Part 17
Ihre Hand griff ans Herz. Dort brannte und loderte es wild auf. O war dies noch dasselbe Herz, das auf Verderben und Trug sann? Was für Speere zerstachen nun diesen Klumpen Fleisch in ihrem Leib, den sie Herz nannten? Wandelte sich nicht die Wildnis in ihr zu einem Garten, in dem ein Meer von duftenden Rosen leuchteten? Speere und Rosen zugleich? Ach, war das wirklich der Liebe schmerzlich-feierliche Berührung, die sie aus einer gewohnten Welt emporhob in eine neue, in der noch jeder Atemzug Bedrückung war? Flog ihr eigener entbundener Geist nun einer Hölle oder einem Paradiese zu? Tropfte da wirklich der Liebe schweres Leid aus seiner Seele, die sie bisher verkannt? Und wie die wilden Bergbäche in den Barrancos überstürzten sich jetzt Gefühle und Gedanken, und haltlos schien ihr Körper dem Andrang mächtiger Gewalten zu erliegen. „Feta -- Feta -- nun weiß ich -- daß ich gehen muß.“
Wie glühender Hagel fielen seine Küsse in ihre zitternden Hände. „Eure Nähe versengt mich -- geht oder bleibt -- ich bin verloren.“ Erschütternd strömte die Wollust des Schmerzes von seinen Lippen.
Seine Hilflosigkeit gab ihr Stärke. Sie entzog ihm langsam die bebenden Finger. „Was -- hast du getan? Auf dem Triebsand einer flüchtigen Liebe willst du --? o Gott mit den neunundneuzig Namen -- die Ehre des Königskindes -- in den Staub -- flieht mich, denn ich fürchte Unheil.“
„Fliehen -- bleiben -- das Unheil kommt!“
„So bleib!“ Aus dem Überschwang des vollrauschenden Glücks klang es in sein Ohr. Und ihre Hand fiel wie segnend auf seinen Scheitel.
Aus den Schlingen des Schmerzes riß er seinen wunden Menschen und warf ihn an ihre Brust. Gewaltig wie ein Rolandstreiter den Feind umarmt, zog er das Mädchen an sich, daß die aufgebrochene Rosenblüte ihres Mundes vor ihm lag. Dürstend sog sie die Glut seiner Küsse ein. Unbehilfliche Liebesworte drängten sich erschütternd in das wilde Geben und Nehmen. „Gott -- was hab’ ich -- getan? Wer wird mich vor mir selber retten?“ keuchte ihr zuckender Mund.
Aber der Graf jubelte auf: „So trotz’ ich tausend Maurenschwertern! Ich habe eine Christenbraut!“
Über das mittönende Gemüt des Mädchens lief ein Schatten. War ihr Christentum nicht nur Schein und Maske? Trotzte nicht eine ganze Glaubenswelt in ihr gegen das innere Erleben des Christengottes? Wußte sie denn überhaupt, was sich im Wirbel in ihr drehte? Flog nicht eben erst ihr Liebestraum wie ein junger Adler aus dem Horst und lag nicht erst das neue Luftmeer vor ihm, in dem er heimisch werden sollte? Sollte sie die Sonnenlichter des neuen Glücks durch die Wolken ihrer zweifelnden Gedanken trüben? Zerstören, was sich kaum als lichter Tempelbau aus ihrer Seele hob? Christin! „In Gottes dreimal geheiligtem Namen!“ stammelte sie überselig. „Liebster -- Feta du -- Feta der Sonne -- war es dein, unser Gott, der den Haß an der Liebe zerschellte? Ach, haßte ich dich denn je, du Heißgeliebter? Nein, Unglück ließ mein Glück keimen -- Insch’allah!“
„Und ich haßte, als ich dich sah, auch deinen Gott nicht mehr,“ sagte er bewegt.
