Part 10
Als es dämmerte, ging ich wieder zu den Luchsen. Jetzt, in der Stunde der Schatten, waren sie erwacht, jetzt weiteten sich ihre Pupillen, und von den nackten Ästen des Baumes, der in der Mitte des Gefängnisses stand, konnten sie ihre Blicke nach Süden in die dunklen Verstecke des Waldes schweifen lassen, wo sie einst Rehe, Kälber, Schafe und Hasen gejagt hatten. Nun mußten sie von Fleisch leben, aus dem schon die Wärme geflohen war, die aus den pulsierenden Schlägen des Lebens und des Blutes stammte. Eins der Tiere mit Backenbart und langen Pinselhaaren an den Ohrenspitzen, mit Mienen voll unauslöschlichen Hasses und unbezähmbarer Wildheit und Grausamkeit, saß am Gitter, unbeweglich wie eine Bildsäule, als lauere es auf ein Opfer und sei fertig zum Sprung. Als ich näher trat, um den Gefangenen zu betrachten, fuhr er wie von einer Schlange gestochen auf, schlug die Tatzen um ein paar Gitterstäbe, zog die Oberlippe hoch, sperrte den Rachen auf und fauchte mit unheilkündender Kraft, als wollte er am liebsten seine Hauzähne in meine Kehle senken. Ich fuhr zusammen und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Meine Rache beschränkte sich darauf, daß ich oberhalb des Kopfes der kleinen wütenden Bestien mit dem Stock an die Eisenstange schlug. Pfeilschnell sprang das Tier zu einem der obersten Äste des Baumes hinauf, und seine Augen glühten wie feurige Kohlen, als wollte es mich mit seinen haßerfüllten Blicken durchbohren. Es ist verwunderlich, daß ein Tier von so viel Haß erfüllt sein kann. Aber vielleicht ist es auch nicht einmal so wunderlich -- der Luchs kennt seine gefährlichsten Feinde und wahrt sein Recht zu leben.
Etwas östlich von El Tovar auf dem Weg nach Grandeur und Yavapai Point teilt sich der Fußweg längs des Randes in zwei Steige, die in zwei verschiedenen Stockwerken laufen. Der obere führt zwischen Bäumen hin; auf ihm kann man getrost und sicher lustwandeln. Der untere folgt einem Absatz, einer schmalen, unregelmäßigen Stufe, und geht am äußersten Rande des Abgrundes bergauf und bergab. Hier muß man bei jedem Schritt achtgeben und wissen, wohin man den Fuß setzt, sonst kann der Spaziergang recht kurz werden, oder wenn man lieber will, sehr lang, denn wenn man ungeschickt ist und ausgleitet, geht es in die Ewigkeit. Selbst hier wachsen Bäume, Kiefern, Wacholder und Eichen; bisweilen haben sie ein paar Meter unterhalb des Pfades in Spalten und Rissen festen Fuß gefaßt. Dann ragen nur ihre Kronen über die weiße Kalksteinkante empor, und man wandelt wie in einer schmalen Galerie mit der senkrechten nackten Felswand auf der Innenseite und einer unregelmäßigen Reihe von Säulen auf der Außenseite. Von diesem Säulengang aus hat man eine großartige Aussicht auf die wunderbare Welt des Gran Cañon in den bloßgelegten Eingeweiden der Erde. Alle zehn Schritt wechselt das Bild, und immer wieder macht man bei neuen staunenerregenden Ausblicken halt.
