Gran Cañon

Part 12

Chapter 123,628 wordsPublic domain

Für ein Freiluftlager kann man sich keinen angenehmern Platz wünschen. Nur dreißig oder vierzig Schritt unterhalb des Falls bestand der Boden aus rotem Sand. Hier wuchsen vereinzelte Pappeln und einige Sträucher. Unmittelbar am Fuß der senkrechten, zum Teil überhängenden Felswand grub mein braver Cowboy eine Vertiefung in den Sand für mein Bett. Er hatte nämlich Decken, Laken und Kissen mitgenommen. Die Maultiere wurden angebunden. Wasser hatten wir ganz in der Nähe, und Brennstoff gab es im Überfluß. Bald kochte es in den Töpfen, und die Eßvorräte, die wir von Phantom Ranch mitgenommen hatten, wurden auf dem Sande aufgetischt. Um 8 Uhr waren es 27 Grad in der Luft. Der Abend war herrlich, still und klar. Die Dämmerung wurde dichter. Am flammenden Lagerfeuer nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Kaffee und Pfeifen erhöhten die Gemütlichkeit, und dann gingen wir zeitig zur Ruhe. Ich lag noch bis Mitternacht wach, genoß die wunderbare Stimmung und lauschte dem Rauschen des Falles und dem Murmeln des Baches, das von einem ganzen Konzert von Fröschen und Grillen begleitet war. Mit den Augen folgte ich der Bahn der Sterne über den schmalen Streifen Himmel, der zwischen den Felsgraten zu sehen war. Das kleine Seitental der Altar Falls läuft von Nordwesten nach Südosten. Die Sterne verschwanden nacheinander hinter der hohen Bergwand südwestlich des Lagers, die der Mondschein mit seinem Silber übergoß. Schließlich stieg der Vollmond über den Rand der Felsenmauer im Nordosten empor. Ich schlief eine Weile, und als ich wieder für einen Augenblick erwachte, hatte auch der Mond den dunkelblauen Raum zwischen den Felsenzinnen überschritten.

Am 29. Juni betrug die Temperatur um 7 Uhr 22,2 Grad in der Luft und 16,7 im Bach. Wir frühstückten, packten unsere Sachen und setzten unsern Ritt den Bright Angel Creek hinauf fort, indem wir wie gestern wiederholt den Bach kreuzten. Der Weg ist schlecht, aber die Touristen verirren sich ja auch selten zum Nordrand; in diesem Jahr war es nur ein paarmal vorgekommen. Bei einer kleinen von links kommenden Schlucht mit einem verschwindend kleinen Bächlein, das mein Begleiter Wall Creek nennt, befinden wir uns 1190 Meter über dem Meer. Von hier sieht man mit Hilfe des Fernglases El Tovar und den Rauch einer Lokomotive. Kurz vor 10 Uhr sind es 39,6 Grad, die größte Wärme, die ich im Gran Cañon ablas; offenbar war diese Zahl durch die Ausstrahlung der Bergwände beeinflußt, denn oben in freierem Gelände stieg die Temperatur nicht so hoch.

Man verläßt nun den Talboden und steigt sehr steil eine Bergschulter hinan, nach Manzanita empor. Der Name ist nach Sandy mexikanisch und bedeutet „kleine Orange“; dieser Strauch kommt nämlich hier vor. Auf den Hängen der andern Talseite wachsen Kiefern und Wacholder. Der Weg führt meistens durch dickichtartige Gebüsche mit harten Zweigen. Nachdem wir die Höhe erreicht haben, geht es wieder Hals über Kopf zum Bach hinab. Von links kommt ein kleiner Bach und bildet schöne Fälle auf den Felsenplatten. Jetzt steht Wacholder- und Kiefernwald auch auf unserer Seite.

