Part 7
So solle ich sie nach und nach erst mal kennen lernen und an mich gewöhnen, und wenn das gelungen, könne es gar nicht anders sein, als daß ich ihnen das nahe brächte, was das Leben meines Lebens ausmache.
Mir scheint, sie hatte in allem recht; und sie ist doch noch nicht achtzehn Jahre alt. Ich glaube, das ewige Licht, das ihr jetzt das Leben erhellt, läßt auf einmal alle Dinge in ganz anderen Farben erscheinen, als sie bisher gehabt. Als ich wegging, war Tante Rantzau beglückt, wieviel froher und wohler Oda aussähe! Ach, könnte man ihr doch mehr sein! Immer Deine Hanni.«
12. Kapitel.
Weil ich Jesu Schäflein bin.
»Schönfelde, den 1. Oktober.
Liebste Käte! War das heute ein Sonntag! Zu schön! Nach mehreren Nebeltagen himmlischer Sonnenschein; so warm wie mitten im Sommer.
Als ich zu Oda kam, lag sie strahlenden Gesichts auf der Chaiselongue unter den Linden. Sie sah ganz rosig aus und lachte über die Sprünge der kleinen Teckel. Wir haben bei ihr gesessen, und sie hat sich unbeschreiblich gefreut über die prachtvolle, herbstliche Färbung, die frische Luft, die sie solange entbehrt und das Zusammensein mit uns allen. Als wir beide einmal allein waren, zog sie ein Päckchen unter ihrer Decke hervor und sagte: ›Da, nimm das heute; einen so schönen Tag kriegen wir so leicht nicht wieder. Sieh doch, die Blätter rieseln nieder wie ein goldener Regen.‹ Ich durfte das kleine Paket nicht aufmachen; ›erst beim Schlafengehen‹, bat sie.
Als ich weg mußte, küßte sie mich und sagte mit einem strahlenden Lächeln, was ich noch immer sehe: ›Auf Wiedersehen!‹
Montag. Soweit kam ich gestern. Als ich zu Bett ging, um einhalbzehn Uhr, wickelte ich das Päckchen aus und fand, tiefgerührt, das schöne, weiße Marmorkreuz, das immer auf Odas Schreibtisch stand. In den Sockel aber war mit goldenen Buchstaben eingraviert:
›Sollt ich denn nicht glücklich sein, Ich beglücktes Schäfelein? Denn nach diesen schönen Tagen Werd ich endlich heimgetragen In des Vaters Arm und Schoß. Amen! Ja, mein Glück ist groß.
Auf ewig deine Oda.‹
Heute früh schickten Rantzaus die Nachricht: ›Unsere Oda ist gestern abend um einhalbzehn Uhr ohne jeden Kampf selig entschlafen.‹ Dann baten sie, ob ich im Laufe des Tages hinkommen möchte, bei Gertrud zu bleiben, bis alles vorüber.
Ich will jetzt meine Sachen zusammenholen. Hinrich spannt schon an. – Denk an uns. Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 8. Oktober.
Liebe Käte! Das war eine lange Woche, aber Gott hat durchgeholfen. Du kannst Dir schwer vorstellen, wie traurig es oft war, und trotzdem groß und schön!
Als ich Montag in Buchdorf ankam, fand ich Gertrud fassungslos auf ihrem Sofa. Sie hatte den Kopf in die Kissen gedrückt und wollte nichts sehen und hören. Erst saß ich lange still bei ihr, und als es anfing zu dämmern, bat ich sie, mit in den Garten zu kommen, damit ihr Kopf etwas freier würde in der frischen Luft. Wir sind bis zum Tee zwischen den Tannen auf und nieder gegangen, und dann gelang es, sie mit ins Eßzimmer zu bringen, damit die armen Eltern nicht auch sie entbehrten.
Am anderen Morgen schliefen wir bis in den hellen Tag. Unsere Köpfe waren noch ganz dumpf von all den Tränen. Zuerst konnten wir uns lange nicht besinnen, bis auf einmal die ganze, traurige Wahrheit wieder vor unserer Seele stand.