Selbstverständlich bleibt die Fernsicht über die ganze Talniederung unverändert, und das Bild des Labyrinths der jetzt bei Sonnenuntergang kupferroten Tempel und Pagoden mit ihren hellen Zinnen aus Kalkstein wird von so geringen Änderungen des Gesichtswinkels nicht merklich beeinflußt. Der Vordergrund dagegen, der Rand mit seinen Vorsprüngen, Kaps und bisweilen freistehenden Pfeilern wandelt sich und gibt dem roten Hintergrund in der Talschlucht einen ständig wechselnden Rahmen. Immer wieder bleibt man stehen voll Staunen, Entzücken und Bewunderung. Ich mache auch hier und da Rast, um eine Skizze zu zeichnen. Mich in Farben zu versuchen, dazu reicht die Abendstunde nicht. +Wie+ ich das Bild haben möchte, sehe ich genau, aber ich kann nicht, und die Zeit reicht nicht. Jetzt, da der Purpurglanz verblaßt ist, würde ich die Pyramiden und Tempel mit der Farbe einer frischgeputzten Kupferkanne decken, aber nicht blank und glänzend wie diese, sondern matt. Ich wünschte, ich könnte die Aussicht auf Osiris-, Schiva-, Isis- und Buddha-Tempel in einer Reihe von Bildern darstellen mit dem sterbenden Licht der Abendröte auf den Steilhängen. Während der zwei Stunden vor dem Sonnenuntergang müßte in jeder Viertelstunde ein Bild gemalt werden. Das würde eine Reihe geben, in der jedes Bild von den übrigen verschieden wäre. Man würde dann sehen, wie die prächtige rote Beleuchtung anfangs beträchtliche Felder der Hänge und Abstürze färbt, wie diese Lichtfelder dann allmählich an Umfang und Glanz abnehmen und wie sie unmittelbar nach dem Sonnenuntergang völlig erlöschen. So würde man finden, daß um 7 Uhr nachmittags sieben Zehntel des Tales unter Schatten verborgen sind. Und wo die Schattenfelder sich ausbreiten, verschwinden die Einzelheiten. Aber je mächtiger die Schatten werden, desto schärfer zeichnen sich die noch von der Sonne beleuchteten Teile ab. Wie dunkel die Schatten auch sind, so spielt ihr Farbton doch stets ins Bläuliche. Über dem Ganzen wölbt sich ein merkwürdig hellblauer Himmel, und im Vordergrund unter meinen Füßen erhebt das „Kriegsschiff“ seinen dunklen Rumpf wie ein für immer verankertes Gespensterschiff.
Sechs Stunden lang streifte ich einsam am Rand entlang. Als die Dämmerung ihre Fittiche über den Gran Cañon breitete, schlug ich den sichern Waldweg ein, auf dem sich jetzt kein Lebewesen blicken ließ, und kehrte nach El Tovar zurück, um den Abend in der Gesellschaft des Herrn Harvey, des Obersten Crosby, des Herrn Clarkson und des jungen Architekten Shaw zu verbringen. Auch heute sprachen wir über die brennende Frage, die uns schon mehrmals beschäftigt hatte, über das neue Hotel. Ich äußerte meine persönliche Meinung unumwunden -- die Amerikaner haben die ungewöhnliche, sehr sympathische Eigenschaft, mit Vergnügen und Aufmerksamkeit die Ansichten anderer Menschen anzuhören, auch wenn diese ihrer eignen Auffassung gerade entgegengesetzt sind. Ich erzählte, daß ich in Chicago im Bureau der Santa-Fé-Gesellschaft eines Tags die bescheidene Bitte aussprach, im Hotel in El Tovar ein Zimmer zu erhalten, von dessen Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon hätte. Ich würde dann zu jeder beliebigen Tageszeit eine schnelle Skizze zeichnen oder einen flüchtigen Beleuchtungseffekt festhalten können und meine Zeichen- und Malutensilien stets bei der Hand haben; ich könnte im Schlafrock den Sonnenaufgang bewundern und könnte mitten in der Nacht das zauberhafte Spiel des Mondscheins auf den Zinnen der Tempel schauen. Doch als ich nach El Tovar kam, fand ich, daß es ein solches Zimmer nicht gab. Ein halbes Jahr vorher hatte ich in San Remo im Grand Hotel gewohnt, wo wenigstens jede Wohnung ihren eignen kleinen Balkon mit Aussicht aufs Meer hatte. Denn gerade das Meer will man vor Augen haben, wenn man San Remo aufsucht, um sich zu erholen. Und was ist das Meer im Vergleich zum Gran Cañon! Das Meer mit seiner Unendlichkeit ist stets fesselnd, und man wird nicht müde, es zu sehen. Aber es nimmt sich doch in allen Küstenstädten ziemlich gleich aus. Der Gran Cañon dagegen ist einzigartig, und wenn man wie die meisten Touristen nur für einen oder zwei Tage hierherkommt, will man sich seine Schönheit möglichst nachhaltig einprägen. Wir waren, glaube ich, in diesem Punkt ziemlich einig, und ich gebe mich der frohen Hoffnung hin, wenn ich das nächste Mal den Gran Cañon besuche -- falls daraus jemals etwas wird --, in einem Zimmer wohnen zu können, wie ich es mir gedacht habe.