Bei Roaring Springs sind wir kaum 1200 Meter von Bright Angel Point entfernt, dessen gewaltige Mauern im Westsüdwesten fast senkrecht über uns emporragen. Trotzdem haben wir noch 5½ Stunden bis dorthin, denn wir müssen mehrere Kilometer den Bright Angel Cañon hinauf nach Nordosten reiten, ehe wir an eine Stelle kommen, wo das Gelände auf das Hochland hinaufzusteigen erlaubt; dann müssen wir ebensoweit nach Südwesten reiten, um das Lager am Bright Angel Point zu erreichen.

Von rechts kommt ein kleiner Nebenfluß, der sich in schäumenden Fällen über bewachsene Abhänge hinabstürzt. Wir befinden uns in 1420 Meter Höhe. Das Wasser in unserm brausenden Gießbach hat eine Temperatur von 12,3 Grad und fühlt sich eiskalt an. Die Vegetation ist üppig; rote Felsrücken und Mauern ragen aus dem Grün empor und rufen mit ihren frischen lebendigen Farben prächtige Wirkungen hervor.

Um ½11 Uhr gönnen wir den Maultieren und uns selbst eine halbstündige Rast; ich benutze sie dazu, ein paar flüchtige Skizzen zu zeichnen. Die Landschaft ist berückend schön. Hier ist es warm und herrlich -- wie gern wäre ich auch hier länger geblieben; aber wir mußten uns beeilen, denn die Maultiere wurden in El Tovar gebraucht. Wir haben den Bach überschritten und befinden uns auf seinem rechten Ufer, nachdem wir bisher den ganzen Tag auf dem linken geritten waren.

Jetzt geht es im Zickzack die ungemein steilen Hänge der rechten Talseite hinan, nach links und nach rechts, bergauf und bergab, in unzähligen Windungen. Bisweilen ist der Pfad nur handbreit und läuft am Rande des Abgrunds entlang. Das Maultier braucht nur einen Fehltritt zu tun! Am schlimmsten ist es da, wo der schmale Pfad sich nach dem Tal zu neigt und die äußere Kante weich ist. Einmal gab der Boden unter der Last meines Maultiers nach; es glitt mit dem äußern rechten Vorderfuß aus, parierte aber gut, indem es sich auf das Knie des innern Beines fallen ließ und sich wieder erheben konnte, ehe es das Gleichgewicht verlor. Aber „Sparkplug“, wie es heißt, ist auch ein erstklassiges Reittier, und ich fühle mich auf seinem Rücken ganz sicher. Hier und da liegen runde Blöcke und hohe Steinstufen mitten auf dem Pfad; die Zickzackwindungen sind nur ein paar Meter lang, das Maultier klettert und springt den Pfad hinauf, und man macht sich so geschmeidig wie möglich, um seinen Bewegungen zu folgen und sie zu erleichtern. Wenn es bergauf geht, läßt man es sich noch gefallen, aber wenn es solche Treppen Hals über Kopf hinabgeht, ist einem nicht ganz wohl zumute. In der Tiefe breitet sich das üppige Grün wie ein orientalischer Teppich zwischen den roten Bergwänden aus, man sieht den dunkel malachitgrünen Bach und seinen schneeweißen Schaum und lauscht seinem Brausen.

Wieder kommen wir lange Strecken durch herrlichsten Nadel- und Laubwald und durch dichte Gebüsche. Wenn man unter überhängenden Felsmauern reitet und vorstehende Blöcke über sich hat, fragt man sich, ob man vorbeikommen wird, ehe der Block sich löst und niederstürzt, um sich in donnernden rollenden Sprüngen zu seinen Vorgängern an den Ufern und im Bett des Baches zu gesellen. Zu den geringeren Unannehmlichkeiten, die man nicht weiter beachtet, gehören die Erfahrungen, die man macht, wenn dornige Zweige des Dickichts, durch die der Pfad sich hindurchschlängelt, einem die Beinkleider zerreißen.

So reiten wir bergauf und bergab, aber im großen ganzen nähern wir uns dem Plateaurand. Der Pfad ist rot, die Wacholderstämme schwarz; ihre Nadelkronen dunkelgrün. Auch dadurch unterscheidet sich der Nordrand des Gran Cañon vom Südrand, daß er viel reicher an Vegetation ist. An manchen Stellen ist der Wald im Bright Angel Cañon geradezu üppig.

