Part 7
Nach weiteren zehn Minuten sind wir 335 Meter tief gekommen und reiten zwischen lichtstehenden Wacholdern und Kiefern. Eidechsen huschen über die Steine, und hier und da ist eine Jukka oder Palmlilie auf hohem Stengel zu sehen. Bei jeder Biegung des Pfades verändert sich die Aussicht. Man ist daher ständig in gespannter Aufmerksamkeit, man staunt beim Anblick dieser malerisch wilden roten Mauern, die neben unserm Weg aufragen, und es schwindelt einem bisweilen, wenn man nur einen Schritt bis zum Rand hat, von dem es steil oder senkrecht zur Tiefe des Hermit Basin hinabgeht.
Neben dem Pfad stehen zwei kleine Hütten, die den Wegarbeitern, den „Hermit Basin Trailkeepers“, als Unterschlupf dienen. In zahllosen Zickzacklinien, die oft nicht mehr als doppelt so lang wie das Maultier sind, steigen wir in die roten Geheimnisse der Sandsteinschichten der Supaiformation hinab, die die rastlose Erosion des Colorado und des Hermit Creek enthüllt hat. Der Hermit Creek, dessen Sohle wir uns nähern, hat in seinem tiefsten Teil eine Abflußrinne, Hermit Gorge, die jetzt zur Linken zu sehen ist.
Unser Weg führt an vorspringenden Dächern und Leisten roten Sandsteins vorüber, ja bisweilen auch darunter durch, und an jeder neuen Felsenecke, an der wir vorbeikommen, öffnet sich ein neues Bild von berückender architektonischer Schönheit. Wie oft möchte man nicht stehenbleiben, um eine Skizze zu zeichnen oder mit dem Pinsel diese farbensatten Gemächer im Innern der Erde wiederzugeben, die sich nur nach dem unendlichen Schlund des Cañon öffnen.
Stachlige Sträucher und andere Pflanzen gedeihen hier und da zwischen den Steinen, aber die Bäume lichten sich und werden nach der Taltiefe zu immer seltener. Der Wind springt an den Felsenecken um und heult; mitunter schwankt man im Sattel. Wir kommen an einer Gruppe Touristen vorüber. Unter den Tritten der Maultiere wirbelt der Staub auf, und graue Wolken umtanzen uns, solange wir durch den grauen Kalkstein reiten; sie gehen in Rot über, als wir die Region des roten Sandsteins betreten.
Um 12¼ Uhr rasten wir bei Santa Maria Spring. Hier steht eine kleine hölzerne Schutzhütte mit grünem Dach, unter dem wir uns auf den Bänken rings um einen Tisch niederlassen und unsere in den Satteltaschen verwahrten Pappschachteln vornehmen, die belegte Brote, Eier, Gebäck, Äpfel und Apfelsinen enthalten. Die Quelle, deren feiner lauer Strahl zu allen Jahreszeiten die gleiche Stärke hat, tritt im Innern der Hütte zutage; vom Quellbecken wird das Wasser in einen langen Blechtrog weitergeleitet, an dem sich die Maultiere satt trinken können.
Bei Santa Maria Spring befinden wir uns 490 Meter unterhalb des Randes, während die Temperatur auf 19,5 Grad Celsius gestiegen ist. Man fühlt, daß man sich auf dem Weg in ein ganz anderes Klima befindet, als dort oben herrscht; der Wind, der an den Felsvorsprüngen klagt und pfeift, wird immer wärmer. Gerade hier trennt uns eine scharf gezeichnete Kulisse vom Hermit Creek.
