Handbuch der Pharmakognosie

Part 3

Chapter 33,169 wordsPublic domain

Die alten Griechen sprachen von ὕλη, d. h. Rohstoff (ursprünglich Holz) und nannten einen arzneilichen Rohstoff ὕλη ἰατρική -- so z. B. auf dem Titel von ~Dioskurides~ Arzneimittellehre. ~Galen~ braucht diese Worte als identisch mit materia medica. Die Lateiner des Mittelalters nannten die arzneilichen Rohstoffe Simplicia, im Gegensatz zu den zusammengesetzten Arzneimitteln (Composita), dieser Ausdruck findet sich, wie es scheint, noch nicht im IV. Jahrh. -- ~Apulejus Barbarus~ schreibt z. B. de medicaminibus herbarum, ~Placitus Papyriensis~ de medicamentis ex animalibus -- aber noch auf zahlreichen Schriften «de simplicibus» im XV. und XVI. Jahrh. und verschwindet allmählich erst im XVIII. Jahrh. Immerhin nennt noch 1730 ~Neumann~ die Drogen Simplicia, ~Valentini~ gab 1716 eine +Historia simplicium reformata+ und ~Monti~ 1724 +Exoticorum simplicium varii indices+ heraus.

In Holland ist bei den Apothekern der Ausdruck Simplicia für Drogen noch heute in Anwendung und auch in Frankreich nennt man sie «médicaments simples».

Berühmt ist des ~Matthäus Platearius~ +liber de simplici medicina+ (Circa instans) aus dem XII. Jahrh., und auch bei ~Constantinus Africanus~ (XI. Jahrh.) findet sich ein Abschnitt +de gradibus simplicium+. Der ~Macer Floridus~ aus dem X. Jahrh. schreibt aber noch de viribus oder de virtutibus herbarum.

Im +Dispensatorium Nicolai+ (XII. Jahrh.) beginnt das erste Kapitel: «Medicina alia est simplex, alia composita. Simplex est quae talis qualis eam natura produxit vel quae artificio paratur sine alterius admistione talis autem est sicut piper, scammonea et multae in hunc modum».

In diesen Worten liegt eine Definition des Wortes Simplicia und damit auch des Wortes Droge, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig läßt.

Da in dem jetzigen Sprachgebrauch das Wort «Droge» für alle Rohstoffe, mit Ausnahme der mineralischen, angewendet wird -- und zwar für trockene, im Gegensatz zu frischen Pflanzen und Tieren -- empfiehlt es sich, die technischen Rohstoffe als technische Drogen von den arzneilichen Rohstoffen, den =Arzneidrogen=, abzutrennen. Die Pharmakognosie beschäftigt sich, wie schon ihr Name sagt, nur mit den letzteren. Doch fasse ich den Begriff ziemlich weit und werde im Folgenden z. B. auch die Genußmittel (z. B. die Purindrogen), die ja auch gelegentlich Heilmittel sind und auch manches andere, z. B. einige Klebemittel, Farbstoffe usw. mit hineinziehen, da sich ja ganz scharfe Grenzen auch hier nicht ziehen lassen, und die Lehre von den technischen Rohstoffen auch vielfach auf pharmakognostisches Gebiet übergreift. Aber ich möchte doch nicht unterlassen zu betonen, daß die Verwendung des _Pfeffer_ als Gewürz, der _Quebracho_- und _Eichenrinde_ als Gerbemittel, von _Catechu_, _Rhabarber_, _Kamala_, _Indigo_, _Tournesol_ in der Färberei, des _Meccabalsam_, _Perubalsam_ und _Weihrauch_ zu rituellen Zwecken, des _Mohn_ zum Bestreuen von Backwerk, des _Sandelholz_ zu kunstgewerblichen Gegenständen, der _Hopfendrüsen_ in der Brauerei, eigentlich schon außerhalb der Pharmakognosie liegt. Endlich werden auch die Drogen noch eingehend behandelt werden, die zwar selbst mehr und mehr aus dem Handel verschwinden, die aber Ausgangsmaterialien für die Darstellung wichtiger chemischer Heilmittel bilden (_Cina_, _Podophyllum_, _Fol. cocae_).

