Part 11
Denkt man sich auf jeder Seite des Gran Cañon ein prächtiges Hotel, die beide mit magnetischer Kraft Massen von Touristen an sich ziehen würden, so entsteht die Frage, wie zwischen ihnen eine Verbindung quer über die Taltiefe herzustellen wäre. Eine Bahnlinie ist unmöglich. Aber eine Autostraße mit Tunneln und malerischen Galerien!
Eine solche würde es jedem, auch älteren Leuten, ermöglichen, den Gran Cañon gründlich zu sehen. Doch Automobile im Gran Cañon wären eine Geschmacklosigkeit, die den Zauber der Wildnis vernichten würde, eine Entheiligung, die den Tempelfrieden des Tales stören würde. In dieser Hinsicht teile ich die Auffassung Clarksons und, wie ich glaube, auch der andern Herren in El Tovar: meinetwegen mag man in und über dem Gran Cañon in Flugzeugen kreisen, die keine Wege brauchen und keine Spuren hinterlassen, aber nur keine Automobile! Wer sich nicht der Mühe unterziehen will, auf dem Rücken eines Maultiers die schmalen, steilen Pfade hinabzureiten, muß darauf verzichten, am Ufer des Flusses zu rasten.
Für mich war es freilich ein leichtes, meinen Entschluß zu fassen. Ich hatte mich in den Gran Cañon eingelebt und hinreichend viel von ihm gesehen, um mir klar zu sein, daß ich diese Gegend nicht verlassen +konnte+, ohne auch am Nordrand gewesen zu sein. Meine Freunde Crosby, Clarkson und Petrosa billigten meinen Plan und erleichterten seine Ausführung in jeder Weise. Ich wollte den Bright Angel Trail hinabreiten, über den Fluß und zum Camp des Nordrandes hinauf und einige Tage im „Lager“ bleiben, um dann mit dem Auto nach Salt Lake City zu fahren. Nach dieser Stadt wurde also mein ganzes schwereres Gepäck mit der Bahn geschickt, und ich nahm nur das unbedingt Notwendige in einer kleinen Tasche mit, vor allem Zeichen- und Malgerät. Meine ganzen Habseligkeiten hatten in einer Satteltasche meines Maultiers Platz. Man telephonierte an die Stationen im Norden und willfahrte gern meinem Wunsch, Sandy MacLean, den ich schon kannte, als Führer zu erhalten. Oberst Crosby gab mir alle Aufschlüsse, die ich brauchen konnte, und ein paar neue Kartenblätter.
An den beiden letzten Abenden in El Tovar war ich draußen am Hochrand, um die wunderbare Stimmung zu genießen, die der Mondschein hervorrief. Eine ungestörte, fast unheimliche Stille lag über der Gegend. Nur hin und wieder hörte man das Rufen eines Nachtvogels. Die Kiefern ganz draußen am Rand werfen dunkle Schatten auf den Boden. Bisweilen ist hier oben nur der Schatten des Stammes zu sehen, während der Schatten der Krone über tausend Meter tiefer im Grunde des Tales den Boden trifft. Nur die nächsten Kaps und Vorsprünge heben sich in bleichem, bläulichem Licht ab. Aber vor ihnen gähnt der dunkle unbekannte Abgrund, in dem alle Einzelheiten wie unter einem Schleier verschwinden. Die herrschende feierliche Stimmung läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Wie angewurzelt steht man am Rand. Es ist Nacht. Die Erde schläft. Unter mir öffnet sich das unermeßliche Grab, dessen Schlund vom Silberschein des Mondes erfüllt ist und doch in geheimnisvollem Dunst verschwindet.