Nach einer halbstündigen herrlichen Rast steigen wir wieder in den Sattel. Fast zwanzig Minuten lang halten wir uns auf ungefähr gleicher Höhe, d.❁h. 518 Meter unter dem Rand, oder fallen nur 30 Meter. Wir reiten auf den leicht vorstehenden Schichtenköpfen wie auf einem Wandbrett. Bisweilen geht es sogar bergan. Dann umsegeln wir malerische vorspringende Ecken und werden von dem gewundenen Pfad in keilförmige Einschnitte zwischen hohen wilden Kulissen hineingeführt, um im nächsten Augenblick wieder an ein scharf herausgemeißeltes Vorgebirge zu kommen, das dem Strebepfeiler einer Kirchenwand gleicht. Und wie vorhin ist es bei jeder Biegung, als würde ein Vorhang beiseitegezogen, um uns eine neue Perspektive von staunenerregender Schönheit zu zeigen. Das Bild vor uns im Norden ist nicht weniger großartig. Durch das Mündungstor des Hermit Cañon sehen wir in blasseren Farben den großen Cañon und in der Ferne seine senkrechte Nordwand in rötlichen und graugrünen Tönungen mit dunklen wagerechten Schattenleisten.
Um ½2 Uhr sind wir genau 610 Meter tief gekommen und passieren den Rücken des ungeheuren Vorsprungs, dessen äußerstes Kap unmittelbar südlich von Hermit Cabins aufragt und dem Denkmal auf dem Grabe eines Riesen gleicht. Eine Weile verdeckt das Vorgebirge wie ein Wandschirm den Hermit Creek im Westen; nach Norden dagegen hat man vom Lookout Point freie Aussicht. Ein kleiner Seitensteig zweigt hier nach links ab und führt zu einer Wegarbeiterhütte. Von Zeit zu Zeit sind auf kleinen Holztafeln oder auf flachen leicht sichtbaren Steinblöcken die Höhenziffern angegeben, so daß man stets weiß, wie tief man schon gekommen ist und wie tief man noch bis Hermit Cabins kommen wird.
Nach weiteren zehn Minuten reiten wir an Last Chance Spring vorbei und haben eine Weile später eine über hundert Meter hohe senkrechte, zum Teil überhängende Felswand zur Rechten und den senkrecht abstürzenden Abgrund, den Kalkstein des Redwall, zur Linken. Wir sind 640 Meter hinabgestiegen und müssen noch 460 Meter tiefer hinunter.
Hermit Camp tritt jetzt zur Linken deutlich hervor und bleibt, von ein paar kleinen Unterbrechungen abgesehen, die ganze Zeit sichtbar. Es leuchtet wie eine Oase, wie ein frischer grüner Fleck in der graugelben Landschaft dort unten, wo die weniger steilen Geländewogen der Tontogruppe ihre glockenförmigen Rücken wölben und zu den dunklen Regionen des Granits abfallen. Scharf und klar sind die kleinen weißen Hütten mit ihren grünen Dächern zu sehen und der helle gewundene Pfad, der zu ihnen hinabführt.
Wir steigen noch etwa 30 Meter zum Breezy Point hinunter und sind jetzt an dem 150 Meter mächtigen, senkrechten Redwall, der ein völlig unübersteigbares Hindernis auf unserm Weg wäre, wenn seine Mauer nicht in dem innersten Winkel seines Einschnitts durch den schroffen Fall eines Schuttkegels unterbrochen wäre. Auf seiner Oberfläche läuft der Pfad in zahllosen kurzen, abschüssigen, spitzwinkligen Zickzackbiegungen, den sogenannten Cathedral Stairs, obgleich man nach einer Kathedrale mit so unbequemen Stufen suchen könnte. Wenn man den Anfang dieses schwindelnden Steilhangs erreicht, glaubt man, der Weg höre auf und der Blick verliere sich in unerreichbaren Tiefen. Wenn man sich an einer dieser Krümmungen befindet, sieht man bisweilen nicht einmal die nächsten unter sich. Trotz des Vertrauens, das man in die Sicherheit des Maultiers setzt, zieht man es hier vor, zu Fuß zu gehen.
Leider ging der Wind so heftig, daß wir nur ein paar Aufnahmen machen konnten. Sonst -- es war so gedacht gewesen -- hätte ich nur auf eine Aussicht oder eine Bergpartie zu zeigen brauchen, damit sie zur Erinnerung an meine Wanderung im Bild festgehalten wurde. Aber ich erhielt später ganze Stöße von Photographien vom Gran Cañon, wenn auch nicht alle auf meine Wege und meine Erlebnisse Bezug hatten. Ein paar Aufnahmen machten wir jedoch auf den „Kathedralstufen“ und an ihrem Fuß.
