Handbuch der Pharmakognosie

Part 17

Chapter 172,654 wordsPublic domain

Hat die Anpflanzung der _Sago_palmen ihre Reife erreicht, so wird die Aberntung an Eingeborene verpachtet. Der Pächter läßt in der Pflanzung einen kleinen Schuppen, unter dem das Raspeln der Stämme vorgenommen wird, und eine Rohsago-Wäscherei primitivster Art herstellen. Dann werden die einzelnen Stämme gefällt, ihrer Krone entblößt und in 4–6 Fuß lange Stücke zerschnitten, die nun auf _Sago_-Blattrippen, die infolge ihrer Glätte dazu geeignet sind, nach dem Raspelschuppen gerollt werden, unter dem ein Bock, ähnlich einem primitiven Sägebock, aufgestellt ist. Nachdem die _Sago_-Stammstücke geschält sind, werden sie auf diesen Block gelegt und nun geraspelt, bis sie vollständig in grobe Flocken verarbeitet sind. Das hierbei in Anwendung kommende Instrument besteht aus einem etwa 1,5 m langen und ein Fuß breiten Brette mit zwei Handgriffen, durch welches kurze Nägel getrieben sind, deren hervorragende Spitzen ähnlich wie eine Stahlraspel sehr bald den fast korkigen _Sago_stamm vollständig in grobe Flocken zerreiben können. Die so gewonnenen Flocken werden zunächst auf einer Matte von _Sago_blättern durch Spülen und Treten gesiebt, das durchfließende Wasser, welches die Stärke ausspült und in eine Rinne abführt, wird in ein längliches Becken geleitet, in dem dann die sämtlichen Stärketeile, die sich nicht schon früher am Grunde der Rinde abgesetzt haben, zu Boden sinken, so daß das überfließende Wasser ziemlich stärkefrei ist. Nachdem eine genügende Menge Rohsagospäne in dieser Weise ausgewaschen ist und das Wasser in Rinne und Becken sich allmählich geklärt hat, wird nach Abfluß des Wassers der nun fertige Rohsago aus Becken und Rinne entfernt und aufgestapelt, bis genügend vorhanden ist, um in den Sagofabriken weiter verarbeitet zu werden. Die in dem Mattensieb zurückbleibenden Überreste, die aus den Fasern des _Sago_stammes und einer nicht unbedeutenden Menge daran haftenden _Sagos_ bestehen, werden entweder sofort entfernt oder mit frischen Spänen noch einmal gewaschen und dann als Schweinefutter verkauft.

Die _Sago_fabriken kaufen den Rohsago von den Eingeborenen an und reinigen ihn. Der Rohsago wird zu diesem Zwecke unter Wasser zum größten Teile gelöst und durch dünne Leinentücher mit lockeren Maschen getrieben. Zurück bleiben die Holzteile, welche als «_Sago_-Refuse» beiseite geschafft werden. Der durch die Tücher getriebene _Sago_ setzt sich am Grunde des Kübels ab, das Wasser wird entfernt und das _Sago_mehl in anderen Kübeln wieder mit Wasser aufgerührt. Dasselbe kommt nun in lange, nach ihrem Ende zu etwas abfallende Rinnen mit fließendem Wasser, welche am unteren Ende durch dichte Tücher, durch welche zwar das Wasser, aber nicht das _Sago_mehl hindurch laufen kann, verschlossen sind. Je nach der Höhe des sich am Grunde der Rinne absetzenden _Sago_mehls werden die Enden der Rinne durch dicht aufeinanderliegende Stäbe verschlossen. Nachdem so das Ende der Rinne vollständig geschlossen ist, wird das Wasser abgelassen und das _Sago_mehl in Blöcken entfernt. Ist hiernach das Mehl noch nicht rein genug, so wird die Prozedur wiederholt. Schließlich werden die Blöcke, nachdem sie halb getrocknet sind, zerstoßen und das Mehl durch ruckweises Hin- und Herschütteln in einem Tuche, das an zwei von der Decke des Schuppens herabhängenden Seilen befestigt ist, in kleine Kugeln, «Perlen», geformt. Die diese Arbeit verrichtenden Leute müssen besonders geschickt sein, da von der Art des Schüttelns die Größe der _Sago_kügelchen abhängt. Durch Siebe mit verschiedenen Maschen werden diese gesondert und nun auf heißen Schalen unter beständigem Rühren gedämpft. Nachdem die Kügelchen vollständig durchgedämpft sind, werden sie durch wiederholtes Sieben in die gewünschten verschiedenen Größen sortiert oder alle nur zu einer Qualität verarbeitet. Der noch feuchte Perlsago wird auf großen Öfen ausgebreitet und vollständig bei mäßiger Hitze getrocknet (vgl. auch Fig. 141–143).

