Handbuch der Germanischen Mythologie
Part 52
An zweiter Stelle stehen +Tieropfer+[688], welche an den gewöhnlichen Festen, meist als Dankopfer üblich waren. Sie sind weit unschuldiger als die grausamen wahnvollen Menschenopfer. Schon Tacitus weiss, dass Tiuȥ und Donar mit geeigneten Tieropfern -- _concessis animalibus_ -- verehrt wurden. Essbare Tiere wurden zum Opfer gewählt; sie gelten als Speise, welche dem Gotte geboten wird, und wurden beim Opferschmaus auch unter den Teilnehmern am Opfer ausgeteilt. Das Volk beteiligte sich unter dem Vorsitze der Könige und Häuptlinge an der Mahlzeit und trat dadurch in Gemeinschaft mit dem heiligen Opfer. In den ältesten Zeiten wurden vornehmlich Rosse geopfert. Pferdefleisch wurde von den Germanen mit Vorliebe genossen; der Genuss von Pferdefleisch, weil er eben namentlich mit der Opferhandlung verknüpft war, ist daher in der christlichen Zeit als heidnischer Brauch strengstens verpönt. Pferdefleisch soll König Hakon von Norwegen essen, als sein Volk ihn zur Teilnahme am Opferdienst zwingen will; noch in den Tagen Olafs des Heiligen wurden Pferde in Norwegen gegessen. Die Isländer behielten sich das Rossfleischessen bei Annahme des Christentums ausdrücklich vor. Die heidnischen Schweden wurden von König Olaf Tryggvason verächtlich als Rossfresser bezeichnet. Beim dänischen Hauptopfer zu Hleidra wurden Rosse geschlachtet. Die Alamannen übten nach Agathias den Brauch, den Thüringern wurde zur Zeit des Bonifacius der Genuss des Pferdefleisches untersagt. Das Fleisch assen die Opfergenossen, das Haupt der Tiere gehörte dem Gotte und wurde an den Baumstämmen des Opferhaines befestigt. Demnächst folgte das Rinderopfer, für Alamannen, Thüringer, Angeln und Nordleute ausdrücklich bezeugt. Die Schweden unter König Domaldi opferten dem Freyr Ochsen, der Isländer Thorkell gab dem Freyr einen alten Ochsen, Oddr Sindri einen Stier. Bei feierlichem Zweikampfe opferte der Sieger einen Stier. Des Opfers goldgehörnter, also geschmückter Kühe gedenkt das Lied von Helgi dem Hjorwardssohne. Überhaupt ist Aufputz der Opfertiere, vielleicht auch Auswahl nach bestimmter Farbe wahrscheinlich. Freyr und Freyja erhalten Eber; das Ferkel scheint bei den Deutschen beliebtes Opfertier gewesen zu sein, wenigstens dient ahd. _friscing_ (Frischling) zur Übersetzung von lat. _hostia_, _victima_, _holocaustum_. Auch Widder und Böcke stehen unter den Opfertieren. Von einem Ziegenopfer der Langobarden spricht Gregor der Grosse in den Dialogen 3, 28; die Langobarden bringen dem Teufel, also einem ihrer Götter ein Ziegenhaupt dar, indem sie zu des Gottes Ehren einen Reigen aufführen und Lieder absingen -- _caput caprae, hoc ei per circuitum currentes carmine nefando dedicantes_. Für „Opfertier“ besass die altdeutsche Sprache ein besonderes Wort: ahd. _zebar_, ags. _tifer_, im Altfranzösischen und Portugiesischen als germanisches Lehnwort _toivre_ Vieh, _zebro_, _zebra_ Ochse, Kuh. Damit scheint im wesentlichen das opferbare, essbare Vieh gemeint zu sein, während mhd. _unzifer_, nhd. _Ungeziefer_ die Gesamtheit der unreinen, zum Opfer nicht geeigneten