Nachdem wir Cope Butte, einen nach Norden gerichteten schmalen, scharf gezeichneten Ausläufer aus Redwallkalkstein, hinter uns gelassen und die steilen Hänge hinabgeklettert sind, beginnt „The Long Drag“, wo wir auf den Geländewellen des Tontoschiefers langsam absteigen. Ein gewundener Teil des Wegs heißt „The Serpent“; an seinem Fuß sind wir schon 945 Meter unter der Hochfläche und steigen in den nächsten sieben Minuten weitere 90 Meter hinunter. Hier wachsen Kakteen zwischen herabgestürzten Blöcken. Einige Minuten später öffnet sich vor uns die prächtige Aussicht nach Süden durch den wilden, engen, dunklen Cañon des Hermit Creek, und schließlich, kurz vor 3 Uhr, sind wir am Ziel.
Wir waren also während des 3½ Stunden langen Rittes 1097 Meter tief gekommen und befanden uns bei Hermit Camp 975 Meter über dem Meeresspiegel.
Hermit Camp oder Hermit Cabins ist ein kleines Dorf in der öden Tiefe des Gran Cañon. Das Zepter in diesem „Dorf“ führen Herr Poquett und seine Frau, eine geborene Jonsson, die von schwedischen Eltern abstammt, aber nie die Sprache ihres elterlichen Heimatlandes gelernt hat. Ihr Vater ist ein vierundsechzigjähriger Farmer in Wisconsin. Frau Poquett war nach einer schweren Krankheit und Operation so herunter gewesen, daß sie fast dem Tode verfallen schien; aber nachdem sie jetzt zwei Jahre in Hermit Camp zugebracht hat, hat sie ihre Gesundheit wiedergewonnen, was sie dem Klima zuschreibt.
Wer Herrn und Frau Poquett in die Hände fällt, leidet keine Not. Ich verbrachte in ihrer kleinen Oase zwei unvergeßlich herrliche Tage. Des Reitens entwöhnt, zumal schwindlige Steilhänge Hals über Kopf hinab, war ich anfangs ziemlich steifbeinig, erholte mich aber bald wieder.
Den Mittelpunkt des kleinen Dorfes bildet Poquetts Häuschen mit der Küche und das Speisehaus, in dem die Gäste ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Daneben stehen die Vorratshäuser; sie sind mit allem Nötigen stets gut versehen und werden von Zeit zu Zeit von kleinen Karawanen aufgefüllt, die von El Tovar hinabgeschickt werden. Hühner, Konserven, Brot, Früchte, erfrischende Getränke und anderes mehr sind die wichtigsten Lebensmittel. Hühner gibt es am Ort selbst; gegenwärtig werden 400 Hühnchen gemästet, damit sie in einem Monat für die Tafel reif sind. Ein Gemüsegarten wird sorgfältig gepflegt, ein lichter Pappelhain spendet dem Dutzend kleiner Häuser etwas Schatten. Der kalkhaltige Boden ist unfruchtbar und muß gedüngt werden, damit die Saat wächst. Es ist das Berieselungswasser aus dem Hermit Creek, das die kleine Oase aus dem sonst fast wüstenartigen Boden hervorgezaubert hat.
Mit El Tovar steht man in Telephonverbindung und kann daher neue Vorräte rechtzeitig bestellen. Jede Gruppe von Reisenden, die nach Hermit Camp hinabkommt, hat ihren Führer; dieser bringt auf einem Maultier frisches Fleisch und Eis mit. Als man Anfang des Jahres zwölf Tonnen Kohlen hinunterschaffte, hatten täglich zwanzig Maultiere einen ganzen Monat zu schleppen. Die Wäsche -- Bettzeug, Tischtücher und dergleichen -- wird mit zurückkehrenden Gesellschaften nach El Tovar hinaufgeschickt.
