Part 3
Und sollte sie erst alles lassen, wie es zu der seligen Eltern Zeit gewesen? Und dann müßte die so weich empfindende junge Frau die durch die Erinnerung geheiligten, aber für nüchterne Augen natürlich teils altersschwachen Sachen beiseite schieben? Das würde schwere Stunden verursachen und konnte einen Schatten auf den ganzen Anfang werfen. Da hieß es, lieber dem Herzen einen Stoß geben und selber den schweren Schritt tun!
Sie rief ihre braven Truppen zusammen: die Frau des Saathalters, des Schäfers, des Kuhhirten und des Vorknechts, die alle in ihrer Mädchenzeit auf dem Hofe gedient hatten und mit jeder Einzelheit bei der Arbeit ganz genau vertraut waren. Mit ihrer Hilfe wurde eine wahre Sintflut veranstaltet; und als dann die Möbelwagen vorgefahren waren, konnte jedes Stück gleich an Ort und Stelle gebracht werden. Die schönsten von den alten Sachen waren in den Saal gekommen und in die beiden danebenliegenden Zimmer, die hauptsächlich für größere Geselligkeit benutzt wurden und für die die Möbel der Geschwister nicht ausreichten. Deren Sachen kamen in die früheren Zimmer der Eltern, denen sie einen unbeschreiblichen, neuen Reiz verliehen. Tante Ida mußte das Ganze immer wieder bewundern. Ja, sie hoffte, die Lieben sollten zufrieden sein! Was würde Hans Günther wohl zu der Diele sagen? Früher war sie mehr nur Durchgang gewesen. Jetzt sah sie unendlich anheimelnd aus mit des Vaters uralten Eichenmöbeln. Noch einmal wollte sie alles prüfend durchwandern, da knirschten draußen die Räder auf dem Kies und die Jagdhunde schlugen an.
Erschrocken eilte sie an die Klingel. Aber da kannte sie Marieken schlecht! Die stand bereits an der weitgeöffneten Haustür und strich verlegen und brennend rot an der weißen Schürze herunter, bis der Wagen hielt und sie ihren Gefühlen Luft machen konnte, indem sie hastig und dienstbeflissen Decken, Schirme und Taschen an sich riß.
»Halt, halt – meinen Handstock laß mir! Die Waffe gibt ein Soldat nicht her!« wehrte der Major vergnügt ab, und hob dann seine Frau selber aus dem Wagen. Aber Hanni wartete nicht auf irgend eine Hilfe, sondern sprang eilig an allen vorbei auf ihre Tante zu.
»Tante Ida, Tante Ida! Endlich sind wir da!« jubelte sie. »O, es ist zu, zu schön!« Es war ein stürmisches Durcheinander, und erst nach geraumer Zeit konnten die Angekommenen sich näher umsehen.
»Wie ist es doch gemütlich und heimisch hier!« rief der Major aus, sich glücklich in der alten Diele umsehend. »So schön hatte ich’s gar nicht in Erinnerung! Hier lasse ich mich häuslich nieder und gehe überhaupt nicht weiter.«
»Vater, Vater, o komm hierher,« rief Hanni erregt. »Nein, ganz wie zu Hause!« Sie stand mitten in ihres Vaters Zimmer und sah durch die Flügeltür in das schöne Wohnzimmer ihrer Mutter. – Jetzt erst begriffen die Eltern die Veränderung gegen früher, und tief gerührt faßte der Major seine treue Schwester um die Schulter.