Wir saßen noch eine Zeitlang im Vortragssaal und hörten im Rundfunk Gesang und Musik von Los Angeles und Kansas City. Es kam mir etwas banal vor, war aber doch merkwürdig, hier mitten in der erhabenen Stille der Wildnis.
Mein nächster Ausflug galt dem Teil des Südrandes, der westlich von El Tovar liegt. Im großen ganzen geht der Weg erst nach Westsüdwesten, dann nach Nordwesten und Norden und schließlich nach Osten. Den Rand selbst berührt man erst, wenn man das Ziel, Havasupai Point, fast erreicht hat. Die ganze Reihe von Kaps, die auf dieser Strecke in den Cañon hinausragen, bleibt in beträchtlicher Entfernung zur Rechten und ist von unserm Weg aus nicht sichtbar.
In diesen westlichen Regionen beschreibt der Fluß in seiner Granitschlucht (Granite Gorge) gewaltige Krümmungen. Auf dem Havasupai-Kap hat man den Colorado im Osten, Norden und Westen. Man befindet sich auf einer Halbinsel, deren Nordrand die jahrmillionenlange Erosion bis aufs äußerste zerfressen und zernagt hat. Westlich dieser Halbinsel macht der Fluß einen plötzlichen scharfen Bogen nach Süden um den Rücken, der Marcos Terrace, herum, die auf dem Nordufer vom Powellplateau vorspringt. Südlich davon schneidet eine mächtige, Aztec Amphitheater genannte Einbuchtung tief in den Südrand ein. Noch weiter im Westen fließt der Colorado eine Strecke nach Nordosten, ehe er in gewaltigen Krümmungen nach Westen und Süden biegt, um erst die Grenze zwischen Arizona und Nevada und dann zwischen Arizona und Kalifornien zu bilden und schließlich auf mexikanischem Gebiet in den Golf von Kalifornien zu münden. Im Imperial Valley, nahe der Grenze zwischen Kalifornien und Mexiko, hatte ich später Gelegenheit, den Fluß wiederzusehen, einen der merkwürdigsten auf Erden.
Besser hätte ich den Mittsommertag nicht feiern können als durch diesen unvergeßlichen Ausflug nach Havasupai Point. Herr West, einer der prächtigen Führer von der Verwaltung des Nationalparks, fuhr mich in einem kleinen Fordauto die 45 Kilometer, die uns von unserm Ziel trennten. Wir hatten einen entzückenden Tag. Ich segnete unsern kleinen Fordwagen und seinen großen Vater Henry; denn daß das Auto dieses Stückchen überstand, war ein Wunder. Mit Recht sagt N. H. Darton in seinem obengenannten Buch: „Leider ..... sind diese Punkte (Havasupai und seine Umgebung) von Straßen und Pfaden ziemlich entfernt und deshalb nicht bequem zu besuchen.“
Anfangs geht es noch, aber später ist der Weg schrecklich, ein Waldpfad, auf dem das Auto schlingernd und schleudernd über Wurzeln und Reisig rollt und in tiefen, unangenehmen Radspuren stößt und schüttert. Der Wald besteht zum größten Teil aus Kiefern; majestätische Stille herrscht zwischen den hohen dunklen Stämmen. Dann lichtet sich der Wald und hört auf, und es folgt Prärie mit Büschen und Rasenhöckern. Hier muß man sich bisweilen festhalten, um nicht hinauszupurzeln! Und dabei fuhr Herr West ebenso vorsichtig wie geschickt. Am schlimmsten war es, als wir über Felsen fuhren, die aus den lockern Erdschichten emporragten und wo man jeden Augenblick befürchten mußte, daß einem im scharfkantigen Schutt ein Reifen zerschnitten wurde.