Tiere begreift. Die nordische Sprache verwendet dafür das Wort _tafn_, urverwandt mit lat. _dapes_, Opfermahl. Wenn Hunde und Wölfe neben Menschen an Bäumen hängen, so gehören diese Tiere darum doch nicht zum „_zebar_“; ihr Fleisch wurde ja auch keineswegs für gewöhnlich und gar beim Opferschmause verspeist. Sie bilden nur eine Zugabe zum Menschenopfer und dienen vermutlich zur Verschärfung des Rituals der Todesstrafe. Ein einziges Mal, beim dänischen Opfer zu Hleidra, das Dietmar von Merseburg beschreibt, begegnen auch Hähne und Habichte, doch wol nur infolge irrtümlicher Verwechslung von Opferbrauch und Bestattungsbrauch. Endlich ist noch zu erwähnen, dass das Tieropfer, wol besonders beim kleineren Privatopfer oder auch um einer grossen Menge, die beim eigentlichen Opferschmause nicht unterkam, Beteiligung zu gönnen, symbolisch gebracht worden zu sein scheint, in Form von gebackenen Tierfiguren. Schon der _indiculus superstitionum_ 26 aus dem 8. Jahrhundert nennt Bilder aus Backwerk, _simulacra de consparsa farina_. Die Tierbilder unsrer Weihnachtsgebäcke sind jedem gegenwärtig.
Vom eigentlichen +Hergang beim Opfer+[689] enthalten nordische Quellen einen zusammenhängenden Bericht, während sonst nur wenige verstreute Bemerkungen vorliegen. In den Briefen des Bonifacius zum Jahr 732 begegnet ein Priester des Donar, der Opferfleisch genoss -- _presbyter Jovi mactans et immolatitias carnes vescens_. Nach den Dialogen Gregors des Grossen 3, 27 wurden 40 gefangene Christen von den Langobarden genötigt, Opferfleisch zu essen. Also schlachteten die Priester die Opfertiere und nahmen mit dem Volke am Schmause teil. Des Opferkessels geschieht Meldung. Nach Strabo 7, 2 befanden sich im cimbrischen Heere grauhaarige, weissgekleidete, mit ehernem Gürtel umgürtete, barfüssige Priesterinnen. Diese führten die gefangenen Feinde zu einem geräumigen ehernen Kessel. Auf einer Leiter hinaufsteigend durchschnitt die Priesterin die Kehle des Opfers über dem Kessel, dass das Blut, aus dem geweissagt wurde, hineinrann. Der Kessel dient somit hier zur Aufnahme des Blutes. Anders bei den Schwaben, deren Opferfest Columban störte. Er fand viel Volks, im Begriff ein Wodansopfer zu begehen, um eine biergefüllte grosse Kufe herum sitzen. Reigen und Gesang gehören zur Opferfeier. Die Langobarden tanzen um das aufgehängte Ziegenhaupt. Opferlieder für die Götter erklangen bei allen Opferfesten. Von einem germanischen Feste[690], das mit einem Opfermahle und mit fröhlichem Gesänge verbunden war, hören wir bei Gelegenheit der Schilderung des Feldzuges des Germanicus im Jahre 14 nach Christus.[691] Im 10. Jahrhundert aufgezeichnet ist ein aus dem 6. Jahrhundert stammendes schwer zu deutendes gotisches Neujahrsspiel, das am byzantinischen Hofe aufgeführt zu werden pflegte. Mit heidnischem Kulte hat es aber nicht zu schaffen. Im Volke übliche Wettläufe sollen mit alten Opferbräuchen zusammen hängen. Spiel, Tanz, Gesang, wenn sie sich beim Opfer einstellen, dienen nicht allein weltlicher Belustigung, sie haben vielmehr sakrale Bedeutung und stehen in Zusammenhang mit der Kulthandlung des Opfers.