»Liebe, gute Seele – was hast du denn gemacht? Das ist alles schon in schönster Ordnung für uns, und wir brauchen uns bloß reinsetzen in das warme Nest! Das ist ja zu schön! Sieh doch, Else – dort dein Nähplatz am Fenster – dein Schreibtisch! – Nein, sieh doch, die Sessel dort am Kamin! Du bist ja eine goldene Schwester! Das vergeß ich dir nie! Else war so müde seit der Krankheit neulich und hatte so große Angst vor all der Umwälzung! Aber wo ist denn Mutters Zimmer geblieben?«
»Kommt mal mit! Ich dachte, es würde euch so recht sein: Mutters Sachen habe ich ganz nach oben genommen. Ich bin ja nun selbst ein altes Mütterchen und gebrauche einen bequemen Winkel! Und für meine kleinen, zierlichen Möbel aus der Mädchenzeit hatte ich eine andere Verwendung.«
Auch oben wurde mit größtem Behagen alles in Augenschein genommen; aber auf einmal wurde die Gesellschaft durch einen lauten Schrei des Entzückens aufgeschreckt. Hanni war ans Ende des kleinen Korridors vorgedrungen, an dem Tante Idas Zimmer lagen – seitwärts vom großen Vorsaal, auf den alle Gaststuben führten. Als sie nun die Tür zu dem kleinen Raum öffnete, wagte sie nicht, den Fuß hineinzusetzen, so schön erschien ihr das, was sie dort sah!
Alles war klein und zierlich, sogar die weißlackierten Fenster, die – weit geöffnet – einen entzückenden Ausblick boten über den in herrlichstem Frühlingsschmuck daliegenden Park, auf die grünen Rasenflächen, die weißen Brücken, die zwischen dunklen Taxusbüschen in leichtem Bogen über die klaren Teiche führten.
Duftende Rosen und Goldlacktöpfe standen in einem zierlichen Blumenständer; am Fenster lud ein altmodisches Nähtischchen, mit allem angefüllt, was fleißige Hände nur wünschen können, zum Gebrauch ein. Ein kleines Sofa war mit hellgeblümtem Stoff überzogen, ebenso der verlockend bequeme, alte Sessel in der Ecke unter dem Schatten der Stubenlinde. Aber das Allerschönste schien das Schreibpult aus hellem, glänzendem Birkenholz mit schönen Elfenbeineinlagen. O, all die Schubfächer oben und unten – und noch ganz versteckte, die erst das kundige Auge entdecken konnte! – Und über allem der rosige Schein der Ampel, die an feinen Ketten von der Decke hing.
»Tante Ida, Tante Ida! Was ist das hier? Wohnt hier eine Fee?«
»Ich glaube nicht! Oder bist du eine? Seht,« sagte sie, »dies sind meine kleinen, alten Sachen. Hans Günther, kennst du sie noch?«
»Nein, wirklich nicht, – in diesem neuen Gewande nicht! – Bloß hier das geheime Fach! O ja, das weiß ich noch genau! Das wollten wir so gern aufmachen, weil du dein Tagebuch dort verwahrtest. Aber dazu gehörte ein heimlicher Schlüssel, oder ein Kniff – ich weiß nicht mehr!«
»Sollst du auch nicht, das kriegt niemand zu wissen als Hanni! Es liegt wieder ein Tagebuch drin, aber ein leeres.«
Hanni brauchte viel Zeit, bis sie alles gesehen und bewundert hatte. Sie drückte und preßte ihre Tante so, daß der Vater meinte, sie solle sie doch wenigstens heute noch am Leben lassen. Endlich machte die kräftig erklingende Glocke, die zum Teetisch rief, ein Ende; und als die Familie zusammen saß, bemerkte die gute Tante erst, wie schwach und angegriffen ihre Schwägerin noch aussah. Unendlich dankbar für alle Liebe und Fürsorge, ließ sie sich gern bald zur Ruhe geleiten.
