Handbuch der Pharmakognosie

Part 2

Chapter 23,076 wordsPublic domain

+Die Aufgaben der reinen Pharmakognosie sind rein wissenschaftliche.+

Die Aufgaben der reinen +Pharmakobotanik+ sind nur zu lösen, wenn die systematische Botanik, die Morphologie, die Anatomie (und Entwicklungsgeschichte), sowie die Physiologie der Pflanzen als Hilfswissenschaften herangezogen werden. Die Feststellung der Stammpflanze, des morphologischen Aufbaues des als Droge benutzten Organs und des anatomischen Baues desselben sind selbstverständliche Elemente der Pharmakobotanik, nicht nur der deskriptiven, sondern auch der diagnostischen (z. B. bei der anatomischen Wertbestimmung eines Pulvers), aber auch die Physiologie, ja sogar die Pathologie der Pflanzen müssen oft herangezogen werden, z. B. bei dem Harzfluß, bei der Feststellung der besten Einsammlungszeit, bei der Beurteilung des Fermentierungsprozesses, dem viele Drogen unterworfen werden. Hier spielen bisweilen sogar bakteriologische Fragen mit hinein. Die chemische Physiologie ist von größter Wichtigkeit. Viele Fragen der Pharmakophysiologie sind experimenteller Behandlung zugänglich und gerade durch sie wird die Pharmakognosie aus einer rein beschreibenden zu einer experimentellen naturwissenschaftlichen Disziplin. Die Einführung der Pharmakophysiologie in das Arbeitsprogramm der Pharmakognosie bedeutet also eine wissenschaftliche Vertiefung und Erweiterung der Aufgaben unserer Wissenschaft und eröffnet ganz neue und weite Perspektiven.

Man muß geschulter Botaniker sein, um Pharmakobotanik wissenschaftlich betreiben zu können. Doch sei betont, daß die Pharmakognosie keine botanische Disziplin, sondern die Botanik nur eine der Hilfswissenschaften ist. Schon 1879 sagte ~Buchheim~: «Solange der Unterricht der Pharmazeuten in der Drogenkunde von einem botanischen Standpunkte ausgeht und vorzugsweise in den Händen von Fachbotanikern liegt, ist ein erheblicher Fortschritt dieser Disziplin nicht zu erwarten.»

Die +Pharmakozoologie+ spielt bei der geringen Zahl tierischer Drogen nur eine untergeordnete Rolle. Viele Lehrbücher ignorieren sie daher. Neuerdings (1895) hat ~Sayre~ die Aufmerksamkeit auf die tierischen Schädlinge der Drogen gelenkt. Ich werde im folgenden auch die Krankheiten der Arzneipflanzen behandeln, die ebenfalls hierher oder in das Gebiet der +Pharmakopathologie+ gehören.

