Hannis Heimkehr

Part 6

Chapter 63,881 wordsPublic domain

Allein schon die Sitze! In der Mitte der Längsseite, wie die fürstliche Loge, zwei weißlackierte Gartenbänke, auf denen die hohen und allerhöchsten Herrschaften zu kurzem Zusehen Platz nahmen. Weiterhin über festgestopfte Kornsäcke gelegte schwanke Bretter, die vom Tanz ausruhenden Schönen zum Sitzen einladend, und auf denen zu den Klängen der Musik leise zu schaukeln für die jüngste Jugend allein schon ein Gaudium ist.

Hier sind die Jüngsten durchaus nicht von der Feier ausgeschlossen; und gerade das übt einen besonderen Reiz, daß bei solcher Gelegenheit die junge Tagelöhnerfrau mit Stolz ihre ganze kleine Nachkommenschaft vorführen und sie der gleich alten Tochter der Herrschaft, die zum Besuch ist, zum Vergleich mit ihren kleinen Stadtkindern vorstellen kann. Es bietet sich Gelegenheit, einander mit allem, was zusammengehört, zu sehen und kennen zu lernen, wie es in der Stadt kaum möglich ist.

Hanni und Käte, die das alles zum erstenmal erlebten, waren anfangs ein bißchen befangen. Denn die Formen der Fröhlichkeit sind bei diesen Leuten beträchtlich anders als all das, was sie bisher kannten. Aber Rantzaus und Klärchen, die jedes Jahr diese Feste mitfeierten, bewegten sich völlig harmlos und fanden gar nichts dabei, daß die stattlicheren unter den Tänzern mit ihren steifen, sonderbaren Verbeugungen auch zu ihnen kamen. Die Sache wurde ja mit aller nötigen Vorsicht betrieben: die Hausmädchen beeinflußten ihre Kavaliere dahin, daß nur die wirklich geübten sich den Fräuleins nahten. Dann wurde auch jeder, der es tat, verpflichtet, die zarten Kleider der Damen dadurch zu respektieren, daß er seine Hand mit dem rotbunten Taschentuch verhüllte; eine Sitte, über die Käte sich vor Lachen schüttelte.

»Tante Ida,« sagte Klärchen, und setzte sich ein wenig zu der allgemein Verehrten, um auszuruhen, »du solltest bloß versuchen, wie wunderbar glatt es sich hier tanzt; wie auf dem schönsten Parkett!«

»Ja, das glaube ich schon! Wäre gerade das Richtige für mein lahmes Bein! Bin eben, beim Hereinkommen, schon beinahe ausgerutscht! Aber wenigstens weiß ich nun doch, wo auf einmal alle Schlafstubenkerzen hingekommen sind, die gewiß noch eine halbe Woche brennen konnten! Diese windige Berliner Lisbeth hat den anderen beigebracht, daß man die Lichter zerschaben und auf den Fußboden streuen muß, damit er spiegelblank wird! So ein Unfug!«

Hermann Schack erzählte Hanni, wie in München solche Volksfeste gefeiert würden; er konnte sich nicht genug wundern über die Ruhe und Ordnung, in der hier alles vor sich ging.

»Etwas tut natürlich auch die Nähe der Herrschaft,« meinte Hanni; »unsere Stubenmädchen baten erst dringend, wir möchten doch recht spät bleiben, denn so lange wären sie vor jedem Lärm und Streit sicher.«

»O, das wollen wir schon machen,« entgegnete Hermann. »Es tanzt sich wirklich fein hier!«

»Ich glaube,« meinte Hanni kindlich, »wir passen so gut von Größe zusammen, daher geht es mit Ihnen so viel besser, als mit Erich oder Felix!«

»Das wird’s wohl sein,« war seine vergnügte Antwort. »Vielleicht kommt’s auch daher, weil wir überhaupt zueinander passen!«

Der Brummbaß war so laut, daß man ihre Antwort, wenn sie eine gab, nicht verstehen konnte.

