Handbuch der Pharmakognosie

Part 1

Chapter 12,802 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1909 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Schreibweisen für die Namen von Rohprodukten, Handelswaren, sowie Personen- und Ortsnamen sind nicht einheitlich. In mehreren nummerierten Listen fehlen einige Listenpunkte; dies wurde so aus dem Original übernommen.

Zur Kennzeichnung der ausgestellten Waren und Gerätschaften auf den Tafeln XXX und XXXI waren im Original die betreffenden Bezeichnungen auf ein Deckblatt aus transparentem Papier gedruckt. In der vorliegenden Fassung wurde die Beschriftung vom Bearbeiter direkt in die Abbildungen eingefügt.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Kapitälchen: ~Tilden~

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HANDBUCH DER PHARMAKOGNOSIE

VON

A. TSCHIRCH

ERSTER BAND

ALLGEMEINE PHARMAKOGNOSIE

LEIPZIG 1909 VERLAG VON CHR. HERM. TAUCHNITZ

HANDBUCH DER PHARMAKOGNOSIE

VON

A. TSCHIRCH

ERSTE ABTEILUNG

MIT 324 ABBILDUNGEN IM TEXT UND AUF EINGEHEFTETEN TAFELN, SOWIE 3 KARTEN UND 3 BEILAGEN

LEIPZIG 1909 VERLAG VON CHR. HERM. TAUCHNITZ

Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten

DIE VERLAGSHANDLUNG

Vorwort.

Während an Lehrbüchern der Pharmakognosie, besonders solchen, die auf botanischer Grundlage ruhen, kein Mangel ist, fehlt in der Literatur ein modernes illustriertes Handbuch der Pharmakognosie, in dem gleicherweise die botanischen (systematischen, morphologischen, anatomischen, physiologischen und pathologischen) wie die chemischen, handelstechnischen und handelsgeographischen, sowie endlich auch die historischen Verhältnisse und die bei der Kultur, Einsammlung und Erntebereitung der Drogen üblichen Methoden unter kritischer Benutzung auch der älteren Literatur und +auf Grund eigener Beobachtungen des Verfassers+ geschildert werden.

In dem vorliegenden Werke mache ich nun den Versuch, nach neuen Gesichtspunkten und auf breitester Basis +ein modernes Handbuch der Pharmakognosie+ zu schaffen. Seit 25 Jahren vorwiegend mit pharmakognostischen Fragen -- und zwar sowohl auf pharmakobotanischem wie auf pharmakochemischem Gebiete -- beschäftigt, trage ich als akademischer Lehrer seit Jahrzehnten Pharmakognosie nach neuer Lehrmethode vor, und habe in einem modern eingerichteten, mit einem grossen Drogenmuseum verbundenen Institute zahlreiche Schüler aus aller Herren Länder in dem Fache ausgebildet. Diese von mir befolgte und in der Praxis des Lehramtes erprobte Methode wurzelt in der Erkenntnis, dass die Pharmakognosie nicht nur ein Zweig oder Anhängsel der Botanik ist, sondern eine +selbständige Wissenschaft, zu der auch in sehr hervorragendem Masse die Chemie, speziell die physiologische und Pharmako-Chemie, als Hilfswissenschaft gehört+, zu der Sprachen- und Länderkunde, Geschichte und Handelsgeographie ihr Scherflein beitragen und die nicht nur eine Sammlung von nebeneinander gestellten Tatsachen ist, sondern die lebensvolle Verknüpfung derselben unter höheren Gesichtspunkten erstrebt. Ich versuche zu zeigen, dass zahlreiche Fragen der Pharmakognosie experimenteller Behandlung zugänglich sind und dass ganz besonders die Einführung der Pharmakophysiologie in das Arbeitsprogramm der Pharmakognosie zu einer wissenschaftlichen Vertiefung der Pharmakognosie führt und sie aus einer rein deskriptiven zu einer experimentellen naturwissenschaftlichen Disziplin erhebt.

Um mir ein eigenes Urteil zu bilden, habe ich aber nicht nur in Gemeinschaft mit meinen Schülern einzelne Gebiete der Pharmakognosie, wie das der Harze, der Abführmittel, der Samendrogen usw., chemisch und botanisch durchgearbeitet, sondern auch die wichtigsten Einfuhrhäfen Europas und ihre Dockhallen besucht und bin ein Jahr nach Indien gegangen, um die +Indischen Heil- und Nutzpflanzen+ an Ort und Stelle zu studieren. Ich habe sie in einem besonderen Werke geschildert. In langjährigen Laboratoriumsarbeiten sind dann die dort und bei Reisen durch die Länder Europas gesammelten Materialien bearbeitet worden.