»Ida, du bist zu gut – du nimmst mir ja rein alles ab! Wie soll ich dir das jemals danken?«
»Dadurch, daß ihr euch hier glücklich fühlt.«
»Ach, das ist ja gar nicht anders möglich! Es ist wirklich zu schön hier! Aber wo bleibt denn das Kind? Ich überlasse dir auch alles. Das ist doch zu arg!«
»Else, es ist ja meine größte Freude! – Nun schlaf nur; ich bringe Hanni schon zur Ruhe. Auf morgen!«
Hanni hatte der Ungeduld nicht widerstehen können, einmal durch den Garten zu springen, und kam eben atemlos wieder durch die große Glastür herein. »O Tante, Tante! Dies ist wie ein Märchen!«
»Dann kannst du es ja nun im Bett zu Ende träumen; komm nur.«
»Schon? Ja, wo schlafe ich denn?«
»Wir wollen mal sehen. Komm nur.«
Über den großen Vorsaal ging’s wieder in den kleinen Nebenflur an Tante Idas Zimmern vorbei. »Sieh, Liebling, hier hausen wir ganz verträglich nebeneinander. Das ist dein Schlafstübchen – dort die kleine Tapetentür.«
»Nein, Tante, das ist nun ein wirkliches Märchen!« Sie hatte vorhin die kleine Tür gar nicht bemerkt. Als sie nun geöffnet war, warf die rosa Ampel ihr Licht in den hinteren Raum, und jetzt war es sehr schwer zu sagen, was schöner war: das Wohnstübchen oder die kleine Schlafkammer. Alles war schlicht und praktisch, aber so zierlich und anmutig in seinem reinen Weiß, daß jetzt die Gefahr, unter Hannis Umarmungen zu ersticken, für die gute Tante wirklich groß war.
»Dies alles soll mein sein? Ich kann es nicht glauben!«
»Ja, Liebling, und jedes einzelne hat dir viel zu erzählen! Sieh, die weißen Mullgardinen hat meine Jugendfreundin mir gestickt. Dies glänzende Leinen hat deine Urgroßmutter gesponnen auf dem Spinnrad dort; ich sehe noch ihre weichen, weißen Hände, mit denen sie mir die Locken von der Stirn strich – damals,« fügte sie leise errötend hinzu; »jetzt habe ich längst keine mehr. – Diese weißen Bezüge für die Tischchen brachte mein Vater einmal aus der Schweiz mit; Mutter war kürzlich gestorben, und er wollte mir gern eine Freude machen. – Damals war das eine große Pracht! – Dies weiche Fell vor deinem Bett gehörte meinem Lieblingslämmchen. Aber nun leg dich hin und schlafe süß; morgen ist wieder ein Tag, und ich kann dir noch viel erzählen! – Sieh, diese andere kleine Tür führt durch einen leeren Raum in mein Schlafzimmer, – ich will sie nur angelehnt lassen. Wenn du irgend etwas möchtest, so rufe nur, ich kann dich hören.«
Aber sie wünschte nichts mehr. Ihr war’s, als schwämme sie in einem Meer von Glück und Wonne – selig, wunschlos.
Die Fenster standen weit offen. Draußen fiel mit leisem Rauschen der Springbrunnen in das überfließende Becken; – die Nachtigall schluchzte im Traum; – fern im Sumpf hörte man den Unkenruf. Es war zu schön! – So schnell ging es nebenan nicht. Nach dem langen, unruhigen Tag war dies die erste stille Stunde. – Ja, es war ein wunderbares Glücksgefühl, mit vollen Händen zu geben. Es war noch schöner als das Nehmen, hier in denselben Räumen. Wie froh erwartend hatte auch ihr Herz gepocht, als liebende Fürsorge für sie den Eintritt ins Leben geschmückt hatte! Wie – wie anders war dann alles gekommen, als sie sich’s erträumt! Gut, daß man’s nicht noch einmal durchleben mußte! Mancher Weg war gar zu steinig gewesen – mancher Tag wollte kein Ende nehmen! Nun war das Herz still geworden und hatte in allem Gottes Wege gesehen. Und nun schien auch das Wort sich erfüllen zu sollen: »Um den Abend soll es licht werden!«
5. Kapitel.
Neue Freunde überall.
Früh am anderen Morgen tanzten und zitterten die Sonnenstrahlen durch die weißen Vorhänge auf Hannis Bett und huschten neckend über ihre heißgeschlafenen Wangen. Sie rieb sich voller Erstaunen die Augen und konnte sich erst gar nicht besinnen. Was waren denn das für fremde Töne? Gackern, Krähen, Zwitschern und Flöten – Pferdegetrappel – leises Rauschen in der hohen Tanne dicht am Fenster. – In Berlin hatte man durch die gegen den Straßenlärm dicht verschlossenen Läden nichts vernommen, höchstens war vom Hof her das eintönige Klopfen der vielen Teppiche an ihr Ohr gedrungen. – Plötzlich wurde ihre Erinnerung wach, und schon war sie mit einem Satz aus dem Bett und am Fenster. Im Hause schien noch alles still. Wie spät mochte es sein? Da ließ sich ein leiser Kuckucksruf vernehmen! Fünfmal – dann ein kleines Schnarren! Ach, es war eine Uhr – kein lebendiger Vogel!