„Geliebter! Hast du mir Liebe geraubt? Gegeben? Habe ich sie mir genommen? Dir gegeben? Quillt sie aus meinem, deinem Herzen? O welch ein Wirrsal ist sie!“
„In meinen Armen ein Königskind!“ brach aufs neue der Jubel aus seiner Seele. „Nimmer darf mein Geschlecht ein Königsblut verdammen, und mein Adelsbrief ist gewichtig vor dem König, meine Verdienste stützen, was auch ohne sie schon Wert besitzt.“
„O mein Herz! Du Spiegel der Höflinge, der Tapfern Tapferster, du Stürmer in der Schlacht -- aber bei den Müttern der Gläubigen! Ich will kein Königskind mehr sein! Deine Geliebte will ich sein -- deine Taube, Rose, dein Schmetterling -- gib mir die Liebesnamen deines und meines Volkes.“
„Engel des Herrgotts bist du mir!“ Er küßte ihre Wimpern, die wie eine zarte Palisadenwehr ihre Augen schützten, und das schwarze Haar, aus dem der warme Hauch balsamischer Südnächte stieg. Und dann nannte er sie wieder bei dem alten Namen, der ihm durch der Liebe Erwachen geheiligter erschien: „Reija!“
Bei diesem Klang rauschte ihr Inneres wie eine Feuergarbe auf. „Nenn mich immer so,“ bat sie rührend. „Ach, wieviel hab’ ich dir zu vertrauen, Freund meines Herzens!“
Und er zog in Überseligkeit seine Verse heraus, die der Freund gescholten. Reija machte große Augen und las sie verzückt. Aber auch sie rümpfte ein wenig die Nase über den verliebten Dichter. „Weißt du, Habib, mein Freund, deine Bilder sind zuwenig maurisch. Du mußt die Zähne der Geliebten mit Hagelschloßen vergleichen, ihre Wangen mit Rosenwasser, ihr Auge mit Narzissensternen, das Schönheitsmal auf ihrer Wange mit der Ameise, die nach dem Honig des Mundes schleicht.“
„O Meisterin des Worts! Belehre mich mit Blick und Lippe,“ bat er innig.
„Weißt du, was Ibn Chaldun der Dichter sagt? Wer Verse machen will, lebe der Einsamkeit.“
Don Pedro schüttelte unmutig den Kopf. „Das will ich nicht.“
„Er muß sich unter Blumen am Wasser der Träumerei hingeben.“
„Das will ich nicht.“
„Was willst du also, unwilliges Labsal meines Auges?“ lachte sie.
„An deiner Seite weilen, du bist mir Blume, Wasser, Einsamkeit und Traum.“ Er verwühlte sich in ihre Seide.
„O du ungeduldiger Liebling der guten Dschinnen! So wirst du ein besserer Liebhaber als Dichter werden!“
„Mag’s drum sein!“ brach er in hellen Jubel aus. „Du bist mein, mein! Und die Welt lacht im freundlichsten Schein! In deinem frühern Leben war das Frauenherz eine Ware, ein Geschenk, ein liebenswerter Gegenstand, aber keine Perle, um die man ringt. Als Christin erst hast du deinen Wert erhalten.“ Er sah ihre umflorten Augen. „Was hast du, Rose von Andalus?“
Sie schmeichelte ihren vertrauerten Kopf an seine Brust. „Nenn mich so. Werda heißt sie auf maurisch. Deine Werda will ich sein. Sieh, ich bin aufgewachsen im maurischen Wesen und will nicht ganz vergessen, was mir einst teuer war. Und wenn ich in Sitten und im Glauben strauchle, hilf mir mit deiner Liebe auf -- richte nicht gleich -- hab’ Mitleid mit mir.“
Er drückte ihre zarten Glieder an sich. „Nicht siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal will ich dir verzeihen, wenn deine Gedanken wanken, ich will Verteidiger deiner Schwäche, nicht ihr Stürmer sein. Ist mir doch, als müßten deines Jugendgottes Kräfte herrlich gewesen sein, da sie soviel Reinheit und Tugend schaffen und bewahren konnten. Aber sieh, du bist herausgehoben aus der zweifelhaften Gnade deines Allah und brauchst nicht mehr bekennen: Ich bin Mohammeds! Der Gruß deiner frühern Schwestern ist ein scheuer Gruß und deiner frühern Brüder Blick zum Himmel ist dunkel. Der Christenglaube erglänzt im Nimbus über ganz Spanien. Wie arm wärst du gewesen, hättest du das Schicksal maurischer Frauen erfahren. Hingeopfert zu werden der Laune eines Mannes, verhandelt zu werden an den Meistbietenden, der dich selbstherrlich ins Brautbett zerrt, um bald darauf eine zweite, dritte hineinzubetten. Heilig ist uns die Frau und heilig bist du mir. Im Licht des neuen Glaubens badest du deine Seele, sprichst durch des Priesters Vermittlung mit Gott, hast Schwestern, Brüder, die in gleicher Andacht dem Höchsten dienen, dein Gemüt erlabt der süße Gesang der Chöre, Heilige hast du als Fürsprecher vor dem Thron, hast Maria, die Jungfrau voller Gnaden im Bilde nah, und in Demut wandelst du zwischen gleichgesinnten Menschen zur Kirche.“
Aber sie warf sich in der Aufgewühltheit ihrer Gefühle an sein Herz. „Ach, ich will ja so gern glauben -- um deinetwillen -- aber ich flehe dich an -- hasse mein Volk nicht!“
Er glühte es mit feierlichem Schwur auf die Lippen: „In deiner Liebe begrub ich längst meinen Haß.“
„Und willst mir helfen, das Los meiner Mauren zu lindern?“ Ihre Augen rückten bang von ihm weg. Ihr war, als träfe sie jetzt eine Enttäuschung.
