Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Part 13

Chapter 133,897 wordsPublic domain

So sassen sie wieder da unter vier Augen. Er nahm den Brotkorb und bot ihr an. Sie lächelte. Es war lange her, dass er so höflich gegen sie gewesen. Aber es war etwas Neues und Angenehmes, in einem Gasthaus am Meer zu essen, und bald waren sie in einem lebhaften Gespräch begriffen; es war ein Duett, in dem der eine in das Damals fiel und der andere eine Erinnerung aussprach; sie lebten in den Erinnerungen. Die Blicke leuchteten und die kleinen Runzeln der Gesichter glätteten sich. O die goldene, rosenrote Zeit, die man nur einmal erlebt, _wenn_ man sie erlebt, und die so viele, viele niemals erleben.

Beim Nachtisch flüsterte er der Kellnerin etwas zu; gleich darauf kam sie mit einer Flasche Champagner zurück.

– Lieber Axel, was denkst du? sagte sie halb vorwurfsvoll.

– An den Frühling, der vergangen ist, aber wiederkehren wird.

Aber er dachte nicht ausschliesslich daran, denn beim Vorwurf seiner Frau tauchte, wie wenn eine Katze durchs Zimmer schleicht, ein dunkles Bild von der Kinderstube und der Mehlbreischüssel auf.

Dann aber wurde es wieder klar und der rosenrote Wein rührte wieder an die Saiten der Erinnerung, und sie warfen sich wieder in den zauberischen Rausch der Vergangenheit.

Er stützte jetzt den Ellbogen auf den Tisch und hielt die Hand vor die Augen, als wolle er sich von der Gegenwart nicht stören lassen, dieser Gegenwart, die er doch gerade gesucht hatte.

Die Stunden verrannen. Sie standen auf und gingen in den Salon, wo das Klavier stand, um Kaffee zu trinken.

– Ich möchte wissen, wie es den Kindern geht, sagte sie, die jetzt erst aus dem Rausch erwachte.

– Setz dich und sing, sagte er und schlug das Instrument auf.

– Was soll ich singen? Du weisst doch, dass ich lange nicht gesungen habe.

Ja, das wisse er, jetzt aber wolle er ein Lied haben.

Sie setzte sich ans Piano und präludierte. Es war ein kreischendes Wirtshausklavier, das wie lose Zähne klang.

– Was soll ich singen? fragte sie und drehte sich auf dem Stuhl um.

– Das weisst du, Lilly, antwortete er, ohne dass er es wagte, ihrem Blick zu begegnen.

– Dein Lied! Ja! Wenn ichs noch kann!

Und sie sang: „Wie mag das Land wohl heissen, in dem mein Liebster wohnt?“

Aber ach, die Stimme war dünn und scharf, und vor Rührung wurde sie unrein. Es war zuweilen wie ein Schrei aus der Tiefe der Seele, die fühlt, dass der Mittag vorbei ist und der Abend sich nähert. Die Finger, die schwere Arbeit getan, konnten die rechten Töne nicht finden; auch war das Instrument ausgespielt; das Tuch auf den Hämmern abgenutzt, und das blosse Holz klopfte gegen die Metallsaiten.

Als das Lied zu Ende war, wagte sie sich zuerst nicht umzudrehen, als erwarte sie, dass er zu ihr komme und etwas sage. Aber er kam nicht, und es war still im Zimmer. Als sie sich schliesslich auf ihrem Stuhl umwandte, sass er im Sofa und weinte. Sie wollte aufspringen, seinen Kopf in ihre Hände nehmen und ihn küssen wie früher, aber sie blieb sitzen, unbeweglich, die Blicke auf den Boden gerichtet.

Er hatte eine nicht angesteckte Zigarre zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er hörte, dass es still wurde, biss er die Spitze ab und machte mit einem Streichholz Feuer.

– Danke, Lilly, sagte er und qualmte. Willst du jetzt Kaffee trinken?

Sie tranken Kaffee und sprachen von der Sommerfrische im allgemeinen, und wo sie im nächsten Sommer wohnen würden. Aber das Gespräch begann einzutrocknen, und man wiederholte sich.