Am Ufer eines kleinen Bachs, der von der rechten Talseite kommt, steht ein einsames Zelt. Hier hausen Arbeiter, die die schlimmsten Schäden des Weges auszubessern haben. An manchen Stellen ist der Pfad recht lebensgefährlich, an andern leidlich. Aber wunderbar ist stets die Landschaft, und zwischen den Stämmen der Bäume öffnen sich die herrlichsten Ausblicke. Man reitet wie durch natürliche Säulengänge und man weiß nicht recht, soll man lieber dem Selbsterhaltungstrieb folgen oder den mit jeder Minute wechselnden Landschaftsbildern seine Aufmerksamkeit schenken.

Gleich nach Mittag rasten wir eine Weile am Rande der kleinen Quelle Trough Spring, wo die Lufttemperatur auf 33,6 Grad gesunken ist. Man beginnt zu merken, daß man sich weiteren Horizonten nähert und nicht mehr in enge Hohlwege eingesperrt ist. Von Roaring Springs an folgen wir ständig den Hängen der rechten Talseite, gewöhnlich in bedeutender Höhe über dem Talboden, doch nicht höher, als daß wir stets das Brausen des Baches hören können.

Auf der linken Seite eines kleinen Seitentals reiten wir immer höher hinauf durch Wald von Eichen und Birken mit pechschwarzen Stämmen, durch Dickichte von Sträuchern und Disteln und weiter oben durch herrlichen Wald von Gelbkiefern und Fichten. Von Zeit zu Zeit machen wir im tiefsten Schatten kurze Rastpausen, damit die Maultiere verschnaufen können. Wenn wir unsere Blicke durch den Bright Angel Cañon hinabschweifen lassen, sehen wir zur Linken seines offenen Mündungstores den Brahma- und den Zoroastertempel, die sich als hohe imposante Pyramiden gegen den hellern Hintergrund des Südrandes abheben. Dagegen erscheint der nördliche Cañonrand, zu dessen Zinnen wir hinaufstreben, nicht mehr so gewaltig wie unten von der Taltiefe aus.

Als der Pfad gerade schmal und tückisch ist, kommt uns eine Maultierkarawane entgegen. Zum Glück haben ihre Führer uns rechtzeitig gesehen und warten an einer breitern Stelle, wo wir an ihnen vorbei können, ohne in die Tiefe hinuntergestoßen zu werden. Fichten, Kiefern und Wacholder bilden auf den Hängen ganze Armeen. Jenseits des Tales, im Osten, ungefähr in der gleichen Höhe, die wir erreicht haben, tritt die Grenze zwischen dem roten Coconino und dem weißgrauen Kaibab außerordentlich scharf hervor. Ein paar aufgescheuchte Rehe flüchten in leichten Sprüngen durch den Wald. Am Rande eines Abgrunds bleiben sie stehen und betrachten uns eine Zeitlang, mit aufgerichteten Lauschern, unbeweglich wie Bildsäulen, um schließlich wie Schatten zu verschwinden.

Kurz nach 2 Uhr nehmen wir die letzte Schwelle und kommen schließlich auf die fast ebene Fläche des Kaibabplateaus hinauf. In einem Nadelwald, zwischen dessen Bäumen auch die eine oder andere Zitterpappel ihre Laubkrone erhebt, machen wir zum Frühstück Rast, am Rande eines jener ausgeschachteten, mit Dämmen umgebenen „Tanks“, die den Zweck haben, Regenwasser für das Vieh zu sammeln. Die Temperatur ist angenehm, 29,5 Grad.