Käte kam herbei und wollte sich totlachen vor Spaß über die ehrbaren Gesichter, mit denen die Leute tanzten: »Ernsthaft wie die Tiere – als wenn sie die schwerste Arbeit verrichteten!«

»Sieh bloß,« rief Erich, »wie Felix die Rockschöße fliegen! Die dicke Rademacherfrau will ihm die Polka beibringen. Sie läßt sich wahrhaftig nicht aus dem Takt bringen durch seine Sprünge – es sieht ja unglaublich aus!«

Wieder und wieder machte man die Runde. Die stark ins Ohr fallenden Weisen der kreischenden Instrumente, die ganz ungewohnte Umgebung, der unsichere, flackernde Kerzenschein, das Vorgefühl der Trennung – alles zusammen versetzte Hanni in eine unklare, schwankende Stimmung; und als Hermann wieder um einen Walzer bat, erwiderte sie zögernd: »Bitte, lieber nicht mehr! Wissen Sie noch, was ich Ihnen neulich über Muttis Meinung sagte: es sei nichts Verkehrtes dabei, solange ich jederzeit gern bereit wäre, aufzuhören! – Denken Sie, eben tat es mir beinahe weh, daß es nun bald zu Ende geht. Dann sollte ich doch lieber nicht mehr tanzen!«

»Gerade jetzt, wo es so wunderbar geht?« fragte er dringend.

Sie sah ihn hilfesuchend an: »Sie würden mich doch sicher nicht um etwas bitten, was nicht recht ist!«

»Nein, ganz gewiß, niemals!« sagte er und setzte sich wieder.

»Furchtbar müde bin ich auch schon,« fuhr Hanni fort; und er sah erschrocken, wie blaß ihr Gesicht geworden. »Das kommt auch mit vom Kummer. Denken Sie, wie allein ich sein werde, wenn morgen Käte und die süßen Jungen wegreisen. – Sie müssen sicher nicht meinen, ich sei undankbar. Gewiß, ich habe Mutti und Tante Ida – ach und so vieles –, aber Abschied ist doch etwas ganz Fürchterliches. Es würgt mich dann so da,« sie drückte die Hand aufs Herz, »daß es kaum auszuhalten ist.«

Hätte er doch irgend etwas zu ihrem Trost sagen können. Aber Trost kannte er ja selber nie; es hieß immer nur »durch«. »Wenn Sie doch einen Bruder oder eine Schwester hätten!«

Aber damit berührte er nun sehr gegen seine Absicht eine ganz wunde Seite. »Mein Bruder ist ja tot, er war etwa von Ihrem Alter,« flüsterte sie leise, und konnte nun trotz aller Anstrengung kaum länger die Tränen unterdrücken. Es war ein Glück, daß gerade Lisbeth kam, um zu melden: »Der Buchdorfer Wagen ist vorgefahren, und die jungen Herrschaften möchten gleich kommen, um sich abzukühlen!«

In dem allgemeinen Durcheinander des Abschieds konnte Hanni unbemerkt ihrer Erregung Herr werden, und sie war von Herzen froh, als sie endlich die weiße Bettdecke über ihr Gesicht ziehen und sich gründlich ausweinen konnte. Ach, daß die schönen Ferien und alles, alles so schnell vorbeigegangen!

Noch einer hatte die Decke übers Gesicht gezogen und schluchzte, daß das Bettchen bebte: Der kleine Ernst, dem es war, als schlössen sich die Paradiesespforten hinter ihm und vor ihm läge nichts als trostlose Öde, Straßenlärm, der einen betäubte, ängstliches Ausweichen, statt unbehinderten Herumlaufens, Stubenhocken statt Obstgarten, das graue Einerlei der fürchterlichen Hinterhoffenster. O, o, o! Er drückte den schmerzenden Kopf tief ins Kissen. Kein Pony, kein Bello, der so tolle Sprünge machte, kein Feueranzünden am See, kein Im-Grase-liegen und Hören, wenn die Kuhglocken läuten, die Grillen zirpen und die Frösche quaken!

Niemand, der es nicht durchgemacht, kann sich die Qual vorstellen, die ein Kinderherz durchbebt, wenn es all diese beglückenden Schätze hinter sich lassen muß und in die engen Stadtmauern hinein, die einstweilen nur als ein Kerker erscheinen.

