Part 9
Entzückte Briefe kamen aus dem Harz. Frau Gerloff war aufs freudigste überrascht gewesen über den lieben Besuch. Es hatte sich getroffen, daß ein Zimmer neben dem ihrigen frei war mit Ausgang auf denselben Balkon. Nun hielten die beiden Damen ihre Ruhestunden in fröhlicher Gemeinschaft und hatten sich viel zu erzählen von der Heimat und ihren Lieben. Beglückend war’s für Frau Gerloff, das Entzücken zu beobachten, mit dem die Freundin die völlige, so ungewohnte Freiheit genoß. Seit vielen Jahren hatten die Pflichten bei den kleinen Kindern und der stets wachsende Haushalt dergleichen unmöglich gemacht. Nun kam sie sich wie verzaubert vor in der wundervollen Umgebung, wo alles für ihre Bequemlichkeit und ihr Behagen eingerichtet war. Überraschend schnell gewannen ihre Backen wieder die alte Rundung und Frische, und als einige Tage vor Ablauf der Erholungszeit der Pastor eintraf, um noch eine kleine Fußwanderung mit seiner Frau zu machen, bevor sie heimkehrten, da war er ganz außer sich vor Freude über ihr frisches Aussehen und behauptete, sie sei nicht im geringsten verändert gegen damals, als sie vor siebzehn Jahren dieselben Wege auf ihrer Hochzeitsreise machten.
Hanni hatte viel erlebt in diesen Ferienwochen und schüttete ihr Herz ab und an gegen die treue Freundin aus.
»Mirow, den 6. Juli.
Liebste Käte! Es ist zu hübsch, auf einmal ›große Leute‹ zu spielen und den ganzen Tag ohne Schule und andere Aufhaltung im Hause herumzuwirken! Du solltest bloß sehen, wie fein ich meine drei Kinder im Zug habe! Dann wird Staub gewischt, sogar hier und da abgerissene Knöpfe und Bänder angenäht. Herr Pastor hat sich sehr zufrieden geäußert über den Gang der Wirtschaft.
Die allerliebste Stunde ist mir, wenn am Abend unsere dicke Milch und Zubehör erledigt ist und wir alle miteinander in der Weinlaube sitzen. Ich nehme Dickchen auf den Schoß und Klara das Baby. Beide kriegen eine Brotrinde in die Hand und tun uns den Gefallen, so lange ruhig zu sein, wie Herr Pastor den Abendsegen liest. Wenn wir dann zweistimmig ein Lied singen, hören sie beglückt zu und verstärken den Chor mit ihren Krähtönen.
Es ist ein schönes, tätiges Leben von früh bis spät. – Und Ihr watet dort wohl am Strande herum? Schreib doch bald, wie’s Euch geht. Deine Hanni.«
»Mirow, den 17. Juli.
Liebe Käte! Wenn Du uns doch einmal unvermutet überraschen könntest und sehen, wie ehrbar und tugendhaft wir unsere Tage zubringen. Du würdest Deinen Augen nicht trauen! Und wenn Du unsere Hände erblicktest, würdest Du meinen, Du sähest nicht recht. Ja, Käte, es gibt viel zu tun, und wenn man eben denkt: nun ist’s für heute genug, dann kommt das eherne Muß und sagt: Genug ist es erst, wenn alles fertig ist! – Und fertig wird man überhaupt nicht!
Klara ist wirklich schon merkwürdig fix. Und was mir am meisten auffällt: sie tut all ihre Dinge so selbstverständlich! Du und ich, wir hatten immer einen Riesenspaß und Aufstand, wenn wir mal was besorgten. Und nachher wurde es nicht fertig, und Mamsell machte die Sache zu Ende. Hier heißt es: selbst ist der Mann!