Der nordische Opferbrauch verlief folgendermaassen. Die Opfer wurden im Tempel vor den Götterbildern geschlachtet; ihr Blut sammelte man in dem eigens hierzu bestimmten Blutkessel, man sprengte es sodann mit Sprengwedeln über das versammelte Volk, und bestrich damit die Götterbilder, Altäre oder Opfersteine und die Wände des Tempels. Die geschlachteten Menschenleiber wurden hierauf wol an den Bäumen aufgehängt oder in den Opfersumpf versenkt. Die Tiere aber dienten zum Opferschmause, nachdem vielleicht die Häupter ebenfalls den Göttern aufgehängt worden waren. Nun wurde das Fleisch in Kesseln gekocht, gesotten. Nie wurde das Opferfleisch gebraten; von diesem Sieden heissen daher in Schweden die Teilnehmer am Opfer _sudnautar_, Sudgenossen. Vom Opferstein und Opferkessel sind nordische Eigennamen wie Steinn, Vésteinn, Freysteinn, Þorsteinn und Ketill, Asketill, Þorketill, verkürzt Askell, Þorkell, Freyskell, endlich Bolli hergenommen. Die Kessel hingen über Feuern, die in der Halle des Tempels zwischen den Bankreihen der beiden Langseiten am Boden brannten. Man ass das also zubereitete Fleisch und Fett und trank die Brühe. Ans Mahl schloss sich der Trunk. Man trank sich gegenseitig über die Feuer hinweg zu. Dem Leiter des Opfers, der den Hochsitz einnahm, lag es ob, die Opferspeise und den Opfertrank zu weihen und die feierlichen Trinksprüche auszubringen. Darauf hub das Minnetrinken[692] an, man trank Odins Becher um Sieg und Macht, Freys und Njords Becher um gutes Jahr und Frieden. So geht das Opfer in ein heiteres Gelage über. Häufig kam es vor, dass bei den feierlichen Opferfesten von Leuten, die sich hervorthun wollten, förmliche Gelübde abgelegt wurden, die auf die Vollbringung irgend eines gewagten Unternehmens abzielten. Natürlich konnte ein Opfermahl nicht unmittelbar an die Opferhandlung in dem Falle sich anschliessen, wenn das Opfer eine beratende Versammlung, ein Ding einleitete. Bei Menschenopfern, welche grosse Volksdinge eröffneten, fällt der Schmaus ohnehin weg. Tieropfer, wenn sie Dingversammlungen vorausgingen, setzen freilich auch die daran anschliessende Mahlzeit voraus. Denn ein Brandopfer, wobei das Tier auf dem Holzstoss in Asche verwandelt wurde, scheint nur bei der Totenfeier, nicht beim Götteropfer üblich gewesen zu sein. Vielleicht folgte der Schmaus erst nach Schluss der Verhandlungen, am Abend und in der Nacht des Dingtages. Beim Opfermahl mag allerlei weltliche Lustbarkeit geübt worden sein, über welche jedoch nichts weiter verlautet. Nur einmal, beim Uppsalaopfer berichtet Saxo etwas derartiges. Der rauhe Kämpe Starkad verliess Schweden und begab sich nach Dänemark, da er sich über Spiel und Tanz beim Opferfeste in Uppsala ärgerte.[693] Was für Spiele damit gemeint sind, lässt sich nicht feststellen. Dass einige der Volksspiele, die im Mittelalter und noch heute vorkommen, aus Opferfesten der Heidenzeit stammen, so namentlich der Schwerttanz, ist möglich und wahrscheinlich, aber im Einzelnen kaum mehr sicher festzustellen.