Käte wollte noch etwas aus ihrer Mutter Schlafzimmer holen, bevor sie selber zur Ruhe ging, und hörte zu ihrem Erstaunen das unterdrückte Schluchzen aus Ernsts Kammer. Sie trat an sein Bett und beugte sich erschrocken über ihn, indem sie die Decke wegzog. Aber er riß sie zurück und rief abwehrend: »Laß mich!« So war es manchmal, und dann ging sie ihrer Wege und wollte nichts mehr von dem Brummkopf wissen. Aber heute war sie selber weich gestimmt, und der Jammer, der die ganze Gestalt des kleinen Kerls schüttelte, ging ihr zu Herzen. Sie setzte sich auf sein Bett und legte freundlich den Arm um seine Schultern. »Bist du traurig, Erni, daß wir weg müssen? Ach, weine doch nicht so, sonst fange ich zuletzt auch noch an! Du, bedenke doch, wir sollen ja sicher – ganz sicher – übers Jahr wiederkommen! Das geht schnell hin! Und dann sollst du sehen, es wird auch in Berlin ganz schön sein! Wir beide wollen recht zusammenhalten, nicht, du? Max und Moritz sind ja noch so klein und verstehen nichts davon. Aber wir sind nun beide schon ziemlich groß und helfen uns durch! Ich wollte dir noch erzählen, Tante Else hat mir zum Abschied – mir – eine ganze Kiste voll Sommeräpfel und Birnen geschenkt. Die soll dir mit gehören. Wir machen uns in der Ecke vom Keller eine kleine Obstkammer, aus der wir uns täglich nach der Schule unseren Bedarf holen. Natürlich versorgen wir Mutti und die Kleinen auch, aber die Besitzer sind wir; fein, nicht? Dann habe ich noch eins gedacht: Du hast doch all die Nägel, Hammer und Bohrer vom Rademacher gekriegt. Zu Hause war allerlei, was Mutti gern genagelt und geleimt haben wollte. Ich glaube, das kannst du jetzt schon ganz schön. Wie wird sie sich freuen, wenn sie nie mehr den Tischler kommen lassen muß!«

Nach und nach waren die Tränen des kleinen Schwergeprüften versiegt, und der Gedanke, nicht allein zu sein mit seinem Kummer, linderte seinen Schmerz. Zum ersten Male legte er seine Arme zärtlich um den Nacken der Schwester, der ganz warm ums Herz wurde bei dem ungewohnten Zutrauen.

Als Verbündete gegen den schweren Kampf des Scheidens gingen beide zur Ruhe und schliefen bald sanft und fest.

10. Kapitel.

Dunkle Wolken.

Am Nachmittag nach dem Abschied der Freunde saßen die Schönfelder Damen gemütlich, wenn auch viel stiller als die letzten Wochen, am Kaffeetisch, als der Major mit ernster Miene eintrat. »Denkt doch, was mir der arme Rantzau eben mitteilte – wir trafen uns an der Grenze bei den Roggenstoppeln. Oda ist gar nicht wohl, und gestern haben sie den Arzt geholt, der ganz erschrocken gewesen ist über den Grad ihres Leidens. Er sah sie im Frühling zuletzt, und sie alle waren der Meinung, es sei bedeutend besser mit ihr geworden. Bei ihrem strahlenden Wesen denkt ja kein Mensch an Krankheit, noch dazu, wenn man ihr rosiges Gesicht sieht. Aber der Arzt hat den Kopf geschüttelt und gesagt, ihr Geist habe ganz ungewöhnlich stark die Herrschaft über den schwachen Körper. Wenn das nicht wäre, sei es undenkbar, daß sie sich so aufrecht hielte. In acht Tagen will er sie wiedersehen und einen berühmten Arzt aus Berlin mitbringen, der entscheiden soll, ob sie den Winter hierbleiben soll oder nicht. Ihr könnt euch denken, wie gedrückt der arme Rantzau war. Sie sind so arglos und gewöhnt, daß alles gesund ist. Ich muß ja gestehen, mir bangte schon längst bei Odas andauerndem Husten und ihrem allzu zarten Gesicht.«