Ich wollte in der Frühe des 27. Juni mit Sandy aufbrechen. Aber ehe die letzten Vorbereitungen getroffen und Mundvorrat und Gepäck auf unsere beiden Maultiere geladen waren, war ein großer Teil des Vormittags verstrichen. Zum Schluß wurde ich noch photographiert. Man wünschte durchaus, ich sollte mich dazu an den äußersten Rand eines Absturzes setzen, der fast 300 Meter maß; das Bild, das nach Haus geschickt wurde, zeigt auch, daß ich mich nicht unbedingt auf mein eigenes Gleichgewicht verließ, sondern mich mit beiden Händen aufstützte. Nachdem ich meinen Freunden Lebewohl gesagt hatte, brach ich endlich um 11 Uhr auf. Oberst Crosby begleitete mich zu Fuß bis zu dem Punkt am Rand, wo der Pfad in unzähligen Zickzackbiegungen steil hinabführt. Er beginnt unmittelbar westlich des Hotels. Im allgemeinen gilt er als steiler als der westlichere, nach Hermit Camp führende Pfad. Sicher ist, daß man in noch höherm Grade die Bewegungen des Maultiers zu parieren sucht, indem man sich nach hinten lehnt und auf den Rücken seines Reittiers zu liegen kommt. Auf den Hängen wachsen Laubbäume, vor allem Eichen, und Sträucher. Wir befinden uns noch im Schatten der fast senkrechten Kaibabmauer. Die Luft ist herrlich. Oben hatten wir um 10 Uhr 23,5 Grad gehabt.
Darton gibt in seinem Buch einen Überblick über die Schichten und Gesteine, an denen man auf diesem Weg vorüberkommt, und führt auch die Mächtigkeit der verschiedenen Ablagerungen an. Die oberste, der Kaibabkalkstein, auf dem 2093 Meter über dem Meer El Tovar erbaut ist, ist hier 206 Meter mächtig, und gewisse Lagen seiner weißen feinkörnigen Schichten, auf denen der Bright Angel Trail gebaut ist, sind reich an Abdrücken fossiler Muscheln und an Bruchstücken harten gelben Feuersteins.
Gerade da, wo dieser Kalkstein aufhört und man den 95 Meter mächtigen grauen Coconinosandstein betritt, ist ein kleiner kurzer Tunnel gesprengt. Die Grenze der beiden Formationen ist sehr deutlich. Am Tunnel kommt man auch an einer gewaltigen Verwerfung vorüber. Der Teil der Cañonmauer, der westlich der Verwerfungslinie liegt, ist durch eine Hebung der Erdrinde 43 Meter über den östlichen emporgehoben worden. Der Tunnel selbst verläuft daher ganz im Coconinosandstein. Übrigens liegt der Bright Angel Trail zum größten Teil östlich der Verwerfungslinie; erst weiter unten, wo der Pfad die Ablagerungen der Tontogruppe betritt, führt er westlich davon. Unmittelbar ehe man die östliche Mündung des Tunnels erreicht, sieht man sehr deutlich die Schichtung des Kalksteins und Sandsteins in ihrem gegenseitigen Verhältnis und zur genannten mächtigen Spalte, in der die Bruchflächen der Erdrinde aneinander abgeglitten sind. Lockeres Material des Verwerfungsgebietes ist hinuntergestürzt und hat einen Schuttkegel gebildet, ohne den es unmöglich gewesen wäre, einen Pfad anzulegen und an dem sonst unübersteigbaren Hindernis vorüberzukommen, das die senkrechte Coconinomauer im Gran Cañon überall bietet.
Auf der ganzen Strecke von El Tovar bis hinunter zur Brücke und über den Colorado bewegt man sich im großen und ganzen nach Nordosten, während der Pfad zahllose kleine scharfe Krümmungen macht.
Der Übergang vom Coconino zu der roten Supaiformation, die hier eine Mächtigkeit von 340 Meter hat, ist sehr schroff. Die amerikanischen Geologen haben gefunden, daß Schichten von hartem Sandstein mit solchen von weichem Schiefer abwechseln; das hat zur Folge gehabt, daß die Kräfte des Luftmeers Terrassen und Tische herausgemeißelt haben, die immer rot und oft von prächtiger architektonischer Wirkung sind. Diese Struktur tritt an dem „Kriegsschiff“, das unmittelbar westlich unseres Weges seinen Rumpf erhebt, und an mehreren andern Steilhängen in unserer Nähe besonders schön hervor.