Nach dem Frühstück bat ich Gertrud, mit in den Garten zu kommen, und wir haben alles, was noch von Blumen da war, für Oda hereingeholt. Ganze Berge von Blüten und Zweigen brachten wir in den Gartensaal, wo wir dann einen schönen Kranz nach dem anderen gebunden haben. Gertrud wurde ganz eifrig dabei.
Aber nun höre, was ich am Abend erlebte! Ich trug zwei große Leuchter, die ich in den Saal bringen wollte, wo Oda lag. Da sie mir zu schwer wurden, bat ich die kleine Line, das zweite Stubenmädchen, den einen zu nehmen!
›Da rein?‹ rief sie mit einem Schreckensaufschrei und wies ganz entsetzt auf die Saaltür, ›nie im Leben!‹
›Warum denn nicht?‹ Ich verstand sie überhaupt nicht. Aber sie rannte weg wie gehetzt.
Ich wollte doch wissen, was sie eigentlich meinte und erwartete sie, als sie in unserem Schlafzimmer die Bettdecken abnehmen mußte. Scheu wollte sie an mir vorbei, aber daraus wurde nichts! Sie mußte sich sehr gegen ihren Willen zu mir hinsetzen, und ganz allmählich erfuhr ich ihre Geschichte.
Sie hat ihre Eltern nie gekannt und ist bei einer sehr barschen Großmutter aufgewachsen, die ihr wenig gute Worte gegeben hat und immer schwarze Kleider und Kopftücher trug, – ›auch im Bett‹, behauptete sie. – Das ist ja aber unmöglich.
Als sie etwa dreizehn Jahre gewesen, sei die Alte krank geworden und unter schrecklichem Ächzen und Stöhnen gestorben. Sie hätte gar nicht hinsehen können, so sehr hätte sie sich gegraut vor dem starren Gesicht in den schwarzen Tüchern!
Ich war ganz entsetzt und fragte, ob sie ihr denn nicht beigestanden hätte, sie gestreichelt und lieb gehabt? Aber sie schüttelte sich und sagte: nein, sie sei weggelaufen!
Dann nachher, als Tante Rantzau sie aus Mitleid hierher genommen, habe sie oft solche Schaudergeschichten von den anderen Mädchen gehört, mit denen sie im Zimmer schlief – kurz, sie könne niemals einen Toten sehen und nie mit einem unter demselben Dach schlafen!
Kannst Du Dir so etwas vorstellen? Gestern abend sei sie auf den Heuboden gekrochen, aber schlafen habe sie auch dort nicht können. Und nun habe sie schreckliche Angst! – Man sah es ihr an.
Ich wußte erst gar nicht, was ich sagen sollte. Nur mit größter Mühe konnte ich sie beruhigen. Ich versicherte, sie stelle sich alles falsch vor: Nichts sei schwarz im ganzen Saal. Oda sähe süßer aus als alle diese Wochen. Es sei kein schwarzer Kasten da, sondern nur weiße, zarte Decken und viele, viele Blumen. Ja, es sähe aus, als schliefe sie sanft in dem wunderschönsten Garten. Dann erzählte ich ihr von Odas großer Freude, zu Gott zu kommen; schilderte ihr, wie schön sie es doch hier gehabt, wo ihr jeder Wunsch erfüllt sei – und trotzdem sei sie völlig sicher gewesen, es dort noch viel besser zu haben! Das Mädchen konnte es gar nicht glauben. Dann zeigte ich ihr das Kreuz und die goldenen Verse, die sie mit größtem Interesse las. Mir fällt immer auf, was für eine überzeugende Macht Gedrucktes auf sie ausübt. – ›Ist das wirklich möglich?‹ fragte sie schwankend, ›ich habe mich immerzu und zuviel gegraut vor dem Sterben!‹
Denk mal, zu allerletzt kriegte ich das arme Ding so weit, daß sie einmal durch die Ritze in den Saal sehen wollte. Mit einem Gemisch von Neugier und Furcht stand sie lange da. Es sah wunderbar feierlich aus; die hohen Leuchter mit den vielen Kerzen zu beiden Seiten, die prachtvollen Myrten- und Lorbeerbäume, die wie ein Wald an den Wänden entlang standen und inmitten von allem Odas süßes, fast wieder rosiges Gesicht, von den schönen goldigen Haaren umrahmt, die lang niederfielen auf die durchsichtigen, weißen Spitzen. Mit gefalteten Händen und weit aufgerissenen runden Augen schlich Line immer näher und war ganz gebannt von dem, was sie sah.
