Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten
Part 11
– Ottilie! Immer Ottilie! Hast du nicht selber sie zu mir geschickt?
– Nicht gerade sie! Jetzt aber herrscht sie jedenfalls!
– Von allem, was ich liebe, willst du mich trennen!
– Ist Ottilie alles? Es sieht beinahe so aus!
– Aber ich kann sie jetzt nicht fortschicken, da ich sie engagiert habe, damit sie Pädagogik und Latein mit den Mädchen treibt!
– Latein! Ablativus! Herr Jesus, sollen die Mädchen auch damit verdorben werden?
– Ja, sie sollen ebensoviel wissen, wie ein Mann weiss, wenn sie sich einmal verheiraten: dann wird es eine rechte Ehe geben.
– Aber, liebes Kind, alle Ehemänner können doch nicht Latein! Ich kann ja nicht mehr als ein einziges Wort Latein, und das ist Ablativus! Und wir sind doch glücklich! Übrigens ist man ja dabei, Latein auch für die Männer, als überflüssig, abzuschaffen! Könnt ihr aus dem Beispiel nichts lernen? Ist es nicht genug, dass das männliche Geschlecht verdorben ist; will man nun auch noch das weibliche verderben? Ottilie, Ottilie, warum hast du mir das getan?
– Von dieser Sache will ich nicht mehr sprechen. Aber unsere Liebe, Wilhelm, ist nicht gewesen, wie sie hätte sein müssen. Sie ist sinnlich gewesen!
– Aber, liebes Herz, wie hätten wir denn Kinder bekommen sollen, wenn unsere Liebe nicht auch sinnlich gewesen wäre. Aber sie ist nicht nur sinnlich gewesen!
– Kann etwas auf ein Mal schwarz und weiss sein? Das möchte ich fragen. Antworte darauf!
– Ja, das kann es; dein Sonnenschirm ist aussen schwarz, aber inwendig weiss.
– Sophist!
– Hör mal, mein geliebtes Kind, sprich mit deiner eignen Zunge und deinem eignen Herzen, und nicht mit Ottiliens Büchern! Nimm deinen Verstand gefangen und werde du selbst, meine geliebte, kleine Frau!
– Dein, dein Eigentum, das du mit deiner Arbeit kaufst!
– Ebenso wie ich dein Mann bin, den keine andere Frau ansehen darf, wenn sie ihre Augen im Kopf behalten will; und den du geschenkt erhalten hast, nein, zum Ersatz dafür, dass er dich bekam! Ist das nicht partie égale!
– Aber wir haben unser Leben im Spiel verbracht! Haben wir etwa höhere Interessen gehabt, Wilhelm?
– Ja, wir haben die höchsten Interessen gehabt, Gurli; wir haben nicht immer gespielt, denn wir haben auch ernste Stunden durchgemacht! Wir haben die höchsten Interessen gehabt, die man haben kann; denn wir haben dem künftigen Geschlecht Leben gegeben; wir haben tapfer gestrebt und gearbeitet, du nicht am wenigsten, für die Kleinen, die gross werden sollen. Bist du nicht ihretwegen vier Male dem Tod nahe gewesen? Hast du nicht den Schlaf der Nacht verachtet, um sie zu wiegen; die Vergnügungen des Tages, um sie zu pflegen? Könnten wir nicht eine Wohnung von sechs Zimmern in der Hauptstrasse und einen Diener haben, wenn wir nicht die Kinder besässen? Könntest du nicht Seide und Perlen tragen, Gulla? Und ich alter Pall brauchte nicht Elsternnester in den Knien zu haben, wenn wir die Kinder nicht auf die Welt gesetzt hätten! Sind wir solche Puppen? Sind wir denn so selbstsüchtig, wie alte Jungfern behaupten? Die oft Männer verschmäht haben, weil sie nicht für sie passten! Warum bleiben so viele Mädchen unverheiratet? Sie wissen doch alle damit zu prahlen, dass sie Angebote gehabt haben, wollen aber doch gern Märtyrer sein! Höhere Interessen! Latein lernen! Sich für einen wohltätigen Zweck halbnackt kleiden und die Kinder in nassen Windeln liegen lassen! Ich glaube, ich habe höhere Interessen als Ottilie, wenn ich starke und frohe Kinder haben will, die einmal im Leben das ausrichten sollen, was wir nicht gekonnt haben! Aber mit Latein geht es nicht! Leb’ wohl, Gurli! Ich muss auf Wache! Kommst du mit?
