Part 2
Frau Gerloff tat ihrem Liebling von Herzen gern den Gefallen, und auch ihr selbst war es lieb, noch einen Abend mit der Cousine ihres Mannes zusammen zu sein, von der sie sich so ungern trennte. Sie wußte, wie schmerzlich die einsam lebende junge Witwe die Verwandten entbehren würde, bei denen sie stets Trost und Anhalt gesucht in den dunkelsten Stunden. – Als vor Jahren die zarte, fünfundzwanzigjährige Frau in tiefstem Gram ganz versank – rings umher war Siegesfreude nach Sedan, aber sie beweinte den, der ihres früh verwaisten Lebens Licht, der Vater ihrer so kleinen Kinder gewesen –, da war Frau Gerloffs stets gleiche, teilnehmende Liebe das einzige gewesen, was ihr noch Halt gab. Erst ganz, ganz allmählich hatte sie eingesehen, daß es ihre Pflicht sei, weiterzuleben für ihre Kinder; – und noch viel allmählicher war ihr eine Ahnung aufgegangen von der Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Aber zaghaft und schüchtern war ihr Sinn immer geblieben.
Ihre Käte war anderer Art. Sie hatte die krausen Haare und den geraden Sinn ihres Vaters geerbt. Fest sah sie ins Leben. Wenn ihr jemand in den Weg trat, ballte sie die kleinen Fäuste und wich nicht zur Seite. Wo ihre zarte Mutter zögerte und schwankte, griff sie ohne weiteres zu; und das Verhältnis hätte leicht verkehrt werden können, wenn sie nicht ihr Mütterchen so glühend geliebt hätte – fast mit einem ritterlichen Gefühl – gerade wie ihr Vater!
Leidige Zusammenstöße hatte sie oft mit ihrem Bruder Ernst, der die sensible Natur der Mutter geerbt hatte und leicht gereizt und verstört war. Empören konnte sie sich über sein ängstliches Zögern bei der kleinsten Schwierigkeit. O, man konnte ja aus der Haut fahren bei so viel Umständen und Nöten! Und dies Gefrage: »Was soll ich nun tun?« »Wie soll ich dies anfangen?« – »Mensch, hilf dir selber!« herrschte sie ihn oft rauh an. Und wenn sein wehklagendes: »Es geht nicht!« erscholl, so fuhr sie ihm heftig an den Kragen und schüttelte ihn derb.
Dabei kam ihr niemals in den Sinn, wie schwer der kleine Pessimist an sich selber zu tragen hatte, und welche Hilfe ein ermunterndes Wort, eine bereitwillige Hand ihm gewesen wären. – Da waren die Zwillinge doch andere Kerlchen; mit denen mochte sie spielen! Selig rannten sie der großen Schwester entgegen, so oft sie ihren Schritt auf der Treppe hörten, und es gab ein Jauchzen und Lärmen, daß Ernst sich jammernd beklagte: »Dabei kann kein Mensch Rechenarbeit machen!«
Ein Sonnenstrahl fiel jedesmal in sein oft beschattetes Leben, wenn Hanni Gerloff zum Besuch kam. Die neckte ihn nie und hatte immer ein Auge für seine Angelegenheiten.
An dem bewußten Sonntagabend spielte sich gerade wieder ein kleiner Streit zwischen Bruder und Schwester ab. Die Kinder standen auf dem Flur, als die Gäste eintraten, und Hanni sah auf den ersten Blick Ernsts nur notdürftig getrocknete Tränen. »Käte ist zu greulich!« platzte er recht unritterlich heraus; »sie will nicht, daß ich Mutti bitte, aufbleiben zu dürfen. Kleine Kinder gehörten ins Bett! – Und was ich überhaupt wollte – ich störte euch beide nur!« – Neues Schluchzen.
