Gran Cañon

Part 9

Chapter 93,500 wordsPublic domain

Zwischen den Bäumen auf dem nach Norden vorspringenden Kap Navaho Point oder Desert View sind etwa hundert Schritt vom Rande des Abgrundes entfernt drei Unterkunftshütten errichtet. Die östlichste von ihnen ist an ihren beiden Schmalseiten mit Veranden versehen, die von Drahtnetzen umschlossen werden, und enthält den Speiseraum und die Küche. In der Küche befinden sich ein kleiner Herd und wandfeste Schränke mit einigen Vorräten wie Tee, Zucker, Kaffee, Marmelade und Keks, eine Wasserleitung, Eimer, Kannen, Schöpfkellen, Teller, Schüsseln, Tassen usw. aus emailliertem Blech.

Die westlichste Hütte besteht aus einem einzigen Raum mit Veranda. Das Zimmer ist mit Bett, Kommode, Waschgestell, einigen Rohrstühlen und einem eisernen Ofen ausgestattet. Von der gleichen Art ist die mittlere Hütte. Ein paar kleinere Reisegesellschaften können also an dem Ort übernachten. Doch jetzt war keine Menschenseele in Navaho Point, kein Wächter oder Diener, nicht einmal ein Indianer oder ein Neger. Den letzten Besuchern waren wir unterwegs begegnet; keiner von ihnen hatte Lust gehabt, hier über Nacht zu bleiben. Ich würde also mutterseelenallein in der Wildnis sein, fern von El Tovar, dem äußersten Vorposten der Zivilisation.

Tillotson öffnete die beiden Hütten, die ich benutzen wollte, und zeigte mir, wo ich alles finden konnte. Nachdem wir Gepäck und Proviant abgeladen und in meine Schlafhütte gebracht hatten, sagte er mir Lebewohl und verschwand mit seinem Auto im Wald. Ich trug ein paar Stühle an den Rand des Kaps und begann einige Umrißskizzen zu zeichnen und zu kolorieren. Es muß schnell gehen, denn die Schatten werden mit jeder Minute länger, und das Farbenspiel wechselt ständig. Die ganze von Norden nach Süden laufende Felswand der Palisaden, die die denkbar schärfste Grenze gegen die Painted Desert im Osten bildet -- eine viel gewaltigere Grenze als die Chinesische Mauer in den Tagen ihres Glanzes -- und an deren Westfuß der Colorado fließt, ist jetzt bei Sonnenuntergang in leuchtend rotes Licht getaucht. Fast alles andere liegt im Schatten. Im Talgrund ist noch das sich schlängelnde silberne Band des Flusses zu unterscheiden.

Die Sonne steht am Horizont in der westlichen Verlängerung des Gran Cañon und geht in Feuergluten unter. Da verblaßt die rote Beleuchtung auf den „Palisaden der Wüste“, und alle Farben schmelzen zu einem ziemlich tonlosen Violett und Grau zusammen. Auch diese Beleuchtung versuchte ich in einer schnellen Skizze festzuhalten, wobei ich mehr die Stimmung als die Einzelheiten der Topographie berücksichtigte. Nach einer Weile verwischen sich die Einzelheiten mehr und mehr, die bei Tageslicht so scharf hervortretenden Formen verschwimmen, und nur die großen Züge machen sich in verschiedenen kräftig beschatteten Feldern geltend. Über dem westlichen Horizont lag noch eine Zeitlang ein starker Widerschein der sinkenden Sonne, und über der Erde schwebte wie eine lange gerade Brücke eine Wolke.