Unmittelbar unterhalb des Speisehauses liegen die Unterkunftshütten, „Cabins“, in einer Reihe mit einer gemeinsamen Veranda. Hier steht eine Tonne, die stets mit frischem Trinkwasser gefüllt ist. In dem Duschraum kann man, wann es einem beliebt, seinen Körper äußerlich abkühlen. Der Ausruheraum vor den Hütten hat eine Veranda, die nach der schönsten Aussicht im Tal hinausgeht. Man stemmt die Füße gegen die Brustwehr und verträumt hier in bequemen Liegestühlen gern eine Stunde, wenn die Sonne untergeht.
Eine Reisegesellschaft, zwei junge Herren und zwei junge Damen aus Los Angeles, hatte es sich schon bequem gemacht. Während diese zum Colorado hinabritten, nahm ich meine Behausung in Augenschein. Ich hatte mich entschlossen, ein paar Tage hier zu bleiben, um die neuen wunderbaren Bilder, die sich auf allen Seiten darboten, in aller Ruhe genießen zu können und nicht wie andere Besucher nur einen Gewaltritt zum Fluß zu machen.
Meine Hütte enthält ein Zimmer mit Bett, Waschtisch, Kommode, Tisch und ein paar Stühlen sowie einem eisernen Ofen -- denn selbst im Winter wird der Gran Cañon besucht, wenn auch nur von wenigen Reisenden. Meine Veranda ist auf den drei Außenseiten von Moskitonetzen aus feinstem Draht umgeben und gleicht einem Geflügelkäfig. Man ist also sicher vor Fliegen, Mücken, Nachtfaltern, Klapperschlangen und andern Tieren, die sich in der Oase heimisch gemacht haben. Herr Poquett hat in seinem Reich schon drei Klapperschlangen getötet. Auch Skorpione sollen vorkommen, obgleich sie sich, merkwürdig genug, erst während der Regenzeit Ende Juli und August zeigen. Auf der Veranda stehen zwei Betten; es ist selbstverständlich, daß man in der warmen Jahreszeit hier die Nacht verbringt.
Bei herrlichem Sommerwetter (25,2 Grad um ½4 Uhr und 24 Grad um 6 Uhr), unter einem merkwürdig klaren, türkisblauen Himmel und beim Brausen und Sausen kräftiger, aber lauer Windstöße verfloß mein erster Nachmittag in Hermit Cabins. Zuerst zeigte mir Herr Poquett seine Menagerie, deren Tierbestand recht bescheiden, aber höchst ungewöhnlich war: einige große weiße Mäuse, Albinos, mit rubinroten Augen, zwei rabenschwarze Katzen und ein gelber Rattenpinscher namens Rock. Sie lebten in bestem Einvernehmen miteinander, die Katzen spazierten mit den Mäusen auf dem Rücken vorsichtig umher, und Rock fühlte sich nicht im geringsten versucht, von seiner starken Übermacht Gebrauch zu machen. Die Katzen schienen ihm jedoch nicht zu trauen, denn als er kam und sie beschnupperte, wollten sie beißen.
Darauf nahm ich auf der Veranda Platz und betrachtete die prächtige Gebirgslandschaft. Jetzt, da die sonst in immer dichteren Schatten verschmelzenden Hänge, Kämme und Zacken von den Strahlen der untergehenden Sonne getroffen wurden, leuchtete sie in leichten, roten Farbtönen. Im Nordwesten hatte ich die mächtigen Ausläufer vor mir, die von Mesa Eremita, einem Teil des Südrandes, ausgehen, und deren Schuttkegel zum Granitkorridor des Flusses abfallen. In Nordnordwesten, jenseits der Coloradoschlucht, erhebt sich ein schön gezeichnetes, dem Nordrand, und zwar der Gegend um den Mencius Temple, angehörendes Massiv. Im Norden ist ein Gipfel zu sehen, der Cathedral Spire heißt und wirklich der Ruine einer Kirche mit Turm und Schiff gleicht. Hinter mir hatte ich die herrlich beleuchteten Felsen, deren höchster Punkt Pima Point ist. Dort traten jetzt in stark goldgelben Tönungen zwei ungeheuere Kalksteinstufen hervor, unter denen drei weitere Stufen aus ziegelrotem Sandstein liegen. Die Stufen selbst sind senkrecht, aber die Zwischenräume zwischen ihnen sind schräge steile Hänge, die Vegetation tragen und recht stark ins Grüne spielen. Auf dem untersten von meinem Standort aus sichtbaren Abhang läuft unser Weg unterhalb der „Kathedralstufen“.
