Part 6
Wem der Vorzug zuteil wurde, diese beiden Landschaften zu schauen, hütet sich wohlweislich vor allen Vergleichen. Den beiden Landschaften fehlen alle Vergleichsmomente. Die eine zeigt uns das mächtigste und tiefste Erosionstal der Erde, die andere das höchste Gebirgssystem unseres Planeten. Sie überstrahlen einander nicht und verdunkeln einander nicht. Es ist möglich, daß, wenn man am Rand des Gran Cañon steht, die Erinnerung uns eine Vision des Himalaja im Hintergrund erstehen läßt. Man staunt über die Kräfte, die es vermocht haben, die Erdoberfläche bis zu einer Höhe von 8840 Meter über dem Meer in Falten zu legen und emporzuheben, daß sie einem aufgeregten Meer gleichen. Es schwindelt einem bei dem Gedanken, daß diese Sandstein- und Kalksteinschichten des Gran Cañon, nachdem sie in einer Mächtigkeit von Hunderten von Metern im Wasser abgelagert worden waren, durch Bewegungen in der Erdrinde wieder, ohne Störung ihrer horizontalen Lage, bis zu einer Höhe von 2100 Meter über die Oberfläche des Weltmeeres emporgehoben, und daß sie in dieser Zeit von einem Wasserlauf durchsägt wurden, der stark genug war, diesen ungeheuren Graben auszumeißeln, und der nach wie vor, in jeder Minute, die verstreicht, und durch unzählige kommende Jahrtausende hindurch, ohne Rast und Ruh seinen Siegeslauf durch den harten Granit vollführt.
Solchen Gedanken hing ich nach, als ich mich wieder in den großen Raum des Hotels begab, in den die Touristen von ihren Ausflügen zurückgekehrt waren, um sich nun in Gruppen über die heutigen Erfahrungen und die morgigen Pläne zu unterhalten. Unter diesen Männlein und Weiblein, die mich nicht im geringsten interessierten, befand sich jedoch ein alter Herr, der mich im höchsten Grade fesselte, Edward E. Ayer, einer der Direktoren des Field Museum in Chicago. Sechsundzwanzig Jahre hindurch hatte er jährlich vier Monate Europa und Nordafrika bereist, um auf dem Gebiet der Völkerkunde, Altertumskunde und Kunst für sein Museum kostbare und seltene Gegenstände zu sammeln. Nunmehr beschränkte er sich darauf, seinen eignen Erdteil zu durchqueren, und fuhr jährlich vier Monate im Auto durch die Vereinigten Staaten. Und dabei war er zweiundachtzig Jahre alt! Er war ein großartiger Mensch, voller Leben und Arbeitslust und reich an Ideen und Plänen. Jetzt war er nach dem Gran Cañon gekommen, den er liebte; er machte jedoch nur eine ganz kurze Rast wie ein Zugvogel und zog am nächsten Tage auf seinen rollenden Rädern weiter. An dem Nordamerikanischen Bürgerkrieg hatte er 1862-64 teilgenommen. Im Jahre 1884 war er mit seiner Gattin, die ihn stets begleitete, in den Gran Cañon hinuntergestiegen, damals ein gefährliches Unternehmen, als noch kein einziger Pfad angelegt war. Von den Mühen und Gefahren, mit denen ein solcher Abstieg verbunden war, wußte er viel zu erzählen. Unter den Bekanntschaften, die ich auf meiner Amerikareise machte, gehörte Herr Ayer zu denen, die ich nie vergessen werde.
Es war mir ganz erwünscht, daß ich mich nach den gewaltigen Eindrücken des heutigen Tages endlich in mein hübsches Schlafzimmer zurückziehen konnte und die Nacht ihre Herrschaft antrat, die Nacht mit ihrer Kühle und ihrem Frieden.
Fünftes Kapitel.
Die Aussicht von Grand View.