Bis zur North Rim Rancher Station und Vaughan Jensens Camp hatten wir noch einige Kilometer durch den herrlichsten Tannenwald zu reiten. Jensen war daheim, und sein Auto stand bereit. Er war ein großer starker Mann, der Sohn dänischer Auswanderer, deren Muttersprache er jedoch nie gelernt hatte. Nun hatte Sandy mich guten Händen anvertraut. Nachdem ich ihm gedankt und die Hand geschüttelt hatte, kehrte er um; er wollte heute noch den langen Weg nach Phantom Ranch hinunter zurücklegen. Jensen und ich stiegen ins Auto, fuhren an Bright Angel Spring (wo das Wasser nur 10 Grad maß) vorüber und hatten dann nur noch kaum 5 Kilometer nach Wylie Way Camp, der einzigen Touristenstation am Nordrand.

Hier stehen fünfzehn viereckige Zelte mit Holzgerippe und Bretterfußboden; sie sind mit Bett, Tisch, Stuhl und Waschgestell ausgestattet. Der Leiter des Lagers, Herr McKee, wohnt mit Frau und Sohn in einem größern Zelt, neben dem die Küche und das Speisezelt aufgeschlagen sind. Da ich mir den Sonnenuntergang dieses ersten Abends am Nordrande nicht entgehen lassen wollte, begaben wir uns, Herr Jensen und ich, auf den Bright Angel Point hinaus, den ich im Laufe des Tages von unten gesehen hatte. Man muß ein gutes Stück auf dem Grat des schmalen, senkrecht aufragenden Ausläufers gehen, vor dessen äußerstem Kap sich ein Pfeiler aus Kaibabkalkstein erhebt. Dieser Pfeiler, der zum Teil freisteht und mit dem festen Felsen durch eine kleine, über schwindelnder Tiefe schwebende Holzbrücke verbunden ist, trägt den Namen Bright Angel Point. Seine Zinne mißt nur wenige Meter im Durchmesser und besteht aus zwei Absätzen, deren oberer eine einem Rundsofa ähnliche natürliche Bank bildet. Hier liest man die Höhenzahl der Geologischen Landesuntersuchung 8153 Fuß (2485 Meter). Es darf einem nicht schwindlig werden, wenn man sich auf dieser winzigen Fläche aufhält, die wie eine kleine Insel, eine Schäre, aus dem Luftmeer emporragt und von deren Rand die Seiten der Kalkpfeiler Hunderte von Metern senkrecht in die Tiefe abfallen. Es ist, als stünde man auf dem Kapitell einer riesigen Säule. Ich hielt mich an die Steinbank und war froh, daß ich nicht zu stehen brauchte; denn man hat überall nur ein oder zwei Meter bis zum Rand des Abgrunds. Doch Jensen schien dies nicht im geringsten zu stören. Denn als er mir die Landschaft erklärte, stellte er sich in des Wortes wahrster Bedeutung auf den äußersten Rand, so daß die Zehenspitzen überragten. Ich fuhr zusammen und fühlte, wie kalte Schauer mich überliefen, sagte aber nichts. Gerade, ruhig und gelassen stand er da, als stünde er mitten in einem Saal; er zeigte auf die verschiedenen Tempel und Täler, ließ seine Blicke am Horizont entlang schweifen und schien die ungeheuere Tiefe nicht einmal zu merken, die er gerade unter sich hatte. Wer Lust dazu hat, kann es ja versuchen, sich auf den äußersten Rand eines Gesimses zu stellen, das von dem Dach eines vier- oder fünfstöckigen Hauses vorspringt, unbeweglich da zu stehen und über benachbarte Hausdächer hin zu blicken, unbekümmert um die Straße, die unter ihm gähnt. Der Unterschied ist nur der, daß die Höhe der senkrechten Wand des Bright Angel Point zehnmal größer ist.

Wenn wir auf den Grund des Bright Angel Cañon in der Gegend der Altar Falls schauen, die in der Luftlinie keine 4 Kilometer entfernt sind, dann beträgt der Höhenunterschied 1326 Meter. So viel, viereinhalb Eiffeltürme übereinander, waren wir auf unserm heutigen Ritt gestiegen. Den ganzen Weg, den wir von Altar Falls an zurückgelegt hatten, kann man mit dem Blick in die Tiefe verfolgen, selbst wenn der Pfad im Gelände verschwindet oder unter Grün verborgen ist.

