Handbuch der Germanischen Mythologie
Part 51
Im Norden war es Sitte, das Kind mit Wasser zu begiessen. Dieser Brauch ist allerdings religiös, ahmt jedoch die christliche Taufe nach.[677] Die Eingehung der Ehe war mit religiösen Bräuchen verknüpft. Adam von Bremen weiss, dass dem Freyr bei Hochzeiten geopfert wurde, das Lied von Thrym zeigt, dass der Hammer Thors, der auch sonst zu mancherlei Weihen diente, dabei gebraucht wurde. Ein feierliches Mahl und Trinken, wobei die üblichen Sprüche und Gelübde nicht fehlten, schloss sich an. Auf der Nordendorfer Gewandspange werden Wodan und Donar zu einer Weihhandlung angerufen, die jedenfalls auch nur das Privatleben betrifft. Die Besitznahme von Land verlangt nach isländischem Rechtsbrauch Weihe durch Feuer, die Erstreckung der Grenzen wurde in Norwegen durch Hammerwurf festgestellt. Wer die Wohnung wechselte, begann den Umzug mit segnenden Weihesprüchen. Bei Eingehung der Blutbrüderschaft rief man die Götter zu Zeugen der übernommenen Verpflichtungen an. Unter Androhung des Zornes der Götter verbietet man dem Gegner die Benützung des strittigen Gutes vor rechtlichem Austrag der Sache. Wer eine Vorschrift der Rechtsordnung versäumte, dem zürnten die Götter. Die Brüder Helgi und Grim hatten einen verübten Totschlag nicht den Gesetzen gemäss angezeigt; dafür sandten die Götter einen schweren Sturm über sie. Wo immer der Mensch höherer Hilfe und höheren Rates zu bedürfen meinte, da wandte er sich vertrauensvoll mit Opfer und Gebet an die Götter, und wenn der Staat das einemal um gutes Jahr und Frieden, ein andermal um Sieg zu opfern pflegte, so betete und opferte auch der Einzelne um Rache an einem Gegner, um Heilung einer Wunde, um Holz zu einem Hausbau, um Anrichtung oder Abwendung von Schaden, um Speise während drückender Hungersnot, um Aufklärung über die Zukunft, um Rat über das unter schwierigen Umständen einzuhaltende Verfahren. Die Norweger, die nach Island übersiedelten, traten selten ohne Rat und Beistand Thors die Reise an. Darum sind auch Thorsköpfe auf dem Hochsitzpfeiler des Hauses geschnitzt, darum trägt man kleine Hämmer als Schmuckgegenstände und Götterbilder bei sich. Das Einzelopfer, das der Hausvater für sein Ingesinde darbringt, richtet sich als Bitt- und Dankopfer zumal in der bäuerlichen Wirtschaft hauptsächlich an seelische und elbische Wesen. Der älteste Gottesdienst ist der, den die Hausgenossenschaft den Ahnengeistern darbringt. Bei der Entfaltung des Glaubens an Götter, denen die Geschicke des Volkes anvertraut sind, schränkt sich Seelen- und Elbenkult namentlich auf Haus und Gemeinde ein. Mithin ist das Einzelopfer ein wichtiger Bestandteil der Religionsübung, welche dem Privatleben zufällt. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der Einzelne den grossen und mächtigen Göttern seines Volkes eine eifrige Pflege widmet. Manche schliessen mit ihren Lieblingsgöttern einen schier menschlich gedachten Bund, ein Verhältniss gegenseitiger treuer Freundschaft und Zuneigung, das auf der einen Seite die Pflicht zu Dienst und Gehorsam, auf der andern die Pflicht zu Schutz und Schirm hervorkehrt, etwa wie es zwischen einem König oder Häuptling und seinem bevorzugten Gefolgsmann besteht. So war Thorolf aus Mostr in Norwegen ein besonderer Freund Thors; seinen Sohn Steinn schenkte er dem Thor und nannte ihn daher Thorstein. Dieser verfährt nachher ebenso, macht seinen Sohn zum Tempelpriester und heisst ihn Thorgrim. Der Grönländer Thorhall betrachtet den rotbärtigen Thor als seinen verlässigsten Freund. Dem Hrafnkell ist Freyr