Gran Cañon

Part 8

Chapter 83,667 wordsPublic domain

Anmutig, weich und elegant wie der Tanz der Frauen in Samarkand, Dehli oder Kioto oder der Männer in Kaukasien ist dieser Tanz nicht. Er ist vielmehr eckig, wild und hastig. Die Indianer schleichen, ducken sich, kauern sich zusammen wie Katzen, schnellen empor, werfen sich zum Sprung nach vorn, drehen sich herum und stoßen ein durchdringendes Geheul aus. Während die orientalischen Tänze in Träume wiegen, berauschen und in unbekannte Länder führen, fesselt der Indianertanz in einer ganz andern Weise: man ist aufs äußerste gespannt, läßt sich keine Bewegung entgehen und fragt sich stets, was im nächsten Augenblick kommen soll. In Ladak und bei den Afridis und andern nordindischen Völkern kann man Tänze sehen, die an die der Hopi erinnern. Die Beschwörungstänze in tibetischen Klöstern sind jedoch anderer Art; dabei stehen die Tänzer und hüpfen bald auf dem rechten, bald auf dem linken Bein, drehen sich im Kreis herum, daß ihre Mäntel Pilzen gleichen, und fuchteln mit Armen und Beinen herum.

Der Häuptling des Stammes und der Oberpriester bestimmen den Zeitpunkt für die alljährlich wiederkehrenden Tänze, die von dem Stand der Sonne und den Phasen des Mondes abhängen. Joo ahnte kaum, wie recht er hatte, als er ausrief: „Unsere Tänze sind ernst, euere nur Spiel und Zeitvertreib.“

Die Tänze der Indianer haben Inhalt, Absicht und Zweck. Sie sind religiöse Handlung, Mittel, die Natur und ihre unbekannten Mächte zu verehren und anzurufen. Der „Büffeltanz“ der Hopi-Indianer, den wir jetzt sahen und der sonst in den Herbst gehört, bedeutet eine Bitte um reiche Jagdbeute und viel Schnee im kommenden Winter; denn die Dörfer und Farmen des Stammes liegen in der Painted Desert, und ihr Wohlstand hängt von den Niederschlägen und dem Vorrat ab. Die Tänzer sind hierbei als Büffel angeputzt mit Fell und Hörnern, und ihre Sprünge und Bewegungen erinnern an die des Büffels. Nachdem die verschiedenen Abteilungen des Tanzes erledigt sind, schreitet man zum Heiligtum, um den Naturkräften Opfer und Verehrung darzubringen.

Dem „Adlertanz“ folgte ein „Kriegstanz“. Joo erklärte dazu, die Hopi-Indianer seien friedlich gesinnt, aber in früheren Zeiten hätten sie in der Notwehr tapfer gekämpft, wenn sie angegriffen worden seien. Daher hätten sie auch ihre Kriegsgesänge. „Aber fragt die Navahos und die Apachen,“ fügte er hinzu, „ob der Hopistamm nicht friedliebend ist.“

Er erzählte von religiösen Vorstellungen und Bräuchen, die uns dunkel sind, von Geistern und ihrer Zaubermacht und von dem „Schlangentanz“, den Fremde selten zu sehen bekommen und der außerhalb der Grenzen des Indianerterritoriums nicht aufgeführt wird. Die Tänzer halten dabei lebende Schlangen im Munde. Im Zusammenhang hiermit sprach Joo auch von einer Art Brüderschaft, dem „Schlangenorden“, der in hohem Ansehen steht und dem er selbst angehört. Zuletzt sang er das „Erntelied“, das erotischen Inhalts zu sein scheint. Burschen und Mädchen sind auf den Feldern, um das Getreide zu mähen. Da sehen sie regenschwere Wolken aufsteigen; ein Gewitter ist im Begriff loszubrechen. Alle eilen hinweg, um in einer nahen Grotte Schutz zu suchen, in deren Mündung sie ein großes prasselndes Feuer anzünden. In der „Rauchgrotte“ vertreiben sie sich die Zeit mit Liebesspielen und fühlen sich sehr glücklich.