Der vorspringende Teil des Kaibabplateaus, auf dessen äußerstem Kap wir stehen, wird im Nordosten von dem Seitental, an dessen Mündung wir bei Roaring Springs vorbeigekommen waren, im Südwesten von dem Seitental The Transept begrenzt. Im Süden thronen Deva- und Brahmatempel mit ihren hellen sonnenbeleuchteten Zinnen, die sich scharf von dem in leichteren Tönen hervortretenden Südrand abzeichnen, mit ihren scharfen Schatten und ihren ziegelroten Steilhängen.

Eine Abendstunde auf der Plattform dieser Säule bietet fürwahr seelische Erschütterungen, die man nie vergißt. Ganz abgesehen von meiner Angst, zu sehen, wie Herr Jensen im nächsten Augenblick das Gleichgewicht verlor und über den Kalksteinrand verschwand, rang ich nach Atem beim Anblick dieser Landschaft, die aller Worte und aller unbeholfenen Versuche mit Feder und Pinsel spottet. Man fühlt sich überwältigt und verstummt. Was hat es für einen Zweck, zu reden, wenn der Sprache die Mittel fehlen, den Gefühlen Ausdruck zu geben, die man empfindet. Es ist am besten, demütig einzugestehen, daß man, gemessen mit den Maßen dieser märchenhaften Landschaft, nicht viel mehr ist als ein Sandkorn, das die Strömung des Colorado zum Meer hinabführt.

Auch in topographischer Hinsicht ist diese Aussicht belehrend und orientierend. Wenn man von El Tovar oder von andern Punkten des Südrandes aus alle diese pyramidenförmigen Tempel sieht, schaut man sie in der Verkürzung; sie verdecken sich und bilden ein einziges unentwirrbares Durcheinander, ein Labyrinth senkrechter oder steiler, höchst phantastisch herausgemeißelter Berge. Aber hier vom Nordrand aus sieht man deutlich, wie die Tempel sich auf dem Rücken ein und desselben nach Süden vorspringenden Ausläufers des Kaibabplateaus erheben. Auf meinem jetzigen Aussichtspunkt befand ich mich weit nördlich vom Deva-, Brahma- und Zoroastertempel und sah sie etwas von der Seite, aber auch in Verkürzung, in einer ganz andern Anordnung als von Süden. Die Begriffe klären sich, und den Hauptbahnen der Erosion zu folgen wird leichter. Man hat unmittelbar unter sich Täler zweiter Ordnung wie den Bright Angel Cañon und noch näher Täler dritter Ordnung wie The Transept. Man kann verfolgen, wie das Nagen und Fressen der Erosion aus den festen Gesteinsmassen Schritt für Schritt Gebilde in immer geringeren Größenordnungen schafft, bis zu den allerkleinsten Einschnitten hinunter, die das Regenwasser seit unermeßlichen Zeiten gegraben hat. Steter Tropfen höhlt den Stein!

Der Ausläufer des Kaibabplateaus, zu dem die eben genannten Tempel gehören, ragt also wie eine ungeheure Trennungsmauer zwischen dem Gran Cañon und seinem Seitental, dem Bright Angel Cañon, auf. Dieser beherrschende Zug tritt auch sehr deutlich auf meinem Aquarell (siehe Titelbild) hervor. Die Beleuchtung war überaus günstig. Es ging auf den Abend zu. Der Südrand und seine ganze Mauer lagen zum größten Teil im Schatten. Aber infolge der Entfernung von etwa 16 Kilometer und unzähliger Lichtblinke aus den tieferen Teilen des Cañon zeigten sich selbst die geschlossenen Schattenfelder in zarten grauvioletten Tönungen, während die Schatten auf den Westseiten der Tempel und in den Spalten der Abhänge dunkel, fast schwarz aussahen. Hier und da wurden vorspringende Teile des südlichen Cañonrandes von den Sonnenstrahlen getroffen und bildeten senkrechte Lichtfelder von prächtigster Wirkung. Am schönsten von allem war jedoch der Rücken mit den Tempeln. Ihre hohen zerklüfteten Kuppeln aus Kaibabkalkstein leuchteten hell gelbgrau mit einem Schimmer von Rosa, die Coconino- und Supaischichten unter ihnen dagegen waren intensiv ziegelrot. In der Tiefe unter uns lagen bereits dunkle Schatten auf dem gewundenen Weg, den wir im Lauf des Tages zurückgelegt hatten, aber auf meinem Bild werden die schwindelnden Abgründe von dem dichten Grün meiner nächsten Umgebung verdeckt.