Hannis Herz konnte das Gehörte nicht fassen. Sie waren so vergnügt miteinander gewesen. Daß die von allen geliebte, fast verehrte Oda nicht so herumspringen konnte wie die übrigen, hatte sie nicht im geringsten gestört. Im Gegenteil, es war wunderhübsch, sie immer in ihrem reizenden Stübchen oder in der Hängematte unter den Linden anzutreffen. Alles hatte man dann vor ihr auskramen können, an jedem Erlebnis nahm sie wärmsten Anteil. So gern brachte man ihr die reifsten Früchte, die schönsten Rosen, und sie hatte stets so süß gelächelt und leise mit ihrer zarten, weißen Hand die unordentlichen Zöpfe wieder festgebunden. – Ob sie nicht einmal hinüber durfte, auch um zu sehen, was Gertrud machte, die mit innigster Liebe an der einzigen Schwester hing?

Mutter und Tante hatten erst Bedenken, gaben aber endlich ihren Bitten nach. –

Noch gedrückter, als Hanni mit ihrem kleinen Pony weggefahren, kam sie nach zwei Stunden wieder zurück. »Mutti, du kannst nicht glauben, wie verändert Oda aussieht! Es sind doch erst vierzehn Tage, seit wir dort waren! Sie lag im Bett und ihre Hand war fast so weiß wie das Kissen. Nur bei Sonnenschein und wenn sie nicht mehr liegen mag, soll sie ein bißchen aufstehen. Wie wird es bloß werden? Denk doch, wenn sie fort müßte? Sie, die so sehr an der Heimat hängt! – Die arme Gertrud ist ganz außer sich, du kannst es dir ja denken. So lustig sie sonst war, so völlig mutlos ist sie jetzt. Sie war so verweint und aufgeregt, daß sie gar nicht zu Oda hinein darf, weil ihre Erregung die natürlich beunruhigen würde. Ich wollte, sie könnte ihre Angst ein bißchen mehr zurückdrängen, denn Oda mag so gern jemand still bei sich haben. Tante Rantzau sagte, ich sollte mich zu ihr setzen und etwas ganz Harmloses erzählen. Und sie hörte so aufmerksam zu, als ich ihr den Abschied von Max und Moritz schilderte, die durchaus all die langen Stöcke und ihre großen Borkenschiffe mithaben wollten und nur zu trösten waren, als sie sie selber auf den obersten Boden tragen durften und heilig versichert kriegten, nächstes Jahr lägen sie noch am selben Platz. Sie hat auch Käte so lieb gewonnen, und ich soll ihr immer die Briefe vorlesen, wenn Käte schreibt.«

* * * * *

Der Berliner Arzt kam, aber die Sorgen der armen Eltern konnte er nicht zerstreuen. Ein schmerzlicher Tag ging mit Untersuchungen, Fragen und Beraten hin. Am Abend kam Hanni, um zu erfahren, wie alles gewesen, fuhr aber gleich wieder heim und machte ihrem bekümmerten Herzen in einem Briefe an Käte Luft:

»Meine liebe Käte! O, wenn Du uns heute in Buchdorf gesehen hättest, Du würdest uns kaum wiedererkannt haben, so anders war alles als vor drei Wochen. Daß Oda nicht wohl war, erlebtest Du ja noch; jetzt ist sie so elend, daß man auf alles gefaßt sein muß. – Wirklich! – Ich spreche es eben zum erstenmal aus, – aber es ist nicht anders.

Professor Howaldt hat heute verlangt, sie solle in den nächsten Tagen abreisen – nach Davos. O, wie mir dabei wird! Du kennst doch das traurige Buch: ›Das große, stille Leuchten‹, in dem der schwere Kampf der armen, dort Leidenden geschildert wird. Und nun denke Dir, sie haben ihr den Beschluß – natürlich mit aller Schonung – mitgeteilt. Oda hat die Nachricht ganz heiter aufgenommen und gesagt, sie hätte es nicht anders erwartet und wollte gern alles tun, was verlangt würde. Dann ließen sie sie allein, damit sie Mittagsruhe hielte. Die Ärzte saßen noch auf der Terrasse, um den Abendzug abzuwarten, da stürzte Line zitternd und weinend heraus, ›sie glaube, Fräulein Oda stürbe‹!

