Hannis Heimkehr

Part 1

Chapter 13,690 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Hannis Heimkehr

Klänge aus goldenen Jugendtagen

Meinen Kindern erzählt von

Anna Schaeder geb. Sellschopp-Kiel

Mit Illustrationen von _T. Buschberg_

Hamburg Agentur des Rauhen Hauses

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.

~Copyright 1914 by Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg.~

1914

Druckerei des Rauhen Hauses

Inhalt

Seite

1. Verschiedene Meinungen 7

2. Abschied 13

3. Auf dem Lande 30

4. Der Einzug 39

5. Neue Freunde überall 49

6. Hundstage 57

7. Wer nie sein Brot mit Tränen aß 77

8. Im Wald und auf der Heide 80

9. Das Wetter muß weggetanzt werden 91

10. Dunkle Wolken 101

11. Die Schatten des Todes 106

12. Weil ich Jesu Schäflein bin 113

13. Advent und Weihnachtszeit 121

14. Bittere Enttäuschung 136

15. Konfirmation 151

16. Über den hohen Bergen 158

17. Jeder für jeden 166

18. Allerhand Bekanntschaften und Tante Luciens Nöte 171

19. Immer höher hinan 184

20. Im Regen und Sonnenschein wachsen die blauen Blümelein 195

21. Der Ludwigstag und seine Folgen 205

22. Am Kreuzweg 212

23. Stille Zeiten 217

24. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken 226

25. Wie Käte doch recht behielt 237

1. Kapitel.

Verschiedene Meinungen.

»Aufs Land, Hanni? Weit weg von uns allen – von allem, was schön ist und groß! Kein Kränzchen mehr, kein Tiergarten, kein Theater! All unser Spaß in der Literaturstunde vorbei! – Kannst die kleinen Gänse und Ferkel pflegen und bist in drei Jahren selbst ein Gänschen vom Lande! – Das finde ich greulich von deinem Papa; er sollte auch an deine Zukunft denken!«

»Ja, Vater sagte, gerade für mich freute es ihn. – Aber außerdem ist auch gar nichts daran zu ändern. Tante Ida mag schon längst nicht mehr wirtschaften und bat Vater oft, das Gut zu übernehmen. Bisher konnte er sich nicht entschließen, den Dienst zu verlassen, jetzt aber hat er allerhand Gründe, die ihm den Abschied erleichtern, und da nun der alte Inspektor in Schönfelde ernstlich erkrankt ist, so soll die Übersiedlung nächstens vor sich gehen. – Ja, euch alle zu verlassen, ist wohl schade, aber Mutti meint, dort gibt es soviel zu tun, daß es zur Langeweile gar nicht kommen wird.«

»Na, das sind so Tröstungen – denk an mich, du armes Tierchen; und wenn dir in den langen, dunklen Winterabenden die Zunge festfriert, dann flüchte dich zu uns – wir werden dich schon wieder zum Menschen machen mit unseren tausend Abwechslungen.«

Sie wurden unterbrochen durch Hannis Mutter. »Guten Tag, kleine Ilse; Mademoiselle Senn ist draußen, um dich abzuholen. Da müßt ihr euch für heute schon trennen. Aber nicht wahr, du kommst im Herbst mit deiner Mama, dich nach uns umzusehen?«

Ilse war noch keineswegs bereit. »Die langweilige Person ist immer da, wenn man sie nicht wünscht! Liebe Frau Major, sie darf doch noch ein wenig warten?«

»Nein, liebes Kind, sie ist deine Erzieherin, und du mußt kommen, wenn sie ruft. – Und dann versprich mir eins: sei zuvorkommend gegen das gute Mädchen. Du machst ihr das Leben zu schwer, und sie trägt es so still und vornehm!«

»Vornehm?« meinte Ilse sehr gedehnt; »eine Gouvernante? – Es ist überhaupt eine Plage, sie zu haben. Mit vierzehn Jahren kann man doch unmöglich so einer noch gehorchen!«

