Granada in Flammen

Part 16

Chapter 163,720 wordsPublic domain

„König Fernando hat mich auszeichnen wollen,“ schleuderte Doña Leonore ihren Grimm von sich. „Es winkte mir ein klingender Name. Ich sollte mit einem Mann vermählt werden, den nicht nur der Verstand wählte, nein, dem auch mein Herz seit einiger Zeit insgeheim entgegenschlug. Stattliche Männlichkeit, ein tadelloser Charakter, eine fast tempelherrenartige Gesinnung gegenüber den Frauen -- unter solchen Sternen hoffte ich eine Läuterung meiner eigenen Verworfenheit.“

„Ich sehe es kommen,“ lächelte der Pater unzart.

Der Fächer der schönen Frau zitterte über der Wange. „Weh dem Weib, das sich, verschmäht von dem Heißbegehrten, nur mit Wünschen begnügen muß. Ich habe mit den Augen um ihn geworben, mit der ganzen Koketterie meines Wesens um seine Standhaftigkeit gerungen, ich habe mit überströmenden Worten der Liebe um sein Herz gekämpft. Die Antwort schmeckte bitter wie Wermut. Mit dem Panzer ewiger Keuschheit umhüllte sich der Prahlende, mit der Miene des Kostverächters warf er meine Liebe von sich, ohne auch nur daran zu nippen. Hörst du, Juan? Eine Uceda wegwerfen wie eine unnütze Schale, deren Trank man nicht benötigt. Dominikaner! Von vornherein wegwerfen und keine Träne nach ihr weinen! Alles unter dem Vorwand klösterlicher Tugend! Ein Mann, ein Ritter, ein Hauptmann des Königs!“

„Ah! Die Sonne taucht aus Wolken!“ fuhr der Mönch auf. „Es ist Don Pedro de Solar Graf von Mora.“

„Daß dir der Name Flammen ins Herz würfe, die für meine Rache glühten!“ schlug es wie eine böse Lohe in ihr auf. „Und ich mußte an dem Eis seines Herzens abgleiten! Soll ich die Spottgeburt einer Dulderin sein, ich, die Malagueña, die Geliebte eines Königs? Die geträumt hatte, mit einem Augenzwinkern Throne erzittern zu machen? Siehst du, Juan, ich hätte die beleidigende Abweisung erduldet, wenn ihre Beweggründe wahrhaftig die unselige Unverletztheit seiner Tugend gewesen wären. Und fast schien es so. Aber dann ließ ich meine Spione hinter dem täglichen Gang seiner Füße schleichen, ließ sein Treiben beobachten und von bezahlten Leisetretern jeden Seufzer seiner schönen Augen auf der Straße auffangen, und dann -- o über den Tag! Mit diesen meinen Blicken riß ich ihm das Geheimnis aus der Brust. Der Himmel muß oft eine merkwürdige Wollust haben, das Herz einer Frau in Qual erzittern zu machen! Die beleidigte Liebe hat scharfe Augen, und diese sahen -- o Priester, weißt du es noch nicht? Damals vor deinen Füßen geschah es -- die Maurin mit dem Koran --“

„Wirf deine schönen Funken in den Brand!“ freute sich der Vikar unverhohlen.

„Eine Maurin!“ pfeilte der Hohn von dem schönen Mund. „Dunkelleibig, zart und glatt. Darin hat er sich verbissen!“

„Ich sehe ihn noch, wie er in hellem Zorn den Degen zwischen mich und sie -- oh, sie ist gewachsen wie eine Spindel aus der Guadarrama.“

Sie zischte vor Zorn über die Kränkung. „Eine Maurin, in Gottes Namen! Eine, deren Wollust für die kurze Dauer einer Fastnacht beglückt, die nicht mehr die Anmut des Errötens kennt, wenn sie halb ihre Kleider wegwirft! Eine Schwärmerei für die arabische Seltsamkeit, sei’s denn! Aber Liebe, herzaufwühlende Liebe? Dieses Schauspiel den Spaniern? Und den Spanierinnen? Wenn Christenritter einst Maurinnen ins Ehebett nahmen, geschah es um Länder, Burgen, Grenzen. Aber aus Liebe? Wie soll ich nicht das Opfer meiner Eifersucht werden, wenn ich stückweise Proben seiner zerfallenden Keuschheit zu kosten bekomme? Er führte sie zur Taufe, seine Augen verschlangen sie, die Lippen, die mir Worte des schmerzlichen Abschieds logen, brannten nach ihr -- ich sah es mit diesen meinen Augen --“