Das Schönste von allem, was man von Hermit Camp aus erblickt, ist jedoch die durch die Erosion in kräftigen und architektonisch vollkommenen Linien und Formen herausgemeißelte Bergspitze des Hermit Peak, als deren Wurzel im Südrand man die Gegend um den Head of Hermit Trail bezeichnen kann. Sieht man sie von der Seite, von Osten oder Westen, so nimmt sie sich wie ein langgestreckter Wandschirm aus. Von Hermit Camp dagegen stellt sie sich in der Verkürzung dar und gleicht einer wunderbar malerischen Turmspitze, die sich auf einer Pyramide mit gewaltigen Stufen erhebt. Am frühen Morgen ist der schmale Giebel grell von der Sonne beleuchtet, während die ganze westliche Langseite zu einem kompakten Schatten zusammenschmilzt, in dem die feinen Einzelheiten verschwinden. Nicht weniger fesselnd zeichnet sich das großartige Bergmassiv am Nachmittag ab, wenn die ganze westliche Langseite sich im Purpurglanz der sinkenden Sonne badet und der nach Norden gerichtete Giebel im Schatten liegt. Dann wird die feine senkrechte Skulptur der Stufen vom Dunkel verschluckt. Nur wenn die Sonne zur Rüste gegangen und die Nacht gekommen ist, verschwindet das ganze erhabene Gebilde. Sonst nimmt der Hermit Peak zu allen Tageszeiten und bei allen Beleuchtungen einen der ersten Plätze unter den Erosionserscheinungen ein, an denen der Gran Cañon so reich ist.
Bei El Tovar gibt es ein sogenanntes Hopi-Haus, ein aus ungebrannten Lehmziegeln im reinen Indianerstil erbautes Haus. Es soll den Touristen ein Bild davon geben, wie die Hopi-Indianer heute wohnen und wie ihre Väter vorzeiten gewohnt haben. Im Erdgeschoß hausen ein paar Hopifamilien; sie bereiten ihr Essen, wiegen ihre Kinder und verfertigen allerlei indianische Handarbeiten. Auf dem Hof vor dem Hause führen die Indianer jeden Nachmittag ihre alten Tänze auf, in jener kriegerisch malerischen Ausstattung, deren wir uns aus Coopers Indianergeschichten erinnern. Die Touristen stehen im Kreis herum oder schauen vom Dach des Hopi-Hauses zu. Wenn die Indianer ihr Programm erledigt haben, gehen sie herum und kassieren ihr Entgelt ein; sie haben aus dieser täglichen Vorführung offenbar ganz gute Einnahmen.
Meine gastfreien Freunde waren auf den Einfall gekommen, mir eine gelungene Überraschung zu bereiten, die schon an diesem ersten Abend von Stapel gehen sollte. Der Hopihäuptling von El Tovar, Joo Secakuku, „Die gelben Füße“, hatte den Auftrag erhalten, sich nach der gewohnten Nachmittagsvorstellung mit dreien seiner Stammesgenossen nach Hermit Camp herabzubemühen, um mir etwas vorzutanzen und vorzusingen. Sie kamen auch. Dieselbe Strecke, die wir in 3½ Stunden hinabgeritten waren, hatten sie in 1½ Stunden im Laufschritt zurückgelegt. Es wäre keine Kunst, Zeit zu gewinnen, wenn man Richtwege benutzen dürfte, die die wilden Krümmungen abschnitten. Aber das ist streng verboten, da Steine sich lösen und herabrollen und andere Wanderer verletzen könnten. Joo Secakuku und seine Gefährten mußten daher dem Weg in allen seinen Windungen folgen. Ihre Kleidung war ihnen bei ihren Bewegungen nicht hinderlich, denn sie trugen nur eine Stirnbinde, ein dünnes Gewand, das lebhaft an Badehosen erinnerte, und Mokassins. Sie liefen in gleichmäßigem, sicherem Zotteltrab, atmeten, ohne sich anzustrengen, und kamen auch in bester Verfassung in Hermit Camp an.