Ein Reh setzte in leichten Sprüngen über das Gelände, und an einigen Büschen faulenzte eine Herde von sieben verwilderten Eseln. Sie spitzten die Ohren, betrachteten uns unverwandt und standen unbeweglich, solange wir fuhren. Aber als wir einmal hielten, stoben sie in wilder Flucht davon, um an einem entferntern Ort wieder haltzumachen und uns von neuem zu beobachten -- ganz wie die Wildesel in Tibet, wenn eine Karawane daherzieht.
Wir fuhren an einer Hütte vorüber, wo ein Pferdebesitzer sein Hauptquartier hat, schaukelten zwischen Black Bush und Sage Brush[3] vorwärts und erreichten schließlich einen sehr schönen Wacholderwald. Die Wacholder waren so groß wie Bäume, und wirkungsvoll hoben sich ihre schwarzen Stämme von dem frischen tiefen Grün der Nadelkronen ab, ein prächtiges Bild, zumal der Boden ziegelrot war. Nach zweieinviertel Stunden waren wir glücklich bei Baß Camp, wo ein paar Hütten stehen und einige Männer im Dienste des Nationalparks beschäftigt waren. Von diesem Punkt hatten wir nur noch zwanzig Minuten bis Havasupai Point.
In der Nähe des Kaps war der Boden ziemlich hart und eben. Wir fuhren bis auf die Spitze hinaus. Wenn man hier in voller Fahrt ankommt und am Motor oder Steuerrad etwas nicht in Ordnung ist, hat man alle Aussicht, über den Rand in den Luftraum hinauszurollen, um einige Sekunden zwischen Himmel und Erde zu schweben und 1000 Meter tiefer in einen Scherbenhaufen verwandelt zu werden. Aber Herr West stoppte im rechten Augenblick und stellte den Fordwagen in den Schatten eines Wacholders. Er nahm eins der Autopolster und legte es auf die äußerste Spitze des Kaps, und ich ließ mich hier mitten in der Sonnenglut nieder. Die Steine waren so warm, daß man sie nicht berühren konnte, und das Kissen roch fast wie angesengt.
Havasupai Point liegt 2028 Meter über dem Meeresspiegel; die Aussicht ist überwältigend, so ungeheuer sind die Maße und so kühn und wunderlich bizarr die Linien.
Es war fast ¾1 Uhr, als wir unser Ziel erreichten. Ich hatte also knapp viereinhalb Stunden zur Verfügung, denn spätestens um 5 Uhr mußten wir die Rückfahrt antreten. Im Dunkeln ist es ganz unmöglich, den Weg zu finden, ja selbst bei Tageslicht fährt man auf einzelnen Strecken nach dem Gefühl, wo einem das Gelände gerade fahrbar zu sein scheint. Ich wußte ja nicht, ob ich jemals in meinem Leben an diesen Platz zurückkommen würde, und die fliehenden Stunden mußten darum ausgenutzt werden. Die erste halbe Stunde kommt man nicht aus dem Staunen. Man ist benommen von diesem Anblick und schaut und schaut. Es ist zu viel auf einmal. Nach allen Richtungen, außer nach Südwesten, ist die Aussicht überwältigend. Man wird still und stellt keine Fragen. Für den Augenblick interessiert es mich nicht im geringsten, wie alle diese Pyramiden, Rücken und Abgründe auf der Karte heißen. Mir ist, als stünde ich vor dem Hochaltar der heiligsten Kirche der Erde. Ich vergesse fast zu atmen und ringe nach Luft. Ich brauche Zeit, mich zu sammeln und meine Eindrücke und Begriffe von Raum und Entfernungen, von Maßen und Neigungswinkeln, von Farben und Formen zu ordnen. Ich erblicke den Fluß unten in der Granitschlucht und habe eine Stütze für die Orientierung.
