Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten
Part 10
Im ersten Sommer schrieb er förmliche Liebesbriefe an seine Frau, und er konnte auf dem Meer keinen Segler treffen, ohne dass er sofort Post signalisieren liess! Und als er vom Stockholmer Inselmeer Landkennung hatte, wusste er nicht, wie er sie schnell genug sehen konnte. Aber das wusste sie. In Landsort erreichte ihn ein Telegramm, dass sie ihm nach Dalarö entgegen kommen werde. Und als Anker geworfen wurde, sah er ein kleines, blaues Taschentuch auf der Veranda des Gasthauses: da wusste er, dass sie es war. Aber es war an Bord so viel zu tun, dass es Abend wurde, ehe er an Land gehen konnte. Als er dann aber mit der Gig kam und der vorderste Ruderer den Anprall abwehrte, sah er sie auf der Landungsbrücke: sie war noch ebenso jung, noch ebenso hübsch, noch ebenso gesund wie vorher; es war ihm, als lebte er seine erste Liebeszeit noch ein Mal. Und als sie ins Gasthaus kamen, welch kleines Souper hatte sie in den beiden kleinen Zimmern, die sie bestellt, zu arrangieren verstanden! Und wieviel sie mit einander zu besprechen hatten. Die Reise, die Kinder, die Zukunft! Und der Wein funkelte und die Küsse schmatzten. Vom Schiff war der Zapfenstreich zu hören. Um den kümmerte er sich aber nicht, denn er wollte nicht vor ein Uhr gehen.
– Was, er wolle gehen?
– Ja, er müsse an Bord sein; wenn er aber zur Tagwache da sei, genüge es.
– Wann denn die Tagwache beginne?
– Um fünf Uhr!
– O pfui so früh!
– Wo wolle sie aber heute nacht wohnen?
– Das brauche er nicht zu wissen!
Er erriet es und wollte nun sehen, wo sie wohne. Aber sie stellte sich vor die Tür! Er küsste sie, nahm sie wie ein Kind auf den Arm und öffnete die Tür.
– Was für ein grosses Bett! Das war ja wie die grosse Barkasse! Wo hatten die Leute das her?
Wie sie errötete!
– Aber sie habe ja seinen Brief so verstanden, dass sie beide im Gasthaus „wohnen“ würden.
– Gewiss würden sie dort wohnen, wenn er auch zur Tagwache an Bord sein müsse: auf dieses verd. Morgengebet komme es doch auch nicht an!
– Wie er so sprechen könne!
– Jetzt wollen wir Kaffee trinken und etwas Feuer machen, denn die Laken fühlen sich feucht an! Was für ein verständiger Schalk sie sei, solch ein grosses Bett anzuschaffen! Wo sie das her habe?
– Das habe sie nirgendswoher!
– Nein, das könne er sich wohl denken! Er könne sich alles denken!
– Er sei doch so dumm!
– Er sei dumm?
Und er fasste sie um den Leib.
– Nein, er müsse artig sein!
– Artig? Das sei leicht zu sagen!
– Jetzt komme das Mädchen mit dem Holz!
Als die Uhr zwei schlug und es im Osten über Schären und Wasser zu brennen anfing, sassen sie am offenen Fenster.
– Es sei ja, als sei sie seine Geliebte und er ihr Liebhaber. Nicht wahr? Und jetzt müsse er gehen! Aber er werde um zehn Uhr wiederkommen, zum Frühstück, und nachher würden sie segeln.
Er setzte Kaffee auf seinem Reisekocher auf, und dann tranken sie Kaffee, während die Sonne aufging und die Möwen schrien. Draussen auf dem Wasser lag das Kanonenboot, und er sah den Hauer der Vorwache dann und wann aufleuchten. Die Trennung war schwer, aber die Gewissheit, dass sie sich schon am nächsten Tag wiedersehen würden, half ihnen darüber hinweg. Er küsste sie zum letzten Mal, schnallte den Säbel um und ging.