Sehr wichtig ist die +Pharmakochemie+, die als Zweig der Phytochemie mit der rapiden Entwicklung der Chemie zwar nicht gleichen Schritt gehalten, aber doch gerade in den letzten 20 Jahren bedeutende Fortschritte gemacht hat. Sie bietet noch ein ganz ungeheueres Feld für die Forschung dar. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Drogen ist bis jetzt chemisch durchforscht, bei den untersuchten sind oft nur einige wenige oder gar nur ein Bestandteil gut studiert. Darauf kommt es aber bei der Pharmakochemie (im Gegensatz zur Phytochemie) nicht an. Sie muß -- und so faßten ihre Aufgabe schon die älteren Pharmakochemiker, wie ~Trommsdorff~, ~Pelletier~, ~John~ auf -- das Ensemble möglichst aller Bestandteile kennen lehren, denn die Wirkung der Droge ist nur selten das Korrelat eines Bestandteils, und meist eine Mischwirkung. Deshalb ist auch die Arbeitsweise bei pharmakochemischen Arbeiten eine andere, wie bei gewöhnlichen phytochemischen. Der Abbau des Drogenauszuges wird zur Hauptsache, das genaue rein chemische Studium eines isolierten Körpers und die Ermittelung seiner Konstitution Nebensache. Das sind dann Aufgaben, die eher der reinen Chemie zufallen, aber natürlich auch vom Pharmakochemiker gelöst werden können und gelöst werden sollen, wenn er die nötige Schulung besitzt. Denn auch in der Pharmakochemie ist man längst von der Reaktionschemie abgekommen und begnügt sich nur dort mit Reaktionen, wo ein anderer Weg noch nicht gangbar ist. Oft ist es schon jetzt möglich geworden, die Ergebnisse rein theoretischer pharmakochemischer Forschung auch praktisch zu verwerten. Zunächst ist ja das chemische Studium einer Droge oder eines ihrer Bestandteile reine Wissenschaft, es führt aber zur angewandten, beispielsweise durch Verwertung der Resultate zur chemischen Wertbestimmung und weiter zur Beurteilung der Einsammlungszeit u. dergl. m. Zahlreiche Drogen stehen ja schon jetzt unter ständiger chemischer Kontrolle. Man muß geschulter Chemiker sein, um Pharmakochemie wissenschaftlich treiben zu können, denn besondere Methoden gibt es in der Pharmakochemie nicht. Es muß dies deshalb betont werden, weil sich vielfach in den Kreisen der Chemiker die Ansicht breit macht, es gäbe eine besondere -- natürlich minderwertige -- «Apothekerchemie», und Botaniker bisweilen in wegwerfender Weise von einer «Apothekerbotanik» sprechen. Diese irrige Ansicht, die auf den Erfahrungen einer vergangenen Zeit beruht, wird dadurch am besten bekämpft, daß der Dilettantismus in der Pharmakobotanik und Pharmakochemie dauernd überwunden und nur botanisch und chemisch vollwertige Arbeit in der Pharmakognosie geleistet wird. ~Flückiger~ ging nicht ganz so weit wie ich hier gehe. Er meinte, die Pharmakognosie solle nur die chemischen Bestandteile aufzählen, die Lücken andeuten und zu ihrer Ausfüllung beitragen oder anregen, die +erschöpfende+ Behandlung der chemischen Bestandteile wies er der Chemie zu. Der +Mikrochemie+ sollte noch mehr Beachtung geschenkt werden als seither geschehen ist, denn es eröffnet sich hier die Möglichkeit, den Sitz der sog. wirksamen Bestandteile zu ermitteln.

+Physikalische Methoden+ werden nur selten in der Pharmakognosie benutzt. Immerhin sind das Kolorimeter, der Polarisations- und der Spektralapparat schon oft sowohl in der reinen wie in der angewandten Pharmakognosie mit Erfolg herangezogen worden.

Von großer Bedeutung ist die +Geographie+ für die Pharmakognosie. Sie sollte auch in den Vorlesungen viel mehr als bisher berücksichtigt werden. Die Kenntnis der Produktionsländer, der Ausfuhrhäfen und der Handelswege gehört zu einer erschöpfenden Behandlung der Droge. Und auch die Kulturen der Heil- und Nutzpflanzen sind ohne pflanzengeographische und klimatologische Kenntnisse nicht verständlich.

Sehr schwierige Gebiete sind +Geschichte+ und +Linguistik der Drogen+, z. B. die Etymologie der Namen. Um sie als Forscher treiben zu können, muß man außer Pharmakognost (und Botaniker) auch geschulter Historiker und Sprachforscher sein. Das dürfte sich selten zusammenfinden, und so gibt es denn auf diesem Gebiete die meisten Irrtümer (denn auch ein Historiker und Linguist, der nicht Pharmakognost ist, irrt oft auf diesem Boden) und das meiste ist noch zu tun. Merkwürdig ist es, daß jeder Pharmakognost, fast ohne es zu wollen, ganz unwillkürlich zu historischen Studien geführt wird. Kein Gebiet ladet ja so sehr dazu ein wie gerade das uralte der Heilpflanzen und Drogen.