»Liebes Kind, sie kann doch nicht dafür, daß sie deine Erzieherin ist, sondern deine Mutter hat sie dazu gemacht. Deren Wille ist es doch, gegen den du dich auflehnst mit deinem schroffen Wesen! Und das junge Mädchen scheint mir so vertrauenswürdig und lieb. Als sie mich neulich nach Hause begleitete, erzählte sie mir auf meine Frage von ihrer Heimat. Es kam kein Wort der Klage über ihre Lippen; aber daran, wie die Gestalt sich aufrichtete und das Gesicht strahlte, als sie von ihren Lieben sprach, merkte ich, unter welchem Druck sie sich in der Fremde fühlt, und wie nur der Gedanke an ihre Mutter und die kleinen Geschwister, denen sie ein wenig helfen möchte, sie hoch hält. Denk doch, wie würde es dir sein, mitten aus allem, was dir lieb ist, herausgerissen zu werden und allein und unbekannt dein Brot verdienen zu müssen!«

»Mir? Aber das ist doch ausgeschlossen!«

»Woher? Sie hat es vor einem Jahre auch nicht gedacht, als ihr Vater mitten in seinem großen Wirkungskreise stand und alle möglichen Gäste in dem angeregten Hause kamen und gingen. Dann ist er ganz plötzlich gestorben. Die Mittel, die der Witwe bleiben, braucht sie nötig zur Ausbildung der fünf Brüder. Da mußte das junge Mädchen den ersten Weg einschlagen, der sich ihr bot. Aber sie hat es sich nicht so schwer gedacht, wie sie es jetzt findet, ohne den Rückhalt des Elternhauses zu sein! Man sollte doch mehr daran denken, denen, die in der Fremde leben, eine Heimat zu bereiten!«

Ilse sah sehr erschrocken aus. Ihr war nie der Gedanke gekommen, daß eine Mademoiselle auch Eltern, Heimweh, ein Herz habe. Sie hatte sie nur als eine Last empfunden, der sie sich möglichst viel durch stachliches Wesen zu entziehen strebte. Mama hatte auch nichts weiter mit ihr besprochen, als »was ihre Obliegenheiten wären«. – Bei Gerloffs sah man alles so ganz anders an. Und gerade die sollten nun fort. –

Eiligst raffte sie Handschuhe und Sonnenschirm zusammen und wollte Mademoiselle aus dem Vorzimmer befreien. Aber diese war längst durch Hanni in Anspruch genommen, die in ihrer natürlichen Herzlichkeit es als unpassend empfunden hatte, das junge Mädchen draußen warten zu lassen. Sie hatte die Französin in ihr Stübchen geführt und zeigte ihr Bilder von dem großelterlichen Gut, das nun bald ihre Heimat werden sollte.

Als Ilse mit ihrer Gouvernante eben den Vorsaal verlassen hatte, wurde so heftig an der Klingel gerissen, daß Mutter und Tochter erschrocken auffuhren, und schon im nächsten Moment meldete der Bursche: »Das kleine Fräulein von Platen.«

Aber schon hatte sich an dem ungelenken jungen Menschen ein blonder Krauskopf vorbeigedrängt.

»Hanni, ist es wahr? – Ihr geht wirklich fort von hier? Auf immer? Du, die einzige im Kränzchen, die noch nicht affig geworden? Das halt ich nicht aus! – Dann will ich auch von dem ganzen ollen Berlin nichts mehr wissen! O, das überlebe ich nicht!«

Stürmisch fiel sie der heißgeliebten Freundin um den Hals und erstickte sie fast mit Küssen und Tränen.