Der»+Anatomische Atlas+«, den ich mit Professor ~Oesterle~ herausgegeben habe und bei dem die entwicklungsgeschichtliche Methode auf pharmakognostisches Gebiet verpflanzt wurde, war eine der Früchte dieser Studien. Er beschränkt sich auf Pharmako-Morphologie und Pharmako-Anatomie. Das +Handbuch+ geht weiter und zieht auch alle anderen Hilfswissenschaften mit herbei. So werden hier zum ersten Male eingehend die +Arzneipflanzenkulturen+ und die zahlreichen +Methoden der Erntebereitung+ (Fermentieren, Rollen usw.), die pharmakogeographischen +Drogenreiche+, die Verhältnisse des +Grossdrogenhandels+ und die +Handelswege+, die Behandlung der Droge im Einfuhrhafen und die +Handelssorten+ und +Packungen+ unter Beifügung von Karten und zahlreichen, z. T. von mir selbst auf meinen Reisen aufgenommenen Abbildungen eingehend und auf +Grund eigener Erfahrungen+ und Erkundigungen bei zuverlässigen Gewährsmännern behandelt. Dann aber ist auch ganz besonders der in den modernen Lehrbüchern der Pharmakognosie stark vernachlässigten +Chemie der Drogen+, die ja in den letzten 15 Jahren die grösste Wandlung erfahren hat, Aufmerksamkeit gewidmet worden.

Einen breiten Raum nimmt die +Geschichte der Pharmakognosie+ ein, die im allgemeinen Teile behandelt wird. Hier kam es mir besonders darauf an, den Leser zu den Quellen zu führen und alles Wesentliche aus denselben aufzuführen, so dass dieser Teil eine ganze Bibliothek ersetzen wird. So werden z. B. alle Pflanzen des ~Dioscurides~, des ~Theophrast~, der ~Hildegard~, vollständige Listen der Drogen des ~Cordus~, die Alphita, Circa instans, die Tabula des ~Simon Januensis~, die Liste des ~Serapion~ u. a. m. in extenso mitgeteilt.

Zum ersten Male wird auch hier der Versuch gemacht, die +Entwicklung der Pharmakognosie+, gestützt auf Quellenstudien, in ausführlicher Weise zu schildern.

Ein Gebiet, das in den Lehrbüchern in der Regel ebenfalls vernachlässigt wird, das +ethnologische+ (Betelkauen, Opiumrauchen, Matetrinken, Pfeilgifte usw.), findet ebenfalls +Berücksichtigung+ und auch die +Linguistik+ und +Etymologie+ ist dort, wo es nötig erschien, mit herangezogen. Sodann sind auch der +Bibliographie+ einige Kapitel gewidmet, +fehlt doch bisher eine Bibliographie der Pharmakognosie+ ganz. -- Und wenn endlich auch dem +Unterrichte in der Pharmakognosie+ die Aufmerksamkeit zugewendet wird, so dürfte dies gerade heute, wo über die Frage: +was ist Pharmakognosie und wie soll man sie treiben+? -- vielfach noch Unklarheit herrscht, vielen willkommen sein und zur Klärung der Anschauungen beitragen.

Dass überall den Fragen der +Angewandten Pharmakognosie+ (Verfälschungen, Prüfung auf Reinheit und Gehalt, mikroskopische und chemische Analyse, Aufbewahrung usw.) gebührende Beachtung geschenkt wird, ist selbstverständlich.

So entrollt sich in dem Werke, das das Resultat der auf alle Gebiete der Drogenkunde ausgedehnten Lebensarbeit des Verfassers darstellt, ein Gesamtbild der Pharmakognosie im weitesten Sinne. Wir sehen, zu wie zahlreichen Disziplinen +die Drogenkunde, die nunmehr sich zu einer Drogenwissenschaft ausgewachsen hat+, -- gebend und empfangend -- in Beziehung steht und wie wichtig sie nicht nur für den +Apotheker+, sondern auch für den +Arzt+, den +Medizinalbeamten+, den +Chemiker+, den +Drogisten+, kurz alle die, welche mit Arzneidrogen in Berührung kommen, ist, die alle ohne Ausnahme aus ihrem Borne schöpfen werden. Das Buch wird vielen die Augen darüber öffnen, ein wie ungeheuer reiches und +interessantes+ Gebiet die Pharmakognosie ist, wie viele grosse Ausbeute versprechende Bezirke desselben noch unerschlossen sind und wie sehr +gerade diese+, in ihrer Anwendung auf die pharmazeutische Praxis so eminent wichtige +Disziplin+ wissenschaftlicher Behandlung und Vertiefung zugänglich ist.