Fast ganz vernachlässigt wurde bisher das Studium der +Verpackungen+ der Drogen. Der erste Versuch, sie zu sammeln, zu beschreiben und übersichtlich zu gruppieren, wurde 1893 im pharmazeutischen Institute in Bern gemacht. Zum vollständigen Bilde einer Droge gehören auch sie.

Da ich den «praktischen Zweck», von dem ~Wigand~ spricht, aus den Aufgaben der +reinen+ Pharmakognosie ausschalte, könnte man fragen, ob denn überhaupt die Pharmakognosie als selbständige +reine Wissenschaft+ Existenzberechtigung hat, da ja ihr botanischer Teil von Botanikern, ihr chemischer von Chemikern, ihr handelsstatistischer von Kaufleuten, ihr handelsgeographischer von Geographen, ihr historischer von Historikern betrieben werden könne. Und es hat ja auch nicht an Befürwortern gefehlt, die diese Teilung anstreben möchten. Aber die Selbständigkeit der Pharmakognosie als reine Wissenschaft hat die gleiche Berechtigung wie die Selbständigkeit der Pharmakologie und der Geographie. Die Pharmakologie setzt sich auch aus heterogenen Elementen (Chemie, Physik, Physiologie, Anatomie) zusammen, und verfolgt zunächst auch nur rein wissenschaftliche Ziele. Sie ist als eine «angewandte Physiologie» bezeichnet worden und doch wird jetzt keiner mehr ihr den Charakter einer selbständigen reinen Wissenschaft absprechen. Auch der Arzt hört auf der Universität reine Pharmakologie und treibt in der Praxis angewandte. Ebenso stecken in der Geographie ein ganzes Bündel von Wissenschaften (Geologie, Botanik, Zoologie, Meteorologie) und doch ist ihr selbständiger Charakter jetzt allgemein anerkannt.

Bei der Pharmakognosie sammeln sich alle Hilfswissenschaften in dem Brennpunkte der Pharmazie. +Die ganze Ausbildung des Apothekers prädestiniert ihn zum Pharmakognosten+, wie den Arzt zum Pharmakologen, und es sollten sich daher die Pharmakognosten nur aus Apothekern rekrutieren, da nur diese in allen, oder doch wenigstens in den hauptsächlichsten Hilfswissenschaften der Pharmakognosie gleichmäßig ausgebildet werden. Ich verkenne ja keineswegs die große Bedeutung der +angewandten Pharmakognosie+. Aber genau so wie der Mediziner reine Anatomie und Physiologie des Menschen hören muß, bevor er sie praktisch anwendet, genau so muß der Apotheker reine Pharmakognosie hören, bevor er in der Praxis angewandte treibt. Es muß also auch Vertreter der reinen Pharmakognosie, muß eine wissenschaftliche Pharmakognosie geben, wie es eine reine Anatomie und Physiologie geben muß. Sie darf nicht von vornherein eine angewandte Wissenschaft sein. Das hieße das Pferd am Schwanze aufzäumen. Kein Chemiker wird doch mit der angewandten Chemie beginnen. Die angewandte pharmazeutische Chemie war solange eine rein empirische Pröbelei, als sie sich nicht auf die reine Chemie stützte und sie zur Voraussetzung hatte. Und so ist ein wahrer Fortschritt in der angewandten Pharmakognosie nur möglich, wenn die reine Pharmakognosie als +reine Wissenschaft+ betrieben wird. Die Ziele der reinen Pharmakognosie aber sind einfach und klar vorgezeichnet und so wissenschaftliche, wie die aller anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen.