Nur ein Meter von meinem Aussichtspunkt entfernt gähnte die schwindelnde Tiefe. Ein undurchdringlicher Nebel scheint dort unten zu herrschen. Nur der Nordrand des Cañon ist noch scharf gezeichnet, und das Flußbett hebt sich als hellerer Streifen von seiner Umgebung ab. Aber die Dämmerung wird dichter, und der Vorhang der Nacht senkt sich vor die großartige Skulptur. Hinter mir rings um die Hütten wird der Wald dunkel, der Mond steht hoch am Himmel, und die Fichten ragen wie Spukgestalten mit ausgestreckten Armen in die Höhe, sie werfen rabenschwarze Schatten auf die hellen Kalksteinflächen. Die leichte, ungleichmäßige Abendbrise, die in den Baumkronen gerauscht und das Kap umbraust hat, ist eingeschlafen; es ist grabesstill am Rand des Gran Cañon.

Die Stimmung ist wunderbar, ihre Erhabenheit unbeschreibbar. Das Gefühl des Schwindels verschwindet -- man sieht jetzt ja nicht, wie tief es bis zur Talsohle ist. Ich sitze immer noch da und lausche und habe die Empfindung, als erwartete ich, daß etwas geschehen werde. Aber kein Laut stört die Stille. Doch was ist das? Ach, nur eine Schleiereule. Vergebens warte ich darauf, zu hören, daß ein Stein sich löst und den Steilhang hinunterstürzt. Aber in dieser Nacht stehen die Mauern des Cañon fest, nichts fällt hinab. Ich meinte sicher zu sein, daß die Heulwölfe, die Cojote der Painted Desert, an den Waldrand kommen und klagen und heulen würden. Aber vergebens warte ich auch auf sie. Vielleicht wittern sie, daß sich ein Mensch in der Wildnis niedergelassen hat, und halten sich daher fern.

Es ist ein recht ungewöhnliches und eigenartiges Gefühl, ganz allein zu sein, nicht einmal einen Hund als Gesellschaft zu haben und zu wissen, daß es bis zum nächsten Menschen vierzig, fünfzig Kilometer sind. Nachdem ich jetzt beobachtet hatte, wie die Nacht den Gran Cañon in ihre Obhut nahm, hatte ich nichts weiter zu tun, als im Küchenherd Feuer zu machen, Teewasser aufzusetzen und in meiner Hütte die schönen Sachen aufzutischen, die Herr Petrosa in meinen Korb gepackt hatte, belegte Brote, Brot, Butter und Käse, Huhn und Eier, eine Flasche Rotwein und eine Flasche Sahne, Apfelsinen, Pfirsiche und Pflaumen. Das Schweigen des Waldes und des Abgrundes umgab mich. Ich vermißte nicht die Signale der Lokomotive, das Ächzen des Motors oder das Brausen menschlicher Stimmen. Mein Zimmer hatte fünf Fenster mit Glasscheiben, und ich zog die Vorhänge auf, um den Mond hereinscheinen zu lassen. Die Tür zwischen Stube und Veranda durfte offenbleiben, die Außentür der Veranda dagegen war geschlossen, und die unternehmungslustigen Katzen hätten wohl vergeblich versucht, das Drahtnetz zu zerreißen. Das Dach ist doppelt; es besteht aus Schindeln und Sackleinwand und flattert und klatscht wie ein gewöhnliches Zelttuch, wenn ein nächtlicher Windstoß über die Gegend zieht.

Über die Wärme brauche ich mich nicht zu beklagen: es war ziemlich frisch, um 8 Uhr abends 12,2 Grad und um 11 Uhr 7,8. Nachdem ich mir mein Lager zurechtgemacht und aus der Küche Waschwasser geholt hatte, ging ich wieder auf das Kap hinaus, um einen Abschiedsblick auf die rätselhafte Urwelt zu werfen, die offen in der Nacht dalag. Dann legte ich mich hin, löschte die Lampe und lag im Mondschein noch eine Weile wach; nach wie vor lauschte ich vergeblich auf das Abendlied der Cojote.