Schnell war sie im Wohnzimmer. – Richtig, da hing eine zierlich geschnitzte Schwarzwälder Uhr. Die gute, rührende Tante – an alles hatte sie gedacht. – Das Stübchen sah so reizend aus! Und alles, wie sie es gern hatte und brauchte.
Was für ein Herz voll Liebe mußte die haben, die so für andere denken und sorgen konnte!
Ob sie wohl schon wachte? Der Zeiger stand auf fünf. Hanni wollte mal leise zusehen.
Vorsichtig schlich sie mit nackten Füßen durch das kleine Vorzimmer hinein in die Schlafstube der Tante. Richtig, die rieb eben auch die Augen!
»Tante Ida, darf ich reinkommen?«
»Gewiß, Liebling, immer!«
»Tante Ida, woher kommt die süße Kuckucksuhr? Sie hat eben gerufen!«
»Ja, woher meinst du wohl? Ich glaube, der Kuckuck ist von selbst hereingeflogen, um der kleinen Hanni Gesellschaft zu leisten!«
»O Tante Ida, ich sehe es dir genau an, von dir kommt sie! Wie kannst du eigentlich alles wissen, was ich mir immer gewünscht habe? So eine kleine, weiße Schlafstube war mein höchster Wunsch. Natürlich, so süß wie diese ist, habe ich mir sie nicht gedacht! Dann ein Schreibpult mit geheimen Fächern; dann einen Nähtisch und sogar eine Kuckucksuhr – als wenn du zaubern könntest!«
»Ja, Herzchen, ich weiß noch sehr genau, was ich selber gern hatte, als ich so alt war wie du – daher kommt es wohl! – Aber du erkältest dich ja, Kind!«
»Ich?« lachte sie und zog die Füße hoch. »Nein, Tante Ida, das kannst du nicht verlangen – und dann im Sommer! Ich laufe so gern eine Stunde herum, bevor das langweilige Anziehen angeht! Aber Mutti liebt das nicht. Und dann mußte man ja auch immer zur Schule fertig sein! Sag, wie wird es damit eigentlich? Vater ist zu komisch, er sagt immer: ›Laßt nur gut sein; besorgt, was heute nötig ist, das andere findet sich!‹ Ob ich nun gar keine Schule haben soll? Mir wär’s ja am allerliebsten!«
»Du, das glaube ich doch nicht auf die Dauer. Aber miteinander haben sich deine Eltern das sicher schon überlegt. Dein Vater hat sogar schon an Herrn Pastor geschrieben, ob der dir einige Stunden geben würde. So hoffen die Eltern vielleicht, daß du das Nötige lernen kannst, ohne daß wir eine fremde Erzieherin ins Haus nehmen, die ja sehr leicht störend sein könnte, wenn sie nicht gerade in unsern kleinen Kreis paßt.«
»O, das ist herrlich, Tante Ida! Könntest du mir nicht auch einige Stunden geben? Denke bloß, es müßte ja zu schön sein, wenn wir hier schnurrend vor Behagen zusammensäßen. Draußen schlüge der Schnee gegen die Scheiben, im Ofen prasselte das Feuer und die Bratäpfel knackten in der Röhre! Zu schön!«
»Ja, was wolltest du da hauptsächlich lernen? Feuer machen oder Schnurren oder Bratäpfel essen?«
»Nein, das alles verstehe ich schon großartig! Nein, Literatur, Lektüre – all so was!«
»Nun, wir müssen es mit den Eltern bereden! Einstweilen schlägt kein Schnee ans Fenster, sondern die Fliederbüsche. Da wollen wir nur eilen, in die Kleider zu kommen und uns draußen unter Gottes freiem Himmel umsehen.«
»Wer zuerst fertig wird, Tante Ida!«
»Jawohl!«
Husch, war sie weg. – Nach einer Weile klopfte sie leise: »Eine Klingel ist nicht bei mir, Tante Ida; wie kann ich zu Lisbeth gelangen, daß sie mir das Haar kämmt?«
»Eine Klingel? – Nein, Mäuschen, da sind wir hier nun noch ganz altmodisch. Nur die Eltern haben Klingeln; wir anderen helfen uns im großen und ganzen selber. Kannst du dir die Zöpfe denn noch nicht flechten? Dann helfe ich dir gern.«
Hanni holte kleinlaut Kamm und Bürste herbei. Mutti hatte schon manches Mal gemeint, so ein großes Mädchen könne sich selber frisieren – aber es war zu schrecklich unbequem.