„Ich will meine schwache Kraft in den Dienst der Liebe stellen.“
„So stärke Gott der Erhabene diese Kraft!“ rief sie beseligt aus. Und im Drang, die Gunst des Augenblicks zu benützen, flüsterte sie: „Es schmachten so viele Unglückliche in den Kerkern -- sie verzehren sich nach Freiheit und Licht -- sie wollen auswandern -- Eswer Ben Zerragh ist darunter --“
Der Name fiel wie Eis in die Glut seines Herzens. „Reija! Hier unter den ersten Schauern der Liebe schwöre mir, daß dieser Name dir nicht teuer ist.“
Sie wehrte sich mit leuchtenden Augen. „Der Name ist mir teuer. Die Abencerragen halfen meinem Vater auf den Thron. Doch der Mann, der den Namen trägt -- er liebt mich, aber ich -- liebe ihn nicht.“ Wie eine schöne, schwere Brautgabe legte sie es vor seine Eifersucht hin. „Den Reichtum meines Herzens dürfen nicht zwei teilen, denn was ich gebe, bin ich selbst, meine Art, mein königliches Blut. Wie sollte ich zwei damit beglücken können!“
Noch glaubte er diesen beschwörenden Blicken nicht. Zu heftig loderte die Eifersucht in ihm. Da drängte sie weiter: „Ich will ihn nicht sehen, wenn er frei ist. Er soll entkommen, wohin er will, nur nicht in meine Nähe. Triffst du ihn in Granada, sei er dir verfallen. Ich will ihm schreiben, er möge nie gegen die Spanier kämpfen. Und du --“ ihr heißer Blick wurde lauernd -- „du läßt den Zettel hineinschmuggeln -- und ich sorge dafür, daß eines Nachts die Wache unter dem Velaturm ein verkleideter maurischer Soldat hält, der für gewisse Dinge kein Auge hat.“
„Bist du wahnwitzig?“ fuhr der Graf in die Höhe.
Ihre Finger zitterten heißerregt an seinem Hals hinauf. „Pedro -- mein Pedro. Hast du mir nicht versprochen, die Leiden meines Volkes zu mildern? Ach, wie könntest du mich lieben, wenn du in der ersten Stunde des Glückes den Wunsch deines Mädchens verwirfst! Du liebst mich nicht -- liebst -- mich -- nicht --“
Ihre Tränen perlten auf seiner Hand. Und Don Pedro, der einst Weibertränen als listige Maurenwaffen verlacht hatte, brannten diese kostbaren Perlen wie Feuer ins Gebein. Mitleid, der Liebe so nah verwandt, stieg in ihm auf. Aber konnte er die Tat vor seinem Gewissen verantworten? Und wenn er ihr alles selbst überließe? Ihrer weiblichen List das Schicksal des Gefangenen auslieferte? Wenn er kein Helfer, sondern nur ein Blinder, Tauber wäre? Und hatte nicht der König selbst Verträge gebrochen? Warum sollte des Königs Untertan nicht das Unrecht wieder gutmachen, das an den Mauren begangen wurde? War diese Befreiungstat nicht eine schwache Wiedervergeltung gegenüber dem großen Volksleid der Auswanderung und der gewaltsamen Bekehrung? Wenn dieser eine flüchtete, blieb nicht noch tausendfach schweres Unrecht zurück? In diesen Augenblicken seligster Hingebung an sein Mädchen, wo alles, was die Geliebte forderte, mit dem Nimbus der Gerechtigkeit umstrahlt war, umnebelte die Liebe alle seine Begriffe, sie verwischte ihre Grenzen und taghell leuchtete nur die Nacht in den geliebten Augen.
