Hannis Heimkehr

Part 8

Chapter 83,812 wordsPublic domain

›Unten bei uns ist ein Milchladen. Wir mögen so gern einbrocken – aber das kostet zu viel.‹ Auch in meinem Federkasten fand sich noch ein Groschen, und wie der Wind war die Kleine vorauf, einen Topf zu holen. Vorsichtig tasteten wir dann die schmalen, nach oben dunkler werdenden Treppen hinauf. Oben ward uns ein rührender Anblick. In einem sehr ärmlich aussehenden Stübchen standen zwei magere, blasse, kleine Kinder – Junge und Mädchen – angefaßt und die kleinen Gesichter gegen die Fensterscheibe gedrückt, sehnsüchtig auf die große, sechsjährige Schwester wartend.

›Was ist es für ein Glück, daß wir gerade durch die Querstraße gingen,‹ sagte Ilse sehr ernst. ›Denk doch bloß, diese kleinen Jammerbilder hätten bis zum Abend hungern müssen!‹ Sie sah ganz verstört zu, wie gierig die Kleinen das Brot aßen, was die über ihre Jahre verständige Schwester ihnen in die Milch brockte.

Endlich erinnerte ich daran, daß wir zu spät zum Mittagessen kommen würden. Ilse konnte sich gar nicht von den Kindern trennen und sagte, sie käme nächstens wieder und brächte ihnen was Schönes mit. Wir merkten uns genau Haus und Straße.

Am anderen Morgen kam Ilse empört in die Schule. ›Denk bloß, wie engherzig Mama ist! Ich habe ihr von unserem Abenteuer erzählt. Willst du glauben, daß sie entsetzt war über meine Unvorsichtigkeit, ein fremdes Haus zu betreten, und mir aufs strengste verbot, je wieder zu solchem ›Gesindel‹ in die Stube zu gehen! Sie irrt sich aber sehr, morgen gehe ich wieder hin.‹

›Aber Ilse, das wirst du sicher nicht tun gegen ihren Willen,‹ sagte ich. ›Auch meine Mutter war erschrocken, als sie von unserem Besuch eines wildfremden Hauses hörte. Aber sie sagte, da wir in der besten Absicht hineingegangen wären, durften wir auch auf Gottes Schutz rechnen. – Nun will sie sich heute nach dem Näheren umsehen.‹ Mit vieler Mühe brachte ich Ilse zu dem Versprechen, nichts gegen den Willen ihrer Mutter zu unternehmen.

Als ich zu Hause von unserer Unterredung erzählte, konnte Mutti, wie so oft, schon die Schwierigkeit lösen. Sie war bereits in der Wohnung gewesen und sagte, die Straße sowie das Haus sei so anständig, daß wir ohne weiteres hingehen könnten, den Kindern eine Freude zu machen. Sie hätte beim Wirt erfahren, daß die Mutter der drei Kleinen eine äußerst brave, fleißige Frau sei, die schwere Mühe hätte, für sich und die Kinder immer das Nötige zu erarbeiten, da sie schon seit der Geburt des Kleinsten Witwe wäre. Mutti mußte doch der Frau von Herder am Nachmittag eine Visite machen wegen einer anderen Angelegenheit. Dann wollte sie auch erzählen, was sie erlebt, und hoffte, für Ilse die Erlaubnis für fernere Besuche zu erwirken. Du hättest Ilses Glück am nächsten Tage sehen sollen! Ihre Mutter hatte sich – freilich mit vieler Mühe – erweichen lassen, ihr den Gang zu erlauben. Nun brachte sie ein ganz unförmlich dickes Paket herbei und freute sich beinahe ebenso wie die arme Frau und die Kinder, als die alten, noch sehr guten Kleider, Strümpfe, Schuhe, Brötchen, Äpfel und was nicht noch alles zum Vorschein kamen. Ja, ein halbes Pfund Butter brachte sie mit; einen Schatz, den die kleinen Würmer gar nicht genug bewundern konnten.