befreundet; Hrafnkell gab dem Gotte die Hälfte seiner Habe zu Eigen. Thorkell hat den Freyr zum Freunde und so auch die beiden Freysgoden, Thorgrim und Thord. Man wundert sich bloss, dass sie nicht auch den Namen ihres Gottes führen, sondern wie die Thorsdiener heissen. Sigurd der Wurmtöter ist _Freys vinr_, Freys Freund. Prachtvoll führt die Sagendichtung bei Odin, der den jugendlichen Heldengeist weckt, leitet und endlich zu sich nimmt, solch persönliche Neigung und Schirmherrschaft zwischen Gott und Helden uns vor. Aber eine solche Freundschaft kann auch schnell zerrissen werden, wenn die Götter einmal ihren Schützling im Stich lassen. So gelangt der trotz seines eifrigen Opferdienstes von seinen Feinden besiegte Hrafnkell zur Verleugnung jeglichen Götterglaubens. Dem Grimkell, einem eifrigen Opferer, weissagt die Thorgerd Hölgabrud seinen Tod; aus Zorn darüber legt er Feuer an ihren Tempel. Übrigens plündern und brennen auch gläubige Heiden die Göttertempel ihrer Feinde, worauf sie allerdings auch der Acht anheimfallen. Das Verhältniss einzelner Leute zu Haus- und Folgegeistern, zu Kobolden und Fylgjen ist beim Geisterglauben geschildert.
Beim Tode des Menschen greift der Glaube wiederum mit allerlei Bräuchen und Vorstellungen ein. In der Göttersage weiht Thor Baldrs Holzstoss mit seinem Hammer; die Runensteine, die Denkmäler wurden öfters dem Schutze des starken Gottes empfohlen: Möge Thor diese Runen weihen! Man wies den Verstorbenen förmlich und feierlich nach Walhall. Der Glaube, dass der Tote eine weite Fahrt ins Jenseits zurückzulegen habe, veranlasste die in alten Quellen häufig erwähnten, in den Gräbern auch wirklich entdeckten mannigfachen Zugaben. Dem Toten folgten Pferde, Wagen, Schiff, damit er so die Reise mache, oder wenigstens wurden ihm Schuhe beigelegt, um die weiten dornichten und steinichten Wegstrecken durchwandern zu können. Streng wurde die Besorgung und richtige Bestattung der Leiche beachtet. Die Vorstellungen vom Schicksal nach dem Tode waren auch unter der Dauer des Walhallglaubens sehr verschiedenartig. Man dachte, die Seele des Abgeschiedenen gehe zu den mannigfachen Klassen von Geistern, zu den Göttern oder zum allgemeinen Totenreich, zur Hölle. Wie bereits in den betreffenden Abschnitten aufgezeigt ward, war kein fester, einheitlicher Glaube vorhanden. Odin ladet vornehme, tüchtige, waffentote Helden gen Walhall. Aber dennoch fährt mancher, der diese Bedingungen vollauf erfüllt, zur Hölle, und mancher geht in Walhall ein, ohne auf dem Walfeld geblieben zu sein. Thor nimmt sich die Bauern; die Weiber fahren zu Freyja, der aber andererseits auch die Hälfte der Wal zugewiesen wird, die Jungfrauen zu Gefjon. Allen steht ein herrliches, freudenreiches Leben bevor. Aber auch die Riesen und Unholde aller Art, die Elbe und Zwerge holen sich ihre Beute. Der Überrest der Menschheit, die ganze feige und thatenlose Menge, die weder Gott noch Dämon mag und die ruhmlos auf dem Siechbett dahinstirbt, bevölkert die Hölle. Zur Hölle gehen alle die Toten, die nicht durch besondere Wahl von anderer Seite ihr entzogen werden. Diesen Stand nehmen im allgemeinen die nordischen Überlieferungen des 9./10. Jahrhunderts ein. Endlich war auch der Erbschaftsantritt mit einem Opferfeste verbunden. Im selben Jahre, da der Erblasser gestorben war, hielt der zur Erbschaft Berufene ein feierliches Gastmahl; mancherlei Minne wurde da getrunken, endlich aber sollte beim Hauptbecher der Erbe ein feierliches Gelübde thun und dadurch sich erst das Recht erwerben auf den Sitz und den Nachlass des Verstorbenen.