Schliesslich sagte er in einem langen rückhaltlosen Gähnen:

– Jetzt gehe ich schlafen!

– Das werde ich auch tun, sagte sie und stand auf. Erst aber will ich etwas hinausgehen – auf den Balkon.

Er ging in die Schlafstube. Sie blieb einen Augenblick im Esssaal stehen und plauderte mit der Wirtin über Sommerzwiebeln, um sich auf Wollwäsche zu verirren, bis eine halbe Stunde um war.

Als sie zurückkam, blieb sie an der Tür der Schlafstube stehen und lauschte. Drinnen war alles still, und die Stiefel standen draussen. Sie klopfte, aber niemand antwortete. Da öffnete sie die Tür und trat ein. Er schlief.

Er schlief!

* * * * *

Am nächsten Morgen sassen sie am Kaffeetisch. Er hatte Kopfweh und sie sah unruhig aus.

– Was für ein Kaffee, sagte er und machte ein Gesicht.

– Das ist Brasilianer, sagte sie.

– Was sollen wir heute anfangen, fragte er und sah nach der Uhr.

– Du solltest dir ein Butterbrot nehmen, meinte sie, statt über den Kaffee zu schelten.

– Ja, das will ich tun, sagte er, und ein Schnäpschen dazu. Der Champagner, brr!

Er liess sich Brötchen mit Branntwein bringen und wurde heiterer.

– Jetzt gehen wir auf den Lotsenberg und sehen uns die Aussicht an.

Sie standen auf und gingen aus. Das Wetter war herrlich und der Spaziergang tat ihnen wohl. Als sie aber den Berg hinaufstiegen, ging es langsam: ihr fiel das Atmen schwer, und er hatte steife Knie. Parallelen mit der Vergangenheit wurden nicht mehr gezogen.

Dann gingen sie in die Hage hinaus.

Die Wiesen waren längst gemäht und dann so abgeweidet, dass keine Blume mehr zu sehen war. Sie setzten sich beide auf Steine.

Er sprach von der Gefängnisinspektion und von seinem Amt. Sie von den Kindern.

Dann gingen sie ein Stück weiter, ohne zu sprechen. Er zog die Uhr.

– Es sind noch drei Stunden bis zum Mittagessen, sagte er.

Und dann dachte er: ich möchte wissen, was wir morgen tun werden.

Sie kehrten um und gingen zum Hotel zurück. Er begann nach Zeitungen zu suchen. Sie lächelte und sass schweigend neben ihm.

Das Essen war recht still. Schliesslich fing sie von den Mägden an.

– Um Gottes willen, verschone uns mit den Mägden, rief er aus.

– Ja, wir sind nicht hergekommen, um uns zu zanken.

– Habe ich mich gezankt?

– Ja, ich doch nicht.

Eine furchtbare Pause entstand. Jetzt hätte er gewünscht, es komme jemand dazwischen. Die Kinder! Ja! Dieses tête-à-tête fing an ihm lästig zu werden. Dann aber fühlte er einen Stich im Herzen, wenn er an die hellen Stunden von gestern dachte.

– Lass uns nach der Eichenhöhe gehen und Walderdbeeren pflücken, sagte sie.

– Zu dieser Jahreszeit gibt es keine Walderdbeeren mehr, es ist ja Herbst!

– Lass uns doch gehen!

Und sie gingen wieder. Aber kein Gespräch kam auf. Er suchte mit den Augen nach einem Gegenstand, nach einem Punkt am Wege, von dem man sprechen konnte, aber alles war schon besprochen. Sie kannte alle seine Ansichten und missbilligte einen grossen Teil davon. Auch sehnte sie sich nach Haus, nach den Kindern, nach der Häuslichkeit. Es sei doch zu verrückt, hier wie ein Spektakel herumzulaufen, um sich jeden Augenblick einem Streit auszusetzen.

Schliesslich machten sie Halt, denn sie war müde. Er setzte sich und fing an mit seinem Stock im Sande zu zeichnen; er wünschte nur, sie rufe einen Ausbruch hervor.

– An was denkst du, fragte sie schliesslich.