Stelle dir vor, wie mir’s gestern ging: Nichts ahnend, wische ich auf Herrn Pastors Schreibtisch Staub und hatte mich nebenbei ein bißchen vertieft in ein Buch, das dort lag. Öffnet Sophie die Tür, naß wie eine Meerfrau von der großen Wäsche, die sie besorgt: ›Fräulein Klara läßt sagen, die Kleine sei so unruhig, wolle auch die Flasche nicht nehmen, da würde Fräulein fürs erste nicht herunterkommen können. Ob wohl Fräulein Hanni so gut wären, das Essen aufzusetzen; eben sehe ich auch, daß Lise und Lotte dahinten bei der Pumpe fürchterlich plantschen. So kann ich nicht gut über den Hof gehen – würden Fräulein Hanni sie wohl da wegschicken?‹
Das war alles sehr schön; ›Essen aufsetzen‹ ist schnell gesagt; aber was? woher? worin? wieviel? Hast Du schon mal Essen aufgesetzt?
Der Sophie mag ich es gar nicht so zeigen, wie wenig ich eigentlich von allem ahne, weil die Kinder hier unglaublich geschickt und anstellig sind, und besonders, weil ich im Anfang sagte und auch selber dachte, die Hauptsache verstände ich bereits. Jetzt erst merke ich, daß mir alles einfach vorkam, weil ich es andere mit so leichter Hand machen sah. – In Wirklichkeit verstehe ich rein gar nichts von der ganzen Geschichte und bin leider, leider Klärchen oft mehr eine Hinderung durch mein ewiges Fragen, als eine Hilfe – wenn sie es auch nicht zugeben will.
Ich ging also hinaus, um die beiden kleinen Unholde von der Pumpe wegzujagen, wo sie mit einem zerbrochenen Zylinder (!!!) Springbrunnen spielten, und nun über und über trieften. Auf dem Rasen ließ ich sie das nasse Schuhzeug ausziehen und zum Trocknen in die Sonne legen, ebenso ihre Schürzen. Dabei fragte ich, ob sie wüßten, welche Bohnen und was für Kartoffeln gekocht werden sollten. – Den Schinken konnte ja Klärchen noch zuletzt abschneiden. – Sie waren sehr froh, ihre Missetat etwas wieder ausgleichen zu können, und rannten in den Keller, von wo sie einen Korb mit Bohnen holten.
›Sophie hat gestern abend gesagt, gleich nach dem Frühstück sollten wir beide sie abziehen. Wir haben’s bloß leider ganz vergessen!‹
›Und die Kartoffeln?‹
›Die werden immer dahinten am Zaun aus der Erde gegraben. Wir können es; dürfen wir sie holen?‹
Ich konnte noch froh sein über ihr Vergehen, denn nun strotzten sie vor Diensteifer. Auch das Schwarzbrotreiben für die Kalteschale verstanden sie – und mit Fallen und Aufstehen und unter allerhand Schwierigkeiten brachten wir ein Mittagessen zustande, nachdem Klara ihren Segen zuletzt noch zu allem gegeben. Was ich aber täglich merke, ist dies: es gehört sehr, sehr viel dazu, bis man all das versteht, was Haushalten genannt wird. Und das will ich gründlich lernen, denn es muß zu fatal sein, das Tun und Treiben der Dienstboten gar nicht übersehen zu können. Denk doch, wie schrecklich unbehaglich es manchmal bei Herders war: Von der abscheulichen Dora ließ Frau von Herder sich alles mögliche gefallen, bloß, weil sie schöne Gerichte kochte, wovon sie selbst keine Ahnung hatte. Und der netten Berta trug sie wirklich oft mehr Arbeit auf, als ein Mensch leisten kann. Ich glaube, sie hatte keine Ahnung, wie lange Zeit jede Sache erfordert. Ich hoffe, daß das dort anders wird, wenn Ilse so weiter macht, wie Du sagst.
Aber schnell ade! Kaffeemachen ist mein Amt, und ich höre schon Lise und Lotte mit den Tassen klappern.
Tausend Grüße von Deiner Hanni.«
Als die beiden Mütter glücklich und gestärkt aus dem Harz zurückkehrten, gab es einen unendlichen Jubel in beiden Häusern. Viele Blumen, Lichter, schön blank geputzte Zimmer und im Pfarrhaus auch lauter blank geputzte und sauber gewaschene Kinder machten den Empfang zu einem großen Freudenfest. Wie froh und dankbar ging jedes wieder an die Arbeit, und als auch von Platens höchst befriedigende Berichte aus Rügen eintrafen, war der Schatten verwischt, der den Sommer hatte verdüstern wollen.