Als er auf die Brücke hinunterkam und „Boot ahoi“ rief, versteckte sie sich hinter der Gardine, ganz als schäme sie sich. Er aber warf ihr lauter Kusshände zu, bis die Matrosen mit der Gig anlangten. Und dann noch ein letztes: „Schlaf’ gut und träum’ von mir!“ Als er mitten auf dem Wasser sich umsah und das Fernglas ans Auge setzte, sah er noch eine kleine Gestalt mit schwarzem Haar in der Kammer, und die Sonne schien auf ihr Hemd und ihre blossen Schultern, dass sie wie eine Seejungfrau aussah!
Da wurde das Wecken geblasen. Die langen Töne des Signalhorns rollten zwischen grünen Inseln über das blanke Wasser hinaus und kamen auf andern Wegen hinter Fichtenwäldern zurück. Und dann alle Mann auf Deck und das Vaterunser und „Jesu, lass mich stets beginnen.“ Der kleine Glockenstuhl von Dalarö antwortete mit seinem schwachen Geläut, denn es war Sonntag. Und jetzt kamen Kutter in der Morgenbrise, und Flaggen wurden geflaggt, Schüsse knallten, helle Sommerkleider erschienen auf der Zollbrücke, der Dampfer mit dem roten Wassergang kam, die Fischer nahmen ihre Netze auf, und die Sonne schien auf das wellige blaue Wasser und auf die grünenden Inseln.
Um zehn Uhr stiess die Gig ab und ging mit sechs Paar Rudern an Land. Sie hatten einander wieder. Und als sie in dem grossen Esssaal Frühstück assen, flüsterten die andern Gäste unter sich: Ist das seine Frau? Er sprach halblaut wie ein Geliebter und sie schlug die Augen nieder und lächelte, oder klopfte ihm mit der Serviette auf die Finger.
Das Boot lag an der Brücke, und sie setzte sich ans Steuer; er besorgte die Fock. Aber er konnte die Augen nicht abwenden von ihrer hellen, sommerlich gekleideten Gestalt mit der hohen festen Brust, der entschlossenen Miene und dem starken Blick, der gegen den Wind aufsah, während die mit Wildleder behandschuhte Hand die Grossschot hielt. Er wollte nur plaudern und stellte sich manchmal dumm an beim wenden: dann kriegte er einen Rüffel wie ein Schiffsjunge, und das machte ihm höllischen Spass.
– Warum hast du das Kind nicht mitgenommen? fragte er, um sich mit ihr zu necken.
– Wo hätte ich es denn schlafen legen sollen?
– In die grosse Barkasse natürlich!
Und dann lächelte sie, und es machte ihm soviel Freude, sie auf diese Art lächeln zu sehen.
– Nun, was hat die Wirtin heute morgen gesagt? fuhr er fort.
– Was sollte sie sagen?
– Hat sie heute nacht ruhig schlafen können?
– Warum sollte sie das denn nicht?
– Ich weiss nicht, aber es hätten ja Ratten sein können, die an den Dielen knapperten; oder eine alte Bodenluke, die knarrte; man kann nicht wissen, was den süssen Schlaf einer alten Mamsell beunruhigt.
– Wenn du nicht still bist, so mache ich die Schot fest und segle dich in die See!
Sie landeten an einem kleinen Holm und nahmen aus einem Körbchen ein Mittagsmahl. Dann schossen sie mit dem Revolver nach der Scheibe. Darauf legten sie Angelruten aus und taten so, als angelten sie, aber es biss nicht; und dann segelten sie wieder, auf die freien Meeresflächen hinaus, wo die Eidergänse strichen; in einen Sund hinein, wo die Hechte im Schilf schlugen, und dann wieder hinaus. Er wurde es nicht müde, sie zu sehen, mit ihr zu plaudern, sie zu küssen, wenn er konnte.