»Guten Tag, meine liebe kleine Käte! Nun, ist das Unglück denn wirklich so furchtbar? Es ist ja doch keine Trennung auf ewig! Und freust du dich denn nicht mit Hanni auf den großen Garten, den See mit dem Ruderboot, die Stachelbeeren, den Pony? – Denk, was das für Hundstagsferien gibt, wenn ihr uns dort besucht!« –

»Ach, liebste Tante Else, daß es aufs Land geht, ist ja himmlisch. Aber wie lang wird das Jahr sein ohne Hanni! Und die Ferien sind immer so rasch herum! – Ach, und unser Kränzchen soll dann lieber auffliegen!«

»Meinst du das wirklich? Sieh, Herta Kähler ist doch nicht ›affig‹?«

»Nein, aber reichlich görig ist sie!«

»Ja, sie ist aber auch jünger als ihr!«

»Und Lena läßt sich völlig von Ilse ins Schlepptau nehmen! Letzthin kam sie auch schon mit langen Handschuhen an und erzählte, ihre Tante wolle ihr einen Sonnenschirm schenken.«

»Käte, sei da auch nicht zu ungeduldig. Sieh, Ilses große Fehler sehe ich ganz gewiß, und sie betrüben mich. Aber im tiefsten Herzen ist sie ein ›guter Kerl‹! Und glaubst du, daß sie sich sehr wohl fühlt bei ihren Torheiten? Manche entspringen sicher nur aus Langerweile. Du weißt ja, ihre Mutter muß sie viel allein lassen.«

»Muß?« fuhr Käte auf. »Tante Else, würdest du dir so ein ›Muß‹ vorschreiben lassen, wenn es sich um dein einziges Kind handelt?«

Frau Gerloff lachte laut auf.

»Käte, was hast du wieder gelesen? Du redest wie ein Buch! – Du siehst ja, ich lasse mich nicht von meinem einzigen Kinde losreißen; aber deshalb maße ich mir doch noch kein Recht an, Frau von Herders Leben zu verurteilen. Sieh, Vorstandsdamen muß es auch geben, und manche von ihren Geselligkeiten sind wirkliche Pflichten. Dazu ist sie von Kind auf in so völlig anderen Gedanken erzogen, als deine liebe Mutter und ich, daß notwendig ihr Leben anders verlaufen muß als unseres! Sowohl sie als auch Ilse tun mir oft leid. Desto mehr wünsche ich Ilse eine treue, feste Freundin, die ihr zuweilen die Augen öffnet. Meinst du, man hat Freundschaft nur, um zu genießen? Sicher nicht! – Aber du bist mein liebes Kind,« fügte sie hinzu, indem sie eine Träne wegküßte, die sich von neuem hervorstahl. »Du verstehst mich schon! Und wenn ihr dann zu den Ferien kommt, haben wir uns so – soviel zu erzählen!« –

Auch Käte ging stiller und nachdenklicher, als sie gekommen war, die Treppe von der schönen, freundlichen Gerloffschen Wohnung wieder hinunter. Ach, daß all die frohen Stunden, die sie dort verlebt, nun auf immer vorbei sein sollten!

2. Kapitel.

Abschied.

Es kamen unruhige Tage. Ganz gegen ihre Gewohnheit mußte Frau Gerloff viel unterwegs sein, und Hanni machte alle Stadien der Ungemütlichkeit und daneben all die kleinen interessanten Wichtigkeiten durch, die einem solchen Ereignis vorangehen. Auch für sie gab es Trennungsstunden der verschiedensten Art. Jede der Freundinnen wollte sie gern noch einmal bei sich haben.

Bei Admiral Kählers, Hertas Eltern, gab es ein vergnügtes Abschiedsfest. In dem weiten, hellen Kinderzimmer war eine lange Tafel mit Schokolade und Kuchen hergerichtet. Herta und Lilli hatten selbst Blumen aus dem hübschen Garten holen und alles festlich schmücken dürfen. Auf Hannis Platz lag sogar ein Rosenstrauß, den die süße kleine Lore eiligst herunterzog, um ihn mit großem Eifer selbst zu überreichen, wobei sie begeistert rief: »Da Bümi soll Hanni haben! – Da!«