15. Kapitel.
Konfirmation.
Ehe man’s gedacht, kam der Herbst, und mit ihm die Vorbereitungszeit für Hannis und Klaras Einsegnung.
Gertrud von Rantzau war ein Jahr jünger als die Freundinnen. Da sie aber sehr wünschte, den Unterricht mit ihnen zu teilen, so gaben ihre Eltern den Bitten nach und ließen sie ein Jahr früher konfirmieren, als anfangs geplant war. So schlossen sich die drei Häuser diesen Winter in herzlichster Weise zusammen, und die jungen Mädchen genossen mit großer Freude das Glück gemeinsamen Lernens und Strebens, was Gertrud besonders lebhaft empfand, da sie noch nie mit Altersgenossinnen zusammen unterrichtet war. In dieser Zeit fand sich auch Gelegenheit für Hanni, Gertrud mit ihrer kleinen Sonnabendschule bekannt zu machen, die sie mit immer wachsender Freude betrieb, und mit ihr davon zu sprechen, welch Herzenswunsch es der verstorbenen Schwester gewesen sei, daß dergleichen auch in Buchdorf eingerichtet würde.
Innerlichst vorbereitet, sahen alle drei der schönen, feierlichen Osterzeit entgegen. Da bekam Hanni verschiedene Briefe von den Berliner Freundinnen, deren Konfirmation schon vor dem Fest an verschiedenen Wochentagen stattgefunden hatte und deren Berichte sie natürlich jetzt mit besonderer Teilnahme las. – Käte schrieb:
»Berlin, den 22. März.
Liebste Hanni! Dir und Deiner Mutter innigsten Dank für Euer treues Gedenken. Ja, Ihr habt recht, es war ein wunderschöner Tag, an dem uns alles, was wir diesen Winter über gelernt und bedacht haben, nochmals besonders klar vor die Seele trat. Die Feier in der Kirche war sehr weihevoll. Nur empfand ich den ganzen Tag schmerzlich – viel mehr als bisher –, daß mein Vater nicht dabei war. Als die übrigen Kinder beglückt mit ihren Eltern fortgingen, stand meine süße Mutti so allein, so schmal und zart aussehend, da. Es grub sich mir tief ins Herz, wie fest ich nun, wo ich doch mehr zu den Erwachsenen gehöre, ihr beistehen muß. –
Ilse sah sehr ernst und bleich aus. Ich habe sie nachher noch nicht wiedergesehen. Für mich wird das Leben im ganzen unverändert weitergehen. Ich bin Mutti so dankbar, daß sie mir den Wunsch gewährt, gleich ins Seminar einzutreten. Die Arbeit macht mir so viel Freude, und es wird ein reizender Kreis sein, gerade die aus unserer Klasse, die mir die liebsten waren. Nur Ilse darf leider nicht teilnehmen, obgleich sie es glühend wünschte. Ihre Eltern sind ganz empört gewesen über die Idee von einem Mädchen in ihrer Stellung, sich solchen Anstrengungen zu unterziehen. Wie haben wir es gut, die bei den Eltern immer auf Verständnis rechnen können.
Aber ich will heute noch mehrere Briefe beantworten, deshalb schnell ade! Herzlich Deine Käte.«
Ilse an Hanni:
»Berlin, den 22. März.
Meine beste Hanni! Wie lieb von Dir, mir zur Konfirmation zu schreiben. Ich dachte, Du hättest mich längst vergessen, und doch interessiert mich Dein Ergehen besonders. Ich lasse mir oft durch Käte von Dir erzählen.
Du hoffst, daß ich auch so viel von unserem Konfirmandenunterricht gehabt, wie Du. – Ja, ich glaube sogar, daß für mich manches noch eindrucksvoller gewesen als für Dich, die schon zu Hause und auch durch Deinen bisherigen Unterricht ganz vertraut gewesen mit diesen Gedanken. Mir war alles neu. Du erinnerst Dich, wie unser Religionsunterricht in der Schule war – ich habe kaum hingehört.