So rang sie ihm ein Versprechen nach dem andern aus der Brust, schmückte ihre List mit hundert süßen Zutaten aus und handelte ihm endlich die Zusage ab, daß in jener gefährlichen Nacht unter dem Turmfenster Eswers nur die Wache stehen würde, die dem Herzen Reijas angenehm war. Völlig berauscht von dem abenteuerlichen Sinn seines Mädchens, der dem seinen nah verwandt war, erschien ihm der Plan beinahe gerecht.
Aufatmend löste sich Reija von ihm los. „Unsere Liebe scheue noch den Tag und die Menschen, bis die Zeit ruhiger geworden. Komm morgen um diese Stunde wieder. Ich will dir Lieder singen und unsere Leila tanzen, wie sie die Beduinenmädchen am Feuer springen. Pater Leon wartet auf mich --“
„Du gehst zu ihm?“ Jeder Männername durchzuckte ihn mit dem Stachel der Eifersucht.
„Ich muß. Ich sehe Jesus, Maria, Heilige und Propheten in freundlicherem Licht. Deine Gottesmutter ist süß, und das Leben aus dem Tod des Nazareners fängt an, einen Sinn für mich zu bekommen. Und weil du an Maria glaubst, will ich’s auch tun.“
„O unser Glaube ist schön,“ schwärmte er, „und er kann dem Reinen Wonnen öffnen, wie er dem Sünder Höllenqualen erschließt. Aber wie könntest du sündigen, du selbst ein Engel Gottes?“
„Nur in allzu großer Liebe zu dir, Pedro!“ Sie drängte ihn sanft zum Vorhang, zur Tür und hinaus in die Nacht.
Und gleich darauf weinte sie am Herzen Saffanas ihr junges Glück aus.
Die muntere Sklavin schluchzte hell mit und lachte dann unter Tränen. „Kismet! Kismet! Er war ein Nimr, ein grimmer Panther. Aber nun klingen dir seine Worte lieblich wie das Getrappel der schönen Gazellen an der Tränke. Kismet alles!“
Reijas Gedanken stürmten in einen ambraduftenden Traum hinein, in dem der Name Don Pedro de Solar wie schwingende Morgenröte in ihr halbbetäubtes Ohr klang.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Ein von Dünsten umhangener Mond warf sein spärliches Licht über die Höfe der Alhambra, durch die Maria de Calabreña zum Dominikaner ging. Saffana begleitete sie wie immer. Sie mußte in einer Galerie warten, bis die Herrin wiederkam.
Die schöne Alberca, der Teich des Myrtenhofes, lag wie ein geisterhafter Spiegel im halben Licht. Die schlanken Säulen und Galerien an den Seiten des Hofes waren wie traumhafte Gebilde zu schauen und Maria glaubte dahinter das Liebesseufzen schöner Frauen zu hören. Hier hatte wohl ihr Vater dem Saitenspiel der Sängerinnen gelauscht, hier lasen die Dichter ihre sprachschönen Gesänge, während der Springbrunnen in die Melodie der Verse seine silbernen Klänge warf, hier schritten edle Abencerragenfürsten, Alijaren und Azis huldigend vor den König hin, der sie am Eingang des Comaresturmes begrüßte, und hier wurden die Bahren der vornehmen Toten aufgestellt, daß sie das Volk beweinen konnte.
Rätselhaft vermummte Mönchsgestalten glitten im matterleuchteten Patio del Mexuar wortlos an ihr vorbei. Sie schienen von Inquisitionsgeschäften zu kommen und äugten mißtrauisch nach der vornehmen Dame. Schwarze, verdächtige Gestalten huschten an den Hufeisenbogen vorüber und verschwanden im Dunkel des Atriums. Maria fröstelte. Sie stieg die Treppe zur Mosala hinauf.