So trafen sie sich sechs Sommer, und immer waren sie ebenso jung, immer ebenso toll, und sie waren glücklich. Im Winter sassen sie in Stockholm in ihren kleinen Kajüten. Und dann takelte er Boote für die jungen auf oder belustigte sie mit Abenteuern aus China und den Südseeinseln, und seine Frau sass dabei und hörte zu und musste lachen über seine drolligen Geschichten. Und es war ein entzückender Raum, der nicht seinesgleichen hatte. Da hingen japanische Sonnenschirme und Rüstungen, ostindische Miniaturpagoden, australische Bogen und Lanzen; Negertrommeln und gedörrte fliegende Fische, Zuckerrohr und Opiumpfeifen. Und Papa, der anfing kahl zu werden, fühlte sich ausserhalb der Häuslichkeit nicht wohl. Manchmal spielte er Brett mit seinem Freund, dem Auditor, und manchmal leistete man sich ein Spielchen Boston und einen mässigen Grog. Früher hatte seine Frau mitgespielt, nachdem sie aber vier Kinder bekommen, hatte sie keine Zeit mehr; sie sass aber gern ein Weilchen dabei und guckte in die Karten, und wenn sie an Papas Stuhl kam, fasste er sie um den Leib und fragte sie, ob er sich über seine Karten freuen könne.
Die Korvette sollte dieses Mal sechs Monate fortbleiben. Dem Kapitän war es unheimlich, denn die Kinder waren erwachsen und für Mama war es etwas schwer, den weitläufigen Haushalt zu besorgen. Und der Kapitän war nicht mehr so jung und nicht ganz so lebendig mehr wie früher, aber – es musste geschehen, und er fuhr ab.
Schon bei Kronborg gab er den ersten Brief auf, der also lautete:
Meine liebe geliebte Toppnant!
Wind schwach SSO. z. O., + 10° C., 6 Glas Freiwache. Ich kann nicht schreiben, was ich auf dieser Fahrt, auf der ich Dich nicht sehen werde, empfinde. Als wir den Warpanker ausfuhren (6 Uhr 30 nachmittags bei starkem NO. z. N.), war es mir, als hätte man mir einen Pall in den Brustkasten gesetzt, und ich hatte wirklich ein Gefühl, als habe man mir die Kette durch beide Ohrklüsen gesteckt. Man sagt, Seeleute haben ein Vorgefühl von Unglück. Davon weiss ich nichts, aber bis ich Deine ersten Zeilen erhalte, bin ich recht unruhig! An Bord ist nichts passiert, aus dem einfachen Grunde, weil nichts passieren darf. Wie geht es Euch? Hat Bob seine neuen Stiefel bekommen? Passen sie? Ich bin ein schlechter Briefschreiber, wie Du weisst, und höre jetzt auf! Mit einem grossen Kuss mitten auf dieses Kreuz ×!
Dein alter Pall.
NS. Du musst Dir etwas Gesellschaft suchen (weibliche natürlich!). Und vergiss nicht, die Mamsell auf Dalarö zu bitten, dass sie die grosse Barkasse verhäutet, bis ich zurückkomme! (Der Wind wird stärker; wir werden ihn nachts von Norden haben!)
Vor Portsmouth erhielt der Kapitän von seiner Frau diesen Brief:
Lieber alter Pall!
Hier ist es schaurig ohne Dich, das kannst Du mir glauben! Und schwer ist es gewesen, denn Alice hat jetzt ihren Zahn bekommen. Der Doktor sagte, es sei ungewöhnlich früh, und es soll bedeuten (ja, das darfst Du nicht wissen!). Bobs Stiefel passen ausgezeichnet, und er ist sehr stolz auf sie.
Du erwähnst in deinem Brief, ich müsse eine weibliche Bekanntschaft suchen. Das habe ich schon getan, oder richtiger, sie hat mich gesucht. Sie heisst Ottilie Sandegren und hat das Seminar durchgemacht. Sie ist sehr ernst: Du brauchst also nicht zu fürchten, Pall, dass man Deine Toppnant auf Abwege führt. Und dann ist sie religiös. Ja, ja, wir könnten wirklich etwas strenger in unserer Religion sein, und zwar jeder. Sie ist eine ausgezeichnete Person. Und nun schliesse ich für dieses Mal, denn Ottilie kommt und holt mich. Sie ist eben jetzt gekommen und lässt Dich grüssen!
Deine Gurli.
Der Kapitän war mit diesem Brief nicht zufrieden. Der war zu kurz und war nicht so munter wie gewöhnlich. – Seminar, religiös, ernst, und Ottilie: zwei Male Ottilie! Und dann Gurli! Warum nicht Gulla wie früher! Hm!