Von dem Augenblicke an, da der Knabe, mit Wasser begossen, seinen Namen beigelegt erhielt, bis zu dem andern, da über dem Leichname des Greises die Flamme zusammenschlug oder der Grabhügel sich wölbte, geleitete seine Religion den Nordmann treu durch das Leben, alle wichtigen Ereignisse weihend, verschönernd und verklärend.
4. Gebet und Opfer.
Gebet und Opfer gehören fürs Heidentum unlöslich zusammen, eines ohne das andere ist kaum denkbar. Das Gebet ist gleichsam die Begründung des Opfers. Die Gabe, die einem höheren Wesen gespendet wird, soll verpflichten oder sühnen, wozu und wofür, spricht das Gebet aus. Das Gebet wird aber auch nicht ohne Not, ohne Spende oder wenigstens Gelübde einer solchen gethan.
Beim heidnischen Gebet[678] pflegte man im allgemeinen ähnlicher Gebärden, wie beim christlichen. Man neigte den Leib und warf sich wol auch nieder, namentlich wo man das Gebet im Heiligtum vor den Götterbildern verrichtete. Die Hände wurden vors Gesicht gehalten, als wäre man geblendet vom Glanze der Gottheit, oder auch umgekehrt suchte der Blick den Himmel. Das Haupt wurde beim Gottesdienst, bei Gebet und Opfer gewöhnlich entblösst, wenigstens heissen gotische Priester ausdrücklich _pileati_, mit Hüten versehen, da sie bedeckten Hauptes opferten. Die Richtung des Betenden war gen Norden im Gegensatz zu den Christen, welche gen Osten beteten. Bestimmte Gebetsformeln waren wol vorhanden. Im Norden begegnet das Verbum _duga_, taugen, für gnädig sein. Also scheint der göttliche Beistand etwa mit den Worten: „Ich bitte die Götter, dass sie mir taugen (helfen)“, angefleht worden zu sein.
Der echt germanische Ausdruck für opfern, das ja aus lateinischem offerre entlehnt ist, lautet _blôtan_. Das Wort ist gotisch, angelsächsisch, altnordisch (_blóta_) und althochdeutsch (_pluoȥan_) bezeugt. Die ursprüngliche Bedeutung und Konstruktion ist aus dem Gotischen und Nordischen ersichtlich: einen mit Opfer ehren. So heisst im Gotischen _blôtan fraujan_, den Herrn mit Opfer ehren, entsprechend im Nordischen _blóta þór_. Das Opfer ist got. _blôstr_, ahd. _pluostar_, oder an. _blót_, ahd. _ploaȥ_, also lauter durchgehende gemeingermanische Wörter. Der heidnische Begriff verschwindet frühzeitig im Deutschen, wol damit die daran geknüpften heidnischen Erinnerungen vergessen werden, um dem Lehnwort, das die Kirchensprache einführte, Platz zu machen. Im Nordischen begegnen neben _blót_, _blóta_ auch die Wörter _fórn_ stf., _fórna_.
Weitere Bezeichnungen für „Opfer“ liegen vor in got. _hunsl_, ags. _húsel_, an. _húsl_; wie die urverwandten Wörter lehren, liegt darin der Begriff „heilig“, es ist das Sakrament, die heilige Handlung darin angezeigt.[679] Ahd. _kelt_, as. _geld_, ags. _gield_ meint die Spende, das Entgelt, das der Mensch den Göttern entrichtet. Lehrreich ist das angelsächsische Wort _lác_ für Opfer. Der germanische Ausdruck _laikaȥ_, Leich, steht für das aus der Vereinigung von Tanz und Lied hervorgegangene Kunsterzeugniss.[680] Dass im Angelsächsischen die Bedeutung „Gabe“ überwog und _lác_ geradewegs Opfer ist, erklärt sich nur aus der uralten festen Zugehörigkeit des _laikaȥ_ zur Opferhandlung, die von Spiel und Tanz und Lied begleitet war. Das gotische _sauþs_ im Sinne von Opfer bedeutet Sud, das Gesottene, und zielt auf das gesottene Fleisch des geschlachteten Opfertieres. Altnordisch _sauđr_, Widder, meint wol eigentlich nur das zum Sud auserlesene Opfertier.
