Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Part 12

Chapter 123,899 wordsPublic domain

Doch jetzt, als seine Sonne im Untergehen war und die Tage kürzer wurden, sah er in seinen dunkeln Stunden nur noch das Bild der „alten Mama“, die freundlich gegen ihn und seine Kinder gewesen, die nie zankte, die hässlich war, die in der Küche stand, die die Hosen der Knaben und die Röcke der Mädchen flickte. Und da sein Siegesrausch vorüber war und sein Auge klar sah, fragte er sich, ob nicht die „alte Mama“ doch der rechte Vogel Phönix gewesen sei, der so schön und so ruhig aus der Asche des vierzehnjährigen Goldvogels stieg; der seine Eier legte und sich die Daunen für die Jungen aus der Brust rupfte, um sie mit seinem Blut zu nähren, bis er starb.

Er fragte lange danach, und als er endlich seinen müden Kopf auf das Kissen legte, um nicht mehr aufzustehen, da war er davon überzeugt.

„Romeo und Julia“

Der Mann kam eines Abends mit einem Notenheft nach Haus und sagte zu seiner Frau:

– Nach dem Essen wollen wir vierhändig spielen.

– Was hast du da für ein neues Stück? fragte die Frau.

– Ich habe „Romeo und Julia“ gekauft. Kennst du das?

– Ja, gewiss kenne ich das, antwortete sie, aber ich weiss nicht, ob ich es je habe aufführen sehen.

– Oh, es ist herrlich! Ich denke daran wie an einen Jugendtraum, aber ich habe es nicht mehr als einmal gehört, und das war vor zwanzig Jahren.

Nach dem Abendessen, nachdem die Kinder zu Bett gebracht waren und es still im Hause geworden, zündete der Mann die Lichter auf dem Pianino an. Er liest auf dem fein lithographierten Titelblatt: „Romeo und Julia.“

– Dies ist Gounods schönste Komposition, sagt er, und ich glaube nicht, dass sie allzu schwer ist.

Seine Frau übernimmt wie gewöhnlich die erste Stimme, und so beginnt man. D-dur, Vier-Viertel-Takt, Allegro giusto.

– Das ist schön, nicht wahr? sagt der Mann nach dem Schluss der Ouvertüre.

– Oh ja, gibt die Frau zu, wenn auch etwas widerstrebend.

– Lass uns nun das Marziale nehmen, sagt der Mann, das ist etwas ganz Feines. Ich erinnere mich noch an die prächtigen Chöre des königlichen Theaters.

Der Marsch beginnt.

– Nun, ist es nicht prächtig? sagt der Mann triumphierend, als habe er „Romeo und Julia“ selber geschrieben.

– Ich finde, es klingt wie Messingmusik, antwortete seine Frau.

Die Ehre und der gute Geschmack des Mannes stehen auf dem Spiel, und er sucht nach der Mondscheinarie im vierten Akt. Nach langem Suchen stösst er auf eine Arie für Sopran; die muss wohl die rechte sein.

Und er beginnt von neuem:

– Tram-tramtram, tram-tramtram, so klingt es im Bass, der sehr leicht ist.

– Weisst du, meint die Frau, als es zu Ende ist, die Musik ist sehr mässig.

Der Mann ist ganz niedergeschlagen und gibt zu, dass es wie ein Leierkasten klingt.

– Das habe ich schon die ganze Zeit gefunden, bekennt die Frau.

– Ich finde auch, es klingt so altmodisch. Dass Gounod so schnell veraltet ist, bemerkt er ganz kleinlaut. Willst du weiter spielen? Lass uns die Cavatina und das Terzett durchnehmen; ich erinnere mich besonders an die Sängerin, die war göttlich.

Nach diesem Stück sieht der Mann wirklich betrübt aus und legt das Heft fort, als wolle er die Tür hinter der Vergangenheit schliessen.

– Wollen wir nicht ein Glas Bier trinken? fragt er.

Sie setzen sich an den Tisch und trinken ein Glas Bier.