Pharmazeutisches Institut der Universität +Bern+. TSCHIRCH.

Inhaltsverzeichnis zur ersten Abteilung.

Allgemeine Pharmakognosie: Seite

Erste Abteilung, Allgemeines.

I. +Begriff und Aufgaben der Pharmakognosie+ 3

II. +Die Objekte der Pharmakognosie+:

1. Die Droge 14

2. Paralleldrogen und Quid pro quo 18

3. Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes 23

III. +Pharmakoërgasie+:

Kultur, Einsammlung und Erntebereitung:

1. Kultur der Arzneipflanzen 28

2. Einsammlung 75

3. Erntebereitung 104

IV. +Pharmakoëmporia+ 145

1. Handelswege:

a) Handelswege in früherer Zeit 145

b) Handelswege in unserer Zeit 156

2. Die Behandlung der Droge im Einfuhrhafen 166

3. Produktions- und Exportziffern 182

4. Maße und Gewichte 185

5. Handelssprache 186

V. +Pharmakodiakosmie+ 187

1. Handelssorten 187

2. Verpackungen 203

VI. +Pharmakognostische Systeme+, Bibliographie der Hand- und Lehrbücher der Pharmakognosie, sowie verwandter Zweige, von ~Pomet~ an 216

VII. +Die für die Pharmakognosie in Betracht kommenden Zeitschriften, Jahresberichte, Institutspublikationen, Handels-, Ausstellungs- und Kongreßberichte+ 247

1. Zeitschriften 247

2. Jahresberichte 253

3. Institutspublikationen 253

4. Handelsberichte und dergl. 255

5. Ausstellungsberichte 256

6. Kongreßberichte 257

7. Bibliographie 257

VIII. +Der Unterricht in der Pharmakognosie+ 260

IX. +Angewandte Pharmakognosie+ 275

1. Prüfung der Drogen auf Identität und Reinheit 276

2. Aufbewahrung der Drogen 284

X. +Die Beschreibung der Droge+ 286

Erster Teil.

Allgemeine Pharmakognosie.

~Pfaff~ nennt die Pharmakognosie «+physiographische Arzneimittellehre+» und rechnet sie zur Pharmakologie, ~Göbel~ «+pharmazeutische Warenkunde+», ~Fristedt~«+organische Pharmakologie+», ~Flückiger~ und ~Hanbury~«+Pharmacographia+», die Engländer «+materia medica+», die Franzosen «+matière médicale+». Auch der Ausdruck «+Drogenkunde+», «+Histoire des drogues+», ist gebräuchlich. Der von ~Humphrey~ (1902) vorgeschlagene Ausdruck +Pharmacopaedia+ (παιδεία = Wissenschaft) hat sich noch nicht eingebürgert, obwohl gerade in ihm der wissenschaftliche Charakter der reinen Pharmakognosie gut zum Ausdruck kommt. Ich hätte ihn gern als Titel benutzt, wollte aber nicht den eingebürgerten Ausdruck Pharmakognosie unterdrücken.

Die Pharmakognosie ist, wie alle pharmazeutischen Wissenschaften, aus der Medizin, speziell der Arzneimittellehre (Pharmakologie), hervorgegangen und wurde erst seit dem ersten Drittel des XIX. Jahrh. von dieser ganz abgetrennt.

Eigentlich hat schon ~Dodart~ in seinen «+Mémoires pour servir à l’histoire des plantes+»(Pariser Akademie 1676) die Aufgaben der Pharmakognosie vorausschauend ganz richtig erkannt, wenn er auch der von ihm in ihren Zielen klar vorgezeichneten Wissenschaft nicht diesen Namen, ja überhaupt keinen Namen gab. Er fordert folgendes: 1. Beschreibung der Pflanze, 2. Abbildung derselben, 3. Kulturregeln, 4. Festsetzung der Heilkräfte, 5. Feststellung der chemischen Natur. Das ist ungefähr auch der Umfang der heutigen Pharmakognosie mit Einschluß eines Teiles der Pharmakologie, die wir jetzt abtrennen.