Joo und seine Gefährten tanzten und sangen eine Stunde und noch eine zweite Stunde, bis sie um Mitternacht erklärten, sie hätten ihr Programm erledigt. Irgendwelche Müdigkeit war ihnen nicht anzumerken; wie Gemsen kletterten sie den Hang hinauf und verschwanden im Dunkel. Am nächsten Morgen sollten sie um 6 Uhr nach El Tovar zurückkehren und dabei unsere Maultiere benutzen dürfen, die Sandy zurückbringen sollte.

Wir selbst verließen die verglimmende Glut und folgten den Indianern nach Hermit Camp hinauf. Den Anstieg von 175 Meter fühlte ich in meinen nach dem Ritt steifen Knien, und ich war recht froh, als ich endlich zur Ruhe ging, um in meinem Gitterkäfig die erste Nacht in der Tiefe des Gran Cañon zu verbringen. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte dem Geschrei der verwilderten Esel, der „Burros“. Sie wurden einst vor etwa fünfzig Jahren von Bergleuten zurückgelassen, schlugen sich allein durch, tranken aus Fluß, Bächen und Quellen und hatten zur Genüge Weide. Ihre Zahl wird jetzt auf ungefähr 3000 geschätzt. Sie streifen in kleinen Herden umher, jedoch nur südlich des Flusses. Niemand tut ihnen etwas zuleide, aber gleichwohl sind sie fast ebenso scheu wie die Wildesel in Tibet. Sie einzufangen und zu zähmen, hält man nicht der Mühe für wert, da sie durch die ständige Inzucht entartet und zur Arbeit untauglich sind.

Über die Wärme brauchte man sich nicht zu beschweren, obwohl wir Mitte Juni hatten. Um 12 Uhr nachts waren 20 Grad, um 6 Uhr morgens am 17. Juni 16,7 Grad, so daß es einem sogar kühl vorkam, um 12 Uhr mittags 25,5, um ½3 Uhr 29 und um 4 Uhr 32,5 Grad Celsius. Ich benutzte diesen Tag dazu, um einige kürzere Streifzüge zu unternehmen, Skizzen zu zeichnen und zwei Bücher über den Gran Cañon zu lesen, die ich bei mir hatte. Meine Reisegefährten Birchfield, Bryn und Kemp kehrten nach El Tovar zurück; an ihrer Stelle kam ein deutscher Professor, Leede, aus Seattle mit zwei Damen an.

Siebentes Kapitel.

Der Rio Colorado.

Am nächsten Tag unternahm ich eine Fußwanderung durch das enge, gewundene, unbeschreiblich romantische Tal des Hermit Creek hinab an das Westufer des Coloradoflusses. Die Wärme hatte schon etwas zugenommen; um 11 Uhr hatten wir 27,3 Grad, aber unten im Hohlweg um ½1 Uhr waren es 34,2 Grad. Der Himmel war strahlend klar, und heftige Windstöße wirbelten zwischen den Felsen. Der Pfad führte an dem Schauplatz des nächtlichen Tanzes vorüber und kreuzte dann wiederholt den kleinen klaren Quellbach, der in seinem steinigen Bett dahinrieselt und dessen Ufer hier und da mit ziemlich dichtem Gebüsch bewachsen ist. Auf der ganzen, 2½ Kilometer langen Strecke steigt man 275 Meter hinab, also fast einen Eiffelturm. Der Weg ist sehr bequem und an einzelnen Stellen mit Geländer versehen. Senkrechte oder steil abstürzende Felswände schließen die Schlucht Hermit Gorge ein. Eidechsen huschen zwischen Geröll und Felsblöcken umher. Sonst ist das Tierleben arm. Nur hin und wieder fliegt summend eine Bremse vorbei.

Der Bach ist oft nur so breit, daß man mit einem Satz hinüberspringen kann. Wo er etwas anschwillt, sind Steine gelegt, auf denen man hinübergeht. Fünfzehnmal muß man den Wasserlauf überschreiten. Bei jedem Übergang bellte mein einziger Begleiter, der Rattler Rock, und ich kam bald dahinter, was er wünschte. Er wollte, daß ich einen Stein ins Wasser warf, den er dann blitzschnell holte und mir brachte.