Dann folgen die Felsen des Redwall mit einer Mächtigkeit von 170 Meter. Darton weist auf eine allgemein vorkommende Erscheinung hin, die man vor allem bemerkt, wenn man die Riesenmauern des Gran Cañon in Farben wiederzugeben sucht. Die senkrechten Abstürze des Redwall sind nämlich von dem Schlamm, den das Regenwasser von den darüberliegenden roten Schiefern mit sich führt, in verschiedenen Schattierungen rot gefärbt, während der Kalkstein selbst im Bruch hellgrau ist. Die rote Farbe ist also eine Folgeerscheinung, die aber zu dem Namen Redwall Anlaß gegeben hat.
Auf Metallschildern, die die Geologische Landesuntersuchung hat anbringen lassen, sind die absoluten Höhen angegeben. Auch hier erfährt man also von Zeit zu Zeit, wie tief man unter den Hochrand hinabgestiegen ist. Bei der Höhenzahl 3876 Fuß (1181 Meter) über dem Meer soll Platin gefunden werden, wie mir Sandy erzählt. Der Weg dorthin trägt den bezeichnenden Namen „Jakobsleiter“; er ist in der Tat halsbrecherisch.
Die Ablagerungen der Tontogruppe, auf denen wir uns jetzt befinden, sind 245 Meter mächtig. Der Indian Garden, wohin es von der Höhenmarke 3876 nur noch einige Minuten sind, liegt also im Tonto. Der Seitencañon, dem wir die ganze Zeit gefolgt sind, heißt Garden Creek.
Unser heutiger Ritt maß fast 20 Kilometer, und wir waren fünf Stunden unterwegs. Aber wir rasteten auch mehrere Male, um zu zeichnen, und gönnten uns im Indian Garden eine herrliche Ruhestunde. Die Temperatur betrug hier um 1 Uhr 35 und in der Sonne 46 Grad. Der Indian Garden ist eine kleine prächtige Oase in dieser sonnendurchglühten Steinwüste. Hier treten lebenspendende Quellen zutage und bilden einen munter plätschernden Bach mit klarem, lauwarmem Wasser von 23,6 Grad. Wie Darton berichtet, benutzten die Indianer es zur Bewässerung ihrer Getreidefelder, mehrere hundert Jahre vor der Ankunft des weißen Mannes. Mit Weinranken überwachsene Weiden und ein üppiger Pflanzenwuchs bilden ein kühle, feuchte Laube, durch die der Quellbach fließt. Ungern verläßt man den angenehmen Schatten, um sich wieder der Sonnenglut auszusetzen. Die zu El Tovar gehörenden Häuser am Anfang des Bright Angel Trail sehen von hier unten wie kleine Punkte aus.
Auf dem harten Sandsteingrund der Tontoplattform führt unser Weg entlang, nachdem wir den Indian Garden und seinen Creek verlassen haben. Wir reiten eine Strecke nach Osten und haben Isis und Buddha Temple zu unserer Linken und Brahma und Zoroaster Temple halb links vor uns. Den Tonto Trail, dessen Anfang wir bei Hermit Camp sahen, lassen wir links liegen. Hoch oben auf den Hängen unterhalb des Südrandes erblicken wir eine Reiterschar. Infolge der Entfernung sieht es aus, als bewege sie sich nicht von der Stelle. Yavapai und Yaki Point schweben hoch über uns als scharf gezeichnete Vorsprünge. Wir kommen an zwei Grotten vorüber, die in einer senkrechten Felswand etwas über dem Boden liegen; in ihnen haben vor Zeiten Höhlenbewohner gehaust. Eine kleine Herde verwilderter Esel (Burros) kreuzt kaum 100 Meter vor uns den Pfad und verschwindet zwischen den Hügeln in einer hellgrauen Staubwolke. In der Ferne ist eine zweite Herde zu sehen. Ich betrachtete sie nicht mit derselben Aufmerksamkeit und Bewunderung wie ihre wilden Stammesgenossen in Tibet. Sie sind wie wir selbst Fremdlinge in dieser erhabenen Natur; nur ein Zufall hat sie hierhergeführt. Büsche, die in Erosionsfurchen und Schluchten wachsen, und die vertrockneten Grashöcker auf den Hängen geben ihnen Nahrung.