Als wir endlich wieder draußen waren, flüsterte sie: ›Das war keine Tote, das sah aus wie ein Engel!‹ Ich sagte ihr: ›So wird sie nun für immer mit den Engeln bei Gott sein, Line. Und wir sollen auch hinkommen! Sie hat mir noch jedesmal die letzten Tage aufgetragen, euch allen das recht dringend zu sagen, damit ihr daran denkt. Aber dann muß man sich nicht vor Gott verkriechen auf den Heuboden, sondern in seinem hellen Schein leben und abends still in sein Bett gehen, die Hände falten und in dem Gedanken einschlafen: In des Vaters Arm und Schoß – Amen, ja mein Glück ist groß.‹ Ob sie das beten könne? ›Sie habe es gelernt!‹
Ich merkte deutlich, das arme Ding hatte gelernt, so etwas aufzusagen – vom Beten ahnte ihre Seele nichts. Ich will versuchen, unsere kleinen Gören beten zu lehren!
Jedenfalls hat Line mir versprochen, zu tun, wie ich ihr gesagt, und sie sah die anderen Tage viel klarer aus den Augen! – Aber schnell gute Nacht. Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 2. November.
Liebste Käte, Du kannst wohl verstehen, daß ich keine Zeit zum Schreiben fand, solange Gertrud hier war.
Mutter schrieb Euch ja, daß die Kinder diese Wochen zu uns kamen, bis in Buchdorf alles desinfiziert und geordnet war. Tante Ida, die immer gern das übernimmt, was für die anderen zu schwer ist, war solange dort und hat nicht nachgegeben, bis die übermüdete Tante Rantzau ein paar Wochen mit Onkel in den Harz reiste, wo sie sich schön erholt hat.
Gertrud sollte nicht gern ohne die Eltern in dem traurigen Hause bleiben; darum ist sie mit der Erzieherin und den kleinen Jungen zu uns gekommen. Richtige Schule gab es nicht, aber Fräulein Arnholdt hat eine reizende, frische Art, alle zu beschäftigen. Wir durften morgens selber einen Plan machen, lauter Stunden, die wir gern hatten. Manchmal war auch eine von uns Lehrerin. Am Nachmittag wurden meist Wanderungen gemacht. War das Wetter zu schlecht, so lud Mutti uns alle vor den Kamin; wir verbrannten Tannenzapfen, die die kleinen Jungen gesucht und machten Bratäpfel.
Abends ging’s früh zur Ruhe. Wir alle waren noch müde von den Tagen vorher.
Du, es ist mir geglückt, die kleine Line mit herzukriegen für die Zeit. Ich bat sehr darum und sagte, sie könne sich ja nützlich machen in den Zimmern der Rantzaus-Kinder. – Wäre sie diese Tage in dem verödeten Schloß geblieben ohne genügende Arbeit, so wäre ihre ganze Graulichkeit verdoppelt wiedergekommen. Nun ließen wir sie viel bei uns sein; immer, wenn in den Stunden etwas vorgelesen oder erzählt wurde und auch bei den Religionsstunden, die ganz einzig sind bei Fräulein Arnholdt. Sie weiß so genau den Ton zu treffen, den die Kinder verstehen. Mehrere Male habe ich nachher mit Line über das gesprochen, was wir durchgenommen, und gemerkt, wie ihr alles vollständig neu war. Ist das nicht zu merkwürdig? Nachdem sie solange Schule gehabt! Mir scheint, als wenn diese Kinder, was die Begriffe anlangt, furchtbar lange wie im Schlafe leben. Niemand macht sich die Mühe, sie zu wecken. Line zeigt oft denselben Grad von Verständnis wie der zehnjährige Alfred Rantzau, und dabei ist sie durchaus kein dummes Mädchen.