Die Darstellung des _Sago_ auf den Key-Inseln geht aus der Abbildung (Fig. 139) hervor.

Ganz anders wieder ist die Darstellung der =Zuckerdrogen=. Hier werden die zuckerhaltigen Pflanzenteile zerquetscht, zermahlen (Fig. 144) oder zerschnitten, dann entweder durch Auswaschen oder Diffusion ihres Zuckers beraubt und die Zuckerlösung eingedampft (_Zuckerrohr_, _Zuckerrübe_, _Zuckerhirse_), oder der Blütenstand bez. der obere Teil des Stammes vor dem Austreiben ab- bez. angeschnitten und der austretende Zuckersaft eingeengt (_Zuckerpalme_ -- _Arenzucker_), oder endlich die Stämme im Frühjahr angebohrt und der ausfließende Saft eingedampft (_Zuckerahorn_ -- _Ahornzucker_). Von _Ahornzucker_ werden noch jetzt jährlich 5000 t in Nordamerika erzeugt, meist aus dem _Steinahorn_ (rock maple), im Westen auch aus dem _Weichahorn_ (swamp maple).

Etwas ganz Besonderes ist das =Brühen= einiger Drogen. Dasselbe wird vornehmlich bei unterirdischen Reservebehältern angewendet, z. B. beim _Salep_, dem _grauen Ingwer_, dem _ostasiatischen Ginseng_, einigen _indischen Aconitknollen_ und des _Curcuma_, und verfolgt den Zweck, die Organe abzutöten und am nachträglichen Austreiben zu verhindern. Denn da in den Knollen und fleischigen Rhizomen reichlich Reservematerial und genügend Wasser vorhanden ist, so werden sie, wenn die Knospen intakt sind, leicht wieder austreiben, jedenfalls durch einfaches Trocknen an der Luft nicht gänzlich abgetötet. Bei einigen Drogen wird der gleiche Effekt durch Erhitzen über freiem Feuer erzielt. Bei diesen Drogen ist natürlich die Stärke entweder ganz (_Salep_) oder teilweise (_Jalape_) verkleistert. Bei der _Jalape_ wird das Gleiche erzielt durch Trocknen der mit Einschnitten versehenen Knollen über einem Feuer. Auch _Sarsaparille_ wird manchmal am Feuer getrocknet, da das feuchte Klima in Mittelamerika dies verlangt. Bei der _Scilla_, die zudem sehr schwer trocknet, wird dagegen das Ziel dadurch erreicht, daß man die weichen Zwiebelschalen vor dem Trocknen in Streifen schneidet. Übrigens ist Halbieren oder Vierteln (_Alant_) oder in Scheiben schneiden (_Colombo_, _Bryonia_) auch sonst bei dickeren Drogen gebräuchlich, um ein schnelleres Trocknen zu erzielen -- aber nicht immer zulässig (_Kalmus_, _Filix_). Nur bei den chinesisch-japanischen Gallen hat das hier gelegentlich geübte Brühen den Zweck, die die Galle erzeugenden Tiere (_Aphiden_) abzutöten.