– Es ist doch merkwürdig, beginnt der Mann, ich hätte nicht geglaubt, dass wir so alt geworden sind, denn wir sind wirklich mit „Romeo und Julia“ um die Wette gealtert. Es sind zwanzig Jahre her, seit ich die Oper zum ersten Mal hörte. Ich war eben Student geworden, hatte Freunde und die Zukunft lächelte mir hell und froh entgegen. Seit kurzer Zeit machte ich mit einem keimenden Schnurrbart und der Studentenmütze Staat, und besonders der Abend ist mir in Erinnerung, an dem Fritz, Philipp und ich in die Oper gingen. Einige Jahre früher hatten wir die Bekanntschaft des „Faust“ gemacht, waren also grosse Bewunderer Gounods. Doch „Romeo“ übertraf noch unsere Erwartungen, und wir wurden von der Musik ganz hingerissen. Jetzt sind meine beiden Freunde tot. Fritz, der zu den höchsten Stellen hinaufstrebte, starb als Sekretär; Philipp als Kandidat der Medizin; und ich, der Minister werden wollte, musste mich schliesslich damit begnügen, Regimentsauditor zu sein. Wie die Jahre verschwunden sind, ohne dass wir es gemerkt haben! Zwar habe ich gesehen, dass die Runzeln um meine Augen deutlicher geworden sind, und dass das Haar an den Schläfen ergraut ist, doch dass wir bereits so weit auf dem Weg zum Kirchhof gekommen sind, das hätte ich nicht geglaubt.

– Ja, mein Freund, wir sind alt geworden; das kannst du an unseren Kindern sehen. Und auch an mir siehst dus, wenn du auch davon schweigst.

– Ach wie kannst du so etwas sagen!

– Das weiss ich sehr wohl, mein Lieber, fuhr die Frau in wehmütigem Ton fort; ich weiss wohl, dass ich anfange hässlich zu werden, dass mein Haar dünner wird und dass ich bald meine Vorderzähne ziehen lassen muss ...

– Aber bedenke doch, dass jetzt nichts mehr dauert, – unterbricht sie der Mann. Es scheint heutzutage mit dem Altwerden viel geschwinder zu gehen als früher. Im Haus meines Vaters wurden noch Haydn und Mozart gespielt, obgleich sie tot waren, lange ehe er geboren wurde. Und jetzt – jetzt ist Gounod bereits alt! Es ist betrübend, seinem Jugendideal auf die Weise wieder zu begegnen! Und wie schauerlich ist es, zu fühlen, dass man alt geworden ist!

Er steht auf und setzt sich wieder ans Pianino; er nimmt das Notenheft und blättert darin, wie wenn er in einer Schreibtischlade nach Jugenderinnerungen, Haarlocken, getrockneten Blumen und Bandenden, suche. Seine Augen starren auf die schwarzen Noten, die wie kleine Vögel aussehen, die an einem Stahldrahtgitter auf und nieder klettern; er versucht, in ihnen auf Frühlingstöne, Liebeslockungen, jubelnde Triller aus den rosenroten Tagen der ersten Liebe zu lauschen. Doch alles blickt ihm so fremd entgegen, als sei die Erinnerung an die Blütezeit der Jugend mit Unkraut überwachsen. Ja, so ist es; die Saiten sind mit Staub bedeckt, der Resonanzboden ist eingetrocknet, der Filz abgenützt.

Ein Seufzer hallt durchs Zimmer, schwer wie aus einer hohlen Brust, und dann wird es ganz still.

Plötzlich hört man den Mann sagen:

– Aber sonderbar ist es doch, dass der herrliche Prolog in diesem Klavierauszug fehlt. Es war, wie ich mich bestimmt erinnere, ein Prolog mit Harfenbegleitung und ein Chor, der so lautete.

Er trällert leise die Melodie, die wie ein Bach aus einer Bergeskluft hervorsprudelt; der eine Ton gibt den andern, sein Gesicht klärt sich auf, der Mund lächelt, die Runzeln glätten sich und die Hände fallen auf die Tasten nieder, die kräftig, jugendlich und schmeichelnd die herrlichen Töne wiedergeben, und mit starker klangvoller Stimme singt er die Basspartie.