Zuerst erhielten sie ein recht ausgiebiges Essen, das sie zwei volle Stunden beschäftigte. Sie aßen und tranken, plauderten, lachten und sangen und machten einen schrecklichen Lärm. Beim Schein einer Laterne, die uns den Weg zeigte, stiegen wir um 10 Uhr abends in den Grund des Hermit Creek, des hohlwegartig engen Seitentals, hinab. Dabei kamen wir an der Höhenmarke vorüber, deren Zahl verrät, daß wir uns 1250 Meter unterhalb des Hochrandes befanden. Von hier hatten wir nur noch 20 Meter bis zu der kiesigen Sohle der Schlucht, in der schon ein riesiges Feuer flammte und seinen roten Schein auf die senkrechte oder überhängende Sandsteinwand warf: ein wirkungsvoller Hintergrund zu dem Schauspiel, dem wir beiwohnten.
Auf einem kleinen offenen Fleck am Ufer des Quellbaches, auf allen Seiten von dem undurchdringlichen nächtlichen Dunkel umgeben, tanzten die Indianer ihre alten Tänze. Phantastisch wild und echt sahen sie beim Feuerschein aus, und ihre Tänze wirkten bezaubernd. Man konnte sich in die Zeit versetzt denken, ehe Amerika von den Weißen entdeckt worden war, als die Rothäute in Arizona und an den Ufern des Rio Colorado noch in Freiheit lebten und keine andern Feinde hatten als die umwohnenden Stämme. Unbezwingbare Wehmut lag über diesem wunderbaren Bild, und mich beschlich ein beklemmendes Gefühl von Sympathie für diese letzten Trümmer eines stolzen herrlichen Volkes, das verdrängt und erstickt wird und ausstirbt. Ihren Gesang begleiteten sie mit einer Trommel und ein paar Klappern. Joo Secakuku erklärte die Bedeutung der Lieder und Tänze in tadellosem Englisch. Alles ging jedoch so schnell, daß ich mit meinen Aufzeichnungen nicht recht nachkommen konnte. Ich muß mich hier mit einigen Andeutungen begnügen, die Kenner der sterbenden indianischen Kultur mehr als mager finden dürften.
Der erste Tanz, den Joo „Kachina“ nannte, war den Naturkräften gewidmet. Aus allen Erklärungen Joos ging hervor, wie tief die Ehrfurcht vor der Natur und ihren geheimen Kräften noch heute in dem Bewußtsein der Indianer wurzelt, obwohl die Berührung mit der weißen Christenheit zersetzend eingewirkt hat auf das Vertrauen vieler, wahrscheinlich der meisten von ihnen, zu den religiösen Anschauungen ihrer Väter. Doch soll es nach wie vor Stammeslieder geben, die nach dem, was Joo erzählte, nicht vor Fremden, sondern nur innerhalb des Stammes gesungen werden dürfen. Was den Häuptling selbst betrifft, so bekam ich den Eindruck, daß er noch an dem alten Glauben festhielt; daß er es jeden Nachmittag bei El Tovar und heute nacht im Hermit Creek über sich gewann, vor Fremden aufzutreten und zu tanzen und zu singen, geschah einzig und allein des Verdienstes wegen. Es wäre ja nicht zu verwundern, wenn sich die letzten Trümmer der schwächeren Rasse widerstandslos von dem Strom hinwegführen ließen, der „die Jagd nach dem Dollar“ heißt und an dessen Ufer die weiße Christenheit ihrer höchsten Gottheit, dem Mammon, Tempel erbaut hat.