Der 15. Juni war ein windiger Tag; dichte Wolken schwebten über Arizona. Ich wanderte zu Fuß an dem Rand entlang, um ein paar Skizzen zu zeichnen. Dann fuhr ich mit den Herren Birchfield und Kemp im Auto nach Grand View, einem der hervorragendsten Aussichtspunkte des ganzen Gebiets.
Der Punkt liegt 18 Kilometer südöstlich von El Tovar, aber der Weg ist 24 Kilometer lang. Er entfernt sich nämlich vom Rand und schlängelt sich durch den herrlichen, duftenden Nadelwald, der die nördliche Zone des Coconinoplateaus schmückt. Im Grunde der Einbuchtung, die vom Hance Creek gebildet wird, liegt das kleine Gasthaus Grand View; 2½ Kilometer nördlich davon springt der Kaibabkalkstein in dem scharf markierten Kap vor, das Grand View Point heißt. Hier hat die Verwitterung die wunderbarsten Säulen, Mauern und Türme ausgesägt; einige von ihnen haben wenig anziehende Namen, wie Thors Hammer, Selbstmordklippe und ähnliche.
Der Aussichtspunkt selbst, an dem wir uns geraume Zeit aufhielten, ist eine weiße Kalksteinplatte, die in den Raum hinausragt und auf allen Seiten von senkrechten Abstürzen umgeben ist. Wir hatten nur ein paar Meter bis zum Rand des Abgrundes. Auch wenn man an die schwindelnden Pfade in Hochasien gewöhnt ist, ist einem doch etwas eigen zumute, wenn man auf die äußerste Spitze des Kaps hinaustritt. Man schlendert nicht darauflos und plaudert und schaut sich um, sondern heftet den Blick unverwandt auf den Pfad und achtet sehr genau auf seine Schritte. Man hütet sich wohl, zu stolpern oder auf einem rollenden Stein auszugleiten. Ein Selbstmörder, der über den Rand des Suicide Rock, der Selbstmordklippe, springt, kann ganz sicher sein, daß er sein Ziel erreicht. Das bißchen, das dort unten in der Tiefe möglicherweise von ihm noch übrig wäre, ließe sich ohne Hunde nicht aufspüren.
Im großen ganzen bietet sich hier dem Blick dieselbe Landschaft wie von Hopi Point. Aber bei Grand View Point befinden wir uns 72 Meter höher als dort, 2258 Meter über dem Meeresspiegel. Uns gerade gegenüber, unterhalb des Nordrandes in der Richtung auf das Cape Royal, das 13 Kilometer von uns entfernt ist, schimmern die Bergwände in roten, rotgelben und grauvioletten Farbtönen; vor der zusammenhängenden Front erheben sich die malerischen Pyramiden, Tempel und Pagoden, die den Ruinen einer von großen Architekten erbauten Zauberstadt gleichen. Hinter uns hält, dunkel und majestätisch, der Wald Wache. Der einzige Laut, der die Stille stört, ist das Rauschen des Windes in den Kronen der Bäume. Wenn man bedenkt, daß diese ungeheure Ausnagung durch ununterbrochene Zerstörung verursacht worden ist, erwartet man den Widerhall eines Einsturzes zu hören, wenn eine dieser Kalksteinsäulen, die von verhältnismäßig kleiner Basis zu schwindelnder Höhe emporsteigen, endlich die Grenze der Möglichkeit, das Gleichgewicht zu halten, erreicht hat und zusammenstürzt wie einst der Kampanile in Venedig. Aber alles ist still. Wir vernehmen nicht einmal das Klappern eines Steines, der sich gelöst hat und, dem unerbittlichen Gebot des Gesetzes der Schwere folgend, hinabstürzt. Als ich selbst einen faustgroßen Stein nehme und über den Rand schleudre, höre ich ihn nicht fallen; ein bodenloser Abgrund scheint ihn zu verschlucken. Und doch dauert die Abtragung ständig an. Man bekommt Achtung vor dem Zeitraum, der erforderlich war, um den Bau zu erzielen, den wir jetzt bewundern.
