war nicht gerade dazu angetan, den Jüngling zu beleben, aber sie war immer noch besser, als er sie bisher gehabt hatte. Er sah die Dinge von neuen Gesichtspunkten und war tätig. Aber der Inspektor erhielt täglich und stündlich so viel Instruktionen von den Damen, dass er schliesslich deren Sprachrohr wurde.
Mit sechzehn Jahren wurde Frithiof konfirmiert, bekam eine goldene Uhr und durfte jetzt reiten; aber mit der Flinte in den Wald zu gehen, was sein Traum war, das erlaubte man ihm nicht. Er hatte allerdings keine Schläge mehr von seiner Erzfeindin zu fürchten, aber er hatte Angst vor den Tränen der Mutter. Er blieb immer das Kind, und die Gewohnheit, das Urteil der andern zu respektieren, konnte er nicht los werden.
* * * * *
Frithiof wuchs heran und wurde zwanzig Jahre alt. Eines Tages stand er in der Küche und sah zu, wie die Köchin Barsche schuppte. Sie war ein junges hübsches Mädchen von feiner Gesichtsfarbe. Er fing an mit ihr zu scherzen, steckte ihr schliesslich seine Hand in den Rücken.
– Seien Sie doch artig, Herr Frithiof, sagte das Mädchen.
– Ich bin ja artig, sagte er und wurde zudringlich.
– Wenn die gnädige Frau kommt!
– Nun und?
In diesem Augenblick ging seine Mutter an der offenen Küchentür vorbei, bog aber sofort ab und ging hinaus auf den Hof.
Frithiof fand die Situation peinlich und verschwand auf sein Zimmer.
Sie hatten einen neuen Gärtner bekommen. In ihrer Weisheit hatten die Damen einen verheirateten genommen, damit er nicht hinter den Mägden herlaufe. Das Unglück aber wollte, dass der Gärtner so lange verheiratet gewesen war, dass die Frucht seiner Ehe in der lieblichen Gestalt einer Tochter hatte reifen können.
Herr Frithiof entdeckte bald die schöne Blume unter den andern Rosen des Gartens. Alles, was sich bei ihm an Wohlwollen gegen _die_ Hälfte der Menschheit, zu der er nicht gehörte, angesammelt hatte, begann sich jetzt diesem jungen Mädchen gegenüber, das verhältnismässig fein gewachsen war und etwas Erziehung erhalten hatte, zu äussern.
Er ging oft in den Garten und plauderte lange mit ihr, wenn sie an einem Beet arbeitete oder Blumen pflückte. Sie aber verhielt sich ablehnend gegen ihn; doch wuchs dadurch seine Neigung nur noch mehr.
Eines Tages ritt er durch den Wald und hatte wieder wie gewöhnlich Hallucinationen von ihrer Gestalt, die für ihn die Natur des Vollkommenen angenommen. Er war krank vor Sehnsucht, allein in ihrer Nähe zu sein, ohne fürchten zu müssen, dass jemand darüber unwillig werde. Dieses Glück hatte für seine erhitzte Einbildung so ungeheuerliche Proportionen angenommen, dass er ohne sie nicht mehr leben wollte.
Das Pferd ging Schritt vor Schritt mit losen Zügeln den Pfad dahin, während der Reiter auf seinem Rücken in Gedanken versank. Plötzlich sah er etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern, und hervor trat das Mädchen des Gärtners. Herr Frithiof stieg ab und grüsste. Dann gingen sie zusammen weiter und plauderten, während er das Pferd hinter sich herzog. Er sprach in dunkeln Worten von seiner Liebe zu ihr; sie aber wies jeden Antrag zurück.
– Warum sollen wir von dem Unmöglichen sprechen, sagte sie.
– Was ist unmöglich? rief er aus.
– Für mich als armes Mädchen ist es unmöglich, die Frau eines reichen und feinen Herrn zu werden.
Die Bemerkung war richtig, und Herr Frithiof fühlte sich geschlagen. Seine Liebe war grenzenlos, aber er sah keine Möglichkeit, seine Hindin durch die Koppel zu führen, die Haus und Hof bewachte; die würde sie sicher in Stücke reissen.