Im Schein der roten Flammen, während rote Farbenfelder über die Felswände zogen, vollführten die Indianer den „Frühlingstanz“, eine Huldigung an die vier Himmelsgegenden und an die gelben Wolken aus dem Norden, an die grünen Wolken aus dem Westen, an die roten aus dem Süden und die weißen aus dem Osten, die Regen bringen und den Menschen Getreide und Früchte schenken zum Lebensunterhalt. Gutgebaut, abgehärtet und wettergestählt waren die Tänzer, kupferbraun ihre Haut, aber jetzt trugen sie ihre charakteristischen Trachten in bunten Farben, ihre Schmucksachen und Halsbänder, ihre federgeschmückten Stirnbinden und ihre schönen Waffen, deren Ahnen in einer Zeit zu suchen sind, die im Dunkel der Sage verschwindet.
Die Niederschläge spielen wie bei den Völkern des Morgenlandes so auch bei den Indianern eine wichtige Rolle. Gewisse Tänze und Lieder scheinen eine fromme Beschwörung zu enthalten, um den Regen herbeizulocken, eine inständige Anrufung und Bitte an die Geistermächte, die darüber zu bestimmen haben. Das „Schmetterlingslied“ singt und sagt von regenschweren Wolken mit Blitz und Donner, von befruchtenden Schauern, die alles keimen und die Wassermelonen schwellen machen. Dann tanzen Knaben und Mädchen und stimmen ihre Danklieder an für den Wohlstand und das Glück, die den Menschenkindern durch die Niederschläge geschenkt worden sind. Joo erzählt, daß der „Tanz der Schmetterlingsknaben und Schmetterlingsmädchen“ der Freude Ausdruck gab, die die Jungen wie Alten darüber empfanden, daß die gelben, grünen, roten und weißen Wolken wohlwollend und segenspendend waren.
Mit kräftig klingender Stimme und einem breiten Lächeln um den Mund hielt Joo vor jedem Tanz und Lied seine kleine Rede. Königlich gerade und selbstbewußt, wie es einem Häuptling geziemt, stand er da und sprach mit Kraft und Überzeugung, als wollte er, daß wir den tiefen Sinn dieser Worte und Bewegungen verstünden und was sie ihm und seinem Volk bedeuteten. Seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen, seine Zähne wie Schnee, sein Gesicht und seine Arme wie Kupfer. In seiner Stimme glaubte ich jedoch einen Unterton von Wehmut zu hören. Er muß eine atavistische Empfindung davon gehabt haben, daß diese Abendstunde und die ganze Umwelt echt waren. In derartigen tief eingeschnittenen, verborgenen Talschluchten hatten vielleicht seine Väter gewohnt. Die gleichen Feuer hatten an den Lagerplätzen gebrannt, wo sie ihre Tänze aufführten und ihre Gesänge widerhallen ließen. Der gleiche rote Schein hatte in einer fernen Vergangenheit die Felsenspalten überzogen wie das Erröten die Wangen eines Mädchens. Und der Bach, der jetzt den fremden Namen Hermit Creek trägt, murmelte heute nacht noch ebenso melodisch wie in jenen entschwundenen Zeiten, als die Rothäute in ungestörter Freiheit Pumas in den Schluchten und Büffel oben auf den Prärien jagten. Joo Secakuku freute sich der Welt von Erinnerungen, die wie Gespenster aus dem nächtlichen Dunkel rings um das Feuer aufstiegen, er sprach mit Begeisterung, er sang mit Wärme und tanzte, als wenn der lange steinige Weg von El Tovar eine Kleinigkeit gewesen wäre.
Bald zeichneten sich die Tänzer als schwarze Umrisse gegen die Flammen ab, bald zeigten sie sich in scharfen Formen, zur Hälfte beleuchtet vom Feuerschein, zur Hälfte verdunkelt vom Schatten, bald wieder hoben sich ihre Gestalten hell und rot von dem dunklen Hintergrund ab, und ihre Schatten tanzten wie riesige Gespenster auf der Felswand.