»Ja, die Zöpfe sind mächtig dick, eine Arbeit ist es schon,« begütigte Tante Ida, »aber wir lernen ja noch Schwereres, nicht, du?« – –
»Nun, hast du dich mit deinen Sachen schon ein bißchen eingerichtet?« fragte sie dann, indem sie bei Hanni eintrat. Aber sie brauchte keine Antwort – alles lag wie Kraut und Rüben durcheinander; einige Stücke waren unten aus dem Koffer vorgezogen, anderes vorläufig auf Tische und Stühle gepackt!
»Lisbeth muß nachher erst kommen und aufräumen.«
»Du, ich fände es viel netter, wir machten das gleich selbst, meinst du nicht? Sieh, diese Schublade hatte ich immer für meine Wäsche, die dort oben für die Kleinigkeiten. Im Schlafzimmer ist der Schrank für die Kleider und die Borte für das Schuhzeug. – So, das sieht gleich ganz anders aus. – Und nun finde ich, in der Stadt sind sie ja so sehr fürs Turnen, und das ist sicher auch ausgezeichnet. Dafür gibt es hier aber nicht so recht die Vorrichtungen. Trotzdem können wir überreichlich genug Bewegung haben, und da macht es mir immer besondere Freude, wenn auch gleich ein Nutzen dabei ist! Sieh, wir leben ja hier soviel gemeinsam mit unseren guten Leuten, die sich selbstverständlich ihre Gedanken machen über unser Treiben und sich nur in unserer Nähe glücklich fühlen, wenn ihnen das verständlich ist. Sie müssen immer arbeiten. – Daß unsere Arbeit vielfach anderer Art ist als die ihre, begreifen sie durchaus. Aber reines Umherlaufen und Nichtstun würde ihnen abstoßend erscheinen. Meinst du nicht, daß es für unsere Glieder gut sein würde – für meine, damit sie geschmeidig bleiben und für deine, damit sie Kraft bekommen –, wenn wir unsere Sachen gleich selbst in Ordnung brächten? Hier habe ich niedliche, neue Bürsten, Besen und Tücher. Ich werde dir zeigen, wie man alles macht, und ich glaube, es bringt dir Spaß, dann ganz allein Herrscher in deinem kleinen Reiche zu sein.«
Hanni rüstete sich mit großem Eifer wie zu einem Feldzug. Ja, Ordnung liebte sie gewiß, hatte sie auch stets in ihrem Berliner Stübchen gehabt. Aber leider mußte sie sich wohl gestehen, daß sie das Aufräumen der gutmütigen Lisbeth überlassen hatte. – Es dauerte nicht lange, da war alles wieder so schön wie gestern beim Eintritt.