Acht Tage später erhielt er vor Bordeaux einen neuen Brief, der von einem Buch in Kreuzband begleitet war. „Lieber Wilhelm!“ – Hm, Wilhelm! Nicht Pall mehr! – „Das Leben ist ein Kampf“ – Was zum Teufel war das? Was haben wir beide mit dem Leben zu tun! – „von Anfang bis zum Ende“. „Ruhig wie ein Bach in Kidron“ – Kidron, das ist ja die Bibel! – „ist unser Leben verflossen. Wir sind wie Schlafwandler über Abgründe gegangen, ohne sie zu sehen!“ – Seminar, Seminar! – „Dann aber kommt das Ethische“ – Ethische? Ablativus! Hm, hm! – „und macht sich in seinen höheren Potenzen geltend!“ – Potenzen?! – „Wenn ich jetzt aus unserem langen Schlaf erwache und mich selber frage: ist unsere Ehe eine rechte Ehe gewesen? so muss ich mit Reue und Scham bekennen, sie ist es nicht gewesen! Die Liebe ist himmlischen Ursprungs (Matth. XI, 22 ff.).“ – Der Kapitän musste aufstehen und sich ein Glas Wasser mit Rum nehmen, ehe er fortfuhr. – „Wie irdisch, wie konkret ist sie gewesen! Haben unsere Seelen in dieser Harmonie gelebt, von der Plato (Phaidon, Buch VI, Kap. II, § 9) spricht? Nein, müssen wir antworten! Was bin ich für Dich gewesen? Deine Haushälterin und, wie ich mich schäme, Deine Geliebte! Haben unsere Seelen einander verstanden? Nein, müssen wir antworten!“ – Zum Teufel mit allen Ottilien und Seminaren! Ist sie meine Haushälterin gewesen? Sie ist meine Frau gewesen und die Mutter meiner Kinder! – „Lies dieses Buch, das ich Dir sende! Es wird Dir auf alle Fragen Antwort geben. Es hat ausgesprochen, was Jahrhunderte lang im Herzen des ganzen Frauengeschlechtes verborgen lag! Lies es und sag mir dann, ob unsere Ehe eine rechte Ehe gewesen ist. Deine Gurli.“
Das war seine böse Ahnung! Der Kapitän war ganz ausser sich und konnte nicht verstehen, was über seine Frau gekommen sei! Das war ja schlimmer als Muckertum!
Er riss das Kreuzband auf und las auf dem Umschlag eines gehefteten Buchs: Et Dukkehjem af Henrik Ibsen. Ein Puppenheim? Ja! Nun und? Seine Häuslichkeit war ein feines Puppenhaus gewesen, und sein Frauchen war seine kleine Puppe und er war ihre grosse Puppe gewesen. Sie waren dahingetanzt über die harte Strasse des Lebens, und sie waren glücklich gewesen! Was fehlte ihnen denn? Was war für ein Unrecht begangen worden? Er musste nachlesen, da das ja in diesem Buch stehen sollte.
In drei Stunden hatte ers gelesen! Aber sein Verstand stand still. Was hatten er und seine Frau damit zu tun? Hatten sie Wechsel gefälscht? Nein! Hatten sie einander nicht geliebt? Doch!
Er schloss sich in der Kajüte ein und las das Buch noch ein Mal; und er unterstrich mit blau und rot, und als es Morgen wurde, setzte er sich hin und schrieb an seine Frau:
Ein wohlgemeinter kleiner Ablativus über das Stück „Ein Puppenheim“, vom alten Pall an Bord der Vanadis im Atlantischen Ozean vor Bordeaux (B. 45°, L. 16°) zusammengeschrieben.
§ 1. Sie verheiratete sich mit ihm, weil er sie liebte, und da tat sie verdammt recht. Denn hätte sie auf den gewartet, den _sie_ liebte, so hätte der Fall eintreten können, dass _er_ sie nicht liebte, und dann hätte sie den Teufel in einer Rüstkausch gehabt. Dass nämlich beide ganz verliebt in einander sind, trifft äusserst selten ein.