Seine Gattin ist aus ihren schwermütigen Gedanken erwacht, sie lauscht mit tränendem Auge und fragt verwundert:

– Was ist das?

– Romeo und Julia! Unser Romeo und unsere Julia!

Und er springt vom Stuhl auf und legt das Notenheft vor die erstaunte junge Frau.

– Siehst du! Dies war der Romeo unserer Oheime und Tanten, das war – lies nur – Bellini! Oh! Wir sind also noch nicht alt!

Die Frau blickt auf das dichte, noch glänzende Haar des dreissigjährigen Mannes, auf seine glatte Stirn und seine feurigen Augen. Und sie sagt freudestrahlend:

– Ja, du siehst aus wie ein Fünfundzwanzigjähriger!

– Und du? Du siehst aus wie ein junges Mädchen. Dass wir uns von dem alten Bellini so haben anführen lassen. Ich dachte gleich, dass etwas nicht stimme.

– Nein, lieber Freund, das habe ich zuerst gedacht.

– Wahrscheinlich, weil du jünger bist als ich.

– Nein, du ...

Und Mann und Frau sitzen da und streiten scherzend darüber, wer von ihnen älter sei, ganz wie ein Paar Kinder, und sie wundern sich, wie sie früher Runzeln und graue Haare haben entdecken können, wo keine da sind.

Herbst

Sie waren zehn Jahre verheiratet gewesen! Glücklich? So glücklich, wie die Umstände es erlaubten. Sie hatten am gleichen Strang gezogen, gleichmässig wie zwei gleichstarke junge Ochsen, von denen jeder an einer Seite des Strickes zieht.

Im ersten Jahr wurden natürlich eine Menge Illusionen von der Ehe als der absoluten Seligkeit begraben. Im zweiten Jahr kamen die Kinder, und die tägliche Arbeit des Lebens liess wenig Zeit zum Grübeln übrig.

Er war sehr häuslich, vielleicht _zu_ sehr, und hatte in der Familie seine kleine Welt gefunden, deren Mittelpunkt er war; die Kinder waren die Radien. Die Frau suchte auch Mittelpunkt zu sein, aber niemals in der Mitte des Kreises, denn dort sass der Mann, und darum fielen die Radien bald auf einander bald aus einander, und darum stimmte das Ganze nicht.

Im zehnten Jahr wurde der Mann zum Sekretär der Gefängnisinspektion ernannt und musste als solcher Reisen machen. Das gab seinen häuslichen Gewohnheiten einen argen Stoss; er fühlte eine wirkliche Unlust, wenn er daran dachte, dass er für einen ganzen Monat seine Häuslichkeit verlassen müsse. Es war ihm nicht ganz klar, ob er seine Frau oder seine Kinder am meisten vermissen werde, vielleicht alle beide.

Am Abend vor der Abreise sitzt er in seinem Sofa und sieht zu, wie sie seine Reisetasche packt. Sie liegt mit den Knieen auf dem Boden und legt seine Wäsche hinein. Sie bürstet den schwarzen Anzug ab, legt ihn sorgfältig zusammen, damit er so wenig Platz wie möglich einnimmt. Darauf versteht er sich nämlich nicht.

Sie hatte ihre Stellung im Hause niemals als seine Dienerin, kaum als seine Frau aufgefasst. Sie war Mutter: Mutter für die Kinder und Mutter für ihn. Sie fühlte sich niemals davon gedemütigt, dass sie seine Strümpfe stopfte, und verlangte auch keinen Dank. Und sie glaubte nie, er stehe dafür in ihrer Schuld; er gab ja ihr und ihren Kindern dafür ganze Strümpfe und noch viel mehr; das hätte sie sich sonst ausser dem Hause verdienen müssen und dann hätte sie ihre Kinder allein zu Hause lassen müssen.