Pater Leon hatte eben das gepfefferte Grisado, das spanische Ragout, mit malagischem Edelwein verdaut.
Da meldete man ihm Maria de Calabreña. Die Agarena stand vor ihm. Auf ihrer Stirn schimmerte unverkennbar das Siegel des Glückes. Der Pater witterte in den Born ihrer Gefühle hinab. Es mußte etwas geschehen sein. Glich sie nicht einer Tochter Zions, von der Jesaja sagt, daß sie mit aufgerichtetem Hals und geschminktem Gesicht einhergehe und hatte köstliche Schuhe an ihren Füßen, Gebräm und Bisamäpfel, Spiegel und Ketten? Gelassen lud er sie in den schweren Hochstuhl zum Sitzen ein.
Ihr erster Blick fiel auf ein auffällig vor ihrem Sitz an der Wand hängendes Bild der heiligen Therese, die in Verzückung auf dem Boden lag, während ein kleiner Liebesengel nach ihr zielte. Es war in heidnischer Auffassung gemalt, nicht frei von Sinnlichkeit und der Mönch hatte es absichtlich dahingehängt. Er erzählte ihr von der Gebetsinbrunst der Heiligen, die sich nackt vor die Stufen des Altars geworfen, um in ihrer fleckenlosen Körperreinheit sich dem Herrn Jesus geistig zu vermählen.
Die Scham floß Maria in die Wangen. Und der Vikar lenkte rasch ab. Er sprach ihr von den Engeln, die ihr ja aus dem Koran bekannt waren. Er erklärte ihr die neunfache Einteilung der Engelchöre, legte ihr das Walten des Überwinderengels Michael, des Wanderengels Raphael und des Verkünderengels Gabriel dar, und Maria entschied sich für den erzgepanzerten, schwertführenden Michael, der das Böse erschlug. Ihre Augen leuchteten im Gedenken ihres geliebten Ritters, der in ihrer schnell schwingenden Phantasie Engelgestalt annahm.
„Ihr möchtet wohl so einen Michael als Schutzengel haben?“ fragte er mit einem kaum verhaltenen Lächeln.
„Und schön muß er sein,“ gestand sie in kindlicher Unbefangenheit.
„Als ob Schönheit die Wesenheit eines Schutzengels wäre!“ sagte er verweisend.
„Aber die Kraft, die Stattlichkeit!“ verteidigte Maria den Engel ihrer Gedanken.
„Die Reinheit vor allem,“ belehrte sie der Mönch. „Ein schöner Engel mag leicht die Gestalt Luzifers haben.“
„O ich dachte mir diesen finster und häßlich.“
„Sein Äußeres borgt er vom Licht. Es laufen viele irdische Engel herum, die innerlich den Geist der Finsternis tragen. Sagt, wollt Ihr heute nicht beichten?“
Sie erschrak. „Gott der Erhabene! Heute?“ Was sollte eine Sünde in ihrem Glück?
„Hinter dem glücklichen Menschen lauert gewöhnlich ein Teufel. Seid Ihr Euch keines Fehltritts bewußt?“ Seine Augen schärften sich.
Maria erschrak abermals. Warum zerstörte dieser Sündensucher ihre reine Freude? Wohin lauerten seine Worte? Lag, was sie behütet wissen wollte, schon leuchtend auf ihrem Gesicht? Sie blickte schnell dunkel, als wollte sie damit alle natürliche Glut in sich löschen.