Nicht nur in der Tiefe, wo der Colorado strömt, auch hier oben am Rand ist es vor allem das fließende Wasser, das arbeitet; diese Arbeit findet nur statt, wenn es regnet oder wenn der Winterschnee schmilzt. Heftige Regengüsse lassen tobende, wilde Gießbäche entstehen, deren außerordentliche Gewalt durch die Blöcke und das Geröll gesteigert wird, die sie mit sich führen. Diese Sturzbäche unterminieren vorspringende Felspartien, die schließlich infolge ihres eigenen Gewichts und der sie durchsetzenden Sprünge abbrechen und in die Tiefe stürzen, in tausend Stücke und Millionen Scherben zersplittern, zu Pulver zermahlen und von Wind und Wasser in die Taltiefe hinabgeführt werden, um endlich mit ihrem feinen Staub dem Fluß die trübe Farbe zu verleihen, der er den Namen Rio Colorado verdankt. Da der Kalkstein die Fähigkeit hat, sich im Wasser etwas zu lösen, entstehen in den senkrechten Wänden Grotten, halbkugelförmige Nischen und Alkoven; auch diese leisten eine Unterminierungsarbeit, die in hohem Grad dazu beiträgt, daß die Cañonwände in den höchsten Regionen unterhalb des Randes senkrecht abfallen.
Einige Worte noch über die Aussicht und die bemerkenswerten Punkte im Gran Cañon, die man von Grand View Point aus erblickt. Im Nordosten in einer Entfernung von 25 Kilometer springt ein Kap, Cape Solitude, von der Kaibabkalksteinplatte der Painted Desert scharf vor und steigt gerade über dem linken, dem Ostufer des Colorado auf. Der ungeheuer steile Absturz, der hier die Painted Desert begrenzt, wird bis zum Cape Solitude als Palisades of the Desert bezeichnet, nördlich des Kaps, im Marble Cañon, heißt er Desert Facade. Diese Mauer, die horizontal gemessen wenig mehr als 800 Meter vom Fluß entfernt und im Gegensatz zu andern Teilen des Randes wenig eingeschnitten ist, wird unmittelbar nördlich des Cape Solitude von dem von Osten kommenden Nebenfluß, dem Kleinen Colorado, durchbrochen, dessen gähnendes Cañontor ich später von Westen aus erblicken sollte. In seinem Korridor, dem Marble Cañon, ist der Colorado zwischen der Desert Facade im Osten und einer Reihe kleinerer Massive im Westen eingeschlossen. Weiter südlich bemerkt man auf der Westseite die Basalt Cliffs.
Nordöstlich von Grand View Point sehen wir in dem tiefsten Teil des Gran Cañon den Punkt, wo der enge Granitkorridor an die Gesteine der Unkargruppe grenzt. Im Nordwesten dagegen tragen die dunklen Mauern des Granits auf beiden Seiten des Flusses die verhältnismäßig weniger steilen Hänge der Tontogruppe. Zwischen den Ablagerungen der Unkargruppe ist das jetzige Flußtal offner als im Granit, und Felsen aus Quarzit, rotem Schiefer und grauem Kalkstein erheben sich auf seinen Ufern. Hier und da sind Basaltmassen in flüssigem Zustand emporgedrungen und erstarrt. An einer solchen Stelle hat sich infolge der Hitze Asbest gebildet, und unterhalb von Grand View Point sehen wir an der Nordseite des Flusses ein kleines Nebental, das den Namen Asbestos Canyon trägt.
Grand View Point ist ohne Zweifel das berühmteste und am meisten besuchte Kap, das vom Coconinoplateau und vom Südrand des Gran Cañon nach Norden vorspringt. Westlich davon gibt es eine ganze Reihe anderer Kaps; alle sind zu Pferd oder zu Fuß zugänglich. Zwischen allen diesen Kaps, die den Coconinosandstein und den Kaibabkalkstein vermissen lassen und aus den älteren Supai- und Redwallformationen bestehen, liegen kurze, steile Cañontäler. Jedes von ihnen hat einen „Creek“, eine Abflußrinne des Regenwassers, und das eine und andere führt ein aus Quellen entspringendes ständig fließendes Bächlein.