5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht.[694]
Seit undenklicher Zeit lodern zu bestimmten Zeiten Feuer auf, die mit allerlei Bräuchen verknüpft noch heute fortdauern. Zu Fastnacht, zu Ostern, am 1. Mai, am Johannistag, an Michaeli werden in deutschen Gauen solche Feuer angezündet. Eingehende Untersuchung aller mit den von Hirten und Bauern entfachten Feuern zusammenhängenden Bräuche kam zum Schluss, dass diese Feuer die letzten Überreste altgermanischer Opfer seien. Vergleicht man alle Berichte, so ergibt sich nach und nach ein umständliches Verfahren, das sich zwar nirgends im ganzen Umfange, wol aber fast überall stückweise erhielt. Das Feuer ist der Mittelpunkt einer ursprünglichen regelrechten Opferhandlung, die man in ihren Grundzügen mit Hilfe der weitschichtigen Überlieferung wieder herzustellen versuchte. Wir erkennen Gemeindeopfer, welche von Hirten und Bauern als Bitt- und Dankopfer, unter Umständen auch zur Sühne und Abwehr drohender Nöte dargebracht wurden. Ob diese Opfer schon in der Heidenzeit an festen Tagen stattfanden, ist nicht sicher zu bestimmen. Wenn auch nicht der Tag, so war aber doch die Zeit durch Ackerbau und Viehzucht im allgemeinen, nach einzelnen Gauen klimatischer Verhältnisse halber freilich etwas schwankend, vorgezeichnet. Die Gemeinde trat zum Opfer zusammen beim Austrieb und Heimtrieb des Viehes, also etwa im Mai und September, wenn eine plötzliche Seuche einbrach oder drohte, was namentlich im Hochsommer der Fall war. Die Bauerngemeinde opferte nach beendigter Aussaat bei Winters Schluss oder um den 1. Mai, zur Sonnenwende gegen Gewitter- und Hagelschaden, im Herbst nach der Ernte. Auch zu Mittwinter wurde um Fruchtbarkeit des kommenden Jahres geopfert. So ergeben sich etwa vier jährliche Hauptopfer, die ziemlich gleichmässig verliefen. Wir betrachten zunächst ein +Hirten-+, dann ein +Bauernopfer+.
Wenn eine verheerende Viehseuche den Viehstand einer Gemeinde schädigte, so wurde der erzürnten Gottheit ein Opfer dargebracht. Das stattlichste Tier derjenigen Gattung, die am meisten von der Krankheit zu leiden hatte, wurde ausgewählt, bekränzt, in feierlichem Zuge zu einer heiligen Stätte geleitet und dort geopfert. Das Opfer geschah entweder durch Eingraben des Tieres oder durch Köpfen. Die Tierhäupter wurden am Dachfirst oder sonst irgendwo aufbewahrt und dienten zur Abwehr der Seuche. Man gab freiwillig ein oder auch mehrere Stücke der Herde, um den Rest von der Seuche zu verschonen. Mit dem Tieropfer scheinen ursprünglich die _Notfeuer_[695] verbunden gewesen zu sein, die ebenfalls zur Abwehr von Krankheiten entfacht wurden. Alles Feuer im Dorfe wurde sorgsam ausgelöscht und früh vor Sonnenaufgang oder auch erst nach Sonnenuntergang zog die Gemeinde auf den für die heilige Handlung auserlesenen Platz. Unter feierlichem Schweigen wurden hier von Jünglingen trockene Hölzer durch Reibung in Brand gesetzt. Mit der auf diese Weise gewonnenen Flamme wurde dann ein Holzstoss entzündet, zu dem jede Familie etwas beigesteuert haben musste. Hierauf wurde die Herde durch die Flamme getrieben, zuerst Schweine, dann Kühe, Pferde und Gänse. Auch die Menschen sprangen hindurch und schwärzten sich dabei gegenseitig das Gesicht mit den heilkräftigen Kohlen. Fruchtbäume, Wiesen und Felder wurden mit brennenden Scheiten geräuchert. Zum Schluss nahm jede Familie etwas Feuer und einen abgelöschten Brand mit sich. Ersteres diente dazu, das erloschene Herdfeuer wieder anzuzünden; das verkohlte Scheit sicherte, in die Krippe gelegt, das Gedeihen der Rinder. Die rückständige Notfeuerasche ward als Mittel gegen Raupenfrass und Misswachs auf die Felder gestreut oder auch dem Vieh unter dem Futter mit eingegeben. Das Notfeuer wurde entzündet, wenn die Seuche eingetreten war; aber auch vorbeugend brannte es. Zumal im Hochsommer, wenn die Gluthitze