Daß sie dabei ein bißchen an die Tasse stieß und einen kleinen braunen See über die Tischdecke und ihr reines Kleidchen ergoß, wurde nicht sehr tragisch genommen. Sie war ja erst 1½ Jahre alt – und solche Zwischenfälle waren auch zu häufig, um viel Aufsehen zu erregen. Nur Lena Wallis zog entsetzt ihr seidenes Kleidchen in die Höhe und rief: »Git, du kleiner Schmierfink, bleib mir vom Leibe! Was würde Tante Sophie sagen, wenn du mein neues Kleid beschmutztest!«

Da konnte sich wieder Käte von Platen nicht halten: »Das wäre dir ganz recht! Warum bist du so albern, dir zum Spiel ein seidenes Kleid anzuziehen.«

»Bitte, du bist nur neidisch, weil du so was nicht hast,« versetzte Lena schnippisch.

Da zog aber Hanni ihre geliebte Käte rasch zurück und flüsterte ihr zu: »Du hast doch Mutti versprochen, nicht so heftig zu sein – und nun gar hier, wo Kählers alles so reizend gemacht haben. Wie würde es sie betrüben, wenn ihr euch zanktet!«

Kätes Zorn war auch bereits verraucht. Sie murmelte nur noch leise: »Ach ja, laß die alberne Puppe,« – und mit einem schnellen Griff hob sie die kleine Lore auf ihren Rücken und sprang unter lautem Jauchzen der Kleinen mit ihr als Huckepack um den Tisch. »Hoppe, hoppe, Seiter!« rief die Kleine immer von neuem, indem sie ihre goldigen Locken schüttelte, und wollte nur unter der Bedingung endlich absteigen, daß Fräulein Lottchen ihr erlaubte, »danz dicht bei Pferdchen zu sitzen«, worüber Käte sehr beglückt war.

Nach der feierlichen »Kuchenschlacht«, wie der freundliche Admiral, der hereinkam, um die Truppen zu inspizieren, die Sitzung nannte, kommandierte er mit rauher Donnerstimme, die gar nicht zu seinen freundlich lachenden Augen paßte: »Nun alle Mann an Bord und das Deck klar gemacht!«

Alles rieb und putzte die Händchen und Mäulchen, und sogar die kleine Lore bemühte sich nach Kräften und reckte gegen Käte die gespitzten Lippen in die Höhe: »Is säuberlich?« – »Fein!« bestätigte diese entzückt, und belohnte sie mit einem kräftigen Kuß, wonach die Kleine zu ihrem größten Pläsier von neuem mit Reiben begann, indem sie murrte: »Böse Käte, nich wieder einmutzen.«

Aber schon erscholl neues Kommando: »Nun die Anker hoch und vorwärts in See!« Alles erhob sich stürmisch, und mit großem Gepolter ging es über die Veranda in den Garten.

»Na, wenn ihr in unserer Wohnung wäret,« sagte Käte, »Frau Dommbersky schickte aber sofort herauf um Ruhe!«

»Ja, Vater sagt, wenn wir zur Miete wohnten, so knüpfte uns die Wirtin am ersten Abend alle in der Reihe am Treppengeländer auf!« meinte der kleine, dicke Rolf treuherzig. – »Das möchte ich nicht!«

Käte schüttelte sich vor Lachen: »Nein, das wäre auch greulich!« Aber mit leisem Seufzen dachte sie dann an ihren »unleidlichen« kleinen Bruder Ernst, der so viele trübe Stunden wegen Lärm und Unruhe hatte. – Könnte er so ungehindert spielen, dann wäre sein Leben auch anders!