Bisweilen hat aber das Eintauchen in heißes Wasser oder das Erhitzen über dem Feuer wohl auch einen anderen Zweck. So handelt es sich meines Erachtens beim Eintauchen der _Vanille_ in heißes Wasser und beim Erhitzen der frisch gepflückten Blätter bei der Bereitung des _grünen Tees_ um Abtötung eines Fermentes.

Einer leichten =Röstung= über heißer Asche wird der _Safran_ (Fig. 145) unterworfen.

In einigen Gegenden (Sierra de Santa Marta) röstet man auch die _Coca_blätter leicht, und auch der _Mate_ wird leicht geröstet, richtiger über dem Feuer getrocknet.

Die Röstung der _Yerba Mate_ erfolgt an den Röstplätzen (Fogão) in der Weise, daß die vom Baume gelösten Zweige zunächst zum Welken (und Abtöten eines Fermentes?) durch ein nicht rauchendes Feuer gezogen («Sapecaje», Sapecar, Fig. 146), dann in einem speziellen Ofen (Barbacuá) 18–36 Stunden weiter erhitzt -- neues Verfahren -- oder in Bündel geschnürt in einem Schuppen (Carijo) auf einem Gerüst (Girao) über mäßigem Feuer getrocknet (Taf. XIII) werden. Dann läßt man sie «schwitzen»(fermentieren?). Schließlich werden die auf glatter, mit einem Tuche belegter Tenne ausgebreiteten Zweige durch Schlagen mit hölzernen Stäben oder Säbeln (Espada) grob gepulvert oder in Mühlen gemahlen (Fig. 206). Die nicht durch die Sapecar-Prozedur vorbehandelten Blätter werden beim Dörren schwarz.

Die Samen von _Paullinia Cupana_ werden bei der _Guarana_bereitung vor dem Zertrümmern sechs Stunden geröstet.

Einige =Harze= und =Balsame= sind in der Pflanze als solche enthalten. Man braucht also nur das Organ zu verletzen und das austretende halbflüssige Sekret entweder in Gefäßen aufzusammeln (_Copaivabalsam_, _Straßburger Terpentin_) oder am Baume erhärten zu lassen (_Mastix_, _Sandarac_, _Olibanum_, Fig. 147), um die Droge zu erhalten (+primärer Harzfluß+). Das Gleiche gilt von _Kautschuk_ und _Guttapercha_, die sich als Milchsäfte in der Pflanze finden und beim Anschneiden ausfließen. Doch wird wenigstens bei einigen Sorten des _Kautschuk_ der ausgeflossene Saft durch Koaleszenzmittel koaguliert, erfährt also noch eine nachträgliche Verarbeitung (s. S. 140).

Zu den nach Anschneiden (Fig. 125 u. 126) ausfließenden und dann erhärtenden =Milchsäften= sind auch _Opium_, _Lactucarium_, die Gummiharze der persischen _Umbelliferen_ (_Asa foetida_, _Galbanum_, _Ammoniacum_) und _Euphorbium_ zu zählen, und im weiteren Sinne das _Gutti_.

Die bei der Gewinnung des _Opiums_ benutzten +Messer+ sind sehr eigenartig. In +Kleinasien+ werden zum Anschneiden der Mohnköpfe Messer aller möglichen Formen benutzt, einmal solche, denen die Spitze abgebrochen wurde (Fig. 134), dann solche mit gesägter Klinge (Fig. 135), aber auch Uhrfedern, Glasscherben u. a. mehr. Die Benutzung der letzteren erklärt besonders einleuchtend das ständige Vorkommen von Fruchtwandepidermisfetzen im kleinasiatischen _Opium_, da die Wand der Frucht durch sie nicht eigentlich geritzt, sondern eingerissen wird. In Kleinasien wird nur ein Horizontalschnitt geführt.