Fräulein Arnholdt ist so munter; Du solltest bloß sehen, wie schnell und sicher sie jedes an seinen Platz befördern kann. Wir mochten so gern allein, ohne die kleinen Jungen, mit ihr in den Wald gehen, um ungestört über vieles mit ihr sprechen zu können. Dann setzte sie Line mit einem Strickzeug zu Fred und Heini, damit sie die Gesänge und Geschichten auch lerne, die die Jungen aufhatten.
Es sind übrigens reizende Kerlchen, die ordentlich Leben ins Haus brachten – eine große Hilfe gegen trübe Gedanken.
Montag reisten sie wieder heim, und nun fängt der Winter an, mit ihm auch meine Kinderschule. Ich will keine Zeit ungenützt vergehen lassen. Durch Line ist mir noch viel klarer geworden, wie nötig es ist, sich früh um die Kleinen zu kümmern. Am Sonnabend ist der Anfang. Ich schreibe Dir, wie es geht. Immer Deine Hanni.«
13. Kapitel.
Advent und Weihnachtszeit.
»Schönfelde, 1. Dezember.
Meine liebe Käte! Könnte ich Dich doch heute hier haben, damit Du auch einmal solchen stillen, friedlichen Wintersonntag auf dem Lande erlebtest! Vorstellen kannst Du Dir diese Ruhe und Feierlichkeit kaum.
Der Sonntag beginnt eigentlich für mich am Sonnabend nachmittag um sechs Uhr. Dann sind meine kleinen Schülerinnen mit ihrer Arbeit fertig. Die kleinsten, die am anderen Tisch sitzen und spielen, müssen ihre Sachen zusammenpacken, und ich hole die Pfeffernüsse vom Büfett, zu denen sie schon viele verstohlene Blicke hingeschickt haben.
Gestern fing nun die schöne Vorbereitung auf Weihnachten an. Du freutest Dich doch immer so an unserem Adventsbäumchen in der Tiergartenstraße. Ebenso eins steht hier wieder neben dem Klavier, und durch das kleine Transparent scheint die Lampe.
Die Kinder sahen furchtbar erstaunt – Du würdest sagen ›angedonnert‹ – zu allem aus. Das hätte mich früher sehr gestört. Aber dann denke ich an Odas Schmerz über ihre unüberwundene Verlegenheit, und gleich geht es besser.
Auch die Handarbeiten brachten mich zuerst in die größte Verwirrung. Aber Tante Ida weiß zu allem Rat. Sie setzt sich jetzt mit ihrem Strickzeug in die Fensternische, wo man sie vor den großen Blattpflanzen kaum sieht. Dann merkt sie, wenn ich nicht recht durchkomme oder wenn ein Strumpf ganz formlos werden will, und kommt still herbei, den Schaden auszugleichen.
Nun war ich aber beim Adventsbäumchen. Ich hatte unseren Dienstmädchen gesagt, falls es ihnen Freude mache, sollten sie doch auch in den Saal kommen und singen helfen. Die Kinderstimmen allein würden etwas dünn klingen. Punkt sechs kamen sie alle herein, sogar Mamsell, was mich riesig ehrte, und zu Tante Idas Begleitung sangen wir mehrere Lieder. Die Eltern saßen nebenan in Muttis Stube am Kamin und hatten die Tür während des Singens geöffnet. Als wir fertig waren, kam Mutti mit einem großen Korb voll Äpfel und Nüsse herein und sagte: ›Das klang ja wunderhübsch. Nun müßt ihr auch alle zusammen eine Belohnung haben.‹ Zu nett waren die vergnügten Gesichter anzusehen, und nachher hat Lisbeth mir erzählt, sie möchten so furchtbar gern singen und Klavier hören und hätten gemeint, dies sei wie ein Festtag gewesen! Ist das nicht rührend? Sie sehen und hören ja sehr wenig hier auf dem Lande und sind für die geringste Abwechslung dankbar.