Der Vikar runzelte die Stirn. „Der Eifer wird zum Vulkan, aber man muß gestehen, er sprüht um einen liebenswerten Gegenstand. Aber Liebe, sagst du?“

Sie fuhr hoch. „Liebe!! Seine Blicke sprachen Liebe! Soll ich sie beide im mondlichen Garten im zärtlichsten Geflüster belauschen? Meine Eifersucht würde vorschnell der Verräter sein. Oh, wie er mich behandelte! Vor meinen Damen, von oben herab! Vor den Damen, die sonst nur Zeugen der schmeichelnden Verehrung kastilischer Granden waren -- mich wegzuwerfen -- vor diesen Damen!“ Ihre frauliche Empörung machte sie fast ersticken. Dann raffte sie ihre Glieder zusammen und ihre Augen stielten sich. „Sie ist eine Cava -- so heißen sie ihre Hexenweiber -- ach, Juan -- räche mich!“

Ihre Glut brannte in sein Herz. „Was -- willst -- du?“

„Nicht ihn verderben, aber sie, die Rivalin, die nach ihm dürstet. Sie wird meines Elends vor ihrem alten Gott spotten. Glaubst du wirklich, daß sie ihren Propheten vergessen kann? Daß sich nicht heimlich in den Rosenkranz der Jungfrau ihre verfluchten Suren hineinschleichen? Oh, du kennst die Hartnäckigkeit der Maurinnen nicht! Zu denken, daß sie mir die Lust gönnt, meinen Verlust über einen andern Liebhaber zu verschmerzen! Ihr aufgeopfert werden! Ich tauge nicht zum Liebesleid, das frommen Seelen so gut steht. Mir steht Wiedervergeltung besser, und auf meiner Stirn glüht Vanganza, die Rache! Drum höre, Don Juan -- Maria de Calabreña ist Neuchristin. Es wird dir leicht sein, ihr eine Falle zu stellen, ihr einen Rückfall nachzuweisen, sie als Abtrünnige hinzustellen, und sind keine Beweise da, erfindet man welche. Wozu habt ihr eure Familiares, die bestochenen Schergen? Wozu das heimliche Verfahren und die peinlichen Fragen, das Kreuzverhör und die Tortur? Man raunt, man sagt, man flüstert, nennt das Kind nicht beim rechten Namen, deutet an, spricht von Gerüchten, webt ein Netz von Verdächtigungen zusammen. Ei, die kleinen Werkzeuge der üblen Nachrede, sind sie dir unbekannt? Man munkelt und dreht Worte hin und her, bis sie ihren Inhalt verändern. Worte sind Würmer, sie zernagen heimlich die Frucht. Es ist ja so leicht, eine Maurin schuldig zu machen. Sie spielt maurische Lieder, badet sich zu oft, tanzt die Zambrah -- ach, welche Waffen hast du in der Hand, die unschuldigste Seele schuldig zu machen! Mann der entsetzlichen Macht, gebrauche sie, und dir winkt köstlicher Lohn!“

Der Mönch erschauerte. „Unselige! Sie fälschlich des Abfalls zeihen? Wie soll ich vor dem Thron Gottes stehen?“

„Mit der Verzeihung der Liebenden im Herzen! Dann wird Gott mit sich reden lassen.“ Sie ward ihres Frevels nicht einmal inne. „Es würde wie Bethesdaflut über mich fließen, wenn ich hörte, daß sie aufgehört hat, sein alles zu sein. Ich kann ihn nicht an ihrer Seite sehen, kann nicht, kann nicht. Juan -- hilf, hilf -- du kennst den Preis!“ Sie zwang die Lippen aufeinander und schloß die Wimpern.