«Freilich muß zugestanden werden, daß erhebliche Willkür in der Abgrenzung und Behandlung des pharmakognostischen Lehrstoffes nicht auszuschließen ist. Die Pharmakognosie ist keineswegs ein scharf begrenzter Wissenszweig, und darin liegt eben das Wesen und wohl auch ein besonderer Reiz des Faches, daß er die Hilfsmittel verschiedener Disziplinen zu dem einen Zwecke gründlicher Kenntnis der Rohstoffe des Arzneischatzes oder sonst vom Standpunkte der Pharmazie aus wichtiger Pflanzenteile oder Produkte verwertet»(~Flückiger-Tschirch~, Grundlagen).

Zu den +Arzneidrogen+ gehören nun aber sowohl die Pflanzendrogen wie die Tierdrogen, die arzneilich angewendet werden; also wenn man alle jemals arzneilich angewendeten Vertreter beider Reiche herbeizieht, ein ungeheueres Material. ~Dioscurides~ führt bereits gegen 500 Heilpflanzen auf, bei ~Plinius~ finden sich gegen 1000, bei ~Kaspar Bauhin~ ca. 6000 Pflanzennamen, überwiegend auch Heilpflanzen, die Alphita (XIII. Jahrhundert) verzeichnet 645, bei ~Cordus~ finden sich rund 800. In ~Schröders~ +Pharmacopoea medico-chymica+ (1641), die ca. 6000 Simplicia enthält, figurieren noch 150 Arzneistoffe aus dem Tierreiche. Noch ~Berg~ und ~Wittstein~ behandeln eine recht stattliche Anzahl. Diese nach Hunderten zählenden Arzneidrogen in der oben charakterisierten Weise wissenschaftlich abzuhandeln, nach allen Richtungen genau zu beschreiben, ist für einen Einzelnen ein Ding der Unmöglichkeit, da die überwiegende Zahl noch gar nicht genauer untersucht ist. Es ist aber auch gar nicht nötig, da die Zahl der noch heute wirklich arzneilich angewendeten Drogen relativ gering ist. Während die Gesamtzahl der seit dem Altertum jemals auf der Erde arzneilich benutzten Pflanzendrogen nach der ~Dragendorff~schen Liste (in den «+Heilpflanzen+», 1898) über 12700 beträgt -- ~Pickering~ führt gar in seiner allerdings unkritischen +History of plants+ (Boston 1879) ca. 15000 Arznei- und Nutzpflanzen auf -- werden jetzt in Deutschland, wie aus den Preislisten der Großdrogenhäuser hervorgeht, nur etwa 800 benutzt, und die Pharmakopoeen enthalten noch sehr viel weniger, das deutsche Arzneibuch IV 166 (dazu kommen im Ergänzungsbuch noch 171), die Edit. quarta der Pharmac. helvet. 218 Heilpflanzen und Drogen. Da es der modernen Heilkunde widerstrebt, Arzneidrogen zu benutzen, deren Zusammensetzung unbekannt oder ungenügend bekannt ist, hat sich die Zahl der von den Ärzten angewendeten Arzneidrogen seit der Mitte des XIX. Jahrh. fortdauernd verringert. Nur das Volk benutzt noch zahlreiche Pflanzen, die es teils selbst sammelt, teils kauft. In diese Verhältnisse erhält man erst einen Einblick, wenn man sich die Verkaufsziffern sog. obsoleter Drogen von einer größeren Drogenfirma verschafft. Man ist erstaunt, aus denselben zu ersehen, daß oft von den obsoletesten noch viele Zentner jährlich abgesetzt werden und doch kauft das Volk nur einen Teil beim Drogisten, viele werden in den Bauerngärten für den Hausgebrauch gebaut und die wildwachsenden selbst gesammelt. Einen Teil der «obsoleten» Drogen verwendet übrigens die Spezialitätenfabrikation.

Ich werde mich in diesem Handbuche auf die wichtigsten Drogen beschränken, diese aber eingehender behandeln.

Ausgeschlossen sind jetzt von der Pharmakognosie die +Mineralien+, die «lapides» der früheren Autoren, von denen die oben erwähnte ~Schröder~sche +Pharmakopoee+ noch 30 enthielt und alle +chemischen Präparate+ und +chemischen Rohstoffe+, die der pharmazeutischen Chemie zuzuweisen sind.