Am andern Morgen um ½6 Uhr war ich schon wieder draußen auf dem Kap. Gerade war die Sonne aufgegangen. Aber der rote Schein fehlte ganz, der am Abend vorher die Mauer der Palisaden gefärbt hatte; er wird wahrscheinlich von den in der Luft herumfliegenden feinen Staub- und Wasserdampfteilchen hervorgerufen. Jetzt war der Himmel vollkommen klar und blau, die roten Töne verschwunden. Im Westen war der Cañon herrlich beleuchtet, doch nicht in den warmen Tönen des Abends. Die Palisadenwand und der von Norden nach Süden strömende Teil des Colorado lagen in tiefem Schatten. Die Landschaft hatte ihr Aussehen völlig verändert. Aber die großen Linien waren stets dieselben, die vom Nordrand und Südrand vorspringenden Kaps, Hügelketten und Tempel waren vom Licht des Morgens übergossen. Das Thermometer zeigte 8,4 Grad; um ½10 Uhr war die Temperatur auf 14 Grad gestiegen.

Nachdem ich in der Küche mein Frühstück eingenommen hatte, begab ich mich mit Zeichenblock, Wasserfarben und Wasser wieder auf das Kap hinaus und stellte meinen Stuhl in den Schatten einer Kiefer. Der Tag war strahlend klar, aber es wehte ziemlich frisch, und der Wind heulte in Schroffen und Vorsprüngen und in den Kronen der Bäume. Eine Schwalbe schießt an mir vorüber, knapp über der Erde; aber eine Sekunde später, nachdem sie den Felsrand hinter sich gelassen und über den Cañon hinausgesegelt ist, befindet sie sich plötzlich 1400 Meter über dem Erdboden. Sonst ist das Vogelleben wenigstens hier draußen auf dem Kap recht arm; auch die Insekten sind spärlich vertreten. Ein paar Fliegen summen in der Luft, und eine Libelle blitzt über dem Abgrund auf, kehrt aber um und fliegt in den Wald hinein. Die Schwalben wurden gegen Abend recht zahlreich und schienen Vergnügen daran zu finden, einander über die gähnende Tiefe hinauszujagen. Im übrigen stört mich nichts; keine Laute sind zu vernehmen, keine Stimmen zu hören, tiefster Sonntagsfrieden herrscht überall. Einsam sitze ich am Hochrand, vor mir und unter mir das großartigste Schauspiel, das es auf Erden gibt. Ich schaue nur und bewundere und kann mich nicht dazu bringen, mit Zeichnen zu beginnen. Man ertrinkt ja in diesem ungeheuren Reichtum an Einzelheiten, man kommt sich ungeschickt, lächerlich und verzagt vor und findet, daß die Aufgabe völlig unlösbar ist. Und nimmt man seine Zuflucht zu einer Kamera mit großen Platten und scharfen Linsen, dann erhält man zwar ein treues Bild dieser Hunderttausende dunkler senkrechter Furchen, die durch die Erosionskraft des Regens und die Verwitterung entstanden sind, und dieser wagerechten Schichten, Leisten, Stockwerke und von steilen Stufen unterbrochenen Mauern, die die Ablagerungen der geologischen Zeitalter erkennen lassen, aber die Farben fehlen und die Luft; die Perspektive, die Entfernungen und die ungeheuren Tiefen kommen auf einer Photographie nicht zur Geltung.

Mit Todesverachtung beginne ich endlich ein Aquarell. Der ganze Cañon ist von Sonne überflutet. Die Schatten machen sich wenig geltend. Sie sind sonst eine Hilfe, denn sie verbergen die Einzelheiten gewisser Felder. Ich versuche, alle Nebensächlichkeiten auszuschließen und mich an die großen Linien zu halten, aber bald finde ich, daß ich mich trotzdem in allzu viele Kleinigkeiten verliere und daß die Zeit nur zu schnell entflieht. Und ohne Einzelzüge fehlt dem Cañonbild doch viel von seinem eigenartigen Reiz. Diese zahllosen hervortretenden, sonnenbeleuchteten Säulen zwischen den senkrechten Erosionsrinnen gleichen riesigen, in verschiedenen Stockwerken übereinanderliegenden Galerien einer Kathedrale von übermenschlichen, phantastischen Maßen, ihrer unermeßlichen Anzahl gegenüber fühlt man sich machtlos. Dennoch arbeite ich drauflos; aber das Ergebnis ist jämmerlich. Gestern abend, als die letzten Minuten einander jagten und die ganze Landschaft rot war oder in Schatten lag, gelang mir die unbeschreibliche Stimmung besser.