Leons Gesicht verzerrte sich im Kampf zwischen Gier und Rechtlichkeit. „Weib, du forderst Furchtbares -- zu deinem zerbrochenen Herzen ein zweites, drittes, viertes -- o Himmel und Hölle!“

Der berauschende Geruch ihres Leibes warf Glut und Brand in seine Sinne, als sie jetzt dicht an ihn herantrat. „Du wehrst dich, Juan -- aber du wirst dich nicht wehren, wenn du an die Nächte denkst in Cordoba --“

„Eva -- Eva! Du stehst an den Pforten des Teufels!“

„Und doch will ich dir den Himmel erschließen -- und mich dann reuevoll in Dornen wälzen wie die heilige Passidea von Siena.“

„Und ich soll zum Judas werden -- soll sie foltern -- den schönen Leib? Oh, sie darf ihre Sichel an den Sonnenstrahl hängen und Wasser im Sieb tragen -- so rein ist dieses Weib -- und ich soll --?“

Ihre Augen schossen Pfeile der Wollust ab, und die blutroten Lippen ließen die Zähne wie drohende Waffen spielen. Der Strom ihrer Leidenschaft trat aus den Ufern. „Mönch -- du wirst mich rächen! Sag’ -- wie war das mit deinem Ordensgründer? Seine Mutter träumte, daß sie einen Hund mit einer Fackel im Maul gebären sollte.“

„Ja -- man deutete es als die Treue und die Erleuchtung.“

„Das Volk weiß es anders. Die Hunde sind die Dominikaner, denn sie beißen scharf, und mit der Fackel entzünden sie die Scheiterhaufen. Übe dein rächendes Amt! Räche mich, und dieser Leib -- ist wieder dein!“ Ihr Haupt schlug an seine Brust, und das zerstörte Haar, das die Netze gesprengt hatte, duftete in seine Zerschlagenheit.

Da schnellten seine Hände nach dem Feuergewoge ihrer Brüste. „Wehe -- wehe! Der Taumelbecher in der Hand der babylonischen Hure! In seiner Hefe sitzt der Tod! Das Judasrad der Hölle über mich! Jonas! Hiob! Menschen der Not! Eure Gebete her! Du hast mich mit Wogen umgeben, o Herr -- ich versinke --“

Sein ganzer Mensch wollte grausig lichterloh verbrennen -- da taumelte er aus der Wollust. Seine Blicke hatten den Gekreuzigten getroffen. Er riß den in Rache und Lust glühenden Frauenkörper aus der heiligen Nähe der Gottheit, schleifte ihn, daß die Seide rauschte, durch die geheime Tür in den dunklen Gang, der in die Cuarto de Machuca führte. Und hier, von Finsternis und Stille behütet, schlugen die höllischen Flammen aufs neue auf.

Aber Leonore wand sich aus den Polypenarmen seiner tierischen Brunst. „Nimmer -- Hyäne! Ich beiße dir die Finger ab -- du sollst den Preis nicht früher haben, bis -- bis -- das Lamm geschlachtet vor mir liegt. Schwöre!“

Er krümmte sich wie ein Wurm vor ihr. „Entsetzliche! Meine Taten -- eingegriffelt -- im Buch der Siegel -- am Jüngsten Gericht --“

„Schwöre!“ tönte die unerbittliche Stimme. Und der Feuerhauch des Vampirs raste über den Scheitel des Mönches.

Da winselte er es in ihre Hand wie ein geschlagenes Tier: „Ich -- schwöre --“

Sie jauchzte in Rachelust. „Ah! Vaya! Bruder Nimmersatt -- so lieb ich dich!“ Sie biß ihre Zähne in seine Lippen, daß er aufschrie. Dann warf sie seinen Kopf von ihrem Busen weg. Und ein Dräuen tönte dumpf an sein Ohr: „Eins darfst du nimmer fordern. Ich muß den andern auch haben. Dich und ihn! Er ist so schön! Verschwenderisch hat ihn die schenkende Natur mit den Gaben des Körpers und der Seele bedacht, und das Atmen an seinem Munde muß Verzückung sein. Aber ich bin ja so reich an Liebe und Wollust, und was für dich bleibt, ist nicht ein kärglicher Rest brünstigen Gewährens, sondern ein in seinen Armen gelerntes kostbares Verschenken. Hab’ Geduld und zähme bis dahin deine Sinne.“ Sie drückte sanft seinen verkämpften Leib an die Wand. Dann stieß sie die Tür zur Mosala auf. Der Kerzenschein brachte den Besessenen zur Vernunft. In wunderbarer Reinheit erstrahlte das Antlitz der Virgen, der heiligen Jungfrau, über dem Altar.