Und nun denk, was sie seither jede Woche treulich tut: sie spart alles zusammen, was sie selber entbehren kann – von der Mutter nimmt sie nichts dazu – und packt es in einen Kasten. Manchmal sind da Äpfel, Kuchenstücke, Brötchen, Kleidungsstücke, Bilderbücher und Spielsachen. Und immer ein Stück Butter. Weil sie sie so liebt, jammert sie dies Entbehren der Kleinen am meisten. Nun nimmt sie selber morgens nie mehr welche zum Frühstück. Und wenn dann die Woche um ist, holt sie sich aus der Küche so viel, wie sie wohl meint, erspart zu haben. Frau Berger ist unendlich dankbar und erfreut und sagt, seit ihr Mann tot sei, habe sie noch keine so gute Zeit gehabt. Sie käme immer ganz schön aus und brauchte sich nicht mehr so vor dem Tage zu ängstigen, wo sie Miete zahlen müßte.

Ist es nicht eigen, zu denken, daß mit dem, was so ein junges Ding erübrigt, einer ganzen Familie zu helfen ist? – Ilse kriegt ja ein ziemlich großes Taschengeld – und seit unserem Abenteuer hat sie, glaube ich, noch weder neue Glacéhandschuhe gekauft, noch so große, seidene Haarschleifen. Kleinigkeiten kann ich ja auch immer beisteuern; aber naturgemäß sind die Abfälle bei Herders größer als bei uns.

Auf Weihnachten hat Ilse sich ja sonst nie sehr gefreut. Ihre Wünsche werden das ganze Jahr lang im Übermaß erfüllt – die Geschenke haben also keinen besonderen Reiz; und weiter ist es nicht viel mit der Feier bei Herders. Dies Jahr strahlte ihr Gesicht ordentlich, als ich sie in der Christvesper sah. Sie kam eben von den armen Bergers, die ganz glücklich gewesen waren über all ihre Geschenke. – Das Nähen verabscheute doch Ilse so – jetzt hat sie mit ihren steifen Fingern alles mögliche für die Kleinen zustande gebracht. Ihre nette Berta hat ihr dabei geholfen.

Nun wolltest Du noch hören, wie es in der Schule geht. Besonderes ist nicht zu berichten. Die Aufstände in der Zeichenstunde werden immer toller. Aber großartig ist der neue Geschichtsprofessor; dessen Schilderung der Freiheitskriege solltest Du hören – einfach begeisternd! – Aber jetzt in den Ferien liegt mir das sehr fern. Ein andermal mehr davon. Nun muß ich wieder in die Weihnachtsstube; Ernst wartet ungeduldig mit seinen aufgestellten Truppen.

Tante Else mußt Du noch von mir sagen: jeden Tag streichle und liebkose ich ihren Arbeitskasten mit den vielen Fächern und packe alles aus und ein. Die Perlmuttereinlagen zwischen dem hellblauen Sammet sind einfach zum Entzücken. – Tante Idas Ekkehard hat die erste Nacht unter meinem Kopfkissen geschlafen; aber sie soll sich keine Sorgen machen, daß ich im Bett lese. Was ich versprochen habe, halte ich. Und damit ade! Immer Deine Käte, im alten wie im neuen Jahre.«

»Schönfelde, den 1. Januar.

Liebste Käte! Neulich machten die Schlittenglocken meinem Brief vorzeitig ein Ende. Heute muß ich Dir nun schildern, was für einen strahlenden Anfang das neue Jahr nahm. Es war zu hübsch! Was ich hörte, war nicht allein Schellengeläute, sondern klar und deutlich erklang die Melodie: ›Das alte Jahr vergangen ist.‹ Ich traute meinen Ohren nicht und glaubte, mitten im Sommer zu sein und von Admiral Kählers Tannenhügel her die Töne zu hören.

Denk Dir, Klaras Vetter, Karl, erzählte doch schon im Herbst, daß er so gern Waldhorn blase; nun hat er zu Weihnachten ein eigenes bekommen und spielt es wunderhübsch, noch viel besser als Hertas Bruder.