Vor Grand View Point gewahren wir im Norden ganz in unserer Nähe die eigenartig gebaute Horseshoe Mesa, den Hufeisenberg. Sie gleicht einem Hufeisen, dessen Bogen nach Süden liegt, und gehört dem Kalkstein der Redwallformation an. Von meinen Führern darauf aufmerksam gemacht, erkenne ich durchs Fernglas den kurzen, in zahllosen Windungen laufenden Pfad Berry Trail oder Grand View Trail; nach Nordosten und Norden führt er zum Hufeisenberg und von dort in schwindelnden Absätzen zu dem Pfad, der auf dem Südufer am Fluß entlang, auf den Sandsteinhängen der Tontoformation nach Westen geht, nach Indian Garden und Hermit Cabins, zwei bekannten Stellen, die wir bald besuchen werden. An der Horseshoe Mesa ist Kupfer zu finden.
Auch östlich von Grand View Point springt eine Reihe von Kaps nach Norden vor. Von unserm Standort aus erblicken wir Three Castles und Coronado Butte. Die letztere zeigt alle Formationen vom Tonto bis zum Kaibab. In ihren Redwallmauern sehen wir die infolge der Zersetzung des Kalksteins durch das Wasser entstandenen Aushöhlungen, die schon erwähnten Nischen und Grotten. Was auf der Coronado Butte noch vom Kalkstein übrig ist, gleicht seiner Form nach einem liegenden Kamel, ein großartiges Monument auf einem Sockel von überwältigenden Maßen.
Weiter nach Osten reihen sich daran Moran, Zuni, Papago und Pinal Point; alle stürzen in ungeheuer steilen, von Absätzen und Terrassen unterbrochenen Hängen zum Fluß ab, der fast 1500 Meter unter ihnen liegt. Dann folgt Lipan Point und schließlich Navaho Point oder Desert View, das letzte Kap, ehe die Palisades of the Desert ihre Linienführung nach Norden beginnen. In der gewaltigen Reihe der Palisaden bemerken wir bis zum Cape Solitude hinauf nur ein Kap, Comanche Point. Dieses ist leicht zu erkennen an seiner Gestalt -- es gleicht dem Vordersteven eines Schiffes -- und an seinen an der Palisadenmauer vorspringenden Abhängen, die an einen riesigen versteinerten Wasserfall erinnern, schließlich an seiner Lage in der Längsrichtung des Gran Cañon und seiner von keinem Pflanzenwuchs verhüllten Nacktheit. Von den Palisaden habe ich mehrere Zeichnungen gemacht; auf allen ist Comanche Point sehr deutlich zu sehen.
Was jedoch den Besucher von Grand View Point in erster Linie fesselt, ist die geradezu phantastische und an wilder, großartiger Schönheit unübertroffene Landschaft, die er im Norden erblickt. Dort sehen wir im Hintergrund den gewaltigen Block des nördlichen Tafellandes, der durch die tief eingeschnittene Talschlucht des Bright Angel Cañon vom Kaibabplateau getrennt wird und Walhallaplateau heißt. Mit dem Kaibabplateau hängt es durch einen verhältnismäßig schmalen Sattel zusammen, eine Landenge mit Abgründen zu beiden Seiten. Auf seiner Südfront ist das Walhallaplateau selbst tief gespalten durch das Tal des Clear Creek. Nach dem östlich dieses Tals liegenden Teil des Plateaus unternahm ich später einen meiner lohnendsten Ausflüge. Sein südlichstes Kap ist das berühmte Cape Royal, das wir im Nordosten, uns gerade gegenüber, erblicken. Rechts davon liegt Cape Final, das am weitesten nach Osten vorspringende Kap des Walhallaplateaus.