Die von ~Martius~ gegebene Umgrenzung (s. oben) hat sich im Laufe von 75 Jahren in doppelter Weise verschoben. Zunächst wurden die Vertreter des «Dritten Reiches» ausgeschieden und der sich selbständig entwickelnden pharmazeutischen Chemie überwiesen und die Pharmakognosie auf Pflanzen und Tiere beschränkt. So entstanden die drei pharmazeutischen Disziplinen: Pharmakognosie, Pharmazie und pharmazeutische Chemie, wie sie noch heute bestehen. Dann aber entwickelte sich die Pharmakognosie, speziell die des Pflanzenreiches, immer mehr zu einer umfassenden selbständigen +Wissenschaft+ mit zahlreichen Hilfswissenschaften. Der Begriff Pharmakognosie, wie wir ihn heute meist verstehen, ist von ~Flückiger~ (in der «Pharmakognosie des Pflanzenreiches», I. Aufl. 1867, II. Aufl. 1883, III. Aufl. 1891) geschaffen und von ~Flückiger~ und mir (in den «Grundlagen der Pharmakognosie», II. Aufl. 1885) näher erläutert worden, also besonders von dem Gelehrten, der die Pharmakognosie, die im Begriffe stand, zu einer seichten Warenkunde zu versimpeln oder im Schlepptau der Botanik zu segeln und ein bescheidenes Dasein als Anhängsel derselben zu fristen, +ganz auf eigene Füße stellte und mit wahrhaft wissenschaftlichem Geiste erfüllte+, die +Drogenkunde+ also zu einer +Drogenwissenschaft+, die Pharmakognosie zu einer Pharmakopädie machte. ~Flückiger~ betonte, daß die Pharmakognosie +eine selbständige Wissenschaft+ und keine rein botanische Disziplin ist, und daß als Hilfswissenschaften außer Botanik in erster Linie die Chemie, dann aber auch die Geographie und die Geschichte herbeigezogen werden müssen. Ich habe dann diesen Gedanken weiter gesponnen (In dem Aufsatze «Die Pharmakognosie als Wissenschaft», Pharm. Zeit. 1881). Die Bedeutung der Chemie als einer gleichberechtigten Hilfswissenschaft neben der Botanik hob übrigens auch ~Buchheim~ (1879) hervor. Die Anatomie war schon seit ~Schleidens~ berühmt gewordener Untersuchung über die _Sarsaparille_, und ~Bergs~ +Atlas+ als notwendige Hilfswissenschaft erkannt worden. Die Entwicklungsgeschichte ist dann von mir (im «+Anatom. Atlas+») hinzugefügt worden, indem ich den Satz vertrat, daß die richtige Deutung pharmakoanatomischer Tatsachen oft nur durch das Studium der Entwicklungsgeschichte möglich ist. Die moderne Morphologie war schon vorher durch ~Arthur Meyer~ (in der «+Wissenschaftl. Drogenkunde+») zur Lösung pharmakognostischer Fragen herbeigezogen worden, die Mikrochemie noch früher durch ~A. Vogl~. Die Geschichte der Drogen fand außer durch ~Flückiger~ besonders durch ~Schär~ und ~Hartwich~, die Ethnologie der Drogen durch ~Hartwich~ Förderung. Pharmako+physiologische+ Fragen habe ich mit meinen Schülern mit Vorliebe studiert. Der Gefahr, daß die in bester Entwicklung begriffene neue Wissenschaft, die sich einen Platz neben der Geographie und Pharmakologie erobert hatte, wieder dadurch verflache, daß sich botanisch oder chemisch ungenügend geschulte Kräfte mit pharmakognostischen Fragen beschäftigten, bin ich bei jeder Gelegenheit entgegengetreten und habe deshalb als Motto auf den Anatomischen Atlas, den ich mit ~Oesterle~ herausgab, die Worte gesetzt: «Die Pharmakognosie hat keine anderen Methoden wie die der reinen Botanik und reinen Chemie, wohl aber eine andere Fragestellung, andere Aufgaben und Ziele». In neuerer Zeit haben sich denn auch viele gut geschulte Chemiker (z. B. ~Jahns~, ~Hesse~, ~E. Schmidt~, ~Bourquelot~, ~Schlagdenhauffen~) mit pharmakochemischen, gut geschulte Botaniker (~Guignard~, ~Perrot~ und ihre Schule) mit pharmakobotanischen Fragen beschäftigt.