In +Vorderindien+ (Bengalen) bedient man sich des +Naschtar+ (Nushtur, Fig. 133 u. 137), das aus drei, vier, seltener fünf schmalen Eisenblechen von etwa 15 cm Länge und der Dicke einer Federmesserklinge besteht, die oben 2,5 cm breit, dort tief eingekerbt und in scharfe Spitzen ausgezogen sind, und durch Umwickeln mit starken Baumwollfäden c. 1,5 mm auseinandergehalten werden. Es werden Vertikalschnitte ausgeführt (Fig. 125) und zwar an 2 bis 6 Stellen der Kapsel, in Intervallen von 2–3 Tagen. In +Persien+ wird ein ähnliches Messer benutzt und die Kapsel horizontal, schräg oder vertikal nach und nach an allen Seiten angeschnitten (Fig. 126).

In China werden die Kapseln mit einem dreischneidigen Messer an 3–5 Stellen vertikal angeschnitten. Auch in Ägypten wird der Naschtar oder die kleinasiatische Methode benutzt, jedoch zwei oder drei Einschnitte gemacht.

Mehrklingige Messer, die zum Teil bis auf die Spitze mit Schnur umwickelt waren oder abgerundete Spitzen besaßen, wurden bei Erfurt, bei Clermont Ferrand, bei Darmstadt und in Württemberg benutzt (~Linde~, +Zur Gewinnung des Opiums+, Apoth. Zeit. 1905).

Die Entwicklungsphase der Kapsel, bei welcher sie angeschnitten wird, ist nicht überall die gleiche. In Kleinasien und in Vorderindien werden die jungen Früchte einige Tage nach dem Abfallen der Blumenblätter, in Armenien 20–25 Tage nach dem Abblühen (~Gaultier~), in Ägypten, sobald sie ihre normale Größe erlangt haben (~Savaresi~), in Persien, wenn sie sich der Reife nähern, angeschnitten. Der beste Zeitpunkt ist 10–14 Tage nach dem Abfallen der Blumenblätter (~Hesse~).

Zum Abkratzen der eingetrockneten Tropfen bedient man sich in Indien eines schaufelartigen Instrumentes (Situah Fig. 138).

Auch bei der seit Jahrhunderten gleichgebliebenen Methode der Gewinnung der _Asa foetida_ durch Abtragen dünner Scheiben vom Kopfe der großen freigelegten Wurzel von _Ferula Assa foetida_ bedient man sich eines eigenartigen keilförmigen Messers, das vorn stark verbreitert ist (Fig. 148).

Bei der Herstellung der Einschnitte in die Rinde der _Mannaesche_ bei der _Manna_gewinnung werden eigenartige, sichelförmig gekrümmte Messer benutzt (Fig. 150).

Andere Drogen der Gruppe der =Harzbalsame= sind als solche nicht in der normalen Pflanze enthalten, sondern entstehen erst infolge von Verwundungen (+sekundärer Harzfluß+). Ich habe durch Versuche in Indien und Europa gezeigt, daß _Benzoë_, _Peru_- und _Tolubalsam_, _Styrax_, _Dammar_ und die meisten _Terpentine_ der Koniferen erst sich bilden, nachdem man tiefgreifende Verletzungen am Baume angebracht hat und ein reichverzweigtes System pathologischer Kanäle im Neuholz entstanden ist (Gesetz des Harzflusses).

Als pathologische Produkte, die bisweilen schon freiwillig, in größerer Menge aber durch (wenn auch nicht infolge von) spontan entstehenden oder künstlich angebrachten Wunden austreten, sind auch das _Gummi_ und der _Traganth_ zu betrachten.