Er sass in der Ecke des Sofas und sah sie an. Jetzt, da sich der Abschied näherte, hob er kleine Vorschüsse auf die Sehnsucht ab. Er betrachtete ihre Figur. Die Schulterblätter hatten sich etwas vorgeschoben, und der Rücken war gekrümmt von der Arbeit über Wiege, Plättbrett und Herd. Auch er war gebeugt von der Arbeit über den Schreibtisch und seine Augen hatten Gläser zu Hilfe nehmen müssen. Jetzt aber dachte er wirklich nicht an sich. Er sah, dass ihre Zöpfe dünner als früher waren und dass ein schwacher Schein auf dem Scheitel zu sehen war. Hatte sie für ihn ihre Schönheit verloren, für ihn allein? Nein, für die kleine Gemeinde, die von ihnen allen gebildet wurde; denn sie hatte ja auch für sich selber gearbeitet. Und sein Haar hatte sich auch verdünnt im Kampf für sie alle. Er hätte vielleicht mehr Jugend besessen, wenn nicht so viel Münder gewesen wären, wenn er allein gewesen; aber er wollte nicht einen Augenblick allein gewesen sein.

– Es wird dir gut tun, etwas hinauszukommen, sagte seine Frau; du hast zu viel zu Hause gehockt.

– Du freust dich wohl, dass du mich los wirst, sagte er, nicht ohne ein wenig Bitterkeit; _ich_ aber werde euch schon vermissen.

– Du bist wie die Hauskatze, du vermissest die warme Ofenecke, aber mich wirst du nicht so sehr vermissen; das glaubst du selber nicht.

– Und die Kinder?

– Ja, wenn du fort gehst, aber wenn du zu Hause bist, so schiltst du sie; nicht heftig allerdings, aber doch! Oh nein, du liebst sie wohl; ich will nicht ungerecht sein.

Beim Abendessen war er sehr milde, und ihm war schlecht zu Mut. Er las nicht die Abendzeitungen, sondern suchte nur mit seiner Frau zu sprechen. Die war aber so beschäftigt, dass sie sich zum Plaudern keine Zeit liess; auch hatten sich ihre Gefühle während der zehnjährigen Campagne in Kinderstube und Küche genügend stählen können.

Er war gefühlvoller, als er zeigen wollte, und die Unordnung im Zimmer machte ihn unruhig. Er sah Stücke seines täglichen Lebens, seiner Existenz auf Stühlen und Kommoden durcheinander liegen; die offene, schwarze Reisetasche gähnte ihn an wie ein Sarg, weisse Wäsche umhüllte darin schwarze Kleider, die noch die Spuren seiner Kniee und Ellbogen trugen; es war ihm, als liege er selber da mit dem weissen, gestärkten Vorhemd; gleich werde man zumachen und ihn forttragen.

Am nächsten Morgen, es war im August, stürzte er aus dem Bett, kleidete sich atemlos an und war sehr nervös. Er ging in die Kinderstube und küsste alle Kinder, die sich den Schlaf aus den Augen rieben. Nachdem er seine Frau umarmt hatte, setzte er sich in die Droschke, um nach dem Bahnhof zu fahren.

Die Reise, die er in Gesellschaft seiner Vorgesetzten machte, zerstreute ihn; es tat ihm wirklich wohl, sich einmal etwas aufzurütteln. Die Häuslichkeit lag hinter ihm wie eine dumpfe Schlafstube, und er war wirklich aufgeräumt, als er nach Linköping kam.

Den Rest des Tages füllte ein feines Gefängnisessen im grossen Hotel aus. Man trank auf das Wohl des Landeshauptmannes, aber nicht auf das der Gefangenen, die doch der Zweck der Reise waren.