»Nein, Erni, greulich ist Käte gewiß nicht, ich würde mich sonst doch hüten, sie zu besuchen! Aber ich glaube, sie ist ein klein bißchen dumm, daß sie meint, du würdest uns stören – das fällt dir doch nicht ein? Und dann erst, wenn du erfährst, was in meiner Tasche steckt! – Nein, nein, halt! Nach dem Tee! Jetzt wollen wir erst deine Mutter tüchtig bitten, daß du aufbleiben darfst!«
Dazu gehörte nicht viel Überredung. Die kleine Frau sagte sehr viel lieber »ja« als »nein« zu den Wünschen ihrer Kinder – und bald saß alles behaglich beim Tee. Die beiden Mütter hatten sehr viel zu besprechen, Großes und Kleines, und die jungen Mädchen zogen sich bald in den traulichen Winkel zurück, der Kätes Besitztümer barg. Von Ernst sah und hörte man nichts. Er war ganz versunken in die Herrlichkeiten eines Briefmarkenalbums, das Hanni ihm vererbt hatte. Viel zu früh für alle verging der gemütliche Abend, und als beim Abschied die Herzen gar zu schwer werden wollten, sagte Frau Gerloff: »Käte, hole doch eben den Kalender. Wo sind wir jetzt? Sieh, hier: 5. Juni! – Noch eins, zwei, drei, vier Wochen! – Beginnen nicht da eure Ferien? Gut! Nun gehen wir nicht eher weg, als bis Mutti uns fest verspricht, am 10. Juli, wenn ihr aus der Schule kommt, schon alle Koffer gepackt zu haben und Max und Moritz gestiefelt und gespornt. Und dann geht’s zum Bahnhof – und abends seid ihr in Schönfelde – soll es so sein?«
Frau von Platen wollte Einwendungen machen, es sei zu bald, und mit den vier Trabanten auch zu viel Unruhe. Im Grunde konnte sie das Glück kaum fassen, aufs Land zu sollen, für Wochen aus allem Kleinkram und Druck des täglichen Lebens heraus – mit ihren Kindern von Morgen bis Abend in Gottes schöner Natur, was hier doch höchstens ein paarmal im Jahre und auch dann nur unter großen Schwierigkeiten möglich war! Es schien fast zu schön, um wahr zu sein. Aber nun geriet auch Hanni in Feuer:
»Liebe, liebe Tante, du mußt es fest versprechen! Es wird zu schön, hörst du? Max und Moritz bekommen einen Sandhaufen, so groß wie –«
»Wie ein Omnibus!« half Ernst aus.
»Ja, und du, Ernst, darfst den ganzen Tag reiten und fahren!«
»O ja, o ja!«
Gegen all diese Argumente war es unmöglich, länger standzuhalten, und noch zur selben Stunde wurde der Plan für die »himmlische« Ferienreise ganz festgesetzt.
»Mutti,« rief es am späten Abend aus Kätes Kammer, »bitte, setz dich noch eine Minute auf mein Bett! Sag mal, wie ist das eigentlich mit Hanni? Man merkt doch im Grunde, wenn sie da ist, gar nicht so arg viel von ihr, nicht?«
»Nein, hören tut man meistens nur dich!«
»Mutti, wirklich? Ich will auch anders werden! – Aber, weißt du, es liegt so etwas in der Luft bei Hanni! Wo sie ist, da ist es immer nett; keiner mag eklig sein, wenn sie ihn so fragend ansieht. Und wenn sie weggeht, fühlt man etwas, als wenn der Sonnenschein schwindet!«
Als die todmüde junge Frau sich endlich auch zur Ruhe legen wollte, schreckte erregtes Rufen aus Ernsts Bett sie auf: »Er will nicht stehen! – Halt, halt! – O weh, der Pony rennt mir weg!« Der Schweiß perlte auf seiner Stirn. Mit weicher Hand strich sie die blonden Haare zurück und knöpfte das Hemdchen über dem heftig klopfenden Herzen zu. »Muß denn alles, auch die Freude, nur dazu dienen, unsere Unruhe zu mehren?«
Als sie an dem breiten Gitterbettchen der Zwillinge vorbeikam, zog ein heller Schein über ihr müdes Gesicht. Wie zwei rote Äpfel lagen die süßen Köpfchen einander zugekehrt auf den runden, rosigen Ärmchen. Die beiden schliefen in seligem Vergessen all dem noch unbekannten Glück entgegen.
* * * * *
»Na, Lisbeth, ist die Petersilie verhagelt?« fragte am nächsten Morgen der Major gutmütig, als das Stubenmädchen mit rotverweinten Augen den Tee brachte. – Verstört stürzte sie aus dem Zimmer, um neue Tränen zu verbergen.