»Und so halten wir es immer, nicht, du?« meinte Tante Ida, als sie noch einen Blick der Befriedigung zurückwarf. »Und nun sind wir hungrig wie die Löwen, nicht wahr, und wollen die Eltern nicht warten lassen.«
Wirklich, sie saßen schon beim Tee, und nun hatte Hanni soviel zu berichten, zu fragen und zu schildern, daß zum Essen trotz allen Hungers kaum Zeit blieb. Desto stiller wurde sie, als die Mutter den Unterrichtsplan aufs Tapet brachte. Freilich meinte der Vater: »Ach, das Mädel hat ja zeitlebens nichts weiter getrieben als Wissenschaft. Gebt ihr nun doch erst mal Freiheit. Laßt sie von Ida lernen, was sie von Haus und Garten wissen muß, damit sie auch solche Goldschwester wird wie die und nicht solche langweilige, gelbe Rübe wie die studierten Staatsratstöchter.«
»Nein, Hans Günther, das wird sie sicher nicht. Aber für das alles haben wir auch nebenher unsere Zeit, nicht wahr, Mäuschen? Das ist unser Geheimnis. Im übrigen aber muß ich doch Else recht geben: einen ordentlichen Schulsack muß sie erst haben. Den haben wir auch gehabt. Weißt du noch, wie Vater darauf bestand, daß wir es mit der Schule genau nahmen, trotzdem du nicht immer darüber begeistert warst?«
»Schwester, Schwester, berühre keine alten Wunden! Aber recht habt ihr wohl. Mir ist bloß angst vor solcher gestrengen Gouvernante, die uns dann jeden Spaß verdirbt.«
Tante Ida mußte sehr lachen. »~Mademoiselle vite, vite~, wie du sie nanntest, steckt dir doch noch recht in den Gliedern! Aber ich glaube, wir brauchen gar keine, eben weil wir alle unsere Sache ernst genommen haben. Herr Pastor sprach neulich sehr erfreut davon, daß du an ihn geschrieben. Er wird gern Hanni an Klärchens Stunden teilnehmen lassen, und ich glaube, er ist recht auf der Höhe. Wenn sie nun jeden Morgen mit dem Pony hinüberführe und nachmittags versuchten wir hier unser Heil! Was meinst du, Else? Klavierstunden willst du ihr sicher geben? Du spielst so schön.«
»Meint ihr, daß es noch reicht? Ach ja, ich denke, es soll gehen. Und Handarbeit mußt du ihr zeigen, Ida; darin bist du Künstlerin!«
»Gewiß, zu gern!«
»Und Literatur wollten wir doch miteinander treiben, Tante Ida – bitte!«
»Sicher, Kind. Mit Begeisterung unsere Dichter zusammen studieren, das wird herrlich sein! Aber mit den Aufsätzen gebe ich mich nicht ab! Da haben die Herren Schulmänner allerhand Grundsätze, die ich gar nicht teilen kann. Das kann Herr Pastor besorgen.«
»Himmel, wird das eine Gelehrsamkeit,« seufzte der Major; »ich muß dann wohl zufrieden sein, wenn ich am Sonntag noch einen Zipfel von euch erwische?«
»O nein, Vater, zum Spazierengehen oder besser -fahren ist immer noch Zeit. Du wirst sehen, es wird herrlich! – Sag mal, Tante Ida, ist die Klara – oder wie sagtest du? – nett?«
»Ein allerliebstes Mädchen. Ihr werdet euch sicher anfreunden!«
»Ja, dann müßten wir dieser Tage einmal hinüberfahren, Pastors zu begrüßen, bevor wir sie Sonntag in der Kirche sehen. Und am Sonnabend fahren wir zu meinem alten Freunde Rantzau nach Buchdorf, und sehen, wie es dort geht. – Damit wären denn wohl die äußeren Angelegenheiten in Ordnung. Jetzt halte ich das Stillsitzen nicht länger aus. Auf Wiedersehen zu Mittag!«
Man sah ihm an, mit wie innerlichster Befriedigung er sich an die Arbeit begab, die ihm von Kind auf die allerliebste gewesen war. Und auch Frau Gerloff ließ sich von ihrer Schwägerin herumführen. Sie war in der Stadt geboren und erzogen und wußte gut, daß es viel zu lernen gab, bevor sie sich in diesen großen, musterhaft geordneten Haushalt hineinfinden würde. Mehr als einmal sagte sie mit Herzlichkeit: »Ein Glück, Ida, daß dein Altenteil nicht weit ab ist und daß du die Ruhe noch nicht absolut brauchst! Einstweilen wirst du noch sehr oft raten müssen und sagen, wie alles sein soll!«
»Das tue ich auch herzlich gern. Aber du wirst sehen, Mamsell ist eine tüchtige Person, von der du viel Hilfe haben kannst. Und die Mädchen sind auch recht ordentlich.«
»Ja, und du versprichst mir, dein Auge über allem zu behalten und mir ehrlich zu sagen, wo etwas fehlt. Dann wird es schon gehen.«
Die beiden schüttelten sich herzlich die Hände. Es ist auch nie ein Schatten auf ihre gemeinsame Arbeit gefallen.