Nachdem man den Bach zum letztenmal gekreuzt hat, befindet man sich plötzlich an dem Punkt, wo der Hermit Creek in den breitern und doch so engen und scharf eingeschnittenen Korridor mündet, in dem der Colorado seine ungeheueren Wassermassen dahinwälzt. In dem Mündungstor des Nebentals, dessen Breite 25 Meter nicht übersteigen dürfte, hat sich ein kleines Feld Sanddünen gebildet, die zum Teil durch Pflanzenwuchs gebunden sind. Im übrigen ist der Fleck trocknen Bodens, der sich zwischen der Talmündung und dem Flußufer ausbreitet, voller Blöcke und Kies. Das Flußwasser hat graubraune Farbe und ist dick wie Erbsensuppe. Man glaubt zu fühlen, wie der Boden unter den schweren Wassermassen erzittert, und ein dumpfes massiges Dröhnen erfüllt die mächtige Granitrinne, die vom Hochrand aus wie ein ganz schmaler Streifen aussieht. Die Landschaft, die sich rings um mich entrollt, ist großartig, aber nicht merkwürdiger als die Uferlandschaft irgendeines Flusses im Himalaja. Man ist zwischen hohen Granitfelsen eingeschlossen und sieht nur in den Verlängerungen der beiden Täler, d.❁h. auf drei Seiten, einen Schimmer ferner Höhen. Oben auf dem Rand bei El Tovar oder andern Aussichtspunkten befindet man sich so hoch, wie man nur kommen kann, und muß bei der Betrachtung der eigenartigen Landschaften in horizontaler Richtung oder nach unten schauen. An der Stelle jedoch, wo ich jetzt stand, war ich so tief unten im Gran Cañon, wie man überhaupt hinabsteigen kann, und richtete den Blick geradeaus und nach oben, als ich die wilden Formen betrachte, die die Erosion erzeugt hat.

Der Colorado kommt hier unmittelbar von Osten und ist von dunklen, steilen Granitfelsen eingerahmt. Längs des linken Ufers stromauf zu gehen, ist unmöglich; die Bergwände fallen senkrecht zum Wasser ab. Von meinem Beobachtungspunkt aus macht der Fluß einen langgestreckten Bogen nach Nordwesten, den auf dem linken Ufer senkrechte, oft überhängende Felswände einfassen, während die Berge des rechten Ufers steile Hänge bilden. Und wenn ich nach Südwesten blicke, das Tal des Hermit Creek hinauf, gewahre ich eine mächtige Bergpartie, die abwechselnd aus Terrassen und Stufen besteht und in der Gegend von Hermit Basin vom Südrand vorspringt.

Unmittelbar unterhalb der Einmündung des Nebentals in das Haupttal fesseln unsere Aufmerksamkeit die Hermit Falls. Hier kocht und siedet der Fluß, und die Wassermassen scheinen miteinander zu ringen; sie zwängen sich zwischen Blöcken hindurch, die ins Bett herabgestürzt und über Wasser nicht zu sehen sind. In Wirklichkeit sind es keine Fälle, sondern nur Stromschnellen. Oberhalb, d.❁h. östlich von ihnen, ist der Colorado breiter, ruhiger und stiller. Aber dann beginnt der Sog der Stromschnelle. Das Wasser baucht und wölbt sich in schön geformten blanken Wogen, die bei dieser Wassermenge ständig die gleiche Lage und Gestalt behalten. Die erste große Woge krümmt sich zu einem überhängenden Kamm, der keine Schaumkrone trägt, aber einen dunklen Schatten unter sich hat. Die nächste bricht sich in zischendem, schäumendem Gischt. Aus diesem Hexenkessel steigt das Dröhnen auf, das das Tal erfüllt.