»Ja, was hat denn die für Jammer?« wandte er sich nun an Hanni.
»Lisbeth sagt, sie könne auf keinen Fall mit aufs Land gehen, sie hätte die ganze Nacht vor Angst kein Auge zugetan.«
»Was soll denn das bedeuten? Warum sagt sie das nicht gleich? Es hat sie doch niemand gezwungen? Nun solche Quackelei im letzten Augenblick! So recht Weiberart!«
»Nein, Vati, hieran hat allein Franz schuld. Er ist auch vom Lande und hat ihr nun alles gesagt, wie es dort wäre: Ihre hübschen Lackschuhe sollte sie ruhig hier lassen; sie müßte barfuß die Gänse hüten; auf dem Bilde im ›Daheim‹ könne sie es ja sehen!«
»Sie, Gänse hüten? Ha, ha, ha! Sie ist ja selber ’ne Gans!« –
»Und jeden Morgen um vier würde geweckt. Dann müßte Lisbeth in den Stall, die Kühe zu melken – zwölf nacheinander! Einige schlügen so mit dem Schwanz, daß von ihrer Haarfrisur überhaupt nichts nachbliebe – aber sie dürfe nicht mucksen, denn wer etwas von der Milch verschütte, dem ginge es übel. Um sechs gebe es Frühstück! – Aber Kaffee oder gar ihren geliebten Kakao kenne man dort nicht. Mehlsuppe mit faustdicken Klütern – dabei rieb er sich ordentlich den Magen vor Wonne – und dazu Schwarzbrot. Davon hätte er die weißen Zähne und brauchte nicht sein Geld zum Zahnarzt tragen wie die zimperlichen Stadtpuppen! – Dann, sagte er, ginge es ins Heu. Lisbeth müsse mit solcher großen Gabel oben auf einem Fuder stehen, und wehe, wenn sie das Heu schief hinpackte. Im Galopp würde heimgefahren, und wenn sie nicht ordentlich aufgepackt hätte, flöge sie mitsamt ihrer Gabel herunter und spießte sich auf oder würde von den Pferden zertreten! – Und wenn sie ihre rote Schürze mitnähme, die sie so schön findet, dann ginge es ihr ganz elend: Auf dem Hof käme der Puterhahn und kratzte ihr die Augen aus, und wenn sie sich in den Stall flüchten wolle, so nähme der Stier sie auf die Hörner, und dann sei es mit ihr aus!«
Der Major hielt sich die Seiten vor Lachen. »Aber das ist ja ein ganz infamer Esel, ihr so was vorzulügen. Dem werde ich den Kopf waschen, daß ihm das Flunkern vergeht!«
»Weißt du, Schatz,« meinte Frau Gerloff, »ich finde, wir mischen uns gar nicht in diese Dummheiten. – Hanni, soviel Erinnerung hast du doch noch an Schönfelde, daß du ihr erzählen kannst, wie es dort zugeht. Und dann sag ihr, von Franz wäre es der reine Neid, daß er nicht mitkönne, sondern noch zwei Jahre im bunten Rock stecken müsse! – Was würde ihre gute Mutter sagen, wenn aus dem schönen Plan nichts würde, dem blassen Stadtkind endlich rote Backen anzupflegen. Geh und setze ihr den Kopf zurecht, und dann nehmt alle Gedanken zusammen, daß wir nichts Nötiges versäumen!«
So zerstreuten sich auch diese Wolken, und mit steigender Erwartung sah alles dem Tage der Übersiedlung entgegen.
3. Kapitel.
Auf dem Lande.
Kennt ihr das Leben auf einem schönen, alten, mecklenburgischen Rittergut? –
Wenn ihr von Reisen lest oder von interessanten Begebenheiten, so sitzt ihr wohl manchesmal nur halb auf dem Stuhl und schlagt hastig eine Seite nach der anderen um. – Jetzt müßt ihr euch einen behaglichen, stillen Winkel suchen, wo euch niemand stört – oder noch lieber eure Hängematte unterm Nußbaum festbinden, wenn ihr so glücklich seid, einen zu besitzen. Die Sonne flimmert durch die dicken, grünen Blätter, und wenn ihr die Augen schließt, glaubt ihr das Gurren der Tauben auf dem Dache zu hören – das ganz ferne Läuten der schwarzbunten Herde – das Scharren und Gackern der Hühner, die ihr Futter suchen.