Wir betreten nun den Pipe Creek, mit dem sich weiter unten der Garden Creek vereinigt. Hier steht noch eine grün angestrichene Hütte aus der Zeit, als Phantom Ranch, unser nächstes Ziel, erbaut wurde. Nach kurzer Frühstücksrast kommen wir an Burro Spring und seinem kleinen Rinnsal vorüber, und eine halbe Stunde später hebt sich in der Tiefe unter uns jenseits des Flusses Phantom Ranch ab. Eine Tafel gibt an, daß wir bis zur Brücke über den Colorado noch zwei Meilen (3,2 Kilometer) haben. Kurz darauf treten alle die Felsen und Vorsprünge zurück, die bisher die Aussicht auf den Fluß verdeckten. Die Landschaft in ihrer dunklen engen Wildheit wird jetzt wieder überwältigend, und auf halsbrecherischen Abhängen steigen wir in die Granitschlucht hinab, die hier 421 Meter tief ist. Schon von der Tontoplattform hatten wir eine prächtige Aussicht auf die Rinne, aber jetzt stehen wir an ihrem Rand, und alle Einzelheiten treten hervor. Je tiefer wir hinabkommen, desto stärker wird das Tosen der Stromschnellen. Die Hängebrücke über den Fluß erscheint schmal wie ein Streichholz, und ihr ebenso schmaler Schatten liegt als schwarzer Strich auf dem grauen Wasser.
Während des ganzen Abstiegs hatten wir, ebenso wie von El Tovar aus, vorzügliche Aussicht auf das Tal, das von Nordosten kommend in den Gran Cañon mündet und Bright Angel Creek heißt. Dies Tal wollten wir am nächsten Tag hinaufreiten. Seine untern Teile schneiden in Granit und Gneis ein, während die mittlern Regionen durch die Gesteine der Unkargruppe führen. Im Nordwesten, nördlich des Colorado, wie im Osten, südlich des Flusses, tritt die Unkarformation an mehreren Stellen zutage.
Der Rio Colorado ist hier 90 Meter breit und 7½ bis 10½ Meter tief. Am südlichen Brückenkopf rasten wir im Felsschatten, und ich zeichne eine Skizze (S. 161), während Sandy die Maultiere hinüberführt. Die Brücke ist 128 Meter lang, 1½ Meter breit und mit Bohlen belegt. An den Seiten ist sie mit Drahtnetz geschützt, so daß man ganz beruhigt sein kann, selbst wenn die Maultiere scheuen. Dagegen kann es gefährlich sein, sie bei starkem Wind zu überschreiten. Wie Sandy erzählt, geriet einmal die Brücke bei einem schrecklichen Sturm in so heftige Schwingung, daß sie sich überschlug. Seitdem ist sie mit Hilfe von eisernen, an den Seiten angebrachten Kabeln besser verankert worden. Wir befinden uns hier 762 Meter über dem Meer und sind somit von El Tovar 1331 Meter hinabgestiegen.