– Ich, antwortete er, wie von einer Last befreit, ich denke: wir sind alt, Mama; wir haben ausgespielt und wir müssen zufrieden sein mit dem, was gewesen ist. Denkst du wie ich, so fahren wir mit dem Abenddampfer nach Haus.

– Das habe ich die ganze Zeit gedacht, lieber Alter: aber du solltest deinen Willen haben.

– Dann komm, wir fahren nach Haus. Es ist kein Sommer mehr, es ist Herbst.

– Ja, es ist Herbst!

Mit leichten Schritten gingen sie zurück. Er war etwas verlegen über die prosaische Wendung, welche die Sache genommen, und hatte das Bedürfnis, der Tatsache eine philosophische Deutung zu geben.

– Siehst du, Mama, sagte er, meine Lie– hm (das Wort war zu stark), meine Neigung für dich hat im Lauf der Jahre eine Evolution durchgemacht, wie man jetzt sagt. Sie hat sich entwickelt, sich erweitert: anfangs umfasste sie nur ein Individuum, später die Familie als ein Ganzes. Es handelt sich jetzt nicht mehr um dich persönlich, auch nicht um die Kinder, sondern um das Ganze ...

– Also, wie Onkel immer sagte, Kinder sind Blitzableiter!

Er war nach seiner philosophischen Erklärung wieder er selber geworden. Es war schön, den Gehrock ablegen zu können; und es war ihm, als ziehe er den Schlafrock wieder an.

Als sie ins Gasthaus kamen, begann sie sofort zu packen, und da war sie in ihrem Element.

Als sie an Bord des Dampfers kamen, gingen sie sofort hinunter in den Speisesaal. Anstandshalber hatte er jedoch zuerst gefragt, ob sie sich den Sonnenuntergang ansehen wolle; sie hatte aber abgelehnt.

Als sie zu Abend assen, nahm er sich selber zuerst, und sie fragte die Wirtin, was das Hartbrot koste.

Als er sich satt gegessen hatte und das Porterglas an den Mund setzte, konnte er einen Gedanken, der ihn schon lange amüsiert hatte, nicht mehr unterdrücken.

– Alter Tollkopf! Was! sagte er und lächelte seine Frau an, die gerade während eines Bissens zu ihm aufsah.

Sie aber beantwortete das Lächeln seines fettglänzenden Gesichts nicht, sondern ihre Augen, die eine Sekunde aufgeblitzt hatten, nahmen einen so vernichtenden Ausdruck von Würde an, dass er ganz verlegen wurde.

Jetzt war die Verzauberung gebrochen, die letzte Spur der Geliebten verschwunden: er sass da mit der Mutter seiner Kinder, und er fühlte sich geduckt.

– Weil ich einen Augenblick albern gewesen, brauchst du mich nicht geringzuschätzen, sagte sie ernst. Aber in des Mannes Neigung liegt immer ein gut Teil Verachtung; das ist sonderbar.

– Und in des Weibes?

– Noch mehr! Das ist wahr! Aber sie hat auch eher Veranlassung.

– Das ist wohl gleich, wenn auch nicht dasselbe. Wahrscheinlich aber haben sie alle beide unrecht. Was man überschätzt hat, weil es so schwer zu erlangen war, schätzt man nachher leicht gering.

– Warum überschätzt man es denn?

– Warum ist es so schwer zu erlangen?

Die Dampfpfeife über ihren Köpfen unterbrach das Gespräch.

Sie waren am Ziel.

Als sie wieder in ihrer Wohnung waren und er sie mitten in der Kinderschar sah, da fühlte er, dass seine „Neigung“ für sie eine Umwandlung durchgemacht habe und dass ihre Neigung für ihn auf alle diese kleinen Schreihälse übergegangen und verteilt sei. Vielleicht hatte er ihre Neigung nur als Mittel zum Zweck besessen. Seine Rolle war ja so vorübergehend, und darum fühlte er sich abgesetzt. Wenn er nicht nötig gewesen wäre, um Brot zu schaffen, würde er wahrscheinlich längst verstossen sein.

Er ging in sein Arbeitszimmer, schlüpfte in Schlafrock und Pantoffeln, steckte sich eine Pfeife an und fühlte sich wieder zu Hause.