Dann richte ich meine Aufmerksamkeit auf die nächste Umgebung. Ich stehe auf einem Kap, das wie ein Bugspriet nach Nordosten vorspringt und das auf allen Seiten, im Westen, Norden, Osten und Süden, von bodenlosen Abgründen umgeben ist, nur in Südwesten hängt es mit der breiten, vom Colorado umflossenen Halbinsel zusammen. Auch auf Havasupai Point befindet man sich wie auf einem Sprungbrett, das in den leeren Raum hinausragt. Von dem Fluß selbst sind beträchtliche Strecken zu sehen, die sich als schmales graues Band abheben, und hier und da erkennt man deutlich die Stromschnellen. Nach Osten, d.❁h. in die Gegenden, die ich schon kannte, reicht der Blick bis zu der wohl 50 Kilometer entfernten Mauer der Palisaden. Dieser prächtige Hintergrund ist in schwachen leichten Tönungen wie durch ein offnes Tor zu sehen, dessen Pfeiler von scharf gezeichneten, jäh abstürzenden Kaps des Nord- und des Südrandes gebildet werden. In mein Tagebuch schrieb ich zum fünftenmal: Dieser Punkt bietet doch die schönste Aussicht im Gran Cañon! Sie übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe. In der Zeit, die ich am Rio Colorado schon zugebracht hatte, hatten sich meine Eindrücke von diesem märchenhaft herausgemeißelten Teil der Erdrinde im Crescendo gesteigert, und ich nahm als feststehend an, daß Havasupai Point ein Höhepunkt sein werde, der nicht mehr überboten werden konnte.
Nachdem ich mich von dem ersten Erstaunen erholt hatte, nahm ich Zeichenblock und Bleistifte hervor. Zu irgendwelchen farbigen Versuchen reichten die armseligen vier Stunden nicht. Ich begann eine Skizze der Landschaft im Westen. Sie zeigt einen nahen Ausläufer des Südrandes, der in Westnordwesten in den Fossil Mountain übergeht. Dieses Bild gibt eine recht klare Vorstellung von dem bei allen Tempeln und Pagoden wiederkehrenden Wechsel zwischen steilen Absätzen und senkrechten Wänden und von den vorspringenden Leisten, die deutlich die horizontale Lagerung der Schichten verraten. Man läßt den Blick an diesen Steilhängen hinuntergleiten und sieht, wie sie bis in schwindelnde Tiefen unmittelbar unter unsern Füßen hinabreichen. Hinter diesen pyramidenförmigen Gipfeln sieht man den überall im Gran Cañon gleichen Hintergrund mit seiner Schichtenfolge in verschiedenen Farbtönen.
Nachdem ich mich mit meiner ersten Zeichnung fast zwei Stunden lang abgemüht habe, beginne ich die nächste, indem ich mich weiter nach rechts wende und die Richtung Nord 20° West in die Mitte des Blockes nehme. Im Vordergrund der Skizze (S. 147) ist die Spitze eines Ausläufers zu sehen, der wohl zum Fossil Mountain gehört und auf seiner Ostseite eine Reihe von vier einander recht ähnlichen senkrechten Partien zeigt. Da sie aus der in dichtem Schatten liegenden Mauer vorspringen, von der sie ein Teil sind, werden sie scharf von der Sonne beleuchtet und heben sich von dem schwarzen Hintergrund grell ab. Sie gleichen den Pfeilern eines riesigen Bauwerks. Ein übermenschlicher Baumeister hat die Zeichnung dazu entworfen. In ihrer dekorativen Schönheit und Größe sind sie grenzenlos phantastisch, und man fragt sich, ob man vor einem archäologischen Rätsel steht. Ist es möglich, daß die Natur selbst diese regelmäßigen wandfesten Säulen hat formen und modellieren können? Wie ich mit dem Bleistift ihren Umrißlinien folge und die Schatten einzeichne, so wie ich sie sehe, kann ich mich nicht des Gedankens erwehren, daß dieses Detail auf der Skizze höchst unwahrscheinlich aussieht. Wenn jemand an der Richtigkeit der Darstellung zweifelt, kann er ja hinfahren und nachsehen. Die Reise ist äußerst bequem, und bis man den Gran Cañon erreicht hat, wird der schlechte Weg, den ich beschrieben habe, ohne Zweifel durch eine Zementstraße ersetzt worden sein.