Vom Cape Royal erstrecken sich nach Süden zwei Ausläufer von seltsamster Form; sie gleichen gespaltenen Drachenzungen oder den launenhaften malerischen Flammenzungen, mit denen die Chinesen in ihrer Bildhauerei, Malerei und Textilkunst ihre Drachen zu umgeben pflegen. Auf dem östlichen dieser Ausläufer erheben sich Freya Castle und der schön pyramidenförmige Vishnu Temple, dessen Aufbau deutlich erkennbar ist: zu unterst die Tontoabhänge, auf diesen die senkrechten Redwallwände, darüber die Absätze und Terrassen der Supaigruppe und zu oberst der Coconinosandstein mit seiner Haube aus Kaibabkalkstein; dem Vishnu Temple vorgelagert ist im Südwesten der Krishna Shrine und im Südosten der Rama Shrine, dem Kaibab und Coconino fehlen. Der südwestliche Ausläufer des Cape Royal trägt das stattliche Massiv Wotans Throne, das westnordwestlich von Vishnu Temple liegt. Dieses Massiv ist weithin sichtbar. Südwestlich von Wotans Throne sehen wir die wilden steilen Felsen, die den poetischen Namen „Engelpforte“, Angel Gate, tragen.
Die große Einsenkung westlich des Clear Creek heißt Ottoman Amphitheater; sie wird im Norden vom Walhallaplateau mit dem Kap Obi Point und im Westen von den schon genannten stattlichen Pyramiden begrenzt, die von ihm ausgehen und Devas, Brahmas und Zoroasters Namen tragen. Westlich von ihnen haben wir wieder den Bright Angel Creek. Wie ich bereits erwähnte, werden diese drei Tempel von der höchsten Schichtlage gekrönt, dem Kaibabkalkstein, der auf dem mittleren Tempel noch in einer Mächtigkeit von 122 Meter liegt.
Wie vorgeschobene Forts um eine Festung erheben sich also rings um das Walhallaplateau in großartiger Sprachverwirrung und imposanter Religionsvermischung das Walhall der nordischen und die Tempel der indischen Götter und des Zoroaster brüderlich nebeneinander. Wir dürfen uns damit trösten, daß wenigstens Thor Temple, westlich des Cape Royal, und Wotans Throne, südwestlich davon, wirklich besser in diese Nachbarschaft gehören. Aber einem Nordländer, der schon in seinen frühen Schuljahren mit der Götterlehre seiner Väter ziemlich vertraut war, und einem Asienreisenden, der das heilige Feuer in Zoroasters Tempel hat brennen sehen, wochenlang an dem See, der Brahmas Seele genannt wird, geweilt und Schiwas Paradies auf dem Gipfel des Kailas umwandert hat, klingt diese, nur dem Klange der Namen nach pomphafte, im übrigen aber willkürliche Nomenklatur alles andre als echt. Man fragt sich, warum Götternamen der ältesten Religionen grade hier, auf amerikanischem Boden, kunterbunt durcheinandergeworfen worden sind. Auf ein und demselben Massiv finden wir Wotan, Thor und Freia im Verein mit Wischnu, Krischna und Rama. Die ägyptischen Gottheiten sind die nächsten Nachbarn der großen Religionslehrer Chinas. In keiner andern Gegend der Erde ist ein geographischer Taufakt mit so wenig Pietät vorgenommen worden. Namen wie Tovar, Powell, Navaho, Hopi, Kaibab, Coconino sind hier ganz an ihrem Platz. Newton, Lyell, Huxley und andere große Naturforscher mögen ruhig ihre Denkmäler in Stein an den Ufern des Colorado erhalten. Namen, die bezeichnend sind für Form und Gestalt, wie z.❁B. Scorpion Ridge, Three Castles, Horseshoe Mesa, für Farben wie Red Canyon, für Minerale wie Asbestos Canyon, für Gesteine wie Basalt Cliff, sind die besten; sie haben Sinn und Seele. Aber diejenigen, die aus dem religiösen Leben fremder Völker und Erdteile geholt worden sind, müßten ebenso rücksichtslos ausgerottet werden, wie sie -- weiß Gott, von welchem Genie -- hierhergesetzt worden sind. Wo sie durch echte, charakteristische und bezeichnende indianische Namen ersetzt werden können, sollten solche statt der jetzigen eingeführt werden. Und wo dies nicht möglich ist, mögen die natürlichen Tempel in einsamer Majestät ihre Zinnen zu den ewigen Sternen erheben -- ohne alle irdischen oder himmlischen Namen.❁--