Draussen peitschte der Wind den Regen, und es pfiff in der Ofenröhre.

Nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, kam seine Frau.

– Es ist kein Wetter, um Walderdbeeren zu pflücken, sagte sie.

– Nein, liebe Alte, der Sommer ist zu Ende und der Herbst ist da.

– Ja, es ist Herbst, antwortete sie, aber es ist noch nicht Winter, immer ein Trost.

– Ein Trost! Ein schwacher Trost, wenn man nur einmal lebt!

– Zwei Male, wenn man Kinder hat; drei Male, wenn man seine Enkel erlebt!

– Dann aber ist es wirklich zu Ende.

– Wenn es nicht ein Leben nach diesem gibt.

– Das ist nicht sicher! Wer weiss es denn? Ich glaube daran, aber mein Glaube ist kein Beweis!

– Aber es ist gut, daran zu glauben, lass uns daran glauben; lass uns glauben, dass es noch einmal Frühling für uns werden kann! Lass es uns glauben!

– Ja, wir wollen es glauben, sagte er und schloss sie in seine Arme.

Fruchtbarkeit

Er war Hilfsarbeiter im Handelsamt mit zwölfhundert Kronen Gehalt. Er hatte ein junges Mädchen ohne Mitgift geheiratet; aus Liebe, wie er selber erklärte; um nicht mehr auf Bällen und Strassen umherlaufen zu müssen, wie seine Freunde meinten. Jedenfalls war das Zusammenleben des Paares anfangs glücklich.

– Wie billig es ist, als Verheiratete zu leben, rief er eines Tages aus, nachdem die Hochzeit überstanden war. Die selbe Summe, die kaum verschlug, als man Junggeselle war, reicht jetzt für Mann und Frau. Die Ehe ist doch eine ausgezeichnete Erfindung. Man hat alles zwischen seinen vier Wänden: Wohnung, Kneipe, Café – alles. Keine Speisekarte mehr, kein Trinkgeld, kein neugieriger Portier, wenn man morgens mit seiner Frau ausgeht.

Das Leben lächelte ihm, seine Kräfte wuchsen und er arbeitete wie ein ganzer Mann. Noch nie hatte er sich so voll überströmender Lebenskraft gefühlt; des Morgens sprang er elastisch und bei allerbester Laune aus dem Bett; er war verjüngt.

Als zwei Monate verstrichen waren, noch ehe sich die Langeweile eingefunden hatte, teilte ihm die Frau gewisse Hoffnungen mit. Neue Freude, neue Sorgen, aber so angenehm zu tragen! Es war notwendig, sofort die Einkünfte zu vermehren, um den unbekannten Weltbürger würdig empfangen zu können. Er ging hin und verschaffte sich eine Übersetzung.

Niedliche Kinderkleidchen lagen auf den Möbeln umher, im Flur stand die Wiege und wartete, und das Kindchen kam gesund auf die Welt der Sorgen.

Der Vater war entzückt. Doch konnte er sich einer gewissen Angst nicht erwehren, wenn er an die Zukunft dachte. Ausgaben und Einkünfte wollten sich nicht die Wage halten. Es war nichts anderes zu machen, als sich in der Kleidung etwas einzuschränken. Der Gehrock begann in den Nähten zu glänzen, die Hemdbrust wurde unter einer grossen Krawatte verborgen, die Hosen bekamen Fransen. Die Diener im Amt verachteten ihn allerdings wegen dieser schäbigen Kleidung.

Ausserdem sah er sich gezwungen, seinen Arbeitstag zu verlängern.

– Jetzt muss man aber Schluss machen mit diesen kleinen Dingern, sagte er sich. Doch wie soll man das anfangen?

Das wusste er nicht.

* * * * *

Drei Monate später bereitete seine Frau ihn in gewählten Worten darauf vor, dass sich seine Vaterfreude bald verdoppeln werde. Sehr freuen tat er sich über diese Mitteilung nicht. Aber es kam jetzt darauf an, den einmal eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen, wenn sich auch die Ehe als eine durchaus nicht billige Sache erwies.