Die hohe Partie, die auf meiner Zeichnung über und hinter den Pfeilern zu sehen ist, ist Grand Scenic Divide, und die Taltiefe diesseits seines Rückens ist der Serpentine Cañon. Noch weiter hinten erblickt man andere Teile der Einrahmung des Gran Cañon. Es ist jedoch nicht immer leicht herauszufinden, wie das, was man sieht, zusammenhängt, da bei gewissen Beleuchtungen die stets in gleicher Höhe liegenden Schichten zu scheinbar fortlaufenden Linien verschmelzen, während sie in Wirklichkeit verschiedenen Teilen angehören. Aus demselben Grund ist es nicht leicht zu bestimmen, wo der Colorado die Landschaft, die wir sehen, verläßt.
Jenseits des Flusses, im Nordwesten, hebt sich das mächtige Powellplateau ab mit einer Menge von Ausläufern nach Süden, Südwesten und Westen, im Osten begrenzt von dem tief eingeschnittenen Muav Cañon.
Schließlich hatte ich nur noch eine halbe Stunde zur Verfügung; sie wurde zum größten Teil zu einer Skizze der Aussicht nach Nord 30° Ost (S. 151) benutzt. In ihrem Vordergrund ist die Rinne des Flusses zu sehen, dahinter das Gewirr der Felsrücken und Seitencañons, die zum Shinumo Amphitheater gehören. Dieser ganze Teil des Gran Cañon lag jetzt in der Glut der Nachmittagssonne, und die Schatten hatten sich noch nicht der Hänge der Berge bemächtigt. Ohne diesen harmonischen Wechsel von Licht und Schatten tritt die rücksichtslos kühne Skulptur nicht hervor. Die Entfernung bis zu dem ganz hinten im Nordosten liegenden Nordrand, der auf meiner Skizze angedeutet ist, beträgt fast 17 Kilometer.
Da noch acht Minuten bis 5 Uhr fehlten, nahm ich ein neues Blatt vor und warf in aller Eile eine Umrißzeichnung der Landschaft im Osten (S. 155) aufs Papier. Es konnten freilich nur die großen Züge gegeben werden, ein flüchtiger Eindruck, eine Stütze fürs Gedächtnis.
Zum Schluß will ich einige Zeilen Dartons über die Geologie dieser Gegend anführen. Er sagt über das Powellplateau: „An dessen südöstlichem Ende liegt Dutton Point mit großen Steilhängen aus Kaibabkalkstein und grauem Coconinosandstein und darunter mit gewaltigen Stufen aus rotem Supaisandstein. Am Südrande des Powellplateaus liegt Wheeler und weiter nach Westen Ives Point, die überall dieselbe Schichtenfolge zeigen wie Dutton Point. Die Granitschlucht läuft jenseits dieser Kaps nach Westen weiter, hört aber auf, wenn der harte Granit schließlich an der großen Flußkrümmung südlich des Powellplateaus untertaucht und verschwindet. In der Tiefe des Shinumo Creeks und längs der Abhänge des Gran Cañon rechts und links der Mündung des genannten Creeks sieht man große Massen von dunklem Sandstein, Kalkstein und rotem Schiefer der Unkargruppe, die über dem Granit liegen. Die Unkarschichten sind infolge vieler Verwerfungen stark gefaltet und gebrochen.“
Während ich zeichnete, hatte Herr West Feuer gemacht, Kaffee gekocht und den Inhalt unseres Proviantbeutels aufgetischt. Im Schatten eines üppigen Wacholders nahmen wir unsern späten Lunch ein, mit Gebäck und Apfelsinen als Nachtisch. Schnell waren wir fertig, dann packten wir unsere Siebensachen wieder ins Auto und traten die Rückfahrt an -- durch einsamen Wald und Prärien.