die Luft mit Peststoff erfüllt, war Anlass zu Notfeuern, die zu einer ständigen Sitte wurden. Im Brauche der Johannisfeuer leben solche ständigen, jährlichen Notfeuer fort. Man hoffte dadurch Viehseuchen fürs ganze Jahr bannen zu können. Beim Notfeuer begegnen Spuren ursprünglich dargebrachter Opfer. Das Johannis-Notfeuer war mit einem Mahle verbunden, auch Minnetrinken war dabei üblich, endlich Tanz und Lustbarkeit. Verknüpft man, wozu Gründe vorhanden sind, das Viehopfer und das Notfeuer mit einander, so ergibt sich das altgermanische Opfer in den wesentlichsten Zügen. Ein bekränztes Opfertier wird zur Opferstätte geleitet, dort geschlachtet, das Haupt wird aufbewahrt, den Göttern geweiht, Haut und Knochen und Eingeweide werden in dem umständlich und aussergewöhnlich entfachten Feuer, dem reinigende Kraft eignet, zu Asche verbrannt. Das Fleisch der Opfertiere diente zum Schmaus, der, in ein Gelage auslaufend, die Feier beschloss. Die Volksbräuche haben bald diesen, bald jenen Zug aufbewahrt, die sich aber alle zu einer uralten einheitlichen Handlung vereinigen. Die Bräuche des Viehopfers und Notfeuers sind indogermanisch, sie entstanden bei Hirtenvölkern gleichmässig. Sie mögen mithin im Grunde älter sein, als der germanische Götterglaube und erhielten sich auch länger als dieser, obzwar nur trümmerhaft. Im germanischen Heidentum aber vollzog sich das Opfer nach den auch sonst üblichen Formen und war wol an die zuständigen Hauptgötter der einzelnen Stämme, also an Tiuȥ, Wodan und Donar gerichtet. Das Opfer war wol meist ein Gemeindeopfer, nur bei besonders ausgebreiteter und verheerender Seuche ein Volksopfer. Ursprünglich unständig und nur in Notfällen dargebracht, verwandelte es sich bald auch in ein jährlich wiederholtes sommerliches Opfer zur Erhaltung des Viehstandes.
Gegen Ende Februar, wenn die winterliche Macht dem neuen Frühling zu weichen begann, feierten die heidnischen Germanen ein Opferfest. Man wollte dadurch vor allem Gedeihen für die Wintersaat und überhaupt Fruchtbarkeit für das Jahr erlangen; so galt es, die über Himmel, Erde und Wetter waltenden Gottheiten durch Bittopfer gnädig zu stimmen, durch Sühneopfer zu versöhnen. Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse, Hähne, Flachs und Speisen wurden Wodan, Frija und Donar gespendet. Zum Opferfeuer und zum Opfermahl steuerten die Gemeindemitglieder bei. Waren die Vorbereitungen getroffen, so zog die Gemeinde auf das mit Wintersaat bestellte Kornfeld, auf die Wiese oder auf einen Hügel in der Nähe des Dorfes und errichtete dort den Scheiterhaufen, auf den, hoch oben in Gestalt einer Strohpuppe, der winterliche Dämon gesetzt ward. Die Tiere wurden geschlachtet, das Feuer entzündet. Um das Feuer ging ein jubelnder Reigen. Die Bursche schwärmten mit Fackeln, lärmend mit Peitschen knallend, mit Schellen läutend und Lieder singend, auf den Feldern umher, um die dem Wachstum gefährlichen bösen Geister aus den Äckern zu vertreiben, aber auch um den neuen Lenz und das Korn aufzuwecken. Zu demselben Zweck rollte man brennende Reisigbündel über die grünende Saat oder trieb mit Stroh umflochtene und dann angezündete Räder die Anhöhen hinab in die Felder. In Süddeutschland ist das Schlagen brennender Holzscheiben üblich, deren Flug die Saat der reinigenden Kraft des Feuers teilhaftig macht. Fackellauf, Radtreiben, Scheibenschlagen[696] verbreiten das heilige Opferfeuer über das Saatfeld. Flamme, Rauch und verkohlte Überreste enthielten zauberische Heilkraft. Man stellte Weissagungen auf Ernteausfall und Witterung an. Zum Schluss folgte ein feierliches Mahl, bei welchem ein jeder von den verschiedenen Opfergaben bekam, um so auch für seine Person der Segnungen teilhaftig zu werden. Durchs niedergebrannte Feuer sprangen die Teilnehmer am Opfer. Die verkohlten Überreste wurden als Talismane heim genommen.