Leon keuchte schweißnaß dorthin und warf sich in ein verzweifeltes Gebet, doch zwischen den Sätzen hörte er die Posaune des Weltgerichts dröhnen. Vor seinen Augen verschloß ihm Gottes Seraph die Pforte des Paradieses. Weit gähnte der von Lohen erfüllte Abgrund der Hölle. Er rieb sich die Augen -- Leonore de Uceda war nicht mehr da. Sie mußte weggeschlichen sein, während er in Gebetwogen mit Gott und dem Satan rang. Lilith bist du! sann er in das Dunkel der Tür. Lilith mußte Männer verderben -- du auch! Und er hüllte ihre Gestalt in die scharlachnen Gewänder der Hölle. Ich soll Helfer sein auf ihrem Racheweg? Ist der Preis hoch genug? Seine kalten Augen stachen ins Leere. Überlege, Juan! Wenn du durch die Waffen der List zwei Opfer --

Von Grausen gepackt, schleppte er seinen Leib vom Altar weg. Plötzlich fuhr wie ein Blitz das Augustinuswort in seine Aufgewühltheit: Ein Augenblick der Lust schafft eine Ewigkeit an Pein. Sein ganzes menschliches Gefüge klaffte. Ist nicht der Teufel gerade nach dem Heiligsten auf der Jagd? Ei, Antoniusqualen bleiben keinem Priester erspart.

Auf dem Tisch lagen Inquisitionsakten. Seine Einbildungskraft zauberte ihm eine Anklageschrift vor seine Blicke, und sein Geist schrieb mit Glutbuchstaben einen Namen aufs Papier: Maria de Calabreña.

Ein kalter Schauer durchrieselte sein Mark. „Niemals, du Untier!“ wimmerte er in sich hinein. Zerbrich an dir selbst, mordende Wollust! Ich töte diesen Engel nicht. Und er, der Beichtiger, sehnte sich nach der Wiedertaufe in Christi reinem Geist und nach dem Sünderstuhl, um zu bereuen.

Aber allmählich beruhigte sich sein aufgeregtes Blut. Neuerlich schlichen des Teufels Lockungen an sein Hirn heran. Noch wehte der Duft ihres Leibes in dem Raum. Bist du ein Holzklotz? schrie er seinen reuigen Menschen an. Ob doch alle, die wie ich mit loderndem Leib an den Käfigstangen schütteln, das Beben des Blutes so beschwichtigen wie ich? Habe ich die Weihen deshalb erhalten, um ein Leben lang im Kampf mit meinem Gewissen zu liegen? Warum hat mir Gott das Tier im Leib gegeben? Nur daß ich es verleugne? Daß ich es töte? Du sollst nicht töten! So will ich auch das Tier in mir nicht töten. Mit dieser spitzbübischen Kasuistik schwang er seinen Geist in unsündige Regionen. Sein Glaube an die Erdgebundenheit des Priesters lehnte sich gegen das Aszetentum auf, er fühlte sich im Recht des Stärkeren, und beinahe hätte er in der Geistlichkeit und Wohlanständigkeit die Falle des Teufels erblickt. Er fluchte nicht mehr dem Adam in sich. Er war ja doch als Mensch Gottes Kreatur. Er hatte einen Atem, also mußte er Luft schöpfen, ein Auge, so mußte er Weltschönheit schauen, einen Mund, also mußte er essen und sprechen, und jedes Organ mußte in gottgewollter Bestimmung erhalten werden. Zeugung aber ist Schöpfung! Wie konnte die Kirche sich darum herumschleichen? Wie Ausnahmsmenschen großzüchten, die das eherne Gesetz schändeten? Mußte das Weib vom Priester verachtet werden, wiewohl es den Liebesgedanken Gottes auf der Stirn trug? Was so glühend nach neuem schöpferischen Leben rang, sollte von dem großen Schöpfer verdammt sein? Hier irrte die Kirche! Das hämmerte nun wie ein Wille Gottes in den Pulsen des Dominikaners. Und so warf er den letzten Trumpf hin: Auch das Fleisch ihres Leibes ist kostbare Gottesfrucht -- genieße sie!