Beim Opfer sind zwei Arten zu unterscheiden, ein +privates+ und ein +öffentliches+. Ersteres gilt in der Regel den Geistern in Haus und Hof, Feldern und Wäldern, Berg und Thal, Wind und Wasser, Licht und Wärme, und den Seelen der Abgeschiedenen. Wo die Geister hausen, wird geopfert ohne besondere Zurüstung und Feierlichkeit. Die Spenden sind einfach, Speisen, Milch und Honig, Blumen und Früchte. Geopfert wird um Gedeihen der Wirtschaft, um Gesundheit und Reichtum, zur Abwehr von Schaden. Der Hausvater ist Priester und Opferer. Solche Opfer sind einfacher und ärmlicher; die Geschichte gedenkt ihrer kaum, weil sie alltägliche Vorkommnisse sind, nicht der Mühe der Erwähnung oder gar eingehender Schilderung wert. Um so fester und länger haften sie in der Volkssitte. Dass neben dem Geisterglauben auch der Götterglauben für den privaten Gottesdienst in Betracht kommt, wurde schon gesagt. Aber auch hier fehlen uns Nachrichten über feste Regeln, in denen die Kulthandlungen verlaufen.
Ganz anders beim öffentlichen Opfer, das die Gemeinde oder die Gesamtheit des Volkes, der König, Häuptling oder bestellte Priester darbringt. Da herrscht grosse Feierlichkeit, blutige Tier- und Menschenopfer fallen der Wichtigkeit der Sache gemäss, die ja das Schicksal eines Gemeinwesens betrifft. Opferplätze, Tempel sind gewöhnlich zur Vornahme der Handlung bestimmt. In der Regel richtet sich das öffentliche Gemeinde- oder Staatsopfer an die Volksgötter, doch unter Umständen mögen auch Geister das Staatsopfer entgegennehmen. So etwa die Flussgeister des Po, denen nach Prokop 2, 25 die Franken, um ungeschädigte Überfahrt zu erhalten, die gefangenen gotischen Frauen und Kinder opfern und in die Wogen werfen. Die Wichtigkeit der Angelegenheit, besonders insofern sie viele, nicht einen Einzelnen berührt, scheint den Ausschlag für die Grösse und Feierlichkeit des Opfers zu geben. J. Grimm, Mythologie 37, stellt die Grundzüge des Opferdienstes also dar: „Beweggründe der Opfer waren überall, entweder den Göttern Dank für ihre Wolthaten abzustatten oder ihren Zorn zu versöhnen, die Götter sollten gnädig erhalten oder wieder gnädig gemacht werden, also zwei Hauptarten, dankende und sühnende Opfer. Wenn das Mahl begangen, ein Wild erlegt, ein Erstling vom Vieh geboren, Getreide geerntet wurde, gebührte dem verleihenden Gott voraus ein Teil der Speise, des Tranks und des Ertrags; dagegen sobald Hungersnot, Misswachs, Seuche über das Volk hereinbrach, säumte es wiederum nicht, abwendende Gaben darzubringen. Solche Sühnopfer haben ihrer Natur nach etwas Unständiges, während die dem gnädigen Gott zu leistenden gern in regelmässig wiederkehrende Feste übergehen. Eine dritte Art von Opfern ist, wodurch der Ausgang eines Unternehmens erforscht, und die Hilfe des Gottes, dem es gebracht wird, herbeigeführt werden soll. Doch war Weissagung auch ohne Opfer thunlich. Ausserdem gab es besondere Opfer für einzelne Gelegenheiten, z. B. bei Königswahlen, Geburten, Hochzeiten und Leichenbestattungen, die meistens auch mit feierlichen Mahlzeiten verbunden wurden.“