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Meistens bestand die Gemeinde weder ausschliesslich aus Bauern, noch aus lauter Hirten; sie war aus beiden gemischt. Darum nimmt die Opferfeier sowol auf Ackerbau als auch auf Viehzucht Rücksicht. Da die Gemeindeopfer der Hirten und Bauern zeitlich nicht weit auseinanderlagen, ergab sich um so leichter eine gemeinsame Feier, deren wesentlichen Gang Jahn am Schlusse seines Buches übersichtlich dargestellt hat. Wir wiederholen seine Schilderung (S. 326 ff.), die, wenn auch nicht in den Einzelheiten, so doch in den Grundzügen der Wirklichkeit entsprechen wird.
Naht der Juli mit seiner stechenden, tötlichen Hitze, seinen schweren, Unheil bringenden Gewittern, rückt der Tag heran, an dem die Sonne auf ihrer Himmelsbahn den Höhepunkt erreicht, dass sie fast senkrecht auf die Erde herabscheint, so befinden sich Hirt und Bauer in grösster Aufregung. Jener fürchtet, dass die verpestete Luft, in der giftspeiende Drachen und Krebse herumfliegen und böse, allem Wachstum feindliche Dämonen ihr Wesen treiben, seinem Viehstand verderbliche Seuchen zuführt, dieser dagegen ist in Sorge, dass ein Hochgewitter oder ein heftiger Hagelschauer die in der Blüte stehende und schon reifende Frucht vernichten und dadurch mit einem Schlage seine ganzen Erntehoffnungen zerstören werde. Darum rüsten beide gemeinsam ein grosses Opferfest aus, um von den Gottheiten der Luft und des Himmels, der Erde und des Wassers und des Wetters, von Wodan, Tiu, Frija, Donar, gnädigen Schutz für ihr gefährdetes Eigentum zu erflehen.
Vor allen Dingen gilt es da, den Göttern angenehme Opfertiere auszulesen: Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner, auch Hunde und Katzen. Zu dem Zwecke wählt man entweder nach eignem Gutdünken die schönsten und stärksten Stücke der Herde aus, oder man lässt die Gottheit selbst entscheiden. Letzteres geschieht in der Weise, dass man immer dasjenige Tier von einer jeglichen Gattung Vieh, welches nach dem Willen der Gottheit als letztes die zur Feier des Tages besonders abgesteckte Festweide betritt, mit Blumen bekränzt und dadurch zum Opfer bestimmt.
Zugleich mit der Auswahl der Opfertiere geht ein kleines Opfer, an dem sich nur Hirten beteiligen dürfen. Während die Herde auf dem Wege zur Festweide ist, eilt der Gemeindehirt zu einem heiligen Baum oder Strauch und schneidet davon mehrere Ruten ab. Diese werden sodann, mit Feldblumen durchflochten, in Besen zusammengebunden und denjenigen Tieren der einzelnen Herden, welche als erste auf der vorher noch von keinem Geschöpf betretenen Hutung anlangen, an den Schweif gebunden, damit auf diese Weise der heilige Mittsommertau recht frisch in den Reiserbesen aufgefangen werde und letztere dadurch noch grössere Zauberkraft erhalten.