In den «Grundlagen» haben wir uns dahin ausgesprochen, daß die Substanzen auszuschließen seien, von denen die Chemie schon allein imstande ist, eine erschöpfende Schilderung zu gewähren, wie die Fette, Wachse, ätherischen Öle, Zuckerarten u. dergl. Ich möchte sie jedoch, soweit sie medizinische Anwendung finden, einschließen und nur die technischen Produkte der chemischen Rohstofflehre überweisen. Übrigens will ja auch ~Flückiger~ Ausnahmen zulassen.

Ganz ausgeschlossen werden die Bauhölzer und das Papier, während die Gespinstfasern wegen ihrer vielen Beziehungen zur Medizin -- die Baumwolle steht ja sogar in den Pharmakopoeen -- wenigstens teilweise behandelt werden müssen.

Einige Drogen sind beides, technische und Arzneidrogen. Von Arzneidrogen, die gleichzeitig z. B. auch als Farbdrogen zu betrachten sind, sei der _Rhabarber_, die _Hydrastis_ und die _Calumbawurzel_ genannt. Der (europäische) _Rhabarber_ ist in der Lyoner Seidenfärberei noch bis heute in Benutzung.

So spinnen sich zwischen der technischen und der medizinischen Rohstofflehre Fäden hinüber und herüber und es verwischen sich die Grenzen. Keinesfalls erscheint es aber zulässig, daß die technischen Rohstoffe einfach kurzweg als «Rohstoffe» bezeichnet werden, wie dies auf dem Titel von ~Wiesners~ Buche: +Die Rohstoffe+ geschieht. Zu den Rohstoffen gehören unbedingt auch die Arzneidrogen, die ja schon von ~Dioscurides~«arzneiliche Rohstoffe»genannt wurden.

Die +Stellung der Arzneidrogen im Systeme der Arzneimittel+ überhaupt geht aus folgender Übersicht hervor, die ich für die schweizerische Pharmacopoee (Edit. IV, 1907) entworfen habe.

+Arzneimittel+ (Arzneistoffe, Arzneisubstanzen, Arzneien, Medikamente) sind Substanzen oder Substanzgemenge, welche zur Verhütung oder Beseitigung abnormer Zustände oder Vorgänge im menschlichen oder tierischen Organismus oder zur Beschwichtigung störender, unangenehmer oder gefährlicher Erscheinungen in Anwendung gezogen werden. Sie zerfallen in folgende Kategorien:

I. In solche, die nicht in eine +Arzneiform+ gebracht worden sind (Arzneiwaren).

a) +Chemikalien+ mit Einschluß der anorganischen und organischen chemischen Präparate.

b) Pflanzliche und tierische +Rohstoffe+ oder +Arzneidrogen+.

II. In solche, die in eine Arzneiform gebracht worden sind.

a) +Einfache Arzneimittel.+

1. Die einfachen +pharmazeutischen+ oder +galenischen Präparate+.

2. Die organotherapeutischen, serumtherapeutischen, bakteriotherapeutischen und verwandten Präparate.

b) +Zusammengesetzte Arzneimittel+, aus mehreren Substanzen oder einfachen Arzneimitteln oder beiden zusammengesetzte Mischungen.

2. Paralleldrogen und Quid pro quo.

Die Organisation der menschlichen Rassen ist so wenig verschieden, daß auf der ganzen Erde bei allen Menschen ungefähr die gleichen Bedürfnisse nach bestimmten Genuß- und Heilmitteln bestehen. Da jedoch die Flora der Erde, die diese Genuß- und Heilmittel liefert, nicht überall dieselbe ist, so findet man auch nicht überall die gleichen Heilpflanzen. Das bestehende Bedürfnis kann nun auf doppelte Weise befriedigt werden, entweder durch Einfuhr der Droge von außen oder durch Aufsuchen von Paralleldrogen in der Heimat.