Nach diesem Gespräch überliess er sich einer stillen Verzweiflung.
Im Herbst zog der Gärtner fort, ohne dass man erfuhr, warum. Herr Frithiof war sechs Wochen lang untröstlich, denn er hatte seine erste und einzige Liebe verloren: nie würde er wieder lieben.
* * * * *
So verging der Herbst. Um die Weihnachtszeit liess sich der neue Kreisarzt in der Nachbarschaft nieder. Er hatte erwachsene Kinder, und da die Tanten immer krank waren, fingen sie an mit der Familie zu verkehren. Unter den erwachsenen Kindern befand sich auch ein Mädchen. Es dauerte nicht lange, bis Herr Frithiof sterblich in sie verliebt war. Er schämte sich zuerst, dass er der ersten untreu werde, bekehrte sich aber schnell zu der Ansicht, die Liebe müsse etwas Unpersönliches sein, da sie ihren Gegenstand wechseln könne; es schien eine Vollmacht zu sein, die auf den Inhaber ausgestellt ist.
Sobald diese neue Neigung von seinen Wächterinnen gewittert wurde, bat die Mutter ihren Sohn um ein Gespräch unter vier Augen.
– Du bist jetzt in den Jahren, begann sie, in denen sich ein Mann nach einer Frau umzusehen pflegt.
– Das ist bereits geschehen, liebe Mama, sagte er.
– Ich fürchte, du hast dich übereilt, sagte sie. Das Mädchen, das du gewählt haben willst, besitzt nicht die moralischen Grundsätze, die ein gebildeter Mann verlangen muss.
– Was? Amaliens moralische Grundsätze! Wer hat etwas gegen die zu sagen?
– Ich will nichts Böses von ihr sagen, aber ihr Vater ist, wie du weisst, ein Freidenker ...
– Es freut mich, dass ich mit einem Mann verwandt werde, der frei denkt, ohne auf Interessen Rücksicht zu nehmen.
– Lassen wir ihn; aber, Frithiof, du hast ältere Verpflichtungen.
– Was? Sollte ...
– Ja, du hast mit Luises Herz gespielt ...
– Meinst du die Cousine?
– Ja! Habt ihr euch nicht seit der Kindheit als ein künftiges Paar betrachtet? Glaubst du nicht, dass sie ihre Hoffnung und ihre Zukunft auf dich gesetzt hat?
– Ihr, ihr habt mit uns gespielt, habt uns zusammen gehetzt, nicht ich! antwortete der Sohn.
– Aber denk doch an deine alte Mutter und deine Schwestern, Frithiof. Willst du in dieses Haus, das immer unser aller Heim gewesen ist, ein wildfremdes Mädchen bringen, das das Recht besitzt, über uns zu befehlen.
– Das ist also der Grund! Luise ist zur Herrin auserkoren!
– Niemand ist auserkoren, aber eine Mutter hat immer das Recht, die künftige Frau ihres Sohnes auszuwählen, und niemand kann das so gut wie sie. Zweifelst du an meinen guten Absichten? Sag, kannst du deine eigene Mutter in Verdacht haben, dass sie dir schaden will?
– Nein, das kann ich nicht, aber ich – liebe Luise nicht; ich habe sie gern wie eine Schwester, aber ...
– Lieben? Ach die Liebe ist ein so unbeständiges Ding. Auf die kann man sich nicht verlassen, die verschwindet wieder, aber Freundschaft, Übereinstimmung in Ansichten und Gewohnheiten, gemeinsame Interessen, genaue Bekanntschaft mit einander bilden die beste Garantien für das eheliche Glück. Luise ist ein tüchtiges Mädchen, häuslich und ordentlich, und sie wird dein Heim so glücklich machen, wie du es nur wünschen kannst.
Frithiof sah keine andere Aussicht, für dieses Mal noch loszukommen, als dadurch, dass er um Bedenkzeit bat.