Aber der Dominikaner ließ sich nicht täuschen. Er erklärte dem Mädchen das schöne Geheimnis der Lossprechung und die reinigende Kraft der Kommunion. „Wer die Gottesspeise unwürdig empfängt, mißbraucht auch alle andern Guttaten des Lebens. Die unwürdige Kommunion ist ein zweiter Judaskuß auf die Lippe des Heilands.“
Reija bekam Angst. Und der Mönch erfühlte diese aus ihren Augen. „Ihr könnt ohne kirchliche Förmlichkeit Euer Herz erleichtern.“ Mit der Kraft seiner Blicke führte er sie zum Beichtstuhl, wo er sich zuerst niedersetzte und sie dann an seiner Seite knien ließ. Mit der bedeutsamen Gebärde des besorgten Mittlers ergriff er ihre Hand und hielt sie fest in der seinen, als wollte er die Wellen ihres Blutes ertasten. Wohlige Schauer liefen über seinen Rücken, als er diese feingepflegten Finger, die noch den Duft des Moschus ausströmten, berührte, er fühlte, wie die Wärme ihres Fleisches einen Teil ihrer Wohligkeit an seine kalte Haut abgab. Nun rührte er an ihr Gewissen: „Laß die selige Macht des Bekenntnisses auf dich einwirken, liebe Seele. Gib dich willig dem Einzigen hin, der gütigen Herzens Gott vertritt. Neugefegt werde die Tenne deines Herzens, auf ihr sei nur mehr Platz für das reine Korn.“ Er murmelte lateinisch den Segen über ihr Haupt. „Bekenne -- bekenne --“ drängte er, die Augen auf ihren schwarzen Scheitel gerichtet.
„Ich habe nichts zu bekennen, als daß --“ Sie stockte und schnellte dann inbrünstig aus ihrem Herzen: „-- als daß ich liebe.“
Da lag es offen, was er geahnt. Aber es klang so süß, dieses Geständnis von den noch kußheißen Mädchenlippen, so herausgejubelt aus der Tiefe, als wäre es keine Sünde, sondern heiliges Erleben. Ihm war, als wehte ihn der warme Duft ihres Liebesherzens an. „Wen liebst du?“ fragte er eindringlicher. Der Weg der Peinigung war beschritten.
„Einen Ritter -- Feta --“ gestand sie beengt.
„Wer ist es?“
„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“ Und mit rührender Eitelkeit fügte sie noch rasch hinzu: „Ist er nicht schön?“
Der Mönch spürte böse Zuckungen in seinem Leib. „Die Natur hat dir das Recht zur Liebe gegeben. Aber es ist die Frage, wie du liebst.“
„Das verstehe ich nicht,“ antwortete sie purpurrot.
„Es gibt eine Liebe, die sich an verführerischen Bildern der Seele ergötzt und in wilden Wünschen lodert, die sich unter furchtbaren Seufzern selbst verbrennt.“ Und er drückte im Erzittern der eigenen Glieder ihre Hand. „Ist die reine Jungfräulichkeit in dir erloschen und bläst der Teufel seine Backen gegen dich auf?“
„Nein!“ entfuhr es ihr in der Wildheit der Abwehr solcher Gedanken.
Der Pater bedrängte abermals den keuschen Schwung ihrer Seele. „Du bist selbst ein Kind einer Liebe, die bei uns sündig heißt.“
Sie entriß ihm jäh die Hand. „Mutter -- Vater! O laßt sie mir heilig sein.“
„Es wäre nicht unmöglich,“ fuhr er unerbittlich fort, „daß sich die Sünden der Väter in dir mit neuem Leben füllen. Hast du nie das Verlangen gehabt, diesen Mann an dein Herz zu reißen und in seinen Küssen zu vergehen?“
„Ja!“ gestand sie aus ihrem hellkeuschen Verlangen leise heraus.
„Und deinen Leib an den seinen zu drücken in aufschreiender Lust?“ Sein Atem dampfte gegen ihr Gesicht.
Da vergrub sie vor Scham ihr Haupt in die Hände. „Fragt nicht weiter --“
„So hast du es schon getan?“ flammte er in ihre Verwirrung.
„Nein!“ erklang es mit verzweifelter Wehr. Und abermals barg sie das glutübergossene Gesicht unter dem schwarzen Wald von Haaren in ihre Hände.