Die Einfuhr der Droge setzt das Bestehen von Handelsbeziehungen voraus. So gelangten viele wertvolle Drogen und Gewürze schon im Altertum aus Indien und Afrika in die Mittelmeerländer. Der _Costus_, der _Weihrauch_, die _Myrrha_, die _Asa foetida_, der _Zimt_ sind im Mittelmeergebiet nicht heimisch. Aber oft genug haben ganz isoliert wohnende Völker, von einem natürlichen Instinkte geleitet, von sich aus Heil- und Nutzpflanzen in der Flora ihrer Heimat aufgefunden, die in der Wirkung im allgemeinen mit denen übereinstimmten, die andere ebenso isoliert wohnende in ihrer Heimat auffanden. So entstanden, aus demselben Bedürfnisse geboren, die =Paralleldrogen=. Das klassische Beispiel bilden die Glieder der Gruppe der Purindrogen, die sämtlich, wie wir jetzt wissen, ihre Wirkung Purinkörpern verdanken. Das wußten aber die Völker nicht und wissen es auch heute nicht. Der Abyssinier hat die _Kaffeepflanze_, der Assamit den _Teestrauch_, der Zentralafrikaner die _Kolanuß_, der Bewohner des Amazonasgebietes die _Guarana_, der Zentralamerikaner den _Kakao_, der Brasilianer den _Mate_ aufgefunden und in Benutzung genommen, ohne davon eine Ahnung zu haben, daß anderwärts Drogen mit ähnlichen Bestandteilen und ähnlicher Wirkung in ähnlicher Weise benutzt werden. Es bestand ein Bedürfnis nach Anregungsmitteln und dies wurde aus der Flora des eigenen Landes gedeckt. Ein natürlicher Instinkt leitete das Volk und eine lange, einzelne Erfahrungstatsachen allmählich summierende Erfahrung tat das übrige. Ähnlich ist es mit den Bandwurmmitteln der Filixgruppe. Hier sehen wir in Europa _Aspidium Filix Mas_, in Finland und Schweden _Aspidium spinulosum_, in Südafrika _Aspidium athamanticum_ (die _Panna_), in Nordamerika _Aspidium marginale_ und _goldieanum_ dem gleichen Zwecke dienen, ohne daß das eine Volk vom anderen und seinen Bandwurmmitteln etwas wußte. Ähnlich verhält es sich mit den _Terpentinen_, dem amerikanischen, französischen und Tiroler (Lärchen-) _Terpentin_; mit dem kleinasiatischen, dem amerikanischen und Formosa-_Styrax_; mit _Podophyllum Emodi_ in Indien und _Podophyllum peltatum_ in Amerika; mit _Cort. frangulae_ und _Cascara Sagrada_; mit der _Rhiz. veratri alb._ Europas und der _Rhiz. veratri virid_. in Amerika. Die genannten sind Paralleldrogen, ein Ausdruck, der, soviel ich weiß, zuerst von ~Hartwich~ in dem Buche «+Die neuen Arzneidrogen+» (Berlin 1897) benutzt wurde. Der Ausdruck Ersatzdrogen, den ~Hartwich~ auch benutzt, ist weniger glücklich gewählt, da er voraussetzt, daß die eine die Hauptdroge, die andere das Ersatzmittel, gewissermaßen also nur ein Surrogat ist.

Die oben erwähnten Beispiele stellen also nur eine besondere Form der Paralleldrogen dar. Sie wurden gewissermaßen unbewußt gefunden. Man ging nicht etwa darauf aus, ein Bandwurmmittel oder ein Anregungsmittel zu suchen und musterte die ganze Flora daraufhin durch, sondern man beobachtete wohl einmal bei einem ganz gelegentlichen Genusse die eigenartige Wirkung, verfolgte die Sache weiter und kam so in den Besitz des Mittels.

Diesen aus dem Volke heraus geborenen Paralleldrogen stehen nun die bewußt gesuchten gegenüber. Dieselben datieren aus neuerer Zeit, sind aber zahlreicher als die vom Volke gefundenen, allerdings dafür auch in ihrem Werte umstrittener. Zu den Genußmitteln und Taeniciden traten die Herzmittel, die einen Ersatz der _Digitalis_ oder eine verbesserte Auflage derselben bilden sollten, die Abführmittel «ohne schädliche Nebenwirkung», die _Stomachica_, die _Diuretica_ u. a. m. Aber nur wenige derselben haben sich bisher behauptet und sind als ein bleibender Erwerb des Arzneischatzes zu betrachten. Immerhin soll auch ihnen im Folgenden Aufmerksamkeit gewidmet werden. Bestrebungen, die erst der neuesten Zeit angehören, sind die, welche darauf abzielen, für natürliche Pflanzenstoffe künstliche Ersatzmittel synthetisch darzustellen. So hat man für _Chinin_, _Emodin_ u. and. Ersatzmittel darzustellen versucht, ist aber meist zu ganz neuen pharmakologischen Individuen gelangt mit neuen Eigenschaften. Diese Bestrebungen liegen schon außerhalb des Rahmens der Pharmakognosie.