Von allen drei Disziplinen: Pharmazie, Pharmakognosie und pharmazeutische Chemie ist die Pharmakognosie die älteste, die pharmazeutische Chemie die jüngste. Die Rhizotomen waren die ersten Pharmakognosten, die ersten berufsmäßigen Kenner, Sammler und Beschreiber von Arzneipflanzen (_Rhizotomica_) und ~Dioskurides~ der erste hervorragende Lehrer der Pharmakognosie, da er zum Zwecke der Lehre Heilpflanzen beschrieb. Neue Impulse erhielt dann die Lehre von den Arzneipflanzen durch die Araber, die als die Schöpfer der Pharmazie in unserem Sinne, der dritten Schwester, betrachtet werden können, obwohl die pharmazeutische Kunst sehr viel älter ist, und wie uns die Tempelinschriften, die Papyri und die Keilschrifttafeln lehren, schon 3000 v. Chr. geübt wurde. ~Ibn Baitars~ Kitāb al-dschāmi al-kabīr (+liber magnae collectionis+) ist das bedeutendste Werk der arabischen Pharmakognosie, aber doch viel zu sehr auf fremde Autorität und zu wenig auf eigene Beobachtung aufgebaut. Die Pharmakognosie blieb lange eine «philologische» Wissenschaft. Als die eigentlichen +Patres pharmacognosiae+ müssen wir ~Monardes~, ~Clusius~ und ~Cordus~ betrachten. Sie stellten die eigene Beobachtung in die erste Reihe. Bei ihnen finden wir die ersten gedruckten, nach der Natur gezeichneten Abbildungen von Drogen und Heilpflanzen. Es war die Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien, die der Pharmakognosie neues Leben eingehaucht, ja sie eigentlich erst geschaffen hat. Aus dieser Zeit stammt denn auch die Errichtung des ersten Lehrstuhls der Pharmakognosie «+lectura simplicium+» 1533, in Padua, den ~Buonafede~ innehatte, der also der erste Professor der Pharmakognosie war. Dann blieb sie lange stehen, bis auf ~Pomet~, ~Nicolaus Lémery~ und ~Etienne François Geoffroy~, denen wir die ersten Lehrbücher der Pharmakognosie verdanken. Die beiden letztgenannten waren aus dem Apothekerstande hervorgegangene Ärzte, und bis in unsere Zeit haben sich zahlreiche Ärzte als Pharmakognosten erfolgreich betätigt (~Pereira~, ~Dierbach~, ~Schroff~, ~Phoebus~, ~Vogl~, ~Moeller~). ~Pereiras~ «+Elements of materia medica+»(1839) ist das beste Erzeugnis dieser Periode. Eine neue Epoche bezeichnet dann ~Guibourf~, der die Pharmakognosie, ganz losgelöst von der Medizin, als eine eigene, eine pharmazeutische Disziplin auffaßte, aber ohne ihren ganzen Gehalt auszuschöpfen. Dann trat die Pharmakognosie in ihre botanische Periode. An ihrem Anfang stehen die Namen ~Nees von Esenbeck~ und ~Jussieu~, und in ihrem Verlaufe waren es ~Schleiden~ und ~Berg~, ~Wigand~ und ~Oudemans~, ~Fristedt~ und ~Hanbury~, die am Ausbau der Pharmakognosie als botanische Disziplin mit großem Erfolge arbeiteten. Durch sie erhielt die Pharmakobotanik erst ihre eigentliche Gestaltung. Die Pharmakognosie verdankt ihnen außerordentlich viel. Die Einführung der Lupe und des Mikroskopes eröffnete neue Gebiete. Aber die Pharmakochemie kam zu kurz dabei. Es darf wohl auf den Einfluß, den die mächtig vorwärtsdrängende Chemie auf alle Gebiete der Naturforschung in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. übte, zurückzuführen sein, daß sich auch auf dem Gebiete der Pharmakognosie chemische Aspirationen bemerklich machten. Es ist ~Flückigers~ Verdienst der Pharmakochemie als gleichberechtigter Hilfswissenschaft neben der Pharmakobotanik zu der ihr zukommenden Bedeutung verholfen, gleichzeitig aber auch das Gesamtgebiet der Pharmakognosie durch Heranziehung von Geographie und Geschichte, Handelswissenschaft und Linguistik erweitert zu haben. +Die wissenschaftliche Pharmakognosie im modernen Sinne datiert von ihm und seinem «Lehrbuch der Pharmakognosie»+, das zum ersten Male alle Teile des Faches gleichmäßig behandelt. Es war nun nur noch nötig, die Einzelfächer weiter zu vertiefen, in die Pharmakochemie die Methoden der modernen Chemie, in die Pharmakobotanik die Methoden der modernen Botanik (z. B. die Entwicklungsgeschichte) einzuführen und die Einzelbeschreibungen unter allgemeinen Gesichtspunkten zusammenzufassen, also von der Analyse zur Synthese vorzuschreiten, um die Pharmakognosie auf die Höhe einer mit den anderen Naturwissenschaften ganz gleichwertigen Wissenschaft zu erheben.