Er atmete auf. So aber gefiel er dem Teufelchen, das schon in einem Winkel lauerte.

Der Mond stand hoch vor dem Fenster. In seinem bleichen Licht lag ruhevoll das sterbende Granada. Der Vikar verspürte Lust, einen nächtlichen Gang durch die Höfe der Alhambra zu machen. Jeder Schritt an den Wachen vorbei geschah ohne Argwohn. So schritt er denn durch die Adventnacht an der Pracht versunkener Maurengröße vorbei, hörte das Plätschern der Brunnen und sah das Mondlicht im springenden Strahl wie einen Irrwisch tanzen. Und plötzlich stand er vor dem Turm der Cautiva. Dort schlief sie wohl jetzt -- die schöne --

Wieder brandete eine feurige Welle an sein Herz. O was war das nur? Rannte alles, was Weib hieß, heute Sturm gegen sein Inneres? Nein, tausendmal nein! Hier wollte er sich vor des Adams irdischer Not bewahren, hier brauchte er keine Blutwallung in wollüstig durchträumten Nächten zu unterdrücken und kein Büßergewand würde ihn hier in Knechtschaft schlagen. Er brauchte nicht Verräter an seinem Gott zu sein. Lang sann er zu dem Ajimezfenster hinauf, hinter dem jetzt vielleicht ein keuscher Traum um eine holde Stirn spielte. Mit einem jähen Ruck wandte er sich vom Turm weg. Schritt dann im silberwogenden Licht nach dem Generalife, wo sich geisterhaft die Zypresse aus der Gartenpracht erhob, die einst der sündigen Liebe einer maurischen Königin Schutz gab. Der Mönch konnte nicht weiterwandeln. Überall warf ihm eine dämonische Macht Bilder der Sünde entgegen. Von Belialsschatten verfolgt, taumelte er heim.

In der Mosala warf er das Hemd ab, damit die härene Kutte seinen Leib zersteche. Er wollte prickelnde Qualen leiden. Dann griff er nach einem Büchlein, das ihm die Mutter geschenkt: die Marienklage des Gonzalo de Berceo von San Millan. In das mystische Verzücken und in die übersinnlichen Gesichte warf er seinen verstöhnten Geist. Er rief Maria, die heilige Jungfrau, an und dachte mit aufgewühlten Sinnen an die andere Maria. Und mit hetzendem Atem griff er nach der klingenden Blütenpracht des Salomonischen Hochliedes.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Wenn die wunderschöne Königstochter vorbeireitet, ist es, als zöge ein Meteor über den granadinischen Himmel. Alles gafft und starrt. Die bronzene statuarische Gestalt auf dem weißen Zelter gleicht einem Beduinenmädchen, das ruhevoll durch die Zeltgassen ihres Stammes zieht. Man spricht in den vornehmen Häusern der Christen von dem Reiz dieses Mädchens mit demselben Eifer, den man Maurenkämpfen, Turnieren und Stiergefechten widmet.

Der Graf Tendilla brachte ihr die Huldigung der andalusischen Ritter in der Form eines goldenen Standkreuzes. Übergetretene Fakis beglückwünschten das neue Taufkind und granadinische Christenmädchen tanzten vor der Alcazaba an schönen Abenden den Fandango.

Doch so ruhig die Stadt schien -- draußen in den Alpujarras erhob sich dräuend das Gespenst des Aufruhrs. Die Beni Mossad, hieß es, seien nicht ausgewandert, sondern befänden sich mit ihrem Anhang in den Bergen, wo sie die Monfis sammelten, um den geliebten Imam zu befreien. Tatsächlich hielt Maria de Calabreña heimlich Verbindung mit dem Gebirge, es kamen als Bettler und Händler verkleidete Vertraute in den Alkazar und gaben dort ihre Briefe ab, die dann Doña Maria in den Turm der Cautiva schmuggelte.