Auf dem Giebel des Herrenhauses holt die alte Uhr zu lautem Schlage aus – viermal – aber einen Menschen seht ihr noch nicht! Die Leute sind alle beim Heu. Ihr tretet in die nur angelehnte Haustür; eine Klingel gibt es dort nicht, denn zu Fuß kommen selten Gäste und einen Wagen, der vorfährt, wird das Hausmädchen schon bemerken. – Auch die große, hohe Diele ist leer und still. Ernst sehen die Hirsch- und Renntierköpfe von den Wänden mit ihren mächtigen Geweihen. Ein paar prachtvolle Fischreiher und Falken sehen aus, als wollten sie zu euch herunterfliegen mit ihren ausgebreiteten Schwingen. Aber zum Glück sind sie nur ausgestopft! – Durch mehrere große, stille Zimmer führt euch der Weg. Überall nicken Rankrosen und wilder Wein in die Fenster. Auf einmal fahrt ihr erschrocken zurück: dort kommen euch eure eigenen Doppelgänger in ganzer Länge entgegen! – Aber es war nur die Spiegeltür gegenüber, die euch neckte und in der ihr nun auch den wundervollen, alten Ofen mit dem kleinen Säulentempel oben drauf und die weißen und goldenen Wände des Eßsaals erblickt. Schnell brecht ihr den Bann und durcheilt die Tür – aber dieselbe Stille auf den langen, winkeligen Korridoren und der breiten Eichentreppe, die frei nach oben führt zu dem weiten Vorsaal, auf dem oft bei festlichen Anlässen mehr als 60 Personen tafelten. Aber nur im Sommer. Im Winter war er grausam kalt mit seinen vielen hohen Fenstern.
Ja, ja, so war es einmal! Manches wohl unbequem und weitläufig – und deshalb muß ich euch auch mit schwerem Herzen anvertrauen, daß die jetzigen Besitzer das Haus nicht mehr zeitgemäß fanden, womit sie wohl recht haben mögen. – Die alte Uhr ist abgelaufen, der schwere Messingklopfer an der Haustür verstummt. Ein neues, schönes Schloß reckt seine Giebel höher als früher das alte Haus. Zentralheizung und elektrisches Licht sind sicher bequemer als die vielen Öfen und die Petroleumlampen oder gar die Talglichter, mit denen wir noch in früher Jugend zu Bett gehen mußten und die nicht schön rochen, wenn man ihnen den Lebensfaden buchstäblich abschnitt. –
Ob aber das neue Geschlecht bei allem Komfort glücklicher ist, als die alten waren, weiß ich nicht. Gäste traulicher aufnehmen und vor Unbill gastlicher schützen – im Sommer wie im Winter – alle Jahre hindurch – kann auch das neue, stattlichere Dach unmöglich! Viele Herzen schlagen warm und dankbar, wenn sie an das alte, liebe Haus denken, und die schönsten Stunden, die sie verlebt, werden in ihrer Erinnerung wach.
Gerloffs hatten seit Jahren wenig in der alten Heimat gelebt.
Es war ein zu furchtbarer Sommer gewesen, als die Diphtheritis im ganzen Kirchspiel wütete. Keine von den Tagelöhnerfamilien war verschont geblieben; – aus dem einen Hause hatten sie alle Kinder fortgetragen auf den Gottesacker. Hart und stumpf waren manche von den rauhen, stillen Leuten geworden. Der Doktor riet dem damaligen Rittmeister zu eiliger Flucht nach Berlin. Aber davon wollte der gar nichts wissen: »Die miteinander arbeiten, teilen auch die Gefahren miteinander! Das ist so bei Gewitter und Feuer; das war so im Feldzuge, wie sollte es jetzt anders sein, wo es gilt, für das Leben der Liebsten zu kämpfen!«
Er wie seine Frau, die ebenso tapfer von Geist war wie zart von Körper, suchten mit Hilfe des Arztes alles zu tun, was sich zur Pflege der Kranken und zum Schutz der noch Gesunden erdenken ließ.