Daß zu Hause leider nie von Gott und göttlichen Dingen gesprochen wird, weißt Du auch. Nun waren mir die ernsten und tiefen Stunden bei Herrn Pastor Baum wirklich ein Erlebnis, und ich hoffe von Herzen, daß ich das festhalten werde, was er uns mitgegeben.
Leicht wird’s freilich nicht sein. Es schmerzt mich tief, wenn Papa Äußerungen tut, wie die: ›Nun müsse die Kopfhängerei ein Ende haben! Solche Mädchenträumereien hätten ihre Zeit, müßten dann aber vor der Wirklichkeit weichen.‹
Oder wenn Mama so umständlich überlegt, welchen Präsidenten, Generalsfamilien, Vorstandsmitgliedern und anderen Würdenträgern ich nun vorgestellt werden müsse. Mich überläuft’s kalt, wenn ich an all die schönen Stunden denke, die ich da werde versitzen müssen, statt in das geliebte Seminar zu gehen, wo sie lernen und weiterkommen.
Eines Nachmittags wagte ich den kühnen Schritt, mit meiner Not zu Herrn Pastor Baum zu gehen. Aber er redete mir ernstlich zu, Gottes Wege in den für mich gegebenen Verhältnissen zu sehen. Wenn meine Eltern mich, ihre Einzige, einstweilen im Hause haben wollten, so sei es meine Pflicht, alle Kräfte aufzubieten, ihnen eine gute Haustochter zu sein, durch Liebe und Dankbarkeit ihr Leben zu verschönen und nebenher alles zu lernen, was mir möglich wäre. Wenn ich sonst Gehorsam zeigte, würden sie mir dazu sicher Erlaubnis geben.
Denn das sei freilich meine Pflicht gegen mich selbst, nicht in dumpfem Verzicht nun alles Weiterstreben aufzugeben. Ja, ich würde mich versündigen gegen mich und die Eltern, wenn ich es täte.
Wir haben abgemacht, daß ich jeden Monat einmal Sonntagnachmittags zum Tee in sein Haus komme. Dann hat er Zeit für die Freunde, die sich einfinden, und ich soll ihn fragen, wenn ich in diesem oder jenem nicht weiter weiß.
Ich kann Dir nicht sagen, was mir diese Aussicht für ein Trost ist. – Jeden Morgen stehe ich nun mit den besten und festesten Vorsätzen auf. Wie leicht die aber erlahmen bei den tausend kleinen Enttäuschungen, dem Anrennen an unnötige Vorurteile, das kannst Du Dir nur sehr schwer vorstellen. Wie gern ginge man mutig in eine Schlacht oder an eine Herkulesarbeit – das Ameisenwerk will oft unerträglich erscheinen.
›Aber gerade das Kleinste treu zu verrichten und im engsten Kreise Sonnenschein zu verbreiten, sei unsere Pflicht und unser Los,‹ sagt mein Lehrer. Und so will ich zufrieden sein, wenn mein heutiger Erfolg kein größerer war als der, das müde, bekümmerte Gesicht unserer Berta, des Stubenmädchens, zu erhellen. Ich muß Dich nächstens etwas ihretwegen fragen, will aber erst mit Käte darüber sprechen.
Für heute leb wohl und sage Deiner verehrten Mama meine Grüße, und ich bedauerte Dich jetzt nicht mehr, aufs Land gekommen zu sein, – habe überhaupt meine Meinungen sehr geändert. Ich glaube, das wird sie sehr freuen. Deine Ilse.«
Endlich schrieb auch Lena Wallis:
»Berlin, den 24. März.