+Menschenopfer+[681] sind also die wichtigsten und höchsten; für Tiuȥ, Wodan, Donar, Odin, Thor, Freyr, Fosite, Thorgerd Hölgabrud sind sie mehrfach bezeugt. Zu beachten ist das umständliche dabei angewandte Ritual. Die Gottheit soll das blutige Opfer unter besondern Förmlichkeiten erhalten. Vielleicht war auch für die Wahl der Todesart das Loos entscheidend, das unter den Friesen bestimmte, ob die Götter ein Opfer forderten oder nicht.[682] Nach Sidonius Apollinaris opferten die Sachsen, ehe sie die Anker zur Heimfahrt lichteten, den zehnten Mann der Gefangenen um gute Reise. Die dem Tode zu Weihenden wurden ausgeloost: _super collectam turbam periturorum mortis iniquitatem sortis aequitate dispergere_. Mit langen grausamen Qualen wurde das Opfer den Göttern gegeben. Prokop 2, 15 erzählt von den Skandinaviern, dass sie die zu Opfern verwendeten Menschen nicht mit dem Messer schlachten, sondern aufhängen, in die Dornen werfen oder sonst qualvoll töten. Starkad opfert den König Wikar dem Odin, indem er ihn an einem Baume aufhängt und mit dem Speere durchbohrt. In Hleidra auf Seeland und zu Uppsala hängen die Leiber der Geopferten an Bäumen. Zu Uppsala war aber auch ein Opfersumpf, eine Quelle, worein die Leute versenkt wurden. Bei den Friesen[683] wurden an den Festen der Götter die Opfer durchs Schwert hingerichtet, an den Galgen gehängt oder mit Stricken erdrosselt. Die im Bereich der Flut Ausgesetzten ertränkte das hereinströmende Wasser. Wer Göttertempel schändete, wurde nach friesischem Gesetz an den Meeresstrand geführt, an den Ohren aufgeschlitzt, entmannt und den Göttern geopfert. Am Steine Thors wurde den Opfern auf Island der Rücken gebrochen. Von Bergen und Felsklippen wurden andre heruntergestürzt. Den König Olaf Trételgja verbrannten die Schweden in seinem Hause und weihten ihn so dem Odin. Die grausame nordische Sitte des Schneidens des Blutadlers, wobei der Sieger seinem Gegner die Rippen längs des Rückgrates mit dem Schwerte abtrennte und durch die so gebildete Öffnung die Lunge herausnahm, war eine Kulthandlung. Aber auch ein Schlachten am Altar war üblich nach Tacitus ann. 13, 57. Die Normannen opferten dem Thor vor ihren Zügen, wie Dudo (vgl. oben S. 253) erzählt. Dem Opfer wurde das Haupt zerschmettert, Gehirn und Herz blossgelegt und nach der Zukunft durchforscht. Die Ragnarssaga (Fornaldarsögur 1, 264) gedenkt des _hlunnrođ_, der Rollenrötung. Wenn ein Schiff vom Stapel gelassen wurde, lief es über Rollen und den Leib eines Menschen, der mit seinem Blute den Kiel rötete. Dieses Sühnopfer bezweckt wol, das Schiff gegen Gefahr zu feien. Denselben Gedanken enthält der Sǫrla-þáttr Kap. 7, wenn Hedin sein Drachenschiff über den Leib der Königin, der Gattin Hognis in See gehen lässt. Die häufige Volkssage vom Einmauern eines lebendigen Menschen oder Tieres in den Grundstein von Gebäuden und Brücken deutet ebenso auf altes Sühnopfer zurück.[684] Waren Altäre oder Opfersteine beim Menschenopfer zur Stelle, so wurden sie mit dem frischen Blute bestrichen.