§ 2. Sie fälscht einen Wechsel. Das war dumm von ihr; aber sie darf nicht sagen, dass es nur des Mannes wegen geschah, denn sie hat ihn ja nie geliebt; wenn sie sagte, es sei für beide und für die Kinder geschehen, dann würde sie die Wahrheit sprechen! Ist das klar?
§ 3. Dass er sie nach dem Ball liebkosen will, beweist nur, dass er sie liebt, und das ist kein Fehler bei ihm; nur dass es auf dem Theater gezeigt wird, ist ein Fehler. Il y a des choses qui se font, mais qui ne se disent point, sagt ein Franzose, glaube ich. Übrigens hätte der Dichter, wenn er gerecht gewesen wäre, auch einen entgegengesetzten Fall gezeigt: la petite chienne veut, mais le grand chien ne veut pas, sagt Ollendorf. (Vergleiche die Barkasse von Dalarö.)
§ 4. Dass sie, als sie entdeckt, dass der Mann ein Ochse ist, denn das ist er, als er ihr verzeihen will, weil ihr Streich nicht ruchbar geworden, ihre Kinder verlassen will, „weil sie nicht würdig sei, sie zu erziehen“, ist eine nicht sehr scharfsinnige Koketterie. Wenn sie eine Kuh war (denn auf dem Seminar lernt man doch nicht, dass es erlaubt ist, Wechsel zu fälschen) und er ein Ochse, so müssten sie ein gutes Gespann abgeben. Am allerwenigsten dürfte sie die Erziehung ihrer Kinder einem Vater überlassen, den sie verachtet.
§ 5. Nora hat also viel eher Grund, bei den Kindern zu bleiben, wenn sie sieht, was für ein Rindvieh der Mann ist.
§ 6. Dass der Mann sie früher nicht nach ihrem wirklichen Wert geschätzt hat, dafür konnte er nicht, denn ihren wirklichen Wert erhielt sie ja erst nach der Balgerei.
§ 7. Nora war früher eine Gans; das leugnet sie selbst nicht.
§ 8. Alle Garantien, dass sie künftighin ein besseres Gespann bilden werden, liegen ja vor: er hat bereut und will sich bessern; sie auch! Gut! Hier meine Hand, und nun fangen wir von neuem an! Gleich und gleich gesellt sich gern! Wie gehauen so gestochen. Du warst eine Kuh und ich habe mich wie ein Ochse benommen! Du, kleine Nora, warst schlecht erzogen; ich altes Aas habe es nicht besser gelernt. Beklage uns beide! Wirf faule Eier auf unsere Erzieher, aber schlag nicht mich allein auf den Schädel. Ich bin, obwohl ein Mann, ebenso unschuldig wie du! Vielleicht noch etwas unschuldiger, denn ich habe mich aus Liebe verheiratet, du aus Wirtschaft! Lass uns daher Freunde sein und zusammen unsere Kinder die kostbare Lehre lehren, die das Leben uns gegeben hat!
Ist das klar? All right!
Das hat Kapitän Pall mit seinen steifen Fingern und seinem trägen Verstand geschrieben!
So, mein geliebtes Püppchen, jetzt habe ich Dein Buch gelesen und meine Meinung gesagt. Was aber geht das Buch uns an? Haben wir einander nicht geliebt? Haben wir uns beide nicht erzogen und die Ecken abgeschliffen, denn Du erinnerst Dich wohl, da waren anfangs Äste und Schelfen! Was sind denn das für Grillen! Zur Hölle mit Ottilien und Seminaren!
Das war ein verzwicktes Buch, das Du mir gegeben hast. Es war wie ein schlecht bebaktes Fahrwasser, wo man jeden Augenblick auffahren kann. Aber ich nahm Besteck und prickte auf der Karte aus, so dass ich ruhiges Wasser bekam. Doch ich mache es wahrhaftig nicht noch ein Mal. Der Teufel mag diese Nüsse knacken, die inwendig schwarz sind, wenn man schliesslich ein Loch gemacht hat. Und nun wünsche ich Dir Friede und Glück und Deinen guten Verstand wieder.