Es ist 6 Uhr nachmittags; das Gemälde, das sich von El Tovar aus vor uns ausbreitet, wird mit jeder Minute fesselnder und prächtiger. Die Stunde der roten Farbtöne, der Abendröte und des Sonnenuntergangs hat geschlagen. Die senkrechten Riesenmauern treten in grellen, hellrubinroten Tönungen hervor, sie heben sich scharf ab von dem dunkleren Graugrün der Halden und Steilhänge, die von den Sonnenstrahlen nicht direkt getroffen werden. Von der geraden Umrißlinie des Nordrandes strecken die Abendschatten ihre scharfkantigen Keile zwischen Tempeln und Pagoden hinab und vereinigen sich in der Tiefe des Tals mit dem Dunkel über dem Korridor des Colorado. Ich sitze auf einer der Bänke auf der Terrasse vor dem Hotel und bin nur durch eine niedrige zementierte Brüstung vom Abgrund getrennt. Meine Aussicht umfaßt nur den Viertelkreis zwischen Nordosten und Nordwesten, das übrige wird durch die beiden Vorsprünge Maricopa Point und Grandeur Point verdeckt. Tief unter mir, im Nordnordwesten, erhebt sich ein eigenartig geformter Fels, der den bezeichnenden Namen The Battleship, das Kriegsschiff, trägt und eine Fortsetzung des Maricopa Point ist. Er wirft seine Schatten auf die meisten Abhänge südlich des Flusses.
Die prächtige Beleuchtung hält nicht lange an. Man würde nie dazu kommen, sie zu malen, denn sie nimmt mit jeder Minute, die verstreicht, neue, tiefere Farbtöne an. Das Karmesin wandelt sich in Hagebuttenrot, dieses geht in Braun und schließlich in eine unsichere Farblosigkeit über. Die Sonne ist untergegangen, und die Nacht tritt wieder ihre Herrschaft über Arizona an.
Das Essen nahm ich mit meinen Freunden ein, die nicht müde werden, mir neue Aufschlüsse über die Natur und das Leben um El Tovar zu geben. Sie erzählen, daß man mit den Kühlmaschinen des Ortes 10 Tonnen Eis am Tag herstellen kann und daß ganze Züge mit Wasser täglich 270 Kilometer weit zum Hotel gebracht werden. Dieses Wasser dient nicht nur zum Trinken und Kochen, sondern auch zum Tränken von 130 Maultieren und einer beträchtlichen Zahl von Pferden, zum Waschen, Baden, zur Bewässerung und vielem andern. Ein recht großer Apparat ist nötig, um die menschlichen Zugvögel zu bedienen, die bei El Tovar einfallen. Im Jahre 1921 betrug die Zahl der Besucher 57000, im Jahre 1922 schon 85000, und in dem laufenden Jahre war sie noch im Steigen.
Jeden Abend um 8 Uhr wird zur Belehrung der Gäste in dem Musikzimmer von El Tovar ein durch Diagramme, Tabellen und Photographien erläuterter Vortrag gehalten. Ein solcher Vorbereitungskurs ist sehr nützlich und wertvoll. Im großen ganzen ist das Thema stets das gleiche; das tut jedoch nichts, da die Zuhörer ständig wechseln. Auch andere Vorträge und Unterhaltungen werden von Zeit zu Zeit denen geboten, die ohne Kino oder Musik nicht leben können und denen das prächtige Schauspiel nicht genügt, das sich in der Tiefe unter ihnen entrollt.
Sechstes Kapitel.
Nach Hermit Cabins.