Im Osten fallen die senkrechten Mauern meines Kaps in eine kleinere Einbuchtung ab, einen Seitencañon ohne Namen, an dessen gegenüberliegendem Rand die Mauer der Palisaden einschwenkt und in die eingekerbte Linie des Südrandes übergeht. Auf der Hochfläche östlich der Palisaden schimmern schwach gewellte grüne Felder, die Wiesen gleichen; wahrscheinlich sind es Sträucher, Präriepflanzen, vielleicht Unterholz, das sich infolge der Entfernung nur durch sein Grün geltend macht. Ein tafelförmiger Berg ist auch in dieser Richtung zu sehen. Im Osten und Nordosten breitet sich Painted Desert, die Bunte Wüste, aus, auf deren „Mesas“ die Hopi-Indianer ihre Dörfer erbaut haben. Diese Wüste nimmt die ganze Nordostecke des Staates Arizona ein und erstreckt sich auch in die Nachbarstaaten Utah, Colorado und Neumexiko hinein. Ihre Westgrenze ist der Cañon des Colorado; von hier zieht sie sich, so will es dem Auge scheinen, ins Unendliche; sie schillert in den leichtesten, entzückendsten Farbtönen und Übergängen, in Gelbgrau und Rot, in Rosa und Hellgrün, in Blau und Violett. Flache Bodenwellen und einige platte, tafelförmige Anhöhen sind in immer helleren Tönungen bis in eine verschwindende Ferne zu sehen; man kann nicht immer entscheiden, ob ihre Umrißlinien der Erde angehören oder nur Dunstbänke sind oder dünne Wolkenschleier am Horizont. Diese Wüste, so ungleich den asiatischen Mustern mit ihrem eintönigen Graugelb und ihren ewigen Flugsandfeldern, übt wie diese einen geheimnisvollen Zauber aus, und ich muß meine Sehnsucht bekämpfen, ein, zwei Wochen in ihrem Innern zuzubringen.

Ein sehr charakteristischer, scharf hervortretender Zug in dem mir am nächsten liegenden Teil der Painted Desert ist die dunkle Linie, die den Cañon des Kleinen Colorado bezeichnet. Dieser linke Nebenfluß des Colorado entspringt auf dem Coloradohochland und fließt in fast gerader Linie nach Nordosten, um sich mit dem Hauptstrom zu vereinigen, kurz bevor dieser sein scharfes Knie nach Westen macht. Da sich der Beschauer auf Navaho Point fast in derselben Höhe befindet wie die allgemeine Oberfläche der Painted Desert, ist es klar, daß die ganze Tiefe des Korridors des Kleinen Colorado seinen Blicken verborgen bleiben muß. Das einzige, was er sieht, ist der oberste Rand des rechten Ufers, der ebenso senkrecht und scharf gezeichnet ist wie der „Rim“ an den Seiten des Großen Cañon. Daß man überhaupt etwas von diesem rechten Rand erblickt, beruht darauf, daß er höher ist als der linke.