In solchen Zeiten braucht der »kleine Mann« einen Halt und Führer, er verliert sonst den Kopf. So fest und ausdauernd die Leute bei ihrer harten Arbeit sind, so verzagt und unberaten, ja töricht sind sie oft bei Gefahr und Not. Da war seine leitende Hand ganz unentbehrlich.
Die Kinder im Herrenhause wurden streng abgeschlossen, und sie hatten trübe Tage, wo sie die sonst so frohen Eltern wenig sahen.
Aber als dann doch der Tod an das bisher so ganz glückliche, immer sonnige Herrenhaus anklopfte – als der herzige kleine Hans, der noch nie krank gewesen, sich Tage und Nächte in den schrecklichsten Qualen wand – da konnte der junge Vater nicht glauben, daß dies Wahrheit sei.
Wenn noch vor zwei Wochen der stramme, kleine Pony mit dem fünfjährigen Bürschchen neben dem schönen Pferde des Vaters hertrabte, dann hatte jeder Arbeiter auf dem Felde, an dem sie vorbeikamen, einen Augenblick die Hände ruhen lassen und dem Paar nachgesehen. Über die teilnahmlosesten Augen war ein heller Schein gehuscht, wenn sie bemerkten, wie der Kleine – das Ebenbild des stattlichen Vaters – Zügel und Peitsche genau so faßte wie der, und dabei so treu und ehrenfest aus den blitzblauen Augen sah.
Das konnte doch nicht alles vorbei sein, zerstört werden? Unmöglich!
Der Rittmeister hielt es nicht mehr aus in den dumpfen Zimmern – der Sommer war auch zu heiß! Ziellos schritt er über den Hof. Da kam ihm ein junger Tagelöhner mit verstörtem Gesicht entgegen. Schon als Jungen hatte er ihn gut leiden können; der zwei Jahre ältere hatte ihm geschickt geholfen, Borkenschiffe und Weidenflöten zu schnitzen. – Diesen Augenblick sah er aus wie ein alter Mann.
»Wat is, Hinrich?«
»Herr, mit Paul iss’t uk vörbi! – min Letzt,« fuhr es ihm mit rauher Stimme heraus.
»Ne, Hinrich, – is’t möglich? – Gott bewohr dien arme Fru!«
»Gott?« – lachte der arme Mensch heiser auf, »wenn dei noch lewt – üm uns kümmert hei sik nich mihr!«
»Still, Hinrich, du weißt nich, wat du sprickst!«
Rasch ging jeder seines Weges. – Viel Worte zu machen, liegt dem richtigen Mecklenburger nicht, zumal wenn ihm das Wasser bis an die Kehle geht.
Aber der Rittmeister reckte sich auf, als er merkte, daß er ebenso gebeugt hinging wie sein Vorknecht. Nein, das durfte nicht sein! Gott würde ja helfen.
Als dann der kleine, schwarze Sarg aus dem Herrenhaus herausgetragen wurde, war es, als seien all die großen, hellen Räume eiskalt und dunkel – mitten im Sommer. Alle Leute sahen völlig verstört aus, und der Hausherr fühlte sich wie betäubt. Er wußte später nicht, wie diese Tage herumgegangen. Das erste, was ihm in Erinnerung wieder deutlich vor Augen stand, war, wie er neben Hinrich Kurt, dessen Haare grau geworden, hinter einem Sarge herging. Die vergrämte junge Tagelöhnerfrau war ihren vier Lieblingen gefolgt.
Es war nie Sitte gewesen, daß der Herr sich einem Leichenzuge in seinem Dorfe anschloß. Er hatte es sich auch gar nicht weiter überlegt, – es schien ihm so natürlich. Ihm selber war noch sein geliebtes Weib geblieben – und doch auch seine süße, kleine Hanni, die eben so arglos allein im Sande spielte. – Dieser arme Mensch hatte alles verloren.