Der +Heilpflanzenschatz des Volkes+ ist noch lange nicht ausgeschöpft und für die Heilkunde wirklich nutzbar gemacht. Wenn die wissenschaftliche Medizin wieder mehr als heute zu den Drogen zurückgekehrt sein und die lange Liste, die ~Dragendorff~ in seinen +Heilpflanzen+ mitteilt, vorurteilslos durchmustern wird, dürfte sie manch eine finden, an der man jetzt während der Jagd nach neuen chemischen Heilmitteln achtlos vorübergeht. Dann werden sich nicht nur Paralleldrogen, sondern ganz neue pharmakologische Individuen finden, die aller Beachtung wert sind. Denn auch die Paralleldrogen sind doch niemals miteinander ganz identisch, sind nur ähnlich und jede zeigt wieder ihre besonderen Eigenheiten. _Kaffee_, _Tee_, _Kakao_, _Guarana_, _Kola_ und _Mate_ enthalten zwar alle Körper der Puringruppe, aber die begleitenden anderen Substanzen modifizieren so außerordentlich die Wirkung, daß keines dem anderen gleicht.

Nicht nur bei uns aber finden sich noch brauchbare, wenig beachtete Heilpflanzen, auch in den übrigen Weltteilen hat das Volk vieles entdeckt, was der wissenschaftlichen Heilkunde von Nutzen sein kann. Es gab aber auch wenigstens ehedem Leute, die die z. B. aus der Entdeckung Amerikas und der Auffindung des Seeweges nach Ostindien herrührende Vergrößerung des Arzneischatzes mit kritischen Augen ansahen und sich nichts Gutes davon versprachen, daß die Bewohner gemäßigter Klimate mit tropischen Heilmitteln behandelt wurden.

Auch ~Paracelsus~ bemerkt: «Wie kann man Krankheiten, die in Deutschland auftreten, durch Arzneimittel heilen, die Gott am Nil wachsen läßt».

Die uns heute so merkwürdig anmutende Idee, daß die Heilmittel der Völker, die in gemäßigten Klimaten wohnen, nur im gemäßigten Klima gesucht werden dürfen, und daß die Pflanzen der Tropen nur Heilmittel für tropische Völker sein können, war im Beginn des XVI. Jahrh. weit verbreitet.

«Dieu et nature ont donné à chascune province ce que est nécessaire pour la vie de celle region: car Dieu et nature ne abondent en choses superflues ne délaissent en choses nécessaires et utiles aux vivans», sagt z. B. ~Symphorien Champier~, der Verfasser des +Myrouel des Appothiquaires+, Lyon 1532 (oder 1533).

Dies merkwürdige Buch -- eine spätere Auflage trägt den Titel «+Le Mirouer des Apothiquaires+» -- ist von dem Lyoner Arzte ~Champier~ (Campese, Champerius, Camperius, Campegius, Campesius) (* 1471, † 1540) verfaßt und uns durch ~Dorveaux~ (Paris, Welter 1895) zugänglich geworden. Er hält dem Apotheker (Apothecarius, Pharmacopola) einen Spiegel (Myrouel = miroir) vor und weist, kräftig polemisch, auf zahlreiche wirkliche oder vermeintliche Irrtümer in der materia medica hin. Aber nicht nur in diesem, mehr noch in anderen Werken: +Castigationes+ (Lyon 1532), +Hortus gallicus+ (Lugdun. 1533), +De gallica theriaca+ (Lugdun. 1533) vertritt ~Champier~ die Ansicht, daß man die Heilmittel für Frankreichs Söhne in Frankreich suchen müsse. Er macht auch die verschiedensten Vorschläge. In den beiden letztgenannten Werken finden sich Kapitel «Analogia Medicinarum Judarum et Gallicarum» -- «Simplicia quae maxime valent contra veniem et quae in Gallia reperiuntur». _Lärchenschwamm_ soll den _Rhabarber_, _Flieder_ die _Aloe_, _Helleborus_ das _Scammonium_, die _Pflaumen_ die _Tamarinde_ ersetzen.