So ist die moderne wissenschaftliche Pharmakognosie, nicht nur wegen der engen Beziehungen zur +Heil+kunde und der großen praktischen Bedeutung der angewandten Pharmakognosie für das öffentliche Leben die wertvollste -- nennt sie doch ~A. P. de Candolle~ «die unmittelbar nützlichste unter den menschlichen Kenntnissen»-- wegen der Zahl ihrer Hilfswissenschaften, die umfassendste, und wegen des wissenschaftlichen Wertes der letzteren, die tiefgründigste, sondern auch die bei weitem interessanteste der drei pharmazeutischen Disziplinen -- allerdings auch die am schwierigsten zu bewältigende. Eine wahre scientia regia! -- und historisch betrachtet, wie ~Schleiden~ sagt, «+die Mutter aller naturwissenschaftlichen Disziplinen+».

Jetzt steht sie freilich noch wenig beachtet im Winkel, aber es wird schon wieder eine Zeit kommen, in der man den Arzneidrogen und Heilpflanzen, deren Verwendung so alt ist wie das Menschengeschlecht, mehr Beachtung schenkt wie heute. Und wenn sich die Drogenkunde erst voll zur Drogenwissenschaft ausgewachsen hat, dann wird ihr auch der ihr zukommende Platz +neben+ der Chemie und Botanik und nicht +unter+ ihnen angewiesen werden.

Vielleicht grünet, das jetzt herfürkeimet mit der Zeit (~Paracelsus~).

«Je niedriger die Kulturstufe eines Volkes ist, desto kleiner ist die Zahl der Pflanzen, die für die praktischen Bedürfnisse der Menschen verwendet werden.» ~Björkman~.

II. Die Objekte der Pharmakognosie.

1. Die Droge.

In der oben (S. 6) gegebenen Definition des Begriffes und der Aufgaben der Pharmakognosie sind die Objekte der Behandlung kurzweg „Drogen“ genannt worden. Der Ausdruck ist in seiner Ableitung nicht ganz klar.

Im Französischen schreibt man drogue, droguiste, im Italienischen: droga, drogheria, im Spanischen: droga, drogueria, im Holländischen: droge, drogist, im Englischen: drug, druggist. Welcher Stamm aber dem Worte Droge zugrunde liegt, ist unsicher. Die einen (~Frisch~, ~Diez~) leiten das Wort von dem deutschen drog, droge, droêge, drög = trocken ab (im Niederdeutschen: droog, sächsisch: drêge, berndeutsch: troche, alt-bayrisch-österreichisch (Buch d. Natur): trucken, trücken, alt-englisch: dréze, holländisch: trook, in der heutigen Niederlausitzer Volkssprache: tre oder trëe); andere von dem keltischen droch = schlecht, noch andere von dem illyrischen drug = kostbar oder dem persischen (?) drogua = Betrug.