Auf dem Wege hatten beide kein Wort gesprochen. Als sie aus dem Kirchhofstor traten, sagte der Rittmeister: »Hinrich, dei Gang wir surer, als dei Dag vör Gravelotte, as uns de Kugeln üm den Kopp susten!«
»Ja, Herr!«
»Öwer Gott hätt uns donmals hulpen, hei lewt nu ok noch!«
»Ja, wenn de Herr dat hüt seggt, wo lütt Hans begraben is, möt ik’t woll glöben – letzt künn ik’t nich!«
Am anderen Tage trat der Vorknecht an seinen Herrn heran, was sonst ungerufen nicht geschah. »Herr, ik meint so« –
»Wat meinst du, Hinrich?«
»Ja, Herr, dei Roggower Inspekter sähr mal, son’n lütten frommen Pony müggt hei woll vör de oll gnädig Fru ehren Parkwagen hebben. – Ik mein, ob ik em nu nich röwer bringen süll, dat man uns’ Madam em nich mihr vör Ogen kreg! – Hei kriegt dat dor gaud – und denn is’t doch beder, dei oll Dam’ hätt em, as wenn anner lütt Jungs –«
Der Rittmeister wendete sich rasch ab, und der gutmütige Knecht fürchtete, etwas Verkehrtes gesagt zu haben. Aber gleich darauf kehrte der Herr um und drückte dem Getreuen hastig die schwielige Hand, was er noch nie getan.
»Bring min Pird, Hinrich, – ik will na dei Roggenmieten seihn – und wenn’t düster watt, kannst du den Pony röwer bringen.«
Am selben Abend ließ die bleiche, junge Frau den vereinsamten Vorknecht auf die Diele rufen: »Hinrich Kurt, der Herr hat davon gesprochen, daß der alte Kutscher Wilhelm gern aufs Altenteil will, und daß dann wohl Sie Kutscher würden.«
Hörte er recht? Dies war das Ziel seiner Wünsche gewesen – jetzt war ihm alles gleich. – Aber die schöne, junge Frau sah ihn so teilnehmend an, daß ihm warm ums Herz wurde.
»Dann wäre es wohl besser, Sie wären immer dicht bei der Hand. Deshalb habe ich Mamsell Bescheid gesagt, daß sie die Stube neben dem Gärtner für Sie herrichte. – Es ist auch besser, wenn Sie nicht immer allein sind,« fügte sie leiser hinzu. »Überlegen Sie sich’s mal.«
»Ne, dor is nix tau öwerleggen,« meinte Hinrich, der die ganze Zeit über seine Mütze zu einem Knäuel gedrückt hatte. »Wenn Madam dat so inseih’n, denn is’t gaut – dat sähr Rieke ok ümmer.«
So vergaßen Herr und Knecht auf Stunden das eigene Leid über dem Schmerz des anderen. Und dann waren Jahre gegangen und gekommen mit Sommer und Winter, Frost und Hitze – und in vieler, ernster Arbeit hatten die Herzen wieder Ruhe gefunden.
Aber eins war anders als früher. Alle Leute hatten früher »den jungen Herrn Rittmeister« gern gehabt und geachtet. Jetzt sahen sie zu ihm auf. Sie hatten in der Not den Kopf verloren – er nicht. Sie waren in Gefahr gewesen, Gott zu verlieren. Er hatte ebenso gelitten wie sie und hatte seinen Blick fest auf Gott gerichtet behalten – das hatten sie gefühlt. Sie haben ein feineres Gefühl, als die Städter meinen.
Und noch eins war anders geworden: Seit alters hatten die Gerloffs ein Herz für ihre Leute gehabt. Das war ihnen ganz selbstverständlich. Auch die getreuen Haustiere versorgt man gut und gibt ihnen, was sie brauchen. Wer täte das nicht!
Aber mit ihnen denken und sprechen kann man nicht.
In jenem Sommer hatten Herr und Knecht in dunklen Stunden gefühlt, daß sie dieselben Schmerzen litten. Sie hatten miteinander gesprochen als Mann zum Mann – Vater zum Vater. Da waren die Schranken gefallen und nicht wieder aufgerichtet. Nie war hierüber gesprochen, man fühlte aber, es gab Punkte, wo alle hergebrachten und ererbten Formen nichts bedeuten. Es war ein tieferer Ton in das gegenseitige Verhältnis gekommen. Der Gehorsam war größer und freier geworden, – mehr aus innerem Bedürfnis als aus Zwang. Das Befehlen mehr ein Anordnen, bei dem man stets auch die Achtung vor der Persönlichkeit des anderen durchfühlte.