Darauf nimmt der Oberhirt der Gemeinde einen der Zauberbesen in die Hand und schlägt damit unter dem Hersagen eines Segensspruches jedes Stück Vieh dreimal auf den Rücken, wodurch alle schädlichen Hexen und Krankheit bringenden elbischen Geister aus dem Körper der Tiere vertrieben werden. Ist dies geschehen, so werden die Kühe gemolken und aus der gewonnenen Milch, in die man zuvor heilige Kräuter geworfen hat, und aus Eiern ein Opfermahl hergerichtet. Alle Hirten müssen daran teilnehmen, denn der Genuss der Opferspeisen ist von grossem Einfluss auf das Gedeihen des Viehstandes, und darum lässt man auch das Vieh nicht leer ausgehen, sondern gibt ihm die in der Opfermilch befindlichen Blumen zu fressen. Am Schlusse des Mahles übergibt der Oberhirt jedem Hofbesitzer einen der heiligen Besen, mit welchem dieser die Ställe und Scheuern seines Gehöftes kehrt, um auch dieses von schädlichen Krankheitsgeistern zu reinigen. Sodann wird der Besen als schützender Talisman auf dem Misthaufen aufgepflanzt oder oben an dem Hofthore befestigt.
Nach dem Vertreiben der Hexen und dem damit verbundenen Hirtenopfer erscheinen sämtliche erwachsene Mitglieder der Gemeinde und putzen die am Morgen ausgewählten Opfertiere auf das festlichste aus. Man bekränzt sie mit Blumen, ziert sie mit bunten, farbigen Bändern und schmückt die Hörner der Böcke und Rinder mit Flittergold. Sodann treten die Ackerbauern zusammen und ziehen mit den Opfertieren in feierlichem Zuge, ein Götterbild an der Spitze, zuerst durch die Ortschaft, dann aber um die ganze Feldmark der Gemeinde herum. An deren vier Ecken wird Halt gemacht und ein Gebet gesprochen, in welchem man von Donar gnädigen Schutz der Saaten vor Wetterschlag und Hagelschauer erfleht. Der Umzug endigt bei dem heiligen Quell des Dorfes, dem festlich geschmückten Ortsbrunnen, worin die Göttin, welche der Erde Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit verleiht, wohnt und waltet. Ein jeder von den Teilnehmern an der feierlichen Handlung tritt hier einzeln an den Quell heran, wirft ein mit Blumen geschmücktes Gebäck als Opfergabe hinein und thut dann von dem heiligen Wasser einen Trunk. Nachdem er sich ferner aus dem Wasserstande heraus den glücklichen oder unglücklichen Ausfall der kommenden Ernte geweissagt hat, schöpft er schliesslich noch für seinen Hausbedarf ein eigens dazu mitgebrachtes Gefäss voll des heiligen Wassers, welches er dann späterhin in Fällen der Not als kräftiges Mittel gegen allerhand Übel und Krankheiten, gegen Hexen und böse Geister gebraucht.
Während Hirten und Ackerbauern sich mit dem Vertreiben der schädlichen Dämonen aus der Herde und mit dem Bittgang um die Felder beschäftigt haben, sind indes die Kinder im Orte von Haus zu Haus gezogen und haben unter dem Absingen von Liedern, in denen auf den reichlichen Geber alles Heil und Glück, auf den kargen Geizhals dagegen alles Unglück dieser Welt herabgewünscht wird, Holz, Stroh und anderen Brennstoff eingesammelt. Damit sind sie sodann auf den Dorfplatz oder eine Anhöhe in der Nähe des Ortes geeilt und haben dort einen grossen Scheiterhaufen errichtet. Hoch oben auf die Spitze desselben setzen sie eine aus Stroh geflochtene Puppe, welche das persönlich gedachte Unglück (die Hexe, den bösen Geist, den bösen Säemann, den Hagel) darstellen soll.