Liebe Hanni! Verzeihe, daß ich in allem Trubel der letzten Tage bisher noch nicht dazu gekommen bin, Dir für Deine süße Glückwunschkarte zu danken. Denk mal, fünfundsiebzig Karten bekam ich im ganzen, teils geradezu entzückende! Und dann all die Gratulationsbesuche, die wertvollen Geschenke! Man geht wie auf Wolken! Es war überhaupt eine himmlische Zeit, diese ganzen letzten Wochen. Mama war rührend: Jeglichen Gefallen tat sie mir, und wenn Papa etwas von mir verlangte, so sagte sie öfters: ›Störe sie doch jetzt nicht; einmal träumt man nur den Jugendtraum. Die rauhe Wirklichkeit kommt noch früh genug.‹
Für unseren Pastor schwärmten wir sämtlich. Augen, sage ich Dir, wie ein Heiliger. Man wagte kaum zu atmen, wenn er so feierlich sprach. Wir haben ihm eine entzückende Palme geschenkt. Ich allein steuerte fünf Mark dazu bei.
Am Konfirmationstage kam Mama schon zeitig mit all den schönen Sachen in mein Zimmer, was übrigens auch die Woche vorher vollständig neu hergestellt war – ganz in Himmelblau. Nun das entzückende Seidenkleid, tadellos sitzend, alles von oben bis unten neu; es war wirklich feierlich. Als man dann in der Kirche war: Die vielen Blumen, die beweglichen Klänge der Orgel, die ganze Weihe des Augenblicks, da drehte sich alles mit mir im Kreise, und ich war buchstäblich schwindelig vor Feierlichkeit.
Besinnung kriegte ich erst wieder, als mich zu Hause all die festlichen Gratulanten umringten.
Bei Euch auf dem Lande wird das alles stiller und einfacher zugehen! Wenn ich mir solche kleine Dorfkirche vorstelle!!! Schreib mir doch mal, ob es nett gewesen. Bis dahin auf Wiedersehen. Deine Lena Wallis.«
»Ich werde mich hüten, dir wieder zu schreiben,« rief Hanni, indem sie diesen Brief ärgerlich aus der Hand warf. »Nein, wirklich, was zu viel ist, ist zu viel. An der ist Hopfen und Malz verloren!«
Als dann ihre Mutter ins Zimmer trat, schloß sie diese stürmisch in die Arme. »Mutti, womit soll ich es je verdienen, daß ich es von allen am schönsten habe – so immer mit euch zusammen, nichts als Liebe um mich her. Ich kann dir nicht sagen, wie glücklich ich bin!«
»Damit, daß du das so tief empfindest, beglückst du auch uns, mein Liebling. Und deinen Dank gegen Gott kannst du beweisen durch sehr, sehr viel Liebe zu deinen Mitmenschen! Er wird dir das ›Wie‹ immer zeigen, wenn du ihm nahe bleibst.«
16. Kapitel.
Über den hohen Bergen.
In stiller, fleißiger Arbeit verging der Frühling für Käte und ihre Mitschülerinnen. Da kam ein Brief aus Schönfelde, der sie völlig aus dem Gleichgewicht brachte. Hanni schrieb:
»Käte, Käte, setze Dich fest hin, damit du nicht umfällst! Wer hätte geahnt, daß meine kühnsten Träume, die Welt zu sehen, so in Erfüllung gehen würden. Mir fehlen die Worte, Dir alles zu schildern, aber hoffentlich kann es bald, in vier Wochen, mündlich geschehen.
Also höre: Der Doktor sagte, Mutti solle noch einmal etwas Ernstliches für ihre Gesundheit tun. Am besten schiene ihm jetzt Hochgebirgsluft. Aber Ruhe und häusliche Bequemlichkeit müßte sie dabei haben. ›Das ist schwer zu vereinen,‹ meinte Vater. Aber Tante Ida wußte Rat. ›Erinnert ihr euch nicht, wie sehr die liebe Arnim immer von dem Hospiz da unten in Bayern schwärmte? Das denke ich mir für Else so recht passend.‹
Vater war sehr bei der Sache, denn die Eltern sind auf ihrer Hochzeitsreise in Partenkirchen gewesen und wurden ganz warm bei der Erinnerung. In der Nähe, aber höher, liegt Tante Idas Hospiz.
Es wurde hin und her beraten, und Mutter versicherte: ›Auf dieses Alleinsein vom vorigen Jahre lasse ich mich aber nicht wieder ein. Laßt Hanni doch mitkommen.‹ Mir stand das Herz still! In die Alpen, Käte!