Als die anderen fort gewesen, hatte sie das Weinen nicht länger unterdrücken können. Sie hat gesagt, es sei so übermächtig über sie gekommen, weil sie es den ganzen Sommer gewaltsam zurückgehalten. Der Gedanke an die Trennung und die Aussicht, so bald dies schöne Leben verlassen zu müssen, habe sie überwältigt. Denke bloß, Käte! Da ist sie so sehr in Erregung gekommen – und als Line ihre Milch um vier Uhr brachte, fand sie sie von Blut überströmt.

Sie alle haben ihr nun zugesprochen und versucht, sie zu trösten; aber sie war schon wieder gefaßt. ›Gesund würde sie nicht wieder, das fühle sie mit unabweisbarer Sicherheit. Aber sie sollten wirklich nicht mehr trauern; sie wolle von Herzen gern folgen, wenn Gott riefe; es sei nur der erste Schreck gewesen! Und das stände bei ihr fest: so unaussprechlich viel Liebes sie auch verlassen müsse, bei Gott würde es doch noch schöner sein.‹ Der Professor habe allerlei angeordnet für ihre Pflege, und gesagt, sie müsse sich nun natürlich erst etwas erholen, bevor sie reisen könne. Er wolle bald noch einmal kommen, nach ihr zu sehen.

Ja, Käte, wenn wir so vergnügt sangen: ›Ach, die Rosen welken all‹, haben wir doch nicht geahnt, daß es so schnell ginge! Denk an uns und grüße Deine Lieben.

Deine traurige Hanni.«

11. Kapitel.

Die Schatten des Todes.

»Schönfelde, den 20. August.

Liebste Käte! Durch Muttis Brief an Deine Mutter hast Du ja erfahren, daß unsere geliebte Oda nicht mehr weggekommen ist. Ihr einziger Wunsch wurde erfüllt.

Als die Ärzte wiederkamen, fanden sie die Krankheit so fortgeschritten, daß sie auf die Frage des Vaters, ob Hoffnung sei oder nicht, sagen mußten: Nach Menschenermessen sei keine. – Dann hat er gefragt, ob im Süden auf Erleichterung zu hoffen sei, worauf beide gemeint, die Mühsal der Reise würde größer sein als das, was man an Erleichterung hoffen dürfe. Was Menschen vermöchten, ihre Tage zu verschönen, könne sicher hier am besten geschehen. Sie glaubten auch nicht, daß ihr noch schwere Leiden bevorständen. Sie sei bereits so schwach, daß das Leben verlöschen würde wie ein Licht.

Der arme, arme Onkel! Er hat dem alten, würdigen Professor gedankt für die große Barmherzigkeit, ihm die volle Wahrheit zu sagen.

Nun gehen sie alle still und wie unter einer dicken Wolke umher. Nur bei Oda strahlt heller Sonnenschein – vom Jenseits – und sie alle haben soviel Liebe, den nicht durch Wehklagen zu stören. Am schwersten fällt das der armen Gertrud, die ganz das Gleichgewicht verloren hat. Manchen Tag darf sie nicht zu Oda hinein, weil sie sich nicht fassen kann. Ich bin so dankbar, daß sie mich immer zu ihr lassen – jeden zweiten Tag. Und Gott hilft mir auch, immer munter zu sein, so schwer es oft ist. Ade, Käte. Deine Hanni.«

»Schönfelde, den 15. September.

Liebe Käte! Wenn in Geschichten so romantisch erzählt wird von ›süßem Hinüberschlummern‹, so ist, glaube ich, doch etwas unterschlagen! Das Sterben ist doch viel, viel ernster, als ich es mir gedacht habe, – ja, auch neulich noch gedacht, als Professor Howaldt sich so offen ausgesprochen.

Selbst wenn es schnell vorangeht, sind die Tage und Nächte lang! Beinahe glaube ich, daß ich es am allermeisten fühle, weil Oda sich so offen gegen mich ausspricht, wie sie es auch gegen ihre Mutter nicht tut, um ihrem Schmerz nicht immer neue Nahrung zu geben.