Ich blieb hier mehrere Stunden und machte einige Zeichnungen. Um 3 Uhr war die Temperatur auf 36,1 Grad gestiegen, aber ich befand mich ja auch in dem eingeschlossenen Tal zwischen Felsplatten, auf die die Sonne brannte. Die Luft war meist ruhig, nur hin und wieder kam eine frische Ostbrise, die den Flugsand in tanzenden Wolken aufwirbelte. Von Zeit zu Zeit eilten kleine schwarze Stämme und Äste Treibholz auf der Oberfläche des Flusses vorüber. Sie verrieten deutlicher als das Wasser selbst, wie kräftig der Sog der Strömung war. In den Strudeln der Stromschnellen verschwanden sie spurlos.

Meinem Freund Rock muß ich einige Zeilen widmen. Einen angenehmern Gesellschafter hätte ich am Ufer des Colorado kaum haben können. Er war prächtig. Ich saß auf einem runden Block, der halb vom Wasser umspült wurde, und zeichnete. Gleich davor ragte ein zweiter Block aus den graubraunen Wogen; zwischen beiden wurde das Wasser vom Sog zusammengedrängt, so daß es ununterbrochen aufspritzte und plätscherte. Es sah aus, als würden unaufhörlich Steine ins Wasser geworfen; dieser Scherz reizte Rock. Er stellte sich auf die äußerste Spitze meines Blocks und bellte sich heiser. Von Zeit zu Zeit wandte er sich an mich, um sich über diese rücksichtslose Verhöhnung zu beklagen. Mir blieb nichts anderes übrig, als einen Stein in den Fluß zu werfen. Der Hund sprang mit wirklich großartiger Kühnheit ins Wasser, tauchte, fischte den richtigen Stein unter tausend andern heraus, kam triefend naß wieder ans Ufer und legte ihn neben mich, gab mir eine Dusche, die mein Skizzenbuch in Gefahr brachte, spitzte die Ohren, sah mich an und wartete auf den nächsten Stein. Er hütete sich wohl, in allzu tiefes Wasser zu geraten, und war stets darauf bedacht, daß er festen Grund unter den Füßen hatte. Zwar störte er mich beim Zeichnen, aber keiner von uns wurde des Spiels müde, und ich weiß nicht, wer von uns den größten Spaß daran hatte, Rock oder ich.

Um ½6 Uhr zeigte das Thermometer 18 Grad im Fluß und 29 Grad in der Luft. Als ich eben im Begriff stand aufzubrechen, um nach Hermit Camp zurückzukehren, erschien Herr Poquett mit zwei Maultieren; ich brauchte daher die 275 Meter nicht zu Fuß zu erklimmen. Wir kamen grade zum Essen zurecht. Außer ~Dr.~ Leede und seinen beiden Damen war noch eine Gesellschaft von El Tovar angelangt. Es waren junge Mädchen, Lehrerinnen an irgendeiner Schule, die ihre Ferien dazu benutzten, ihren Bildungshunger zu stillen und ihr großes Land kennenzulernen. Nur 10,2 vom Hundert aller Touristen, die El Tovar besuchen, gehen auch in den Cañon hinunter, und von diesen sind 60 vom Hundert Damen, meist Lehrerinnen und Kinderfräulein.

Am Abend goß eine schmale Mondsichel ihren bleichen, gespenstischen Schein über das wunderbare Tal, und an ein paar Stellen ertönten die Schreie der wilden Esel. Wie ein mächtiges Denkmal, eine rätselhafte Sphinx der Sagenzeit hob der Hermit Peak seine dunkle Spitze zum Nachthimmel empor; über ihm funkelte wie ein Diadem ein Stern.