Sie blieb sitzen und antwortete nicht. Er ging; mit schweren Schritten, so schweren. Und das blaue Meer wurde dunkel, und die Sonne schien nicht mehr.
– Pall, Pall, wohin soll dies führen, seufzte er, als er über den Zauntritt am Kirchhof stieg; ich wünschte, ich läge dort unter einem Holzkreuz, dort zwischen den Baumwurzeln; aber ich hätte sicher keine Ruhe, wenn ich dort allein läge! Gurli! Gurli!
* * * * *
– Jetzt gehts ganz verkehrt, Schwiegermutter, sagte der Kapitän eines Tages im Herbst, als er die Alte besuchte.
– Was ist denn los, lieber Willy?
– Sie waren gestern bei uns zu Hause. Vorgestern waren sie bei der Prinzessin. Und da wurde die kleine Alice elend. Das war natürlich Pech, und ich wagte nicht Gurli holen zu lassen, denn dann hätte sie geglaubt, es sei beabsichtigt. Oh! Wenn das Vertrauen einmal erschüttert ist, so ... Ich war in diesen Tagen beim Korpsintendant und fragte, ob man nach schwedischem Gesetz das Recht habe, die Freundinnen seiner Frau tot zu rauchen. Nein, das habe man nicht. Und hätte man das Recht, so wagte man es nicht, denn dann sei es ganz aus. Wenn es nur ein Liebhaber wäre: den könnte man beim Kragen nehmen und hinauswerfen. Was soll ich tun?
– Ja ja, das ist ein schwerer Fall, lieber Willy, aber wir werden schon auf etwas kommen. Du kannst doch nicht wie ein Unverheirateter leben!
– Nein, das sage ich auch!
– Ich sagte ihr in diesen Tagen derb: wenn sie nicht nett sei, würde ihr Mann einfach Mädchen besuchen!
– Und was antwortete sie?
– Sie antwortete: das könne er, denn über seinen Körper verfüge jeder selbst.
– Sie also auch? Das ist eine schöne Lehre! Ich kriege graue Haare, Schwiegermutter!
– Eine alte gute Art ist, sie eifersüchtig zu machen. Das pflegt die Radikalkur zu sein, denn dann kommt die Liebe wieder zum Vorschein, wenn sie noch da ist.
– Sie ist noch da!
– Sicher! Denn die Liebe stirbt nicht Knall und Fall; sie kann nur im Lauf der Jahre verbraucht werden, _wenn_ sie’s kann. Mach Ottilie den Hof, dann werden wir weiter sehen!
– Den Hof machen? Ihr?
– Versuchs! Kannst du nicht etwas, das sie interessiert?
– Doch, gewiss! Sie sind jetzt gerade bei der Statistik angekommen! Gefallene Frauen, ansteckende Krankheiten! Wenn man das Gespräch auf die Mathematik bringen könnte! Die verstehe ich!
– Siehst du! Beginn mit der Mathematik, geh dazu über, ihr den Schal umzulegen und ihr die Überschuhe zuzuknöpfen. Bring sie abends nach Haus. Trink mit ihr und küss sie, wenn Gurli es sieht. Ist es nötig, so sei zudringlich. Oh, sie wird nicht böse werden, das kannst du mir glauben. Und dann viel Mathematik, so viel, dass Gurli still dasitzen und schweigend zuhören muss. In acht Tagen komm wieder und erzähle mir den Verlauf!
Der Kapitän ging nach Haus, las die letzten Broschüren über die Unsittlichkeit und ging dann ans Werk.
Acht Tage später sass er heiter und vergnügt bei seiner Schwiegermutter und trank ein gutes Glas Sherry. Er war direkt fröhlich.
– Erzähle, erzähle, sagte die Alte und schob die Brille in die Höhe.