Herr Jensen weckte mich aus den Träumen und Gedanken, denen ich nachhing. In El Tovar hatte man mir erzählt, auf den Weiden und in den Wäldern des Nordrandes ästen 40000 Rehe, und als ich mich bei Herrn Jensen auf dem Wege von seinem Kamp danach erkundigte, hatte er mir erwidert, diese Zahl komme der Wahrheit allerdings nahe und ich könne mich an Rehen satt sehen, wenn ich gegen Sonnenuntergang achtgäbe. Daran anknüpfend, machte er den Vorschlag, wir könnten noch eine Spazierfahrt machen und die schönen Tiere aufsuchen. Die Rehe bringen jetzt im Sommer den ganzen Tag in den Verstecken des Waldes zu und treten gerade bei Sonnenuntergang auf das offene Gelände hinaus, um dort die ganze Nacht hindurch zu äsen -- sei es, weil der Wald am Tage kühler und nicht so voller blutsaugender Insekten ist, oder weil sie sich bei Tageslicht leichter hüten können vor ihren auf den Bäumen lauernden Feinden aus dem Katzengeschlecht als in der Nacht, wo sie sich auf freiem, offenem Gelände sicherer fühlen.

Wir hatten 26 Kilometer bis zu dem sogenannten V. T. Park („Viti“-Park)[4] zu fahren, wo der Weg aus dem Walde tritt, um sich durch langgestreckte Gürtel Wiesenland zu schlängeln. Die Sonne war untergegangen, und die Dämmerung breitete sich allmählich über die Erde. Aber der Himmel war klar, und es war noch hell genug, um deutlich zu sehen. Wir fuhren auf die Wiese hinaus. Ein paar Rehe sprangen in anmutigen elastischen Sätzen über das Gras dahin. „Warten Sie nur,“ sagte Herr Jensen, „es werden bald mehr!“

Kurz darauf zählte ich eine Anzahl von 85 Stück, und wohl sechs ebenso große Bestände waren gleichzeitig in Sehweite, außerdem viele einzelne Rehe oder Paare. Sie waren nicht gerade sehr scheu. Als das Auto an ihren Weideplätzen vorüberratterte, schauten sie auf, betrachteten uns genau und folgten mit dem Kopf unsern Bewegungen; erst als wir ganz nahe waren, wandten sie sich und traten in den Schatten des Waldes. Dieses schöne entzückende Schauspiel wiederholte sich mehrere Male. Die meisten Rehe waren links vom Weg in der Nähe des Waldrandes. Einmal hatten wir ein Rudel von 20 Stück rechts vom Weg, wo der Wiesengürtel ganz schmal und der Wald sehr nahe war. Statt in diesen zu trollen, beschlossen sie, nach dem Wald im Westen zu flüchten; um dorthin zu kommen, mußten sie den Weg vor uns kreuzen. Sie zogen nicht paarweise, sondern fast im Gänsemarsch. Die letzten, die sich nicht sonderlich beeilten, veranlaßten mich, Herrn Jensen am Ärmel zu fassen, denn sie waren keine fünf Meter vor uns, und wir fuhren ziemlich schnell. Aber ihr Wagnis glückte, und sie gesellten sich mit heiler Haut zu ihren Gefährten.

