Granada in Flammen

Part 9

Chapter 93,725 wordsPublic domain

Da drängte sich ein maurisches Weib durch die Menge. Die malvenfarbne, goldgestickte Seide rauschte an den herrlichen Gliedern, Muscheln, Korallen und Perlen blinkten an der Brust, durch das wunderbare Schleiergewebe auf dem Haupt dunkelte das Haar, und jeder Schritt des Weibes war Erregung und Glut. Mit einer heftigen Gebärde schob sie einen Mönch beiseite und warf ihren blühenden Leib an den Dominikanervikar heran. „Gebt den Koran Boabdils zurück!“

Ringsherum entstand eine Bewegung.

Abu Atir wandte sich jäh um. „Reija!“ Er schritt auf sie zu und zog das kühne Mädchen an sein Herz. „Wie kannst du es wagen --?“

Aber ihre fordernden Augen waren auf den unerbittlichen Priester gerichtet.

„Wer seid Ihr?“ fragte Leon.

Hinter ihm aber schnaubte ein Pferdekopf dicht an seiner Schulter. Der Graf de Mora hatte sich herangedrängt.

„Gebt den Koran zurück!“ tönte die mahnende Glocke aus der Mädchenbrust.

„Wer seid Ihr?“ Leons Augen richteten sich in wachsender Bewunderung auf die schlanke Gestalt.

„Den Koran meines Vaters gebt heraus, Sidi!“

Da ging ein Wellen und Wogen durch die gestauten Massen. Reija! Reija! Der Name flog von Lippe zu Lippe, warf sich über die Köpfe zurück und flammte über den Platz, und es schien, als wollte er zum jubelnden Lied werden.

Leon wußte nicht, wie er diesem seltsamen Weib gegenüber handeln sollte. Hinter ihm saß der königliche Hauptmann aufrecht ohne Wimperzucken im Sattel. Ehern, wie mit dem andalusischen Roß verwachsen, schimmerte die lebendige Reiterstatue hinter dem dunklen Leibergewoge der Bruderschaft.

Der Inquisitor hatte von dem Gerücht über die Königstochter gehört. Wohlgefällig maß er nun die prachtvollen Glieder des stürmisch bittenden Mädchens.

„Ich kann Euch nichts versprechen, aber ich werde versuchen --“

„Gebt mir den Koran!“ forderte gebieterisch die klingende Stimme.

„Ich kann ihn Euch nicht geben, bevor --“

Da schnellten zwei braune Arme nach dem goldstrotzenden Buch, das die Bücherlast des Imams krönte. Schützend hielt der Dominikaner die Kuttenarme vor. „Weh Euch!“

Reija sprang im Nu auf einen der Bücherhaufen und ließ die Flamme ihrer Empörung über die Köpfe der dichtgedrängten Massen lodern. „Brüder -- eures Königs Koran in Gefahr! Und ihr steht und starrt -- fürchtet ihr Lanzen, Flammen, menschliche Waffen? Ist euer Gewissen nicht rein wie Heuschreckenspeichel? Bei der Nacht Alkadar, da der Engel den Koran bewachte und ihn aus dem siebenten Himmel brachte, rührt euch nicht die Not des heiligen Buches? Bei den zehn Nächten des Dhulhedscha beschwöre ich euch, rettet mir den Koran -- ich bin Reija -- das Königskind!“

Ein Brausen und Wogen hub an. Die durch die Begeisterung entfachte Inbrunst des Mädchens rang sich durch das Stimmenmeer. „Wer wird euch zum Gebet rufen, wenn euer Koran nicht mehr ist? Aus dem leeren, trauerverhängten Mihrab ruft euch Gott nicht mehr. Habt ihr gehört das Wort von der Sure von den Priestern, die Gold anhäufen und der Leute Reichtum in Eitelkeit verzehren?“

„Laß ab, Mädchen!“ gellte die Stimme Leons in die Aufwiegelung.

„Es ist ein Gott, und nichts außer ihm, und Mohammed ist sein Prophet!“

Das Wort wälzte Steine von den geängstigten Brüsten der Mauren. Gluterfüllte Koranworte lösten sich aus dem tosenden Lärm, sie sprangen in die Luft wie Feuerbälle, zündeten und ließen die Herzen zur feurigen Lohe werden. „Es ist ein Gott und nichts außer ihm!“ schwang es sich heulend zum Himmel. Unheimliche Gesänge, deren Worte man nicht verstand, deren drohender Klang aber die Herzen der Mönche erzittern machte, formten sich aus dem rauschenden Bekennen zu Mohammed.

Da erhob Leon die Arme gegen das Mädchen. „Herunter, Weib -- hier richten Männer!“

In diesem Augenblick durchbrach das Roß des Grafen de Mora das Spalier der Mönche. Mit einem Ruck des Zügels hielt es der Reiter an. Sein Degen blitzte in der Luft. „Laßt ab, Pater -- das Weib ist schwach, es weiß nicht, was es tut.“

Die hart zugreifende Hand des Priesters ließ den Arm des Mädchens los. Die Beni Mossad und andere maurische Edle umringten sofort das Königskind.

Abu Atir verneigte sich vor dem Grafen. „Hab’ Dank, Feta, und der Allmächtige weihe deinen Degen immer für edle Dinge!“

Reija blickte aus dem Ring der Edelleute auf den seltsamen Schützer. Ihre Augen wurden groß und wie von innen durchleuchtet. Und dieser Blick sollte wohl als eine Art Dank gelten.

Der Graf fing ihn auf. Im nächsten Augenblick überlief sein Antlitz wieder die kalte Strenge, die alle fürchteten.

Auf einem der Miradores, wo die neugierigen spanischen Edelfrauen dem bewegten Schauspiel zusahen, erhob sich jetzt eine Dame. Der schöne Leib, in die andalusische Busquina von schwarzer, perlenbestickter Seide gehüllt, straffte sich in Erregung, die blonden Locken durchstrich der einsetzende Wind, die zart behandschuhte Hand umfaßte wie fröstelnd die Spitzen der kostbaren Mantilla. Leonore de Uceda schaffte sich Platz. Sie hatte genug gesehen. Mit bebenden Nüstern, die Finger in den zitternden Fächer verkrampft, rauschte sie an der Herzogin von Escalona vorbei. „Ihr habt es gesehen, Herzogin -- es gibt sonderbare Ritter unter den Kastiliern,“ sagte sie mit gekräuselten Lippen.

„Und sonderbare Mädchen unter den Mauren,“ lachte die Herzogin, ein verblühtes Weib, zurück. „Ihr geht schon?“

„Die Luft wird drückend. Laßt uns die Bälle wechseln im Myrtenhof, Herzogin.“

„Wir müssen die Hinterpforte benützen.“ Die Herzogin zog Doña Leonore mit sich durch die kleine Balkontür.

Auf dem Platz saß noch immer der Graf regungslos im Sattel neben dem erregten Dominikaner. Seine Blicke suchten das Gewühl der Menschen ab. Er sah die blaue Seide zwischen den weißen Burnussen da und dort aufleuchten, sah, wie sich maurische Frauen an das Mädchen herandrängten, und in seinem Herzen wogte eine Unruhe, der er keinen Namen geben konnte. Auch für das, was er soeben zum eigenen Erleben gestaltet hatte, konnte er keine Erklärung finden. Er fühlte, wie eine schwere Wolke auf seine Stirn drückte. Sie nahm ihm die Kraft zu nüchternem Denken.

Da weckte ihn die heisere Stimme des Vikars aus der Gebanntheit. „Das nenne ich eine heilige Sache verteidigen, Don Pedro de Solar.“

„Ihr grifft allzu hart zu. Und eine edle Dame war in Gefahr. Das genügt für einen Ritter.“ Sein Atem ging heiß bewegt.

„Auch die Kirche war in Gefahr, und Ihr ließet sie darin.“

Da erscholl neuer Lärm aus der Ecke des Zacatin. Flüche und Schreie durchzuckten die Schwüle. Schweres Gewölk jagte der Himmel daher.

Graf de Mora ritt nach dem Gassenloch. De Rojas eilte ihm entgegen. „Die Mauren bedrängen Salzedo. Er will die Tochter eines Elche verhaften und maurische Händler kommen ihr zu Hilfe --“

„Daß sie im Schwall ihrer Suren erstickten!“ fluchte der Graf.

Da donnerte es ihm entgegen: „Mord! Mord!“ Kastilische Soldaten riefen es vom Wetterwinkel des Zacatin herüber. Das aufgeregte Meer wirft seine farbigen Wogen gegen die enge Händlergasse, die von einem Menschenhaufen verstopft ist. Die Reiter des Grafen schaffen ihm Platz.

Ein Loch gähnt in der Menge. Auf dem Boden liegt ein toter Spanier. „Wer hat das getan?“ wütet der Hauptmann.

Wie ein Donnergrollen läuft es durch das Gassenloch. „Wer ist der Tote?“ fragt der Graf drängender.

„Der Alguacil Collados, er hat den Hausmeister Salzedo begleitet.“

„Wo ist Salzedo?“

„Man weiß nichts von ihm. Mauren haben ihn fortgeschleppt.“

„So ist er verloren!“

Hinter des Grafen Rücken haben sich die Massen zu einem undurchdringlichen Pfropf zusammengeballt. Leute werfen eine Decke auf den erstochenen Mann. Aus dem engen Schlund des Zacatins wälzen sich neue Scharen von Mauren heran. Der Graf drückt mühsam sein Roß nach dem Palast des Primas.

Ximenes steht mit vereisten Zügen, von Mönchen umgeben, auf dem Balkon. Plötzlich hört man wilde Feuerrufe. „Der Albaycin brennt!“ Schreiend flutet die Menge nach den Gassen. Ximenes lächelt kühl. Sein Schachzug war gut. Der blinde Feuerlärm, von ihm selbst verursacht, befreit ihn von dem gefährlichen Druck der empörten Massen. Alles strömt nach dem Albaycin, die Heimstätten zu retten. Den Rest von Gaffern läßt Pater Leon durch die erzbischöflichen Leibwächter gegen die Häuser des Platzes drängen. Dann schichten die Dominikaner die Bücherhaufen zusammen, die Leon oberflächlich zur Verbrennung ausgewählt. Die Bücher, denen Gnade zuteil wurde, darunter der Koran Boabdils, liegen abseits unter der Hut von Lanzen.

Da tritt Graf de Mora auf den Balkon zu Ximenes. „Ein Alguacil wurde getötet. Salzedo wurde verschleppt.“

Ximenes wütet. Seinen getreuen Hausmeister anzugreifen! „Graf -- Ihr rettet mir einen Freund! Entreißt ihn den Händen der Mauren, bei allen Heiligen! Wenn Ihr mir ihn lebendig bringt -- oh, ich gewähre Euch jeden Wunsch, und Euer Herz wird doch voll von Wünschen sein.“

Don Pedro de Solar senkte den Kopf. Er wußte nicht, was an seine Brustwand tobte.

„Ihr besinnt Euch?“ fragte verwundert der Erzbischof.

„Wenn Ihr mir in Gnaden einen Wunsch gewähren wollt, so bitte ich eins: Verbrennt den Koran Boabdils nicht.“

Ximenes warf einen durchbohrenden Blick auf den königlichen Hauptmann. „Ihr bittet -- für ein Buch der Ungläubigen?“

„+Ein+ Koran, meine ich, müßte doch erhalten bleiben, daß man den Irrtum widerlegen könnte. Und so meine ich --“ Er hielt verwirrt inne.

„Bedenke ich’s recht -- fürwahr -- die Hochschule zu Alcala wird ein prächtiges Geschenk damit erhalten. Ich will’s überschlafen.“ Und er gab vom Balkon herab den Befehl, den goldnen Koran zu schonen.

Leon erblickte den Grafen neben Ximenes stehen. Sein Hirn fügte im Nu Stein auf Stein zu einem Gebäude des Verdachtes zusammen.

Der Graf dankte bewegt, eilte hinab und bestieg sein Pferd.

Gleich darauf fielen die ersten Bücher in eine jäh aufprasselnde Flamme, die den christenfeindlichen Geist in seiner verderblichsten Form zerstören sollte. Band auf Band flog unter dem Wutgeschrei der wieder zusammenflutenden Menge in die Lohe, bis dicke, weißgraue Rauchschwaden träg in die von Schwüle gedrückte Luft stiegen. Die Wolken über der Stadt verdichteten sich zu unheimlicher Schwärze.

Ximenes sah mit glaubensgespanntem Herzen dem schaurigschönen Schauspiel zu. Zur Flamme des Aufruhrs gesellte sich das lebendige Feuer der Reinigung. Rote Zungen, beweglich wie tanzende böse Geister, griffen und lechzten unaufhörlich nach neuer Nahrung. In des Kanzlers Brust löste sich leise eine Lobhymne auf den dreieinigen Gott los, seine blassen Lippen murmelten Worte der glühenden Andacht. Er sah das Opferfeuer, genährt aus der Beute der Irrgläubigen, wie eine brennende Säule aus dem Boden steigen. In ihm schauerte das Gefühl: ~Est Deus in nobis~, es ist ein Gott in uns!

Ein Blitzstrahl zuckte über den granadinischen Westbergen, und gleich darauf grollte es über die Stadt. Ximenes legte es als Zornruf des Himmels über das Volk des Propheten aus. Er ließ die Flamme nähren. Haufenweise, ohne weitere Prüfung, schleuderten Dominikaner und Franziskaner die kostbaren Bände ins Feuer. Gierig verschlang die rauchige Lohe den jahrhundertealten, Gott suchenden Geistesschatz eines ganzen Volkes.

Dreizehntes Kapitel

Von fünf Lanzenreitern begleitet, reitet der Graf de Mora nach der betürmten Moreria, dem Maurenviertel. Er muß Salzedo finden. Da hört er sich angerufen. Sein Freund Hernando de Rojas drängt sich auf seinem Andalusier heran. „Pedro! Pedro! Man hat eine Spur Salzedos! Das heißblütige Weib, das um den Koran gekämpft --“

„Reija?!“ Der heftig ausgestoßene Name verursacht einen Brand auf den Lippen des Grafen.

„Ihre Ritter sollen ihn mitgeschleppt haben. Maurische List! Eine Geisel in ihren Händen!“

Der Graf hetzte mit einem Spornhieb sein Pferd vorwärts. De Rojas konnte ihm nur mühsam folgen. Bald ragten die Mauern des Alkazars vor ihm. Hier wohnte der Imam Abu Atir. Vor dem zinnengekrönten Gemäuer drängte und schob sich das Volk wie Ameisen um ihren Bau.

Der königliche Hauptmann wandte sich an einen der Maurenritter, die vor dem steinernen Tor standen, die Marlota, einen Brokatüberwurf, über die Schulter geworfen, in eiserner Wehr. „Ist der Imam Abu Atir im Hause?“

„Der Imam? Mögen ihn alle guten Geister des Herrn beschützen, so Ihr Böses im Sinne habt, Hauptmann des Königs. Was wollt Ihr von ihm?“

Noch ehe der Maure eine Antwort erhielt, schob sich die simsonstarke Patriarchengestalt des Imams aus dem Tor ins Licht.

„Hadha! Dieser ist es!“ sagte der gewappnete Maurenritter.

Der Graf senkte den Degen vor dem Greis. „Es soll Salzedo, der Hausmeister des Primas, in Eurer Gewalt sein.“

Abu Atir lächelte klug. „Es soll der Koran, das goldne Buch Boabdils, in deiner Gewalt sein, Feta.“

„Es ist des Königs Gebot.“

„König Fernando hat Verträge unterschrieben: unser Glaube soll unberührt bleiben.“

„Der König hat euch nicht den Glauben genommen, sondern nur Bücher.“

„Oh, über das weite Gewissen eines Gottesmanns! Gebt den Koran zurück und wir geben euch Salzedo.“

Da durchzuckte es des Grafen Herz. Aus dem Tor schritt inmitten der Sklavinnen das verschleierte Königskind. Eine der Frauen trug auf einer silbernen Tasse Milch und Salz.

„Das ist unser Brauch,“ sagte Reija. „Nimm Halib und Milch, auf daß du in Frieden scheidest, Hauptmann des Königs.“

Graf de Mora schüttelte den Kopf. „Ich danke Euch.“

„Was beliebt?“ fragte Reija mit dunkelblitzenden Augen.

„Ich möchte Salzedo frei haben.“

„Feta -- du bekommst Salzedo, wenn ich den Koran bekomme.“

Zorn und Bewunderung rangen im Herzen des Grafen miteinander. Ihm war, als straffte sich das Wesen der Jungfrau unter dem Druck der Gefahr.

Abu Atir drängte sanft das herbe Mädchen beiseite. „Menge dich nicht in Männerworte, Reija, meine Taube.“

„Ich will Worte machen um das Heiligtum meines Vaters, dem Gott allezeit weiche Kissen geben möge.“

Der Graf besann sich, daß er von Ximenes den Auftrag hatte, den Handel unblutig zu lösen, wenn er nur Salzedo wiederbrächte. „Ich gebe Euch heute abend den Koran, doch Ihr müßt mir noch jetzt Salzedo ausliefern.“

„Was soll der Hauch eines Mundes, der in die Luft geht?“ fragte Abu Atir geringschätzig.

„Ich verpfände Euch mein Leben für mein Wort,“ sagte Graf de Mora.

Da trat Reija hastig heran. „Das soll wiegen, Väterchen. Daß du es weißt, Feta, ich habe Salzedo unter meinem Bett versteckt, denn die Wut der Mauren hatte ihn überall gesucht. Dank’ mir’s, Feta, er wäre sonst nicht lebendig in deine Hände gekommen.“

„Und ich habe Euch den Koran von Ximenes erbettelt. Dankt mir’s, Doña Reija, denn er wäre jetzt Rauch und Flammen. Seht hin!“ Er wies auf die Rauchsäule, die aus der Tiefe der Bibarrambla aufstieg.

Abu Atir heulte auf: „Die Bücher brennen!“ Der Ruf widerhallte in den Herzen der das Haus belagernden Mauren. Aus Schmerzenslärm, Ingrimm und Wut stieß es sich heraus: „Zum Palast des Ximenes! Unsere Bücher!“ Die brodelnde Masse der Burnusse wälzte sich wie ein weißer Brei die Feigenhänge hinab nach der Antequeruela. Vergebens rief der Imam seine warnenden Wehworte den Eilenden nach. Der Strom war im Gang, die Lava des Aufruhrs floß den Berg hinab in die Stadt. Von allen Seiten erscholl das fatalistische Insch’allah! aus dem Lärm der fließenden Haufen.

Noch einmal forderte der Graf: „Gebt mir Salzedo!“

„Wenn die Dunkelheit einbricht, holt ihn. Jetzt bestünde für dich und ihn die größte Gefahr,“ flüsterte ihm Reija auf gut spanisch zu.

Vom Velaturm der Alhambra tönte die Sturmglocke. Von den Minars erschollen die langgezogenen Rufe der Muezzins, die zu den Waffen riefen. Der Graf wandte sein Roß und warf einen letzten Blick nach dem Tor zurück, wo eine blaue Seide hinter Steinen verschwand.

Regen rauschte herab. Der Donner prasselte aus dem ziehenden Gewölk, und Granada versank in Grau und Schleier. Schauerlich hallten die Glocken und die Muezzinrufe in das dumpfe Getöse des Aufruhrs. In die Regenwolken hinauf hob sich schwer und träg der Qualm des brennenden Scheiterhaufens auf der Bibarrambla. Vor den Kirchen lagen hilflose Gruppen von Moriskos um Mönche geschart, die am Leibe zitterten. Hinter ihnen ergoß sich der Strom der schreienden Mauren die Gassen hinab.

Der Platz des seltsamen Autodafés ist zum Bersten voll. Wütende Fäuste drohen nach dem Palast des Ximenes, vor dem der durch den Regen halb erstickte Qualm seine deckenden Schleier hin und her weht. Die Reiter des königlichen Hauptmanns pressen sich mit den schwer zu bändigenden Rossen durch die Menge nach dem Kordon um das Feuer. Unaufhörlich steigt der psalmodierende Gesang der Bruderschaften wolkenwärts. Dazwischen die ratternden Stimmen der Rottenwächter, die die Soldaten zum Widerstand anspornen.

Ximenes steht unerschrocken im Bewußtsein der Heiligkeit seines Gotteswerkes auf dem Mirador und blickt gelassen auf die wutschnaubende Menge. Er will den Haß dieser Irrgläubigen gern in Kauf nehmen, wenn er dafür den heiligen Christenglauben aufzwingen kann. Er denkt an Torquemada, der das Einhorn auf seinem Tisch stehen hatte, das die zauberhafte Kraft besaß, Gift in Speisen zu entdecken. Und wenn er ausritt, umgab er sich mit fünfzig Reitern und zweihundert Fußsoldaten. Aber er, Ximenes, schwört auf die Leibwache seiner gottgesandten Engel, und nur der besorgten Königin zuliebe duldet er die kastilischen Reiter. Vergebens fleht ihn sein getreuer Famulus Ruyz an, in der Alhambra Schutz zu suchen. „Es schadet einem Kirchenmanne nicht, wenn er Mut zeigt,“ antwortet Ximenes. „Und einem Staatsmann noch weniger.“

Da steht Graf de Mora vor ihm. „Salzedo ist gefunden. Er dient den Mauren als Geisel.“

„Wofür?“ braust der Primas auf.

„Für den Koran des Königs.“

„Welch Übermut!“ zischt Ximenes zwischen erblaßten Lippen.

„Ihr habt mir eine Gnade gewährt, ehrwürdigster Herr. Es ist ein leichtes, Salzedo wiederzubekommen. Wenn es dunkel wird, können wir tauschen. Gebt den Koran.“

„Das Weib ist ein Teufel!“

„Sie ist eine Maurin.“

„Nehmt den Koran und bringt mir Salzedo. Doch nehmt Euch vor den Mauren in acht. Mancher ging nach Wolle aus und kam geschoren nach Haus.“

Ein Alguacil trat ein, den schwarzen aufgekrempten Hut in der Hand, die Stirn verkratzt und blutig, den schwarzen Mantel lose über die Schulter geworfen. Der weiße Amtsstab hing zerbrochen an seiner Seite. Mit erhitztem Atem stieß er heraus: „Ein Fang -- wir haben den Mörder des Collados!“

„Wer ist es?“

„Ein lang gesuchter Ritter aus dem Geschlecht der Abencerragen: Eswer.“

„Eswer?“ fuhr der Graf auf. „Eswer Ben Zerragh? Wirklich?“

„Er ist aus den Bergen zurück und hat sich als Lederhändler verkleidet. Sein Dolch traf den Collados.“

„Wir fahnden lang nach ihm,“ berichtete der Graf. „Ihr habt ihn dingfest gemacht?“

„Er liegt gefesselt in der Kirche gegenüber. Wir werden Mühe haben, den Fang vor den wütenden Mauren zu verbergen. Man hat nichts bei ihm gefunden als diese drei losen Zettel.“

Der Graf las die kufische Schrift. Es schienen Verse zu sein, die Worte Mond, Kamel, Mädchen, Gazelle wiederholten sich, und dann ein Wort, das wie ein Lanzenstich in das Herz des Hauptmanns traf: Reija. Er steckte die Zettel zu sich.

„Ist Graf Tendilla noch immer nicht von Loja zurück?“ fragte Ximenes.

„Wir haben Reiter geschickt, ihn zur Eile anzuspornen.“

Draußen brandet neues Getöse an die Mauern des Palastes. Rauchschwaden breiten wehende Schleier über das Meer von Burnussen, aus dem jetzt ein schwüler Gesang aufsteigt, der den schaurigen Hall der Glocken übertäubt, ein aufwühlendes Kampflied, das von Adlerfreiheit und Christenschädeln singt.

Der Regen läßt nach und über der Vega lichtet sich das Gewölk. Bald darauf blauen Flecken am Firmament.

Stunde auf Stunde verrann. Immer wieder qualmte der Scheiterhaufen. Die Schätze aus den Kalifenbibliotheken von Cordoba und Sevilla, vor zwei Jahrhunderten nach Granada gebracht, gingen in Rauch auf. Da und dort wurde ein allzu stürmischer Maure in Ketten gelegt, dann schwoll das Geheul zum Orkan an.

Als es Abend wurde, ritt der Graf de Mora mit dem sorgfältig verpackten Koran nach dem Albaycin. Vor der Alcazaba hält er. Bis an die Zähne bewaffnete Mauren führen ihn in den Sahat. In der Ecke des großen, blumenduftenden Hofes unter einem reich ornamentierten Hufeisenbogen lagern Frauen unter einer Ampel, die ihr milchiges Licht über buntfarbige Polsterüppigkeit gießt. Schleier und Tücher fallen über die Gesichter, als man den königlichen Hauptmann erschaut.

Eine der Frauen schnellt empor. Mit gespannten Gliedern steht sie da. So äugt das Wild in die Richtung der Gefahr. Dann hebt ein wunderbares Schreiten an. Jeder Schritt schneidet dem Spanier ins Herz. Er trägt dem Mädchen das heilige Buch entgegen. Ein Aufzucken geht durch ihren Leib, die gelbe Seide knistert.

„Hier ist der Koran, gebt mir Salzedo,“ sagt der Graf kurz und stammelt noch ein paar arabische Höflichkeitsworte dazu.

Reijas blitzende Augen brannten in sein Herz. In ihrem Haar blutete eine Rose. Sie nestelte sie los und reichte sie dem Grafen. „Dank, daß du dein Wort gehalten. Gottes Segnungen an dir seien wie die Sterne am Himmel.“ Sie hielt mit leuchtenden Augen nach arabischer Sitte den Koran hoch über ihrem Haupt, als Zeichen der Verehrung.

Der Graf dankte, die Rose in den Händen drehend, mit schmerzlich verzogener Lippe. Der ganze schwüle Atem des Gartens schlug ihm in die Sinne.

Reija winkte Saffana herbei, der sie etwas zuflüsterte. Die Sklavin eilte ins Haus und kehrte gleich darauf mit dem zähneklappernden Salzedo zurück, der froh aufschaute, als er den spanischen Hauptmann erblickte.

„Wir werden ihn in ein maurisches Kleid stecken,“ sagte Reija, „und ihm einen falschen Bart geben. Dann mag er sich durch die Hinterpforte durchschlagen.“

Der befangene Graf wollte seinen Dank dem Imam sagen, doch Reija erklärte, sie werde ihm den Dank übermitteln. Dann trat sie plötzlich ganz nahe an den Ritter heran, daß er das Wogen ihrer zarten Brüste zu hören meinte. „Ihr habt bei euch den Sid Eswer Ben Zerragh gefangen. Er muß frei sein.“ Es klang bittend und doch wieder gebieterisch.

Der Ton schnitt in des Grafen Herz. Was glaubte dieses halbe Kind von ihm? Sprach man so mit einem königlichen Hauptmann? Und was ging sie überhaupt dieser Jüngling an? Ein Mörder, der seinen Christenhaß mit blutigem Messer bestätigte! „Ihr seid nicht bei Sinnen, Doña Reija. Wir fahndeten schon lang nach dem Abencerragen.“

„Gib ihm Gelegenheit, sich frei zu machen. Wer will, findet Wege. Kommt das Glück gegangen, laß es nicht uneingefangen.“ Das halb drohende, halb bittende Auge leuchtete wie ein schöner Stern aus der Wolke des Schleiers.

Graf de Mora glaubte sein Herz knistern zu hören. Er dankte Gott heimlich, daß dieses Antlitz vor ihm verborgen blieb. Aber im nächsten Augenblick entsann er sich der Verse des Abencerragen. Erklang nicht hell darin der Name Reija? Da ward ihm eines zur Gewißheit: Die beiden Herzen schlugen füreinander. In seiner Brust siedete der Trotz. „Ihr werdet diesen Jüngling nimmer sehen, denn er wird gerichtet werden.“

„Du wirst Eswer freilassen. Gott der Erhabene, dem Ehre und Preis sei immerdar, wird dich dafür segnen.“

„Ich werde ihn nicht freilassen, denn dann wäre ich selbst schuldig.“

„Du wirst ihn freilassen und wirst nicht schuldig sein. Die Alpujarras haben viele Schluchten und Höhlen. Und die Mauren sind treu.“

An die Brust des Grafen schlugen glühende Wogen, von Trotz, Liebe und Eifersucht zusammengejagt. Er spürte, wie sein ganzer Körper unter dem Ansturm fremder Mächte zu zittern begann. Er wollte von dieser flammenden Stelle eilen und konnte doch keinen Fuß bewegen. Wie mit unzerreißbaren Fäden fühlte er sich mit der Säule verbunden, an der sich sein Leib stützte. „Lebt wohl, Doña Reija,“ löste es sich endlich gequält von seinem Munde.

„In neun Tagen wird Eswer Ben Zerragh frei sein,“ lächelte Reija. Durch den Schleier blinkten die kleinen weißen Zähne. Ihre Worte schlugen wie ein scharfer Hammer an sein Inneres, und er mußte sich mit aller Gewalt aus dem Bann reißen.