Da ~Dr.~ Leede und seine Frau am Nachmittag des 19. Juni nach El Tovar zurückkehrten, beschloß ich, mich ihnen anzuschließen. Die Versuchung, am Fluß entlang nach Indian Garden zu gehen und von dort nach El Tovar hinaufzusteigen, war nicht groß; einerseits hatte ich einen Ausflug über Indian Garden und den Colorado nach dem Nordrand des Gran Cañon bereits geplant, anderseits ist der mehr als 32 Kilometer lange Weg längs des Flusses ziemlich eintönig. Übrigens hält er sich auf ein und derselben Höhe, ungefähr der gleichen wie Hermit Camp, und da er einen Tag fast ganz in Anspruch nimmt und so gut wie ohne Wasser ist, bekommt man keine Gelegenheit, zu zeichnen. Er heißt Tonto Trail, weil er die ganze Zeit auf den Hängen der Tontoformation läuft. Gleich unterhalb Hermit Camp trennt er sich von dem Pfad, auf dem wir vom Südrand herabgekommen waren. In scharfen zeitraubenden Biegungen nach Süden muß er tief eingeschnittenen Nebencañons ausweichen, dem Monument Creek und dem Horn Creek, um schließlich in den Indian Garden Creek zu münden. Dann muß er in ebenso scharfen Krümmungen nach Norden die vorspringenden Kaps des Südrandes umgehen, Cope Butte, die Fortsetzung von Pima Point, auf dessen Rücken die steilen Cathedral Stairs liegen, und The Alligator mit seinen beiden nach Nordwesten und Norden vorspringenden Felsenzungen.

Wir brachen also nach dem Lunch auf, kamen an einem Platz mit dem bezeichnenden Namen Four Echo Rock vorüber und waren nach zwei Stunden wieder bei Santa Maria Spring, wo wir Wasser tranken und Apfelsinen aßen. Unten bei Hermit Camp war die Temperatur 33,5 Grad gewesen, jetzt war sie auf 26 gefallen.

Der Ritt die steilen Hänge hinan ist für einen ungeübten Reiter viel leichter als der Ritt bergab. Im erstern Fall sitzt man wie in einem Stuhl, der Schritt für Schritt ruckweise in die Höhe gehoben wird, im andern Fall muß man die Füße fest gegen die Steigbügel stemmen, um nicht kopfüber über das Maultier zu rutschen. Wie man mir erzählte, ist in den siebzehn Jahren, seitdem El Tovar gebaut war, nicht ein einziger Unglücksfall vorgekommen.

Am obersten Rand ist eine gemütliche Unterkunftshütte, Hermit Rest, errichtet. Hier brennt an kalten Tagen ein Feuer in einem offnen Herd, und jetzt im Sommer erhält man für wenig Geld erfrischende Getränke, Gebäck und Ansichtskarten. Ein telephonisch bestelltes Auto brachte uns im Nu nach El Tovar zurück, das voller hübscher Misses und Vergnügungsreisender aller Art war.

Der ganze Himmel war den Tag über bewölkt und sah drohend aus. Die eigentliche Regenzeit beginnt jedoch erst einen Monat später. Man fand aber das Jahr 1923 kälter als gewöhnlich und argwöhnte, der Regen werde früher als sonst einsetzen. Ich gab mich der Hoffnung hin, das Wetter werde sich halten, bis ich alles gesehen hatte, was ich sehen wollte; denn bei Regen verliert der Gran Cañon seinen Reiz, die charakteristische Skulptur kommt nicht zu ihrem Recht, und die herrlichen Farben verschwinden. Dagegen rufen die Nebel, die von Zeit zu Zeit die gewaltige Talfurche füllen, überaus eigenartige Wirkungen und höchst überraschende Landschaftsbilder hervor. Tempel, Pagoden und Felsenkaps ragen dann aus dem Nebel empor wie Riffe und Schären in einem aufgeregten Meer.

Einen Ruhetag benutzte ich dazu, am Rand entlang spazieren zu gehen und von malerischen Punkten aus Skizzen zu zeichnen. Auch verbrachte ich geraume Zeit bei dem liebenswürdigen Oberst Crosby, dem Regierungsvertreter. Er wohnt nicht weit vom Bahnhof im Wald in einem ungewöhnlich hübschen Landhaus. Er schenkte mir Karten, Broschüren und Photographien, und wir schmiedeten Pläne zu ein paar neuen Autoausflügen am Südrand entlang, so weit man überhaupt kommen kann.