Am Morgen des 16. Juni war es um 8 Uhr ordentlich kalt, und noch um ½10 Uhr hatten wir nur 12,2 Grad Celsius. Die Touristen waren sämtlich schon auf; sie saßen an ihren Frühstückstischen, packten ihren Proviant und machten sich für ihre verschiedenen Ausflüge im Auto oder zu Pferd fertig. Der Himmel war fast ganz mit Wolken überzogen, und es war sehr windig. Mit den Herren Birchfield, Kemp und Bryn und unserm Führer, dem Cowboy Sandy MacLean, nahm ich in einem Auto Platz und fuhr auf dem Weg, den ich bereits kannte, dem Hermit Rim Road zu, an Pima Point vorüber durch den Wald zu den zwei kleinen Holzhäuschen von Hermit Rest und weiter an den Punkt, der Head of Hermit Trail heißt. Von hier geht der eine der beiden gewöhnlich benutzten Wege aus, die zur Tiefe des Gran Cañon und zum linken oder Südufer des Coloradoflusses hinabführen. Unser nächstes Ziel, Hermit Camp, liegt in gerader Linie kaum 2,5 Kilometer nördlich des Ausgangspunktes. Wenn man jedoch erfährt, daß der Weg 12 Kilometer lang ist und 3½ Stunden im Sattel erfordert, kann man verstehen, daß er gewaltige Krümmungen macht und nach allen Himmelsrichtungen läuft. Man reitet auch zunächst nach Süden und Südwesten, um dann nach Norden und Nordosten und schließlich nach Westen und Süden abzuschwenken. Der Pfad führt uns der Reihe nach durch die fünf gewöhnlichen Formationen, Kaibabkalkstein, Coconinosandstein, roten Sandstein und Schiefer der Supaiformation, Redwallkalkstein, und endet auf den sanfteren Hängen der Tontogruppe. Man hat also Gelegenheit, die verschiedenen Gesteine, die man bisher nur vom Rand aus gesehen hat, aus der Nähe kennenzulernen.
Mit guten Augen oder mit Hilfe des Fernglases erblickt man von Head of Hermit Trail das Ziel des heutigen Rittes, Hermit Camp, 1097 Meter unter seinen Füßen. Es scheint ganz nahe. Im Gleitflug könnte man es im Flugzeug in ein paar Minuten erreichen. Beschwerlicher ist es, die jäh abfallenden Steilhänge auf einem Maultier hinabzureiten, über dessen Kopf man bisweilen an den abschüssigsten Stellen einen Salto mortale machen kann, wenn man nicht sicher in den Knien ist. Doch die Maultiere sind merkwürdig zuverlässig und straucheln nie. Nur haben sie die unangenehme Neigung ihres Geschlechts, am äußersten Rand des Abgrundes zu gehen. Wenn ein Maultier nicht „broken“, d.❁h. gezähmt, und an den Weg und dessen Überraschungen gewöhnt ist, kann schon ein Steinblock, ein Busch oder ein entgegenkommender Wanderer es dazu bringen, daß es scheut und sich mit der Schnelligkeit einer Sprungfeder nach der Seite wirft. Bei dem heftigen Wind, der an den Felsenecken wie Peitschenschläge klatschte und knallte, riet Sandy uns aufzupassen, daß uns nicht die Hüte wegflögen; denn in diesem Falle würden die Maultiere etwas wild werden, versicherte er. Ich selbst hatte keinen Grund, zu klagen, aber Sandys eigenes Maultier war recht aufgeräumt und scheute beim geringsten Anlaß.
Unsere Reittiere standen bei Head of Hermit Trail schon bereit; wir saßen auf und begannen den Abstieg. Es war 11¼ Uhr, die Temperatur war auf 13,5 Grad Celsius gestiegen. Der Pfad läuft auf der rechten, der Ostseite des Hermit Basin genannten Einschnitts entlang, eines kleinen Seitencañons des Colorado, und fällt gleich von Anfang an recht beträchtlich. Nach einer halben Stunde befinden wir uns bereits 250 Meter unterhalb des Randes, haben The White Zigzags und den Kaibabkalkstein hinter uns und sind in die Sandsteinschicht der Coconinoformation eingetreten.