Nach Überschreiten der Brücke reitet man ein Stück auf einem Gesims am rechten, nördlichen Ufer, unmittelbar über den sich dahinwälzenden Wassermassen. Dann verläßt man den schwindelerregenden Pfad, kreuzt einen Flugsandgürtel, auf dem Büsche wachsen, und erreicht schließlich den Punkt, wo der Bright Angel Creek in die Rinne des Colorado, die Granite Gorge, mündet. In dem Seitental fließt ein Bach, an dessen Westufer der Pfad zu der gemütlichen Unterkunftsstation Phantom Ranch hinaufführt. Hier sind hübsche Steinhütten erbaut; jede hat zwei kleine Veranden, zum Schutze gegen Insekten mit feinen Drahtnetzen versehen. Ebenso wie in Hermit Camp sind Küche und Speiseraum in einer besondern Hütte untergebracht, in der sich die Gäste zu bestimmten Zeiten versammeln.
Vom Sonnenuntergang sah ich heute abend nicht viel. Phantom Ranch liegt auf dem Grunde dieser tief eingeschnittenen Talschlucht, und man ist wie in einem Korridor eingeschlossen. Nur die Zinne des südlichen Cañonrandes rings um Yavapai Point wird von der sinkenden Sonne vergoldet, und auf den höchsten Kämmen, die den Bright Angel Creek umrahmen, blitzt hier und da ein goldner Streifen. Bald erlöschen sie, und schnell bricht dann die Dämmerung herein, hier unten in der Tiefe viel früher als auf den offnen Weiten von El Tovar.
Meine Hütte hat nur ein einziges Zimmer, das Schlafgemach mit indianischen Matten auf dem Fußboden, und ein Kämmerchen, in dem man sich durch eine herrliche Dusche erfrischen kann. Da es um ½10 Uhr auf der Veranda, wo mein Bett stand, noch 34,6 Grad hatte, besprengte ich Fußboden, Dach und Gitter mit Wasser und erreichte dadurch, daß die Temperatur auf 28,6 Grad sank. Langsam steigt der Mond am Himmel empor. Während die Bergwand der rechten Talseite fast bis zum Fuß hinab beleuchtet ist, liegt die linke in dichtem Schatten. Es dauerte noch eine Weile, ehe der Mond sich über ihrem Kamm blicken ließ. Der Gesang der Grillen und das Murmeln des Baches sind die einzigen Laute, die die Stille der Nacht stören. Ich hatte erwartet, daß des Nachts ein kühler Bergwind ins Tal wehen würde, aber der herrschende Luftzug vermochte kaum die Blätter zum Rascheln zu bringen. Die Hitze des Tages bleibt im Tal drückend liegen, und die von der Sonne erhitzten Berghänge strahlen während der Nacht ihre Wärme aus. Trotz der eigenartigen Schönheit der Gegend und der Gemütlichkeit und Behaglichkeit in Phantom Ranch kann man sich nicht des Gefühls erwehren, als säße man in einem geschlossenen Wagen, und man sehnt sich nach weiten Horizonten. Ich beschloß daher, die nächste Nacht an einem höhern Punkte des Tals zuzubringen.
Am 28. Juni waren es um 5 Uhr morgens 25, um 10 Uhr 30,1 und um 11 Uhr 31,2 Grad.
Ganz in der Nähe der Stelle, wo der Bright Angel Creek in den Colorado mündet, ist auf einem Hügel eine kleine Hütte errichtet. Hier wohnt das ganze Jahr hindurch, einsam wie ein Eremit, ein Mann, der täglich den Wasserstand des Flusses und jeden zweiten Tag die Wassermenge mißt und telegraphisch nach Imperial Valley und Denver meldet. Seine einfache Wohnung erhält ihr Wasser durch eine Rohrleitung, die von einem Punkt oberhalb Phantom Ranch ausgeht, aber seine Mahlzeiten nimmt der Beobachter im Speisezimmer zusammen mit den Touristen ein. Er heißt J. W. Johnson und sein Titel lautet U. S. T. S. Recorder Grand Canyon, Chief Hydraulic Engineer U. S. Geological Survey, Washington, D. C. (Beobachter am Gran Cañon im Telegraphischen Staatsdienst, Wasserschutz-Oberingenieur der Geologischen Landesuntersuchung). Ich lernte also Herrn Johnson kennen und erhielt von ihm folgende Aufschlüsse.