Er atmete auf. „Wenn du dich ganz deinem Gott nähern willst -- und das willst du doch -- so ertöte überhaupt die Liebe in dir.“
„Bei Gott und dem Propheten --“ erschrak sie heftig. „Verzeih -- die Gewohnheit -- bei Gott und den Heiligen! Das -- kann -- ich -- nicht.“
„Brennend und qualvoll ist die Liebe zu einem Mann, bei den Schmerzen wirst du die Freuden vergessen, die dir die Umarmung bereitet. Deiner Kinder Leid wird das deine sein --“
Das Blut schnellte ihr in die Wangen. In ihrer rührenden Wehrlosigkeit erschien sie ihm wie ein Seraph. „Fühlst du schon die Kümmernis, liebe Seele?“ wühlte er aufs neue in ihrer Wirrnis herum. „Entsage dem stürmischen Meer der Welt und ziehe dich in einen heiligen Hain zurück, wo die Stimmen des Lebens sanfter schwingen und die Einkehr der Seele leichter ist als im Lärm des Tages. Dort sind die Wälle der Unschuld errichtet, dort versammeln sich um dich die gleichgesinnten Schwestern und helfen dir, Leid zu tragen und Freude zu empfinden. In dem Augenblick, da du die Klosterschwelle überschreitest, verschwindet die äußere Welt und eine innere öffnet sich dir, es naht Jesus mit den Heiligen und spendet dir stündlich unsagbare Wonnen. Nicht ein Grab ist es, in das du steigst, Paradiesesstille und himmlischer Glanz überfluten deine Seele im Gebet. Ich wüßte dir hier ein Nonnenkloster zu ‚Unserer Frauen Ängsten‘, wo du alle Liebesängste vergäßest. Liebliche Schwestern triffst du dort, für die Beichte würde ich sorgen. Überlege es, Tochter der Welt, die du dann Braut Christi werden würdest.“
Maria de Calabreña hörte Worte rauschen, deren schwerwiegenden Inhalt sie nur mühsam begriff. Aber sie sah die traurigen Gestalten der schmucklosen Nonnen in ihren weltfremden Gewändern durch die Gassen von Granada wandeln und das Herz krampfte sich zusammen und wehrte sich mit der ganzen Kraft seiner Liebesfreudigkeit gegen die Lockung. Beinahe hätte sie laut aufgelacht, als sie sich vorstellte, wie sie im schwarzen Nonnenkleid, das Gebetbuch in der Hand, nach der Kirche wandelte. Aber sie spürte den zunehmenden Druck dieser mahnenden Priesterhand, der fast zu schmerzen anfing, und so stöhnte sie leise vor sich hin: „Nonne -- Nonne -- ich fass’ das nicht -- Braut Christi? So sind diese Nonnen alle Bräute Christi?“
„Das sind sie in der Tat.“
„Aber dann hat ja der Herr Jesu tausendmal mehr Bräute, als ein Kalif Frauen hat.“ Sie staunte aus ihrer ganzen Ehrlichkeit heraus.
Der Vikar hatte Mühe, ihr die Geistigkeit dieses Brautverhältnisses zu erklären. Nimmer konnte sie das traurige Schicksal dieser ewigen Brautschaft begreifen, der keine Hochzeit folgen konnte. „Ach -- ich kann nicht -- Nonne werden -- weil --“ und übermächtig wogte es aus ihrer Brust: „Ich liebe zu heiß!“
„Das unreine Feuer der Liebenden hat niemals genug und verzehrt am Ende die Liebenden selbst. O schmerzensvolle Liebe! Das Herz des Beichtvaters schlägt in väterlicher Liebe zu dem Beichtkind, und was dieses betrübt, betrübt auch ihn. Ihr habt Euer Agnus Dei -- küßt Ihr es oft?“
„Ich drücke es am Abend immer an die Lippen.“ Ihre Stimme klang brüchig.
„Gebt -- daß auch meine Lippe sich daran erfreut.“ Er neigte sich zu ihrem Busen herab und küßte das Wachsscheibchen im goldnen Gehäuse. Seine Sinne schlürften den herben Hauch ihrer Brust und sein Mund sog lang an der Stelle, die ihre Lippen allabendlich berührten, und seine Vorstellungskraft weidete sich an dem Bild, daß er durch diese Berührung mittelbar ihren eigenen Kuß empfände. Maria erschauerte bis ins Mark, als sie seinen Kopf, seine Haare, die Tonsur so nahe an ihrem Busen spürte. War denn das wirklich Christenpriesterart? Es wurde erst wieder Licht vor ihr, als sich das Haupt von ihr hob. Wie eisigkalte Ströme rann es durch ihr Hirn.