Wie geht es meinen Kleinen? Du hast vergessen, von ihnen zu schreiben. Das kam wohl daher, dass Du zu sehr an die verwünschten Kinder Noras dachtest (die nirgends anders als in dem Stück zu finden sind). Weint mein Sohn, spielt meine Linde, singt meine Nachtigall, tanzt mein Püppchen? Das muss sie immer tun, dann freut sich der alte Pall. Und nun segne Dich Gott und lass keine bösen Gedanken zwischen uns kommen. Ich bin so traurig, dass ichs kaum sagen kann. Und da soll ich mich hinsetzen und Kritiken über Theaterstücke schreiben! Gott behüte Dich und die Kinder, und küss sie mitten auf den Mund von deinem alten treuen Pall.
Als der Kapitän den Brief abgeschickt hatte, ging er in die Offiziersmesse und trank einen Grog. Der Arzt war dabei.
– Hast du gemerkt, sagte er, wie es nach alten schwarzen Hosen riecht? Möchte mich im Kattblock auf den Vortopp hissen und von einem dichtgerefften NW. z. N. durchpusten lassen.
Aber der Arzt verstand nichts. –
– Ottilie, Ottilie ... Eine Ration Handspake müsste sie haben! Die Hexe in die Schanze schicken und die zweite Backschaft auf sie loslassen, bei geschlossenen Luken. Man weiss wohl, was eine alte Jungfer nötig hat!
– Aber was ist dir denn, alter Pall? fragte der Arzt.
– Plato! Plato! Zum Teufel mit Plato. Ja, wenn man sechs Monate auf See ist, dann ist es Plato! Dann wird man ethisch! Ethisch? Ich wette einen Marlspieker gegen einen Doppelhaken: bekäme Ottilie ihr warmes Essen, so würde sie nicht mehr von Plato sprechen!
– Aber was ist denn?
– Nichts. Hörst du! Du bist ja Arzt! Wie ist es eigentlich mit den Frauenzimmern? Was? Ist es nicht gefährlich, lange unverheiratet zu bleiben? Werden sie nicht etwas ... kikeriki, so auf einen Hals? Was?
Der Arzt sprach seine Ansicht aus und beklagte, dass nicht alle Weibchen befruchtet werden können.
– In der Natur lebt das Männchen meist in Polygamie, denn das kann es in den meisten Fällen tun, da Essen für die Jungen vorhanden ist (die Raubtiere ausgenommen): in der Natur gibt es solche Abnormitäten wie unverheiratete Weibchen nicht. Aber in der Kultur, wo es ein Glück ist, wenn man Brot genug hat, da ist es gewöhnlich, zumal es mehr Frauen als Männer gibt. Man müsste daher freundlich gegen unverheiratete Mädchen sein, denn ihr Los ist traurig.
– Freundlich? Das ist leicht gesagt; wenn sie aber selber nicht freundlich sind!
Und alles kam aus ihm heraus, sogar, dass er eine Theaterkritik geschrieben.
– Ach, man schreibt so viel dummes Zeug, sagte der Arzt und legte den Deckel auf die Grogkanne. Schliesslich entscheidet doch die Wissenschaft die grossen Fragen! Die Wissenschaft!
Als der Kapitän, nachdem er sechs Monate fort gewesen und einen nicht sehr angenehmen Briefwechsel mit seiner Frau geführt (sie hatte seine Kritik scharf mitgenommen), schliesslich in Dalarö ans Land stieg, wurde er von seiner Frau, allen Kindern, zwei Mägden und Ottilie empfangen. Seine Frau war zärtlich, aber nicht herzlich. Sie reichte ihm ihre Stirn zum Kuss. Ottilie war lang wie ein Stag und hatte sich das Haar abgeschnitten: im Nacken sah sie aus wie ein Schwabber. Das Souper war langweilig und es gab nur Tee. Die Barkasse wurde mit Kindern gestaut, und der Kapitän bekam eine Bodenkammer. O wie anders war das als früher! Der alte Pall sah alt aus, und verdutzt war er auch.
– Das ist ja die reine Hölle, dachte er, verheiratet zu sein und keine Frau zu haben!
Am nächsten Morgen wollte er mit seiner Frau segeln. Aber Ottilie vertrug die See nicht. Sie hatte eine schlechte Dampferfahrt hinter sich. Und übrigens sei es Sonntag. Sonntag? Da haben wirs! Aber sie wollten statt dessen spazieren gehen. Sie hätten wohl viel mit einander zu besprechen! Ja freilich, sie hatten sich viel zu sagen. Aber Ottilie sollte nicht dabei sein!
Sie gingen Arm in Arm aus. Aber sie sprachen nicht viel; und was gesagt wurde, waren mehr Worte, um die Gedanken zu verbergen, als durch Worte ausgedrückte Gedanken.
Sie kamen an dem kleinen Cholerakirchhof vorbei und schlugen den Weg nach dem Schweizer Tal ein. Eine schwache Brise rauschte in den Fichten, und durch die dunkeln Zweige leuchtete das blaue Meer.
Sie setzte sich auf einen Stein. Er setzte sich ihr zu Füssen. Jetzt geht es los, dachte er. Und es ging los.
– Hast du über unsere Ehe nachgedacht, begann sie.
– Nein, sagte er, als habe er seine Parade schon ausgedacht, ich habe sie nur empfunden! Ich glaube nämlich, die Liebe ist Gefühlssache: man segelt auf Landkennung und läuft in den Hafen; greift man aber zu Kompass und Karte, so stösst man auf Grund.
– Ja, aber unsere Ehe ist nichts anderes gewesen als ein Puppenheim.
– Verzeih, das ist eine Lüge. Du hast nie einen Wechsel gefälscht; du hast niemals einem syphilitischen Doktor, von dem du Geld gegen Sicherheit in natura leihen wolltest, deine Strümpfe gezeigt; du bist niemals so romantisch stupid gewesen, zu erwarten, dein Mann würde sich eines Verbrechens wegen anzeigen, das seine Frau aus Dummheit begangen und das kein Verbrechen wurde, weil kein Ankläger da war; und du hast mich nie belogen! Ich habe dich ebenso ehrlich behandelt, wie Helmer seine Frau behandelte, als er sie zur Vertrauten seiner Seele machte, sie über die Geschäfte der Bank mitsprechen liess; duldete, dass sie sich in die Besetzung einer Stelle einmischte! Wir sind also Mann und Weib nach allen Begriffen gewesen, sowohl altmodischen wie neumodischen!
– Ja, aber ich bin deine Haushälterin gewesen!
– Verzeih, das ist eine Lüge! Du hast niemals in der Küche gegessen, du hast keinen Lohn erhalten, niemals über Ausgaben Rechnung legen müssen, niemals Schelte gekriegt, weil dies und jenes nicht richtig war! Und hältst du meine Arbeit: holen und brassen, Tau fieren und „präsentiert“ schreien, Heringe auszählen und Schnäpse ausmessen, Erbsen wiegen und Mehl prüfen – hältst du das für ehrenvoller als: nach Mägden sehen und auf den Markt gehen, Kinder ernähren und Kinder erziehen!
– Nein, aber du wirst dafür bezahlt! Du bist dein eigener Herr! Du bist ein Mann!
– Mein liebes Kind! Willst du einen Lohn von mir haben? Willst du meine wirkliche Haushälterin werden? Dass ich ein Mann bin, das ist ein Zufall, denn das soll erst im sechsten Monat entschieden werden! Das ist traurig, denn es ist jetzt ein Verbrechen geworden, Mann zu sein; es ist aber kein Fehler. Und der Teufel hole den, der die beiden Hälften der Menschheit gegen einander erhoben hat! Der hat viel zu verantworten. Bin ich der Herr? Herrschen wir nicht beide? Tue ich etwas Wichtiges, ohne dich um Rat zu fragen? Was? Aber du, du erziehst deine Kinder nach deinem Kopf! Erinnerst du dich nicht, dass ich das Wiegen abschaffen wollte, weil es die Kinder zum Schlaf berauscht. Da durftest du herrschen! Ein ander Mal habe ich geherrscht, das nächste Mal wieder du! Einen Mittelweg gibt es nicht, denn zwischen Wiegen und Nichtwiegen gibt es kein Mittelding! Es ist doch ganz gut gegangen bis jetzt! Du hast mich für Ottilie verlassen!