Dann aber kam der Abend auf dem einsamen Zimmer. Ein Bett, zwei Stühle, ein Tisch, eine Waschtoilette und ein Stearinlicht, das seinen dürftigen Schein über die nackten Tapeten verbreitete. Ihm war ängstlich zu Mute. Alles fehlte: die Pantoffeln, der Schlafrock, das Pfeifengestell, der Schreibtisch; alle diese Kleinigkeiten, die er zu Bestandteilen seines Lebens gemacht hatte. Und dann die Kinder und seine Frau. Wie ging es ihnen? Waren sie gesund? Er wurde unruhig und düster. Als er seine Uhr aufziehen wollte, vermisste er den Uhrschlüssel. Der hing zu Hause am Uhrhalter, den ihm seine Frau als Braut gestickt hatte. Er legte sich nieder und steckte sich eine Zigarre an. Doch er musste noch einmal aufstehen und ein Buch aus der Reisetasche holen. Alles war so ordentlich eingepackt, dass er fürchtete, es in Unordnung zu bringen. Wie er aber nach dem Buch suchte, fand er die Pantoffeln! Sie dachte doch an alles! Dann fand er das Buch! Aber er las nicht. Er lag da und dachte an die Vergangenheit, an seine Frau, wie sie vor zehn Jahren war. Das Bild von früher trat hervor, und das gegenwärtige verschwand in den blaubraunen Wolken der Zigarre, die in Wirbeln zu der regenfleckigen Decke aufstiegen. Er empfand eine grenzenlose Sehnsucht. Jedes harte Wort, das er ihr gesagt, schmerzte ihm im Ohr, und er bereute jede bittere Stunde, die er ihr bereitet. Endlich schlief er ein.

Am nächsten Tag Arbeit und neues Essen, mit einem Toast auf den Direktor, aber noch keinen für die Gefangenen. Am Abend Einsamkeit, Leere, Kälte. Er hatte ein Bedürfnis, mit ihr zu sprechen. Er holte Papier und setzte sich an den Tisch. Gleich beim ersten Federzug stockte er. Wie sollte er schreiben? „Liebe Mama“ schrieb er immer, wenn er ihr in wenigen Zeilen mitteilte, dass er auswärts essen musste. Jetzt aber schrieb er nicht an die Mama, sondern an die Verlobte, an die Geliebte. Und er schrieb „Meine geliebte Lilly“ wie früher. Anfangs ging es träge, denn so viele schöne Worte waren aus der schweren trockenen Sprache des täglichen, alltäglichen Lebens verschwunden; bald aber wurde er warm und jetzt tauchten sie aus der Erinnerung hervor wie vergessene Melodien, Walzertakte, Romanzenfragmente, Fliederblüten und Schwalben, Abendstunden bei Sonnenuntergang auf spiegelblankem Meer; alle Frühlingserinnerungen des Lebens tanzten daher in Sonnenwolken und gruppierten sich um sie. Ganz unten auf die Seite setzte er einen Stern, wie Liebende zu tun pflegen, und daneben schrieb er, ganz wie früher: „Küsse hier!“

Als er den Brief beendigt hatte und ihn wieder durchlas, brannten ihm die Wangen und er ward verlegen. Warum, das wusste er nicht recht. Aber ihm war, als habe er seine innersten Gefühle einem mitgeteilt, der kein wirkliches Verständnis für sie besass.

Doch sandte er den Brief ab.

Einige Tage vergingen, bis die Antwort kam. Während er darauf wartete, empfand er eine kindliche Schüchternheit und Verlegenheit.

Dann aber kam die Antwort! Er hatte den rechten Ton getroffen, und aus Küchendunst und Kinderstubenlärm stieg ein Lied auf, klar und wohllautend, warm und rein, wie die erste Liebe.

Jetzt begann ein Austausch von Liebesbriefen. Er schrieb jeden Abend, sandte auch zuweilen im Lauf des Tages noch eine Karte ab. Seine Kollegen erkannten ihn nicht wieder. Er fing nämlich an, so viel Wert auf seine Kleidung und sein Aussehen zu legen, dass er in Verdacht kam, einen Liebeshandel zu haben. Und er war verliebt, von neuem verliebt. Er sandte ihr seine Photographie, ohne Brille, und sie ihm eine Locke von ihrem Haar. Sie waren kindlich in ihren Ausdrücken, und er hatte farbiges Briefpapier mit Täubchen gekauft. Aber sie waren ja auch Menschen mittleren Alters, die noch lange nicht die vierzig erreicht, wenn auch die Kämpfe des Lebens sie dazu gebracht, sich alt zu fühlen. Er hatte sie auch im letzten Jahr in der Ehe vernachlässigt, nicht so sehr aus Kälte wie aus Achtung, da er immer in ihr die Mutter seiner Kinder sah.