Vater sagte lachend: ›Mich willst du wohl nicht? Na, dann hilft’s nicht. Ich wäre sonst gar nicht abgeneigt gewesen, den Rucksack wieder einmal aufzuschnallen wie vor zwanzig Jahren.‹
Mutti war ganz rot vor Freude und Überraschung, als Vater erklärte, er hoffe, den alten Inspektor Harder zur Aushilfe zu bekommen, und dann könne er ruhig mitreisen. Es gab einen Jubel sondergleichen. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Den Eltern kam es in den Sinn, ich möchte mich etwas verlassen fühlen, wenn sie dann immer miteinander wären. Und nun kommt der Knalleffekt:
Sie bitten Deine Mutter, Dich als zweite Tochter mitnehmen zu dürfen. Da es uns auf den Tag nicht ankommt, können wir die Abreise nach Deinen Ferien einrichten. Aus Bayern ist inzwischen Nachricht gekommen, daß alles sich verhält, wie die Eltern wünschen, und daß Zimmer für uns zu haben sind.
Und Deine Mutter mit den drei Jungen erbittet Tante Ida sich als Trösteinsamkeit.
O Käte, kneife Deine Daumen, daß nichts dazwischen kommt. Ich sehe uns beide bereits jodelnd mit Alpstöcken den Gemsen nachklettern.
Vater ist ganz ausgelassen, wenn wir unsere Pläne machen. Er läßt Dir folgendes sagen:
›Keine unnütze Bagage! Ganz feste Stiefel! Zeug, das jedes Wetter verträgt!‹ Und nun antworte schnell, damit keine Wolke der Ungewißheit länger unseren Himmel trübt! Auf Wiedersehen in den Bergen! Deine glückselige Hanni.
Nachschrift: Damit übrigens Deine Mutter orientiert ist, wohin wir Dich eigentlich entführen wollen, so erzähle ihr folgendes: Unser geliebter, verehrter Hofprediger war einmal in Oberbayern an der Tiroler Grenze und sah aus der Höhe ein über alle Beschreibung malerisch und lieblich auf grüner, grüner Wiese gelegenes Bauernhäuschen. ›O, wer da wohnen könnte!‹
Der Wirt: ›Ja, Herr, das können Sie heute noch. Der Hof ist auf der Gant. Der Bauer hat abgewirtschaftet!‹
Wie ein Wink vom Himmel kam’s dem Manne vor, der oft so abgetrieben war vom Lärm der Großstadt und der Parteien. Hier müsse sich’s ausruhen lassen! Selbigen Tags stieg er hinunter, erwarb den Hof und verlebte beglückende Sommer in der Bergeseinsamkeit.
Aber viele Verwandte und Freunde kamen, um sich mitzufreuen, und fanden wohl eine Streu in dem sehr engen Häuschen schön – aber noch schöner eine Möglichkeit, in behaglichen Räumen wochenlang mit den verehrten Freunden Erholung und Stille zu genießen. So entstand nach und nach im Zusammenhang mit der Stadtmission das Hospiz, in dem man aufs schönste versorgt wird. Dorthin soll die Reise gehen.«
Mit wendender Post kam Kätes Antwort, die ebenso begeistert klang wie Hannis Brief, und mit vielen frohen Vorbereitungen vergingen die kurzen Wochen bis zur Abreise.
Bei strahlendem Sonnenschein fuhr am 11. Juli der Berliner Abendzug in den Münchener Bahnhof ein. München! Wie erwartungsvoll klopfen junge Herzen schon beim Klange dieses Namens! Bilder, Skulpturen, rauschende Brunnen, mondbeschienene Isar, Edelweiß, Nagelschuhe, Würstchen und Münchener Bier – von ferne winkende und lockende Berghäupter – das alles tanzt vor den geblendeten Augen durcheinander.