– Es war eine harte Arbeit, die ersten Tage, denn sie misstraute mir. Sie glaubte, ich triebe meinen Scherz mit ihr. Dann aber sprach ich davon, welch unerhörten Einfluss die Wahrscheinlichkeitsrechnung in Amerika auf die Sittlichkeitstatistik gehabt habe. Sie habe ganz einfach Epoche gemacht. Das wusste sie nicht und das reizte sie. Ich nahm ein Beispiel und zeigte mit Zahlen und Buchstaben, dass man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit berechnen könne, wie viele Frauen fallen. Das setzte sie in Erstaunen. Jetzt sah ich, dass sie neugierig wurde und sich einen Trumpf für die nächste Sitzung verschaffen wollte. Gurli freute sich, dass Ottilie und ich Freunde wurden, und sie brachte uns direkt zusammen. Sie stiess uns in mein Zimmer und schloss die Tür; und dort sassen wir und rechneten den ganzen Nachmittag. Sie war glücklich, die Hexe, denn sie fühlte, dass sie etwas durch mich gewann, und in drei Stunden waren wir Freunde. Beim Souper fand meine Frau, Ottilie und ich seien so alte Bekannte, dass wir uns duzen müssten. Ich holte meinen alten guten Sherry hervor, um das grosse Ereignis zu feiern. Und dann küsste ich sie mitten auf den Mund, Gott verzeihe mir meine Sünden. Gurli sah etwas verdutzt aus, wurde aber nicht böse. Sie war lauter Glück. Der Sherry war stark und Ottilie war schwach. Ich half ihr mit dem Mantel und brachte sie nach Haus. Drückte ihren Arm unterwegs und erklärte ihr die ganze Sternkarte. Ah! Sie war hingerissen! Sie habe immer die Sterne geliebt, aber nie lernen können, wie sie heissen. Die armen Frauen dürften eben nichts lernen. Sie schwärmte ordentlich und wir trennten uns als die allerbesten Freunde, die einander so lange, so lange verkannt hatten.
Am nächsten Tag noch mehr Mathematik. Wir sassen dabei bis zum Souper. Gurli kam einige Male herein und nickte uns zu. Aber bei Tisch wurde nur Mathematik und Sterne gesprochen, und Gurli sass still dabei und musste zuhören. Dann brachte ich sie nach Haus. Aber auf dem Rückweg traf ich einen befreundeten Kapitän. Wir schlüpften ins Grand Hotel und tranken ein Glas Punsch. Erst um ein Uhr kam ich heim.
Gurli sass auf.
– Wo bist du so lange gewesen, Wilhelm? sagte sie.
Da fuhr der Teufel in meine Seele und ich antwortete:
– Wir haben unterwegs so lange geplaudert, dass ich ganz vergass, was die Uhr war.
_Die_ Schraube zog an.
– Ich finde es nicht recht passend, nachts mit einer jungen Dame herumzulaufen, sagte sie.
Ich stellte mich verlegen und stammelte hervor:
– Wenn man so viel zu besprechen hat, so weiss man nicht immer, was passend ist.
– Wovon habt ihr denn gesprochen, sagte Gurli und machte ein Gesicht.
– Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern.
Das ist gut marschiert, mein Junge, sagte die Alte. Weiter, weiter.
Am dritten Tag, fuhr der Kapitän fort, kam Gurli mit einer Arbeit herein und blieb, bis die Mathematik zu Ende war. Das Souper war nicht ganz so fröhlich, aber um so astronomischer. Half der Hexe bei den Überschuhen, was einen tiefen Eindruck auf Gurli machte! Als Ottilie ging, bot sie ihr nur die Backe zum Kuss. Unterwegs drückte ich ihr den Arm und sprach von der Sympathie der Seelen, und von den Sternen als der Heimat der Seelen. Trank Punsch im Grand Hotel und kam um zwei Uhr nach Haus. Gurli sass noch auf; ich sah es, aber ich ging direkt in mein Zimmer, als Junggeselle, der ich war, und Gurli schämte sich, nachzukommen und zu fragen.