Die Reise ging ihrem Ende zu. Wenn er ans Wiedersehen dachte, empfand er eine gewisse Unruhe. Er hatte mit der Geliebten korrespondiert; würde er die in der Mutter und Hausfrau wiederfinden? Er fürchtete, sich bei der Heimkehr enttäuscht zu fühlen. Er wollte kein Küchenhandtuch in ihrer Hand sehen, auch nicht die Kinder an ihren Röcken, wenn er sie umarmte. Sie mussten sich an einem andern Ort treffen, allein. Sollte er sie zum Beispiel nach Waxholm ins Stockholmer Inselmeer kommen lassen, in das Gasthaus, in dem sie während ihrer Verlobungszeit so manche frohe Stunde verbracht? Das wäre eine Idee! Dort könnten sie zwei Tage lang die ersten schönen Frühlingstage, die geflohen waren und nicht wiederkamen, noch einmal in der Erinnerung durchleben.

Er setzte sich hin und machte seinen Vorschlag in einem langen Brief, der von Liebe glühte. Sie beantwortete ihn mit umgehender Post, und zwar bejahend, glücklich, dass er auf denselben Gedanken gekommen sei wie sie.

* * * * *

Zwei Tage später war er in Waxholm und hatte Zimmer im Gasthaus bestellt. Es war ein schöner Septembertag. Er sass allein im grossen Saal zu Mittag, trank ein Glas Wein und fühlte sich wieder jung. Es war hier so hell und luftig. Draussen lag das blaue Meer und nur die Birken an den Ufern hatten ihre Farbe gewechselt. Im Garten standen noch die Dahlien in voller Blüte und der Reseda duftete am Rand der Beete. Einige Bienen besuchten noch die versiegenden Kelche, kehrten aber enttäuscht zu ihren Körben zurück. Im Sund zogen die Segler vorbei vor einer schwachen Brise, und beim Wenden flatterten die Segel und schlugen die Schoten; und die Möwen flogen erschrocken und schreiend fort von den Fischern, die in ihren Booten mit der Rollangel Strömling fischten.

Er trank seinen Kaffee auf der Veranda und begann den Dampfer, der um sechs Uhr kommen sollte, zu erwarten.

Unruhig, als gehe er etwas Ungewissem entgegen, schlenderte er auf dem Balkon hin und her, spähte auf Fjärd und Sund hinaus, nach der Seite, wo Stockholm lag, um den Dampfer zu sichten.

Schliesslich stieg ein Rauch über den Fichtenwald am Horizont auf. Sein Herz fing an zu klopfen und er trank einen Likör. Darauf ging er an den Strand hinunter.

Jetzt war der Schornstein mitten im Sund zu sehen, und bald sah er die Flagge auf der Vorstenge. War sie auf dem Dampfer oder war sie verhindert worden? Eins von den Kindern brauchte nur erkrankt zu sein, dann war sie zu Hause geblieben, und er musste eine einsame Nacht im Hotel verbringen. Die Kinder, die während der letzten Wochen in den Hintergrund getreten waren, traten jetzt zwischen ihn und sie. In den letzten Briefen hatten sie sehr wenig über die Kinder gesprochen, als wollten sie Störenfriede oder Zeugen entfernen.

Er stampfte die Landungsbrücke, die unter seinen Füssen knarrte, bis er schliesslich bei einem Poller unbeweglich stehen blieb, starr dem Dampfer entgegen blickend, dessen Rumpf sich vergrösserte und dessen Kielwasser sich wie ein Fluss von schmelzendem Gold über die blaue, schwach gekräuselte Fläche legte.

Jetzt sieht er auf dem obern Deck Leute, die sich bewegen, und im Bug Matrosen, die sich mit dem Tauwerk beschäftigen. Und dann bewegt sich etwas Weisses neben dem Steuerhäuschen. Er ist allein auf der Landungsbrücke und man kann nicht gut einem andern als ihm winken; und keine andere kann ihm winken als sie. Er zieht sein Taschentuch und beantwortet den Gruss. Aber er bemerkt, dass sein Taschentuch nicht weiss ist, denn er gebraucht seit langer Zeit farbige, aus Sparsamkeit.