Für Betrachtungen blieb aber keine Zeit. Unten hatte bereits eins der kleinen Mädchen die Augen verbunden. Es wurde blinde Kuh, Eins, zwei, drei und all die schönen Spiele gespielt. Herr und Frau Admiral saßen vergnügt in der Laube, halfen hier und dort und lachten selber am herzlichsten über jeden lustigen Spaß. Aber als dem kleinen Karl etwas nicht recht war und er den Spielverderber machte, faßte sein Vater ihn mit einem schnellen Griff am Kragen, und ehe er sich’s versah, steckte er in dem niedrigen Verließ, in dem Harken und Spaten verwahrt wurden. Käte meinte, er würde ein schreckliches Geschrei erheben, wie Ernst es so gern tat, aber alles blieb still. Er wußte genau, daß dann das Stöckchen gekommen wäre und die Sache noch viel schlimmer gemacht hätte. Erst am späten Nachmittag wurde er wieder sichtbar und verhielt sich sehr bescheiden im Hintergrund.

Der Höhepunkt des schönen Abends kam, als die kleine Gesellschaft ihre Erdbeeren mit Schlagsahne verzehrt hatte und eben meinte, Abschied nehmen zu müssen. Die breiten Glastüren wurden geöffnet, und da blitzten ihnen von draußen ungezählte kleine Flämmchen entgegen, die wie Glühwürmchen im Grase saßen, wie eine leuchtende Schnur die kleinen Beete einfaßten, an der Laube in die Höhe kletterten und das Häuschen auf dem Tannenhügel zauberisch beleuchteten. Mit einem entzückten »Ah!« wollten die Kinder hinausstürmen. Aber: »Alles in Ruhe!« kommandierte wieder die Donnerstimme des Hausherrn. »Einzeln angetreten – an die Gewehre!« Damit übergab er jedem kleinen Gast ein rotes Papierlämpchen, und mit dem eintönigen Singsang: »Laterne – Laterne!« zog man durch die beleuchteten Gartenwege.

»Aber dies Lied ist doch für heute, für ein Abschiedsfest, viel zu profan! Willi, du als Fähnrich mußt doch wissen, was sich gehört. Hole mal dein Waldhorn!« Das war nun dem schneidigen, jungen Fähnrich eigentlich gegen den Strich – vor den »dummen Mädels« seine geliebte Kunst zu profanieren. Aber er wußte, vor Vater gab es kein Fackeln. Bald stand er in dem Hüttchen und schickte die weichen Horntöne in den stillen Abend hinaus. Ein Lied folgte dem anderen, und als zum Schluß die herzige Melodie von »Morgen muß ich fort von hier« erklang, stahl sich hier und da ein Tränchen über die rosigen Backen. Sie alle fühlten zum erstenmal, was Abschiednehmen heißt. Aber »Soldatenkinder dürfen nicht heulen!« schluchzte Käte, und küßte hastig zum Abschied die Hand der freundlichen Wirtin, der sie und Hanni eben hatten danken wollen für den herrlichen Tag. Vor Weinen konnte sie kein Wort herausbringen, und als der Admiral und Willi nun auch herbeikamen und feierlich Lebewohl sagen wollten, waren die beiden, um ihre Tränen nicht zu zeigen, längst über alle Berge.

Die Gesellschaft ging still auseinander. – Scheiden tut weh!

Als Lena Bunsen ihrer Mutter am nächsten Morgen von den Erlebnissen bei Kählers erzählte und hinzufügte, zu Herders sollten sie in der nächsten Woche auch einmal kommen, da gab es ein großes Hin- und Herreden.

»Ja, wenn sie alle ›etwas‹ geben, darfst du auf keinen Fall zurückstehen. – Wie würde das aussehen!«

»Ja, Mama, dann muß es aber auch ebenso großartig sein, wie bei Kählers, sonst lieber gar nicht!«

»Das ist aber sehr schwierig für uns. Kählers haben eine Villa. Unsere Räume sind doch nicht groß genug für so viel Bewegung.«

»Ich meine, da räumten wir etwas aus – das hört man doch öfter, wenn es sich um Gesellschaften handelt.«

Die Mutter sah kleinlaut aus. Was würde das für einen Umstand geben. Aber nun ließ Lena nicht nach. »Erst müssen wir mal die Einladungen schreiben!«