Das war nun freilich auch im XVI. Jahrh. nichts Neues mehr. Denn bekanntlich besitzen wir schon von ~Galen~ ein (übrigens wahrscheinlich unechtes, d. h. ihm nicht zuzuschreibendes) Werk, περὶ ἀντεμβαλλομένων, und auch die Araber (wie z. B. ~Avicenna~ und ~Abul Muna~ in seinem +Minhag ed dukkân+) und die ganze Salernitaner Schule lehrten, daß die Verwendung der naturgemäß meist (aber nicht immer) der heimischen Flora entnommenen +Succedanea quid pro quo+ oder +Antiballomena+ zulässig sei. Dem +Antidotarium+ ~Nicolai~ war gewöhnlich ein +Tractatus quid pro quo+ angehängt, ebenso dem +Ricettario fiorentino+ und dem +Dispensatorium des+ ~Cordus~, in dem z. B. (Autor: ~Sylvius~) als erlaubt bezeichnet wird _bittere Mandeln_ durch _Absinth_, _Coloquinten_ durch _Ricinus_, _Ingwer_ durch _Pyrethrum_, _Zedoaria_ durch _Aristolochia_ zu ersetzen. Und auch in dem +Compendium aromatariorum+ des ~Saladin von Ascolo~ (XV. Jahrh.), «dem ersten wirklichen Apothekerbuche in unserem modernen Sinne», ist als vierter Abschnitt ein quid pro quo eingefügt. Anfänge eines quid pro quo finden wir übrigens schon in einem griechischen Zauberpapyrus, den ~Leemann~ und ~Dieterich~ bekannt machten. In ihm finden sich auch Arzneidoppelbenennungen. Die Umnennung von Arzneistoffen in Rezepten ist also schon altägyptisch (~Oefele~).

Auch noch in späterer Zeit sind Bestrebungen aufgetaucht, die ausländischen Drogen durch heimische zu ersetzen. ~Tabernaemontanus~ vertrat in seinem +Kräuterbuch+ diese Idee in Deutschland, ~Bartholinus~ in der +Epistola de simplicibus medicamentis+ Hafn. 1669 in Dänemark, ~Beverovicius~ in Holland, ~Jean Praevotius~ in Italien. Aus der Schweiz stammt ein Schriftchen von ~Jac. Constant de Rebecque~«+Essay de la Pharmacopée des Suisses+: En laquelle l’on prétend faire voir que les Médicaments qui naissent en Suisse ou d’eux mêmes ou par artifice, sont suffisans pour composer une Pharmacopée entière et pour la guerison de toutes les maladies du Corps humain, Berne 1709», und aus Belgien: ~François Xavier Burtin~’s «+Mémoire sur la question: Quels sont les végétaux indigènes que l’on pourrait substituer dans les Pays-Bas aux végétaux exotiques relativement aux différens usages de la vie?+ Bruxelles 1784», sowie ~Pierre Engelbert Wauters~ gekrönte Preisschrift «+Repertorium remediorum indigenorum exoticis in medicina substituendorum+, Gaud. 1810», und «+de plantis belgicis in locum exoticarum sufficiendis+, Gaud. 1785».