In der Regel wurden nur Kriegsgefangene, erkaufte Sklaven[685] und Verbrecher geopfert. Bei der Einführung des Christentums auf Island, am Allding des Jahres 1000, gelobten die Heiden ihren Götzen zwei Menschen aus jedem Landesviertel. Dem gegenüber beschlossen die Christen, ebenso viele treffliche und tüchtige Männer dem Dienste des Herrn zu weihen. Geringschätzig weisen sie darauf hin, dass die Heiden nur die schlechtesten Leute auswählen, um sie ihren Göttern zu geben und sie mit einem grausamen Tode zu opfern. So erzählt die Kristnisaga. Aber es gab Ausnahmen. In äusserster Not, wenn die Götter unversöhnlich zürnten, opferte das Volk zur Abwendung des Grimmes seine Häuptlinge und Könige. Vor dem grossen heidnischen Winteropfer zu Märi in Norwegen lud der König Olaf Tryggvason die angesehensten Häuptlinge der Gegend zu einem Gastmahle ein; er erklärte ihnen bei dieser Gelegenheit, dass er, wenn er zum Heidentume zurückzukehren genötigt werden sollte, zur Versöhnung der heidnischen Götter, die er so schwer beleidigt habe, ein grosses Menschenopfer für nötig halte, und zwar werde er dabei nicht, wie sonst, Sklaven oder Verbrecher, sondern die vornehmsten Häuptlinge des Landes opfern, unter denen er sechs eben Anwesende nannte; seien sie damit nicht einverstanden, so müssten sie eben zu seinem, dem christlichen Glauben übertreten. Diese Drohung wirkt, die Häuptlinge ziehen die Bekehrung vor.[686]
In den Tagen König Domaldis entstand in Schweden eine grosse Hungersnot und Elend. Da hielten die Schweden Opfer zu Uppsala; den ersten Herbst opferten sie Ochsen und der Jahrgang wurde dadurch nicht besser. Und den andern Herbst begannen sie ein Menschenopfer; aber der Jahrgang war derselbe oder noch schlechter. Und den dritten Herbst kamen die Schweden in grosser Zahl nach Uppsala, als da Opfer sein sollte; da hielten die Häuptlinge Rat, und sie kamen darin überein, dass das Missjahr von ihrem Könige Domaldi herkommen werde, und zugleich darüber, dass sie ihn opfern sollten um gutes Jahr für sich, und ihn angreifen und ihn töten, und mit seinem Blute die Altäre bestreichen, und so thaten sie. Nachmals unter Olaf trételgja wiederholt sich derselbe Vorgang. Da entstand ein grosses Missjahr und Hunger; das gaben sie ihrem Könige schuld, sowie die Schweden gewohnt sind, ihrem Könige sowol das gute als das Missjahr schuld zu geben. König Olaf war ein geringer Opferer; das gefiel den Schweden übel, und sie meinten, daher komme das Missjahr. Da zogen die Schweden ein Heer zusammen, machten einen Angriff auf König Olaf und umringten sein Haus und verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin und opferten ihn um ein gutes Jahr. Diese von der Ynglingasaga Kap. 18 und 47 überlieferten Erzählungen sind freilich sagenhaft, jedoch der Grundgedanke, den sie behandeln, gehört der Wirklichkeit an. Wenn der Zorn der Götter in besonders hohem Maasse erregt ist, nehmen sie nicht mit den gewöhnlichen Opfern vorlieb. Da muss der König und Häuptling selber als Sühneopfer sterben, um dem Volk die verwirkte Gnade der Himmlischen wieder zu gewinnen. Denselben Gedanken des Sühneopfers, wenn auch abgeschwächt, zeigt die geschichtliche Thatsache, dass die Burgunder bei einem Unglück im Kriege oder bei Misswachs ihren König zwingen, sein Amt niederzulegen.[687] Noch eine lehrreiche Sage bietet sich dar. König Wikar wollte mit seinen Leuten von Agdir nach Hordaland segeln; da traf es sich, dass sie vor starkem Gegenwind lange bei einigen kleinen Inseln liegen bleiben mussten. Sie fragten darum die Götter, was sie thun sollten, um günstigen Wind zu erhalten. Die Antwort war, dass man als Opfer für Odin einen Mann des Heeres, der durchs Loos auszuwählen sei, aufhängen sollte. Das Loos traf den König Wikar selbst, Am andern Tag bringt Starkad den König förmlich und feierlich zum Opfer, indem er ihn an einem Baumzweig aufhängt und mit dem Speer durchsticht, wobei er sprach: Nun gebe ich dich dem Odin. Hier also wählt sich Odin selber durchs Loos den Häuptling der Schar.