6. Kapitel.
Hundstage.
Die geplanten Besuche und die Regelung des Unterrichts waren nach Wunsch verlaufen, und bald war das Leben in so festem Geleise, daß die wenigen Wochen bis zu den Ferien im Fluge dahingingen und bevor man’s gedacht, der Tag vor der Tür stand, der die ersehnten Gäste herbeiführen sollte.
Das gab eine Geschäftigkeit für Tante Ida und ihren Adjutanten, wie der Major Hanni nannte. Die Versorgung der Gastzimmer hatte die Tante einstweilen sich selbst und ihrem alten Stubenmädchen vorbehalten, und nun war es von größtem Interesse für Hanni, alle zur Verfügung stehenden Zimmer zu prüfen, und zu beraten, welche für die lieben Freunde die schönsten sein würden. Ihr Sinn stand nach einem Erkerzimmer mit einer Kammer daneben; aber »das muß für die beiden Oberinnen freibleiben,« sagte Tante Ida. »Es sind alte, würdige Cousinen von uns, die jeden Sommer einige Wochen zu Besuch kommen.«
»Dann nehmen wir den Sommersaal, nicht?«
»Nein, Hanni, ich glaube nicht; da ist kein Nebenraum, und es ist gar nichts für die liebe Platen, die Trabanten immer alle um sich zu haben. Ich meine, wir machen für Käte unser kleines Vorzimmer zurecht, dann hast du sie dicht bei dir.«
»O Tante Ida, wenn das ginge, das wäre das allerschönste!«
»Ja, und deine Tante könnte Nr. 6 bekommen und die drei Jungen in der Kammer daneben schlafen.«
»Gewiß, Tante Ida; aber darf ich mal eins sagen? Dürfte nicht Ernst die Kammer ganz für sich allein haben, und für die Zwillinge machten wir eine kleine Ecke im Zimmer der Mutter zurecht? Du sollst Ernst bloß kennen lernen. Den möchte ich zu gern mal ordentlich anwärmen. Der arme, kleine, magere Wicht kommt mir oft vor wie ein kümmerliches Bäumchen, dessen Wurzeln keinen rechten Platz haben. Ich möchte ihn schön in die Sonne pflanzen, um ihn graben und ihn tüchtig begießen. Du solltest sehen, wie er die Zweige recken würde!«
»Und du meinst, diese Kammer wäre ein so besonders lockerer Boden für ihn?« neckte die Tante.
»Böse Tante Ida,« wehrte die Kleine ab, indem sie sie tüchtig drückte und küßte. »Ich meine, wenn er irgend einen kleinen Besitz für sich allein hat, wenn er sieht, daß man ihm Freude machen will und niemand ihn stört, das müßte ihm so gut tun!«
»Ganz sicher, mein Mäuschen, und du kannst ihm seinen kleinen Zwinger so schön machen wie du willst. Wenn du Hilfe brauchst, so bitte nur meine Luise.«
Mit Feuereifer begab sich Hanni an die Arbeit. Der Hausboden war ein wunderbares Feld für ihre Forschungen. Hoch getürmt standen dort alte Kinderbettchen, Spinnräder, seltsame Geräte, von deren Gebrauch sie sich gar keinen Begriff machen konnte. Besonders verheißungsvoll erschien ihr eine schwere Kiste, die abseits stand – und wirklich, als mit Mühe der Deckel gehoben war, konnten die Augen gar nicht gleich alles fassen, was sich ihnen bot. Die seltsamsten, ganz alten Spielsachen kamen zum Vorschein. Sorgfältig eingewickelte, übergroße Puppen in verblichenen seidenen Kleidchen, allerliebstes Kochgeschirr, kleine Waffen und Handwerksgeräte für Jungen. Sie war überglücklich über ihren Fund und lief zur Tante, um zu fragen, ob sie von den Sachen aus der Kiste welche herunterholen dürfe.