Vertieft man sich in die Aussicht von Navaho Point, dann ist man sich klar: dies ist doch das Großartigste, was ich bisher vom Gran Cañon gesehen. Allerdings: denselben Eindruck hatte ich vorher bei Grand View gehabt. Man tut wohl am besten, gar keine Vergleiche anzustellen, sondern einfach zu gestehen, daß jeder dieser Aussichtspunkte uns eine Welt unvergleichlicher, ungeahnter Schönheit schenkt. Von El Tovar aus beim satten Purpurglanz des Sonnenuntergangs gesehen, sind die Pagoden und Türme am Nordrand vielleicht das prächtigste all der Schauspiele, denen man hier beiwohnen darf. Aber Navaho Point beschert uns nicht nur den Anblick der roten Pracht der Abendbeleuchtung auf den Palisaden, sondern hat auch den Vorzug, daß wir das Tal des Colorado sowohl nach Norden im Marble Cañon beherrschen wie nach Westen, wo er seine Stromrinne in den Granit eingesägt hat. Denn Navaho Point liegt gerade im Knie, wo der Fluß seinen Lauf ändert und nach Westen fließt, nachdem er eben noch von Norden nach Süden strömte. Von Nordnordosten kommend, wälzt er sich durch den Marble Cañon und beschreibt unmittelbar oberhalb und unterhalb der Mündung des Kleinen Colorado nur sehr unbedeutende Bogen. Gerade unter Comanche Point hat er sich in Mäanderwindungen eingeschnitten, deren erste auf einigen Skizzen von mir deutlich erkennbar ist. Mit Hilfe des Fernglases sehe ich, wie sich die Wassermassen ungestüm vorwärts wälzen, aber kein Laut ihres Tosens dringt an das Ohr. Das Wasser selbst und die Kiesbänke an den Ufern haben die gleiche graue Färbung wie die Tontohänge. An ein paar Stellen des Ufersaums sind schmale grüne Vegetationsbänder zu sehen. Im Nordwesten und Westen wird der Fluß und der weiter stromab beginnende Granitkorridor von einem mächtigen Ausläufer der Felswand des Südrandes verdeckt. Links von der Pyramide dieses Ausläufers wird ein Stück der Granitschlucht als ungeheurer, klaffender Spalt sichtbar, mit Seitentälern, die gleich dunklen Keilen die Tontohänge durchschneiden. Von hier aus gesehen, erscheinen diese Abhänge nicht besonders steil, und bei der Beleuchtung, die um Mittag herrscht, schimmern sie grau mit einem Stich ins Grüne. Über der Tontoformation erheben sich die gewöhnlichen, leicht erkennbaren Schichten, der Redwall mit seinen senkrechten Abstürzen, die steilen Hänge der Supaischichten und die Coconino- und Kaibabablagerungen in etwas unbestimmten, trüben Farbtönen, in denen jedoch das Rot überwiegt. Gerade unter mir in Westsüdwest zieht sich ein kleiner Seitencañon hin, der Tanner Cañon. Auf seiner Sohle schlängelt sich ein graues Band -- ich kann nicht erkennen, ob es nur Geröll ist oder ob auch ein Bächlein in dieser Furche hinabfließt.

Das gewaltige Tal streckt sich nach Westnordwesten und scheint ganz hinten in der Ferne in Dunst und Nebel überzugehen. Aber es weht auch eine recht frische Brise, und die Luft ist nicht klar.

Schaue ich nach Nordwesten, dann erblicke ich zuerst unmittelbar vor mir den der Supaiformation angehörenden Ausläufer, der die beiden Erhebungen Escalante Butte und Cardenas Butte trägt, die erstere mit Resten von Coconinosandstein auf ihrem Gipfel. Dahinter liegt der Colorado in der Tiefe und jenseits des Flusses mehrere der obengenannten Tempel und Pyramiden, die sich auf Ausläufern des Walhallaplateaus erheben. Diese herrliche Gegend sollte ich bald näher kennenlernen.

Hinter der Reihe von „Tempeln“, die nach Apollo, Venus, Jupiter und Juno benannt sind, zu einem sehr unregelmäßigen Ausläufer des Walhallaplateaus gehören und ihre Wurzel in der Nähe des Cape Final haben, erheben sich zwei Pyramiden, die Siegfried Pyre und Gunther Castle heißen und auf einigen meiner Skizzen in verschiedenen Beleuchtungen zu sehen sind.