Die Messungen werden von einem Korb aus vorgenommen, der auf einem neben der Brücke gespannten Kabel auf Rollen läuft. Das Kabel ist in zwanzig Abschnitte mit 15 Fuß (4,6 Meter) Zwischenraum eingeteilt; denn der Fluß hat hier eine Breite von 300 Fuß (91,5 Meter). Die Stromgeschwindigkeit in zwei verschiedenen Tiefen und die Flußtiefe werden also an neunzehn Punkten gemessen. Die mittlere Tiefe betrug jetzt etwas mehr als 9 Meter. Im Winterhalbjahr (September bis März) erreicht die Wassermenge ihren Tiefpunkt mit 153 Kubikmeter in der Sekunde, die bei dem Gefälle etwa 5400 Pferdestärken entsprechen. Bei meinem Besuch belief sich die Wassermenge auf 1740 Kubikmeter, und der Wasserstand war 4,9 Meter über Normal. Am 4. Juni hatte er 8,05 Meter und im Jahr 1921 9,75 Meter betragen. Am 4. Juni war die Wassermenge fast doppelt so groß gewesen wie heute am 28. Juni, nämlich 3400 Kubikmeter in der Sekunde. Die Stromgeschwindigkeit hatte an jenem Tag im Durchschnitt 2,13 Meter in der Sekunde erreicht. Die höchste Geschwindigkeit ist 3,35 Meter, die geringste 0,46 Meter in der Sekunde. Am Tage vor meiner Ankunft war die Wassermenge um 85 Kubikmeter geringer als am 28. Juni, und der Bright Angel Creek führte nur 0,86 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Das Wasser des Bright Angel Cañon stammt aus vier Quellen.
Im Jahr 1923 wollte E. L. Kolb zum drittenmal das Wagestück unternehmen, im Boot den Colorado hinabzufahren. Er war der Leiter einer Gruppe von zehn Topographen mit vier Booten. 1922 hatten sie ihre Messungen und kartographischen Arbeiten am Green River in Utah begonnen. Sie hatten zwei Monate gearbeitet und wollten jetzt in den nächsten drei Monaten nach Needles in Kalifornien hinunterfahren. In El Tovar hatte ich darüber einen interessanten, durch Karten und Bilder besonders gut erläuterten Vortrag von Herrn Kolb selbst gehört. Der erste, der sich durch eine solche Bootfahrt berühmt machte, war, wie schon erwähnt, Powell im Jahr 1869. Bei einer so tollkühnen Fahrt, auf der man ständig Gefahr läuft, in den Stromschnellen zermahlen zu werden, braucht man noch nötiger als sonst die Kraft seiner beiden Arme. Powell hatte nur einen Arm, aber er führte sein Wagnis trotzdem glücklich durch.
Man berechnet, daß jährlich an 300 Millionen Tonnen Schlamm in den Golf von Kalifornien geführt werden. In der Imperial Valley genannten Gegend, die auf der Grenze von Arizona und Kalifornien nicht weit von der Mündung des Colorado liegt, ist im Lauf von unübersehbaren Zeiten durch die Anschwemmungen des Flusses ein überaus fruchtbarer Boden entstanden. Aber da der Colorado in seiner Rinne durch sie hindurchfließt, ist das Gebiet selbst ohne Wasser und daher ganz wüst und öde. Später hat man sich den Fluß zunutze gemacht, Kanäle gegraben und ein Bewässerungsnetz angelegt, durch das viele Tausende Quadratkilometer der Wüste entrissen wurden. Vor einigen Jahren noch war diese Wildnis wertlos. Seitdem aber der Boden unermeßlichen Ertrag an Baumwolle und Früchten liefert, muß man bis zu zweitausend Dollar für einen Acre (40,5 Ar) bezahlen.