– Es ist wahr, dachte er und sah heiterer aus, der Jüngere erbt die Windeln des Älteren! Auf diese Weise kostet er nichts. Übrigens leben werden sie schon, sie ebenso gut wie andere.

Er wurde Vater zum zweiten Mal.

– Du gehst ja tüchtig ins Zeug, liess sich ein Kamerad hören, der verheiratet war, aber nur ein Kind hatte.

– Was soll man machen?

– Man muss verständig sein!

– Verständig? Hör mal, mein guter Freund, man verheiratet sich doch, um ... ich meine, nicht nur um ... aber jedenfalls auch um ... Wir sind eben verheiratet, und da ist die Sache doch klar.

– Durchaus nicht. Etwas anderes, Freund: wenn du die Mittel erhalten willst, ein frisch gestärktes Hemd zu tragen, und dir an Beförderung liegt, so ist es durchaus notwendig, dass du Hosen ohne Fransen hast und einen Hut, der nicht in Rotbraun übergeht.

Und der Verständige flüsterte ihm verständige Worte ins Ohr.

So war denn der arme Ehemann, der es so gut zu haben glaubte, auf halbe Kost gesetzt.

Jetzt begannen die Wirrungen.

Zuerst waren die Nerven überreizt, die Nächte schlaflos, die Arbeit am Tage schlecht. Dann kam der Arzt. Drei Kronen für jedes Rezept. Und was für ein Rezept! Er müsse sich der Arbeit enthalten. Er habe zu viel gearbeitet, sein Gehirn sei überanstrengt. Aber nichts tun, das wäre ja der Tod für sie alle! Und arbeiten, das sollte auch der Tod sein!

Und er arbeitete!

Eines Tages, als er auf dem Amt sass, und sich über die endlosen Zahlenreihen beugte, bekam er einen Schwindel und sank zu Boden.

Ein Besuch bei einem Arzt, der Spezialist war – achtzehn Kronen. Neue Verordnung: Urlaub infolge von Kränklichkeit, eine ordentliche Reittour jeden Morgen, zum Frühstück Beefsteak mit einem Glas Portwein.

Reiten und Portwein!

Was aber schlimmer war, eine gewisse Kälte gegen die geliebte Frau stieg in ihm auf; woher sie kam, wusste er nicht. Er hatte Furcht, sich ihr zu nähern, und zu gleicher Zeit fühlte er ein Verlangen nach ihr; er liebte sie, liebte sie noch immer, aber dieses Gefühl war mit einer gewissen Bitterkeit gemischt.

– Du magerst ab, sagte ein Kamerad.

– Ja, ich glaube wirklich, ich bin mager geworden, erwiderte der arme Ehemann.

– Du spielst ein falsches Spiel, alter Junge!

– Ich begreife nicht!

– Ein verheirateter Mann mit Halbtrauer! Nimm dich in Acht, mein Freund!

– Ich verstehe wahrhaftig nicht ein Wort von dem, was du sagst.

– Gegen den Wind fahren, geht auf die Dauer nicht. Nein, brasse nur voll, du, und du wirst sehen, dass alles wieder gut wird. Glaub mir, ich kenne das. Die Anspielung verstehst du doch!

Er liess die guten Ratschläge vorläufig liegen, wohl wissend, dass sich die Einkünfte nicht im Verhältnis zu den Kindern vermehren, aber überzeugt, dass er jetzt die Wurzel zu seiner Krankheit gefunden hatte.

* * * * *

Der Sommer war gekommen. Die Familie war aufs Land gezogen. An einem schönen Abend waren die Gatten allein spazieren gegangen, an dem steilen Seeufer entlang, das von eben grün gewordenen Erlen beschattet wurde. Sie setzten sich ins Gras, still und niedergeschlagen. Er war finster und mutlos; düstere Gedanken arbeiteten in seinem schmerzenden Gehirn. Das Leben kam ihm wie ein Abgrund vor, der sich öffnete, um sie alle zu verschlingen, alle, die er so liebte.