»Haben denn Kählers schriftliche Einladungen geschickt?«

»Nein. Weißt du nicht, der Bursche kam doch und bestellte es.«

»Aber einen Burschen haben wir ja nicht.« –

»Das ist eigentlich schlimm! Regierungsrats oben schickten voriges Jahr zum Ball einen Lohndiener mit Karten herum. Ich habe sie gesehen; er zeigte sie der Hulda auf der Treppe!«

»Ja, ein Ball ist dies ja nun nicht! Aber Karten könnten wir am Ende mit der Post schicken!«

»Ich will gleich welche besorgen; vorgedruckte, mit ›beehren sich‹, so ist es schick!«

Sie machte sich zum Ausgehen fertig, was eine ziemliche Zeit erforderte, denn »mit der alten Fahne kann man unmöglich auf die Straße«, meinte sie! »Bitte, Mama, noch Geld für die Karten. Unter 1.50 Mark wird es kaum gehen.«

Mit leisem Seufzen erhob sich die Mama von ihrem bequemen Sitz am Kaffeetisch. Sie ließ sich so ungern von ihrer Morgenzeitung aufstören; »aber was tut man nicht für das Kind!« sagte sie in solchen Fällen. Ob sie ihm gut tat oder nicht, darüber machte sie sich weiter keine Gedanken.

Die Karten waren mit viel Umständlichkeit geschrieben und alle mit »ja« beantwortet; und schon am Morgen des großen Tages prallte Lenas Vater erschrocken zurück, als er das Eßzimmer betrat. Noch nichts war in Ordnung, und das Mädchen trug gerade eilig die Tassen in sein Zimmer.

»Was soll denn das bedeuten?« fragte er unwirsch.

»Ja, heute wird ja alles umgeräumt wegen der Kaffeegesellschaft!«

Wohlweislich war dem Hausherrn noch der große Plan verschwiegen, weil er es durchaus nicht liebte, in seiner gewohnten Ordnung gestört zu werden. Aber wenn erst alles eingefädelt wäre, würde er sich schon in sein Schicksal finden. Was blieb ihm auch übrig?

»Ach, lieber Mann, wir dachten, am Freitagnachmittag gehst du doch in deinen Klub. Da hat Lenchen für heute ihre Freundinnen eingeladen, weil die eine von hier fortkommt. – Aufs Land, das arme Ding! – Wir hätten ja gern die Umstände gespart, aber die anderen tun es alle – da war es nicht gut zu vermeiden!«

»Charlotte, du mit deinen ›anderen‹, die alles tun. Wenn die anderen alle anfingen, auf dem Seil zu tanzen, würdest du von mir das gleiche verlangen! Ich verspreche dir aber, es nicht zu tun!« schalt der erzürnte Gatte.

Seiltanzen verlangte sie ja auch einstweilen nicht, sondern war zufrieden, daß die ungemütliche Kaffeesitzung bald ein Ende fand und die umfassenden Vorbereitungen beginnen konnten.

Am Mittag kam der Hausherr sehr naß geregnet heim. »Ist das ein Hundewetter! Ach, und heute ist ja wohl eure Festvorstellung, und ich soll in den Klub! Wieder in das Hundewetter raus? Fällt mir nicht im Traume ein! Ich bleibe in meinem Zimmer, und die Gören verhalten sich hübsch ruhig, damit ich nicht gestört werde!«

»Gören?« wiederholte Lena sehr pikiert. – Aber die Mutter versetzte ihr einen kleinen Stoß, den Verstimmten nicht noch mehr zu reizen, denn das Schlimmste stand ihm noch bevor. – Als er sich seiner nassen Sachen entledigt hatte und in seinem Zimmer Ruhe suchte, fand er dort Zustände vor, die ihm die Haare zu Berge trieben. »Seid ihr denn ganz verdreht! Ist hier Jahrmarkt?«

Von seinem Schreibtisch waren Bücher und Akten weggeräumt, und in buntem Durcheinander lagen dort ungezählte kleine »Nichtse«, bunte Sächelchen, die man einmal neugierig besieht, um sie dann völlig ohne Interesse beiseite zu legen.