Das Königskind litt an seiner Liebe. Ihr Herz unterschrieb nicht, was ihr Verstand ausklügelte. Oft horchte sie hinaus in die Nacht, die schon auf ihren Schwingen Frühlingsvorschauer hereintrug, und ihr war, als müßte sie aus dem Turm fliehen, weit, weit weg, um dann ihr Schicksal fern von der Alhambra zu beweinen. Es kamen sonnenwarme Tage, aber sie belebten das Gemüt Reijas nicht. Selten sah sie den Grafen de Mora. Nur durch Saffana erforschte dieser die Seelenstimmung des Mädchens. Auch er war von dunklen Gewalten hin und her geworfen, die alte Dienstbeflissenheit war erstorben, seine Strenge gab sich gequält, sein Ordnungssinn war erschüttert.

Eines Tages stand wieder Hernando de Rojas vor ihm, das Freundesherz beladen mit Sorge. Don Pedro hielt ihm freudestrahlend einen Zettel mit Versen hin.

Hernando riß die Augen auf. „Die Welt hat ein Loch bekommen.“

Der Freund errötete wie ein Knabe. „Ich versuchte, in der Überschwenglichkeit ihrer Sprache etwas Liebes über sie zu sagen. Sei nachsichtig.“

Aber der Gelehrte konnte es nicht sein. „Das ist nicht die Ausgeburt arabischer Phantasie, und ich bezweifle, daß dieses Kunstwerk auf persischer Seide in der Kaaba von Mekka unter den Muallakat hängen wird. Es ist kein Maß darin, aber Maßlosigkeit ist das Zeichen der Verliebtheit. Du verglosest langsam und wirst eines Tages jämmerlich zu Asche werden. Mach’ ein Ende, indem du einen Anfang machst. Du kannst so dem König nicht weiter dienen.“

„Man dient hier in Granada nicht dem König mehr, sondern Ximenes. Wohin geht Spanien? Sollten wir es erleben, daß Ximenes Schlachten liefert, während der Feldherr Gonsalvo den Rosenkranz betet?“

„Es ist in Wahrheit nicht das, was dich flügellahm macht.“ Hernando warf sich in den Wust arabischer Felle. „Deine Augen leuchten nicht mehr morgendlich wie die eines Phöbus. Deine Stimme tönt nicht mehr hell, dein Gehaben ist nicht frei und offen. Gradheraus -- willst du Doña Reija zum Altar führen? Sie ist die natürliche Tochter eines Königs. Zugegeben, daß dein Geschlecht sie aufnimmt, aber auf deinen Kindern haftet der Fluch der Mutter, die nur Neuchristin ist. Überlege alles, aber dann endlich eine Tat!“

Der Graf raffte sich lächelnd auf. „Worte, Worte! Ich habe Doña Reija um eine Unterredung gebeten. Ich will sie bitten, daß sie -- auswandert.“

Hernando sprang auf. Dann sprühte ein Gelächter von seinen Lippen. „Daran glaubst du selbst nicht.“

Verärgert drängte der Graf den Freund zur Tür hinaus. Es kam die Stunde, da Reija gewöhnlich aus der Stadt in die Alhambra geritten kam. Nun mußte Saffana jeden Augenblick erscheinen und ihn bitten --

Er brauchte nicht lange zu warten. Die muntere Sklavin rief ihn zu ihrer Herrin. Er umgürtete sich nach Ritterart und ging in den Turm der Cautiva.

Schon auf der Treppe empfing ihn der Wohlgeruch arabischer Spezereien. Eine Tür, dann ein schwerer Vorhang, den Saffana zurückschlug.

In der Mitte des Gemachs stand wie ein Schattenriß die Gestalt Maria de Calabreñas mit dem Rücken gegen die Kerzenflamme. Der Graf konnte die abgedunkelte Haut des Antlitzes mit dem geraden Spalt der festgeschlossenen Lippe und die schwarze Haarkrone sehen. Saffana warf den Vorhang hinter ihm zu.

„Salam Alaika!“ Die Granatblüte zwischen ihren Zähnen fiel zur Erde. „Der Engel Israfil behüte den Schritt deines Fußes! Esch chabar? Was gibt es Neues?“ Sie wies ihm den Schemel an.