Am nächsten Tag Astronomie. Gurli erklärte, sie habe grosse Lust, dabei zu sein; Ottilie aber sagte, sie seien schon zu tief in den Stoff eingedrungen, sie werde Gurli später die Anfangsgründe mitteilen. Gurli war gereizt und ging. Viel Sherry zum Souper. Als Ottilie für das Essen dankte, fasste ich sie um die Taille und küsste sie. Gurli ward bleich. Als ich ihr die Überschuhe zuknöpfte, griff ich mit der Hand zu, hm ...
Geniere dich nicht vor mir, Willy, sagte die Alte, ich bin eine alte Frau!
– ... so hier um den Schenkel. Nicht so schlecht übrigens! Hm! Wirklich nicht so übel! Als ich aber meinen Überrock anziehen wollte, da, hast du nicht gesehen, stand das Mädchen da, um Ottilie nach Haus zu bringen. Und Gurli entschuldigte mich: ich hätte mich gestern erkältet, und sie fürchte die Nachtluft. Ottilie sah verlegen aus und küsste Gurli nicht, als sie ging.
Am nächsten Tag wollte ich Ottilie astronomische Instrumente zeigen, um zwölf in der Schule. Sie kam auch, war aber traurig. Sie war eben bei Gurli gewesen, die sich unfreundlich gegen sie gezeigt habe. Den Grund könne sie nicht verstehen. Als ich zum Mittagessen nach Haus kam, war Gurli ganz verändert. Sie war kalt und stumm wie ein Fisch. Sie litt. Ich sah es. Jetzt aber musste das Messer hinein.
– Was hast du zu Ottilie gesagt? Sie war so traurig! fing ich an.
– Was ich gesagt habe? Ja, ich habe ihr gesagt, sie sei kokett. Das habe ich gesagt.
– Wie konntest du das sagen, sagte ich. Du bist doch nicht eifersüchtig!
– Ich eifersüchtig auf die! brach sie los.
– Ja, das wundert mich, denn eine so intelligente und verständige Person kann es doch nicht auf den Mann einer andren abgesehen haben!
– Nein (jetzt kam es!), aber der Mann einer andern kann sich schlecht gegen eine andere Frau betragen.
Huhuhu! Jetzt war es fertig. Ich verteidigte Ottilie, bis Gurli sie alte Jungfer nannte, und ich fuhr fort, sie zu verteidigen. Und an diesem Nachmittag kam Ottilie nicht. Sie schrieb einen kühlen Brief und entschuldigte sich, aber sie sehe wohl, sie sei überflüssig. Ich protestierte und wollte sie holen. Da aber wurde Gurli wild. Sie sehe wohl, ich sei in diese Gurli verliebt, und sie (Gurli) sei mir nichts mehr. Sie wisse wohl, dass sie eine Gans sei, dass sie nichts könne, zu nichts tauge, und dass, huhuhu, die Mathematik ihr ganz unmöglich sei. Ich schickte nach einem Schlitten und wir fuhren aus. In einem Gasthaus am Meer tranken wir Glühwein und assen ein prächtiges Souper. Es war, als sei wieder Hochzeit, und dann fuhren wir nach Haus.
– Und dann? fragte die Alte und sah über ihre Brille hinweg.
– Und dann? Hm! Gott verzeihe mir meine Sünden! Dann habe ich sie verführt. Hol mich der Teufel, ich habe sie auf meinem Junggesellenbett verführt. Es war ganz wie auf der Hochzeit. Was sagst du dazu, Grossmutter?
– Da hast du recht getan! Und dann?
– Und dann? Seitdem ist es all right, und jetzt sprechen wir davon, wie Kinder zu erziehen und Frauen von Aberglauben und Altjüngferlichkeit, von Romantik und dem Teufel und seinem Ablativus zu befreien sind; aber wir sprechen jetzt unter vier Augen, und da versteht man einander am besten! Nicht wahr, Alte?
– Ja, lieber Willy, und jetzt werde ich euch wieder besuchen.