Sehr mannigfaltig ist +die Form, die man den Verwundungen+ (Fig. 149) +und den dazu benutzten Instrumenten gibt+ und die Art, wie man die Wunde nachher behandelt. Bald wird ein V-Schnitt hergestellt (_Tolubalsam_, Fig. 149, 2), bald Längsschnitte (_Benzoë_, Fig. 149, 1) oder zahlreiche übereinander stehende, horizontale Einschnitte (_Manna_, _Japan. Lack_, Fig. 149, 10 u. 11), bald Spiralschnitte (_Gutti_, Fig. 149, 9), bald eine breite, wie ein M -- oder O -- geformte Lache (amerikan. und französ. _Terpentin_, Fig. 149, 5 u. 6), bald wird zum Auffangen des Balsams ein Topf angehängt (Fig. 149, 2, 6, 12–14), bald ein Box in den Baum geschlagen (Fig. 149, 5 u. 8). Auch Schwelen und Aufsaugen des Balsams in Lappen kommt vor (_Perubalsam_, Fig. 149, 3, 152 u. 153). Bei der _Lärche_ wird ein Loch gebohrt (Fig. 149, 4), mit einem Pflock verstopft und nach einiger Zeit der angesammelte Balsam abgelassen. Die größte Mannigfaltigkeit in der Verwundungsart findet sich aber bei den _Kautschuk_bäumen. Bald wird hier nur mit Messerstichen angezapft (Fig. 155), bald werden Spiralschnitte, Halbspiralschnitte (Fig. 157), kurze, längs- oder schräggestellte mit eigenartigen meißelartigen Messern hergestellte Schnitte (Fig. 149, 12), gemacht, bald wird der Grätenschnitt (Fig. 149, 13 u. 158), der Doppelkandelaberschnitt (Fig. 149, 14) oder Varianten dieser geübt (das Detail siehe in meinem Buche: +Die Harze und die Harzbehälter+, 2. Aufl. 1906; dort sind auch die Instrumente abgebildet). Zu einem allgemein adoptierten System ist man noch nicht gekommen. Noch werden Versuche gemacht, welches das beste ist.

Bei der _Guttapercha_ wird der Stamm des gefällten Baumes in horizontaler Lage auf der Oberseite in bestimmten Entfernungen mit breiten Einschnitten versehen, aus denen man dann den ausgetretenen Milchsaft herauskratzt (Fig. 156).

Eine Besonderheit ist die Darstellung des _Churus_. Der _Churus_ (Indisch-Hanfharz) wird nach ~Bonati~ in der Weise gewonnen, daß man die in Blüte stehenden Zweigspitzen der weiblichen Pflanze von _Cannabis indica_ stundenlang kräftig auf groben wollenen Teppichen reibt, so daß das dickflüssige Harz sich auf der Oberfläche ablagert, von wo es mittelst eines Messers abgelöst und zu kleinen Kugeln oder länglichen Stäbchen geformt wird.

Es erinnert dies in etwas an die ehedem beim _Ladanum_ gebräuchliche Gewinnungsweise, bei der man langbärtige Ziegen durch die harzduftenden _Cistus_gebüsche trieb, das an den Bärten haften bleibende Harz absammelte, und nachdem es in Wasser erweicht war, zu den bekannten Spiralkörpern formte.

Eine besondere Stellung nimmt das _Ammoniacum_ ein. Es werden nämlich bei ihm die ganzen zur Zeit der Fruchtreife geschnittenen Stengel der Pflanze nach Bombay gebracht und erst hier die Droge abgelesen.

Sehr eigenartig ist die +Teerbereitung+, das Teerbrennen (Tervanpoltto) in Finland.