So zerfällt denn die moderne wissenschaftliche Pharmakognosie (wissenschaftliche Drogenkunde) in sehr zahlreiche (15) Zweige, die +selbständig betrieben werden können, aber von dem Lehrer der Pharmakognosie in ihren Grundzügen beherrscht werden müssen+. Es sind dies nach meiner Definition (vgl. ~Tschirch~, Was ist eigentlich Pharmakognosie? Zeitschr. des österr. Apoth.-Vereins, 1896 und Pharm. Zentralh. 1907, S. 283):

1. +Pharmakoërgasie+ (von ἐργασία = Kultur), Kultur, Einsammlung, Erntebereitung.

2. +Pharmakoëmporia+ (von ἐμπορία = Großhandel), Handelswege, Ausfuhr- und Einfuhrhäfen, Behandlung der Droge im Einfuhrhafen.

3. +Pharmakodiakosmie+ (von διακοσμεῖν = Sortieren), Handelssorten, Verpackungen.

4. +Pharmakobotanik+, Systematik, Morphologie, Anatomie, Physiologie, Pathologie.

5. +Pharmakozoologie.+ -- 6. +Pharmakochemie.+ -- 7. +Pharmakophysik.+

8. +Pharmakogeographie.+ -- 9. +Pharmakohistoria.+

10. +Pharmakoëthnologie.+ -- 11. +Pharmakoëtymologie.+

Der Begriff Pharmakognosie hat sich also vertieft und erweitert. Und wir können die Definition jetzt so fassen: «+Unter dem Namen Pharmakognosie begreift man die Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, die Drogen pflanzlichen und tierischen Ursprungs nach allen Richtungen hin -- mit Ausnahme der physiologischen Wirkung -- wissenschaftlich kennen zu lernen, korrekt zu beschreiben und unter allgemeinen Gesichtspunkten miteinander zu verknüpfen+». Es soll «die Pharmakognosie bis zu einem gewissen Grade alles umfassen, was zu einer +monographischen Kenntnis der Arzneistoffe+ gehört»(~Flückiger~-~Tschirch~, Grundlagen), aber darüber hinaus +nicht nur ein Mosaik ohne inneren Zusammenhang schaffen, sondern eine lebensvolle Verknüpfung der Drogen auf Grund ihrer Bestandteile erstreben+». «La science ne consiste pas en faits, mais dans les conséquences que l’on en tire»(~Claude Bernard~). Ich betrachte also, und damit gehe ich über ~Flückiger~ und alle anderen Pharmakognosten hinaus, die Aufgabe der wissenschaftlichen Pharmakognosie nicht durch eine monographische Beschreibung der Drogen, auch wenn dieselbe noch so umfassend und ins Einzelne eindringend ist, als erschöpft, wennschon dies natürlich ihre nächste Aufgabe ist. Ich fasse ihre Aufgaben weiter, stecke ihre Ziele höher. +Letztes Ziel der Pharmakognosie ist die wissenschaftliche Verknüpfung der zusammengehörigen Drogen auf Grund ihrer wichtigsten Bestandteile.+ Denn nicht die botanische Beschreibung trifft das Wesen der Droge als Heilmittel. Die chemischen Bestandteile sind es, wegen deren wir die Droge als Heilmittel benutzen. Sie sind also das wichtigste. Oberste Aufgabe der Pharmakognosie wird es daher sein, die Drogen nach ihren Bestandteilen in Beziehung zueinander zu bringen, das Zusammengehörige zu vereinigen und so allmählich zu einem pharmakochemischen Systeme der Drogen zu gelangen, das zur Pharmakologie hinüberleitet. +Erst hierdurch wird die Drogenkunde zur Drogenwissenschaft, werden die Drogengeschichten zu einer Drogengeschichte.+

~Husemanns~ Vorschlag (in der Realenzyklop. d. ges. Pharmazie, I. Aufl.), die wissenschaftlichen Grundlagen der Pharmakognosie «allgemeine», die Einzelbehandlung der Drogen als «spezielle Pharmakognosie» zu bezeichnen, entspricht der üblichen Terminologie.