– Tu das, du! Da wirst du sehen, wie die Puppen tanzen und die Lerchen und die Spechte singen und zwitschern; da wirst du sehen, wie die Freude bis an die Decke reicht, denn dort wartet niemand auf das Wunderbare, das nur in den Märchen zu finden ist. Da wirst du ein wirkliches Puppenheim sehen!
Vogel Phönix
Es war zur Zeit der Walderdbeeren, als er sie in der Pfarre zum ersten Male sah. Er hatte schon viele Mädchen gesehen, als er _sie_ aber sah, da wusste er: das ist sie! Aber er wagte es nicht, etwas zu sagen, und sie lächelte über ihn, denn er war nur Gymnasiast noch.
Aber er kam wieder als Student. Und da fasste er sie um den Leib und küsste sie, und er sah Raketen stieben, hörte Glocken läuten und Jagdhörner klingen, fühlte die Erde unter seinen Füssen beben.
Sie war ein Weib von vierzehn Jahren. Ihre Brüste standen schwellend hoch, als warteten sie auf kleine gierige Mäuler und kleine zugreifende Fäuste; ihr Gang war fest, auf elastischen Waden und wiegenden Hüften, als könne sie jeden Augenblick ein Kind unter ihrem Herzen tragen. Ihr Haar war gelb und zart wie geklärter Honig und stand immer wie Sprühregen um ihre Stirn. Das Auge brannte und die Haut war weich wie ein Handschuh.
Sie waren verlobt und küssten sich wie Vögel im Garten unter der Linde, im Wald, und das Leben lag wie eine sonnige, ungemähte Wiese vor ihnen. Aber er musste erst sein Examen machen, das Bergexamen, und das dauerte, die Reise ins Ausland mitgerechnet, zehn Jahre! Zehn Jahre!
So fuhr er nach der Universität. Im Sommer kam er wieder nach der Pfarre, und sie war noch ebenso schön. Drei Male kam er wieder, aber beim vierten Mal war sie blass. Sie hatte kleine rote Streifen in den Nasenwinkeln und der Busen war eingesunken. Als der Sommer zum sechsten Male kam, nahm sie Eisen. Im siebenten fuhr sie nach einem Badeort. Im achten hatte sie Zahnschmerzen und war nervös. Das Haar hatte seinen Glanz verloren, die Stimme war scharf, die Nase hatte schwarze Pünktchen, der Busen war fort, der Gang war schleppend und die Wangen waren hohl. Im Winter bekam sie Nervenfieber und musste sich das Haar abschneiden lassen. Als es wieder wuchs, wurde es aschgrau. Er hatte sich in eine blonde Vierzehnjährige verliebt, eine Brünette konnte er nicht leiden, und er heiratete eine aschgraue Vierundzwanzigjährige, die als Braut den Hals nicht bloss tragen wollte.
Aber er liebte sie doch. Seine Liebe war nicht mehr so stürmisch wie früher, sondern beständig und ruhig. Und in der kleinen Bergstadt war nichts, was ihr Glück störte.
Sie gebar zwei Knaben hinter einander, aber der Mann wollte so gern ein Mädchen haben. Und dann kam ein kleines blondes Mädchen.
Das wurde der Augapfel des Vaters. Es wuchs heran und ward der Mutter ähnlich. Es wurde sieben Jahre und mit acht war es ganz so, wie die Mutter einmal gewesen. Und der Vater beschäftigte sich in seinen freien Stunden nur noch mit seiner Tochter.
Die Mutter hatte durch die häusliche Arbeit grobe Hände bekommen. Die Nase war wurmstichig und die Schläfen ausgehöhlt. Ihre Gestalt war von der Gewohnheit, sich über den Herd zu beugen, etwas geneigt. Und Vater und Mutter trafen sich nur bei den Mahlzeiten und nachts. Sie weinten nicht, aber es war doch nicht mehr so wie früher.
Aber die Tochter, das war des Vaters Freude. Man hätte beinahe sagen können, er sei in sie verliebt. Es war, als sehe er in ihr die wieder auferstandene Mutter, und als solle sein erster Anblick, der so schnell verschwunden war, wiederkommen. Er war beinahe schüchtern ihr gegenüber und ging nie in ihr Zimmer, wenn sie sich anzog. Er vergötterte sie.