Vom ungewohnt langen Stillsitzen etwas steif geworden, reckten und streckten zwei uns wohlbekannte junge Gestalten ihre Glieder und sahen sich glückselig und neugierig unter dem bunten Menschengewimmel um. Wie anders sah schon hier die Welt aus als in Berlin. Lustig und anheimelnd klang ihren Ohren der bayrische Dialekt. »Es klingt so herzlich,« meinte Käte, indem sie Hanni auf zwei junge Leute aufmerksam machte, die einander behilflich waren, ihre Rucksäcke aufzuladen, die Lodenmäntel zu rollen und sich dann, mit langen Stöcken bewaffnet, auf den Weg begaben. Sie schienen heute noch einen tüchtigen Marsch machen zu wollen, und mit ihren festen Wadenstrümpfen und kecken grünen Hüten sahen beide aus, als wenn sie jedem Wetter und Ungemach trotzen könnten.
»Am liebsten möchte man doch auch weiterfahren, bis der Schnee da ist,« meinte Hanni. Aber ihr Vater bestand darauf, vorher das geliebte München mit all seinen herrlichen Schätzen wiederzusehen, und als die jungen Mädchen in der Glyptothek waren und die in Nachbildungen wohlbekannten Gestalten nun im lebenverleihenden Marmor erblickten, da konnten sie sich nur mit Mühe losreißen, und der Vater behauptete scherzend, die Anstrengung, seine Lieben von einer Herrlichkeit nach der anderen loszureißen, überstiege beinahe seine Kräfte!
Trotzdem gelang es, in den dazu festgesetzten drei Tagen das Allerwichtigste soweit kennen zu lernen, daß der Wunsch erweckt war, bei jeder nur möglichen Gelegenheit wiederzukommen. Für diesmal ließ die Sehnsucht nach den Bergen sich nicht länger zurückdrängen, und am Freitagnachmittag bestieg man den Zug nach Partenkirchen und langte gegen Abend in dem über die Maßen anmutigen, anheimelnden Städtchen an. Auf der grünen Wiese hingestreut, liegen in malerischem Durcheinander die kleinen bunten Häuser, das weiße Kirchlein mit dem spitzen, grauen Schindelturm, – an den waldigen Berg gelehnt, die Antonikapelle. Die jungen Mädchen waren so völlig im Anschauen verloren, daß sie gar nicht acht gaben, was aus ihrem Gepäck geworden. Zu ihrem höchsten Ergötzen fanden sie es auf den Rücken von drei geduldigen Eseln künstlich aufgetürmt und noch künstlicher festgebunden. Der lange Klaus, der die Esel führte, bedeckte zuletzt alles mit einem wasserdichten Leinen und fragte: »Isch nu olles, die Herrschaften?«, worauf der Major noch einmal zählte: »Sechs Stück; aber auch gerade genug für Ihre Grauen!«
»Nun bitte, meine Lieben,« forderte er seine Damen auf, ein leichtes Wägelchen zu besteigen, »eine halbe Stunde geht’s noch per Wagen, wie dieser brave Rosselenker meldet. Die letzten 1½ Stunden sind wir auf Schusters Rappen angewiesen. Wird das nicht zuviel werden?«
Aber in dieser herrlichen Luft zu ermüden, wies man als eine Unmöglichkeit zurück, und selbst die Warnung: »Nur für Schwindelfreie!« am Eingang der tosenden Partnachklamm schreckte nicht zurück. Als man dann die brausenden, donnernden Wasser und die furchtbar drohenden Abgründe hinter sich sah, atmete doch jeder erleichtert auf. Gleich im Anfang hatte die Gebirgswelt ein Stück von ihrem großartigen und grausigen Ernst gezeigt.
Rüstig wurde nun weitergeschritten. Immer mächtiger und erhabener wurden die Bilder. Das wunderbar klare, weißgrüne Wasser der Partnach sprang und rauschte neben dem Fußpfad über Felsen und Geröll. Wenn nicht die Herrlichkeit dessen, was die Augen erblickten, die Lippen hätte verstummen lassen, so hätte es das nie endende Rauschen der Wasser getan.
»Hat man je solche Tannen gesehen!« rief Käte ganz überwältigt. »Das sind ja wahre Riesen; und solch Grün, wie diese Wiese, habe ich mir noch nie träumen lassen! O Hanni, Hanni, mir ist, als müßte mir das Herz zerspringen! Ich kann es nicht fassen, daß dies alles Wirklichkeit ist!«