Dieser wissenschaftlichen oder reinen Pharmakognosie steht nun die angewandte Pharmakognosie zur Seite, die wesentlich praktisch-diagnostisch ist. Sie ist weniger eine Wissenschaft wie «eine Kunst für praktische Zwecke» (~Wigand~) und für den Apotheker von größter Bedeutung. Der Name «Angewandte Pharmakognosie» ist zuerst von mir gebraucht worden (~Tschirch~, Anwendung der vergleichenden Anatomie zur Lösung von Fragen der angewandten Pharmakognosie. Schweiz. Wochenschr. f. Chem. u. Pharm. 1897).

In den «Grundlagen» (1885) ist diese Abtrennung noch nicht gemacht. «Ganz besonders müssen wieder», heißt es dort, «aus diesem reichen Inhalte (des Gesamtbildes der Drogen) diejenigen Züge hervortreten, welche zu einer +raschen, annähernden Wertbestimmung+, zunächst ohne wirkliche chemische Analyse, führen können, wo dies nur irgend angeht.» Und auch ~Wigand~ sagt: «Der praktische Zweck steht obenan, ohne ihn würde die Pharmakognosie gar nicht existieren.» Dasselbe oder etwas ähnliches finden wir in ~Arthur Meyers~ Definition (1907), «die Pharmakognosie ist eine Disziplin, welche die Drogen in einer den Bedürfnissen der pharmazeutischen Praxis entsprechenden Weise wissenschaftlich zu bearbeiten hat.» Diese praktische Seite fällt jetzt zum Teil wenigstens der +angewandten Pharmakognosie+ zu.

+Aufgabe der angewandten Pharmakognosie+, deren Begriff sich etwa mit dem deckt, was ~Martius~ unter Pharmakognosie verstanden wissen wollte, ist es, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Pharmakognosie für die Praxis des Apothekers zu verwerten. Die Ergebnisse der +Pharmakobotanik+ dienen durch Vergleich der morphologischen Merkmale zur Feststellung der Identität der Heilpflanze und zur Feststellung etwa vorkommender Verwechslungen oder Verfälschungen. Die anatomische Untersuchung führt zu dem gleichen Ziel und läßt noch am Pulver Identität und Reinheit feststellen. Die Ergebnisse der Pharmakoërgasie und der Pharmakophysiologie führen zu einer praktischen Verbesserung des Anbaus der Heilpflanzen. Die Ergebnisse der +Pharmakochemie+ dienen dazu, zunächst durch qualitative Reaktionen die Identität festzustellen, dann aber durch quantitative Methoden zu einer Wertbestimmung zu gelangen.

Ausschließlich der wissenschaftlichen Pharmakognosie gehören an: Geographie, Geschichte, Ethnologie und Etymologie.

Die Beschäftigung mit +wissenschaftlicher Pharmakognosie+ ist Sache der Fachgelehrten (resp. ausreichend vorgebildeter Praktiker), die angewandte Pharmakognosie dagegen Sache der praktischen Apotheker.

In der Lehrzeit soll der Eleve die Elemente der Pharmakognosie an der Hand von Drogen und frischen, sowie Herbarpflanzen praktisch erlernen und namentlich so weit gebracht werden, daß er -- eventuell unter Zuhilfenahme der Lupe -- rasch die Identität einer Droge feststellen kann, also die Droge und Heilpflanze «kennt». Es ist dies zugleich ein vorzügliches Mittel beobachten zu lernen -- das Ziel jedes naturwissenschaftlichen Unterrichts.

Auf der Universität soll er die Grundzüge der wissenschaftlichen Pharmakognosie (in ihrer obigen weitesten Fassung) kennen lernen: durch allgemeine Vorlesungen über das Gesamtgebiet und Spezialvorlesungen über einzelne Teile der Pharmakognosie, mikroskopische und pharmakochemische, besonders auf die Wertbestimmungen gerichtete Übungen. Hierbei ist dann auch der Analyse pflanzlicher Pulver die gebührende Beachtung zu schenken. So ausgerüstet tritt dann der Apotheker in die Praxis, um hier die angewandte Pharmakognosie zu üben, und sich vor Betrug zu schützen. Denn die Drogen, ja sogar ihre Pulver lassen sich, und zwar meist mit der gleichen Schärfe wie die chemischen Präparate, auf Identität, Reinheit und Gehalt prüfen.