Eines Morgens blieb sie im Bett liegen und wollte nicht aufstehen. Mama glaubte, sie habe Faulfieber, Papa aber schickte nach dem Arzt. Der Mordengel war auf Besuch gekommen; es war Diphtheritis. Entweder der Vater oder die Mutter musste mit den andern Kindern fliehen. Der Vater wollte nicht. Die Mutter musste mit den andern Kindern aus der Stadt ziehen, und der Vater blieb bei der Kranken. Und da lag sie jetzt! Man räucherte mit Schwefel, dass die Vergoldung der Bilderrahmen schwarz wurde, und die Silbersachen auf dem Toilettentisch auch! Der Vater war ausser sich, wenn er durch die leeren Zimmer ging; und wenn er nachts allein in dem grossen Bett lag, war es ihm, als sei er Witwer. Er kaufte dem Kinde Spielsachen und es lächelte, wenn er am Bettrande Kasper spielte, und es fragte nach Mama und den Geschwistern.
Und der Vater musste hingehen und von der Strasse aus der Mutter zum Fenster hinauf zunicken und den Kindern Kusshände zuwerfen. Und die Mutter telegraphierte mit blauen und roten Papierbogen durch die Fensterscheiben.
Aber eines Tages wollte das Mädchen den Kasper nicht mehr sehen, und es lächelte nicht mehr. Auch konnte es nicht mehr sprechen. Der Tod kam, kam mit seinen langen knochigen Armen und erstickte das Kind. Es war ein harter Kampf.
Da kam die Mutter! Und sie hatte Gewissensbisse, dass sie ihr Kind verlassen. Und es war grosser Jammer und grosse Not.
Als der Arzt das Kind obduzieren wollte, liess es der Vater nicht zu. Sie sollten ihr mit den Messern nichts zuleide tun; denn für ihn sei sie nicht tot. Aber es musste geschehen. Und da wollte er den Arzt schlagen und ihn beissen.
Als sie aber in die Erde kam, baute er ein Grabmal und ging das ganze Jahr hindurch jeden einzigen Tag dorthin. Das zweite Jahr weniger oft. Die Arbeit war schwer und die Zeit knapp. Die Jahre begannen sich fühlbar zu machen, die Schritte wurden weniger leicht, und die Trauer verwuchs. Zuweilen schämte er sich, dass er nicht mehr so viel trauere; dann aber vergass er es.
Er bekam noch zwei Töchter; das war aber nicht dasselbe; sie, die von hinnen gegangen, konnte nicht ersetzt werden.
Das Leben war hart, die Vergoldung war unmerklich von der jungen Frau abgegangen, die einmal wie – wie kein anderes Weib auf der Erde gewesen war. Die Vergoldung war abgegangen von der einmal so blanken und strahlenden Häuslichkeit. Die Kinder hatten Beulen in die Hochzeitsgeschenke der Mutter gemacht, das Bett verdorben, die Stuhlbeine angetreten. Die Polsterung kam aus den Sofas heraus, und das Klavier war seit Jahren nicht geöffnet werden. Der Gesang war verstummt vorm Kindergeschrei, und die Stimmen waren rauh geworden. Die Koseworte hatte man mit den Kinderkleidern abgelegt, die Liebkosungen waren Massage geworden. Man fing an, alt und müde zu werden. Papa lag nicht mehr vor Mama auf den Knien, sondern sass in seinem abgenutzten Lehnstuhl und liess sich von Mama die Streichhölzchen holen, wenn er seine Pfeife anstecken wollte. Man war alt geworden!
Da starb die Mama, als der Papa fünfzig Jahre alt war. Da aber tauchte es wieder auf, all das Alte. Als ihre gebrochene Gestalt, die der Todeskampf hässlich gemacht hatte, in die Erde gegraben wurde, stand die Erinnerung an die junge Vierzehnjährige wieder auf. Da betrauerte er diese, die er vor so langer Zeit verloren hatte, und mit der Sehnsucht kam die Reue. Aber er war nie schlecht gegen die alte Mama gewesen; und die Vierzehnjährige vom Pfarrhaus, die er nie bekommen, denn er kriegte ja nur die bleichsüchtige Vierundzwanzigjährige, die hatte er verehrt, vor der hatte er gekniet, der war er treu gewesen. Und wenn er aufrichtig war, so war es sie, nach der er sich jetzt sehnte; doch hatte der alten Mama gutes Essen und unermüdliche Fürsorge auch einen Anteil an der Sehnsucht, aber auf eine andere Art.