Und so hatte sich zu einer Zeit, wo ringsumher bitter geklagt wurde über schlimme »Leuteverhältnisse«, in Schönfelde ein Vertrauen zwischen Arbeitern und Herrschaft gebildet, was manche der Nachbarn gar nicht begreifen konnten. Und wenn der Rittmeister und seine Frau das warm und beglückend empfanden, so wurde ihnen klar, daß der Herr oft, indem er herbes Leid auferlegt, zugleich auch tief verborgenes Glück schenkt.
4. Kapitel.
Der Einzug.
An dem wichtigen Tage, der die jungen Herrschaften in die alte Heimat führen sollte, herrschte vom frühesten Morgengrauen an rege Tätigkeit in Schönfelde. Einfahrt und Haustüren wurden mit Girlanden geschmückt, der ganze Hof aufs sauberste geharkt, und im Hause war ein geschäftiges Rennen und Laufen. Von Tante Ida bis zur Mamsell, und von der bis zum kleinen Küchenmädchen wollte jeder sein Reich so blitzblank abliefern wie nur möglich. Der Gärtner hatte die schönsten Blumen für alle Vasen gebracht, und Tante Ida hatte das beste Porzellan und Silberzeug aus den eichenen Schränken geholt und das feinste Damastgedeck aus der übergroßen Leinentruhe. Wieder und wieder hörte man ihr Wahrzeichen, den elfenbeinbeschlagenen Handstock, mit dem sie das rechte Bein unterstützte, hin und her eilen. Wie klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken, ob der heißgeliebte Bruder mit allem zufrieden sein würde, ob die zarte Schwägerin, die so viel jünger und verwöhnter war als sie selber, sich nun dauernd heimisch einleben möchte in der alten Heimat, die sie selber mehr liebte als alles in der Welt! Von Herzen freute sie sich, für ihren allmählich etwas müde gewordenen Körper mehr Ruhe zu bekommen, die große Verantwortung loszuwerden.
Aber wie würde es ihr nun eigentlich vorkommen, wenn nicht mehr an sie jede der ungezählten Anfragen sich richtete, wenn das große Schlüsselbund in anderen Händen klirrte – wenn die Leute aus dem Dorfe nicht mehr mit jeder Not zu Fräulein Ida kamen, wie sie hier seit ihrem vierzehnten Jahre – seit bald vierzig Jahren – hieß! Sie preßte die Hand auf das unruhig klopfende Herz, wie um ihm Ruhe zu gebieten. »Das findet sich alles – die Hauptsache ist, daß sie sich hier einleben!«
So hatte sie auch betreffs der häuslichen Anordnungen gedacht. Der Bruder war immer schwer für eingehende Besprechungen zu haben, und die Schwägerin war zu zartfühlend und zu vorsichtig gewesen, um von fern und schriftlich Anweisungen geben zu mögen über die künftige Einrichtung des Hauses. Beide hatten noch einmal kommen wollen, um alles zu bereden. Als aber eine leichte Erkrankung der Majorin das vereitelte, hatte der Bruder mit militärischer Kürze geschrieben:
»Die Sachen kommen Mittwoch auf dem Bahnhof an. Schickt für jeden Möbelwagen vier Pferde und ladet vorsichtig aus. Auf der Diele der roten Scheune kann alles stehen bleiben, bis wir da sind. Mündlich mehr. – Else läßt bitten, die Damastmöbel aus ihrem Zimmer zuzudecken, damit sie nicht leiden; na, Du weißt, Stadtdamen sind vorsichtig für ihre Prachtstücke. Dein Hans Günther.«
Sie hatte doch den Kopf schütteln und lachen müssen. Die prachtvoll geschnitzten Möbel ihrer Schwägerin tagelang auf der Scheunendiele stehen lassen; die braven, aber nicht gerade sauberen Hände der Knechte auf dem zarten, gelben Seidenstoff! – Nein, Bruder, bei allem Respekt vor deiner Einsicht – das geht nicht!