Ich dachte, sie, von der wir alle nichts als Liebes erfahren, könnte so ganz ruhig auf all ihre Tage zurücksehen. Aber auch dies ist nicht der Fall. Sie macht sich schwere Gedanken, daß sie nicht mehr mit Gertrud zusammen gewesen, sie nicht mehr lieb gehabt habe. Von jeher hätte sie so schrecklich gern allein in ihrem Stübchen gesessen und gelesen. Die kleine Schwester habe oft gefleht, sie möge mit ihr spielen. Aber sie hätte ihre Ruhe mehr geliebt. Nun sähe sie deutlich, daß aus Gertrud viel mehr hätte werden können, wenn sie, wie ihre Großmutter sagte, ›fleißig gespielt‹ hätte.

Aber allein sei das der Kleinen langweilig gewesen. So habe sie sich ein bißchen herumgetrieben, – ein bißchen mit den Mädchen dummes Zeug geschwatzt, – ein bißchen genascht.

Und jetzt in den langen Nächten, wo sie nicht schlafen könne, sähe die arme Oda immer klar vor Augen, wie über die Maßen wichtig die anfängliche Gewöhnung sei, und müßte sich anklagen; wenn manches bei Gertrud, ihrer geliebten, einzigen Schwester, eine verkehrte Richtung nähme, so hätte sie das ändern können – und habe es nicht getan. – Wenn sie in solchen ganz dunklen Stunden nicht wüßte, daß Gott ihr vergeben und alles gut machen könne, so müsse sie verzweifeln. Denke doch, Oda, die für uns alle ist wie eine Heilige! Was sollen wir einmal machen, wenn unsere Stunde kommt? Deine Hanni.«

»Berlin, den 18. September.

Meine alte Hanni! Kannst Du Dir vorstellen, daß ich eine schlaflose Nacht zubringen könnte? Ich, das Murmeltier? Ich habe es getan und werde nicht ruhig, bevor ich Dir eine Beichte abgelegt. Was Du mir von Oda schriebst, traf mich wie ein Donnerschlag. Bald fünfzehn Jahre habe ich unnützes Geschöpf die Erde verunziert und noch nichts als Verkehrtes gestiftet! Sag es selbst!

Daß es in der Schule mit den Leistungen glatt geht, ist nicht meine Schuld. Wenn ich die Arbeiten schreibe, werden sie richtig. – Aber wie manchen Krach hat es schon mit den Lehrerinnen gegeben wegen des Betragens!

Und nun zu Hause! Wieviel Not habe ich meiner allerbesten Mutti gemacht! – Und dann erst Ernst! Ich mag gar nicht daran denken!

Seit dem Abschied von Euch, wo ich einmal sah, wie dem kleinen Kerl das Herz weh tun kann, haben wir uns vertragen und manchen guten Tag zusammen gehabt. Aber das Frühere kann ich nicht ungeschehen machen. Ich glaube jetzt wirklich, Erni könnte ein anderes Kind sein, wenn ich zu ihm gehalten hätte, statt so oft hart gegen ihn zu sein.

Nun bitte ich Dich, Oda zu sagen, ich verspräche ihr heilig und teuer – und Du weißt, dann halte ich es –, ein neues Leben anzufangen mit Mutti und mit den Jungen! Ich will es mir zu Herzen nehmen, was Deine süße Mutti mir beim Abschied sagte: ›Wenn wir uns nicht lieb haben – das heißt bei Kindern: sich vertragen –, dann sind wir eben nicht Gottes Kinder und können nicht als solche gelten.‹

Sage Oda, sie hätte mir zur Umkehr verholfen, vielleicht wird es sie freuen. Deine alte böse Käte.«

»Schönfelde, den 2. September.

Liebste Käte! Ach, wie ist das Leben ernst! Mir ist, als wäre ich in wenigen Wochen um viele Jahre gealtert.