Am Nachmittag hörte ich einen sehr spannenden, lehrreichen Vortrag des Herrn Ellsworth L. Kolb, der eine verwegene Bootfahrt auf dem Coloradofluß durch den Gran Cañon unternommen hatte, wie seinerzeit Major Powell. Dann besuchte ich Joo Secakuku in seinem Haus, nachdem er seine gewohnten Tanzvorführungen beendet hatte. Er zeigte mir indianische Matten mit eigenartigen Mustern, und ich kaufte zehn davon.

Schließlich traf ich auch mit Herrn Ford Harvey und dem Vizepräsidenten seines Konzerns, Herrn Wells, zusammen, zwei liebenswürdigen, sympathischen und gastfreien Herren. Sie waren nach El Tovar gekommen, um mit ihrem Architekten und andern Sachverständigen an Ort und Stelle über die Erbauung eines neuen großartigen Hotels zu beraten, da das alte, das mehr als eine Million Reichsmark gekostet hat, jetzt nicht mehr ausreichte und in wenigen Jahren viel zu klein sein würde. Wie ich schon erwähnte, ist die Zahl der jährlichen Besucher ständig im Steigen. Am heutigen Tag waren achthundert Gäste eingetroffen, und wenn auch die meisten Automobilisten sind, die in oder neben ihren Kraftwagen übernachten, so ist das Hotel doch stets vollbesetzt. Ich erlaube mir dem jungen Architekten als meine Ansicht zu sagen, ein Hotel bei El Tovar müsse so liegen und so gebaut werden, daß man von möglichst vielen Zimmern freie Aussicht auf den Gran Cañon hat. Ich würde es auch nicht in eine eingeschnittene Bucht legen, wie es jetzt in El Tovar der Fall ist, wo die im Osten und Westen vorspringenden Felsenkaps nur eine Aussicht gestatten, die nicht einmal die Breite eines Quadranten erreicht. Nein, ich würde es auf Hopi Point errichten, von wo aus man durch die Fassadenfenster zwei volle Quadranten oder den halben Gesichtskreis und von den Eckzimmern drei Quadranten beherrschen könne. Das jetzige Hotel bei El Tovar ist, was die Aussicht anlangt, so mißraten wie nur möglich.

So plaudernd, saßen wir in der großen Halle, die gleichzeitig als Gesellschaftszimmer dient, und die Feuer prasselten in den Kaminen. Auch heute war das Wetter trüb, windig und kalt gewesen, und um 2 Uhr nachmittags hatte das Thermometer nur 9,2 Grad gezeigt. Der beträchtlichen Höhe über dem Meer ist es zuzuschreiben, daß hier mitten im Sommer und in 36 Grad nördlicher Breite eine so niedrige Temperatur herrscht.

Achtes Kapitel.

Navaho Point.

Nach einem Besuch bei dem Maler Dawson Watson, der mir seine verzweifelten Versuche zeigte, die Pracht des Gran Cañon in Öl wiederzugeben, und nachdem ich im Museumsgebäude Aykens großes Gemälde über das gleiche hoffnungslose Thema betrachtet hatte, ein Gemälde, das in künstlerischer Hinsicht recht gelungen ist, fuhr ich im Auto ostwärts nach dem gegen 48 Kilometer (30 englische Meilen[1]) entfernten Desert View oder Navaho[2] Point. Es war 3 Uhr, und die Temperatur angenehm (20 Grad), als ich aufbrach, um das Ziel meiner Fahrt zu erreichen, ehe die Sonne unterging.

Herr Petrosa hatte mich mit Mundvorrat für den Abend und den ganzen nächsten Tag versehen; denn ich wollte in einer der drei Unterkunftshütten übernachten, die sich bei Navaho Point befinden, jedoch unbewohnt waren. Man gab mir daher auch Petroleum für die Lampe mit und Bettzeug, Laken und Decken, sowie vor allem den Schlüssel zum Küchenhäuschen, das mit einem Herd ausgestattet war und wo ich Tee oder Kaffee kochen und vielleicht in den Schränken etwas Eßbares, Marmelade oder ähnliches, finden konnte. Kurz vor dem Aufbruch fragte einer der Herren im Hotel, ob ich nicht eine Feuerwaffe mitnehmen müsse, da man vor Pumas, Luchsen, Wildkatzen und Heulwölfen nicht sicher sei, aber ich faßte seine Warnung als Scherz auf und wurde auch von wilden Tieren nicht gestört.