Jetzt aber wurde er intimer mit den Kindern. Einige waren aus dem Nest geflogen, andere aber noch zu Hause.
Als er ein ganzes Jahr lang seine Freunde damit ermüdet hatte, dass er ihnen das Leben seiner verstorbenen Frau erzählte, geschah etwas Merkwürdiges. Er sah ein junges Mädchen, eine blonde Achtzehnjährige, die seiner Frau, wie sie mit vierzehn Jahren gewesen, glich. Er nahm es wie einen Wink des freigebigen Himmels, der ihm also endlich sie, die erste, geben wolle. Er verliebte sich in sie, weil sie der ersten glich. Und er verheiratete sich wieder. Jetzt hatte er sie endlich bekommen.
Die Kinder aber, besonders die Mädchen, waren der jungen Stiefmutter abgeneigt; sie schämten sich, sie anzusehen; sie fanden das Verhältnis der Eltern unrein; glaubten, der Vater sei ihrer Mutter untreu geworden. Und sie gingen aus dem Hause, in die Welt hinaus!
Er war glücklich! Aber er war noch stolzer darauf, dass ein junges Mädchen ihn hatte haben wollen.
– Nur Nachmahd! sagten seine alten Freunde.
Nach einem Jahr bekam die Frau ein Kind. Papa war nicht mehr an Kindergeschrei gewöhnt und wollte nachts schlafen. Zog in sein eigenes Zimmer; seine Frau aber weinte. Er fand die Frauen etwas aufdringlich. Und dann war sie eifersüchtig auf die erste Frau. Er war nämlich, als sie verlobt waren, so dumm gewesen, ihr zu sagen, sie gleiche seiner ersten Frau. Und dann hatte er sie deren Liebesbriefe lesen lassen. Als sie jetzt oft allein war, erinnerte sie sich an alles. So wusste sie, dass sie alle Kosenamen von der ersten geerbt, dass sie nur eine Stellvertreterin sei. Das reizte sie, und sie machte alle möglichen Dummheiten, um ihn für sich persönlich zu gewinnen. Das ermüdete ihn aber. Und wenn er in der Einsamkeit Vergleiche anstellte, verlor die neue Frau sehr. Sie war nicht so milde wie die andere; sie reizte seine Nerven. Dazu kam die Sehnsucht nach den Kindern, die er aus ihrem Elternhaus vertrieben. Dazu kamen schlechte Träume, denn er glaubte seiner verstorbenen Frau untreu zu sein.
Es war nicht mehr gemütlich zu Hause. Es war dumm, was er getan, und es wäre besser nicht geschehen.
Er fing an in den Ratskeller zu gehen. Da aber wurde die Frau böse. Er habe sie betrogen. Er sei ein alter Mann, und er solle sich in Acht nehmen. Ein so alter Mann dürfe seine junge Frau nicht allein lassen; das könne gefährlich werden!
– Alt? Sei er alt? Er werde ihr zeigen, dass er nicht alt sei!
Und sie zogen wieder zusammen. Da aber wurde es sieben Male schlimmer. Er wollte ihr nachts nicht wiegen helfen, und das Kind sollte in die Kinderstube! Nein, mit dem Kind der _ersten_ Frau habe er es nicht so gemacht.
Er musste sich quälen lassen.
Zwei Male hatte er geglaubt, den Vogel Phönix aus der Asche der Vierzehnjährigen aufsteigen zu sehen, zuerst in der Tochter, dann in der zweiten Frau; aber in seiner Erinnerung lebte nur die erste, die Kleine aus dem Pfarrhof, die er zur Zeit der Walderdbeeren sah, die er unter der Linde im Walde küsste, die er aber nie bekommen.