In einer wichtigen Hinsicht hat der Bogen des Colorado, oberhalb dessen wir uns jetzt befinden, ein ganz anderes Aussehen als die übrigen Teile des „Innern Cañons“, die wir von andern Aussichtspunkten und von der Mündung des Hermit Creek aus gesehen haben. Hier im Osten ist das Tal offener und breiter, im Westen dagegen ist es eingeengt wie ein schmaler Korridor. Das beruht darauf, daß der Fluß beim Austritt aus dem Marble Cañon durch die weicheren Schichten der Unkarformation fließt, während er weiter stromab, ungefähr 10 Kilometer unterhalb Navaho Point, seine Rinne in den Granit einzusägen beginnt. Die Hänge der Unkargruppe, durch die sich der Strom hindurchgeschnitten hat, bestehen aus rotem Schiefer und grauem und braunem Sandstein, spielen aber meist ins Rote. Die schwarzen Felsbänder, die hier und da die Unkarhügel unterbrechen, bestehen aus Diabas, der in flüssigem Zustand aus dem Innern der Erde emporgepreßt worden ist und sich zwischen die sedimentären Schichten hineingezwängt hat.

Auf meinen Skizzen von Navaho Point aus, die die prächtige Felsenmauer der Palisaden darstellen, tritt Comanche Point hervor, besonders auf der Bleistiftzeichnung (S. 127), wo dank der Abendbeleuchtung und der scharfen Schatten das Relief kräftiger zur Geltung kommt.

Die Stunden schritten vorwärts, und die Schatten im Tal wurden nur allzu schnell länger. Wie angewurzelt saß ich am Rand dieses riesigen Grabes, in dessen Schoß unzählige Jahrtausende hinabgesunken und dann, dank der Erosion des Colorado, wiederauferstanden waren von den Toten. Und dieses Grab ist zugleich ein Monument des scheinbar so launischen Spiels der Naturkräfte, eine Stadt von Denkmälern, Tempeln und Türmen, eine Bibliothek von Urkunden der Geschichte der Erde. Einsam sitze ich hier und hänge meinen Träumen nach und mache verzweifelte Versuche, in Farben und Federstrichen das Wesentliche in meinem Skizzenbuch festzuhalten.

Plötzlich stört ein Lärm im Wald den Frieden. Es ist 3 Uhr. In schweren Autoomnibussen kommen Menschen angerollt, Herren, Damen und Kinder, Großkaufleute, Kontoristen, Lehrer, Lehrerinnen und Erzieherinnen, junge Eheleute, mit einem Wort Touristen. Ihre Art und Weise, sich zu benehmen, ist nicht sehr fein; sie stellen sich gerade hinter meinen Stuhl und betrachten meine armseligen Skizzen mit größerer Aufmerksamkeit und Neugier, als sie dem Cañon widmen, den sie gar nicht verstehen. Es ist recht spaßhaft, unfreiwillig ihrem geistreichen Gespräch zu lauschen. „Was ist das Graue dort unten? Ist das ein Weg?“ -- „Nein, das ist der Fluß.“ -- „Welcher Fluß?“ -- „Der Colorado.“ -- „Ach, das ist der Colorado. Wie interessant!“ Zum Glück blieben sie nicht viel länger als eine Stunde, und ich war froh, als ich das Rattern der Autoomnibusse verhallen hörte und Schweigen wieder den Wald erfüllte.

Übrigens hörte ich auf meinen Streifzügen manche sonderbare Äußerungen über den Gran Cañon. Eine, die mir gerade einfällt, lautete: „Dieses Tal ist die Hölle ohne Feuer und Schwefel, von der man den Deckel weggenommen hat.“ Ja, Dante hätte neue Gedanken erhalten, wenn er den Gran Cañon gesehen hätte, obgleich das von einem Zeitgenossen Marco Polos wohl etwas viel verlangt ist. Meister Doré hätte sich hier an einer Architektur weiden können, die seine kühnsten Phantasien weit übertraf.