Es erscheint, wie ~Flückiger~ bemerkt, nicht sehr wahrscheinlich, daß die romanischen Sprachen das Wort aus den germanischen herübergenommen haben. Denn es waren zuerst romanische Völker (Italiener, Portugiesen, Spanier), die die Drogen nach Deutschland, Holland und England brachten. Doch ist es nicht ohne Beispiel, daß eine Bezeichnung von den Empfängern gegeben und von den Liefernden übernommen wurde.

Nur in England ist das Wort sicher bis in den Anfang des XIV. Jahrh. zurück zu verfolgen. In +Close Roll+ I Edw. III. 1. mem. 32 (einem Jahrbuch aus der Regierung Eduard III.) aus dem Jahre 1327 findet sich die Stelle: «Novem balas de +drogges+ de spicerie», dann 1386 oder 1388 (bei ~Chaucer Canterbury~ +Tales Prol.+ 426 Apothecaries): «to send him +drogges+» und 1398 (in ~Trevisas~ +Übersetz. d. Bartholomaeus de proprietatibus rerum+, gedr. 1495): «of stronge +drouges+». Dann auch 1513 (in ~Douglas~, +Aeneis+): «huilsum of small as ony spicery, Tryakle, +droggis+ or electuary», und 1655 in ~Thomas Gage~, +New survey of the West-Indias+ XVII: «+drugs+ for Chocolatte, also Apothecary drugs as Zarzaparilla». (Hier werden also bereits die «Arzneidrogen» von den anderen unterschieden!) Außer diesen Formen findet sich im Englischen noch: drogis, drougges, droigis, drugges, drougs, druggs, drogs, drugge, ja sogar später auch die Formen drogue und drogues! Das Wort war also im XIV. Jahrh. schon in England gebräuchlich und zwar in der ältesten Form ohne u.

Bei den lateinisch schreibenden Schriftstellern läßt sich das Wort Drogue bestimmt nicht weiter als bis ins XV. Jahrh. verfolgen. Es findet sich im +Dispensatorium ad aromatarios+ des ~Pseudo-Nicolai~, eines unbekannten Verfassers (Lugd. 1536) einer Kompilation aus dem XV. (?) Jahrh. (in einzelnen Teilen aber wohl älter). Dort heißt es: «Et voco +droguas+ medicinas magni precii quae ad nos deferentur a longinquis partibus», und der Verfasser zählt folgende «Drogen» auf: _Ambra_, _Amomum_, _Balsamus_, _Bombax_, _Ben album_ und _rubrum_, _Blacte bisaucie_, _Carpobalsamum_, _Camphora_, _Cassia lignea_, _Calamus aromaticus_, _Cardamomum_, _Cinnamomum_, _Cubebae_, _Celtica_, _Crocus_, _Doronicum_, _Folia_, _Galanga_, _Gariofili_, _Lapdanum_, _Lign. Aloes_, _Macis_, _Muscus_, _Malabatrum_, _Nux indica_, _Nux muscata_, _Piper_, _Ribes_, _Spica Nardi_, _Spongia_, _Spuma maris_, _Unicornum_, _Zinziber_, _Zedoaria_, _Zuccara_.

Das sind, wie ~Flückiger~ (Arch. d. Pharm. 1881) bemerkt, in der Mehrzahl Aromata und auch ~Garcia da Orta~ betrachtet diese Eigenschaft als wesentlich für den Begriff Droge: «aromaticum voco non odoratum -- quod vulgo +droguam+ vocant» (in der ~Clusius~schen Übersetzung, im spanischen Original steht droga, nicht drogua).