Ist bei Euch auch so wunderbares Winterwetter? Dieser zarte Rauhreif auf den Tannen ist wie ein Märchen. Jetzt möchte ich Ernst wohl mal mit in den Garten nehmen. Mich freute so sehr, daß Du schreibst, er sei viel munterer und zuversichtlicher.
Erzähle mir doch nächstes Mal auch ein bißchen von Eurer Schule. Macht Herr Matz noch immer solche Sprünge, wenn er die Formel an die Wandtafel schreibt? Unsere Stunden sind oft sehr hübsch und interessant, aber die lustigen Zwischenstunden fehlen mir doch recht.
Ade, meine liebe Käte; es ist noch viel zu tun bis Weihnachten. Immer Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 22. Dezember.
Liebe Käte! Nun steht das Fest dicht vor der Tür, und die Pakete sind alle weg. War das eine Wirtschaft gestern! Mutti und Tante Ida haben den ganzen Tag gepackt und gekramt. Der lange Eßtisch im Saal war bedeckt mit Sachen.
Bist Du neugierig, was in der Kiste war, auf der ›Schönebergerstraße‹ stand? O, Du wirst Augen machen!
Sag doch Ernst, mit dem Harzer Baukasten könnte er lauter verschiedene Instrumente zusammensetzen. Sogar eine Feuerspritze mit aufziehbarer Leiter hat der geschickte kleine Franz Löber neulich daraus gemacht, als ich ihm die Sachen zum Ausprobieren gab. Er war begeistert – und ich hoffe, es wird auch Ernst Freude machen. Sind nicht die beiden Bären für Max und Moritz wonnig? Nächstes Jahr kriegt jeder von diesen großen ein kleines Zwillingspaar als Kinder. Ich sah sie im Laden – einfach zum Auffressen!
Gestern also sind nun alle Schlachtpakete gepackt; die Würste mußten ja erst fertig sein. Anfang der Woche war die große Schlachterei. – Unter uns gesagt, Käte, ein schauderhafter Anblick, wenn die ganze Küche mit riesigen Speck- und Fleischstücken vollgetürmt liegt! Ich sollte Mamsell etwas bestellen, floh aber, so schnell meine Füße mich tragen wollten, vor den Gerüchen davon. Weißt Du, Schmalzkessel, in denen ein dreijähriges Kind ertrinken könnte! Zu Tante Ida darf ich darüber aber nichts sagen. Sie findet es albern und kann beinahe ärgerlich werden, wenn man sich ›anstellt‹ über solche ›ganz natürliche und nützliche Dinge‹.
Die Würste, die nachher aus diesem Fegefeuer hervorgehen, sind ja auch nicht zu verachten. Sie werden Euch sicher gefallen. Es geht immer nach der Größe, und die zwei gleichen von jeder Sorte heißen Max und Moritz. Es war rührend, wie sorgfältig Mamsell sie alle geformt hat und sie dann stolz auf einem Brett in den Saal trug zum Einpacken.
Das Zubinden aller Pakete fiel mir zu, und ich habe jedesmal einen hübschen Tannenzweig mit Lametta obenauf befestigt, was Tante Ida zuerst etwas unnötig und zeitraubend fand. Als aber alles fertig dastand, war sie ebenso entzückt wie ich.
Aber ich rede mich fest, und muß doch noch all unsere Sachen für die Weihnachtsbescherung der Dorfkinder zusammenholen. Der Schrank in Nr. 6 ist schon beinahe voll. Früher hat Tante Ida nur jeder Mutter ein Paket ins Haus geschickt, aber dies Jahr dürfen alle Kinder, die laufen können – es sind 49 – Heiligabend um fünf Uhr auf die Diele kommen, und für jedes wird ein Platz gemacht. Es war gar keine Kleinigkeit für mich, die Namen und das Alter von allen festzustellen, aber dabei haben meine Nähkinder geholfen. – Aber ganz schnell ade! Grüße alle. Deine treue Hanni.«
»Schönfelde, den 1. Januar.