Stunde um Stunde verrinnt, und bald ist der Tag verstrichen, wieder eine Sekunde in der Ewigkeit. Um 6 Uhr esse ich in der Küche mein Mittagbrot; in aller Eile, um nicht das Schönste des abendlichen Schauspiels zu versäumen. Die Sonne sinkt, die Bergwände beginnen wieder wie Rubine zu glühen. Es ist, als würde die Erdrinde durch das flüssige Magma von innen erhitzt und als würden die hohen Felsenmauern des Cañon bald weich werden, zusammensinken und schmelzen. Im Tal des Colorado liegt es wie ein Nebelschleier. Ich unterscheide gerade noch den vorher von schwarzen Schatten bedeckten Marble Cañon. Im Westen, wo die Sonne den Horizont berührt, sind die Berge farblos; höchstens kann man sagen, daß die entferntesten als leicht graublaue Wandschirme in der Ferne hervortreten. Die Mauern und Ausläufer des Cañon erscheinen in immer dunkleren Tönungen, je näher sie meinem Standort liegen, und die Partie unter meinem Kap ist bereits pechschwarz.

Der Wind rauscht ununterbrochen. Die Dämmerung senkt sich herab. Ich warte darauf, das Ächzen des Automobilmotors im Walde zu hören. Es war verabredet, daß ich heute abend nach Sonnenuntergang abgeholt werden sollte. Doch alles blieb still. Ich traf daher meine Vorbereitungen für eine neue Nacht, holte Wasser in meinen Schlafraum und war gerade damit beschäftigt, meine Petroleumlampe zu füllen, als ein gelles Hupensignal das Schweigen durchschnitt und ein Whiteauto vorfuhr. Meine Sachen wurden im Wagen verstaut, dann fuhren wir nach El Tovar zurück. Die Scheinwerfer warfen ihre weißen Lichtkegel auf den Weg, und der Mond beleuchtete die Landschaft. Am Wegrand tauchten einmal ein paar Stachelschweine auf, und ein andermal hätten wir beinah eine Kuh überfahren. In El Tovar leuchteten die elektrischen Lampen wie in einer Stadt. Die Zivilisation, zu der ich zurückkehrte, erschien mir recht armselig im Vergleich mit der Stimmung, die an meinem Wallfahrtsort geherrscht hatte, am Rande der Wüste.

[1] Diese Zahl gab man mir in El Tovar, und der Kraftwagenführer bestätigte sie. Nach Dartons Buch beträgt die Entfernung nur 20 engl. Meilen (32 Kilometer), aber nach der Karte ist sie mindestens 25 engl. Meilen (40 Kilometer).

[2] Spanisch geschrieben Navajo.

Neuntes Kapitel.

Nach Havasupai Point.

Den 23. Juni benutzte ich dazu, kleinere Streifzüge am Rand entlang zu unternehmen und Skizzen zu zeichnen. Als ich am Vormittag an dem großen, im Freien errichteten Käfig der Luchse vorüberging, waren die unglücklichen Gefangenen aus dem Wald nicht zu sehen; sie scheuten das starke Sonnenlicht und hielten sich in ihrem künstlichen Bau verborgen. Am Nachmittag sah ich mir wieder den Tanz der Indianer an und verfolgte wehmütig Joo Secakukus gewohnte Sprünge vor den weißen Zuschauern. Die Indianer waren bei diesen Gelegenheiten mit all ihrer barbarisch malerischen Pracht geschmückt und trugen bunte Federn in der Stirnbinde, Halsbänder und Armreifen, hagebuttenrote Mäntel ohne Ärmel, Bogen und Pfeile. Aber sie sind Gefangene, wie die Luchse, und das unsichtbare Gitter, das ihr Leben und Treiben umgibt, läßt sie ebensowenig durch wie die Eisenstangen des großen Käfigs die Luchse. Sie sind ein sterbendes Volk mit einer Vergangenheit voller Freiheit und Wildmarkpoesie; das ganze Leben ist für sie ein Sonnenuntergang ohne Hoffnung auf einen neuen Morgen.