Im Interesse dieser Bewässerung macht Herr Johnson seine Beobachtungen und telegraphiert täglich nach Yuma, dem Hauptort im Imperial Valley. Man weiß daher volle sieben Tage vorher, welche Wassermenge man zu erwarten hat, und kann danach seine Vorkehrungen treffen. Später hatte ich Gelegenheit, in Begleitung eines der größten kalifornischen Grundbesitzer, der besonders im Imperial Valley begütert war, des Herrn Harry Chandler, diese merkwürdige Gegend zu besuchen.
Elftes Kapitel.
Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand hinauf.
Ich hatte in Phantom Ranch zu bleiben gedacht, um zu sehen, wie Herr Johnson seine Messungen machte, aber am Nachmittag erhielt Sandy den telephonischen Bescheid, wir müßten uns beeilen, da die Maultiere in El Tovar gebraucht würden. Obgleich es schon 2 Uhr war, machten wir uns also zu einem kürzeren Ritt fertig, zehn Kilometer aufwärts zu den Altar Falls, wo wir die Nacht verbringen wollten. Bei Phantom Ranch betrug die Temperatur um diese Zeit 36,1 Grad, um 3 Uhr, ein Stück weiter aufwärts im Bright Angel Cañon 39,6 und im Bach 22,8. Das Tal war schmal wie ein Korridor. An einer Stelle schrumpft es zu einem nur 6 Meter breiten Hohlweg zusammen. Hier und da wachsen Weiden und Büsche. Der Pfad ist recht schlecht, aber den Maultieren ist jedes Gelände recht. Das Tal ist von dem Brausen des tosenden Baches erfüllt, und in weißschäumenden kleinen Fällen und Stromschnellen zwängt sich das sonst klargrüne Wasser zwischen Steinen und Blöcken hindurch. Nicht weniger als sechsundachtzigmal mußten wir das Bächlein überschreiten.
Ab und zu ist der Nordrand zu sehen, die Zinne des Plateaus, in das der Fluß sich eingesägt hat. Dann weitet sich das Tal mehr und mehr. An einigen Stellen wachsen Pappeln; sie stehen meistens einzeln und tragen oft üppige Laubkronen. In einer kleinen Talweitung, wo mehrere Bäume einen Hain bildeten, machten wir auf einem schattigen Sandhügel kurze Rast. Die Temperatur war auf 37,8 Grad gefallen. Wir stiegen ja auch bergauf, im ganzen etwa 370 Meter.
Schließlich bogen wir in ein kleines Seitental zur Linken ein und erreichten bald die Altar Falls, wo wir uns 1160 Meter über dem Meer befanden. Das Seitental ähnelt einer Nische oder Tasche in dem roten, zur Unkargruppe gehörenden Gestein. Im innersten Teil dieser Nische hat der Quellbach in ihre senkrechte Hinterwand eine Kerbe eingeschnitten, und über deren Kante stürzt das Wasser in einem frei fallenden Strahl hinunter. Rauschend und spritzend schlägt es an einen sehr steilen, 24 Meter hohen Kegel aus Kalksinter, der an einen Altar erinnert, und fließt an seinen üppig bemoosten Seiten hinunter. Zischend peitscht das Wasser das Moos, und schießt dann in das kleine Becken hinab, das am Fuße des Kegels entstanden ist. Auch zu beiden Seiten sickern kleine Rinnsale hervor und bahnen sich einen Weg durch Kies und Moos, wo graue nasse dunkelbraune Tausendfüßler umhereilen. Unmittelbar unter dem Fall hatte das Wasser um 6 Uhr nachmittags eine Temperatur von 18 Grad. Von den 860 Sekundenlitern des Bright Angel Creek stammt nur ein geringer Teil von den Altar Falls. Die Höhe des Wasserfalls beträgt 35 Meter.