Meine liebe Käte! Dies war das wunderschönste Weihnachtsfest, was ich je erlebt. Erzählen läßt es sich gar nicht, Du hättest es sehen müssen. Die eifrige Arbeit den ganzen 24.! Endlich, um vier Uhr, war die Bescherung auf der Diele fertig. Unsere schöne Krippe mit den geschnitzten Figuren aus Oberammergau hatte ich in einer Ecke aufgebaut, wo alle Kinder sie gut sehen konnten. Die festliche Tafel entlang standen die Teller mit Äpfeln, Kuchen und Nüssen, und daneben für jedes Kind seine Geschenke. O, dies Glück!
Solange sie ihre Weihnachtslieder hersagten, sahen sie freilich noch beklommen und schüchtern aus. Nach und nach wurden aber besonders die Kleinen ganz lebhaft und strahlten vor Freude. Und denk Dir: alle Mütter, die mitgekommen waren, dankten mir nachher herzlich dafür, daß die Kinder jetzt so viel schöne Lieder singen könnten, und für das, was ich den Kleinen sonst an den Sonnabenden beigebracht. In den letzten Stunden hatte jedes Kind goldene Ketten, Rosen und Lilien aus Papier gemacht, die ihre kleinen Bäume zu Hause schmücken sollten. Ich hatte nämlich nachgefragt, ob auch alle einen Baum kriegten, und aus den ungewissen Antworten gemerkt, daß das nicht so ganz sicher sei. Nun hatte Vater mir versprechen müssen, vom Gärtner für jede Familie eine kleine Tanne aus dem Walde holen zu lassen. Ich hatte ihnen Lichter kaufen dürfen, und die Kinder hatten den Schmuck besorgt.
Die Leute leiden ja nicht Not. Was sie gebrauchen, haben sie, aber für die Freuden des Lebens sind sie nicht gewohnt, Geld auszugeben, und Vater sagt, das sei ganz recht. In der Stadt machten die Leute das häufig umgekehrt: verjubelten das Nötige. – Kinder aber haben doch in aller Welt gar zu gern etwas Hübsches, auch wenn es nicht gerade nützlich ist; und die Eltern freuen sich an ihren glücklichen Gesichtern.
Nun war ich ganz selig, als Frau Niemann – Du weißt, die mit den vielen dicken Kindern – mir beim Abschied sagte: ›Solch schönes Weihnachtsfest, wie dies Jahr, hätten sie noch niemals gehabt. Das meinten sie im ganzen Dorf.‹ Ist es nicht zu schön, wenn man mit seinen armen, schwachen Kräften doch ein klein winziges Eckchen in der Welt heller machen kann? Ach, es gibt so viel, viel Dunkel. Wollen nicht wir, die das Licht kennen, alles daran setzen, es auch anderen zu zeigen?
Aber nun denkst Du vielleicht, ich sei so selbstlos geworden, daß ich für mich selbst gar keine Wünsche mehr gehegt? Leider doch nicht!
Freilich, als die Diele von Menschen leer war und ich meinen heißen Kopf einen Augenblick draußen abkühlen wollte, vergingen mir alle Gedanken an die äußeren Zutaten der Weihnachtsfeier. Nein, Käte: der Sommer mit seinem Grün und Duften ist wohl schön, aber die Herrlichkeit von so einer feierlichen, glitzernden Winternacht übertrifft alles. Es war so atemlos still, daß man die Stille hörte. Die Flocken fielen leise zur Erde, jedes Zweiglein war zauberhaft umsäumt von den feinen Rauhreifkristallen. Das Flimmern der Sterne und der zarte Schein der kleinen Mondsichel beleuchteten märchenhaft und geheimnisvoll den blendenden Schnee, die hier und da durchschimmernden dunkelgrünen Tannenzweige und das rotbraune Laub der Hainbuchen. Die Wege sahen verschlafen aus unter der überirdisch reinen, weißen Decke. Es war einem wirklich, als hörte man leise, himmlische Glocken und die Stimmen der Engel. Fast zur Gegenwart wurde es mir, daß in dieser Nacht die ganze Kreatur Sprache habe, daß die Pflanzen und die Tiere des Waldes reden können, und ich verstand gut den Volksglauben, daß in den heiligen Stunden kein Gottesgeschöpf dem anderen wehtun könne – kein Marder eine Taube töten – kein niederfallendes Felsstück ein Mäuslein erschlagen. Kaum konnte ich mich losreißen von all dem Zauber, und es wurde mir fast schwer, zu unserer Feier hineinzugehen.