Sie begannen davon zu sprechen, dass er bald seine Stellung verlieren werde; sein Chef hatte es nämlich übel aufgenommen, dass er neuen Urlaub verlangt. Er beklagte sich über das Betragen der Kameraden, er fühlte sich von allen verlassen; besonders aber leide er darunter, dass sie seiner müde sei.

Nein, keineswegs, sie liebe ihn noch immer ebenso sehr wie in den glücklichen Tagen, als sie sich eben verlobt! Könne er daran zweifeln?

Nein, aber er habe so viel gelitten, dass er nicht Herr seiner Gedanken sei.

Und er drückte seine glühende Wange an ihre, legte seinen Arm um ihren Leib und bedeckte ihre Augen mit heissen Küssen.

Die Mücken tanzten ihren Hochzeitstanz über der Birke, ohne sich um die Tausende von Jungen zu kümmern, die ihre erlaubte Lust zur Welt bringen würde; im Schilf laichten die Hechte, sorglos Millionen ihrer Brut absetzend; die Schwalben küssten sich am hellen Tage, auf ihrem Flug durchaus nicht ängstlich vor den Folgen solcher unregelmässiger Liebesverbindungen.

Auf ein Mal sprang er auf und reckte sich, als habe er in einem langen Schlaf schwer geträumt, und atmete in tiefen Zügen die warme Luft ein.

– Was ist dir? flüsterte seine Frau, indem sie tief errötete.

– Ich weiss nicht. Das aber weiss ich, dass ich lebe, das ich wieder atme!

Und strahlend, mit heiterem Gesicht und glänzenden Augen, streckte er seine starken Arme nach ihr aus, hob sie in die Höhe wie ein Kind und drückte einen Kuss auf ihre Stirn. Seine Wadenmuskeln schwollen wie bei einem antiken Gott, der Rumpf richtete sich elastisch wie ein junger Baum, und berauscht von Glück und Lebenskraft, trug er seine liebe Last bis zum Fusssteig, wo er sie niedersetzte.

– Du verhebst dich, Geliebter, sagte sie abwehrend, indem sie sich vergebens aus seinen Armen loszumachen suchte.

– Ach nein! Ich könnte dich bis ans Ende der Welt tragen, und ich werde euch alle tragen, so viele ihr auch seid und (fügte er hinzu) so viele ihr auch werdet!

Und voller Freude gingen sie Arm in Arm nach Haus.

– Wenn alles zusammenkommt, Geliebte, muss man zugeben, dass es doch sehr leicht ist, über jenen Abgrund zu springen, der Körper und Seele trennt.

– Wie du sprichst!

– Hätte ich das nur früher gewusst, so wäre ich weniger unglücklich gewesen. O diese Idealisten!

Und sie traten in ihre Häuslichkeit.

Die alte gute Zeit beginnt aufs neue, und die bessere neue scheint von Dauer zu sein. Der Mann geht wieder in sein Bureau. Die Gatten erleben noch einmal den Liebesfrühling. Einen Doktor braucht man nicht mehr, und immer ist man bester Laune.

* * * * *

Nach der dritten Taufe findet der Mann die Sache bedenklich und beginnt wieder das falsche Spiel, mit den gleichen Folgen wie früher: Doktor, Urlaub, Reiten, Portwein! Man muss ein Ende machen. Und jedes Mal zeigt sich ein Fehlbetrag im Budget.

Als aber schliesslich sein ganzes Nervensystem aus den Fugen geriet, musste er der Natur ihren Lauf lassen. Und sofort stieg die Ausgabe und sank die Einnahme.

Allerdings war er nicht arm, aber reich auch nicht.

– Um die Wahrheit zu sagen, liebe Alte, es wird wieder genau dieselbe Geschichte wie früher, sagte er.

– Beinahe, lieber Freund, antwortete die arme Frau, die ausser ihren Mutterpflichten alle Arbeiten einer Magd zu besorgen hatte.

Nach dem vierten Kindbett wurde es ihr zu schwer, und man war gezwungen, ein Kindermädchen zu halten.

– Jetzt muss es genug sein, gestand der trostlose Gatte. Hier machen wir Punkt.

Die Armut grinste sie an. Das Fundament, auf dem das Haus gebaut war, begann zu sinken.