Es würde also ursprünglich das Wort Drogua oder Droga für einen wertvollen Arzneirohstoff, vorwiegend aus der Gruppe der Aromata gebraucht worden sein, wie das noch heute in dem illyrischen Worte für Droge dragomiris (drug = kostbar, miris = wohlriechend) zum Ausdrucke kommt. Doch scheint man auch schon im XVI. Jahrh. das «trocken» als wesentlich für den Begriff Droge betrachtet zu haben, da ~Marco Guazzo~, wo er davon spricht, daß die «+Drogherie+» der Drogensammlung (Spetieria) des ~Buonafede~ in Padua durch die Schiffe der Venetianer geliefert werden müssen, ausdrücklich von «cose secche di levante» spricht.

~Husemann~ meint, daß die oben genannte Stelle im Dispensatorium des ~Pseudo-Nicolaus~ der Ort sei, wo das Wort zuerst auftritt und von dem Verfasser wohl erfunden sei («et voco»). Der Verfasser ist unbekannt, könnte aber nach Lage der Sache ein im Orient lebender Kompilator sein oder ein aus orientalischen Quellen schöpfender, so daß der orientalische Ursprung des Wortes doch nicht ganz unmöglich wäre. (Sein Werk muß jedenfalls höher hinauf als ins XV. Jahrh. gesetzt werden, wohin es ~Choulant~ verweist.) Doch fehlt das Wort sowohl in den arabischen, spanisch-arabischen, algerischen und ägyptischen, persischen und türkischen Lexicis (~Hess~).

In Italien scheint schon im XV. Jahrh. der Ausdruck droga ganz gebräuchlich gewesen zu sein.

In +Convent. Saonae+ (1526) findet sich die Stelle: «pro quibuscunque generibus specierum s. aromatum et drogariarum», und +Drogaria+ wird in ~Canges~ Glossar. mediae et infimae latinitatis definiert: «aroma quodvis materia ex qua medicamenta et aliae compositiones conficiuntur».

In Frankreich findet sich das Wort «drogue» mit u (Provenc.: drogua) zuerst im XIV. Jahrh. in Nat. à l’alch. err.: «dissoudre et distiller Tes drogues pour les congeler Par alambics» (~Littré~). Dann im XV. Jahrh. bei ~Basselin~: «il n’y a chez l’apothicaire De drogue», auch 1484 in einer Verordnung über das Meisterstück der Apotheker, wo verlangt werden: «cognoissances de drogues». Im XVII. Jahrh. ist es allgemein gebräuchlich und wird z. B. auf den Titeln der Werke ~Pomets~ und ~Lémerys~ benutzt.

~Littré~ denkt bei der Ableitung auch an drwg (kelt. kimry), droug, drouk (breton.) und droch (irländ.), was soviel wie eine schlecht schmeckende Substanz (tout ce qui est mauvais) bedeutet, und von ihm auf den gewöhnlich schlechten Geschmack der Arznei bezogen wird (?). Merkwürdigerweise wird der Ausdruck drogue in Frankreich auch für ein eingekerbtes Holzstück benutzt, das dem Verlierer bei einem gewissen Spiele auf die Nase geklemmt wird!

In Deutschland scheint die Bezeichnung Drogist oder Trochist älter zu sein wie Droge. -- Droge kommt im Altdeutschen und Mittelhochdeutschen nicht vor, auch nicht in den Arzneibüchern des XVI. Jahrh. und wird erst im XVII. Jahrh. gebräuchlich, so daß ~Hörnig~ noch 1646 den Trochisten von den Trochisci viperini, die er einzuführen habe, ableiten konnte, was aber offenbar falsch ist (~Husemann~).

Ziehen wir aus Vorstehendem die Schlüsse, so müssen wir zugeben, daß die Herkunft des Wortes +Droge+, das wir in deutschen Texten am besten wohl ohne u schreiben werden, unsicher ist. Es war schon im Anfang des XIV. Jahrh. in der Form drogge in England und zu gleicher Zeit in der Form drogue in Frankreich ganz gebräuchlich, dürfte daher kaum von dem Kompilator des +Dispensatorium ad aromatarios+ erfunden sein, bei dem sich die Worte «et voco» wohl nur auf die Form «drogua» beziehen.