Aber dann war’s wunder-, wunderschön. Das einzelne kann ich Dir heute leider nicht mehr schildern, weil ich eben Schlittenglocken höre. Pastors kommen, um mit uns Neujahr zu feiern. Viele, viele Grüße und die allerbesten Wünsche fürs neue Jahr von Deiner Hanni.«
»Berlin, den 1. Januar.
Meine alte Hanni! Ich wollte Dir recht noch einmal im alten Jahre die Hand drücken und mit Dir gemeinsam einen Rückblick halten auf all das Viele, was es uns gebracht und auch genommen.
Aber daraus wurde nichts, und meine guten Wünsche nimmst Du sicher auch heute noch an. Übrigens hast Du auch schon welche mitbekommen in dem Dankbrief, den ich neulich an Deine rührende, geliebte Mutter schrieb.
Wer mich gestern am Schreiben hinderte, war Ilse, die sich zu Hause trostlos einsam fühlte. Ihre Eltern hatten in eine offizielle Silvestergesellschaft gemußt, da suchte sie nun bei uns Zuflucht. Das arme Ding hat wirklich ein trübes Leben. Ich bin zuweilen in Versuchung, zu meinen, wir entbehrten dies und das. Aber wenn ich sie ansehe, fühle ich mich überreich in meinem warmen Nest. Das Allerschlimmste ist, daß ihre Eltern nicht so ganz gut miteinander stehen. Sie spricht natürlich nicht davon, aber ich merkte es an mancherlei Äußerungen, als ich die letzte Zeit häufig mit ihr zusammen war.
Ich habe auch den Eindruck gewonnen, als wenn bei ihr das Wertlegen auf Mode und Eleganz ziemlich obenauf liegt und aus Langeweile entsteht. Sie verfällt auf solche Dinge, wenn ihr nichts Besseres in den Weg kommt – und auch, weil ihre Mutter dergleichen sehr wichtig nimmt. Ilse selbst ist riesig gutmütig.
Ich muß Dir doch erzählen, wodurch wir jetzt soviel zusammenkamen: es war eigentlich der reine Zufall, wenn man etwas, was soviel Folgen hat, Zufall nennen kann.
Sie begleitete mich von der Schule nach Hause. Da sahen wir in der ärmlichen Nebenstraße, durch die wir der Abkürzung wegen gingen, ein kleines Mädchen jammervoll weinend etwas auf der Erde suchen. Ilse fragte, was ihm fehle, aber vor Schluchzen konnte das Wurm gar nicht sprechen. Endlich kriegen wir raus, daß sie einen Groschen verloren hat, für den sie – falle nicht um – für sich und ihre beiden kleinen Geschwister Mittag kaufen sollte. Ein kleines Brot gäbe es dafür! Nun würden die Kleinen den ganzen Nachmittag weinen, ihr täte auch der Magen schon weh; und am Abend würde Mutter sehr böse sein, wenn sie vom Waschen nach Hause käme.
Ilse war starr. – Ich habe schon oft von Mutti und auch von unserem Mädchen gehört, wie kümmerlich es manche Leute haben. Aber Ilse war das ganz neu. Sie wollte durchaus sehen, wo die Kinder lebten, und die Kleine sollte uns hinführen. Ich sagte, ohne Brot, nur so aus Neugier, könnten wir unmöglich hinkommen. Zum Glück fand Ilse in ihrer Manteltasche noch das Geld, was sie am vorigen Tage nicht für die Eisbahn gebraucht hatte, weil ›das verwünschte Tauwetter‹ gekommen war. Wie froh war sie jetzt über das Mißgeschick! Wir erhandelten drei kleine Brote dafür – drei Mittagessen für ein Schlittschuhlaufen – und nun ging die Reise los. Beim Gehen überlegte Ilse: ›Dies trockene Brot muß den Krabben ja im Halse stecken bleiben, wenn sie nichts dazu haben.‹ Das hörte die Kleine.