[3] Professor Skottsberg teilt mir mit, daß Black Bush und Sage Brush die zwei wichtigsten charakteristischen Sträucher auf dem Coloradoplateau und den Cañonhängen sind: Black Bush, ~Coelogyne ramosissima~, ist eine Rosazee; Sage Brush, ~Artemisia tridentata~, ist eine Beifußart.
Zehntes Kapitel.
Nach Phantom Ranch am Nordufer des Colorado.
Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, von El Tovar geradeswegs nach Los Angeles zu reisen. Allgemein sagte man mir, ich könnte mir den Nordrand des Gran Cañon recht gut schenken, da er sich an Naturschönheit mit dem Südrand nicht zu messen vermöge. Als Beweis führte man an, daß der Nordrand mit seiner höchst phantastisch eingeschnittenen und zernagten Umrißlinie und seinen ungemein malerischen Pyramiden und Tempel einen unvergleichlich schönern Anblick vom Süden aus gewähre als die Südseite; dieser fehlten von Norden gesehen die scharfen Einbuchtungen und freistehenden Türme und Tempel. Man wies auch darauf hin, welche Bedeutung die Beleuchtung habe. Da die Sonne im Süden steht, muß man vom Südrand aus seine Beobachtungen machen, wenn man die Wirkungen des Sonnenlichts auf die im Norden gelegenen riesenhaften Skulpturen sehen will. Von Norden aus zeigt die Mauer des Südrandes dagegen eigentlich einen fortlaufenden Schatten ohne Einzelheiten und ohne hervortretende Formen. Schließlich hob man auch hervor, der Nordrand sei im allgemeinen 300 Meter höher, so daß sich der Südrand, von der gegenüberliegenden Seite aus gesehen, weniger imposant ausnehme als umgekehrt.
Eines Tags lernte ich jedoch einen Herrn kennen, der selbst auf dem Nordrand gewesen war und der erklärte, die Aussichten, die man von dort aus genieße, seien das Großartigste, was der Gran Cañon an überwältigender Naturschönheit biete. Seiner Ansicht nach ist die Entscheidung über die Vorzüge der beiden Ränder nur eine Frage der Konkurrenz. Die Union Pacific Railway Co. soll nämlich die Absicht haben, eine Bahnlinie an den Nordrand des Gran Cañon zu bauen und dort ein prächtiges Hotel zu errichten, das nach Fertigstellung den Wettbewerb mit der Santa-Fé-Bahn und El Tovar aufnehmen werde. Ich für meinen Teil glaube freilich, daß, selbst wenn dieser Plan ins Werk gesetzt wird, die Santa-Fé-Gesellschaft und Ford Harvey ganz beruhigt sein können. Denn welche Vorzüge der Nordrand auch haben mag -- Vergleiche sind hier übrigens unmöglich --, so hat man den Gran Cañon gar nicht gesehen, wenn man nicht den Südrand in der Gegend von El Tovar und vor allem bei Navaho Point (Desert View) besucht hat. Nur von Süden aus sind die Tempel in Verkürzung und in der feuerroten Abendbeleuchtung zu sehen. Im Norden hat man zwar ihre ungeheuren Felsmassen viel näher, aber man beherrscht sie nicht alle auf einmal, und es entgeht einem die gleichmäßige tiefe Glut der Abendsonne auf ihren Hängen. Ich glaube daher nicht, daß ein Konkurrent im Norden eine Gefahr für die Entwicklung von El Tovar bedeuten könnte -- eher einen Vorteil.