Der Dampfer pfeift, gibt Signale, die Maschine stoppt; auf die Brücke zu gleitet jetzt das Fahrzeug und er erkennt sie wieder. Sie grüssen mit den Augen, können aber noch kein Wort wechseln, weil sie zu entfernt von einander sind.

Der Dampfer legt an. Er sieht sie, wie sie langsam über den Landungssteg gedrängt wird. Sie ist es, und sie ist es nicht. Zehn Jahre liegen dazwischen! Die Mode hat sich verändert, der Schnitt der Kleider ist ein anderer. Früher war ihr feines dunkelhäutiges Gesicht zur Hälfte von der damals gebräuchlichen Haube eingefasst, welche die Stirn offen liess; jetzt ist die Stirn von einer bösen Nachahmung des Herrnhutes beschattet. Damals zeichnete sich ihre hübsche Gestalt in spielenden Linien unter dem so schön drapierten Besuchsmantel ab, der die Rundung der Schultern und die Bewegung der Arme schelmisch verbarg und hervorhob; jetzt ist die ganze Figur von einem langen Kutscherrock entstellt, der die Kleider abzeichnet, aber nicht die Gestalt. Als sie den letzten Schritt auf dem Landungssteg tut, sieht er ihren kleinen Fuss, in den er sich verliebt hat, als er noch in einem Knöpfstiefel von der Form des Fusses sass, während ihr jetziger Schuh zu einem chinesischen Spitzpantoffel ausgezogen ist, der dem Fussblatt nicht erlaubt, sich in diesen tanzenden Rhythmen zu erheben, die damals sein Entzücken waren.

Sie war es, und sie war es nicht! Er umarmte und küsste sie! Sie fragten einander nach dem Ergehen, und er fragte nach den Kindern. Dann gingen sie den Strand hinauf.

Die Worte fielen langsam, trocken, gezwungen. Wie sonderbar! Sie schämten sich beinahe vor einander, und keiner spielte auf den Briefwechsel an.

Schliesslich fasste er sich ein Herz und fragte:

– Wollen wir einen Spaziergang machen, ehe die Sonne untergeht?

– Gern, sagte sie und nahm seinen Arm.

Sie gingen die Strasse nach dem Städtchen hinauf. Alle Sommerhäuschen waren mit Läden verschlossen, und die Gärten waren geplündert. Hier und dort sass noch ein Apfel, der sich hinterm Laub versteckt hatte, in den Bäumen, aber die Beete waren jeder einzigen Blume beraubt. Die Veranden, die jetzt ihre Zeltmarquisen verloren hatten, sahen aus wie Skelette; wo man früher Gesichter sah und frohes Lachen hörte, war es still geworden.

– Es sieht so herbstlich aus, sagte sie.

– Ja, es ist schaurig, die Sommerfrischen in diesem Zustand zu sehen.

Sie wanderten weiter.

– Wir wollen nachsehen, wo wir gewohnt haben, sagte sie.

– Ja, das wird nett sein.

Sie gingen an der Badeanstalt entlang.

Dort lag das kleine Häuschen, eingeklemmt zwischen denen des Gärtners und des Lotsenaltermanns, mit seinem roten Lattenzaun, mit seiner Veranda, mit seinem Gärtchen.

Die Erinnerungen an die Vergangenheit tauchten auf. Dort in der Kammer wurde das Erste geboren. Jubel und Fest! Gesang und Jugend! Dort stand der Rosenbusch, den sie pflanzten. Dort lag das Erdbeerenbeet, das sie angelegt; nein, es lag nicht mehr da, denn es war zu einem Grasplatz zugewachsen. Dort in den Eschen waren noch die Spuren der Schaukel zu sehen, die nicht mehr vorhanden war.

– Hab Dank für deine schönen Briefe, sagte sie und drückte seinen Arm.

Er errötete und antwortete nichts.

Dann kehrten sie zum Hotel zurück, während er Einzelheiten von der Reise erzählte.

Er hatte im grossen Speisesaal den Tisch decken lassen, an dem sie damals zu sitzen pflegten. Ohne ein Tischgebet zu sprechen, setzten sie sich.