Besonders aber in Frankreich fand die Lehre von der Ersetzbarkeit der ausländischen Simplicia durch einheimische auch dann noch Vertreter, als Frankreich selbst schon Kolonien besaß; ja bis in die allerneueste Zeit. Außer ~Champier~ (s. oben) traten besonders dafür ein ~Antoine Constantin Garidel~ (+Histoire des plantes+, Aix 1715), sowie ~Coste~ und ~Willemet~ (+Matière médicale indigène+ ou traité d. plant. nation. substit. avec succès à des végét. exot., Nancy 1793), ferner ~P. H. H. Bodart~ (+Cours d. bot. méd. comparée+ ou exposé des substances végétales exotiques comp. aux plant. indigènes, Paris 1810) und ~J. L. A. Loiseleur-Deslongchamps~ (+Flora gallica+ 1806, +Hist. médic. des succédanées+ 1830 und +Herbier général de l’amateur+ 1816, 1832 und 1839), sowie in neuester Zeit ~F. J. Cazin~ in seinem +Traité pratique et raisonné de l’emploi des plantes médicinales indigènes+ (Paris 1850. Fünfte Auflage 1886) und ~Gribault~ und ~Bouyssons~ in den +Plantes médicinales indigènes+ (Paris 1905). Und der Apotheker ~Mouchon~ hat 1856 ein Schriftchen verfaßt: +Monographie des principaux fébrifuges indigènes considérés comme succédanés du quinquina+, in dem er eine ganze Reihe von Ersatzmitteln der _Chinarinde_ aufführt, die aber alle nicht im entferntesten dies Standard-Heilmittel ersetzen können.

Dem Aufsuchen eines heimischen Ersatzmittels für den teuren indischen Zucker aus Zuckerrohr verdankt ja auch die Rübenzuckerindustrie ihre Entstehung. ~Marggraf~ fand 1747 dieselbe Zuckerart (Rohrzucker) in vielen heimischen Pflanzen.

Das Bestreben, den Arzneibedarf des Landes im Lande selbst zu decken, tritt auch in unserer Zeit vielfach hervor. «Schutzzoll!» «Schutz für die heimische Industrie» sind Schlagworte geworden. Und so tönt denn auch da und dort auch der Ruf: «Fort mit den ausländischen Arzneipflanzen! Decken wir den eigenen Bedarf im eigenen Lande!» Solche Bestrebungen treten z. B. neuerdings in Nordamerika hervor. In Frankreich in dem erweiterten Sinne, daß die These: «Alles aus Frankreich und seinen Kolonien!» auch in allerneuester Zeit von vielen. z. B. von ~Heckel~, verfochten wird. Der Chinese verwendet seit Jahrhunderten fast nur chinesische Drogen, wenigstens nur solche, die in China gebaut werden. Der Drogenschatz Chinas hat seit Jahrhunderten keine Bereicherung von außen her erfahren.

Der Sache liegt ja ein brauchbarer Gedanke zugrunde, indem bei uns besonders in der letzten Zeit die fremden Drogen gegenüber den einheimischen über Gebühr bevorzugt wurden -- man verfiel eben in das entgegengesetzte Extrem -- und sicher auch die heimische Flora manch brauchbares Arzneimittel liefern kann. Ich erinnere nur an das ganz obsolet gewordene _Equisetum_, das ein ganz ausgezeichnetes Diureticum ist. Aber wer wollte heutzutage auf _Rhabarber_ und _Aloe_, _China_ und _Ipecacuanha_, _Calabarbohnen_ und _Coca_, _Strophanthus_ und _Cubeben_, _Hydrastis_ und _Senna_, die sicher alle den alten Ehrentitel der «medicinae benedictae» verdienen, verzichten? Gewiß kann man in +manchen Fällen+ _Cascara Sagrada_ durch _Rhamnus Frangula_ ersetzen und auch an den Anbau von _Rheum palmatum_ in einigen Gebirgen Europas denken -- wozu schon ~Constant~ 1709 riet --, aber die einheimischen Pflanzendrogen sind doch nicht eigentlich Ersatzmittel der ausländischen, sondern +besondere+, in vielen Fällen gewiß sehr der Beachtung werte pharmakologische Individuen und die tropischen Heilpflanzen lassen sich nie und nimmermehr bei uns kultivieren.

Bei einem Heilmittel frägt man heutzutage nicht mehr woher es kommt, sondern ob es wirksam ist.

Eine sehr originelle Bestimmung hat das +Indian and Colonial Addendum der British Pharmacopoeia+. Es führt offizielle Ersatzmittel einiger in der britischen Pharmacopoee enthaltenen Drogen auf, +die aber nur in den jeweils näher bezeichneten Teilen des britischen Weltreiches als Ersatz dispensiert werden dürfen+. Das Addendum stellt folgende Zonen auf: