Part 8
Die Priester sahen einander an. Der nüchterne Denker Ximenes fand sich als erster zurecht. „Ich werde die Richtlinien bestimmen, nach welchen die Bücher beurteilt werden sollen. Der Gobernador wird ein großes Aufgebot an Waffen beistellen. Du, Bruder Leon, ernennst die geistlichen Kommissare und sorgst für die Holzscheite. Vorher soll das Glaubensedikt in allen Kirchen verlesen werden, damit die Moriskos, eingeschüchtert durch das mahnende Wort, die Schwächen ihrer Brüder und Schwestern leichter angeben können. Jede gewonnene Seele lobt unser Werk vor dem Allmächtigen. Macht die Sache feierlich und mit Betonung des großen Zweckes: ~Ad majorem Dei gloriam~.“
„Man wird uns freilich darüber noch mehr hassen,“ sagte Pater Leon mit gesättigter Glaubensfreude.
„Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,“ erwiderte Ximenes gelassen. „Der Kaiser Tiberius wußte dieses Gefühl zu schätzen. Wir wollen es auskosten.“ Er schob seinen magern Leib an den Brüdern vorbei. Der Lichtschein umflackerte seine Gestalt. Seine Gedanken gerieten in heftige Bewegung. Schießpulver für den Dienst des Herrn gleicht dem Weihrauch, und sein Geruch ist süßer als Ambra, lächelte er in sich hinein.
Elftes Kapitel
Reija und Saffana erhoben sich vom Gebetsteppich. Zu ihren Häupten dufteten die Storaxkerzen. „Mein Väterchen!“ Mit dem Morgentau der Gesundung auf der Stirn eilte Reija dem Greis entgegen. Das weiße Lieblingskätzchen auf ihrer Schulter sprang erschreckt auf den Teppich. Das Mädchen las das Unheil aus den Augen des Imams. „Bi nefsi, sie haben dich gequält!“
Abu Atir erzählte und Reija hörte mit gepreßtem Herzen zu. „Bring Väterchen zur Ruhe,“ sagte sie zu Saffana. „Er soll den Tag vergessen.“
„Es gibt noch viel zu sinnen,“ wehrte der Alte ab. Er setzte sich auf einen fellbelegten Schemel. Im Kerzenschein flammte das farbige Ornament, die Goldstuckatur und das Azulejosmuster, alles aus bester granadinischer Königszeit, hellauf, und Spiegel warfen das Licht von drei Seiten zurück. In der üppigen Weichheit der Teppiche und Matten gingen lautlos die Schritte der Mädchen. Reija im rotseidnen Damast, um das Haupt den Thailesan, den duftigen Schal, gebunden, die Füße in reichbestickten Schuhen, huschte von Truhe zu Truhe, die in den verhängten Nischen des Gemachs standen.
„Willst du den roten Ghamar zu trinken haben? Willst du Sikbadsch, das Fleischmus, essen? Gott mit seinen neunundneunzig Namen stärke dich!“ Sie mühte sich vergebens, dem Greis aus dem Trübsinn zu helfen.
Da stahl sich die muntere Saffana an die Herrin heran. „Es ist einer da,“ sagte sie leise.
Aber der Imam hatte es gehört. „Was schwatzest du?“
„Eswer Ben Zerragh ist wieder da.“
Die mächtig schwarzen Augen Reijas rundeten sich ernst.
„Ist er wahnsinnig?“ sagte Abu Atir. „Seine Untat ist unvergessen.“
„Er ist verkleidet, sein Bart ist mit Henna gefärbt, er hinkt und verkauft Sattelzeug.“
„Du hast ihn gesprochen?“ fragte Reija hastig.
„Was ich alles weiß!“ sprudelte Saffana hervor. „Gott, dem Ehre und Preis sei vom Aufgang bis zum Niedergang, hat mich viel wissen lassen. Eswer Ben Zerragh hat Heimweh nach Granada gehabt. Oder er hat heftige Schmerzen um das Herz herum gehabt.“
„Der Unselige! Was ihn wohl hertreibt?“ seufzte Reija.
„Hossané, die Schönste der Schönen!“ sagte die Sklavin. „Er ist verliebt wie ein Kalif.“
„Das hat er dir gesagt?“
„Seine Augen sagen es. Er spricht immer nur von seiner Hossané. Und selbst wenn er in den Sahat sein Riemenzeug verkauft, spricht er von seiner Hossané. Ihm hilft kein Zakatun, kein Almosen, und kein heiliger Berg, er wird nicht genesen als durch den Kuß seines Mädchens.“
Reija steckte, scheinbar ungerührt von dem Gerede, eine der knusperigen Bäckereien zwischen die Zähne.
„Und er schläft in einem Maultierstall --“
„Gott bette ihn sanfter!“ entschlüpfte das Mitleid den Mädchenlippen.
„Ach, er will ja selbst um seine Hossané.“
An Reijas Schultern zitterten die Edelsteingehänge und eine Rose fiel aus dem getürmten Haar. „Was andres!“ sagte sie unwillig.
Saffana lachte schelmisch. „Kommt das Glück von rechts gegangen, darf nicht links das Auge hangen.“
Reija setzte sich mit verschränkten Beinen auf den Teppich, das Kätzchen auf der Schulter, und strich eine Salbe in einen Tiegel. Von Zeit zu Zeit sammelte ihr Auge die Herrlichkeiten des Gemachs ein. Hinter dem Hufeisenbogen, der seine feinen Stuckgebilde tropfsteinartig herabhängen ließ, lag die Schlafnische, wo der kostbare Diwan von blauer Seide stand, überladen mit wohlriechenden Kissen. Wallende Vorhänge hingen von der buntgemusterten Decke herab und rauschten wie Fahnen, wenn jemand an sie streifte. Goldene Wandleuchter warfen ihr Licht nach der Ruhestelle, Teppiche schmeichelten ihre Weichheit zu riesigen Blumenvasen hinan, in denen großblütige Pflanzen aus den Gärten des Albaycin ihre Schönheit veratmeten.
Reija verdankte alles dem Imam. Sie schlich auf den Fußspitzen zu ihm und strich ihm die weißen Strähnen aus der Stirn. „Wir wollen uns wehren, wenn sie uns die Moschee nehmen. Ich stelle mich vor das Tor der Moschee und rufe ihnen zu: Ich bin die Königstochter Reija. Man wird mich töten müssen, wenn man die Moschee verunreinigen will.“
„O jungfräulicher Wahn!“ lächelte Abu Atir. „Glaubst du, Blume des Königsgartens, der christliche Eifer wird vor deiner Schönheit haltmachen? Und wäre es noch die Moschee -- aber die Bücher! Deines Vaters Koran!“
„Sie wollen ihn haben?“ Ihre Hände schlugen über der Brust zusammen.
„Sie werden alles holen, durchstöbern und verdammen. Worte sind biegsam.“
„Wir bringen das heilige Buch wieder in die Berge -- Eswer wird uns helfen.“
„Es ist zu spät.“
„Sie sollen an Sukuums Früchten sterben!“ verdammte Reija die Bedränger. „Ich will den Koran unter meinem Bett verstecken.“
„Törin, die glaubt, also davonzukommen. Ich habe Ximenes’ fürchterliches Auge gesehen, das düstere Tor zu einem düstern Herzen. Ach, meine Charka, wie werde ich dich vor allem Bösen behüten können?“
Reija hing an seinen Schultern und führte den Greis zum Diwan. „Hier sollst du alle bösen Gedanken verscheuchen. Ich will dir eine schöne Kassidet erzählen, wie sie Lebid nicht schöner singen könnte.“
„Nein, nicht das. Gib Moschus in die Schalen und dann -- meine Bücher.“
Bald erfüllte der starke Geruch das Zimmer. Vor dem Imam lagen die Weisheiten der „goldenen Halsbänder“ des Abu Nasr al Feth und die Verse des Salaheddi Ben Ibek, seine „Melodien der Turteltäubchen“, aber der Greis legte alles wieder beiseite und blätterte in der Hamasa, der alten Liedersammlung. Unterdessen lag Reija auf einem zweiten Pfühl und Saffana spielte auf der Anafina, einer Art Mandoline, ein wehmütiges Ständchen. Von der Granatfrucht der geliebten Brust sang sie, dazu von den Rosengärten der Rusafa, und endlich ließ sie eine mehr lockere Weise niedertropfen: „Die Mädchen gleichen dem Rosenstrauch und wissen, wie er zu beglücken, ein Wanderer hat eine Rose gepflückt, der nächste wird eine andere pflücken.“
Sie sahen, wie der Imam in seine Verse vertieft war. Da warf Saffana plötzlich der Herrin einen Zettel zu, den sie aus ihrem Kleid hervorgeholt hatte.
Reija las heimlich. „Wenn ich mich verirr’ in ihrer Locken Nacht, werd’ ich erst durch den Tag ans Licht gebracht. Sing zur Flöte und zur Laute, wenn verschwistert, beider Harmonie zu einer einz’gen flüstert. In den tiefbegrünten, fetten, reichen Weiden, wo so spät als frühe die Gazellen weiden, in des Ostwinds leichten balsamierten Schleppen, welche morgens wehen über Blumentreppen, ihre Karawane ziehend durch die Nacht, ist von Licht bestrahlt, da sie drin wacht.“ Und sie jubelte kindhaft: „Verse, Verse! Wenn man in der Wüste hinhorcht, sprechen selbst die Ameisen Verse. Von wem?“
„Ich habe versprochen, den Namen nicht zu nennen.“
Reija errötete. „Dann sind sie von Eswer Ben Zerragh. Sag’ ja, denn du hast nicht versprochen, nicht ja zu sagen.“
Da nickte Saffana ein heftiges Ja.
Das Königskind warf das schmachtende Brieflein in eine Lederschatulle. Ihr Körper schien ein weiches Wellen und Biegen zu sein, so stark war die Unruhe in ihr.
„Er fürchtet sich vor der Sprache deiner Augen,“ sagte Saffana, „denn diese hat Gewalt, das Herz aufzuwühlen.“
Reija verbiß ihre blutrote Lippe und durchschnitt die Luft mit der flachen Hand. „Ich werde morgen abend zwischen den Marmorsäulen im Sahat schaukeln. Und vielleicht naht sich der Händler.“
Eine Matrone kam herein, Noria, die Schiefschultrige mit dem langen Hals und den eckigen Knochen. „Die Ehre! Die Ehre!“ schnappte sie nach Atem.
„Was gibt es?“ horchte Reija auf.
„Man hat nach dem Spiegel der Abendröte gefragt -- ach, die Ehre!“
„Schwatzhafte Elster!“ fuhr sie der Imam an. „Wer hat gefragt?“
„Der erste Hauptmann des Gobernadors, Don Pedro de Solar Graf von Mora, der schöne Reiter, der damals -- ach, entsinnt Euch nur -- damals, als böse Dschinnen meine Taube des Glücks vom Pferde wehten -- damals, wißt Ihr nicht?“
Reija fuhr in die Höhe. Das Auge des Imams wurde dunkel wie Gewitternacht. „Er war selbst in der Alcazaba?“
„Nicht er selbst -- sein Diener Chispazo, ein munterer Junge, war da und fuhr wie ein Blitz von einem zum andern: wie es wohl der schönen Fee des Morgens gehe, der lieblichen Chiquilla, der Kleinen, ob sie wohlauf sei nach dem Sturz, läßt der Hauptmann fragen. „Naam ja sidi, ja, mein Herr, sagte ich ihm, sie ist gesund wie ein Apfel, ihre Stirn ist wieder ein Paradiesgarten, ihre Wangen sind Rosen, ihre Lippen zwei glühende Abendwolken. Darauf machte er einen Bocksprung nach dem andern, daß uns das Zwerchfell zersprang.“
„Was kümmert sich der Hauptmann um seiner Feinde Leben?“ fragte der Imam mit verrunzelter Stirn.
„Wenn alle Feinde so höflich sind,“ sagte Noria, „wünschte ich mir recht viele Feinde. Ich wette, der lustige Knabe kommt morgen wieder.“
„So will ich ihm selbst Antwort geben,“ sagte Abu Atir. „Der Tag hat Bürden gebracht.“ Er sprach Segensworte über Reijas duftendes Haar und ging, auf Norias Arm gestützt, in sein Ruhegemach.
Reija wiegte einen Brokatpolster in ihren Händen. Saffana kicherte in sich hinein: Der Abencerrage ist verliebt in meine Taube des Paradieses.
Das Königskind bestieg einen Schemel beim Ajimezfenster und schaute in den Sahat hinab, wo der Springbrunnen rauschte und die Schaukel zwischen den Marmorsäulen hing. Und sie konnte die Sterne sehen, die in der dunklen Wölbung spiegelten.
Da -- Mandolinenklang -- eine Stimme singt --
So wagte der Unselige alles um sie. Wenn sie ihn griffen! Lang lauschte sie. Ihr war, als girrte im Iraksstrauch die Ringeltaube. Das Lied verhallte mählich.
Reija schlich mit leise tastenden Füßen nach ihrem Lager. Seide und Linnen fielen. Bald spiegelte sich der bronzedunkle Ton ihrer ebenmäßig gewachsenen Glieder lässig in den drei Wandgläsern, das aufgelöste Haar umnetzte die Brüste, in denen junges Leben glühte. Saffana drückte verliebt ihr Haupt an die gemeißelten Schenkel. Keusch geschlossen in strengem Ernst lagen Reijas rote Lippen, die noch nichts wußten von Nächten, in denen Küsse lodern.
Zwölftes Kapitel
Durch Granada wütet der Sturm des Aufruhrs. Von den fünftausend Häusern des Albaycin wälzen sich die Maurenmassen über die Stadt. Das Gebot des Erzbischofs Ximenes ist im Vollzug. Man nimmt den Elches die Kinder weg, nur sie in christlichen Erziehungshäusern unterzubringen. Aus den Häusertoren aber rollen Karren mit aufgeschichteten Büchern, umjammert von Fakis. Die jahrhundertealte Weisheit arabischer Hokema, der Fleiß phantasiereicher Rawi, der Kalifenerzähler, das Sammelgut der heilkundigen Athibba, alles wird wahllos aufgehäuft, um vor den Richterstuhl Ximenes’ geführt zu werden. Bunt zusammengewürfelte Massen von Menschen schieben sich an den spanischen Soldaten vorüber, gaßauf, gaßab, Priester im Ornat, gefolgt von schwarzgekleideten Bruderschaften, ziehen über die Bibarrambla nach dem Maurenviertel, da und dort flattert ein schreiendes Weib aus einem Tor, ein Kind klammert sich weinend an ihren Rock, harte Fäuste reißen es vom Mutterherzen fort -- vorbei! Lanzen blinken, Karrenräder knarren dumpf, aus allen Gassen wälzt sich das Unheil heran. Über die Dächer hallt der Gebetsruf der Muezzins wie der Schall umflorter Tuben.
Die Moscheen sind überfüllt. Der Imam Abu Atir ruft das von den Fakis aufgewiegelte Volk zur Besinnung. In der Assakifa, dem Frauenraum des Moscheehofes, liegen die Weiber auf den Knien und beten ihre Seele um das Heil ihrer Kinder aus. Endlich steigt und schwillt der Lärm zu dem gewaltigen Bekennerschrei der Massen an: Es ist kein Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet. Wie ein brausendes Meer wälzt es sich aus der Moschee, aus den Höfen hinaus über den Platz.
Unaufhörlich schallt es in die zusammenlaufenden Maurenhaufen: „Platz für die Soldaten der heiligen Hermandad!“ Dann wieder: „Platz für die Reiter des Königs!“ Und die Rosse des Grafen von Mora poltern über die Steine. „Platz für die erzbischöfliche Leibwache!“ Ein streng geschlossener Zug gepanzerter Knechte marschiert aus der Calle de Gomeres zum Palast des Ximenes.
Die Luft in den Gassen wird immer schwüler, die Sonne legt ihren Brand auf den Kalk der Häuser und aus den Gärten duften betäubend die Blumen. Immer mehr Burnusse knäueln sich zusammen. Scheichs, Fakis, Alimes, Hafiten, Kadis und Walis, gelehrte Männer und Richter der Mauren in ihren schlichten Trachten, sind umringt von den erregten Händlern, Bauern und schreienden Frauen, deren Augen unter der Verhüllung Blitze schleudern. Sooft ein christlicher Ritter mit Gefolge vorüberzieht, brandet das Getöse an seinem Roß hinauf. Schrille Rufe nach Talavera, dem gütigen Christenscheich, hallen über den Platz. Dazwischen wieder der Gebetslärm aus der Moschee auf der Bibarrambla, langgezogene Preisrufe aus der Fathah, der Koraneröffnung. Aus dem Tor der Moschee strahlt der Glanz unzähliger Lampen zwischen den Säulen heraus, ein magisches Bild inmitten des brausenden Gewühls.
Unerkannt in seiner Händlerverkleidung drückt sich Eswer Ben Zerragh durch die Haufen. Tagsüber verschläft er die Hitze in einem Maultierstall, abends schleicht er nach der Alcazaba in die Nähe der Palastfenster. Aber heute wagt er sich auch in den brausenden Morgen hinein mitten unters Volk. Und horcht da und dort auf ein Gespräch.
„Leon ist an allem schuld!“ Ein Feigenhändler wirft seinen Korb trotzig nieder.
Die Umstehenden brennen lichterloh. „Leon! Ximenes! Deza!“ Die gefürchteten Namen fliegen wie Pfeile durch die Luft.
„In der Alcaiceria haben sie fünf Elches eingezogen,“ berichtet ein Seidenhändler, dessen Gesicht voll Neuigkeiten glänzt.
„In einer Stunde soll es wieder angehen,“ meint ein Vogelhändler. Aber tröstend setzt er hinzu: „Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer bei Gott.“
„Wir wollen vom Papst einen Schutzbrief erbitten!“ rät einer.
„Man kennt das, bi nefsi!“ warnt ein anderer. „Er gibt sie und hebt sie wieder auf. Sie kosten Geld.“
„So verwehren wir dem König die Umsatzsteuer.“
Ein Gelächter antwortet ihm. „König und Papst wollen sich bezahlen lassen für ihr Regiment,“ höhnt ein Faki.
„Talavera wird uns helfen!“ Mit aufgeworfnen Händen bittet ein zweiter zum Himmel: „Gott erhebe ihn zum Emir und gebe ihm statt Kamele himmlischen Tau.“
„Du roter Riemenhändler! Wir kaufen dir alle Riemen ab, um die Nisarani damit zu erwürgen,“ lachte ein Messerschleifer.
Eswer verstellt seine Stimme. „Ich wünsche keinem Menschen den Riemen, aber Leon ist kein Mensch mehr, also wünsche ich ihm den Riemen.“ Und er macht eine nicht mißzuverstehende Gebärde.
Aus dem maurischen Fahnentor schiebt sich der dunkle Wurm einer Bruderschaft über den engen Platz nach der Kirche San Nicolas. Die Haßblicke der Mauren verfolgen den schwarzen Zug, der vor dem Gotteshaus hält. Dort schreit ein Dominikaner in die lauschenden Haufen der Moriskos: „Im Namen der Könige und der Inquisition! Stille!“ Und nun schwirren unverständliche Worte des Edikts über die bevorstehende Bücherverbrennung auf die Köpfe herab. Gleich darauf knallen Verwünschungen in die Luft, in arabischer Sprache knattert es in die Ohren des Mönches, der eingeschüchtert nach den Lanzen der schützenden Soldaten schielt.
In einer Gasse tauchen jetzt die weißen Vorreiter des Grafen de Mora auf -- nun er selbst auf seinem Schimmel. Über dem Panzerhemd liegt das Oberkleid und der schwarze spanische Mantel, vom braunen Hut wallt die Feder, in der Hand blitzt der Degen, der Schild ist mit goldenen Schnallen im Sattelknopf befestigt, die schleppende Zäumung des Pferdes leuchtet himmelblau, mit goldnen Sternen und Muscheln übersät. Der Maurenfeind huldigt arabischem Prunk. Des Grafen drohender Blick verscheucht die Hälfte der angestauten Menge in die Nebengasse.
„Wie schade, daß man diesen Ritter hassen muß,“ murmelt Eswer in sich hinein. „Aber Rabe und Taube können nur Freundschaft schließen, wenn beide hinken.“
Auf der Bibarrambla stehen die Burnusse dicht geschart. Unwillig hören sie es: Talavera ist krank, es wird niemand zu ihm gelassen.
Im prallen Licht der Sonne steht Ximenes auf seinem Balkon. Er trägt das schlichte Franziskanergewand. Er hat am Morgen Gottes Segen für die reinigende Tat herabgefleht, die ein Opfer auf dem Tisch des Herrn sein soll. Starr glaubt er an die Gottgefälligkeit seiner erbarmungslosen Seele. Die namenlose Liebe, die sich am Kreuz für alle hingab, wird dem Zeloten zum Werkzeug haßdurchseuchter Verfolgung, die Dämonie des Glaubens zur Waffe der Vernichtung. Im Namen Gottes sündigt er im guten Glauben, demselben Gott zu dienen. Die heilige Stimme in ihm fordert, fordert und fordert. Der Geist des Torquemada weist ihn noch immer auf die triumphierende Macht der Kirche hin, die Opfer klagen nicht an, sondern muntern auf, sie senden keine Grabesschrecken über die sinnende Seele, nein, ihr Tod ist wie eine furchtbare Bestätigung der Unfehlbarkeit priesterlicher Urteilskraft. Das Holz flammte und das Feuer qualmte unter und über schreienden Menschen, aber Qual und Marter betäubten nicht den Verfolgergeist. Mit klarer Seele, die Augen zu Gott gerichtet, hörten sie die Menschenschreie von den Scheiterhaufen an ihr glaubenstolles Herz dringen. Um sie herum Wahn, grausamer Wahn, der bestätigen und glauben konnte, was seine Führer für Recht hielten. Nicht aus selbstsüchtigen Trieben, aus der Tiefe ihres furchtbaren Glaubenswahns heraus diktierten Torquemada, Deza und Ximenes den Tod. Und weil sie Gottes Majestät als treibende Kraft in ihren krankhaften Gehirnen empfanden, ließen sie ihre Hände von Blut triefen, ohne mit der Wimper zu zucken. Von Gott verlassen, waren sie im Wahn befangen, gotterfüllt zu sein. In dem Glauben, das Evangelium Christi allen Menschen zugänglich machen zu müssen, schlossen sie in Wirklichkeit Tausende und Tausende von dem Weg zu ihm ab. Ihr Hunger nach Glaubenseinheit machte aus Menschen Heuchler. Die Inquisition war aber neben ehrlichem Reinigungswillen auch Machthunger, und ihre entsetzlichen Verweser kreuzigten Christus zum zweitenmal.
Der hagere Leib des Primas hob sich von dem Untergrund der kreideweißen Mauer wie ein finsterer Schatten ab. Ximenes sah auf den beginnenden Aufruhr hinab, und kein Aufzucken des Erbarmens ging durch die glaubensgestählte Seele. Mußte nicht Leid erfahren, wer zur Freude eingehen wollte? Gingen diese, die da weinten, nicht in der Nachfolge des Herrn? Beinahe hätte ihn Rührung ergriffen, aber er gedachte seines eigenen Wegs, der durch Dornen und Aszese geführt hatte und auf welchem er Gott gefunden zu haben glaubte. In Wirklichkeit formte er sich ihn zu einem Menschenopfer fordernden Götzen um.
Der Dominikaner Leon, des Ximenes würdiger weißer Schatten, trat eben aus dem Zimmer zu ihm. Er war doch ganz anders geartet. Ihm waren Glaube und Dogma nur schöne Verbrämungen seiner irdischen Gelüste. Der Mönch wußte, wem er diente. Ein strenges Mutterherz hatte ihn früh hart gemacht, und der Geist der Kirche hatte ihn später zum spekulierenden Dogmatiker geformt. Bei alledem sagte man ihm sehr weltliche Dinge nach: er sei ein Liebling der Frauen, nicht nur im Beichtstuhl, sondern auch in Gemächern, wo kein Weihrauch wallte. In seinem Leben sollten sich Namen verfangen haben, die viel in Südspanien galten. Unter ihnen klang auch der Name Leonore de Uceda, und man sagte, der Dominikaner habe ihr den Weg zum König geebnet. Man sprach von einem einstigen maurischen Sommerhäuschen bei Cordoba, wo der Beichtiger der Edeldame ihre Sündenbekenntnisse tagelang anzuhören pflegte, bevor sie in des Königs Arm glitt.
„Salzedo, mein Hausmeister, hat die Wohnungen aller vornehmen Mauren nach den Büchern durchsuchen lassen,“ sagte Ximenes. „Was gegen den Geist unserer Kirche verstößt, wird verbrannt. Halte dich besonders an Koran und Sunna, Bruder. Das schöne Gewand rühre dein Herz nicht zum Mitleid. Die Geschichtschreiber, die mit goldenen Phrasen die Wahrheit fälschten, verschone sie nicht. Des Aristoteles Philosophie dagegen und die Heilkunst des Alkindi laß unberührt. Ich möchte die Bibliothek meiner künftigen Hochschule zu Alcala mit wahren Werten bereichert sehen. Behalte den Avicenna, doch Averroes und die schwärmerischen Dichter wirf ins Feuer. Von den Philosophen verschone nur Farabi. Das große Geschrei der Fakis wird verhallen, und der Friede Gottes wird über Granada ruhen, ehe wir’s denken. Aber sieh -- da aus der Gasse des Zacatin -- unser Imam! Und hinter ihm ein Kamel mit Büchern beladen.“
„Sein eigener Schatz,“ mutmaßte Leon.
„Abu Atir! Santon!“ scholl es vielstimmig aus den Maurenhaufen. Und dann urgewaltig wie aus einer Brust: „Es ist kein Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet! Es ist nirgend Schutz und Macht außer bei Gott! Gott ist groß!“ Und der surrende Lärm verwirrender Suren erfüllte die Luft.
Vom Albaycin herab kamen jetzt die Züge Hymnen singender Mönche. Hinter ihnen Maultiere mit Bücherladungen. Zwölf Dominikaner nahmen diese in Empfang und häuften die Bücher vor dem Palast des Primas in Pyramiden auf.
Der Himmel vertrübte sein Blau, und im Westen dräute es schwergrau heran.
Die Züge der Bruderschaften, überweht von goldgestickten Kirchenfahnen, geführt von dem hochschwankenden Marterkreuz Christi, nahten sich dem Platz, wo das Autodafé des Geistes stattfinden sollte. Hinter ihren Spalieren staute sich die Maurenmasse.
Die prophetenhafte Gestalt des Imams näherte sich dem lebendigen Viereck. An seiner Seite schritten maurische Gelehrte und Ritter, deren Burnusse wie Möwenflügel hinter den rabendunklen Gewändern der Bruderschaften leuchteten. Das staubfarbige Kamel trug in seinem Korb die kostbaren Kleinode mohammedanischen Glaubens, prachtvolle alte Korane und Überlieferungen in kufischer Schrift, die Weisheit arabischer Philosophen und die Geistesschätze der Hokemá, der Weltweisen. Als nun Abu Atir den goldprunkenden Koran des Maurenkönigs Boabdil aus dem Korb hob, gellte ein Wehgeschrei durch die Luft. Die Augen der Mauren füllten sich mit Tränen. Alles drängte herbei, als gälte es, von dem heiligen Buche Abschied zu nehmen.
Und der Chatib Ben Mossad rief laut: „Gott erhebe seinen Diener Abu Osmin Atir!“ Alles sank in die Knie, denn man erblickte in dem Ruf die Ehrung des Stellvertreters des letzten Königs, und man hätte am liebsten dem Imam die herkömmlichen Fahnen vor die Füße gelegt, um ihn wie den König selbst zu ehren.
Der Graf de Mora erkämpfte sich mühsam auf seinem Zelter einen Platz hinter dem Spalier der Bruderschaft. Dicht vor ihm stand Leon und nahm die abgegebenen Bücher in Empfang.
Abu Atir hob das teure Buch empor. „Priester der Nisarani, prüfe ernsthaft, ob diese Offenbarung Gottes die Flamme ersticken kann. Du kannst Schriftzüge brennen lassen, den Geist Gottes nicht! Du triffst ein Volk ins Herz, denn das Buch ist der höchste Schatz des letzten Königs von Granada.“
Das Gesicht Leons bekam einen Zug herzloser Freude. „Wir wollen es bedenken.“ Er legte das unschätzbare Gut beiseite.