Inzwischen wurden die Damen auf einmal so gesund, dass sie keinen Arzt mehr nötig hatten. Der Doktor machte doch noch einen Besuch, wurde aber wie ein Einbrecher empfangen, der Schlösser und Riegel auskundschaften wollte. Er war ein scharfsichtiger Mann und sah sofort, wie es bestellt war. Frithiof machte einen Gegenbesuch, wurde aber als falscher Angeber aufgenommen. Damit war es aus mit dem Verkehr.
* * * * *
Frithiof wurde mündig.
Jetzt begann man Sturm zu laufen. Die Tanten krochen vor ihm und zeigten dem neuen Herrn ihre Unentbehrlichkeit, indem sie ihn wie ein unverständiges Kind behandelten. Die Schwestern zeigten sich mütterlicher als je, und Luise begann Toilette zu machen. Sie schnürte sich und brannte sich das Haar. Sie war durchaus kein hässliches Mädchen, aber sie hatte einen kalten Blick und eine scharfe Zunge.
Für Frithiof war sie gleichgültig, geschlechtslos; er hatte nie das Mädchen in ihr gesehen. Jetzt aber, nachdem die Mutter von ihr gesprochen, fühlte er sich verlegen in ihrer Nähe, besonders da sie zu kleben anfing. Er traf sie überall, auf der Treppe, im Garten, sogar im Stall. Eines Morgens, als er noch zu Bett lag, kam sie auf sein Zimmer, um Stecknadeln zu holen; sie trug einen Frisiermantel und spielte die Schüchterne.
Sie begann ihm widrig zu werden, aber doch beschäftigte sie seine Gedanken.
Inzwischen erneuerte die Mutter ihre Gespräche mit dem Sohn, und Tanten und Schwestern spielten unaufhörlich auf die erwartete Hochzeit an.
Das Leben wurde dem jungen Mann unerträglich. Er sah keinen Ausweg aus diesem Netz. Luise war wohl etwas anderes für ihn geworden als die Schwester und die Kameradin, aber sie war ihm darum nicht lieber geworden; doch indem er an die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung dachte, war sie für ihn schliesslich zum Weib geworden, zwar zu einem unsympathischen, aber doch zu einem Weib. Die Heirat bedeutete immerhin eine Veränderung seiner Stellung und vielleicht eine Rettung aus der Knechtschaft. Er bekam im ganzen Kirchspiel kein anderes Mädchen zu sehen, und sie war vielleicht ebenso gut oder ebenso schlecht wie eine andere.
Schliesslich ging er zur Mutter und sagte ihr, unter welchen Bedingungen er sich mit Luise verheiraten wolle: eigener Haushalt im Flügelgebäude und eigener Tisch; auch solle die Mutter für ihn freien, denn das könne er nicht über sich gewinnen.
Der Kompromiss wurde angenommen, und man führte Luise herein, um Frithiofs Umarmung und schüchternen Kuss zu empfangen. Sie weinten alle beide; warum sie weinten, wussten sie nicht; aber sie schämten sich vor einander den ganzen Tag über bis zum Abend.
Dann war alles wie vorher zwischen ihnen, aber die Mütterlichkeit der Tanten und Schwestern kannte jetzt keine Grenzen mehr. Sie richteten den Flügel ein, stellten die Möbel auf, verteilten die Zimmer, bestimmten alles. Frithiof wurde nicht gefragt.
Dann begann man die Hochzeit zu rüsten. Alte Verwandte, die in der Provinz begraben waren, wurden aufgesucht und als Trauzeugen geladen.
Die Hochzeit fand statt.
Am Morgen nach der Hochzeit war Herr Frithiof früh auf den Beinen. Er verliess die Schlafstube so schnell wie möglich, indem er vorgab, eine wichtige Arbeit auf dem Felde verrichten zu müssen. Luise, die noch schläfrig war, hatte nichts dagegen einzuwenden; aber gerade als er gehen wollte, sagte sie:
– Du vergisst doch nicht, dass um elf Uhr Frühstück ist.
Das sagte sie wie einen Befehl.
Er ging in sein Zimmer, zog Jagdrock und Wasserstiefel an und nahm seine Flinte, die er in einem Schrank versteckt hielt. Dann ging er in den Wald.