Heute morgen schickten Rantzaus, ob ich kommen dürfe, Oda sei so unruhig und möchte mich sehen. Ich fand sie, die weiße Stirn mit Schweiß bedeckt, unruhig im Bett hin und her rückend, die Hände brennend heiß. ›O Herzchen, da bist du – die Nacht war zu lang!‹

Ich bat sie, nicht viel zu sprechen, ich wolle ihr was erzählen. ›Nein, du, ich ließ dich rufen, weil mir ein Stein auf der Seele liegt! Komm dicht heran – ich spreche ganz leise. Sieh, als meine Gedanken mir gar keine Ruhe mehr ließen, habe ich mich zuletzt damit zu trösten versucht, ich wollte dich bitten, das zu tun, was ich versäumt habe. Vielleicht kann ich’s dann leichter tragen – ebenso wie mich neulich Kätes Brief erleichtert hat. – – Sieh,‹ fuhr sie fort, ›die ganze Nacht stand mir das Bild von dem Knecht mit dem vergrabenen Pfund vor der Seele. Ich hörte immer das Wort: O du Schalksknecht! – Doch,‹ wehrte sie ab, als ich Einwände machen wollte, ›genau so bin ich! – Vor drei Jahren, als ich konfirmiert wurde, war es mir ein Herzensanliegen, nun auch was Ordentliches für Gottes Reich zu tun, und ich sprach darüber mit Herrn Pastor. Er riet mir, mich der Dorfkinder anzunehmen, ihnen durch Handarbeitsstunden und Sonntagsschule nahezukommen.

Ich fing es an. – Sie kamen – du kennst sie ja – blank gescheuert, verschüchtert, wie kleine Pagoden! – Ich zeigte ihnen dies und das und ließ sie einiges lernen und aufsagen. – Sie genierten sich namenlos vor mir – ich mich vor ihnen. Es war eine erzwungene Geschichte! Ich war froh, als der Sommer kam und Vater meinte, nun hätten sie kaum Zeit für dergleichen. – Den zweiten Winter betrieb ich die Sache noch lauer.‹ Ich versuchte einzuwenden, daß die ganze Art dieser Kinder so anders sei als die unsere, daß man schwer den Schlüssel fände! ›Aber wir sollen ihn finden,‹ meinte sie, ›und wir können es. Jetzt in den dunklen Nächten ist es mir aufgegangen: wir haben soviel Verständnis, wie wir Liebe haben. Denk mal hin, wo du liebst, erschließt sich dir jede Falte im Herzen des anderen. – Je tiefer die Liebe, desto größer das Mitfühlen, Mitdenken. Gott ist die Liebe; er ist allwissend! – Nun hatte ich gestern gelesen, man habe festgestellt, daß die meisten von allen, die Gott gefunden haben, in früher Jugend zu ihm gekommen wären – ganz wenige im Alter. Das rüttelte mich so auf! Ich stellte mir vor, daß ich schon in diesen Jahren manche von den kleinen Herzen hätte zu Gott führen können, die nun vielleicht den Weg nie finden, wenn ich nicht der schrecklichen, verkehrten Scheu und Verlegenheit Raum gegeben hätte, die mich an so vielem gehindert hat.

Für mich ist es jetzt zu spät. Und ich weiß, mein Heiland vergibt mir auch das noch zu allem anderen. Aber ich würde ruhiger sterben, wenn ich denken könnte, du nähmest diese Arbeit mit deinen frischen Kräften auf und brächtest sie nach und nach auch Gertrud nahe. Du weißt, von sich aus würde sie niemals dazu kommen.‹

Wir besprachen den Plan noch hin und her, und Oda wurde ordentlich belebt. Du kannst Dir denken, wie gern ich mir diese Arbeit vornahm, die ich mir im stillen schon lange gewünscht. Ich hatte nur gemeint, vor meiner Konfirmation könne ich nicht an dergleichen denken. Aber Oda, die einen erstaunlich praktischen Blick verriet, sagte, gerade schon jetzt möge ich anfangen, da, je älter und größer ich wäre, desto unüberwindlicher auch der Respekt und die Scheu der Kinder vor mir sein würde. Sie meinte, es solle erst mal für die kleineren Mädchen eingerichtet werden: eine Art Spielschule an zwei Nachmittagen. Gegen Weihnachten solle ich auch die größeren dazunehmen und mit ihnen nützliche Arbeiten anfangen, die sie für ihre Mütter zu Weihnachten machten. Das würde sie freuen.