Herr Tillotson, einer der Herren des Stabes am Gran Cañon, fuhr mich in einem kleinen Fordwagen durch den Wald. Bis Grand View war der Weg ausgezeichnet. Wir kamen an Thors Hammer vorüber, ließen Grand View zur Linken und mußten infolge einer Panne eine gute Stunde bei einem Ranch halten, der einst als Gasthaus gedient hatte. Hier ist die Grenze des Nationalparks. Das Gebiet ist vom Zeitungskönig W. R. Hearst gekauft worden, der die Absicht haben soll, sich am Rande des Abgrundes ein Haus zu bauen, um sich dadurch noch eine friedliche Wohnstätte zu verschaffen zu den vielen, die er schon besitzt und in die er sich für ein, zwei Wochen von seinem geräuschvollen Zeitungsgewerbe zurückzuziehen pflegt. Von diesem Punkt hat man eine prächtige Aussicht auf den Cañon und seinen Südrand, der nach Nordosten zu höher zu werden scheint, wo sich drei bewaldete, durch senkrechte, nackte Felswände voneinander getrennte Kaps hintereinander zeigen.

Der Weg wird schlechter, aber nirgends schwierig. An einzelnen Stellen waren kleine Trupps von Navaho-Indianern damit beschäftigt, die Fahrbahn auszubessern. Von einem hölzernen Aussichtsturm, der über den Wald emporragt, wird ständig Ausguck gehalten, um die Viehhalter und Farmer der Gegend zu warnen, wenn ein Waldbrand ausgebrochen ist. Es muß ein schrecklich langweiliger Beruf sein, dort oben zu sitzen und den Wald anzugucken. Wenn man dagegen so wie ich zum erstenmal durch diese dunklen, kühlen Säulengänge dahinsaust, hat man seine Freude daran. Hier ist es still und feierlich. Selten rauscht ein Windhauch durch die Kronen der Bäume. Ein Reh, ein Murmeltier und ein Präriehund waren die einzigen Bewohner des Waldes, die sich erblicken ließen. Der graugelbe Präriehund, ein Nagetier, saß in einer Lichtung und betrachtete uns gelassen. Auch Stachelschweine sollen hier hausen und nicht selten in Sehweite kommen. Plötzlich hallte ein schrecklicher Lärm durch den sonst so stillen Wald; eine ganze Karawane von Autoomnibussen kam uns entgegen, nicht weniger als acht Wagen, voll besetzt mit Touristen, die von ihrem Ausflug nach Navaho Point zurückkehrten. Die Wagen donnerten und rasselten an uns vorüber, und der Boden erzitterte unter ihnen. Es war recht angenehm, zu wissen, daß wir also die Luft rein finden würden, wenn wir Navaho Point erreichten.

Herr Tillotson machte mich auf die in diesem Urwald vorherrschenden Bäume aufmerksam. Es waren die Gelbkiefer (~Pinus ponderosa~), die Douglastanne (~Pseudotsuga taxifolia~), der Utahwacholder (~Juniperus utahiensis~) und die Färbereiche (~Quercus tinctoria~). Eine halbe Stunde, ehe man am Ziel ist, hört die Gelbkiefer auf, und die Nußkiefer (~Pinus edulis~) herrscht vor. Die Gelbkiefer zeigt sich jedoch wieder in einer Senke, wo die lockere Erdschicht mächtiger ist; denn dieser Baum beansprucht mehr Erde als die andern.

Der Weg läuft in so scharfen Biegungen, daß man bisweilen nach Westen fährt. Hier und da sind „Tanks“ angelegt, Teiche zum Ansammeln des Regenwassers für das im Wald weidende Vieh, das sonst verdursten würde. Wir lassen Lipan Point zur Linken und sind um ¾6 Uhr am Ziel.