Und mit dreissig Jahren, dem reifen Alter, da alle Blumen befruchtet werden müssten, sahen die jungen Gatten sich auf ein schändliches Zölibat angewiesen. Der Mann wurde mürrisch, sein Gesicht färbte sich aschgrau und sein Blick erlosch. Die reiche Schönheit der Frau welkte, ihr kräftiger Busen fiel ein; dazu hatte sie alle Leiden einer Mutter auszustehen, die ihre Kinder blutarm und schlecht gekleidet sieht.

Eines Tages stand sie am Herd und briet Hering, als eine Frau aus der Nachbarschaft kam, um mit ihr zu plaudern.

– Wie geht es ihnen, begann sie.

– Danke, so ziemlich! Und Ihnen?

– Ach, ich bin recht schwächlich! Es ist nichts los mit der Ehe, wenn man beständig auf seiner Hut sein muss.

– Glauben Sie, Sie sind die einzige?

– Was?

– Wissen Sie, was er zu mir gesagt hat? Man muss das Zugvieh schonen! Und ich leide, das können Sie mir glauben! Schön ist es nicht, verheiratet zu sein! Er oder sie muss es fühlen. Das kommt auf eins heraus.

– Oder alle beide!

– Man scheint nichts dabei machen zu können.

– Aber die Gelehrten, die sich auf Staatskosten den Bauch mästen?

– Die Gelehrten, ja, die haben an so viel anderes zu denken, und übrigens ist es ja unpassend, über solche Dinge zu schreiben: man könnte sie nicht laut vorlesen.

– Aber das wäre doch die Hauptsache.

Und dann teilten die beiden Frauen einander ihre bitteren Erfahrungen mit.

* * * * *

Im nächsten Sommer muss man in der Stadt bleiben, im Erdgeschoss einer Gasse hausen, von dem man die Aussicht auf einen Rinnstein geniesst, der so stinkt, dass man nicht die Fenster zu öffnen wagt.

Die Frau arbeitet mit der Nadel im selben Zimmer, in dem die Kinder spielen; der Mann, der aus seiner Stellung verabschiedet ist, weil er keinen sauberen Anzug mehr besitzt, schreibt ab in einem Zimmer nebenan und brummt über den Lärm, den die Kinder machen. Man wirft einander harte Worte durch die Tür.

Es ist Pfingsten. Der Mann liegt am Nachmittag auf dem zerlumpten Ledersofa und betrachtet durch die Scheibe ein Fenster auf der andern Seite der Gasse. Er sieht dort ein Mädchen, das in schlechtem Ruf steht, wie sie sich für die Abendpromenade schmückt. Neben ihrem Spiegel liegen ein Fliederzweig und zwei Apfelsinen. Ohne sich an neugierige Blicke zu kehren, schnürt sie ihr Mieder über ihren festen Busen zu.

– Das ist kein schlechtes Leben, sagt der zu Zölibat Verurteilte sich, indem er plötzlich auflodert. Man lebt nur einmal hier auf der Welt, und leben muss man, wie es auch gehen mag.

Da kommt seine Frau ins Zimmer und erblickt den Gegenstand seiner Beobachtungen. Es flammt in ihrem Auge auf; der letzte Funke einer ausgebrannten Liebe glimmt unter der Asche und nimmt die Form einer vorübergehenden Eifersucht an.

– Wollen wir nicht die Kinder nehmen und in den Tiergarten gehen? fragt sie.

– Um unser Elend auszustellen? Nein, danke!

– Aber hier drinnen ist heiss. Ich werde die Rollgardinen herunterlassen.

– Dann öffne lieber ein Fenster!

Er errät die Gedanken seiner Frau und steht auf, um es selber zu tun. Dort draussen am Rand des Bürgersteigs sitzen seine vier Kleinen, dicht neben Ablaufröhren. Sie haben die Füsse in dem trocknen Rinnstein und spielen mit Apfelsinenschalen, die sie aus dem Strassenkehricht hervorgesucht haben. Er fühlt einen Stich im Herzen und das Schluchzen kommt ihm in den Hals. Aber die Armut hat ihn so abgestumpft, dass er untätig stehen bleibt und die Arme kreuzt.