Als die Dämmerung allzu dicht wurde, kehrten wir nach Wylie Way Camp zurück. Inzwischen war es dunkel geworden, aber auf einem offenen Platz vor den Zelten hatte man ein gewaltiges Feuer angezündet und Stühle ringsherum gestellt.

Von Salt Lake City waren einige Touristen in eigenen Autos angekommen, und Thomas McKee, der Wirt des Lagers, war gerade dabei, ihnen vom Gran Cañon zu erzählen. Mit seiner Frau, seinem Sohn und einigen Dienern verbringt er im Wylie Way Camp jedes Jahr die vier Monate der Saison, Anfang Juni bis Anfang Oktober, und hat dabei sein gutes Auskommen. Die fünfzehn Zelte nebst vier neuen eben aufgeschlagenen werden im Oktober zusammengepackt und den Winter über gut aufbewahrt. Während der kalten Jahreszeit wohnt die Familie McKee in Pasadena in Kalifornien, sie sehnt sich aber stets nach dem Gran Cañon zurück.

McKee erzählte, der Panamakanal habe den Eisenbahnlinien dieser Gegend Abbruch getan. Die Seefracht ist nämlich 25-30 vom Hundert billiger. Die Dampfschiffe ziehen Güter und auch Reisende vom Landweg ab. Das kalifornische Obst z.❁B. wird jetzt im Kühlraum durch den Panamakanal nach New York und Europa verfrachtet, während es früher stets auf dem Schienenweg quer durch den Erdteil versandt wurde. Die Eisenbahnen tun daher, was sie können, um durch Entfaltung der vorhandenen Lockmittel den Strom der Reisenden an ihre Linien zu ziehen. Die vorzüglichste Lockspeise ist natürlich der Gran Cañon.

In Herrn McKee lernte ich einen ungewöhnlich tüchtigen, kenntnisreichen und liebenswürdigen Mann kennen, und die Tage, die ich in seiner Gesellschaft verbrachte, gehören zu meinen besten Erinnerungen an Amerika. Er ist Naturforscher und Schriftsteller und schreibt in verschiedenen Zeitschriften über Menschen und Tiere, besonders über den Puma, den Berglöwen, und über die Hunderasse, die man abgerichtet hat, dieses Katzentier aufzuspüren. Auch mir erzählte er allerlei von ihm. Die Pumas, die ihre Jagdgründe am Nordrande des Gran Cañon haben, sind fett und plump und strengen sich nicht übermäßig an. Aber gleichwohl sind sie blutdürstig, und wenn sie in großer Anzahl getötet werden, merkt man binnen kurzem, wie der Rehbestand zunimmt. Hier in der Gegend heißen sie Kuguare. Ihre Höhlen haben sie auf den Nordhängen des Gran Cañon; des Nachts kommen sie in den Wald hinauf. Sie lauern auf den Bäumen und springen auf vorüberziehende Rehe hinunter. Vor einigen Tagen hatte ein Puma nur ein paar hundert Meter von Wylie Way Camp ein Reh erbeutet, wie Haut und Knochen verrieten, die man eines Morgens fand. Wenn der Puma ein Reh erlegt hat, frißt er sich satt und deckt den Rest mit Laub und Zweigen zu oder gräbt ihn ein, um nach zwei Tagen zurückzukommen. Ist das Fleisch inzwischen verdorben, dann rührt er es nicht an; er lauert lieber einem neuen Opfer auf. Glückt ihm dies nicht, dann nimmt er auch mit Fleisch vorlieb, das schon einen kleinen Stich hat. Heulwölfe, Wildkatzen und Luchse folgen seiner Spur, um sich an dem, was er von seiner Beute übriggelassen hat, gütlich zu tun; sie selbst wagen sich nur an junge Tiere. In Gegenden, wo es viele Rehe gibt, tötet der Puma jeden zweiten Tag ein Tier; er frißt nur die besten Stücke und säuft das Blut.