Der Holzteer wird in Finland auf folgende Weise von _Fichten_ gewonnen. Der Stamm der _Fichte_ wird Mitte Juni von Ästen und Rinde -- letztere bis zum Holz -- in der Höhe von etwa 2½ m befreit; nur an der nördlichen Seite des Baumstammes wird ein etwa 5 cm breites Band der Rinde gelassen, um den Baum am Leben zu erhalten. Dann läßt man den Baum 2–5 Jahre stehen, worauf die Rinde wieder auf dieselbe Weise von dem Stamme abgeschält wird, jetzt etwa 1½ m höher, so daß der Stamm jetzt 4 m hoch kahl ist, mit Ausnahme der nördlichen Seite. Zwei Jahre lang läßt man den Baum so stehen. Der kahle Teil des Stammes ist jetzt mit einer dicken Lage Harz bedeckt. Dann schneidet man den an der nördlichen Seite gelassenen Rindenstreifen los; der Baum wird im Oktober oder November gefällt und das so behandelte Holz zum Meiler gebracht, wo es etwa 1,8 m hoch aufgestapelt wird. Im Winter, wenn die Kälte groß und das Holz dadurch leicht spaltbar ist, werden die abgehauenen, c. 4 m langen, harzreichen Baumstämme der Länge nach gespalten und in 3½ m breiten und 2 m hohen Stapeln rings um den Meiler geordnet. Im folgenden Sommer werden sie in den Meiler eingesetzt.

Der Teermeiler oder die Teergrube (Tervahauta, Fig. 171) ist eine kreisrunde, der Mitte zu tiefer werdende Grube in der Erde. Sie ist gewöhnlich 12–13 m im Durchschnitt (36 m im Umkreis) und in der Mitte etwa 1½ m tief. In die Mitte der Grube wird ein Holzkasten ohne Boden -- 15 cm hoch und 1½ m im Durchschnitt -- eingesenkt, in welchem der Teer sich ansammelt. In die Wand des Kastens ist ein Holzrohr eingesetzt, aus dem der Teer ausfließt. Dieses Holzrohr ist schräg in den Boden eingesenkt und reicht über die Peripherie der Grube hinaus zu einem Kanale, wo sich die Sammelgefäße befinden. Der Boden der Grube ist fest mit Ton oder Moorerde bedeckt, um das Aufsaugen des Teers in die Erde zu vermeiden.

Über die auf diese Weise hergerichtete Grube wird das Teerholz kreisförmig, die Enden der Holzstücke der Mitte zu gerichtet, aufgestapelt, bis der Meiler einen kuppelförmigen, oben abgeplatteten Bau bildet. Das Ganze wird dann mit Moos, Erde und Torf bedeckt. An der Peripherie werden mehrere kleine Öffnungen dicht nebeneinander gelassen, bei welchen der Meiler gleichzeitig angezündet wird. Diese Öffnungen werden gleich nach dem Anzünden wieder mit Erde und Torf bedeckt. Den auf diese Weise angezündeten Teermeiler läßt man so 1–2 Tage ohne Luftzutritt brennen, worauf der Pfropfen von der oben erwähnten Holzröhre abgenommen wird. Jetzt beginnt der Teer auszufließen. -- Wenn der Meiler auf diese Weise an der Peripherie angezündet wird, so sammelt sich der Teer in dem in der Mitte der Grube befindlichen Holzkasten und fließt durch das Rohr aus. Das Brennen des Meilers -- unter fortwährendem Ausschluß von Luft -- dauert 4 bis 5 Tage; dann ist aller Teer abgeflossen.

Nach dem Öffnen des Rohres fließt gewöhnlich erst eine Menge dicker und dunkler Teer aus; dann folgt das Ausfließen des richtigen, hellbraunen und dünneren Teers. Ist die Hitze im Anfang größer und dauert das Brennen etwas länger als einen Tag, ehe das Rohr geöffnet wird, so fließt nach dem Öffnen erst eine geringere Menge sogenanntes klares «Teerwasser» aus und gleich darauf der richtige, hellbraune Teer, ohne daß sich erst dicker, pechartiger Teer bildet. Auf diese Weise wird der Holzteer in Kulunoniemi, dem größten Produktionsort in Finland, gewonnen. Ein Teermeiler von dieser Größe liefert c. 7500 Liter Teer. (Nach brieflichen Mitteilungen von Frl. ~Richter~ in Helsingfors.)