Das Allerschönste kam aber nach dem Abendessen. Klärchen und ich wollten ein bißchen in der Veranda auf und ab gehen, weil uns drinnen bei all den Lichtern die Köpfe warm geworden waren. Da flammte auf einmal eine Feuersäule drüben hinter dem Wasserrosenteich in die Höhe. Brennende Glut bis in die letzten, kristallenen Spitzen der Buchen und Linden. Über jede Beschreibung! Wir schrien erst laut auf und wußten gar nicht, was wir davon halten sollten. Aber als die Großen herbeikamen, sahen wir an Vaters Gesicht, wer sich diese Überraschung für uns ausgedacht, und auch des Gärtners und seines Burschen dunkle Gestalten, die draußen hin und her huschten, lösten uns das Rätsel. Schon flammte ein bengalisches Licht hinter dem anderen Teich und links in der Grotte auf – grünliche und rote Flammen – und jetzt begann vom Berge her, langgezogen und feierlich: ›Es ist ein’ Ros’ entsprungen.‹ Die glockenhellen Töne weckten einen Widerhall in dem klingenden Schnee. Käte, schildern kann ich Dir gar nicht, wie es war; – Du mußt Dir dies Klingen und Flimmern in der stillen Luft vorstellen!

Alles, was wir an unseren schönen Sommerabenden miteinander beim Heimgang vom schwarzen See gesungen, kam an die Reihe: ›Es liegt eine Krone im tiefen Rhein‹, ›Sah ein Knab’ ein Röslein stehn!‹. Zuletzt auch wieder: ›Morgen muß ich fort von hier‹.

Schade, schade, daß es dann zu Ende war, und daß in drei Tagen auch die Ferien zu Ende sind.

Nun kommen die langen, gleichmäßigen Wochen zwischen Weihnachten und Ostern, die ich mir etwas eintönig vorstelle. Aber Tante Ida behauptet, daß sie gerade die extra liebe. Es würde einmal alles fertig, was man sonst beiseite schöbe. Und die Gedanken könne man auch mal gründlich aufräumen. Na, soviel zu räumen finde ich da vorläufig nicht. Ich möchte glühend gern, Du wärst ein paar Wochen bei mir. – Grüße alle in der Schule, die noch an mich denken, und küsse Max und Moritz auf ihre dicken Backen! Wenn wir doch auch noch so ein Pärchen hätten! Deine Hanni.«

14. Kapitel.

Bittere Enttäuschung.

»Schönfelde, den 15. April.

Liebe gute Käte!

Wenn der Frühling kommt und auf die Berge steigt, Wenn der Schnee im Tal und von den Hügeln weicht, Wenn die Knospen schwellen und die Bächlein quellen, Dann wird mir so wohl, so weh!

Kennst Du die süße Melodie? Die klingt mir den ganzen Tag in den Ohren. Die kleine Quelle am Ende des Buchenganges sprang auch gar zu lustig über die hellen Kieseln – die Schneeglöckchen drängen sich in so dicken Büscheln unter dem braunen Laube vor – in jeder Hecke zirpt und zwitschert es, an jedem Busch werden die hellen Spitzen sichtbar, wie kleine Funken und Lichter, wenn die Sonne darauf scheint. Es ist ein Drängen und Wachsen, ein Herauswollen aus der Enge, ein in die Höhe streben, in die Weite sehnen, daß man selbst gar nicht ruhig dabei bleiben kann!

Ich war nicht imstande, meine englische Übersetzung fertig zu machen, als die Sonne mir trotz meines Wegrückens immer wieder auf den Blättern der Hefte herumtanzte. Unaufhaltsam bohrend, tropfte – trip, trip, trip – das Wasser vor meinem offenen Fenster auf das Verandadach. Nachts waren noch ein paar Eiszapfen gefroren, jetzt lösten sie sich schnell vor den Strahlen auf, und jeder Tropfen rief: ›Komm mit, komm mit! Wir können auch nicht mehr still sitzen oben am Dach! Es geht hinaus zu den anderen – ins Bächlein – über Steine und Moos – immer weiter, bis zuletzt das Weltmeer uns aufnimmt!‹

Sag, wo wir wohl mal hinkommen, du und ich? Was für Schicksale wohl auf uns warten? Ob wir in der Heimat bleiben sollen oder einmal die lockende Ferne sehen? Ob eine große, schöne Arbeit auf uns wartet oder unsere Flügel beschnitten werden? O, nur das nicht! Recht hinaus ins Leben! Viel Arbeit, viel Gelingen, viel Lernen und Begreifen! Zusammenschluß mit großen, berühmten Menschen, deren Einfluß in die Weite reicht! Ach, recht, recht viel erleben möchte ich zu gern!

Manchmal verstehe ich nicht, daß Tante Ida die Ruhe und Stille so liebt. Mir liegt viel mehr daran, was Neues zu erfahren, Menschen kennen zu lernen, zu sehen, was jenseits der Berge wohl sein mag!

Nun ist’s nur noch ein Jahr, bis wir konfirmiert werden. Bleibst Du bei Deinem Plan, dann gleich ins Seminar zu gehen? Ich weiß noch gar nicht, wie es mit mir wird. Vater möchte am liebsten, daß ich gründlich Haushalten lernte; aber mir kommt es vor, als wenn ich davon bereits eine ganze Menge verstehe. Letzthin habe ich sogar schon geholfen, einen großen Koffer voll Garn leer zu packen, und das feinere für Handtücher, das dickere für Bettzeug auszusuchen. Der Weber war da und brachte das, was vorigen Winter gesponnen und nun gewebt war; lauter dicke, schwere Rollen. Tante Ida und Mutti waren begeistert, was ich von mir nicht sagen kann, denn hübsch ist was anderes – es sah grau und unscheinbar aus.

Ich muß gestehen, ich möchte viel lieber hinaus und etwas lernen, was ich noch nicht kenne, am liebsten eine fremde Sprache im Ausland. Aber dazu werde ich sehr schwer der Eltern Erlaubnis kriegen! Wieviel leichter wäre das, wenn noch sechs andere Mädels da wären, sie über mein Fernsein zu trösten! – Ja, dann!

Aber ich will mich nicht unnötig sorgen, sondern geduldig warten, wie es kommt. Weihnachten sorgte ich, die Zeit bis Ostern sei gar zu lang – sie ist mir verflogen im Handumdrehen. – Wenn’s mir gut ist, die Welt kennen zu lernen, wird sich schon ein Weg finden.

Nun noch etwas Betrübtes: Denke Dir, Muttis Kopfschmerzen sind jetzt, statt sich in der Landluft zu bessern, viel schlimmer als je. Der Arzt sagte neulich, so ginge es nicht weiter. Man wolle noch ein Weilchen warten, ob es vielleicht die Frühlingsluft sei, die es so verschlimmere. Wenn es aber nicht anders werde, müsse etwas Ernstliches geschehen. Hoffentlich geht es vorüber! Grüße Deine Mutter schön von Deiner Hanni.«

»Berlin, den 10. Juni.

Liebste Hanni! Schon neulich waren wir bekümmert über das, was Du von Deiner lieben Mutter Befinden schriebst, und nun brachte Dein langer gestriger Brief große Aufregung und Kummer hervor. Also sie ist gar nicht wohl und soll in ein Sanatorium? Ich kann mir denken, wie der Plan Dich betrübt; Du bist noch niemals wochenlang von ihr getrennt gewesen. Aber trotzdem sagt Mutti, sie verstände es durchaus, daß Du nicht mit solltest. Da ist es eigentlich nett, daß Du zu Pastors kommst. Ich denke mir, Euer Zusammensein kann auch ein rechter Spaß für Dich werden.

Mutti läßt sagen, sie fände es zu lieb von Deinen Eltern, auch an uns gleich zu denken. Sie glaube aber, es sei besser, wenn wir in diesem Jahre von vornherein auf den Plan, zu Euch zu kommen, verzichteten. Selbst wenn Deine Mutter zu den Ferien zurück sein könne, sei ihr doch wahrscheinlich die größte Ruhe nötig. Da wollten wir lieber die Einladung von Onkel Alfred nach Rügen annehmen. Wir seien dort gut aufgehoben und Ihr solltet Euch keinen einzigen Gedanken weiter über die Sache machen.

Liebe Hanni, das ist leicht gesagt, aber es ist schwer getan! In meinem Herzen schreit und heult es laut, wenn ich an all die Seligkeiten denke, die uns verloren gehen. Onkels Wohnort ist gegen Schönfelde ein Loch, und das ganze Rügen kann mir gestohlen werden, wenn ich an Euch denke.

Aber da will ich nun zu Carlyles Heldenfiguren eine neue hinzufügen und mich darstellen als ›Der Held als Backfisch‹! Ich will stumm leiden – nicht klagen –, will Mutter helfen, Ernst trösten, den Onkel erheitern und Max und Moritz klarzumachen suchen, daß ihre Pferde und Borkenschiffe selbst nächstes Jahr noch an ihrem Platze liegen!

Na, nun Schluß! Solange ich hiervon spreche, muß ich Tränen runterschlucken, und das macht mir auf die Dauer Magenschmerzen. Die Hauptsache ist, daß Deine gute, geliebte Mutter wieder gesund wird. Immer Deine Käte.«

* * * * *

Für alle unsere Freunde bekam der Sommer ein sehr anderes Gesicht, als sie im vorigen Jahr beim Scheiden gedacht. Frau Gerloff hatte eine langwierige Kur durchzumachen, und ihr Mann besuchte sie von Zeit zu Zeit. Dauernd von Hause fortgehen konnte er wegen der großen Wirtschaft nicht. Hanni war ins Pastorat übergesiedelt, und es interessierte sie über die Maßen, einmal tagelang in dem munteren Kinderkreise zuzubringen. Alle waren entzückt von der plötzlich hinzugekommenen großen Schwester, die viel mehr Zeit und Lust hatte, mit ihnen zu spielen als die verständige, etwas nüchterne Klara. Am allerliebsten beschäftigte sich Hanni mit der Kleinsten, die erst ein Vierteljahr alt war und die reizendsten Versuche machte, ihr Dasein durch Krähen und Lachen zu bekunden.

Aber unfaßlich erschien ihr die Ausdauer und Leistungsfähigkeit der Frau Pastorin. So etwas hätte sie nie für möglich gehalten. Vom frühen Morgen ging es bis in die Nacht. Wenn alle Kinder sauber in den Kleidern waren und ihr Frühstück verzehrten, hatte die Mutter schon ein wirkliches Stück Arbeit hinter sich. Dann begann der Unterricht. Um zehn Uhr schlug Sophie an die große Glocke. Herr Pastor kam mit den Tertianern aus seinem Zimmer, Frau Pastorin, die französische Schweizerin war und alle Sprachstunden gab, mit den großen Mädchen aus der Wohnstube. Meist kamen die beiden kleinen Mädchen vom Schulhause herübergesprungen, wo sie dem Studium der Fibel oblagen, und der zweijährige Bruno, der vor der Küchentür auf dem Sandhaufen gekrabbelt, war selig, nach der langen Einsamkeit wieder einmal mit allen lachen und scherzen zu können. Man ging mit den Butterbroten im Flur und Garten auf und nieder und hätte zu gern auch das Baby in die allgemeine Heiterkeit hineingezogen. Da verstand aber die Frau Pastorin keinen Spaß. Das kleine Heiligtum stand still und nur von fern bewundert in seinem Körbchen unter dem Nußbaum und vergnügte sich mit seinen eigenen Händchen und Füßchen. Nie durften unberufene Hände es herausnehmen und seine Ruhe stören. Es war eben in keiner Weise ein Spielzeug.

Nach dem Mittagessen mußte für ein Stündchen vollkommene Stille sein, darauf hielt der Pastor aufs strengste. Niemand durfte die Mutter stören, die dringendsten Anliegen wurden verschoben. Aber um drei Uhr versammelte sich alles in der Weinlaube hinterm Hause. Nach schnell eingenommenem Kaffee war mit Nähen und Stopfen, Gemüseputzen, Beerenlesen und den vielen anderen nötigen Arbeiten soviel zu tun, daß man gar nicht merkte, wo die Stunden bis zum Abendessen blieben, was der Einfachheit halber alle miteinander um sieben Uhr bekamen. Wer von den Kindern mit Schulaufgaben fertig war, half bei den leichten häuslichen Arbeiten. Tischdecken und Abräumen war das ständige Geschäft der kleinen Mädchen, und Klärchen lag es ob, alle Kinder, bis auf das kleinste, was die Mutter wusch und auszog, ins Bett zu befördern.

Obwohl nun die Mutter immer freundlich und unverzagt von einer Arbeit zur anderen eilte, so entging es doch Hannis aufmerksamem Blick nicht, wie müde sie seit diesem Frühling oft war und wie tiefe Schatten sich manchmal unter ihren Augen zeigten. Als Hanni einmal mit Tante Ida zusammensaß, die sie ab und an in ihrer Einsamkeit besuchte, sprach sie ihre Besorgnis aus, und es fand sich, daß die Tante ganz dieselbe Beobachtung gemacht hatte.

»Wenn doch Frau Pastorin einmal ordentlich ausschlafen, ein paar Tage stillsitzen könnte! – Ich merke manchmal, wie es ihr Überwindung kostet, die Treppe zu steigen. Ihre Füße wollen einfach nicht vorwärts. Wenn es uns nachmittags einmal glückt, über die Zeit alles still zu halten, so daß sie länger schläft als sonst, dann sieht sie nachher ganz anders aus, ordentlich klar aus den Augen. Sie ist, glaube ich, immer müde. Das kann doch nicht gut sein.«

Der Nachmittagspostbote kam gerade und brachte einen langen Brief von Hannis Mutter mit ausführlicher Schilderung ihres Lebens im Sanatorium. Zum Schluß kam die Mitteilung, der Arzt wünsche dringend, sie noch vier Wochen länger als geplant, dort zu behalten und knüpfte daran die Hoffnung auf völlige Besserung. Sie solle von jetzt ab mehr Freiheit genießen, täglich Spaziergänge in den Wald machen. »Wenn man nur nicht so schrecklich einsam wäre!« fuhr sie fort. »Manchmal wünschte ich meine Hanni hierher. Dann aber sage ich mir doch, dies untätige Leben wäre gar nichts für sie. Wenn ich jemand Liebes hätte, der sich auch erholen und ruhen müßte und zu meinen erbärmlichen Kräften paßte!«

Tante und Nichte sahen sich an. Sie hatten denselben Gedanken. Wenn man doch Frau Pastorin dorthin zaubern könnte! Wie sehr würden beide ein solches Zusammensein genießen! Wie würde der abgearbeiteten Frau die Ruhe und Erholung wohl tun!

»Aber sie geht ja sicher nicht weg; wer sollte auch ihre Arbeit tun? Und dann glaube ich, kostet es eine Masse Geld, nicht, Tante? Frau Pastorin ist sehr sorgsam mit jeder Ausgabe – erst gar, wenn es sie selber betrifft.«

Hin und her wurde beraten. Schließlich fand Tante Ida, wie immer, den nötigen Ausweg. Sie setzten sich miteinander in den Ponywagen, der im Schatten der Linden gewartet hatte, und nach einer Viertelstunde war man im tiefsten Gespräch in Herrn Pastors Studierzimmer.

»Ich habe eine große Bitte auf dem Herzen, meine liebe Frau Pastorin. Versprechen Sie mir, sie zu erfüllen, wenn es irgend angeht!«

»Da braucht es wirklich kein Versprechen, denn Sie wissen, nichts würde uns mehr Freude machen. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, was wir für Sie tun könnten – sonst liegt doch die Sache meist umgekehrt!«

Groß war dann die Überraschung und das Erstaunen, als Tante Ida ihren Plan entwickelte: Frau Pastorin möge auf vier Wochen in den Harz gehen und der leidenden Frau Gerloff Gesellschaft leisten. »Sehen Sie,« erklärte die alte Dame in ihrer lebhaften Art, »eigentlich wäre es ja an mir, meiner lieben Schwägerin beizuspringen. Und wenn es sein muß, tue ich es schließlich. Aber Sie können sich ja vorstellen, was für ein Greuel es mir ist, da so ohne Beschäftigung und ohne meine häusliche Bequemlichkeit, an die ich nun mal gewöhnt bin, zwischen den fremden Leuten herumzusitzen. Und dann mein lahmes Bein! Mit so was bleibt man doch lieber zu Hause, als daß man sich mitleidig und neugierig angaffen läßt. Das ist alles nichts für alte Leute. Sie sind so viel jünger, meine Schwägerin hätte ja auch viel mehr Anregung davon, wenn Sie kämen; denn mich kann sie das ganze Jahr über genießen. Und für Sie wäre es ganz gut, wenn Sie einmal aus allem Alltäglichen heraus wären!

Eins ist ja selbstverständlich: Wenn Sie mir den großen Gefallen tun, die Sache für mich zu übernehmen, so trage ich natürlich Sorge für die Kosten der Reise und des Aufenthaltes. Das Nötige liegt auch längst bereit. Mein Bruder schickte mir vor langen Jahren ein Sümmchen für eine Badereise, trotzdem ich seit meiner Jugend nicht viel Sinn gehabt habe für solche Plantschereien und Einwicklungen. Wenn nun diese Sache besorgt würde, ohne daß ich den Finger danach zu rühren brauchte, so wäre ich ja obenauf. Also, bitte, schlagen Sie ein! Ich habe zu aller Sicherheit schon dies Instrument mitgebracht, um Ihnen keinen Ausweg zu lassen.« Damit legte sie eine kleine, schwere Geldbörse in den Schoß der ganz erschrockenen Pastorin.

Die wollte noch allerhand Einwände machen, aber ihr Mann war so begeistert über den Plan, daß er sie gar nicht zu Worte kommen ließ. Als sie Bedenken äußerte, ob die Kinder und der Haushalt ohne sie auskommen würden, hatte Tante Ida auch _die_ Schwierigkeit bereits ins Auge gefaßt: »Die Ferien sind vor der Tür. Was würden Sie da zu folgendem Tausch sagen: Unsere Hanni möchte gern noch die vier Wochen bei Klärchen bleiben, ›als Stütze der Hausfrau‹. Dafür nähme ich die Tertianer, die müßten in der Ernte – und in den Stachelbeeren – helfen. Solche Jungen sind mein Fall, die verstehe ich gut zu bändigen. Und für den Notfall ist der Vater nicht weit!«

Alles war überlegt, und die überrumpelte Pastorin kam nicht durch mit Gegenvorstellungen. Die ganze Familie schien plötzlich kein anderes Anliegen zu haben, als »sie aus dem Wege zu räumen«, wie sie lachend klagte.

Hanni und Klara beriefen sich übermütig darauf, daß ihre beiden sechzehn Jahre zusammen gar nicht so weit zurückblieben hinter dem Alter der Mutter.

Aber trotzdem erklärte diese, ihre Hauptzuversicht setze sie auf die verständige Sophie, die nun schon viele Jahre treu für Küche und Haus gesorgt hatte. »Nicht wahr, ihr versprecht mir, alle häuslichen Dinge mit ihr zu bereden. Sie weiß genau, wie wir es immer gemacht haben und wird dafür sorgen, daß nichts verdirbt. Aber ordentlich helfen müßt ihr, sonst ist sie tot, wenn ich heimkomme, nicht wahr? Ich denke, jeder besorgt sein Gebiet gewissenhaft: Klara das Baby und die Ordnung in den Schlafzimmern, Hanni, wenn sie wirklich auch große Tochter sein will, das An- und Ausziehen der kleinen Mädchen und das Ordnen der unteren Zimmer. Und bei den Staatsaktionen, wie Einmachen, Waschen und Plätten helft ihr, soviel ihr könnt. Soll es so sein?«

Mit Feuereifer übernahm jede ihr Amt, und alles ging zur größten Zufriedenheit des arglosen, sanguinischen Hausvaters.