Er blieb stehen. Er fühlte, wie das Gewirr der gemusterten Wandflächen mit ihren verschlungenen Linien, Sternen, Figuren und Ranken und das Farbenspiel der Decke seine Gedanken abschnitt. Er knetete den schwarzsamtnen Hut in der Hand und drückte ihn zum Gruß an seine Brust. „Der Gefangene ist doch wohlauf?“ fragte er.

„Er ersehnt den Tag, da seine Freiheit keine Gefahr mehr für Spanien bedeutet.“ Es klang müde und kühl.

Der Graf nahm sich ein Herz. „Es ist die Meinung des Grafen Tendilla, -- daß -- der Gefangene -- mit einer Sklavin sein Auslangen finden könne.“

Maria de Calabreña sah ihn mit gelindem Schreck an. „Soll das heißen, daß ich hier nicht mehr kommen und gehen darf?“

Der Graf machte eine jähe Bewegung. „Man -- bittet Euch, die Alhambra nicht mehr zu betreten.“ Wie schwere Gewichte fiel ein Wort nach dem andern.

Reija drückte die Hand aufs Herz. „Die Gründe, Feta, die Gründe! Der Gobernador bittet mich? O welch ein Caballero!“

Der Graf sah ihr Gesicht im Schein der Kerze spöttisch aufblitzen. Eine glühende Blutwelle schlug über sein selbstquälerisches Herz, bis hinauf in seinen Hals, wo sie ihm den Atem nahm.

Maria de Calabreña lag mit morgenländischer Ungebundenheit auf dem Diwan, die Glieder etwas gestrafft, den Oberleib leicht aus den Hüften gebogen, die schönen Arme wie schlanke Säulen als Stützen nach rückwärts gesteift. Ihre Augen sahen umflort vor sich hin in den Schoß. „Warum quält man den alten Mann und -- mich? Was soll ich noch tun? Ich bin Christin geworden und bete zum Gott der Spanier --“

„Findet Ihr -- Erquickung im neuen Glauben?“ Es war, als schösse er einen Pfeil nach ihrem Herzen.

„Man will spanische Christen haben, das übrige ist doch gleichgültig. Fragt den Schmetterling, der gewohnt ist über Blumen zu schaukeln, ob er sich im kahlen Zimmer wohl fühlt. Leon macht es uns nicht leicht, an den starren Gesetzen des Glaubens Gefallen zu finden. Aber seid Ihr dieser Sorge wegen gekommen? Bi nefsi, Ihr seid gütig.“ Sie warf den Oberleib nach der Ecke hinüber, als wäre sie müde.

Da schleuderte er es wie eine Überlast von sich: „Ihr müßt die Alhambra verlassen.“

„So will ich’s eben tun -- Bismi allah!“ Sie sagte es mit der trotzigen Dunkelheit im Ton, die dem Grafen immer alle Sinne nahm. „Wann soll es geschehen?“

„Morgen -- -- heute -- --“ Don Pedro würgte an den Worten.

Sie durchsprühte sein Gesicht wie ein witternder Wolf. „So schnell will mich der Graf Tendilla forthaben?“

„Nicht er -- ich selbst will es.“

Wie ein Steinwurf flog es in ihre Brust. „Was hab’ ich getan -- daß Ihr -- mich so --?“ Sie stockte unter kaum verhaltenen Tränen.

Ihm war, als müßte er sich mit einem Tigersprung an ihre Seite stürzen und ihre Hände an sich reißen.

„Seid bedankt -- für die Milde -- mit der Ihr -- uns --“ Wieder schnitten ihr Tränen das Wort entzwei.

Das letzte verzweifelte Wehren brach in ihm zusammen und mit dem aufgewühlten Schmerz des Scheidenden trat er auf sie zu und ergriff heftig ihre Hand. „Bevor Ihr geht -- seht mir ins Auge.“

Sie wandte sich um. Ein weher Strahl aus ihrem verschluchzten Auge traf ihn.

Er brach ins Knie und küßte die heiße Hand des Mädchens mit schmerzlicher Glut. „Hier -- hier liegt mein wahres Gesicht -- schlagt mir die Würde aus dem Leib -- ich kann nicht anders -- so, so liebe ich dich!“