»Wir machen eine kleine Lotterie, Väterchen. Etwas Amüsement müssen sie doch haben. Bei Kählers haben sie im Garten gespielt – aber der fehlt uns ja leider!«

»Und was ist hier los?«

»Ja, das geht nun wirklich nicht anders, wir mußten heute schon einmal auf deinem Sofatisch decken. Sieh, die eine Tochter hast du doch auch noch nur!«

»Ja, Gott sei Dank! Wenn diese heillose Wirtschaft sechsmal im Jahre sein sollte, ginge ich lieber auf und davon!«

Übrigens blieb ihm auch heute nach der schnell und stumm erledigten Mahlzeit nichts anderes übrig, denn seine Damen erklärten, die Flügeltüren, die seine Stube vom Eßzimmer und Salon trennten, dürften auf keinen Fall geschlossen sein. Es sehe zu wenig herrschaftlich aus, wenn man nur noch in ein einziges Zimmer hineinsehen könnte.

Mit dem grollenden Ausruf: »Wenn bei euch nur alles ›aussieht‹, dann seid ihr zufrieden. Wie es ›ist‹, das bleibt Nebensache!« verließ er die Wohnung. – Er tat ganz gut daran, denn viel Freude hatte an diesem Nachmittag kein einziger von den Veranstaltungen, am allerwenigsten Hulda, die schon ganz erschöpft war vom Hin- und Herspringen. Als aber Lena ihr zum dritten Male mit großer Wichtigkeit Anweisungen gab, wie sie die Tassen zu reichen und die Torten zu bringen hätte, und daß sie um Himmels willen keine Schokolade verschütten möchte, da riß der Geplagten ihr Geduldsfaden:

»Einen solchen Aufstand zu machen um solche dummen Dinger! Da mögen sie sich alleine bedienen, wenn alle so klug sind; ich wenigstens tue es nicht!«

Es bedurfte einer aufgeregten und langen Auseinandersetzung, um sie überhaupt wieder in Gang zu bringen. Und zur Harmonie des Festes trug auch dann noch ihr verweintes Gesicht nicht bei.

Als am Abend Hanni und Käte Arm in Arm heimgingen, seufzte letztere: »Ach, Hanni, mir ist so bange, wie es nach deinem Fortgehen werden wird. Von Lena hat man doch zu – zu wenig!«

»Käte, wir wollen jetzt nicht darüber sprechen. – Sieh, sie haben uns doch heute eine Freude machen wollen!«

»Glaubst du das so sehr?«

»Ja, warum haben sie sich denn sonst alle die Mühe gemacht? Sie selbst haben doch, glaube ich, nicht so arg viel Freude davon gehabt! Sie sahen nicht so aus.«

»Nein, das glaube ich auch nicht!«

»Ja, für wen tun sie es dann eigentlich? – Manche Menschen verstehe ich doch nicht.«

»Nein, ich auch nicht!« –

Am Sonntag nach dem Kindergottesdienst kam Ilse von Herder schnell auf Hanni zu: »Du, heute nachmittag könnt ihr nun doch leider nicht bei mir sein. Es ist mir zu leid. Aber es kommen hochgestellte Gäste von außerhalb, da muß Mama ihre Gedanken ganz darauf richten. Und auch die Leute haben keine Zeit für uns. Ein rechter Jammer! – Aber ade! ich muß auch Lena und Herta noch erwischen. Bitte, sage du Käte Bescheid!«

Eigentlich waren die beiden Freundinnen über diesen Ausfall nicht so sehr traurig. Es war ihnen immer reichlich steif und feierlich bei Herders; sie mußten so sehr »manierlich« sein, was besonders Käte sehr störend fand.

»Dann hast du nun doch noch einen Abend für mich frei, nicht wahr?« meinte Käte entzückt. »Letzthin wollte deine Mutter nicht gern davon hören, weil sie meinte, es würde zuviel Unruhe für dich.«